Ich habe nicht viel erwartet von Joe Wright's Cyrano, als Fan des Theaterstücks wollte ich ihn aber trotzdem schauen und habe wenigstens was fürs Auge erwartet. Das Musical, das hier verfilmt ist, hält sich im Grunde sehr dicht an Rostands Vorlage, ändert hier und da was und lässt vor allem Vieles weg. Das ist schon mal eines der Hauptprobleme des Films, denn wenn man nahe an der Vorlage bleibt, kann man eben nicht Vieles weglassen, ohne dass die Sache verhunzt wird. (...)
Oh! Mein wunder Punkt! Mir ging's ähnlich, auch wenn ich bislang das Stück nicht gelesen hatte/habe, sondern nur den Rappeneau-Film von 1990 kannte. Aber jener Film gehört zu meinen Allzeit-Film-Top5, daher schwankte ich bzgl der Neuverfilmung "Cyrano" zwischen Vorschusslorbeer fürs Werk und - noch viel eher - zu großer Skepsis, denn: Wie soll etwas Perfektes auch nur halbwegs erneut erreicht werden? Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich die 90er Verfilmung gleich zur deutschen Premiere an Weihnachten 1993 oder erst in einer der Wiederholungen in den dritten Programmen ab 1995 kennengelernt hatte. Ich war allerdings im Kino 1993 durch (die deutsche Synchro von) Much Ado About Nothing begeistert und fürs Versmaß aufgeschlossen worden. Und dann kam der dauergereimte "Cyrano de Bergerac", der mich staunend und überwältigt zurückließ und den ich seither wirklich oft geschaut habe. (Ich habe mich sogar in französischen Alexandrinern versucht, um das Schmachten eines DSA-SC darzustellen.) Als sich dann "kürzlich" die Neuverfilmung mit dem kleinen Mann als Cyrano grob vor mein Schmachtfenster schob, sprach ich zweifelnd zu mir: "Herrje, ich fürchte, den musst du bald gucken." Aber vielleicht werde es ja ein Feuerwerk und würdiger Nachfolger.
"Cyrano" wurde 2021 gedreht, als Inklusion mit dem Holzhammer verabreicht wurde. Und das hat dem Film leider geschadet. Übrigens: Dass Christian nun ein Schwarzer ist, ist dabei gar nicht das nennenswerte Detail. (Und ja, Christian hätte ein bisschen klüger sein können.) (Übrigens: Die jüngsten französischen Musketier-Neuverfilmungen der letzten drei Jahre lösen das auch sehr geschickt und ohne Penetranz.) Dieser Film stellt das Sichtbarmachen von Personengruppen über die filmische Qualität. Das hätte man echt anders lösen können. Was mich besonders aufregte:
1) Dass ein Mann mit überlanger Nase in der Fechtkunst überlegen ist, kann einfach so sein. Dass aber ein Mann mit formidablen körperlichen Einschränkungen in Größe, Beweglichkeit und Kraft der beste Fechter weit und breit sein soll, ist einfach nur gewollt. Tut mir leid, aber da es sich bei "Cyrano" mitnichten um einen Fantasy-Stoff handelt, schlug meine Suspension of Disbelief voll an. Ich könnte akzeptieren, dass er erstaunlich gut fechten kann, aber dann ist man schon nicht mehr in der Figur. Die Darstellung wird also schwierig. Man hätte einfach bei der Nase bleiben können, statt inklusiv zu adaptieren. Außerdem steht die Nase sowieso für ein Ausgrenzungsthema. Die Nase ist nun einmal das Thema, und der Stoff bietet diverse tolle Alexandriner dazu.
2) Die tanzenden Menschen in der Bäckerei sind allesamt schwarz und tanzen auf eine Weise (und stets schön betont mit schwarzer Haut und weißem Mehl), dass es sich nicht mehr organisch anfühlt. Das wirkt völlig aufgesetzt. Sollen sich dadurch etwa dunkelhäutige Personen gesehen fühlen? Dadurch? Wirklich? Das geht doch auch ... irgendwie ... besser?
3) Es geht an der Front um zwei Personen: Cyrano und Christian. Wir wissen alle, dass Christian beim nächsten eigenen Ansturm sterben wird, was die Tragik des Ganzen darstellt. Und in dieser Tragik steckt schon alles drin: die Niedertracht des Grafen, die tödliche Grausamkeit des Kriegs. "Cyrano" aber verliert den Fokus komplett, indem ich mir minutenlange Abgesänge [sic!] einzelner Soldaten anhören muss, die ihre Familie vermissen. Über Minuten bekommen da Gestalten ein Gesicht, die zur Geschichte absolut gar nichts beitragen. Die emotionale Tiefe ist auch so schon da und ich brauche in diesem Stoff keine versteckten Belehrungen über Weh und Ach der Welt. (Denn dazu schaue ich mir anderes an.)
Abseits der Holzhammerinklusion habe ich Probleme "Cyrano" als Musical. Musical-Filme, die derzeit leider in Mode sind, haben es bei mir ohnehin etwas schwer, wenn es nicht gerade das (originale) "We Will Rock You"-Musical ist, und ich oute mich als Banause, wenn ich sage, dass ich die besten Musical-Melodien im Zeichentrickfilm "die Eisprinzessin" - mit Elsa und Anna, yay! - gefunden habe, und dann dort in der deutschen Synchro (ich kenne auch das Original zu genüge), weil mE die Singstimmen besser als die amerikanischen sind. In "Cyrano" wurde ich von der Singerei nur selten berührt, aber klar, ich habe auch meinen großen 90er Bias: "Wieso können sie nicht einfach genau die gleichen Reime sprechen wie früher?!"

Naja, andererseits hätte ich bekennender Banause mich ja durch ein Musical auch positiv überraschen lässen können, wenn gemeinhin dazu schon die Stimmgewalt einer Blondbezopften beim Häuslezaubern genügen kann. Meine Latte liegt ja offensichtlich nicht sehr hoch. Aber Cyrano hat es nicht geschafft. Ich kann nicht behaupten: "Aber wenigstens die Musical-Teile sind beeindruckend."
Die Abschlusszene des 90er Films mit Roxane und Cyrano ist gigantisch. Nein, nicht gigantisch. Sie geht mir einfach unter die Haut, auch die musikalische Untermalung ist ein Volltreffer. Gewiss war ich beim 21er Film zu dem Zeitpunkt schon verloren, aber auch die Szene konnte ich nicht in gleichem Maße goutieren: "Yo, he's dead now." Ich müsste sie mir noch einmal anschauen, um in wohlfeile Worte fassen zu können, was der Szene für mich da abging.