Das Manhattan Museum of Arts ist eingenommen worden von Leuten, die aussehen wie Guerilla-Kämpfer, von jeder nur erdenklichen Nationalität. Es wirkt so, als solle von hier aus eine Art bewaffneter Putsch vorbereitet werden. Leise redend und in Funkgeräte sprechend eilen die Kerle gelegentlich durch das Dunkel des Saals, aber im Kerzenschein ist fast nichts davon auszumachen, wer sie sind und wo sie hin wollen in ihrer Hektik.
Janosz Pohas schmunzelndes Gesicht erscheint plötzlich auf der anderen Seite des dekorativen Stahlgitters im Kerzenlicht. Amüsiert schaut er auf die kauernde Dana herab, aber sein Blick ist auch etwas verächtlich.
„Was wollt Ihr von uns?“, keucht Dana aus rauer Kehle. Ihre Stimme klingt trotz allem bedrohlich, wie ein wildes Tier, das in die Enge getrieben ist.
„Von
Euch? Gar nichts, Dana. Meine reizungsvolle Reinemachefrau!“, lacht Janosz.
„Dann lasst uns endlich hier raus!“
„Von
ihm, Dana! Nur von ihm, Deinem Sohn!“
„Ihr kriegt Oscar nicht!“
„Das hast Du jetzt nicht mehr zu entscheiden, kleine Madame. Du bist hier nicht mehr in der Forderung, Positionen zu stellen! Überhaupt solltest Du gar nicht hier sein!“
Sie funkelt ihn an, zornig, und angstvoll.
„Ja ja, Du bist wahrscheinlich gewöhnt, dass es immer um Dich geht, nicht wahr, Du drehst Dich um die Welt allein! Oder wie sagt man? Aber diesmal nicht, kleine Reinemacherin. Du hättest Deine eigene Haut retten können, wenn Du nicht die ganze Zeit über so besitzköpfig und stur-ergreifend gewesen wärst! Ja?“
Dana wiederholt, „Ihr kriegt Oscar nicht! Ich drehe jedem den Hals um, der sich durch dieses Gitter wagt!“
„Schlimm, schlimm. Was die Menschen zu tun bereit sind, trotz all ihrer gutmanierlichen Sitten, sobald sie sich unter Druck fühlen, nicht, Dana? Sogar solch eine künstlersinnige Feinseele, wie Du! … Sieh‘ Dich an! Wärst Du nicht in Deinem blinden Aktionismus den werten Litvinovs in die Arme gelaufen, könntest Du gerade so unbehelligt in dieser freudiglichen Menschenmenge dort draußen sein, ja? Und feierlich dem Jahreswechsel entgegen harren!“
„Du bist irre, weißt Du das? Wie lange bin ich schon hier?! Jetzt ist also die Sylvesternacht? … Wie hast Du das gemacht, diesen Trick mit dem Kinderammen-Kostüm?“
„Oh, das war eine Astralprojektion. Fürst Vigo gewährt mir faszinierende Investitionen seiner Geisteskräfte!“
„Astralprojektion …“
„Du bist ein ganz besonderes Stückchen Kuchen, Dana. Eine ganz besondere Anziehungskraft übst Du aus, auf die Geisterwelt, nicht wahr? Wir
wissen alles über 55 Central Park West, vorletztes Jahr, oh ja! Und Du selbst, Du scheinst ihn trotz all Deinen Einblicken in das Okkulte nicht zu kennen, den
Grund dafür! … Die Damen und Herren Litvinov hätten überhaupt nicht gedacht, dass Du es wagen würdest, kleine Reinemachfrau, noch einmal ins Museum zurück zu kommen. Und dass Du hier wieder festgehalten werden würdest, müssest. Für die nun beginnende Phase des Plans bist
Du, Dana — trotz Deiner eigenen Bedeutsamkeit in der Dinge Gefüge — völlig unerheblich!“
„Was wollt Ihr mit Oscar?“
„Nun, er ist von Deinem Blut! Die Litvinovs, sie sind Ahnenforscher, Du weißt das vielleicht? Sie haben seinen Stammbaum genauestens ausgeforscht. Viele Generationen unter die Lupe genommen. Sein Vater, und eben Du, habt bei ihm beide eine ganz glückliche Kreuzung von Merkmalen hinbekommen!“
„Sein Vater …“
„Der Junge wird das Gefäß des Geistes von Vigo sein, noch ehe das neue Jahr eingeläutet wurde!“
„Niemals.“
„Du hast kein Recht für Widersprüchlichkeiten … Du hättest uns einfach gewähren lassen sollen, dann wärest Du davon gekommen, ungeschoren. Ich sagte ja schon, Dir geschieht nichts. Wir sind auf Deinen Schutz bedacht.“
„Ich habe
jedes Recht, Du Nase! Ich bin seine Mutter, und in diesem Land …“
Janosz erhebt einen Zeigefinger und unterbricht sie, „Aaah, aber Dana, die Gesetze Amerikas werden ab der Sylvesterstunde keinerlei Bedeutung mehr haben! Eine neue Ordnung, sie beginnt, noch heute Nacht!“
„Ja, schon klar, ‚Zeit des Grauenvollen Bösen‘ — gesprochen wie ein zweitklassiger Hollywood-Schurke!“
Janosz zieht überrascht die Augenbrauen hoch, „Oho? Ein gutes Gehör hast Du, Reinemachefrau, wenn Du das mitbekommen hast, in Deinem kleinen, goldenen Käfig! Aber sei es drum …“, und jovial legt er sich auf den Boden und stützt sich mit einem Arm ab, schaut ihr grinsend durch das Gitter ins Gesicht, „Wo Du schon hier bist, und den Fürsten und mich belauscht hast, erläutere ich Dir eben alles. Ein kleines Wenig von Zeit verbleibt uns noch!“
„Erzähl‘ mir nichts, wofür Du später in Versuchung kommen könntest, mich umzulegen!“, knurrt Dana leise. Sie zittert in einer merkwürdigen Mischung aus Furcht und Wissbegierde.
Er wedelt albern mit dem Finger, „Aber ich sagte doch, uns ist an Deinem Wohl gelegen! Es war nicht gelogen!“
„Ihr seid genau wie die Shandor Foundation! Nur
Euer Götze, das ist Vigo. Aber sonst, alles eine Suppe: Ein Haufen exzentrischer Apokalyptiker, eine Geheimgesellschaft, die das Ende der Welt herbeiführen will!“
„Unsinn, Dana“, lacht Janosz, „Die Litvinovs sind keine Gesellschaft. Nur eben eine sehr traditionsreiche und wohlsituierte Familie. Der Vergleich mit der amerikanischen Shandor Foundation ist kicherhaft. Altes, aristokratisches Blut! Ja ja, es stimmt wohl, was man über die europäische Nobilität sagt: Der Adel züchtet sich! Da darf nicht jeder einheiraten. Auf diese Weise hat die Familie Litvinov sich ein paar äußerst wertvolle, subtile Merkmale erhalten, über lange,
sehr lange Zeit. Es vermag sie nicht zu sehen, das Auge, aber diese Merkmale sind da, und versetzen die werten Litvinovs in die Lage, ein ganz beachtliches Gespür zu verwenden! Ein Gespür für die Geisterwelt!“
„Und Ihr Vorfahre war womöglich Prinz Vigo, Geißel der Karpaten?“, wirft Dana ein, unheilvoll.
„Nein, Dana-Kindchen. Europa mag klein sein, aber so klein nun auch wieder nicht. Aber
Mittler zu ihm und seinem Willen, das
sind sie. So wie ich!“, und er fügt leise hinzu, „Und so … wie
Du Mittlerin zur Geisterwelt bist, würdest Du nicht auch zugeben? Du hast da einen unwiderstehlichen Magnetismus!“
Eine telekinetische Kraft zieht plötzlich an Dana, lässt sie direkt an das dekorative Gitter rutschen. Sie hält erschrocken die Luft an und drückt ihr Baby fester an sich.
Janosz zupft eine ihrer dunklen Locken durch das Gitter, und entrollt sie gedankenverloren. Dana stößt ein unwilliges Ächzen aus, versucht, sich gegen den unsichtbaren Griff zu stemmen.
„Wir haben Dich dem Zugriff der Shandor Foundation und der Ghostbusters abmüssen getrotzt! Alles nach dem Willen des Fürsten Vigo! Er sucht nicht nach irgendeinem Kind, sondern explizit nach Oscar“, raunt Janosz, „Darum haben wir uns auf Deine Fährte gesetzt. Es musste alles noch dieses Jahr getan werden. Immerhin teilt Dein Sohn die erlesenen Qualitäten seiner hochbegabten Musiker-Eltern. Dieses Erbe — und nicht zuletzt die Energien vom Shandor-Gebäude, denen Du vor zwei Jahren ausgesetzt warst, Dana — machen den Jungen zu der perfekten Inkarnation für Vigos Rückkehr!“
„Ich gebe mein Kind nicht her! Geht dahin, wo der Pfeffer wächst!“, bringt sie unter größter Anspannung hervor.
„Die Zeit des Grauenvollen Bösen steht seit langem bevor, und die Jahreswende bringt sie endgültig!“, raunt Janosz, der absonderliche Singsang in seiner Stimme ist dabei noch deutlicher, „Niemand von uns hat sie herbeigeführt, aber wir werden diejenigen sein, die sie uns nutzbringend gewinnbar machen werden! Du warst auf dem Shandor-Gebäude, Du hast von all dem den Anbeginn gesehen, oh ja! Gozer jedoch ist gänzlich unmenschlich, und kam, um zu
zerstören. Vigo, Dana, Fürst Vigo,
er war zumindest einmal menschlich, und kommt, um zu unterwerfen, und zu
herrschen. Fürchtige Dich nicht, meine Liebe: Es hat ein paar positive Vergünstigungen, die Mutter eines lebenden Gottes zu sein!“
Damit erhebt er sich, die Gittertüren fliegen wie von Geisterhand auf, und Oscar landet in seinen Armen, sofort beginnt dieser zu schreien. Bevor Dana sich den telekinetischen Kräften widersetzen kann, schmettern die Türflügel wieder vor ihr zusammen. Janosz wendet sich ab, und beginnt dem Kerzenschein in der dunklen Raummitte entgegen zu gehen. Dana rüttelt mit aller Kraft an den Käfigtüren, dann packt die Verzweiflung sie, und sie zieht ihre letzten Register: „Oh, Du Mistkerl! Warte! Ihr irrt Euch mit Oscar — er
ist in Wirklichkeit gar nicht, was Ihr denkt!“
Janosz hält inne und wendet stumm den Lockenkopf halb zu ihr.
Dana faucht, „Das können Eure ach-so-tollen Genealogen nicht wissen. Aber in Wirklichkeit … weiß ich ja nicht mal genau, wer der Vater ist. … Venkman ist vielleicht der Vater!“
„Der unsägliche Friedensstör, der das Gemälde schänden wollte?!“
Dana nickt, die blassen Finger weiterhin in die Gitter verkrallt, eine Krokodilsträne beginnt, ihr die Wange hinunter zu laufen. Aber ihr Gesicht bleibt ansonsten hart.
Janosz entgegnet leise, „Nicht gewusst, wer der Vater ist! Solch überraschende Schlampenhaftigkeit, von einer feinen Dame, wie Dir …?“
„Wage es nicht, mein Verhalten beurteilen zu wollen!“, zischt sie.
„Und jetzt, wo ich das weiss … muss ich Dir sagen, dass das
gar nichts ändert! Um den Vater geht es hier ja gar nicht, sondern um das Blut der Linie, mütterlicherseits. Oder zumindest jener Linien, auf diese-welche sie ursprünglich zurückgeht.“
Einen längeren Moment ist es still, nur Oscar heult vor sich hin.
„Was glaubt Ihr, über meine Familie zu wissen?“, krächzt Dana.
„Der Anbeginn des neugestaltigen Zeitalters, Dana, er geschieht in Wellen“, sagt Janosz, „Es wird ersichtlich! Die erste, hier in New York, das war Gozer! Nun aber ist der sumerische Bedroher verbannt, oder zumindest verlangsamt … andere Kräfte des Jenseits, sie treten an seine Stelle!“
„Vigo hängt mit Gozer zusammen, so wie der Sandman, der Boogeyman, und Samhain!“, vermutet sie.
„Wer sind diese?“
„Siehst Du etwa kein US-Fernsehen?“
„Wie auch immer diese Einzelnen im Scheußlichkeitlichen heißen: Fürst Vigo kehrt heute Nacht zurück … und er kommt, um uns erbärmlichen, heutigen Menschen die Rettung zu bringen!“
„So so, Rettung?!“
„Nicht nur im mittelalterlichen Osteuropa gibt es Prophezeiungen dieser Art! Sie gibt es überall auf der Welt! Im einundzwanzigsten Jahrhundert, Dana, da braucht die Menschheit eine starke Hand, einen Anführer wie Vigo“, sagt Janosz, sehr leise, aber sehr bestimmt, „Bis dahin ist er ein junger Mann, und in Besitzvollheit all seiner damaligen Kräfte und Geheimnisse! Nur er kann die Menschheit durch die unvermeidliche Apokalypse hindurch führen, und vor anderen Mächten — gänzlich unmenschlichen Mächten wie unter anderem Gozer — retten! Du und Oscar, Ihr habt bedeutsame Vorfahren in Europa, und insbesondere bist
Du vorletztes Jahr
dieses gewesen, Dana: Gozers Torwächterin! Was Dich zu einem wichtigen Teil des kosmischen Plans und wertvoller Ressource für die Shandor Foundation macht, ja? Diesen Umstand, Vigo wird ihn nun sich zunutze machen, um den gemeinsamen Feinden … die Zukunft abzutrotzen. Für den Fortbestand des Landes!“
„Ach ja?“, bringt Dana heraus, „Diese Gestalt vom ‚Berg der Nackten Schädel‘ ist ja wohl kaum ein passender, zivilisatorischer Heilsbringer für die Zukunft der Menschheit!“
Ein paar der anderen Leute, die das Museum eingenommen haben, nähern sich durch den Kerzenschein, als düstere Silhouetten. Einer sagt zu Janosz Poha, „Es ist alles bereit!“
Dieser nickt, übergibt den schreienden Oscar an die Komplizen, und wendet sich wieder gänzlich Dana zu: „Wie kämest Du denn darauf, kleine Reinemacherin, dass die Zukunft zivilisiert und fröhlich sein wird nach der Jahrtausendwende? Dana! Nur das Überleben der Menschheit gilt nun, nicht ihre Vergnüglichungen! Fürst Vigo hat zu seinen ersten Lebzeiten solchiges wohl erfahren, oh ja! Und bedenke, wer da nun auf unserer Seite steht: Vigo ist immerhin einmal ein Mensch gewesen. Nicht ein unmenschlicher Götze wie Gozer, oder andere Herrscher des Jenseits. Vor jenen wird seine starke Hand uns verteidigen!“
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Aus der Distanz sehen die Ghostbusters an Bord der Fähre, was Unglaubliches auf Liberty Island geschieht.
„Ich wünschte, wir hätten ein Kamerateam dort abstellen können, auf die Schnelle!“, sagt Jas, „Das alles glaubt uns doch hinterher keiner!“
Egon fügt hinzu, „Allein für die wissenschaftliche Dokumentation dieses Feldversuchs wäre das gewinnbringend gewesen.“
Ray bringt nur hervor, „Ach Du Heilige Voreilige …!“
Sie sehen im diffusen Licht der Scheinwerfer, wie eine riesenhafte Frauengestalt sich soeben aus dem Stahlgerüst gelöst hat, sich noch etwas schwergängig Staub von den Schultern klopft, und ihre Armgelenke probeweise bewegt. Ihr Gesicht bleibt dabei maskenhaft, und sie hält die lodernde Fackel erhoben. Sie schimmert leicht, weißlich-grün, und ist durchscheinend.
„Hoffentlich kriegen Louis und Nancy das irgendwie hin!“, sagt Janine besorgt.
„Ist doch nichts dabei!“, grinst Peter, etwas ironisch.
„Sieht übrigens aus, als würden wir an Land bereits erwartet werden, Leute!“, sagt Winston, und deutet in die andere Richtung, diejenige, in die ihre Fähre sich bewegt. Dort steht eine ganze Reihe PKWs nahe der Kaimauer, mit eingeschaltetem Scheinwerferlicht.
„Ja, schon möglich!“, kichert Jas, „Aber wenn unsere Riesen-Show des heutigen Sylvesterabends die Herren nur halb so sehr in Bann schlägt wie mich gerade, dann haben wir mit denen leichtes Spiel!“