Autor Thema: Mehr Spaß mit mittelmäßigen Charakteren?  (Gelesen 467 mal)

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Offline nerds-gegen-stephan.de

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Ich hatte letztens in meiner Spielrunde die Diskussion, ob das Spiel mit mittelmäßigen Charakteren (vielleicht, wo man eher eine 50:50 Chance auf einen Würfelerfolg hat) oder auch bewusst verskillten Charakteren nicht viel spannender und im Erfolgsfall befriedigender sei als mit den typischen Helden, die selbst ohne Min/Max so gebaut sind, dass man in seinen Kernkompetenzen sehr wahrscheinlich gewinnt. Was meint ihr dazu? Und müsste ich mich mit Mittelmaß-Charakteren als Spieler oder gar Leiter irgendwie umstellen?

Online Quaint

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Re: Mehr Spaß mit mittelmäßigen Charakteren?
« Antwort #1 am: Heute um 01:15 »
Gedankenexperiment
Superman tritt gegen einen Straßenräuber an.

Oder

Hans Werner der Dachdecker nimmt allen Mut zusammen und wehrt sich, als sein Geldbeutel verlangt wird.

Natürlich ist das mit dem Dachdecker spannender. Aber üblicherweise tritt Superman auch gegen Superschurken an...
Wenn Hans Werner aber die Welt retten soll kann man sich schonmal letzte Worte überlegen oder so ähnlich

Es sind halt andere Geschichten. Soll jeder machen wie er mag. Und in ne Runde mit kompetenten Charakteren dann einen Normalo zu stecken grenzt an Taschenlampenfallenlasserei. Würde ich nicht befürworten, macht glaube auch nicht mehr Spaß, wenn man dauernd vergeigt wo andere brillieren.
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Offline Torsten (Donnerhaus)

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Re: Mehr Spaß mit mittelmäßigen Charakteren?
« Antwort #2 am: Heute um 02:44 »
Es sind halt andere Geschichten. Soll jeder machen wie er mag. Und in ne Runde mit kompetenten Charakteren dann einen Normalo zu stecken grenzt an Taschenlampenfallenlasserei. Würde ich nicht befürworten, macht glaube auch nicht mehr Spaß, wenn man dauernd vergeigt wo andere brillieren.

Ob man "vergeigt", aka. nutzlos ist, hängt mehr vom Regelsystem ab, als vom Vorhandensein eines Machtungleichgewichts.

Und manchmal ist es wichtiger, was ein Charakter ist, als was er kann. Eine Figur kann im Narrativ des Spiels wichtig sein, weil sie bestimmte Perspektiven, Motivationen oder Optionen einbringt, die andere schlicht so nicht haben. Trossvolk öffnet andere Türen einer Geschichte, als die hohen Ritter und Zaubermeister. Also warum nicht den Knappen oder Knecht spielen?

Offline Katakombenkriecher

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Re: Mehr Spaß mit mittelmäßigen Charakteren?
« Antwort #3 am: Heute um 03:01 »
Ich denke da immer an Dr. Jones - wären die Filme ein Rollenspielabenteuer gewesen, so hätte er fast jeden Wurf verkackt - das Abenteuer wurde dadurch aber nie ausgebremst.

Offline Zouan81

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Re: Mehr Spaß mit mittelmäßigen Charakteren?
« Antwort #4 am: Heute um 07:04 »
Overpowered Charaktere zu spielen hat in der Tat wenig Reiz, wenn am Ende jeder Wurf ein Erfolg ist. Dann kann man das Würfeln auch sein lassen.

Im Normal spielt man ja einen überdurchschnittlichen Charakter, der 2-3 Sachen gut kann und bei den anderen Disziplinen nur mittelmäßig oder gar schwach ist.
Das hat auch seinen Reiz, da andere Charaktere ihn wieder ergänzen können. Das macht das Spiel auch in der Gruppe aus, dass jeder sich mal in Szene setzen kann.

An einen Charakter der soo mittelmäßig ist, dass er gar nichts gebacken kriegt, hätte ich auch wiederum wenig Freude dran.
Gespielte Regelsysteme:

D&D, DSA, RdW, Saga, Earthdawn


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Online Namo

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Re: Mehr Spaß mit mittelmäßigen Charakteren?
« Antwort #5 am: Heute um 07:22 »
Das waren bei mir eher Fragen dir ich mir in meiner Hochzeit des Rollenspiels gestellt habe. Einfach weil man jahrelang ähnlich gespielt hat. Zwar immer andere Klassen, aber immer besondere Personen. Das wurde aber glaube ich nie weiter verfolgt. Dazu gab es ja noch die Möglichkeit neue Systeme auszuprobieren.

Und durch die übliche Progression ist man doch meistens erstmal schwächlich auf Stufe 1 gestartet. Da ging es letztlich dann eher um das verstärkte ausspielen von Makeln. Klassiker ja damals: extrem niedriges Charisma, da dass spielsystemisch meistens kaum Auswirkungen aufs Monsterschnetzeln hatte. Aber dass man dann plötzlich hässlich war, oder im Falle ganz schlechter Geschicklichkeit humpelte etc hat dann den Charakter "aufgewertet".

Heute käme mir das nicht mehr in den Sinn. Ich führe ein duchschnittliches 08/15 Leben, warum sollte ich ein solches in denn vier oder fünf Escapestunden die mir im Monat für Rollenspiel bleiben, spielen wollen? Nein, jetzt mag ich gerne wieder die Welt retten. Als ein besonderes Wesen gegen besonders böse Wesen kämpfen und den Tag retten. Dann lieber mehr ins Charakterspiel investieren.

Und nur weil man einen überdurchschnittlichen Typen spielt, heißt das ja nicht, dass jeder Wurf gelingt. Dann ist es kein gutes Spielsystem. Solange der Würfelwurf noch genug thrill auslöst benötige ich nicht einen Negativmodifikator der mich eher als Looser dastehen lässt.

Offline felixs

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Re: Mehr Spaß mit mittelmäßigen Charakteren?
« Antwort #6 am: Heute um 07:25 »
Kurz gesagt: Ja, ich finde, dass es mehr Spaß macht, mit nicht-superheldigen Figuren zu spielen.

Aber es hängt natürlich an der Spielwelt, am Genre, an den Erwartungen, nicht zuletzt auch an individuellen Vorlieben. Manche mögen es halt etwas lauter und bunter, andere eher ruhiger und mit gedämpften Farben. Abwechslung ist auch ein wichtiger Faktor.
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Offline Boba Fett

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Re: Mehr Spaß mit mittelmäßigen Charakteren?
« Antwort #7 am: Heute um 07:50 »
Man kann es vielleicht anders formulieren: "Charaktere, die es schwerer machen, Herausforderungen für sie zu entwerfen, machen weniger Spaß."

Ob das Fähigkeiten sind oder charakterliche Angreifbarkeiten oder irgend etwas anderes, ist doch egal.

Der Tefloncharakter, an dem alles andere abprallt, so daß man ihn emotional nicht packen kann, ist in einer dramatischen Geschichte genauso öde wie Supermann, der eine Kryptonit-immunität entwickelt hat. Das ist offensichtlich.

Genauso werden Charaktere mit wenigen Angreifpunkten schnell eindimensional, weil die "wie kriegt man die so, dass der Spieler merkt, dass es jetzt ums Ganze geht" Frage sich immer wieder um die gleiche Story dreht.

Und die Arbeit des Spielleiters wird dadurch immer schwerer. Das ist mein persönlicher Grund, warum ich aus D&D (ab 3.x) [und Pathfinder] mit seiner exponentiellen Kompetenzzuwachsspirale emotional ausgestiegen bin. Alles über Level 9 ist mir zu blöd, zu viel Aufwand und in meinen Augen Ressourcenverschwendung.

Ressourcenverschwendung?
Ja! Die Ressourcenverschwendung findet bei der Spielleitung statt, denn auf der Seite muss immer mehr in eigentlich überflüssige Vorbereitung investiert werden, die man besser nutzen kann. Wenn ich mich in irgendwelche Monster über eine Stunde lang einlesen muss, nur um das Vieh adäquat spielen zu können, damit meine Helden was zu tun bekommen, dann ist das verschwendete Zeit, weil ich in der gleichen Zeit viel besser etwas investieren kann, dass die Abenteuersitzung noch unterhaltsamer macht.

Auf der anderen Seite wird Bauerngaming (also das Spielen von Charakteren, die nichts auf die Kette kriegen) auch sehr schnell langweilig.
Wie Zouan schreibt, darf es ein Grundmaß an Kompetenz ruhig sein.

Ich möchte dazu ergänzen: Die sich bei jedem neuen Charakter immer wieder wiederholende Heldenreise ist auch irgendwann fade. Besonders wenn man häufig neue Charaktere macht, die wegen Kampagnen-Instabilität vielleicht gar nicht so lange gespielt werden, ist das "Zero to Hero" Erlebnis irgendwann abgenutzt.
Ich möchte inzwischen keinen Erstlevel Charakter erschaffen und den durch die Instanzen spielen um dann zu merken, dass die Luft aus dem Spiel raus ist und ich ihn in der Klarsichtfolie verschimmeln lassen kann, weil der Spielleiter nicht mehr kann oder will oder die Gruppe sich auseinanderdividierte...

Gebt mir halbwegs kompetente Charaktere und lasst diese etwas in diesem Kompetenzgrad bleibend wachsen. Als Dank dafür schenke ich dem Spielleiter genug Hebel-Ansatzmöglichkeiten, um den Charakter in die Situationen zu bekommen, die er/sie sich im Abenteuer vorgestellt hat. Und gemeinsam spielen wir ihn dann da wieder raus.
Deal?
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Offline Baron_von_Butzhausen

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Re: Mehr Spaß mit mittelmäßigen Charakteren?
« Antwort #8 am: Heute um 08:22 »
Zu Zeiten der DD Red Box habe ich mal einen Charakter erwürfelt, schlechter ging es kaum.

Als mein Spielleiter das damals sah wurde sofort gesagt, ja kannst nochmal würfeln. Ich hab abgelehnt.

Der Magier, sogar 2 TP auf Stufe 1, aber furchtbare Werte, hat es bis Stufe 4 geschafft.

Was soll ich sagen, es war mit der spaßigste Charakter den ich hatte. Genau deswegen.

Gestorben ist er dann in einer Situation wo es nichtmal einen Rettungswurf gab, was ich aber dummerweise trotzdem gemacht habe. Die blutige Statue im Dungeon angefasst.

R.I.P. Karamel....

Im Moment spiele ich: Leider grad nix.
Im Moment leite ich: DD5 für die Jugendlichen und Coriolis für die Erwachsenen im Kulturzentrum. Eine Cthulhu Online Runde.
Im Moment beschäftige ich mich: meinem neuen E-SUV Bike
Im Moment lese ich: W40K - Horusheresy, Die Zwerge, Harry Dreseden - Immer Abwechselnd
Im Moment höre ich: Red Rising 3 als Hörbuch und die Antrisch Alben
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Offline Crimson King

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Re: Mehr Spaß mit mittelmäßigen Charakteren?
« Antwort #9 am: Heute um 08:46 »
Bei den alten DnD-Editionen kann ich das mit den mittelmäßigen Charakteren noch einsehen. Wer in den neueren Editionen mit schlecht gebauten Charakteren ankommt, ruiniert aber eher den Spielspaß. Kämpfe werden dadurch in die Länge gezogen und fühlen sich immer mehr nach Grind an. Ein Charakter, der seinen Job nicht ordentlich macht, gefährdet seine Kollegen. Muss ich nicht haben.

In den Systemen, die ich bevorzuge, stellt sich das Problem allerdings nicht. Da sind Charaktere by Design auf dem geeigneten Powerlevel. Mechaniken sind vor allem darauf ausgelegt, interessante Narrative zu erzeugen statt interessanter Herausforderungen.
Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

J.W. von Goethe

Offline unicum

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Re: Mehr Spaß mit mittelmäßigen Charakteren?
« Antwort #10 am: Heute um 09:30 »
Charaktere sind mehr als nur die Werte auf dem Papier,...

Manchmal braucht es imho auch Mut zum Scheitern! Wobei ich, nach den paar Jahrzehnten die ich schon Rollenspiel mache es auch so empfinde das ich nicht unbedingt mit einem Level 0 anfangen möchte. (mag ausnahmen geben).

Deswegen vieleicht auch,...

Man kann es vielleicht anders formulieren: "Charaktere, die es schwerer machen, Herausforderungen für sie zu entwerfen, machen weniger Spaß."

...

Gebt mir halbwegs kompetente Charaktere und lasst diese etwas in diesem Kompetenzgrad bleibend wachsen. Als Dank dafür schenke ich dem Spielleiter genug Hebel-Ansatzmöglichkeiten, um den Charakter in die Situationen zu bekommen, die er/sie sich im Abenteuer vorgestellt hat. Und gemeinsam spielen wir ihn dann da wieder raus.
Deal?

Deal!

 :d

Offline Sashael

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Re: Mehr Spaß mit mittelmäßigen Charakteren?
« Antwort #11 am: Heute um 10:00 »
Kommt ja auch auf die Story selbst an.

Ne Story, die man auch mit Fiasco spielen könnte, gewinnt durch inkompetente SC massiv. In anderen Fällen, und da rede ich nicht nur vom Monsterschnetzeln, sondern auch von so Sachen wie Jane Austen'eske Beziehungsdramen oder ähnliches, werden durch SC, denen zuviele Sachen misslingen, schnell ins Slapstick gezogen.

Ehrlich gesagt mag ich für narratives Spiel deshalb Itras By auch so sehr, weil da die Kompetenz der SC nicht von Zahlen abhängt.
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Online nobody@home

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Re: Mehr Spaß mit mittelmäßigen Charakteren?
« Antwort #12 am: Heute um 10:30 »
Na ja, was heißt "mittelmäßig" für uns hier? Mittelmaß im Vergleich zu was und wem? Und ab wann ist ein Charakter eigentlich zu schlecht, um noch in diese Schublade zu fallen...? :think:

Allgemein gehe ich schon davon aus, daß ein Charakter in "sein" Spiel hineinpassen sollte, sei das jetzt ausgewachsene Kampagne, One-Shot, oder etwas dazwischen. Dazu gehören aber allermindestens zwei -- der Charakter selbst auf der einen Seite und das Spielangebot auf der anderen -- und bei einem traditionellen Gruppenspiel wie hier im Hobby schnell auch mal mehr, denn wenn vier von fünf Spielern in einer James-Bond-mäßige Actionspionagekampagne mit kompetenten Agenten antreten und Nummer fünf "Klaus, den ahnungslosen Tolpatsch aus der Buchhaltung" mitbringt, dann ist das eben nicht automatisch gleich eine Bereicherung für alle. (Je nach Spieler und danach, was Klaus dann fürs Spiel auch regelseitig eben doch bietet, kann er das zwar allemal sein...aber Zweifel wären erst mal doch einigermaßen nachvollziehbar.)