Naja, daß z.B. die Elben oder die Numenorer irgendwie mehr gegen das Böse gefeit wären... Feanor, seine Söhne, Eol, Ar-Pharazon und die Schwarzen Numenorer lassen einen doch itzibitzi spüren, daß Tolkien das anders gesehen hat. Dass die überlebenden Elben am Ende des Dritten Zeitalters aus all den Fehlern von mehreren Jahrtausenden gelernt haben, basiert mehr auf ihrer Lebenslänge und bitteren Erfahrungen.
Mit den Dunedain ist so ziemlich dasselbe wie mit den Elben - die ganze Machtgierigen, Uneinsichtigen und generell alle unfähigen Deppen hatten einfach genug Zeit, um sich selbst und ihre Linie aus der Welt zu entfernen (bei den Elben lief das gründlicher ab, aber die vermehren sich ja auch noch langsamer als die Numenorer).
Boromir ist, meiner Einschätzung nach, zwar ein guter Soldat und ein guter Offizier und Feldherr - aber das ist auch so ziemlich alles, und die Sache mit dem Ring ist nun leider eine Situation, die mit Waffengewalt nicht zu lösen ist. Faramir hätte sich als Mitglied der Gemeinschaft des Rings besser geschlagen.
Boromir hat vor allem auch das Problem, dass die gesamten verbliebenen Hoffnungen seines Vaters für das Überleben Gondors auf ihm lasten. Und was Gondor braucht ist zu dieser Zeit halt jemand, der Schlachten gewinnen und der Allgemeinheit durch seine ruhmreichen Taten Hoffnung geben kann. Letztlich fällt er in dasselbe Loch wie Denethor, dass er schlicht die Hoffnung verliert (und das nicht zu Unrecht, gegen die Lage Gondors ist das Kobayashi-Maru-Szenario ein midsommerlicher Spaziergang). Im Prinzip kämpfen beide schlicht mit dem, was man heute Burnout nennt.
Was Aragorn betrifft wird er im Buch tatsächlich durchaus immer wieder als überlebensgroße Figur dargestellt, das liegt aber auch daran, wie Schicksal in Tolkiens Welt wirkt - z.B. ist der einzige Grund warum die Gemeinschaft überhaupt die Barriere von Lothlorien durchdringen kann, dass der Schicksalsfaden der Ringträgers die magische Barriere übertrumpft (Magie die Galadriel von einer Valar(!!!) gelernt hat).
Besonders prägnant ist das, als Aragorn zum ersten Mal auf die Rohirrim trifft, sein Gewand zurückwirft und das neu geschmiedete Schwert in die Sonne hält, das das Licht wie eine Blendgranate spiegelt und fast schon selbst zu einer kleinen Sonne wird - in diesem Augenblick erkennt Legolas mit seinen scharfen Elbenaugen sogar eine Art nebulöse ätherische Krone um Aragorns Stirn. Die Rohirrim sind völlig überwältigt von diesem Moment - sie erkennen das Schicksal, das hier am Werk ist und verstehen was da gerade passiert.
Tolkiens Welt funktioniert auf eine bestimmte Art, ihre Bewohner WISSEN das, es wird in Diskussionen über diese Welt aber in den seltensten Fällen berücksichtigt.Sauron wusste das übrigens auch, weshalb das auftauchen von Isildurs Erbe MIT dem neu geschmiedeten Schwert ein ganz besonderer Oh-Shit-Moment für ihn war. Sauron hatte vor Aragorn und dem was er verkörpert viel mehr Angst als vor Gandalf, Galadriel, Elrond und Glorfindel
zusammen.
Diese unterliegenden fundamentalen Dynamiken hat man im typischen EDO-Fantasy-Setting halt überhaupt nicht.