Digger, mit Tom Cruise in der Hauptrolle, ist deutlich besser als sein Ruf. Regisseur Alexandro Iñárritu zeichnet hier mit starker Kamera eine ausgewachsene Groteske, die Don't Look Up, Dr. Seltsam und Birdman vermischt. Cruise spielt den titelgebenden, überzeichneten Endzeitkapitalisten mit Verve und Totalentgleisung im Ausdruck, nur John Goodman ist als krebskranker Präsident vielleicht noch ein Stück besser. Wenn die taz schreibt, selbst "Sandra Hüller kann diesen Film nicht retten", dann kontere ich damit, dass Sandra Hüller eigentlich die blasseste Figur im Line-Up spielt. Ihre Sandra-Hüller-Finesse würde sie als "Straight Woman" empfehlen, doch diese Rolle fällt Riz Ahmed als dem kontrolliert-gefälligen Dr. Ganesh zu.
Klar, Digger ist viel... von Minute 1 an will man sich abwenden. Die Nuance muss man mit der Lupe suchen. Aber Nuance ist auch nicht der Punkt... der Film WILL die Grellheit unserer Zeit, die Nachrichtenübersättigung, die ständige Abgelenktheit, die Abstumpfung durch Katastrophe über Katastrophe, die zügellose Empörung und ganz besonders die Satire als im Kern selbstgefälliges, konsequenzloses Comedygenre entlarven. Das macht er vielleicht nicht filigran oder kompliziert oder gegenwartsphilosophisch, sondern er haut es dem Zuschauer in die Fresse. Das finde ich wenigstens ehrlich.
Was man dem Film vorwerfen kann, ist, dass er tighter konstruiert sein könnte. Ein wenig von Redundanzen befreit, wäre er gerade zu Anfang nicht so langatmig. Dafür ist der Twist beim Übergang in den zweiten Akt visuell und dramaturgisch so virtuos konstruiert, dass man ihn eines Tages zu den großen Reveals der Filmgeschichte zählen könnte, in all seiner (wortwörtlich!) mehrlagigen Surrealität. Tut euch den Gefallen und geht relativ uninformiert in den Film, wenn ihr die Gelegenheit habt.
Es ist natürlich auch seine plumpe Direktheit und performative Ekelhaftigkeit, die die Filmkritiker dieser Welt zu ihren Verrissen verleitet haben könnte. Aber ich bleibe dabei, dass der Film klüger ist, als ihm das Feuilleton zugestehen mag. Vielleicht ähnelt er dahingehend Idiocracy – gestern als Trash verlacht, heute blöderweise relevant. Genauso wird es Digger auch ergehen. Gott, steh uns bei.
7/10 Schaufeln.