Schön euch wieder zu hören! Wieder eine tolle Folge, mit interessanten Gedanken. Macht gerne einen Teil Zwei davon.
Mein Kommentar:
Lovecraft war ein Rassist, ein Antisemit. Das kann man nicht bestreiten. Seine schriftstellerischen Leistungen sind aber ebenso unstreitig. Da kommt die alte Frage auf: Kann man Werk und Erschaffer trennen, oder kontaminiert Lovecrafts politische Meinung/Ideologie/Lebenseinstellung seine Kunst?
Ich denke, es kommt darauf an, ob der Erschaffer sein Werk als Vehikel dafür einsetzt oder nicht. Ich finde, in seinen Werken ist ein Rassismus sichtbar, aber als Vehikel dafür werden die Texte von ihm nicht genutzt. Daher kann man Werk und Erschaffer trennen. Dies gleichzeitig ohne irgend eine Art von Apologia für den Erschaffer. Ich sehe das wie ghoul: Lesen mit offenen Augen.
Ein gewisser Rassismus taucht in Schatten über Innsmouth immer wieder mal auf (no pun intended), aber es gibt da eine Ambivalenz.
Die Tiefen Wesen sind keine unschuldigen Fischmenschen, sondern tatsächlich die Bösen. Anfangs vorsichtiger "Handel" mit Innsmouth, dann Invasion und defacto Übernahme der Stadt, inklusive gewaltsame Beseitigung des Widerstands, Morde, sexuelle Zwangshandlungen, Zwangsheirat und Unterwerfung. Ja, Kapitän Obed Marsh und andere waren gierig nach dem Gold der Tiefen Wesen, aber letztlich wurden sie überrollt.
Bei Innsmouth spielt auch die Thematik des "Bevölkerungsaustausches" eine Rolle, da durch Fortpflanzung und Vermischung von Mensch und Deep One mehr und mehr Hybriden, die letztlich Tiefe Wesen werden, eine Rolle. Ob Lovecraft dieses politische Thema in der Erzählung explizit ansprechen wollte, ist mir nicht bekannt. Ich glaube nicht.
Das Ambivalente ist das die Hybridisierung zwar schlimm für die Menschen in Innsmouth ist, aber Vorteile hat. Sie bringt z.B. die Unsterblichkeit, bzw. keine Alterung des Körpers. Und der Hybrid wird technisch gesehen Teil einer "Mythos-Rasse", die der menschlichen Zivilisation überlegen ist. Der Hybrid wird auch in die Gesellschaft der Tiefen Wesen gleichberechtigt aufgenommen, anders als vielleicht ein armer Immigrant im frühen Amerika. Im Prinzip erfährt der Hybrid eine Art Beförderung in der Mythos-Kosmologie. Er lässt damit die menschliche Spezies zurück, aber für ihn ist es kein schlechtes Geschäft.
Der Schatten über Innsmouth ist eine sehr action-geladene Geschichte. Zuerst gibt es einen Erfahrungs- und Ermittlungsteil und als das Geheimnis gelüftet ist, geht es um das nackte Überleben. Danach gibt es den großen Raid auf Innsmouth und einen U-Boot-Angriff auf die Stadt der Tiefen Wesen - die übrigens nicht zurückschlagen, ob ihnen das möglich ist sei mal dahingestellt.
Spannend ist auch die Frage, ob die Innsmouther den Protagonisten Olmsted tatsächlich umgebracht hätten, wenn er auf der Flucht geschnappt worden wäre. Hätten sie vielleicht gespürt, dass er ein Hybrid ist und ihn bloß eingesperrt, bis die Verwandlung und der Sinneswandel eingesetzt wären? Vielleicht hätte auch seine Urgroßmutter, die ein altes Tiefes Wesen ist, zu seinen Gunsten ausgesagt. Olmsted wird später auch, trotz seiner "Vergehen" in die Deep One-Gesellschaft aufgenommen.
(Übrigens: "Fishfuckers" von Lamentations of the Flame Princess dreht das Ganze um. Da sind es die Menschen die mit Magie die friedlichen Fischmenschen terorrisieren, vergewaltigen und ausbeuten.)
Erben in CoC(k) kommt gar nicht sooo oft vor, aber es ist auch ein bequemes Stilmittel, um den Charakteren ein Problem aufzuhalsen, welches sie nicht einfach links liegen lassen können. Natürlich kann es nerven, wenn ein SL immer damit ankommt. Ich ordne CoC daher nicht als eine Art Bürgertumsfantasie ein, die Charaktere sind so weil Lovecrafts Protagonisten oft gebildete oder hochstehende Leute oder Beamte sind. Das will man dann auch spielen. CoC bietet aber eine Bandbreite an Charakterberufen an, da ist alles dabei. "Blue Collar Cthulhu" ist RAW by the book problemlos möglich.
Bei Schatten über Innsmouth geht es zum Beispiel gar nicht um ein Erbe des Protagonisten (na gut, letztlich irgendwie schon, das ist aber ein genetisches Erbe), er gerät in Not und erfährt letztlich die Erfüllung, weil er sein wissenschaftliches oder lokalkulturelles Interesse nicht zügelen kann.
Die Phantastik-Kultur in Frankreich ist super! Ich kann bestätigen, dass Buchläden gut sortierte Comic-Abteilungen haben. Bei uns wäre das ein Spezial-Comic-Läden. Die Franzosen sehen Kultur aber auch anders, da ist auch die Kunstszene eine andere. Ich bin von der Bandbreite immer wieder gefesselt. Um beim Comic zu bleiben, dort können Zeichner und Szeneristen von dem Geschäft leben. Bei uns undenkbar. Von den Franzosen können wir insbesondere in Sachen Kultur noch eine Menge lernen!
Übrigens, richtig groß ist CoC in Japan! Das ist dort quasi der Rollenspielstandard. D&D geht so nebenbei. Der YouTube-Kanal "Weird Place" bietet hierzu ein
interessantes Video. Da gibt es auch noch andere, z.B. über die brasilianische Szene.
Das große Geheimnis von Trail of Cthulhu ist ein ganz simples: Gumshoe verregelt schlicht eine Praxis die der erfahrene CoC-SL sowieso macht, nämlich dass die Charaktere nötige Hinweise automatisch finden und tiefere/weitere Infos durch Würfelprobe geliefert werden. Vor vielen Jahren habe ich das mal auf dem
Blog eines Freundes zusammengefasst.
(Apropos: Ich habe mich schon gefragt warum Settembrini sich gleichzeitig Settembrini und Hoftrat Behrens nennt. Jetzt, nach Jahren, liegen die Fakten auf dem Tisch.

)