Der Orakelspruch (Overwhelm Strategy) ist damit auf jeden Fall erfüllt. Das Volk ist definitiv überwältigt, wenn auch nicht eben im besten Sinne! Aber ich weiß noch was für einen Nachklapp:Im Verlauf des nächsten Tages werden von den Kundschaftern des Königs abgerissene Gestalten auf den Handelsstraßen rund um Dún Bréanport gesehen, die von den Städtern daraufhin für vereinzelte keltische Aufrührer gehalten werden. Vielleicht haben diese Unruhestifter sogar Verbindungen zu den organisierten Rebellen, draußen in der Provinz, und die werden sich nicht zufrieden geben damit, nur ein paar Steine auf Schlosswachen zu schmeißen, wenn sie in die Stadt kommen sollten! Oder sogar noch schlimmer: Die Herumtreiber könnten auch Häscher der abtrünnigen Raubritter-Glâns aus dem Norden sein.
Aber unerheblich ob Rebellen oder gar Raubritter: Beides sind Gegner, welche die Bürger von Dún Bréanport fürchten, und auch der Adel und der Klerus sind alarmiert durch diese Neuigkeiten.
Donnacha Thainbar überreagiert in seinem Verfolgungswahn direkt wieder, er will gleich mal Nägel mit Köpfen machen. Er lässt seine bewaffneten Büttel hier in seiner Stadt die Angehörigen jener Glâns unter Druck setzen, die vom heidnischen Blut sind, um Hinweise aus ihnen herauszuquetschen. Gerade diese Glânsangehörigen sind jedoch tendenziell hitzköpfig, und mögen es ganz und gar nicht, schikaniert zu werden!
Weitere Eskalation liegt spürbar in der Luft von Dún Bréanport …
An der Stelle holen wir uns einen neuen Orakelspruch. Es ist Hide Enemy. Wahrscheinlich bezieht sich die erwähnte Feindschaft auf die Sichtweise der mehrheitlich christlichen Bevölkerung von Dún Bréanport. Demnach ist der Feind einer der heidnischen Spione. Wird er wohl innerhalb der Stadt versteckt? Oder, machen wir das anders: Es geht um ein heidnisches Wesen, das unter Verschluss gehalten wird.
Die Stadtgarde sucht die Straßen ab, um Verdächtige unter Druck zu setzenSoundtrack: Daniel Pemberton,
Riot & Flameshttps://www.youtube.com/watch?v=ZNGqIEIGrYEAuf einem der Wehrgänge von Schloss Thainbar steht Naomh Lorlin, bibbernd in der Kälte der Nacht, und hat ihren Überwurf eng um sich gewickelt, während sie den Blick auf die Hauptstraße gerichtet hat. Ein langer Fackelzug bewegt sich langsam die Straße herunter, bestehend hauptsächlich aus geharnischten Schlosswachen und Bütteln der Krone. Hinter den Türen, an die sie mit gepanzerten Fäusten hämmern, vermuten sie suspekte Bürger, und die sind auch jetzt um ein Uhr morgens nicht sicher vor ihren Fragen. Wahrscheinlich treten die Büttel kaltschnäuzig die Türen ein, die ihnen nicht rechtzeitig geöffnet werden, denkt Naomh, und ein Schauder läuft ihr den Rücken hinab. Dies ist nicht das schillernde, weltoffene Dún Bréanport, das sie gehofft hatte, kennenzulernen, als sie hierher kam. Dies ist eine Stadt, wo ein jeder dem anderen misstraut, wo jedermann verdächtigt wird!
„Was für dunkle Zeiten“, sagt sie zu sich selbst.
In dem Moment nähern sich hastige Schritte hinter ihr.
„Naomh Lorlin!“, keucht eine bekannte Stimme, und sie dreht sich um.
„Yúlma!“
Der Schelm macht vor ihr Halt und sieht sie verzweifelt an, „Aufrührer rotten sich zusammen, östlich vom Schloss! Frauen und Kinder dürfen jetzt nicht mehr auf den Höfen und Zinnen sein, Naomh. Schon gar nicht alleine! Alle Frauen und Kinder haben in die Halle zu kommen! Befehl von König Donnacha!“
„So? Aber das ist doch Humbug! Ein paar Aufrührer können niemals ins Schloss eindringen! Die müssten ja nicht mehr bei Trost sein, so etwas überhaupt zu versuchen.“
„Befehl von König Donnacha, Naomh! Komm‘ mit mir hinein!“
„Ich zieh‘ es vor, mir noch eine Weile anzuschauen, was der Fackelzug dort unten tut, Yúlma. Sage Du ruhig, ich wäre artig gefolgt, und in Sicherheit in der großen Halle.“
„Nein, Naomh! Versteh’ doch …!“, und er senkt vorsichtig die Stimme, „Wir brauchen Dich jetzt für etwas anderes, im Inneren des Schlosses, nicht aber in der Halle …“
„Was heißt das?“
Der Schelm sieht unschlüssig aus, und sagt vorsichtig, „Du bist eine Lorlin. Stimmt es, was man über Euch sagt? Wisst Ihr alles über die Vergangenheit von Hy-Brasil, und könnt Ihr die Zukunft voraussagen? Kennt Ihr fremde Welten?“
„Eine merkwürdige Frage! Geschichtskundige sind wir. Ein Glân von Liedwahrern.“
„Jetzt weichst Du auch noch meiner Frage aus? Nun … Du bist jetzt gerade wahrscheinlich die einzige, an die wir uns wenden können, heute Nacht. Drunten in den Verliesen sitzt wer gefangen, Naomh, hinter dem die Aufrührer her sein könnten. Verstehst Du?
Deswegen sind die vielleicht hergekommen — und deswegen besitzen sie vielleicht gar die Tollkühnheit, ins Schloss einzudringen! Wir wissen’s nicht, aber wir müssen es unbedingt herausbekommen. Du musst jetzt das Reden übernehmen. Die Lorlin sprechen mit Engelszungen, das weiß man!“
„In den Verliesen?! Seine Majestät würde nicht erlauben, dass ich dort heruntersteige! Insbesondere, wenn er verfügt hat, dass die Frauen und Kinder sich heute Nacht in der Halle verschanzen sollen.“
„König Donnacha selbst, der weiß gar nichts von dieser Gefangenenzelle, Naomh.“
„Wie kann das sein?!“
„Diese Gefangennahme wurde ihm doch noch gar nicht gemeldet! Keine Zeit! Wer weiß, was er tun würde, wenn er‘s wüsste. Komm‘ nun! Rasch, und unauffällig!“
Naomh folgt Yúlma durch das dunkle Schloss. Sie eilen vorbei an vereinzelten Gestalten im Zwielicht, alles was zu so später Stunde noch auf den Beinen ist, wirkt ängstlich, die Gesichter sind fahl. Auf der rissigen Steintreppe, die hinab in die Verliese führt, treffen sie auf zwei Schlosswachen mit Fackeln in Händen. Sie haben offensichtlich ungeduldig auf die Rückkehr des Jungen gewartet, und sind erleichtert, ihn nun mit Naomh zu sehen.
„Kommt, eilt Euch!“, sagt einer, „Folgt Euch auch niemand?“
Der andere hantiert bereits nervös mit seinem Schlüsselbund.
Hinab in die weitläufigen Kerker unter dem Thainbar-Schloss„Hast Du eiserne Gegenstände bei Dir?“, fragt Yúlma, während die vier die Stufen hinunter eilen.
„Nein. Wieso?“, keucht Naomh, aber erhält keine Antwort.
„Das ist die Lorlin-Maid? Kann die uns wirklich helfen?“, raunt stattdessen eine der Wachen.
„Na, sie ist eine vom Glân Lorlin, das ist doch schon mal was! Jonnoin jedenfalls hilft uns nicht, heute Nacht!“, zischt Yúlma, „Oder ist er etwa mittlerweile zurückgekehrt zu seinem Posten?“
„Nein. Bleibt verschwunden. Vermutlich ohne Wiederkehr.“
„Wer ist das, Jonnoin?“, flüstert Naomh, so langsam bekommt sie es mit der Angst zu tun.
„Der, der diese Zelle bisher bewachte“, erklärt Yúlma eilig, „Er hat starkes Uldwyld-Blut in seinen Adern. Er war daher der einzige von den Schlosswachen, der in Frage kam. Hat das alles aber nicht gut verkraftet. Nutzt wahrscheinlich gerade den Aufruhr; der kommt ihm womöglich ganz gut zupass, um aus Dún Bréanport zu entfliehen!“
Jäh machen sie Halt auf einem schmalen, dunklen Verliesgang, etwas abseits der größeren Korridore des weitläufigen Kerkers.
„Hier ist es …“, sagt der Junge ängstlich, „Du darfst nichts von Eisen bei Dir tragen, wenn Du hinein gehst. Frage, warum die Heiden in den Handelsvierteln umgehen, und die Aufrührer in den Straßen!“
„Versuche, zu reden wie Jonnoin bisher: Höflich, aber bestimmt!“, ergänzt einer der Wachposten, „Lass’ Dich
ja nicht durch sein Blendwerk verwirren! Wenn Du es herausforderst, dann spürt es das, und dann trifft Dich vielleicht sein Zorn!“
Der andere sagt, „Wir schließen hinter Dir zu, sicher ist sicher. Sobald Du die Antworten hast, so klopfst Du dreimal von innen, dann lassen wir Dich wieder hinaus! Hast Du verstanden?“
Sie nickt, öffnet die Lippen zu einer Gegenfrage, aber bekommt keine Gelegenheit, „Und es darf kein Krach geschlagen werden! Die anderen Verlieswärter dürfen um keinen Preis etwas hiervon erfahren! Sie würden es der Krone melden!“, schärft Yúlma Naomh hastig ein, während der Schlüsselbund klirrt, und schon wird die schwere Holztür einen spaltbreit aufgezogen, und Naomh ins Innere geschoben!
Scharfe Ohren haben die Silhouette im Dunkel der Zelle längst vorgewarnt, dass jemand die Tür öffnen würde. Die Gestalt kauert auf den Steinplatten, an die rückwärtige Wand gepresst, und hat den Blick auf den Ausgang geheftet, jeder Muskel scheint angespannt, sie ist sprungbereit. Hinter Naomh fällt die schwere Zellentür ins Schloss, und der Schlüssel dreht sich.