@Horsinand
Hä?
Der Weltenbau soll nicht anhand von irdischen kulturellen Vorbildern geschehen. Statt dessen schafft man Bereiche, in denen man bestimmte Genres der Fantasy ansiedeln möchte. Das kann man jetzt feiern oder bedauern. Aber jetzt irgendwas "Politisches" dahinter zu vermuten, halte ich für ziemlich schräg.
Ich halte das erst mal für den Versuch, sich inovativ zu geben. Was es konkret wird, muss ich konkret erst noch zeigen. Für mich sind sowohl Erzählräume wie auch Referenzkulturen erst mal nichts mehr als Platzhalter und als solche auch nahezu austauschbar. Wo in der Welt will ich welche Spielmöglichkeiten, welchen Look und welches Feeling anordnen? Da ist es mir erst mal egal, ob ich auf meine Landkarte so was wie wilde Highlandstämme schreibe oder so was wie Barbaren und sword&sorcery.
Interessant wird die konkrete Ausarbeitung, bzw. bei kulturellen Referenzen die Verfremdung und bei Erzählräumen die Konkretisierung.
Misslingt die Verfremdung, dann fehlt die Fantasy und alles wirkt inspirationslos abgeschrieben - lahm, Geschichtsunterricht.2 oder TerraX-Endlosschleife. Gelingt die Konkretisierung nicht, bleibt alles blass, konturlos, generisch, beliebig.
Wir können mit unserer Fantasie einfach das Rad nicht neu erfinden. Deshalb orientieren wir uns an Vorbildern und stellen Verknüpfungen zu Bekanntem her. Es geht gar nicht anders. Man kann damit spielen, noch mal was brechen, aber auch das hat Grenzen.
Schaue ich mir die Illustrationen in der Testversion an, dann erinnert mich der Look jeder einzelnen Figur ziemlich genau an irdische Vorbilder oder genauer an eine ziemlich durchschnittliche, mitteleuropäische Fantasy-Kostümierung. Am Ende fällt alles in der Mitte zusammen, wenn du keine Anker hast, die dich im Besonderen halten. Das kann nun daran liegen, dass sie alle aus dem gleichen Erzählraum kommen und alle einen ähnlichen Modegeschmack haben. Macht dann aber keinen Unterschied, ob du da Erzählraum oder Fäntelalter als Etikett draufklebst.
Wenigstens hat sich hier noch keine bahnbrechende Neuerung gezeigt.
Der Halbling auf dem Grundregelwerk trägt meiner Meinung nach einen runden, spitzen Strohhut, wie man ihn traditionell auf der Erde aus Südostasien kennt. Docken da noch weitere Sachen an? Oder spielt er zusätzlich noch Alphorn und ist gern gefüllten Schafsmagen und spielt auf einer Handtrommel? Jedes Element weckt Asspziationen. Da kann man was draus machen oder sich blind in der Aservatenkammer bedienen. Klischees werden nicht wenige, wenn man ranzoomt und konkret wird. Im Extremfall erfüllt man das Klischee, dass man auf Biegen und Brechen zusammenhanglos kombinieren will. Auch dafür gibt es ne Schublade. Oder es wird eben allgemein und grau, weil man sich nicht festlegt. Alle tragen Hemden, Jacken, Hosen und was an den Füßen. Reicht, um dem Anstand Genüge zu tun, produziert aber keine Bilder im Kopf. Wenigstens keine konkreten.
Der Moment, in dem der Elefant das Wasser lässt, ist sowieso dann, wenn die verschiedenen Erzählräume zusammenwachsen. Wenn ich an den vier Ecken der Karte anfange, sehr unterschiedliche Erzählräume auszubuchstabieren und dazwischen große Lücken habe, dann bin ich erst mal safe. Aber wenn die irgendwann zusammenwachsen, dann muss es auch passen. Irdische Referenzkulturen sortieren sich auch nach der Logik unserer Weltkarte. Nicht sklavisch und gern auch spiegelverkehrt. Aber dennoch sitzen Kulturen nebeneinander, denen man ansieht, dass sie eine lange gemeinsame Nachbarschaft hatten und sich irgendwie inspiriert und beeinflusst haben. Wenn abstrakte Erzählräume zusammenwachsen, dann braucht man am Ende richtig gute Ideen, warum die so unterschiedlich nebeneinander stehen können. Und 100 Kilometer offene See ist so gar kein Grund, denn die See ist keine Grenze sondern ein guter Verkehrsweg.
Aber was Politisches vermute ich nicht. Es ist der Versuch, sich abzugrenzen und innovativ zu klingen oder rollenspieltheoretisch ambitioniert. Wenigstens nicht retro. Aber letztlich ist es nur ein Ansatz, den am Ende niemand mehr interessieren wird, wenn erst mal das Fleisch an die Knochen und Farbe auf die Leinwand gekommen ist. Und dann hätten sicher auch beide Ansätze oder eine Mischung von beiden zum gleichen Ergebnis führen können.