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« Letzter Beitrag von Galatea am Gestern um 23:35 »
Also die Character Assassination, die im Film an Denethor betrieben wird und hier fortgesetzt wird, ist schon krass.
Denethor war ein extrem fähiger und sehr intelligenter Herrscher, der mit enormen Schicksalsschlägen umgehen musste. Er hat seinen Palantir benutzt um für die Zukunft zu planen und dabei mehrfach mit Sauron gekämpft - und genug Willen aufgebracht, um Sauron zu widerstehen. Er hat früh seine Frau verloren und ist nie wirklich darüber hinweggekommen, er hat versucht Gondor gegen die Gefahr aus dem Osten zu rüsten, musste aber immer mehr erkennen, dass sein Land schlicht nicht die Ressourcen hatte um den kommenden Konflikt zu überleben, egal wie sehr er sich auch anstrengte. Am Ende hatte er die Hoffnung verloren, war verbittert und der (angebliche) Tod seiner BEIDEN Söhne hat ihm dann den Rest gegeben.
Er war (nicht zu Unrecht) überzeugt, dass Gondor den Krieg gegen Sauron schlicht nicht gewinnen konnte und dass auch ein zurückkehrender König daran nichts ändern würde (und hat sich vermutlich auch gefragt, wo dieser tolle König die letzten Hundert Jahre war, als man mit genug Willen und Motivation vielleicht noch hätte was reißen können). Wären die Umstände anders gewesen hätte er als einer der besten Herrscher Gondors in die Geschichte eingehen können.
Dass er die Menschen, die von Sauron unterjocht waren, wie Orks behandelt hätte, kann ich mir absolut nicht vorstellen - zumal er an dem Punkt mit Sicherheit auch den Thron an seinen letzten noch lebenden Sohn abgegeben hätte (wenn auch unter grummeln, dass Boromir der bessere König gewesen wäre).
Tolkien war auch ein Technologieskeptiker. Nicht unbedingt ein Technologiefeind, aber er sah moderne Technologie als etwas inhärent bedrohliches an - kann man auch gut verstehen, er hat immerhin den ersten gewaltigen Abnutzungskrieg erlebt, in dem Feuerwaffen und Artillerie in einem bis dahin völlig unbekannten industriellen Maßstab eingesetzt wurden und dem viele seiner Freunde zum Opfer fielen (aus seiner engsten Freundesgruppe überlebte nur er allein).
Deswegen taucht Industrialisierung in Herr der Ringe auch immer im Kontext mit finsteren Herrschern auf. Sauron war ohnehin ein Ordnungsfanatiker, der Mordor ohne Probleme in eine mittelalterliche Gigafabrik verwandeln konnte, aber auch Saruman tritt in Isengard seine eigene kleine industrielle Revolution los - mit entsprechenden Folgen für die umliegenden Gebiete.
Im klassischen EDO-Setting fiel das Industrialisierungsthema vermutlich auch deswegen einfach komplett unter den Tisch. Da hat man dafür Untote, Weltuntergangsmcguffins und ähnlichen Fantasykram.