Hírngar
Auf der Hochzeit in Storhavn
Fast schon mitleidig schaute Hírngar dem Schicksal des jungen Bräutigams zu, kann erkennen, wie die Schritte langsamer und langsamer werden, schwerer, unkontrollierter. Er stöhnte innerlich fast auf, als er sieht, wie schwer sich Huld an den Bänken abstützen muss, um überhaupt noch sein Gleichgewicht zu halten. Ein böser Streich, schoss es ihm durch den Kopf, als seine Augen zu Frau Miri zuckten, der jungen Braut, die nur beschämt zusehen konnte, wie ihr Gemahl sie und sich der Lächerlichkeit preis gab. Die arme, so jung und so schön, was wird sie sich wohl denken? Was geht ihr durch de Kopf, wenn sie das sieht? Fast schon amüsierte es ihn, wie sehr er sich bemüht hatte, wie ein Held aus den Legenden aufzutreten, vornehm, kontrolliert. Wie der Schwertmeister aus der Saga vom weißen Band. Aber diese ungestüme Wildheit der Sturmländer ängstigte ihn fast ein wenig, es war ihm einfach zu viel, zu laut. Wie im Jarnkett, als der geringe Sold auf den Kopf gestellt wurde. Feiere, denn morgen wirst du vielleicht sterben.
Ein Krachen und das laute Brüllen aller Männer um ihn herum ließ ihn wieder zu Huld blicken. Angewidert sah Hírngar, wie der junge Mann den Humpen kaum noch haltend konnte, während er an einem Tisch lehnte und sich übergab. Hírngar meinte, das angestrengte Keuchen und Erbrechen über den Lärm hinweg zu hören, das Japsen nach Luft, die kurze Atempause, bis der nächste Schwall sich nach oben drückte. Es war viel zu laut, diese Geräusche wirklich zu hören, aber der Holzfäller konnte sich ausmalen, wie es klingen musste, wie es riechen musste. Angewidert schob er sein eigenes Ale beiseite, hörte das kreischende und betrunkende Johlen der Gebrüder Saatigia, die in den Chorus einflelen , der den jungen Huld anfeuerte, als dieser wieder den Humpen ansetzte. Ein böser Streich, fuhr es Hírngar abermals durch den Kopf, sie werden es ihn nie vergessen lassen. Ein weiteres Krachen, als der junge Mann zu Boden ging, Grimhil und Elvijö hauten ihre Humpen auf den Tisch und hatten Tränen in den Augen, während der junge Huld jegliche Kontrolle verlor, sich verkrampfte, sich einnässte. Die Augen des Holzfällers wanderten wieder zu Miri. Und sie werden sie es auch nicht vergessen lassen.
Da bemerkte er die Bewegung aus den Schatten. Galve Blauaxt, der auf die junge Braut eindrängte, ihr Blick, hilfesuchend, ihre Augen aufgerissen.
"Seht ihr das auch?" fragte er die Gebrüder Saatigia, doch seine Frage ging im Lärm unter. Was soll ich tun? "Seht ihr..." versuchte er es nochmal lauter, aber da huschten Hírngars Augen zum Schwertjarl, erkannten, wie sehr er mit der Demütigung seines Schwiegersohns abgelenkt war, dann wieder zurück zu Miri, die immer noch hilfesuchend um sich blickte. Bei den... Fetzen der Saga schossen ihm durch den Kopf, als er schon stand. Er machte zwei, drei Schritte und bemerkte dabei erst, dass er das scharfe Messer, mit dem gerade noch der Schweinebraten zerteilt wurde, in der Hand hielt. Schnell lies er es in seinem Ärmel verschwinden, hoffentlich brauche ich keine Waffe. Drei weitere Schritte. Gesang so zart, dem Helden geweiht füllten ihn die Worte. Er sollte vielleicht Hilfe rufen, aber er wusste, er spürte, dass er keine Hilfe erwarten konnte.
Die Zeit im Jarnkett machte sich bemerkbar, Hírngars Blick war auf Blauaxt gerichtet, als er sich an einem Tisch vorbeischlängelte, das Klopfen und Bellen der betrunkenen Gäste verschwamm fast zu einem dumpfen Dröhnen, zwei weitere Schritte. Ein Bierkrug auf Kopfhöhe, der Holzfäller musste den Kopf zur Seite reißen, drehte sich leicht im Schritt, verlor Miri und Blauxt aus dem Blick. Ein weiterer Schritt, dann waren sie wieder in seinem Sichtfeld. Galves Hand packte den Oberarm der Braut, zwei weitere Schritte, fast da, noch vier oder fünf Schritt. Nicht mehr Die Hand um den Messergriff schloss sich fest, die Klinge im Ärmel versteckt. Kein Blut, wenn es nicht sein muss. Zwei weitere Schritte, nun konnte er Galves Gesicht genau sehen. Das weiße Band, der rote Fleck... Hírngar taxierte Blauaxt, versuchte sich die Bewegungen des Mannes einzuprägen.
"Frau Miri", setzte er an, laut, so dass Galve ihn hören konnte. Noch ein Schritt. "Ihr hattet doch versprochen, mir aus dem Buch zu lesen, dass euch Frau Aeryn geschenkt hat." Unsinn. Egal.
Hírngar schritt weiter, verlangsamte seinen Schritt nicht, wollte den letzten Meter zwischen sich und Blauaxt überbrücken und sein Momentum nutzen.