Ausgehend vom Geschichtsschreibungsthread mal eine Frage, die mich immer wieder umtreibt:
Den Anspruch, dass Rollenspielmaterial in erster Linie das Spiel in der Gruppe (oder auch das Solospiel) unterstützen soll, finde ich zwar nachvollziehbar und gerechtfertigt. Ich bin aber persönlich nicht der Meinung, dass dem alle Merkmale des Rollenspiels zwangsläufig unterzuordnen sind.
Ich lese z.B. die meisten Rollenspiele nur und bin froh, wenn ich aus als Leser bedacht werde. Als solcher habe ich zwar auch lieber knappe Darstellungen, aber sobald es rein tabellarisch wird oder zu viel nur aufgezählt wird, kann ich mit dem Text als Leser nur noch wenig anfangen (was dann auch wieder auf das Spiel Rückwirkungen hat - oft lese ich mit einigem Abstand vor dem Leiten ausführlich und dann nur noch mal kursorisch, und Erzähltes bleibt mir deutlich besser im Gedächtnis als Aufgezähltes).
Ich lese wenn dann auch bewusst Rollenspiele und keine Romane, weil erstere mir als Textgenre gefallen. Gerade in der Fantasy lese ich oft lieber Beschreibungen von Orten, Figuren und noch ungelösten Konflikten als einen Roman, der das alles in eine Geschichte zwängt. Und das schließt auch die Regeln ein, die auch schon beim Lesen eine Bild von Figuren und Abläufen bei mir erzeugen (egal, wie zutreffend das jetzt im Einzelnen ist).
Ich finde Rollenspielpublikationen am besten, die mich in erster Linie als Leser ansprechen und dann AUCH geeignetes Material für den Spieltisch sind - aber ein Teil der Entfaltung muss für mich schon im Text geschehen: Der Hook, die Herstellung von Verbindung zwischen verschiedenen Elementen, das Anreißen möglicher Handlungsentwicklungen.
Um mal ein paar Beispiele zu geben:
Positiv:
Dolmenwood: Emelda's Song von Scott Malthouse: Sehr Spieltischbezogen, an jedem Schauplatz sind die Grundelemente jeweils in einem fett gedruckten Wort aufgelistet, etwas genauere, aber immer noch knappe Schilderungen folgen. Mögliche Reaktionen der NSC sind angerissen, genug, um Szenen im Kopf anzustoßen. Genau so will ich Abenteuer haben (inhaltlich stört mich etwas, nämlich, dass es ein soziale-Interaktions-Abenteuer ist, der oberste Gegenspieler aber offenbar bewusst erst ganz am Ende des Abenteuers platziert wird, wahrscheinlich, damit die SC trotz aller Freiheit nur keine Gelegenheit haben, ihn frühzeitig auszuschalten. Dass nimmt dem Abenteuer viel Reiz, und ich würde das beim Leiten anders handhaben).
Troika!: Fronds of Benevolence von Andrew Walter: Eines meiner absoluten Lieblingsabenteuer, Point Crawl mit ebenfalls knappen Beschreibungen, aber einer klaren Mission und mit Begegnungen, die in Bezug zu der Mission gesetzt werden.
Negativ:
Mothership: Gradient Decent Viel gelobt, aber ich kann wirklich wenig damit anfangen. Inhaltliche Verbindungen zwischen verschiedenen Elementen des Dungeons scheinen mir geradezu bewusst versteckt zu werden, damit ich sie als SL möglichst auch erst bei genauester Lektüre oder im Spiel herausfinde. Mir wird Raum für Raum beschrieben, was da ist, was sicher einen hohen Spieltischwert hat, wenn ich als SL damit klarkomme, einfach mit den SC vorwärtszustolpern, aber ich kapiere vorab NICHT, was eigentlich los ist. Entsprechend entsteht bei mir auch kein Lesegenuss, nichts entfaltet sich, alles ist eine Reihe knapper, oft durchaus wuchtiger sprachlicher Bilder, bei denen ich hinterher aber nur denke: "Was?" Nicht, weil alles so weird wäre, sondern weil es so beliebig nebeneinander im Raum steht. Da, wo ich Verbindungen ziehen konnte, hatte ich dann eher den Eindruck, dass das Ganze kleiner ist als die Summe seiner Teile.
Troika!: The Big Squirm: Tabellarische Aufzählungen ohne Ende, aber auch hier konnte ich bis zur Hälfte nichts daraus entwickeln ... auch das muss man vielleicht einfach losspielen, um etwas davon zu haben, als Lektüre konnte ich wenig damit anfangen.
Ich will also von RSP ganz realistisch betrachtet, dass es auch Lesestoff ist, der dann auch gut als Spielmaterial funktioniert, und dass im Zweifelsfall in beide Richtungen Zugeständnisse gemacht werden. Bzw. habe ich das Gefühl, das Rollenspielmaterial, dass NUR als Spielmaterial aufgemacht ist, es bei mir nie an den Spieltisch schafft, weil ich es als Leser nicht durchdringe und dann auch keinen Impuls/nicht den Mut habe, es an den Tisch zu bringen.