Autor Thema: [AD&D 2.5E] Von Feuer und Düsternis – Erzählungen aus Euborea  (Gelesen 4292 mal)

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Offline Jenseher

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Einleitende Worte: Ich habe mich entschieden hier die Mitschriften unseres Spiels zu veröffentlichen. Die Mitschriften können dabei von verschiedenen Spielern angefertigt worden sein. Genauso kann das Spiel unter verschieden Meistern stattgefunden haben. Also wundert Euch bitte nicht, wenn sich der Erzählstil, wenn sich der Stil des Spiels oder wenn sich die Welt hier und dort ändert. Die Regel ist, dass bei uns die Spieler die Mitschriften selbst anfertigen (natürlich freiwillig).

Die Berichte gibt es leider nur ohne Bilder der Mitschriften, was schade ist. Ich besitze aber für die Bilder nicht die Urheberrechte.


Hier noch etwas zum Hintergrund und zu den Regeln, die wir verwenden:

System: AD&D 2nd Edition, Player’s Option (AD&D 2.5)
Verwendete Bücher: Player’s Handbook (TSR2159), Dungeon Master Guide (TSR2160), Skills and Powers (TSR2154), Combat and Tactics (TSR2149), Spells and Magic (TSR2163), Monstrous Manual (TSR2140), High Level Campaigns (TSR2156)
Schwierigkeitsgrad: Je nach Meister, leicht bis schwer
Charaktergenerierung: 84 +1d6 Punkte für die Attribute, frei in den Rassengrenzen verteilbar
Gesperrte Rassen: Alle Planescape Rassen
Gesperrte Klassen: Monk, Psionicist
Teilnehmende Charaktere: Siehe Spielbericht.
Gesperrte und veränderte Zauber: Haste, Disintegrate, Stoneskin, Find Familiar, Enlarge und Zauber aus dem „Cult of the Dragon“
Ort: Euborea (Prime Material World)

Und zu guter Letzt bitte ich Euch zu beachten: Die Darstellungen aus dem Spiel spiegeln in keiner Weise Moralvorstellungen oder Gesinnungen einzelner Spieler oder der Gruppe wider. Alle Charaktere, wie auch die Geschichte, sind natürlich fiktiv.​

/*** Edit ***/
Hier sind die Abenteuer zu den einzelnen Sitzungen:

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« Letzte Änderung: 23.12.2022 | 22:47 von FaustianRites »

Offline Jenseher

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Sitzung 01 - Der Anfang
« Antwort #1 am: 18.03.2022 | 22:10 »
Tief unten im Felsgestein herrscht die ewige Dunkelheit. Ein Reich seltsamer Farben und Geschöpfe eröffnet sich für jene, die die Dunkelheit durchblicken können. Wie ein weit verzweigtes Netz von Wurzeln ziehen sich Kavernen und Schächte. Was Wasser und erzwungener Wille fortlaufend formt, birgt gleichsam Reichtum und Leere, Kälte und Feuer, Leben und Gift sowie Hoffnung und Verderben.

Neire von Nebelheim richtete sich zitternd auf. Er war für sein jugendliches Alter von 15 Jahren groß gewachsen und von schlanker, anmutiger Gestalt. Er hatte ein Geräusch gehört und drehte seinen von langen gold-blonden Locken eingerahmten Kopf in die Richtung des steinernen Tunnels. In der Dunkelheit schimmerte seine weiße makellose Haut. Er war in Kleidung aus feinstem dunklen Chin’Shaar Leder gehüllt; ein roter Umhang mit schwarz-goldenen Stickereien bedeckte seine Schultern. Jetzt konnte er die Gestalt sehen, die sich ihm vorsichtig näherte. Neires Hand glitt von seinem Degen, den er hatte ziehen wollen. Es war der Söldner den er erwartete. Eine grobschlächtige Gestalt eines muskulösen Elfen trat ihm entgegen. Grünliche Augen waren in dem vernarbten Gesicht zu erkennen, an dem schulterlange silberne Haare fettig klebten. Besonders prominent wirkte das fehlende Ohr. Neire vernahm den säuerlichen Geruch von Bier und Schweiß, der von der mit Dolchen bewaffneten Gestalt ausging und erhob zitternd seine lispelnde Stimme: „Seid ihr… seid ihr der Söldner den ich erwarte?“

Seit einiger Zeit gingen Halbohr, so hatte sich der elfische Söldner vorgestellt, und Neire durch den Tunnel. Neire hatte einen Vertrag unterzeichnet, den ihm Halbohr mit einer drohenden Bestimmtheit reichte. Innerlich hatte Neire gezittert vor Wut, doch er hatte auch Angst vor dem Söldner. Zudem war sein neuer Begleiter nicht besonders gesprächig. Mehrfach hatte Neire bereits versucht ein Gespräch zu beginnen, das Halbohr mit barschen Kommentaren unterband. Der Tunnel wand sich mal aufwärts, mal abwärts. Die Zeit, die hier unten verging, war schwer abzuschätzen. Plötzlich drehte sich Halbohr um und suchte nach einer Felsspalte. Der Söldner hatte ein Geräusch gehört und duckte sich, um mit den Schatten zu verschmelzen. Auch Neire drehte sich um und versuchte sich hinter den Söldner zu ducken. Aus dem Gang hinter ihnen waren jetzt leise Schritte zu vernehmen. Eine Gestalt bewegte sich auf das ungleiche Paar zu; eine Gestalt, die nur schwer von den Schatten zu trennen war. Gehüllt in schwarze Kleidung, waren nur zwei gelblich schimmernde Augen unter der Kapuze zu sehen. „Tretet hervor und zeigt euch, oder Halbohr wird euch töten.“ Die lispelnde Stimme Neires durchbrach die angespannte Stille des Tunnels. Neire drückte zitternd Halbohr nach vorne. Jedoch entspannte sich die Situation, als die Gestalt die Hand von ihren Waffen entfernte und die Kapuze zurückzog. Es offenbarte sich ihnen ein nicht-menschliches Gesicht mit grauer Haut und spitzen Ohren; die Spuren von dunkelelfischer Abstammung waren zu sehen. Die Gestalt, die sich als Uthriel Al’Lael vorstellte, schien Neire und Halbohr nicht feindselig gesonnen zu sein und so entwickelte sich ein Gespräch. Ein Gespräch das alsbald abrupt unterbrochen wurde, denn der Gang begann leicht zu vibrieren; ein Knirschen und Knacken ging durch den Stein. In weiter Ferne konnte Uthriel das Strömen von Wasser vernehmen, das sich rasch näherte. „Kommt mit uns wenn ihr leben wollt.“ Die Worte von Halbohr hallten eindringlich durch den Gang, als er Neire unsanft packte und durch den Gang die Flucht ergriff. Weg von dem Geräusch, weg durch die bebende Erde.

Müde und erschöpft betrachteten die drei Streiter die gewaltige Höhle, die sich vor ihnen auftat. Stundenlang waren sie durch die Dunkelheit gelaufen und dem Tunnel gefolgt. Irgendwann hatten sie Uthriel verloren, doch er war wieder zu ihnen aufgeschlossen. Vor ihnen lag jetzt eine Höhle, die nicht gänzlich zu durchblicken war. Teils baumgroße Riesenpilze ragten hier und dort auf. Mit gezogenen Waffen bewegten sie sich vorsichtig an der rechten Felswand entlang. Immer wieder blickten sie sich hastig um. Von dem entfernten Wassergeräusch war schon lange nichts mehr zur hören gewesen. Sie hatten bereits die Hälfte der Höhle durchquert, deren Ende sie jetzt sehen konnten, als plötzlich Kampfesschreie um sie herum ertönten. Kleine Kreaturen, kaum größer als die Länge eines Schrittes, stürzten sich herab auf Neire, Halbohr und Uthriel. Sie waren mit kruden kleinen Waffen ausgerüstet. Ihre flachen Gesichter waren gekennzeichnet durch breite Nasen, spitze Ohren und weite Mäuler, mit scharfen kleinen spitzen Zähnen. Neire schrie vor Angst, als drei Angreifer auf ihn zustürmten. Er ging in die Defensive und sah aus den Augenwinkeln, wie Halbohr bereits mit schnellen Angriffen die ersten Gegner niederstreckte. Auch Uthriel führte wie Halbohr seine Waffen beidhändig mit tödlicher Präzision. Der Kampf wurde grimmig und mit äußerster Brutalität geführt. Als Neire zwei seiner Angreifer mit seinem Schlangendegen erstochen hatte, begann die Furcht, das Adrenalin sich in Übermut und Mordlust zu wandeln. „Halbohr, fangt mir eines dieser des Lebens unwürdigen Kreaturen“, rief er in einem Befehlston in der Sprache der Unterreiche. Doch Halbohr schien ihn nicht zu verstehen. Die Kreaturen ergriffen die Flucht und wurden größtenteils rücklings erstochen. Gerade wollte Halbohr zum tödlichen Stich auf die Gestalt ansetzen, die vor ihm gestolpert und halb in einer Felsspalte versunken war, als Neire seine Stimme erneut erhob. „Halbohr, bringt mir diese Kreatur lebend.“ Er sprach jetzt in der gemeinen Zunge, die Halbohr verstand. Gemeinsam drückten sie die fast wehrlose Gestalt auf den Stein, nahmen das Seil entgegen, das ihnen Uthriel reichte und begannen sie zu fesseln.

Der Goblin stammelte, brabbelte in einer unbekannten gutturalen Sprache. Er saß auf dem Boden, gefesselt an einen Riesenpilz. Sein Anblick erfüllte Neire mit einem tiefen Hass. Die fliehende Stirn, die dumm daher glotzenden Augen, die Angst die offensichtlich war. Neire strich sich seine Locken zurück und hob arrogant sein Kinn. Nein, keiner seiner Mitstreiter betrachtete ihn, würdigte seine Schönheit vor dieser abscheulichen Kreatur. Halbohr und Uthriel durchsuchten die Leichname nach Habseligkeiten. Hervor zog er seine linke Hand, die er bisher unter seiner gesegneten Robe versteckt hatte. Das Fleisch der Finger war jetzt verheilt, doch die Verbrennungen mussten grausam gewesen sein. Neire begann die Gestalt mit seiner linken Hand zu würgen, während er auf sie in der Sprache der Unterreiche einredete. Der Goblin stammelte weiter vor sich hin und wich seinem Blick aus; erregter als vorher. „Wer hat euch geschickt. Wer ist euer Herrscher?“ Nein, keine Antwort. Nur die Worte „Mutter“ und „Essen“ konnte er verstehen. Es schien zwecklos zu sein. Er stand auf und begann eine Fackel aus seinem Rucksack hervorzuholen. Alsbald begann das Licht des rußigen Feuers den unterirdischen Pilzwald zu erhellen. Lange Schatten formten sich. Schatten und Feuer, Feuer und Schatten. Neire nahm die Fackel und begann den Kopf der kleinen Kreatur zu entzünden. Schon schlugen die Haare Flammen hervor, die Gestalt fing an in Todesqualen zu schreien. Neire lächelte und dachte an die immerbrennenden Fackeln, die er im Palast entzündet hatte. Eine tiefe kindliche Freude erfüllte ihn. Feuer und Schatten, Schatten und Feuer. Der Ring, der ihm vermacht wurde, brannte schmerzhaft, aber wohltuend an seiner linken Hand. Er fühlte sich lebendig. Vergessen waren Qual und Trauer. Er dachte an die Runen im Feuer, an die Geheimnisse verborgen in den Schatten. Das Feuer glühte rötlich in seinen nachtblauen Augen.

Sie hatten im Pilzwald gelagert und begannen jetzt den Felstunnel zu erklimmen. Hier und dort mussten sie klettern, große Felsbrocken umgehen. Es ging fortan nach oben und die Luft begann langsam kühler zu werden. Eine Zeitlang ging das jetzt so. Gerade hatten sie eine Felswand überwunden, als sie vor sich eine kleine Höhle sahen. Der Tunnel endete dort. Sie konnten eine Leiter erkennen, die zu einer Öffnung in der Decke führte. Jedoch war die Öffnung durch einen Felsblock versperrt. Neben der Leiter war ein Hebel im Fels zu erkennen. Halbohr trat hervor, nickte seinen Mitstreitern wortlos zu und betätigte den Hebel. Der Fels über der Öffnung begann sich knirschend zu bewegen als er den Hebel betätigte, doch kaltes Wasser brach in Massen herab und flutete die Höhle. Als der Strom langsam abebbte begann Halbohr die Leiter hochzuklettern. Kühle Luft strömte ihm entgegen, Regen prasselte auf sein Haupt. Er blickte hinaus aus den Tiefen der Erde und sah über ihm einen wolkenverhangenen, bleiernen Himmel. Auf dem Block, der sich wegbewegt hatte, brannte eine bläuliche Flamme. Er war in einem kleinen Tümpel emporgestiegen, dessen Wasserstand nun in die Erde hinabgestürzt war. Um ihn herum sah er lichtes Gehölz, jetzt, im Regen und Zwielicht, undurchsichtig. Als er sich umdrehte, bemerkte er aus den Augenwinkeln ein rötliches Aufleuchten.​
« Letzte Änderung: 24.03.2022 | 21:54 von FaustianRites »

Offline Jenseher

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Sitzung 02 - Der Aufstieg
« Antwort #2 am: 21.03.2022 | 23:49 »
Zwischenwelten hatten schon immer eine besondere Anziehungskraft auf mich. Im Kraftgemenge der sich auf ewig verschiebenden Elemente entstehen und zerbrechen Mengen zu Untermengen. Die Ausprägungen sind vielfältig, gefährlich und wunderschön, folgen offensichtlich keinen Gesetzen und führen zu immer neuen Lebensbedingungen. Kulturen – seltsam und gewöhnlich – bizarr und erbarmungslos – blutrünstig und schaffend – kommen und gehen. Der suchende Geist scheint vom Wandel an seine Extreme gebracht. So erinnere ich mich zurück an meine Zeit in der obsidianenen Stadt. Gefangen zwischen Eis und Feuer, gehüllt in die Schatten des Dampfes und der rötlichen Flammen, lag sie seit Ewigkeiten unter dem großen Gletscher…​

Verborgen unter Nebeln und Eis, unbekannter Unterreichsforscher


Halbohr zog sich in den strömenden Regen hinauf. Der Ort, den er betrachtete, hatte etwas Magisches an sich. Es berührten sich Unterreich und Oberwelt hier. Er drehte sich um und versuchte kauernd das Zwielicht zu durchblicken. Um ihn herum lag der Morast des jetzt geleerten Tümpels. Dahinter konnte er kleine, von lichtem Wald bewachsene, Erhebungen sehen. Hügelgräber einer längst vergangenen Zeit? Als er sein narbiges, kantiges Gesicht in Richtung des kleinen Altars drehte, hörte er ein Geräusch in der Dunkelheit. Plötzlich konnte er rötlich glühende Punkte von Augenpaaren sehen, die sich im Morast auf ihn zubewegten. Er reagierte schnell, erhob sich in Kampfposition und zischte: „Kommt hinauf… ein Hinterhalt“. Keinen Moment zu spät hatte er sich bewegt, denn schon zischte ein schwerer bronzener Speer an ihm vorbei, der mit einem schmatzenden Geräusch im Schlamm versankt. Halbohr sah jetzt bleiche Knochen auf ihn zu waten. Sie trugen die Reste von zerbrochenen oder verrosteten Rüstungen. Archaische Helme bedeckten bleiche Schädel, in denen rotglühende Augenpaare voller Hass nach Leben hungerten. Ein Stück weit watete er selber in den Schlick und zog seine Dolche in Erwartung des nahenden Kampfes.

Uthriel und Neire folgten Halbohr hastig die Stufen hinauf. Gedämpft durch das Geräusch des prasselnden Regens waren deutlich Kampfgeräusche zu hören. Sie sahen die in einen dunklen Filzmantel gekleidete Gestalt von Halbohr, die nur schemenhaft erkennbar war. Eine Handvoll Skelette hatte den Söldner bereits umringt; weitere rückten nach. Neire blickte abwechselnd in die Tiefe des Schachtes, abwechselnd zu den Kreaturen. Sie würden ihnen bestimmt nicht folgen, unter die Erde. Zurück in die sichere Dunkelheit… Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Eine skelettene Gestalt bedrängte jetzt auch ihn. Er duckte sich unter dem Schlag hinweg und vernahm den Geruch von Erde und Fäulnis. Neben ihm hatte Uthriel bereits eine der Kreaturen zu Fall gebracht. Seine schwarze Kleidung war mit Schlamm und Dreck besudelt; er stand fast knietief im Morast. Nur ab und an war sein nicht-menschliches Gesicht zu sehen. Im Zwielicht funkelten seine gelblichen Augen auf. Die drei Gefährten drängten sich jetzt Rücken an Rücken. Sie versuchten ihr Gleichgewicht zu bewahren und zur selben Zeit gezielte Angriffe auszuführen. Unermüdlich stachen sie zu; wieder und wieder durchschnitten ihre Klingen die Luft und trafen auf bleiche Knochen. Die Knochen der lebenden Toten schienen hart zu sein; hart wie verwitterter Stein.

Als der Steinblock samt blauer Flamme sich zu bewegen begann überkam Neire die Angst. Er wollte zurück, hinab in die Tiefe, in die Sicherheit. Er stieß das Skelett mehrfach von sich, das ihn bedrängte. Dann blickte er in Tiefe. Doch der Steinblock hatte sich bereits geschlossen. Der Rückweg war versperrt, der Tunnel nicht mehr zu sehen. Verzweifelt stieß Neire seinen mit Schlangenmustern verzierten Degen nach vorne. Der zum Kopf geführte Schlag bohrte sich durch das rot-glühende Auge des Skeletts und er hörte den Schädel knacken. Die Kreatur sank vor ihm im Morast nieder. Er sah keine weitere feindselige Gestalt in seiner direkten Nähe und drehte sich blitzartig zu Halbohr um. „Was sollten wir tun? Halbohr, … Halbohr, gebt Befehle!“ Der Söldner drehte sich nicht um zu ihm, doch er hörte die Stimme Halbohrs ihm antworten. „Bringt euch in Sicherheit, dort die Anhöhe… Ich werde euch folgen.“ Neire konnte zwar nicht sehen wo der Söldner hingezeigt hatte, doch er begann durch den Morast zu waten. Er schaute sich um, aber keine der Kreaturen war hinter ihm her. Als er sich bereits die Böschung hinaufzog hörte er den Schmerzschrei von Uthriel. Er blickte abermals zurück. Wasser lief in seine Augen und er keuchte. Halbohr kam bereits auf ihn zu. Verschwommen sah er Uthriel die verbleibenden Kreaturen bekämpfen. Er musste wohl verletzt worden sein. Neire zog sich weiter durch Matsch und Gras den Abhang hinauf, richtete sich auf und begann sich umzublicken. Die Bäume um ihn herum glänzten dunkel im Zwielicht des prasselnden Regens. Er konnte keine Bewegung ausmachen. Hinter sich hörte er Halbohr bereits den Abhang hochklettern. Neire sah wie der Söldner sich zu Uthriel umdrehte und hörte seine Stimme: „Uthriel, folgt uns, wenn ihr leben wollt.“ Neire kauerte sich unter einen Baum und betrachte den dunklen Wald. Er spürte, dass Halbohr neben ihm aufgeschlossen war. Gemeinsam blickten sie in die Dunkelheit, suchten nach einem möglichen Pfad. Plötzlich sah Halbohr zwischen den Bäumen weitere rötliche Augenpaare aufleuchten. Sie näherten sich ihnen rasch. Diesmal mussten sie kämpfen. Halbohr stellte sich fünf weiteren Skeletten. Neire versuchte derweil die Gestalten zu umgehen und von hinten anzugreifen. Erneut entbrannte ein Kampf. Als der verletzte Uthriel zu ihnen stieß, begann sich langsam das Blatt zu wenden. Gemeinsam streckten sie schließlich die letzte Gestalt nieder. Erst jetzt sahen Neire und Halbohr, dass Uthriel aus zwei tiefen Wunden blutete.

„Habt ihr Angst vor dem Feuer?“ Neire hatte sich zu der an einem Baumstumpf ruhenden Gestalt von Uthriel hinabgebeugt; seine leise lispelnde Stimme war kaum zu hören im Geräusch des Regens. Als Uthriel mit fragendem Blick seinen Kopf zu Neire wendete, begann der Jüngling zu lächeln. „Die Macht meiner Göttin fließt durch mich. Sie heißt Heria Maki. Sie ist Feuer, wie sie Schatten ist.“ Die weiße glatte Haut Neires glitzerte im Zwielicht; Ströme von Wasser liefen über sein Gesicht, tropften von seinen hellen, gelockten Haaren herab. Bevor Uthriel antworten konnte, führte Neire weiter aus: „Ich kann euch helfen, helfen eure Wunden zu schließen. Doch ihr müsst das Feuer akzeptieren, …, so sagt, habt ihr Angst vor dem Feuer?“ Uthriel schien einen Moment zu zögern. Doch er begann den Kopf zu schütteln, „Nein, ich habe keine Angst vor Feuer.“ Einen Augenblick schien die Zeit einzufrieren, im prasselnden Regen. Dann weitete sich das Lächeln Neires zu einem überzogenen Grinsen. Seine in der Mitte gespaltene Zunge fuhr über seine perfekten Zähne, als wolle er den Regen aufsaugen. Neire zog seinen linken Arm unter seinem jetzt durchnässten Umhang hervor. Er legte das vernarbte Fleisch der grausam verbrannten Hand behutsam auf die Wunde von Uthriels Seite. Seine rechte Hand begann seltsame Runen in die Luft zu zeichnen. Schlangenartige Laute der Beschwörung wurden vom Regen verschluckt. Einen kurzen Moment meinte Uthriel einen rötlichen Schimmer in den Augen von Neire zu sehen. Wie glühende Magma, durchzogen von schattigen Furchen. Dann kam der Schmerz. Wie Feuer schoss es durch seine Seite. Als ob glühender Stahl die Wunde berührte. Uthriel begann zu zittern, doch er zog die Zähne zusammen. Er spürte eine tiefe, sich chaotisch wandelnde, Macht in ihn eindringen. Als Neire von ihm abließ hatte sich die Wunde fast vollständig geschlossen.

Als die merkwürde Gruppe sich völlig durchnässt unter dem gewaltigen Baum niederließ, war das Zwielicht nicht gewichen. Sie waren einige Stunden querfeldein marschiert. Halbohr hatte die Richtung angegeben. Sie waren auf und ab gegangen, durch die von kleinen Hügeln durchzogene Landschaft. Keine weiteren Skelette waren ihnen begegnet und irgendwann hatten die Worte von Neire das Rauschen des Regens durchbrochen. Wieder und wieder hatte er Halbohr mit seinen Fragen belästigt. Ob er schon einmal einen Menschen umgebracht hätte; ob es ihm Spaß bereitet habe. Ob er bereits gefoltert hätte. Schließlich war Halbohr in Stille verfallen – dem Söldner war das Unbehagen anzusehen gewesen, doch er hielt sich stoisch an seinen ausgehandelten Vertrag. Als Neire seinem Unmut, seiner schlechten Laune freien Lauf ließ, hatte sich schließlich Uthriel eingemischt und Neire zur Stille ermahnt. Das hatte gewirkt. Jetzt kauerten sich die drei Streiter an die alte knorrige Eiche, die ihnen wenigstens ein wenig Schutz vor dem Regen gab. Sie nahmen wortlos ein karges Mahl ein. Das Gespräch, welches sie geführt hatten, nachdem Uthriel den Baum hinaufgeklettert war, war verstummt. Nur Wald und Hügel hatte er gesehen. Ein Land, begraben unter Zwielicht und überschüttet von Regen. Wortlos hüllten sie sich in ihre Wanderdecken und versanken in ferne Gedanken und unruhige Träume.​
 

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Sitzung 03 - In Regen und Dunkelheit
« Antwort #3 am: 24.03.2022 | 21:57 »
Neire kniete auf dem moosbewachsenen nassen Waldboden. Er hatte seinen Oberkörper entblößt, um sich in einer Pfütze zu waschen. Gerade blickte er selbstverliebt in das Spiegelbild, das er im Wasser sah und das durch den Regen immer wieder verzerrt wurde. Er war schlank, anmutig und drahtig; sein jetzt nasses, gelb-goldenes Haar fiel in Locken von seinem Kopf und umrahmte seine hohen Wangenknochen, seine gerade Stirn. Seine milchig weiße Haut schimmerte im diffusen Zwielicht. Sein gesamter linker Arm war jetzt entblößt und jeder konnte es sehen. Neire schaute sich kurz um und sah tatsächlich, dass Uthriel seinen Arm betrachtete. Bis einschließlich zur Schulter führten die grauenvollen Verbrennungen, die die Haut dunkel vernarben hatten lassen. Doch dort sah er auch das rötliche Funkeln. Die drei Fingerkuppen-große Rubine waren symmetrisch in die Haut seiner linken Schulter eingelassen und mit dem Fleisch verwachsen. Auch jetzt erfüllte Neire eine freie und ungebundene Freude, als er die drei Herzsteine betrachtete. Er blickte in das Wasser der Pfütze und begann wie in alter Gewohnheit nach den Runen zu suchen. Doch kein Glühen sah er, nur Dunkelheit und Schwärze. Bevor die Traurigkeit, die Sehnsucht erneut in ihm aufkam, raffte er sich auf. Er musste ein Gebet zu seiner Göttin sprechen.

Es wurde langsam dunkler, als Neire auf seine beiden Gefährten zuschritt. Er trat heran zu Uthriel, der sich unter die knorrige alte Eiche kauerte. Sie hatten alle eine unruhige Rast verbracht. Nur wenig Unterschlupf hatte der Baum geboten. Jetzt waren Kleidung und Decken bis auf die Knochen durchnässt. Von Uthriel waren im Zwielicht nur schattenhafte Umrisse zu erkennen. Gelbliche Augen schimmerten unter der Kapuze seines Mantels; seine dunkle Haut und die feinen Gesichtszüge ließen sein zu Teilen dunkelelfisches Blut erahnen. „Uthriel, seid ihr noch verletzt?“ Uthriel vernahm den süßlich-modrigen Geruch des seltsamen Parfüms, das Neire nach dem Waschen aufgetan hatte. Er nickte wortlos und deutete auf seine Seite, wo der dunkle Fleck von Blut unter dem Verband zu erkennen war. „Ich kann euch erneut die Macht meiner Göttin zukommen lassen, doch sie verlangt eine Gegenleistung. Lasst uns zusammen ein Gebet sprechen.“ Das Prasseln des Regens überdeckte die Stille, die in diesem Moment eintrat. Uthriel schien einen Moment zu zögern. Dann nickte er. „Gut, so soll es sein. Sprechen wir das Gebet zu Ehren der Göttin.“

Neire und Uthriel hatten sich beide auf das nasse Moos gekniet. Neire hatte seine linke Hand auf die Wunde gelegt und blickte ernst in die Augen von Uthriel. „Sprecht mir nach Uthriel, zu Ehren der Göttin.“ Der Regen fiel weiter in Strömen herab, als Neire zu sprechen begann. Das schattenhafte Licht hatte sich in eine rabenschwarze Nacht aufgelöst.

„Preiset die schwarze Natter, als Abbild unserer Göttin. Weinet nicht um die verglimmenden Feuer, weinet nicht um die erlischende Glut. Denn die Dunkelheit birgt ihre Ankunft. Schatten ist das Licht unserer Göttin und Flammen der Morgen ihrer Heiligkeit.“

Uthriel sprach die Worte Satz für Satz nach. Er blickte in Neires Augen und sah jetzt deutlich das rötliche Schimmern, das sich dort gebildet hatte. Wie funkelnde Magma, durchzogen von dunklen Rissen. Er spürte den Schmerz, wie von glühendem Eisen in seine Seite eindringen. Doch abermals fühlte er die chaotische Macht, die ihn durchflutete. Wie das Aufbrausen einer Feuersbrunst, wie flüsternde, wabernde Schatten. Seine Wunden begannen sich auf wundersame Weise zu schließen. Auch Neire spürte die Macht, doch ein sonderbares Brennen ging von dem Ring aus, den er an seiner linken Hand trug. Es war, als ob sich die silbernen Venen in dem schwarzen Stahl des Rings verformen würden. Ein leichtes Glühen war zu sehen, ein Schatten, der sich ausbreitete. Neire sah, dass sich eine neue Rune geformt hatte, die er kannte. Es war die Rune des mächtigen Dieners. Jetzt erhob sich Neire und trat auch zu Halbohr heran. Der grobschlächtige elfische Krieger mit dem silbernen Haar betrachtete mit weit geöffneten Augen die Dunkelheit des Waldes. Erkennbar waren die vielen Narben, die Halbohr als Erinnerung an vergangene Kämpfe trug. „Halbohr, ich sehe ihr seid verletzt. Meine Göttin, Heria Maki, kann auch euch helfen.“ Neire lächelte Halbohr generös zu. Als Halbohr zustimmend nickte, legte Neire seine Hand auf die Wunde und begann alte Gebete in einer seltsamen Sprache zu zitieren. Seine gespaltene Zunge brachte zischelnde Laute hervor. Doch nach kurzer Zeit brach der Jüngling ab und begann höhnisch zu lachen. „Das habt ihr davon Halbohr. Die Macht der Göttin wirkt bei euch nicht. So lange, wie ihr euch wie ein Schwächling hinter dem Vertrag versteckt, kann ich euch nicht helfen. Verbrennt den Vertrag als ein Opferzeichen und ich kann euch helfen.“ Natürlich hatte Neire die Täuschung geplant und Halbohr in die Irre geführt. Er hatte überhaupt nicht versucht die Macht der Göttin zu beschwören. Doch Halbohr schien ihm zu glauben. „Ich werde den Vertrag nicht verbrennen, er dient zu meiner Absicherung.“ Als Neire Halbohr antworten wollte, hörten die Gefährten einen entfernten Schrei leise durch den Wald hallen. Sie konnten nicht sagen, wie weit der Schrei weg war. Er hörte sich zuerst wie der eines Raubvogels an, doch wurde dann zu einem halbmenschlichen. „Wartet hier, ich werde dem Schrei nachgehen“, sagte Halbohr flüsternd und kaum durch den Regen zu erhören. Neire und Uthriel nickten zustimmend, zogen leise ihre Waffen und blickten dem Elfen nach, der schleichend in die Dunkelheit verschwand.

Halbohr bewegte sich leise durch die schwarze Nacht. Er mied größere Pfützen und umgestürzte Bäume. Weiter in die Richtung, wo er das Geräusch gehört hatte. Bald schon konnte er Kampfeslärm hören. Die Sicht auf das Geschehen wurde ihm durch einen umgestürzten Baum genommen. Er schlich sich im toten Winkel der aufragenden Wurzel weiter auf das Geräusch zu. Die Dunkelheit konnte er mit seinen elfischen Augen durchblicken. An der Wurzel ging Halbohr in Deckung und lugte vorsichtig hervor. Er sah im Regen das Aufglimmen von rötlichen Augen. Eine Reihe von Skeletten hatte einen, in eine Lederrüstung gehüllten, Krieger umzingelt. Neben den humanoiden Skeletten, die Speere und Rüstungsteile trugen, sah er außerdem tierische Kreaturen aus bleichen, vermoderten Knochen, die einst wohl große Hunde oder Wölfe gewesen sein mussten. Halbohr beobachtete die Szenerie und entschied sich abzuwarten. Der Kampf entwickelte sich gegen den Krieger. Sein Oberschenkel wurde von einem Speer durchbohrt und er stürzte zu Boden. Schon drangen die tierischen Skelette auf ihn ein. Der Krieger versuchte sich noch einmal aufzuraffen, stieß einen Schmerzensschrei aus. Dann brach er hernieder und sein Körper begann wild zu zucken. Die Skelette drangen weiter auf ihn ein, als würden sie nach jedem Funken kostbaren Lebens, nach jedem Tropfen Blut lechzen. Halbohr hielt sich verborgen und entschied weiter abzuwarten. Abzuwarten, bis die Kreaturen von der Leiche abließen. Doch wieder und wieder stachen die Speere zu; wieder und wieder rissen die Hunde Stücke von Fleisch aus der Gestalt. Plötzlich zuckte Halbohr zusammen als er eine Hand auf seiner Schulter spürt. Als er sich umdrehte, hörte er die zischelnde Stimme Neires. „Was ist mit der Gestalt, lebt sie noch? Sollen wir eingreifen?“ „Nein, wartet ab Neire. Ich werde mich von rechts anschleichen,“ antwortete der Söldner. Neire kauerte sich jetzt an die Stelle an der Halbohr verweilt war. Auch Uthriel war mit Neire den Geräuschen nachgegangen. Er versteckte sich hinter einem knorrigen Baum. Neire und Uthriel sahen die Gestalt des Söldners durch die Dunkelheit in Richtung des Kampfes huschen. Als sich Halbohr in Position gebracht hatte, näherten sich auch Neire und Uthriel aus verschiedenen Richtungen. Halbohr startete den Überraschungsangriff aus der Dunkelheit und rammte seinen Dolch von hinten in den Schädel einer Kreatur. Die Kreatur begann niederzusinken, das rötliche Glühen verschwand aus den Augen. Doch jetzt begannen sich die verbleibenden Kreaturen Halbohr zuzuwenden. Ein wilder Kampf entbrannte, als auch Neire und Uthriel sich auf die Skelette stürzen. Hin und her wogten die Angriffe, die die Streiter ausführten. Einige der Skelette wendeten sich nun Neire und Uthriel zu. Als einer der Speere Neire in der Brust traf, erfüllte sein heller Schrei den Kampfplatz. Doch sahen Neire und Uthriel wie Halbohr von zwei Speeren durchbohrt wurde und mit einem grimmigen Gesichtsausdruck zu Boden ging. Die beiden Streiter standen jetzt alleine gegen die verbleibenden Skelette. Sie konnten nicht sehen, ob Halbohr noch lebte.

Mit einem kräftigen Hieb seines Langschwertes trennte Uthriel den Kopf des Hundeskelettes ab. Das das letzte Paar glühender Augen verglimmte. Neire und Uthriel blickten sich rasch um. Es waren keine weiteren Gestalten mehr zu erkennen. Zwischen den verrotteten bleichen Knochen sahen die beiden die leblose Gestalt von Halbohr im Regen liegen. Er hielt noch immer seine beiden Dolche umklammert, sein grimmiges Gesicht war mit Blut bedeckt. Neire näherte sich Halbohr und kniete nieder. Er legte die leicht gewellte Klinge seines Degens mit dem von Schlangen verzierten Griff auf den Boden und prüfte seinen Gefährten nach Lebenszeichen. Ein schwacher Puls war noch zu erfühlen, jedoch sah Neire einen Blutstrom aus einer der Speerwunden strömen. Er begann ein Leinentuch aus seinem Rucksack zu holen und die Wunde zu verbinden. Seine Gedanken waren jedoch bei dem Vertrag, der seiner Meinung nach ihn knechten, seinen Geist unterwerfen sollte. Neire dachte zurück an die Gemächer des Turmes von Trellentorm, an die er sich nur noch verschwommen erinnern konnte. Da war es wieder, …, das Hämmern des glockenartigen Nachhalls in seinem Schädel. Ich muss ihn finden, …, muss ihn finden und vernichten. Ist das meine Aufgabe, ist das das Schicksal der Stadt? Neire drehte den Körper Halbohrs um. Er vernahm den süßlichen Geruch von Schweiß, der von dem elfischen Söldner aufstieg. Seine Hände waren noch mit dem Blut Halbohrs bedeckt, als er in dessen Rucksack nach dem Schriftstück zu suchen begann. Schließlich zog er mehrere Siegeldokumente hervor, unter denen er auch den Vertrag sah. Wut flammte in Neire auf. Er nahm das Stück Papier, schloss seine Augen und dachte an das brodelnde Magma und die sich ewig wandelnden Runen aus Schatten. Er beschwor die Macht seiner Göttin, so wie die Priester es ihm gezeigt hatten. Doch jetzt begann sich die Flamme tatsächlich zu formen. Wilde Freude erfasste ihn, als er sah wie das magische Feuer aus seiner linken Hand aufstieg. Er nahm den verhassten Vertrag und führte ihn dem Feuer seiner Göttin zu. Schon bald begannen sich die Seiten in Rauch und Asche aufzulösen.

Neire erhob sich und blickte zu Uthriel. „Habt ihr etwas gefunden?“ Uthriel hatte die Überreste der Skelette untersucht und den Inhalt des Rucksacks offenbart, den der jetzt tote Krieger bei sich trug. Neire betrachte die Gegenstände, unter denen er nichts besonders Wertvolles ausmachen konnte. Schließlich sah er die Rolle einer Kordel und es kam ihm eine Idee. Er musste grinsen. „Uthriel, …, Halbohr hat heute nicht sein Wort gehalten. Er wollte mich beschützen, doch er wurde von diesen Kreaturen niedergemacht. Nur die Macht meiner Göttin konnte ihn vor dem sicheren Tod bewahren.“ Uthriel blickte Neire fragend an. Er war noch immer über den Inhalt des Rucksacks gekniet: „Was wollt ihr mir sagen Neire, worauf wollt ihr hinaus?“ Neire trat zu Uthriel und nahm die Kordel und eine Sichel an sich, die der tote Krieger trug. „Wartet Uthriel, …, wartet; ihr werdet es schon sehen.“ Neire führte die Sichel zum Leichnam hinab und begann eines der Ohren des unbekannten Kriegers abzuschneiden. Die Haut war merkwürdig ledrig und widerstand den ersten Schnitten. Als er das Ohr abgetrennt hatte, trat er zu Halbohr und fing kindlich an zu lachen. Er erinnerte sich zurück an die guten Zeiten; als sie als Kinder der Flamme ihre schlafenden Kameraden geneckt hatten; als sie ihnen obszöne Symbole ins Gesicht gemalt hatten. Er nahm das abgetrennte Ohr und die Kordel und legte die Narbe an Halbohrs Kopf frei. Als er die silbernen Haare zur Seite gerafft hatte, drückte er das blutige Stück Fleisch auf die Stelle des fehlenden Ohrs und begann die Kordel um den Kopf zu binden. Höhnisch grinsend richtete er sich auf und blickte zu Uthriel: „Von heute an könnte er Zweiohr oder Vollohr heißen. Was meint ihr Uthriel?“

Neire und Uthriel begannen durch den Wald zu laufen. Sie hatten Geräusche aus dieser Richtung gehört; Geräusche von den sie glaubten, dass sie leiser wurden. Die Furcht, dass sie etwas belauscht hatte, trieb sie an. Sie hatten Halbohr im Regen liegengelassen und waren vorsichtig in die Schwärze der Nacht vorgedrungen. Als sie die Spuren gefunden hatten, waren sie sich sicher; jemand hatte sie beobachtet und flüchtete jetzt. Dann waren sie schneller und schneller gelaufen. Hatten hier und dort angehalten und gehorcht. Gerade hatten sie einen kleinen Hügel überquert, als sie verschwommen Bewegungen sahen. Vor ihnen flüchteten kleine Humanoide Gestalten, die von Moos und Flechten überwachsen waren. In ihrer Mitte war eine pflanzenartige Kreatur, in der Größe eines Hundes erkennbar. Keinen Kopf konnten die beiden ausmachen; als würde eine aus Dornenranken gewachsene Pflanze wandeln. „Halt!“ Neires Stimme durchbrach das gleichförmige Geräusch des Regens. Beide Streiter hatten ihre Waffen gezogen. Die Kreaturen verlangsamten ihre Flucht und drehten sich um. Doch Neire und Uthriel hörten einen schrillen hohen Schrei des Pflanzenhundes, als die Gestalten zum Angriff ansetzen. Ein wilder Kampf entbrannte, in dem die Klingen von Uthriel und Neire anfangs die Ranken der wandelnden Pflanze nicht durchdringen konnten. So konzentrierten sie sich auf die Humanoiden und töteten einen nach dem anderen. Als sie schließlich die Pflanze umzingelt hatten, durchschnitt das Langschwert von Uthriel den Rankenpanzer und zerteilte die Kreatur. Einen weiteren der flüchtenden Humanoiden machen sie rücklings nieder. Sie untersuchten noch die Leichen, doch dann kam ihnen der Gedanke: Wo war Halbohr? Im Eifer des Gefechts hatten sie die noch immer bewusstlose Gestalt liegengelassen. Hastig machten sich die beiden auf den Rückweg.​

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Sitzung 04 - Feuer und Geborgenheit
« Antwort #4 am: 28.03.2022 | 21:14 »
Der Wald war in Dunkelheit getaucht. Das an Laub- und Nadelbäumen hinablaufende Wasser schimmerte. Strömender Regen ließ hier und dort Rinnsale und Pfützen entstehen. Ein Schleier von Nässe betäubte die Sinne und wurde regelmäßig unterbrochen von größeren Tropfen, die sich aus dem Unterholz lösten. Die ungleichen Gefährten hatten sich am Kampfplatz versammelt. Um sie herum waren neben den Überresten von Skeletten ein frischer Leichnam zu sehen; ein Krieger mit blutbefleckten blonden Haaren. Sein Gesicht war nicht mehr zu erkennen. Eingeschlagen war sein Schädel, zerfetzt sein Brustkorb, abgetrennt war ein Ohr, geplündert seine Habseligkeiten.

Halbohr hustete Blut, als er zu Bewusstsein kam. Schmerzen überall. Irgendetwas drückte auf die Narbe seines vor langer Zeit verlorenen Ohres. Seine grünlichen Augen erfassten verschwommen die Umgebung. Direkt vor ihm sah er das Gesicht des schönen Jünglings, das fast sein gesamtes Sichtfeld versperrte. Neire hatte sich zu Halbohr niederkniet und ihm kleine Ohrfeigen geben. Als der elfische Söldner aufwachte, lächelte Neire ihn an. Obwohl Neire sein Bestes tat um fröhlich auszusehen, sah man ihm doch die Strapazen der vergangenen Tage an. Der Regen und die Kälte begannen nicht nur ihm zuzusetzen. Halbohr jedoch war dem Tode immer noch nahe. Seine Arme zitterten als er vorsichtig nach seinem Ohr tastete. Seine Stimme war vielmehr ein Flüstern: „Was ist passiert.“ „Ihr wart dem Tode nahe“, antwortete Neire. Er legte einfühlsam eine Hand auf Halbohrs Schulter. „Nur mit der Kraft meiner Göttin konnte ich euch zurückholen.“ Er ließ einen Augenblick zwischen den Worten, die er wählte. „Zuerst war meine Kunst wirkungslos, doch dann, …, doch dann konnte ich euch helfen.“ Seine Stimme kam ins Stocken, sein Lispeln und der starke Akzent einer fremden Sprache waren jetzt besonders deutlich zu hören. „Meine Göttin forderte Tribut; der Vertrag musste sich in Flammen auflösen.“ Neire versuchte so freundlich wie möglich zu wirken, doch der elfische Söldner ächzte auf, knirschte mit den Zähnen. „Auch wenn Schrift vergangen ist, haben die Worte bestand,“ flüsterte Halbohr gegen den Regen. Neire schüttelte energisch seine nassen gold-blonden Locken und erwiderte: „Nein, alles was IHREN Flammen übergeben wurde, existiert nicht mehr. Solange Ihr Euch an Gesetze klammert, werdet Ihr schwach bleiben.“ Er führte weiter fort. „Wendet Euch IHR zu, nur so kann ich Euch beim nächsten Mal helfen.“ Halbohr blickte Neire hasserfüllt an. „Vielleicht wird es kein nächstes Mal für Euch geben.“

Uthriel beugte sich über den Rucksack des toten Kriegers und suchte weiter nach geheimen Fächern. Das Leder war nass und schwer. Er beachtete Halbohr und Neire nicht weiter. Als er ein fein gearbeitetes spitzes Jagdmesser hervorzog, blickte er auf und hörte Halbohr durch den Regen zischen. „Was ist das? Wer hat das gemacht?“ Halbohr hatte das blutige Ohr samt der Kordel von seinem Kopf gelöst und hielt es vor sich. Neire war aufgestanden und wich vorsichtig über die Reste der Skelette zurück. „Wir, wir dachten es würde euch helfen, …, vielleicht anwachsen... Im Unterreich gab es Heiler, die abgetrennte Gliedmaßen anwachsen lassen konnten. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“ Halbohr blickte Neire immer noch feindselig und ungläubig an, ließ sich dann aber erschöpft zurücksinken und schloss seine Augen. Er sah nicht, dass Neire sich zu der Gestalt des toten Kriegers herabgebeugt hatte.

Neire betrachtete den Kopf des blonden Mannes. Wie hatte wohl das Gesicht einst ausgesehen? Gleichzeitig war er geekelt und doch fasziniert von der roten Suppe aus Haut, Knochen und Zähnen. Eines der Augen war hervorgequollen und betrachtete ihn unentwegt. Regenwasser strömte hinab und vermischte sich mit dem Blut. Er bewegte einige der Knochenplatten, indem er seine Finger eindringen ließ. Darunter kam Gehirnmasse hervor. Seine Gedanken schweiften zurück in eine jetzt ferne Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die er in den letzten Tagen verdrängt hatte. Fackelschein und Gerüche von seltsamen Gewürzen. Chin’Shaar Fleisch. Als besondere Delikatesse hatte er davon gekostet. Einmal gab es sogar einen halb-geöffneten Schädel mit rohem Chin’Shaar Gehirn. Er hatte sich damals nicht getraut davon zu kosten. Versunken in Gedanken hatte Neire bereits eines der Gehirnstücke in seinen Mund geführt. Er vernahm den Geschmack von Eisen als er zu kauen begann.

Sie waren eine lange Zeit den Spuren durch die Dunkelheit und den Regen gefolgt. Neire hatte immer wieder versucht Halbohr aufzumuntern. Doch Halbohr hatte nur schmerzhafte Laute von sich gegeben. Dem elfischen Söldner schien es immer schlechter zu gehen. Irgendwann war der Wald dichter geworden und Halbohr hatte begonnen zu schwanken, zu stolpern. Neire hatte versucht ihn zu stützen, doch Halbohr hatte sich nicht helfen lassen. Schließlich war er gestürzt und Neire und Uthriel hatten ihn rückwärts an einen Baum gesetzt. Halbohr hatte gezittert und war kaum noch ansprechbar gewesen. Er schien zu fiebern. Neire und Uthriel hatten dann vereinbart, dass Uthriel den Spuren weiter folgen sollte. Eine lange Zeit war Uthriel jetzt schon fort und Neire hatte aufgehört auf Halbohr einzureden. Zudem hatte er in Halbohrs Augen etwas Grünliches gesehen, wie die Spuren von Moos. Er grübelte gerade, ob er den Begleiter mit dem Teil dunkelelfischen Blutes jemals wiedersehen würde, als er eine Stimme aus dem Wald hörte. „Neire, Halbohr, eine Hütte, …, verlassen und nicht weit von hier. Kommt…“

Sie waren Uthriel durch den Wald gefolgt, bis an einen Abhang. Neire und Uthriel hatten Halbohr unter den Armen gepackt und ihn durch den Wald gezogen. Hinter dem Abhang hatten sie die kleine Jagdhütte gesehen. Das Holz des Spitzdaches schimmerte nass in der Dunkelheit. Wie Uthriel gesagt hatte, schien die Hütte verlassen, aber nicht unbewohnt zu sein. Neire und Uthriel hatten schließlich die verschlossene Türe aufgerammt. Im Inneren hatten sich ihnen ein kleiner Ofen, zwei Stuben und eine karge, aber nützliche Einrichtung offenbart. Sie hatten die Räume durchsucht und Uthriels wachsame Augen waren auf eine geheime Falltür, unter einem Bett einer der Stuben gestoßen. Stufen hatten sie hinabgeführt in zwei aus dem Felsen geschliffene Kellerräume. Eine Quelle, Vorräte und die Spuren von Ausweidungen hatten sie aufgefunden. Schließlich waren sie mit Vorräten nach oben zurückgekehrt und hatten die Geheimtüre hinter sich verschlossen. Jetzt brannte ein kleines Feuer in dem gusseisernen Ofen; in einem Kochtopf brutzelte eine Suppe aus Trockenfleisch und Pilzen. In Halbohr war langsam wieder etwas Leben zurückgekehrt. Doch er konnte sich kaum noch wachhalten. Er hatte sich wortlos in einen der kleineren Räume zurückgezogen und war in seiner nassen Kampfausrüstung auf dem Strohlager niedergesunken. Die Flammen des Feuers spielten jetzt mit den Schatten. Eine wohlige Wärme hatte sich in dem Raum verbreitet in dem Neire und Uthriel saßen. Neire betrachtete Uthriel. Er sah das Gesicht mit der steingrauen Haut, den spitzen Ohren. So lange er auch grübelte, er konnte das Alter seines Begleiters nicht abschätzen. Uthriels gelblich schimmernde Augen wirkten nicht müde. Im Gegensatz zu Halbohr schien er Neire erfahrener und robuster zu sein. Zudem hatte er mit Neire das Gebet zu seiner Göttin gesprochen. Ich sollte ihm von der Göttin erzählen, ihren wahren Namen nennen. Vielleicht ahnt er es schon. Er scheint aus dem Unterreich zu kommen. Neire blickte in Richtung des Raumes in dem Halbohr schlief. Von dort hörte er leise Schlafgeräusche. „Uthriel ich muss euch etwas erzählen, etwas anvertrauen. Könnt ihr ein Geheimnis behalten?“ Uthriel betrachtete seinen Gegenüber. Neires lange Locken waren getrocknet und glänzten rot-golden im Lichte der Glut. „Ich kann ein Geheimnis behalten. Was ist es? Sprecht.“ Die Schatten schienen in diesem Moment länger zu werden, als sich Neire in das rötliche Licht wendete. „Meine Göttin ist nicht Heria Maki.“ Er sprach den Namen der rechtschaffenen Feuergöttin mit zischender Verachtung. „Meine Göttin ist Feuer und Schatten, sie ist die Schwertherrscherin, die Flamme des Chaos, sie hat Tausend Namen…“ Wieder war da das Glühen von Magma in Neires sonst blauen Augen zu sehen. „Sie ist die Königin von Feuer und Dunkelheit. Ihr Name ist JIARLIRAE.“

Neire und Uthriel hatten sich bei der Wache abgewechselt. Uthriel hatte die erste Wache übernommen. Wilde Träume hatten derweil Halbohr und Neire gequält. In Neires Traum hatten Wunden Blut hervorquellen lassen. Blut, das in dem Ring verschwand, den er trug. Der Ring wurde schwerer und neue Runen bildeten sich. Runen des Ringes, deren Sinn er nicht erkennen konnte. Halbohr hatte von seiner Kasernenzeit geträumt. Als sein Ohr abgetrennt wurde, spürte er doch eine Art von Unterstützung. Irgendwann hatte Uthriel Neire geweckt. Die Nacht musste jetzt bereits vergangen sein. Neire hatte seine Gebete zu Jiarlirae abgeschlossen und sein Ritual beendet. Er starrte in die Flammen des Ofens und lauschte dem Knistern der Glut und dem Prasseln des Regens. Plötzlich hörte er ein Geräusch von splitterndem Glas. Stöhnen und Ächzen drangen von draußen durch den Regen. Verrottete Hände begannen durch die Fenster zu fassen und an die Türe zu trommeln. Hastig sprang er auf, alarmierte Halbohr und Uthriel und streifte sich das dunkelelfische Kettenhemd über. Uthriel war als erster an der Türe und begann diese zu sichern. Doch vergeblich. Das Holz begann schon zu splittern, als sich die ersten Kreaturen hereindrängten. Die Leiber halb verrottet, gierten leblose Augen nach dem Fleisch der Lebenden. Ein Gestank von Verwesung machte sich in der Hütte breit, als die nassen Körper willenlos nach vorne drängten. Neire beschwor einen Degen aus purem Feuer und so begannen Uthriel und er die Türe in erster Reihe zu sichern. Halbohr warf von hinten mit Dolchen. Ein heftiger Kampf entbrannte und Körper um Körper wurde zu Fall gebracht. Doch der Strom toter Leiber ebbte nicht ab. Als das Licht von Neires Flammenklinge bereits erloschen war, sahen die drei Gefährten die Fremden, die sich durch Regen und Matsch näherten. Ein in eine Rüstung gekleideter Ritter, von zwei Schritten Größe schwang eine gewaltige Hellebarde. Ihn begleiteten zwei kleinere Krieger; ein Elf und eine Dunkelelfin. Die Hautfarbe der Dunkelelfin war schwarz wie die Nacht. Auf dem Waffenschurz des Ritters erkannte Neire das Wappen der Stadt Fürstenbad. Zwei nach oben schauende Fische, Rücken an Rücken mit aufgerissenen Mäulern auf weißem Grund. Als der letzte der Untoten bekämpft war, watete der Ritter durch den Matsch und baute sich vor Neire und Uthriel auf. Seine Stimme klang donnernd durch die Nacht: „Unleben muss vernichtet werden. Seid ihr auf unserer Seite?“

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Sitzung 05 - Der Fels der nicht war
« Antwort #5 am: 2.04.2022 | 09:23 »
Durch die halb zerbrochene Türe offenbarte sich der Blick in den strömenden Regen; in einen urtümlichen Wald, der von einem wolkenverhangenen Himmel in zwielichtige Dunkelheit gehüllt wurde. Kalte, nasse Luft drang in das Innere der Jagdhütte. Der kleine hölzerne Raum, der den Streitern als scheinbar sicherer Rückzugsort gedient hatte, war jetzt in einem chaotischen Zustand. Holzsplitter, Glasscherben und umgestürzte Möbel bedeckten den Boden. Der gesamte Türbereich war von halb verwesten Leichen bedeckt. Der Gestank war allgegenwärtig. Blut und Leichensäfte glitzerten am Boden und an Wänden, im Lichte der langsam verglimmenden Glut.

Neire stolperte über die Leichen zurück. Er versuchte, so gut wie es ging, seinen verbrannten Arm hinter dem Rücken zu verstecken. Noch immer schmerzte die blutende Wunde, die er sich selbst im Kampf mit der flammenden Klinge zugefügt hatte. Er atmete schwer und beugte den Kopf unterwürfig, als der Ritter in der silbernen Rüstung ihn betrachte. Er sah aus den Augenwinkeln, wie Halbohr aus dem hinteren Teil des Raumes herüber humpelte. Den elfischen Söldner hatte es wieder hart getroffen. Wunden und Schmutz bedeckten seinen Körper und Haare. Neire und Uthriel antworteten dem Ritter nicht, doch Halbohr erhob seine Stimme: „Wir sind auf eurer Seite, Fremder.“ In diesem Moment trat eine weitere Gestalt über die Leichen hinweg und in den Raum hinein. Die kleine Frau der Größe eines heranwachsenden Kindes, mit platinblondem Haar und kohlrabenschwarzer Haut erhob die Stimme. „Seht ihr es nicht? Sie sind nicht die Urheber.“ Die Dunkelelfin mit dem plumpen Gesicht trug einen silbernen Stab und betrachte Uthriel, Halbohr und Neire der Reihe nach. Ihr war ein niederträchtiger Ausdruck anzusehen. Die Spannung, die über dem Raum lag, schien sich dennoch zu lösen. Die Streiter sahen, wie der Ritter seinen bereits halb geöffneten Helm vom Kopf zog. Eine Aura von Zuversicht und Geborgenheit ging von ihm aus. Er lächelte den Gefährten zu. „Nun, wir sind euren Spuren gefolgt, haben die Leichenreste gesehen, die ihr hinterlassen habt. Ihr haben meinen Respekt, wenn ihr es mit all diesen untoten Kreaturen aufgenommen habt.“ Er lächelte die drei an. Seine blauen Augen wirkten aufgeweckt; die schwarzen kurzen Haare, die unter seinem Helm gelegen hatten, dampften nass. „Aber entschuldigt bitte meine Unhöflichkeit. Ich vergaß, mich vorzustellen. Mein Name ist Rasmus. Paladin, in den Diensten der Stadt Fürstenbad.“ Er blickte sich um. Doch ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er fort. „Dies sind meine Gefährten. Loec, vom Volk der Waldelfen und Rowa, vom Volk der Dunkelelfen.“ Erst jetzt sahen die drei Gefährten die dritte Gestalt aus der Gruppe der Fremden, die bei den Leichen der Türe stand. Der Waldelf war größer als Rowa und trug unscheinbare, der Umgebung angepasste Jagdkleidung. Unter seinem schulterlangen braunen Haar, sah man die Ringe eines Kettenhemdes glänzen. Loec hatte einen Bogen geschultert und trug einen Speer, dessen silberne Spitze in der Dunkelheit funkelte. Jetzt erhob Halbohr seine Stimme und antwortete auf die Vorstellung: „Es freut mich euch kennenzulernen. Mein Name ist Halbohr. Wir sind eine Jägergilde und hier gestrandet. Wir wurden von den Untoten überrascht.“ Neire hatte den Moment der Ablenkung genutzt und war bereits in den hinteren Teil des Raumes zurückgewichen. Hastig und so unauffällig wie möglich begann er seine Kleidung über das dunkelelfische Kettenhemd zu streifen. Er spürte den wohligen Geruch des Chin’Shaar Leders. Mit wachsender Zuversicht begann er sich umzudrehen. Er versteckte den linken Arm unter dem heiligen Umhang seiner Göttin.

Sie hatten die Leichen aus dem Raum geräumt und die Eingangstüre behelfsmäßig repariert. Uthriel hatte dabei herausgefunden, dass die Rüstungsteile der jetzt toten Leiber Muster einer alten Zeit trugen. Eine Zeit, die er auf 500-600 Jahre in der Vergangenheit schätzte; eine Zeit, in der diese Gegend von Kriegen überzogen wurde. Währenddessen hatte sich Rasmus um die Wunden von Halbohr gekümmert. Rowa hatte begonnen die Hütte abzusuchen und war auch auf die Geheimtüre gestoßen. Nun saßen sie alle am Feuer, das Neire mit trockenen Holzscheiten wieder entfacht hatte. Obwohl die Fenster noch immer zerschlagen waren, hatte sich wieder eine wohlige Wärme in der kleinen Hütte gebildet. Gerade zog Rasmus einen schweren Lederschlauch hervor und ließ seine mächtige Stimme ertönen: „Wer von euch trinkt einen Becher Wein mit mir? Ich lade euch alle ein.“ Neire nickte in freudiger Erwartung und begann alsbald Becher zusammenzusuchen. Schon goss Rasmus jedem einen vollen Becher ein. Nur Loec und Rowa verwehrten das Geschenk. Als sie den ersten Becher geleert hatten, schenkte Rasmus eine zweite Runde nach, an der nur er und Neire teilnahmen. Auch Halbohr und Uthriel lehnten jetzt ab. Rasmus nahm nochmals einen großen Schluck und begann zu erzählen. „Ihr müsst wissen, wir dienen einem alten Bund. Das bringt solch seltsame Gefährten wie uns zusammen.“ Loec und Rowa blickten missmutig auf ihren Anführer. „Aber vereint sind wir im Kampf gegen das Unleben. Irgendwo muss es einen Quell geben, einen Ursprung für diese Seuche.“ Er sah, dass Neire bereits seinen zweiten Becher geleert hatte, hielt kurz inne, um seinen ebenso zu leeren und schenke dem Jüngling und sich selbst eine weitere Runde nach. „Ja, dieses Jahr, in diesen Zeiten ist es besonders schlimm. Gerade Grimmertal scheint davon betroffen zu sein… und dann dieser Regen… ha…“ Als Rasmus zu fluchen begann, dachte Neire nach. Er hatte den Namen Grimmertal schon einmal gehört. Er erinnerte sich daran, von einer dünn besiedelten Region im Süden von Fürstenbad gehört zu haben, eine Region, mit wenigen kleinen Ortschaften und umso mehr Jagdhütten. Eine Region, in der ein Dorf selbst Grimmertal hieß. Als Neire nachdachte, hatte Rasmus seine Ausführungen bereits fortgeführt und der Name Klingenheim war gefallen. Auch diesen Namen hatte Neire bereits gehört. Doch nichts Gutes war ihm in Erinnerung geblieben. Er hatte gehört von einem Hort zwielichtiger Gestalten, die umgänglich als Abschaum bezeichnet wurden; von Tagelöhnern und leichten Damen, von Glücksspiel und Gewaltexzessen.

Neire hatte bereits seinen dritten Becher geleert und sah, dass Rasmus ihn jetzt angrinste. Er schenkte ihm nochmal nach und fragte: „Was ist mit euch Junge? Woher kommt ihr und was hat euch mit diesen ungleichen Gefährten zusammengebracht?“ Neire spürte jetzt den Rausch. Adrenalin begann zudem durch seine Adern zu pulsieren, als er die Augenpaare sah, die auf ihn gerichtet waren. Ich muss unerkannt bleiben, ich darf meine Suche nicht gefährden. Sein Magen rutschte plötzlich hinab und das Denken wart ihm schwer. Immer wieder kam ihm die Suche in den Sinn. Er ließ den Kopf hängen und fing an zu weinen. Keiner sah die Tränen, da sein Gesicht bedeckt war von seinen blonden Locken, die jetzt rötlich in des Feuers Glut schimmerten. Er begann schluchzend zu sprechen und so gut es ging seinen schweren Akzent und seine zischende Aussprache zu verbergen. „Ich komme ursprünglich aus Fürstenbad. Doch wurde ich entführt. Schon als Kind… vom Volk dieser dort.“ Er blickte auf und musterte Rowa. Tränen schimmerten in seinen blauen Augen und liefen über die reine weiße Haut seiner Wangen hinab. „Meine Mutter haben sie getötet, doch ich konnte entkommen.“ Als Rasmus den Arm auf seine Schulter legte, schluchzte er umso lauter auf. Er hörte die dunkle, jetzt fast andächtige Stimme von Rasmus: „Ich verstehe, ihr habt einiges mitgemacht. Doch es müssen Kräfte in euch schlummern, so habt ihr doch die Flucht aus dem Unterreich geschafft.“ Rowa machte in diesem Moment ein zischendes Geräusch und schaute Neire hasserfüllt an. Sie erhob ihre Stimme in der Sprache der Dunkelelfen. „Ich sehe es doch, ihr lügt!“

Sie hatten danach noch einige Zeit am Kamin gesessen und Geschichten ausgetauscht. Gerührt von Neires Schicksal, hatte Rasmus ihm immer wieder Wein nachgeschenkt. Erzählt hatte Rasmus zudem von der Geschichte des alten Bundes, der nach den Kriegen zwischen den verschiedenen Völkern errichtet wurde. Schließlich hatte Halbohr die Begegnung mit dem Jäger ausgeplappert und auf die Frage hin, ob sie den Leichnam beerdigt hatten, herrschte kurz Schweigen. Die Stimmung war fast gekippt; das Misstrauen von Rowa und Loec hatte überhandgenommen. Dann hatte Neire von der Krankheit von Halbohr und von seinem Zustand berichtet; dass es sich um einen Notfall gehandelt hatte. Das hatte die Fremden beruhigt. Das Gespräch war dann um eine mögliche Route nach Grimmertal gekreist. Als sie bereits einige Wege erörtert hatten war Neire angetrunken aufgestanden. „Ich habe genug, ich kann das nicht mehr. Ich weiß gar nicht, wie lange ich jetzt auf der Flucht bin. Wollt ihr uns nicht nach Grimmertal begleiten Rasmus?“ Rasmus hatte kurz überlegt, seine Kameraden angeschaut und dann tatsächlich zustimmend genickt.

Neire blickte durch den Nebel von Feuer. Das Gesicht war kurz dagewesen und doch zwischen der flimmernden Hitze verschwunden. Er spürte die Flammen auf seiner Haut brennen; es war als ob sie mit ihm spielen wollten. Hatte er seinen Geist geöffnet? Hier und dort sah er das Feuer dunkle Schatten formen; doch so sehr er sich auch bemühte, seine Runen konnte er nicht sehen. Jetzt hörte er die Flammen hinter ihm knistern und knacken. Ein Raunen, das sich zu einer bekannten Stimme formte. Er drehte sich um und da war es wieder. Das liebliche Gesicht, nach dem er sich so gesehnet hatte. Rötlich wallendes Haar umspielte ihre prominenten Wangenknochen. Die Zeremonienrüstung aus Kupferplatten schimmerte sanft im Antlitz der allgegenwärtigen Glut. Sie lächelte ihm zu, so dass er ihre spitzen Eckzähne und die Schlangenzunge sehen konnte. Ihre Augen funkelten wie brennende Rubine; ein Jedes geteilt durch eine schlangenhafte Spur vertikaler Dunkelheit. Er wollte nach ihr greifen, sie umarmen. Doch je näher er kam, desto weiter schwebte sie davon. Der Schmerz wurde größer und größer…
Neire wachte weinend in der dunklen Kammer auf. Er hatte sich zuvor geheilt und wollte eigentlich nur etwas meditieren. Er musste wohl eingeschlafen sein. Die Emotionen waren so allgegenwärtig, so überwältigend, dass er im Weinen verkrampfte. Er murmelte mehrfach ihren Namen: „Lyriell, oh Lyriell…“ Jetzt sah er die dunkle Silhouette von Uthriel, der in seinem Raum gewacht hatte. Die Augen des Streiters halb-dunkelelfischen Blutes schimmerten leicht gelblich in den Schatten. Er trat zu Neire heran und frage: „Was ist mit euch, habt ihr geträumt? Wer ist Lyriell?“ Neire blickte auf und erwiderte: „Meine einzige Liebe. Sie ist nicht mehr… sie ist jetzt im Reich meiner Göttin.“ Schließlich hatten sie sich aufbruchbereit gemacht. Neire hatte die Gebete zu seiner Göttin gesprochen. Noch immer fühlte er neben den Auswirkungen der Trunkenheit, die Traurigkeit. Uthriel hatte gesehen, dass Neire fast willenlos die Kruste von der frisch vernarbten Wunde seines linken Armes abkratze, während er Formeln einer fremden Sprache zischelte. Das ging so lange, bis das Blut hervorquoll und über seinen von Brandnarben gezeichneten Arm herabrann. Die Stücke Kruste hatte Neire immer wieder gegessen. „Seid ihr bereit? Wir wollen aufbrechen.“ Neire und Uthriel hörten neben dem Klopfen an die Türe die Stimme von Halbohr. Sie schnallten sich kurzerhand ihre Rucksäcke auf und sahen beim Verlassen des Raumes, dass der Rest ihrer neuen Mitstreiter bereits aufbruchbereit war. Alle nickten sich zu und verließen wortlos einer nach dem anderen die kleine Jagdhütte, in den noch immer an anhaltenden Regen. Nur Neire blieb im Raum zurück und bewegte sich auf den Ofen zu. Als Uthriel in das Zwielicht schritt, sah er aus den Augenwinkeln wie Neire ein glühendes Holzscheit mit der bloßen Hand seines linken, verbrannten Armes herausnahm. Er murmelte dabei etwas vor sich hin, das Uthriel nicht verstehen konnte. Der Geruch von verbrannter Haut verteilte sich ihm Raum, als die Glut sich in Neires Fleisch fraß. Doch Neire lächelte unter den Schmerzen; die Glut schimmerte rötlich in seinen nachtblauen Augen.

Sie gingen jetzt schon einige Zeit durch Regen und Wald. Halbohr und Loec dienten ihnen als Vorhut und Spurenleser. Neire hatte sich mit Rasmus unterhalten. Schmutz und Dreck schienen von dem Paladin wie auf eine übernatürliche Weise abzufallen. Das Gespräch hatte sich schließlich um Götterglauben gedreht und Neire hatte von Heria Maki erzählt. Das hatte Rasmus beineindruckt. Er hatte berichtet davon, dass die meisten Menschen die wahren Namen der Götter nicht mehr kennen und nur noch Aspekte anbeten würden. Sie unterhielten sich gerade angeregt, als sie im Zwielicht plötzlich die durchnässten Gestalten von Halbohr und Loec sahen. Beide knieten über dem von Laub bedeckten Boden und wiesen auf die Spuren hin. Spuren von großen Wölfen, vielleicht vier oder fünf an der Zahl. Nach kurzer Beratung entschieden sie sich den Spuren zu folgen. Tiefer und tiefer führten die Spuren in Wald, obwohl die grobe Richtung nach Grimmertal nicht verlassen wurde. Schließlich kamen sie an ein Tal, in dem das Wasser in Pfützen und Tümpeln stand. Ein großer Plateau-ähnlicher Fels war im Zwielicht zu sehen. Der Regen schien den Felsen reingewaschen zu haben. Niedergekniet betrachteten sie die Situation am Rande des Abhangs. Kälte und Nässe setzten mittlerweile allen zu. „Die Spuren führen den Abhang hinab, direkt auf den Felsen zu. Kennt ihr ihn? Vielleicht als Landmarke?“ Die Stimme von Halbohr war in Richtung von Rasmus gerichtet, doch der Paladin schüttelte mit dem Kopf. „Nein, noch nie etwas von einem solchen Felsen gehört, als ob er vorher noch nicht dagewesen wäre.“ Sie entschieden sich weiter den Spuren zu folgen und umrundeten den Felsen in großer Nähe. Hoch ragten die Wände neben ihnen auf, an denen Regenwasser herablief. Die Streiter zogen jetzt ihre Waffen und machten sich kampfbereit. Tatsächlich öffnete sich hinter einer Felsnadel eine Spalte, die in einer gähnenden Höhlenöffnung mündete. Vorsichtig und Schritt für Schritt drangen sie weiter in die Spalte vor. Schon bald waren sie aus dem Regen in die Dunkelheit gelangt. Rasmus fasste an seinen Helm und schon strömte ein silbernes Licht von ihm aus, das einen Tunnel erhellte, in dem Steine lagen. Weiter drangen sie vor und der sich langsam verjüngende Gang führte sie leicht hinab. An einer Kreuzung, von der drei Tunnel hinwegführten, horchte Halbohr. Er hörte aus dem linken Gang ein leises Knurren. In Erwartung eines Kampfes schlichen sie weiter voran. Hinter einer Ecke war das Knurren nun von allen zu vernehmen. Rasmus riss seine Hellebarde zum Sturmangriff hervor und stürzte um die Ecke. Neire reagierte als erster und folgte ihm. Er beschwor die Kräfte seiner Göttin. Keinen Moment zu spät, denn die drei gewaltigen Wolfskreaturen, die hinter der Ecke lauerten, wurden in eine Wand von malmenden Flammen eingehüllt. Die Höhle, die sie vor sich sahen, war von humanoiden Knochen gefüllt; Moos wuchs an den Wänden. Eine kurze Zeit nur loderte das Licht der Magmaflammen auf. Dann brach ein erbitterter Kampf los, als der Paladin gewaltige Hiebe auf die Kreaturen verteilte. Auch die weiteren Mitstreiter drängten jetzt nach und warfen sich auf die scheußlich anzusehenden Bestien, die die Größe von kleinen Pferden hatten. Der Kampf schien sich schon zugunsten der Gruppe um Rasmus zu wenden, als Halbohr von einem Biss schwer verwundet wurde. Wie zuvor sank er bewusstlos zu Boden. Zudem griff ein weiterer Wolf aus dem Hinterhalt an und versuchte Neire zu Boden zu reißen. Doch Uthriel drängte entschlossen und heldenhaft an seine Seite und stach auf die Beste ein. Mit gemeinsamen Kräften konnten sie auch die letzte Kreatur erschlagen. Über die Leiber der gewaltigen Leichen eröffnete sich ihnen der Blick auf eine Höhle, in der sie die Jungen der Wölfe sahen. Die Welpen drängten sich, von Furcht getrieben, in die Dunkelheit.

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Sitzung 06 - Die Erkundung
« Antwort #6 am: 7.04.2022 | 21:39 »
Das silberne Licht von Rasmus Helm drang durch die Höhle und zeigte die gewaltigen Körper von vier erschlagenen Kreaturen. Die Leiber der Kreaturen waren einst prachtvolle, furchteinflößende Tiere gewesen. Jetzt waren die Knochen zerschmettert und drei der vier toten Tiere zeigten starke Spuren von Verbrennungen. Für einen kurzen Moment kehrte Stille ein. Neben dem schweren Atmen des verletzten Paladins – er hatte eine große Bisswunde in der Seite davongetragen – war ein wehleidiges Wimmern aus der sich verengenden Höhle zu hören. In diese Richtung stahl sich Neire davon. Er sah die vier Welpen, die sich, getrieben von Furcht, in eine Ecke der Höhle kauerten. Als er die Jungtiere bereits fast erreicht hatte, hörte er ein Husten hinter sich und drehte sich um. Hinter ihm konnte er die Gestalt der Dunkelelfin Rowa erkennen, die über den elfischen Söldner Halbohr gebeugt hatte und ihm einen Heiltrank einflößte. Sie hatte ihren Kampfstab zur Seite gelegt und Neire konnte ihre blauen Augen im silbernen Licht aufblitzen sehen. Halbohr kam in diesem Moment wieder zum Bewusstsein, doch er sah übel zugerichtet aus. Sein schwarzer Filzmantel war mittlerweile zerrissen und offenbarte zwei Wunden; eine an seinem Hals und eine an seinem Oberschenkel.

Neire drehte sich jetzt wieder um und musterte die Welpen. Sie hatten bereits eine stattliche Größe von etwa einem Fuß der Länge nach. Sie waren niedlich anzusehen, wie kleine Fellbälle von einer silber-grauen Farbe. Doch anstelle von Mitleid beschlich Neire ein Gefühl von Abneigung. Sie versuchen mich zu umgarnen mit ihren treuen, furchterfüllten Augen. Doch nicht für einen Tag wären sie überlebensfähig in dieser Welt. Ich habe mich durchgekämpft, ich war stärker, keine Eltern hatte ich, die sich um mich sorgen. Trotzdem habe ich alleine überlebt. Er dachte an das reinigende Feuer seiner Göttin. Ja, er würde sie opfern. So versunken war Neire in Gedankten, dass er nicht bemerkt hatte, wie Loec sich ihm von hinten genähert hatte. Der Waldelf trug seinen Speer mit der silbernen Spitze. Grünliche Augen blickten Neire ernst an. „Loec, …, wenn wir sie nicht töten werden sie durch die Höhle hinfort laufen und Feinde auf unsere Anwesenheit aufmerksam machen.“ Neire strich sich die noch immer nassen Locken aus seinem Gesicht zurück und wies in die Richtung des Ausganges. Loec packte seinen Speer entschlossen und nickte grimmig. „Ihr habt recht, lasst uns sie von ihrem Schicksal erlösen.“ Er begann den Speer bereits nach vorne zu stoßen und durchbohrte eine der Kreaturen. Seltsamerweise winselten die anderen jetzt umso mehr. Neire konnte die Angst in ihren weit aufgerissenen Augen sehen. Jetzt kochte Wut in Neire auf und er packte eines der Wesen am Nackenfell. Das Wolfsjunge wehrte sich nicht, doch Neire war erstaunt wie schwer die Kreatur schon war. In der Zeit hatte Loec bereits die zweite Kreatur durchbohrt und schwang den Speer in Richtung der Dritten. Neire wendete sich ab und trug das Wolfsjunge hinfort. Er musste Knochen zusammensammeln um ein Feuer zu machen.

„Seht ihr denn nicht, Rasmus, er ist verwundet.“ Rasmus, der sich gerade seine Seite verbunden hatte, schaute auf und sah wie Rowa auf die Wunden von Halbohr deutet. Wieso ist sie auf einmal so führsorglich? Sie denkt doch sonst nur an sich selbst. Er verwarf den Gedanken, bevor er Schlimmeres mit ihm anrichten konnte und richtete sich auf. Als er sich zu Halbohr herabbeugte kam ihm eine Welle von Gestank entgegen. Der elfische Söldner hatte sich anscheinend eine längere Zeit nicht mehr gewaschen. Rasmus blickte die Wunden an und sah, dass dort noch immer Wolfsgeifer klebte. Tief waren die Risse im Fleisch. Er nickte Halbohr zu, blickte ihm ernst in die Augen und legte ihm eine Hand auf die Schulter. So hatte er es immer bei verwundeten Kameraden gemacht. Doch war Halbohr wert das Artefakt zu opfern? Er hat noch nicht das Gegenteil bewiesen und tapfer gekämpft. Rasmus erinnerte sich an den Kampf zurück. Wie Halbohr ihm zur Seite geeilt war. Vielleicht hatte er ihm das Leben gerettet durch seinen heldenhaften Vorstoß. Er löste unter Schmerzen den großen Rucksack von seinen Schultern; die Stahlplatten seines Panzers schnitten ihm in seine Wunde. Trotzdem lächelte er Halbohr jetzt an. „Nun, lasst mich einmal schauen was ich für euch habe.“ Er griff zu einer kleinen Viole aus dickem Glas. Als er sie hervorholte, schimmerte die enthaltene Flüssigkeit in einem magischen, hell-blauen Licht. „Trinkt dies Halbohr. Es ist pures Leben.“ Er entkorkte die Viole und gab sie Halbohr, der ihn misstrauisch anblickte. Irgendwie amüsierte ihn diese Reaktion. „Trinkt, Halbohr und ihr werdet schon sehen.“ Er sah zu wie der zerlumpte elfische Söldner den unbezahlbaren Nektar des Lebens undankbar hinabstürzte. Tief in seinem Inneren sagte ihm eine Stimme, dass er dennoch das Richtige getan hatte. Was würde die Zukunft wohl bringen?

Neire blickte in die auflodernden Flammen. Er hatte mit einem Knie den Hals des Wolfjungen fixiert und hastig Knochenstücke zusammengesucht. Das Feuer aus den trockenen Knochen brannte höher und höher. Als er sein Knie löste, sah er, dass das Jungtier, der Besinnungslosigkeit nahe, nach Luft schnappte. Er erhob sich und begann den Choral anzustimmen:

„Das Feuer rauscht mit Ihrer Stimme, die Schatten bergen Ihre Weisheit.“

Er wiederholte die Worte wieder und wieder. Die Flammen brannten jetzt höher und spiegelten sich in seinen Augen. Er packte das Tier mit seiner linken Hand am Nacken und war mit den Gedanken bei seiner Göttin. Er blickte hinauf und sah die Schatten an den Wänden der Höhle tanzen. Langsam kehrte das Leben in die kleine Kreatur zurück; er spürte wie sie zu zappeln begann. War das Opfer genug für seine Göttin? Es war ein Leben, eine Seele, die er ihr darreichte. Er begann eine Oktave höher zu singen, mit seiner schönsten Stimme, als er die Kreatur in die Flammen führte. Er spürte die Hitze der Flammen auf seiner Haut, den sengenden Schmerz. Nicht ließ er locker, als das Wesen begann zu schreien, nicht ließ er locker, als es anfing zu zappeln. Der junge Wolf schnappte, doch von Flammen geblendet, ins Leere. Plötzlich begann der Bauch der Gestalt aufzuplatzen und Blut sprudelte hervor. Das Blut wiederum begann wie Öl zu brennen und lief glühend den Arm von Neire hinab. Als es auf seinen Ring traf, fing dieser an zu rötlich zu funkeln. Wie glitzerndes Quecksilber verflossen die Runen zu neuen Formen, als sich eine weitere Rune bildete. Neire sah die Runen deren Bedeutung er nur erahnen konnte. War es die Rune des untertänigen Dieners?

Danach hatte sich Neire zur Meditation zurückgezogen und das Feuer brennen lassen. Er hatte undeutlich gehört, wie Rowa sich mit Halbohr unterhalten hatte. Es hatte sich so angehört, als wäre der elfische Söldner der Konversation nicht besonders zugetan gewesen. Die Dunkelelfin hatte ihn anscheinend auf seine Nahtoderfahrung angesprochen; was er gesehen hätte. Halbohr hatte mit „Ich habe nur Schwärze gesehen“ geantwortet. Auf die Frage hin, an was er glaubte, hatte Halbohr mit „Ich glaube nur an mich selber“ geantwortet. Auf weitere Fragen nach seiner Herkunft war Halbohr gereizt ausgewichen. Schließlich hatte sich die Dunkelelfin abgewendet und Halbohr in ihrer Sprache verflucht. Anscheinend konnte Halbohr Dunkelelfisch nicht verstehen, dachte Neire, der jetzt seine Medition beendet hatte. Das hätte sich Halbohr nicht bieten lassen. Oder war sein Mitstreiter doch schwächer, als er allen anderen vorgaukelte? Neire sah, dass Rowa auf ihn zukam. Ihr Gesicht war für eine Dunkelelfin ungewöhnlich hässlich, gar plump. Sie nickte Neire zu, als sie über die Glut des jetzt ausgehenden Feuers hinwegschritt. „Neire, seid ihr auserwählt?“ Neire wunderte sich über die plötzliche Freundlichkeit, als sie ihm ihren Weinschlauch reichte. „Was meint ihr, auserwählt? Auserwählt von meiner Göttin?“ Er dachte wieder zurück an seine Aufgabe, daran, dass er seine wahren Ziele verbergen musste. „Ja, seid ihr auserwählt von eurer Göttin?“ Neire dachte an Jiarlirae, an die Flammen, an die Schatten. „Ich diene meiner Göttin Heria Maki. Sie ist das reinigende Feuer. Sie kennt kein Gesetz. Nur die zehrenden Flammen.“ Er ließ den Teil mit den Schatten absichtlich hinfort. Als er einen zweiten Schluck aus dem Weinschlauch nahm, lächelte Rowa ihn an. „Auch wenn unsere Göttinnen sich vielleicht nicht ganz verstehen und ich glaube, dass ihr nicht die ganze Wahrheit sprecht, so sollten wir uns dennoch verbünden.“

Sie waren wieder in den Regen aufgebrochen. Halbohr hatte den Höhlenkomplex abgesucht, doch die Tunnel mündeten alle in Sackgassen. Als Halbohr und Neire einen kurzen Moment alleine waren, hatte ihn Neire auf den Fluch der Dunkelelfin angesprochen. Halbohr hatte tatsächlich nicht die Sprache der Dunkelelfin verstanden und jetzt flammte sein Hass auf. Als sie wieder zusammentrafen, hatte Rasmus gesagt, dass sie weitersuchen mussten, dass hier irgendwas schlummern würde. Dass er eine dunkle, böse Präsenz spürte, die über diesem unseligen Orten lag. Als ob seine Worte ein Omen waren, für das, was ihnen widerfahren sollte. Der Regen prasselte ununterbrochen auf sie hinab, als sie weiter um den Felsen schlichen. Rasmus und Loec waren vorangegangen. Sie waren an einem weiteren Tunnel vorbeigekommen, der in den Stein führte. Doch keine Zeit hatten sie gehabt für weitere Untersuchungen. Rasmus war um eine Biegung in die Dunkelheit gestürmt. Als sie dem Paladin folgten sahen sie ein grausames Bild. Zwischen umgestürzten Bäumen, kleinen Felsen und Pfützen näherten sich ihnen dutzende von Skeletten. Behangen mit den Resten von bronzenen Rüstungsteilen sahen sie verschiedene Gruppen von Kreaturen durch die Dunkelheit auf sie zukommen. Eine Gruppe von etwa einem Dutzend Skeletten hatte Rasmus anvisiert, der seine silberne Hellebarde zum Kampf erhob. Doch Neire reagierte schneller. Mit Worten göttlicher Macht beschwor er eine Kugel aus Magma-artigem Feuer, die inmitten der Skelette explodierte. Knochen wurden zerfetzt und glühende Rüstungsteile flogen durch die Luft. Nur noch eines der Skelette kroch weiter auf Rasmus zu. Doch weitere eilten aus der Dunkelheit nach. Ein unerbittlicher Kampf entbrannte. Die Streiter wussten, dass die Kreaturen nicht aufgeben würden. Sie waren willenlos und geiferten nach dem Leben, vielleicht nach dem freien Willen selbst. Eines der Skelette hatte die Form eines Tieres und war zu Lebzeiten wohl eine große Raubkatze gewesen. Es stürmte auf Loec zu, der sich der Kreatur mutig stellte. Doch Hieb um Hieb wurde er von den Klauen verwundet, sein Bein wurde schließlich fast zerfetzt, so dass er sich nicht mehr fortbewegen konnte. Das Blatt schien sich gegen die lebenden Streiter zu wenden, bis Rasmus heilige Bannkräfte mit Hilfe seiner Hellebarde beschwor. Fast ein Dutzend weitere Kreaturen brachen plötzlich in Knochenhaufen zusammen. Aus den Händen von Rowa schossen Blitze hervor, die einige Kreaturen niedermachten. Gemeinsam eilten Halbohr und Rasmus Loec zu Hilfe und brachten die große Gestalt des tierischen Skelettes zu Fall. Überrascht von der Heftigkeit des Kampfes blickten sich die Helden im zwielichtigen Regen um. Für den Augenblick waren keine weiteren Gestalten zu sehen.

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Sitzung 07 - Das Grab
« Antwort #7 am: 11.04.2022 | 00:01 »
Unentwegt prasselte der Regen hinab. Das Tal war in Zwielicht gehüllt. Der Fels ragte dunkel und drohend in die Höhe. Nachdem das letzte der Skelette gefallen war, kehrte Ruhe ein. Nur das schmerzhafte Stöhnen von Loec war zu hören. Das Bein des Waldelfen blutete stark und war anscheinend gebrochen. Neire sah, wie Rasmus auf Loec zuging und sich um sein Bein kümmerte. Neire selbst ließ sich auf ein Knie herniedersinken, wobei er dieses auf einem knöchernen Schädel platzierte. Er keuchte noch immer von der Anstrengung des Kampfes und betrachtete jetzt seine Wunden. An zwei Stellen hatten ihm die bronzenen Speere der Skelette tiefe Schnitte zugefügt. Rotes Blut rann über seinen linken vernarbten Arm, mit dem er versucht hatte die Speere zur Seite zu stoßen. Er blickte sich um und sah unweit von ihm Halbohr. Der elfische Söldner hatte sich ebenfalls niedergekniet und wischte sich das regenasse Haar aus dem Gesicht. Halbohr war in diesem Kampf unverwundet geblieben, doch sein Filzmantel war verdreckt und zerrissen. Als Neire in das Wasser der Pfütze unter ihm griff, sah er für einen kurzen Moment in sein Spiegelbild. Er hatte durch die Strapazen der letzten Tage Gewicht verloren. Seine hohen Wangenknochen traten dadurch noch markanter hervor. Seine weiße Haut schimmerte matt. Ab und an löste sich ein Tropfen von seinen gold-blonden gelockten Haaren, die ihm nass bis auf die Schultern herabhingen. Einen kurzen Moment war er wie in eine Trance versunken, doch die donnernde Stimme des Ritters schallte nun durch den Regen. „Bewacht den Platz, es kommen vielleicht noch weitere dieser Kreaturen.“ Neire sah, wie Rasmus Loec stützend in Richtung des Felsen führte. Er richtete sich auf und bewegte sich langsam auf Halbohr zu, der noch immer im Morast niedergekniet war. „Halbohr, was sollen wir tun?“ Neire flüsterte die Worte in Richtung seines Mitstreiters. In diesem Moment hörten sie beide die Stimme von Rowa. „Folgt mir, beide! Wir werden den Rest des Felsen abgehen.“ Die Dunkelelfin war in dunkle, nasse Gewänder gekleidet und blickte sie jetzt grimmig an. „Wollt ihr euch von ihr herumkommandieren lassen?“ Flüsterte Neire in Richtung von Halbohr und tatsächlich nahm sich der elfische Söldner seiner Worte an. „Nein, wir werden die kleine Höhle absuchen, an der wir vorbeigekommen sind“, sagte Halbohr. Sie beide sahen wie Rowa nickte und in Richtung des Felsen verschwand.

Neire und Halbohr machten sich sogleich in Richtung der kleinen Öffnung auf, an der sie zuvor vorbeigekommen waren. Als sie um eine Ecke des Felsen kamen und die Sichtlinie zu ihren Mitstreitern verloren hatten, begann Neire Gebete zu murmeln. Er beschwor die Macht seiner Göttin und strich sich über die Wunden, die sich sogleich zu schließen begannen. Als er den zweiten Heilzauber wirkte, spürte er jedoch, wie die zweite Wunde anfing zu schmerzen. Schwarzer Teer quoll aus der Wunde hervor und tropfte in eine Pfütze, wo er zu brennen begann. Neire starrte gebannt in die Flammen und biss die Zähne zusammen als die Schmerzen durch seinen linken Arm schossen. Er bemerkte nicht, ob nur er oder auch Halbohr die Flammen sehen konnte. In den Flammen erschien plötzlich ein blaues und dann ein schwarzes Auge und betrachtete ihn. Er hielt den Atem an und starrte in das Feuer. In alten Schriften hatte Neire schon einmal von Dämonen mit verschiedenfarbigen Augen gehört. Schließlich brannten die Flammen hernieder und der Schmerz in seinem Arm ließ nach. Die Wunden hatten sich verschlossen. Neire blickte sich um und fragte sich ob nur er diese Dinge hatte sehen können. War es eine Illusion? Vielleicht eine Vision? Er bückte sich zu der kleinen Pfütze und tastete nach dem Wasser. Er spürte, dass das Wasser noch kochend heiß war.

Sie waren durch die Öffnung im Felsen gestiegen und einen kleinen Abhang in die Dunkelheit hinab gerutscht. Als ihre Augen die Dunkelheit durchdrangen, sahen Neire und Halbohr die Höhle kuppelartig über ihnen aufragen. Ihr Atem kondensierte und die Luft schien von tausenden kleiner Sporen erfüllt zu sein, die sich im Luftstrom wiegten. Die gesamten Wände der Höhle waren von einem nass schimmernden Schleimpilz bedeckt, der einen modrigen Geruch verbreitete. Nach kurzer Beratung entschied sich Halbohr die Höhle abzusuchen. Mit seinem Dolch fuhr er durch den Schleim. Er hörte das Kratzen von Metall auf Stein – hinter dem Schleimpilz befand sich Fels. So ging Halbohr die Höhle ab, bis sein Dolch plötzlich ins Leere stieß. „Neire kommt her, ich habe etwas gefunden.“ Die Stimme von Halbohr drang flüsternd durch die Höhle. Neire trat näher heran und sah, wie Halbohr den Schleimpilz wie lebendiges Gewebe zerteilte. Es war als würde der Pilz zucken, als würde er Schmerz empfinden. Durch das Loch sahen die beiden einen dunklen, dünnen Gang im schwarzen Stein aufragen. Er endete an einer Wand aus Ziegelsteinen. „Seht ihr das? Der Gang scheint zugemauert“, sagte Halbohr. Neire hatte seinen Degen gezogen, blickte sich hastig um und versuchte Gedanken zu fassen. War der Tunnel von innen zugemauert worden, um Eindringlinge abzuhalten oder war er gar von außen verschlossen worden? „Ich werde die anderen holen, Neire, ihr wartet hier bis ich zurückkehre.“ Neire, aus seinen Gedanken gerissen, schaute sich unsicher um, nickte allerdings, da er sah, dass der Pilz langsam wieder zuwuchs. Er glaubte nicht, dass von innen Gefahr drohte. Außerdem fühlte er sich in dieser Höhle sicherer. Er nickte Halbohr zu und antwortete: „Geht, aber lasst mich nicht zu lange hier warten.“

Halbohr war den Spuren im Morast gefolgt. In der Felsnische hatte er ihre ungleichen Mitstreiter nicht mehr gesehen. Dort hatte er nur noch die Spuren von Blut entdeckt. So war er weiter um den Felsen geschritten und hatte schließlich durch den Regen gedämpfte Stimmen gehört. Als er um eine Felsnadel gekommen war, hatte er sie gesehen. Gerade hatte Rasmus, gekleidet in einen Plattenpanzer aus silbern schimmerndem Metall, mit seiner Hellebarde auf den Felsen gezeigt. Loec hatte sich gestützt auf einen Ast, sein Bein war bereits bandagiert. Rowa hatte ihn unfreundlich gemustert. Sie hatten ihn begrüßt und so war es für ihn auch zu ersehen gewesen: Große doppelflügelige Türen aus Bronze, halb versunken in der morastigen Erde und durch ein großes Loch freigelegt. Eine Zeit lang hatten sie gemeinsam versucht die Schrift zu entschlüsseln, die auf die Türen eingelassen war. Doch schließlich hatten sie sich von Halbohr überreden lassen in der Höhle mit dem Schleimpilz zu rasten. Jetzt waren sie gerade zurückgekehrt, vollkommen durchnässt vom Regen. Neire sah das silbern-blaue Licht von Rasmus‘ Rüstung ausgehen, als der Paladin den Abhang hinabrutschte. Er hörte die Stimme des Ritters zu ihm sprechen: „Neire, könnt ihr alte Sprachen entziffern? Von meinen ach so gelehrten Mitstreitern ist leider keiner fähig, das zu tun.“ Neire, lächelte und verneinte. So begannen sie alle ihre Winterdecken auf dem unebenen Boden auszubreiten. Loec trank an diesem Abend aus seinem Weinschlauch, wahrscheinlich um den Schmerz des gebrochenen Beines zu vergessen. Auch Rasmus holte seinen Weinschlauch hervor, nahm einen großen Schluck und lud Neire ein. Neire verneinte auch diesmal nicht und nahm dankend ein paar Schlücke. Er sah, dass Rowa in einem Buch las und begann eine Geschichte zu erzählen, die er einst gelesen hatte. Sie handelte von fernen Reichen, die im Stein und in den hohen Wipfeln uralter Eschen errichtet wurden. Von Königen, Kriegern und Prinzessinnen. Vom Aufstieg und vom Fall der Sippen. Von Reichtum und von Verrat. Die Geschichten schienen Loec und Rasmus aufzuheitern. Rasmus lallte bereits stark, als Neire seine Erzählung beendete. Schließlich bot Rasmus an die erste Wache zu übernehmen, was niemand ablehnte. So begaben sie sich alle in ihre Winterdecken und lauschten dem Prasseln des Regens, dessen Geräusch in die Höhle drang. Neire und Halbohr sahen aus den Augenwinkeln wie Rowa instinktiv etwas an ihrem Gürtel prüfte. War es ein Säckchen? Es sah so aus, als wollte die Dunkelelfin die Anwesenheit des Gegenstandes bestätigen.

Nun schienen alle bis auf Rasmus zu schlafen. Neire hatte auf diesen Moment gewartet. Er sah das silbern-blaue Licht von Rasmus‘ Wacht in die Höhle dringen. Der Paladin hatte sich an den höher gelegenen Eingang der Höhle gesetzt, ohne vom Regen erfasst zu werden. Neire war in Gedanken bereits bei den immerbrennenden Fackeln. Er raffte sich auf und schwelgte in Gedanken. Auch wenn ich das Licht der Fackeln nicht in die Welt hinaustrage, so soll es einmal in jeder Nacht die Welt erhellen. Ja, ich werde für immer ein Kind der Flamme sein. Er nahm drei seiner Fackeln und bohrte sie in Anordnung eines Drecks um ihn herum in den Boden. Bevor er sie entzündete nahm er seine Maske und betrachtete sie eine Zeit lang. Sie stellte die Form einer Feuerschlange dar und war mit Gold und Juwelen verziert. Es überkam ihn eine tiefe Traurigkeit als er sich an sie zurückerinnerte. An seine Freunde, die oftmals auch seine Feinde gewesen waren. Wie sie gemeinsam ihre Masken hergestellt hatten. Ja, die Maske des großen Balles hatten sie in die ewige Glut hinabgeworfen, doch seine erste Maske besaß er immer noch. Er zog die Maske auf und entzündete die Fackeln. Seine Stimme zischelte die Runen in der alten Sprache von Nebelheim. Er streifte seinen karmesinroten Kapuzenmantel mit den goldenen Runen ab, entledigte sich seiner Lederkleidung und seines Kettenhemdes. Sein drahtiger Oberkörper kam zum Vorschein, seine Haut war milchig weiß und makellos. Sein linker Arm war jedoch bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und von dickem, dunklem Narbengewebe bedeckt. Im Licht der Fackeln schimmerten die drei Herzsteine, rote Rubine, die mit dem Fleisch seiner Schultern verwachsen waren. Er begann die alten Verse anzustimmen, die ihn die Platinernen Priester gelehrt hatten.

Sie hatten sich aufbruchbereit gemacht. Alle hatten getrunken und gespeist. In Loec war etwas Leben zurückgekehrt. Halbohr hatte Rasmus, Loec und Rowa die geheime Türe im Schleim gezeigt. Daraufhin hatten sie sich entschieden die Ziegelwand einzureißen oder vielmehr diese bis zu einem betretbaren Loch zu öffnen. Halbohr stand vorne und benutze seinen Dolch um einzelne Ziegel zu lösen. Es dauerte einige Zeit bis er eine Öffnung geschaffen hatte, die breit genug war um hindurch zu steigen. Aus dem Inneren drang vermoderte Luft heraus. Keine Geräusche waren zu hören. Als Rasmus das Licht löschte, stieg Halbohr durch den Eingang und erkundete den dort hinter liegenden Raum. Dieser Raum, der durch einen Vorhang verdeckt wurde, stellte sich als königlich eingerichtete Gruft heraus. Von Fresken verzierte Wände waren zu erkennen. Alte Relikte, wie kostbare bronzene Speere und Schilde ragten über den Fresken auf. In der Mitte der Gruft stand ein gewaltiger, golden-verzierter Streitwagen, der einen Sarkophag trug. Zwei steinerne Gänge führten aus dem Grab in die Dunkelheit. Nachdem Halbohr das Signal gegeben hatte, folgte einer nach dem anderen Halbohr in das Grabmal. Zuletzt waren Rowa und Neire übrig. Bevor Rowa durch die Öffnung stieg, fragte Neire: „Rowa, was erwartet uns? Werden wir überleben?“ „Wir werden überleben, doch einen Teil unserer Seele werden wir der Spinnengöttin opfern“, erwiderte Rowa lächelnd. So drangen sie alle in das Grab ein. Neire betrachtete die Schilde und es kam ihm eine alte Legende in den Sinn. Die Sage sprach von Krajan, einem Kriegsherrn und tyrannischem Herrscher, der einem Kult angehörte und ein Reich des Terrors schaffen wollte. Nachdem sie den Wagen geplündert hatten, offenbarte eine Suche eine anliegende Nebengruft. Wände und Decke waren von tiefroter Farbe; Muster von grünen Ranken waren an den Wänden angedeutet. Zwei verschlossene Sarkophage standen einer Grabnische gegenüber, in der eine mumifizierte, hübsche Frau zu sehen war. Halbohr begann die Särge zu untersuchen, konnte aber keine Falle feststellen. So öffneten sie die Särge und fanden in einem ein Skelett und im anderen einen Schädel. Nach einer weiteren Beratung beschlossen sie den Schädel an den Rumpf des Skelettes zu legen. In angespannter Erwartung betrachteten sie den Leichnam. Nichts passierte. Doch plötzlich begann sich die Gestalt zu bewegen. Leben war in sie zurückgekehrt. Ein Kampf entbrannte als die Gestalt sich erhob. Gemeinsam konnte die Gestalt niedergestreckt werden und verbrannte sogleich zu Asche. Neire begann die Überreste in eine Viole abzufüllen, als Halbohr sich der Mumie der Frau näherte und nach dem Dolch griff, den sie in ihrer Hand hielt. In diesem Moment explodierte die Gestalt zu Asche, die sich in Windeseile im ganzen Raum zu verbreiten begann. Die Helden hielten die Luft an und hasteten davon. Sie versuchten der Wolke von Asche zu entkommen.

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Sitzung 08 - Das Grab II.
« Antwort #8 am: 14.04.2022 | 22:28 »
Dunkelheit – weißer Staub – flackerndes silbernes Licht. Für einen kurzes Moment wurde die Grabkammer in einen Reigen von Chaos getaucht. Die in einer Grabnische sitzende Gestalt der mumifizierten schönen Frau war in einer Aschewolke explodiert, als Halbohr unvorsichtig und gierig nach dem Dolch gegriffen hatte. Jetzt rollte die Aschewolke über die Kammer hinweg. Die Gefährten hielten die Luft an und versuchten sich in Richtung des größeren Grabes mit dem Streitwagen zu retten, doch weiße Asche und Staub drang durch Nasen und Augen in ihre Körper ein. Für einen kurzen Moment stützte sich Neire auf dem Sarkophag ab, den sie kurz zuvor geöffnet hatten. Er röchelte und versuchte zu husten. Fast automatisch kamen ihm die alten Verse in den Sinn, die er mit den Platinernen Priestern gebetet hatte. Er begann so gut es ging zu murmeln. „…die schwarze Natter, … ihren unsterblichen Namen, trinkt euch in die schattige immerwährende Nacht, tanzt im Glanz der schwinden Feuer, tanzt, denn die Zeiten des Kampfes sind vorüber…“ Seine Stimme wurde immer wieder durch Hustenanfälle unterbrochen. Schemenhaft sah er, dass Loec und Rowa an ihm vorbeihumpelten und sich kaum auf den Füßen halten konnten. Instinktiv richtete er sich auf, blickte sich um und folgte ihnen. An der Grabnische, wo einst die mumifizierte Gestalt der Frau zu sehen gewesen war, sah Neire Halbohr. Der elfische Söldner hatte die Augen weit aufgerissen. Halbohrs Kopf, der auf einem muskulösen Nacken saß, bewegte sich unruhig. Sein fettiges, schulterlanges silbernes Haar wurde dabei wild hin und hergeworfen. Neire sah, wie Halbohr in Richtung des Königsgrabes stolperte. Sein Gesicht blickte grimmig drein und die Narbe, die bis zu seinem fehlenden Ohr reichte, war prominent zu erkennen. Halbohr und Neire bemerkten, dass auch Rasmus an ihnen vorbeigeeilt war. Das silberne Licht, das von seiner strahlenden Plattenrüstung ausging, brach sich im Nebel der Asche und erhellte den vor ihnen liegenden Raum. Als beide Streiter sich ihren drei neuen Gefährten anschlossen, erkannten sie, dass sich ihre Umgebung geändert hatte. Die Wände des Ganges zum Grab waren jetzt weißlich getüncht und auf ihnen Szenen einer Wandmalerei zu erkennen, die eine Schlacht darstellte. Auf dem Boden hatte sich weißlicher Nebel verteilt durch den sie jetzt wateten. Plötzlich hörten sie die Geräusche von Wind und von Schlachtenlärm. Eine warme Brise von rußigem Brandgeruch kam ihnen entgegen und unter das silberne Licht mischte sich das Flackern eines Feuers. Halbohr wandte sich zu Neire um, der etwas zurückfiel und weiter vor sich hinmurmelte. Er sah, dass sein junger Begleiter bleich geworden war. Die gold-blonden Locken Neires schulterlangen Haares waren getrocknet und umspielten sein Gesicht. Es lag irgendetwas verträumtes in Neires sternenblau schimmernden Augen. Dann sah Halbohr die langen Eckzähne, die sich in Neires Mund gebildet hatten. In diesem Moment lächelte Neire ihn an. Halbohr wollte gerade etwas sagen, da wurde er von einem Geräusch unterbrochen. Neire und Halbohr traten in das Königsgrab und starrten gebannt auf die sich ihnen öffnende Szenerie: Unter dem archaischen Streitwagen und den bronzenen Pferden brannte ein Feuer; Dampf stieg aus den Nüstern der Tiere und ihre Augen glühten in der Dunkelheit. Auf dem Streitwagen stand eine zwei Schritt große Gestalt, in eine schwarze prachtvolle Rüstung gekleidet, mit bernsteinfarbenen Augen und von weißlicher, fast blasser Haut. Vor dem Krieger kniete eine schöne Frau, mit wallendem Haar. Der Krieger starrte sie an und fing an in einer alten, fremden Sprache zu sprechen. Neire konnte keines der Worte verstehen und dachte nach. Er hatte in alten Geschichten von Krajan, dem Gnadenlosen, dem Schatten, dem Fürst des Blutes gehört. Eine legendäre Gestalt eines Kriegerherrschers, der die Lande mit blutigen Schlachten überzogen hatte. Er sollte eine schwarze, nass-rötlich schimmernde Rüstung getragen haben; an dieses Detail konnte sich Neire erinnern. Die alten Schriften hatten von einer großen Gefahr berichtet, die von ihm ausgegangen war. Vielleicht die größte Gefahr, die diesem Teil der Oberwelt widerfahren war. Schließlich waren die vereinigten Heere von Menschen und Elfen siegreich gewesen. Das heutige Fürstentum Leuvengard war 300 Jahre später auf dem Gebiet dieser historischen Ereignisse entstanden, die jetzt etwa 600 Jahre zurücklagen. Neire konnte seine Gedanken nicht fortführen, da die Stimme der alten Sprache, der Schlachtenlärm und die Hitze auf ihn eindrang. Vor Neire und Halbohr sprachen Loec und Rowa die Worte des Kriegers nach, als ob sie in seinen Bann verfallen wären. Der Krieger zögerte nicht lange und packte den Kopf der Frau, die ihm ihren nackten, schlanken Hals präsentierte. Als er sie biss, konnten sie seine langen Fangzähne sehen. Er trank ihr Blut, ließ sie leblos fallen und starrte die Helden mit rot-verschmiertem Gesicht an. In diesem Moment erinnerte sich Neire an den Namen Shangrila. Eine niedere Blutgottheit, der vor langer Zeit Kulte verschworen waren. Vom ärmeren Teil der Bevölkerung hatten die Anhänger sogar Rückhalt erhalten, da sie des Öfteren Speisungen für diese durchführten. Doch es war keine Zeit mehr für weitere Gedanken. Die Gestalt des Kriegers fing an zu schreien und sprang von dem Streitwagen hinab auf sie zu. Die Dinge überschlugen sich jetzt. Halbohr hatte seine Dolche in beiden Händen erhoben und wich ein paar Schritte zurück. Rasmus, Loec und Rowa machten sich kampfbereit. Neire reagierte am schnellsten und begann die Formeln von Feuer und Schatten zu rezitieren. Er beschwor eine Kugel aus glühendem Magma und wabernden Schatten, die er nach vorne warf. Das gleißende Licht einer gewaltigen Explosion erfüllte das Grab und blendete sie alle für einen kurzen Moment. Die Explosionswelle erfasste auch Rasmus, Loec und Rowa. Für einen Augenblick hörten die Helden ein helles Lachen und sahen im verglimmenden Feuer wie die Gestalt des fremden Kriegers sich in weißen Rauch auflöste. Er mischte sich in den weißen Nebel, der mittlerweile kniehoch das gesamte Grab bedeckte.

Neire bewegte sich wie in Trance auf den brennenden Vorhang zu. Er sah nicht, dass seine Welle des Feuers Rasmus stark verwundet hatte. Er bemerkte nicht, dass Rowa bewusstlos zu Boden sank, nahm keine Notiz davon, dass Loecs langes Haar bis auf ein paar Büschel zu Asche verbrannt war. Vor ihm war der dicke Stoff durch die Wucht der Explosion vollständig in Flammen geraten. Neire blickte in ein Meer von Feuer, das sich vor ihm auftat. Er trat so nah heran, dass die Flammen drohten seine Haut zu verzehren. Er zog seinen linken Arm unter seiner Robe hervor und tastete in das Feuer hin. Die Flammen brannten auf dem vernarbten Fleisch und er vernahm den Geruch von verbrannter Haut. Er blickte in die Glut, in die Muster der Flammen. Die Göttin musste ihm ein Zeichen geben, er musste die Runen erkennen. Doch er sah nichts. Bevor die Verzweiflung in ihm aufkam erinnerte er sich an die alten Bräuche. Er stimmte den priesterlichen Choral an, den er schon zuvor am Grab zitiert hatte. Jetzt sang er mit dem Flammen, mit seiner schönsten Stimme. „Und weinet nicht im Antlitz des Todes, weinet nicht im Grauen der Entropie, denn der Lebenszyklus ist das Chaos und alle Dinge sterben. Denn die Dinge sterben, um sich im Licht unserer Göttin aufs Neue zu entzünden.“ Als der Vorhang an einigen Stellen begann einzustürzen, ließ er seine Augen aus der Starre erwachen. Neire blickte auf seine linke Hand und sah zu seinem Grauen, dass diese zu bleichen Knochen verbrannt waren. Er sank auf die Knie, als ihn eine Woge von geistiger Pein heimsuchte. Hatte ihn seine Göttin verlassen?

Halbohr hatte immer wieder in Richtung von Neire geblickt, als sich die anderen um ihre Wunden gekümmert hatten. Wie als ob er Schlafwandeln würde, war der junge Priester, der sich ihm als Kind der Flamme vorgestellt hatte, willentlich in das Feuer des brennenden Umhangs eingetreten. Anscheinend konnten ihm die Flammen nichts anhaben. Halbohr hörte neben dem Knacken von Flammen immer noch das Stürmen von Wind und das Getöse ferner Schlachten. Auch an seinen anderen Mitstreitern sah er hier und dort seltsame Veränderungen, wie hervorgetretene spitze Eckzähne. War denn die Welt um ihn herum im Chaos versunken, konnte er nicht mehr seinen Sinnen trauen? Er betrachtete Neire, den brennenden Wagen und dann Rasmus, Loec und Rowa. Er konzentrierte sich und versuchte durch den Nebel zu schauen, der auf dem Boden lag. Kurz schloss er seine Augen, dachte zurück an jetzt ferne Zeiten und atmete lange und ruhig aus. Als er die Augen öffnete hatte sich nichts geändert. Leise hörte er flüsternde Stimmen in der Dunkelheit. Als er zu Neire blickte sah er, dass der Junge in den Flammen des Vorhangs auf die Knie gesunken war. Sein rot-goldener Mantel schimmerte übernatürlich im Licht der Flammen, seine Augen waren wie glühende Kohlen. Neire hatte seinen linken verbrannten Arm erhoben und betrachtete diesen mit den weit aufgerissenen Augen eines Verrückten.

Schließlich hatte sich Neire aufgerafft und war zu den anderen zurückgekehrt. Er konnte seltsamerweise seine skelettene Hand rühren, als wäre sie noch immer von Muskeln bewegt. Er hatte auch Halbohr verzweifelt gefragt, ob er sähe was mit seiner Hand passiert war. Doch der elfische Söldner hatte ihn nur verwundert angeschaut. Er war der Verzweiflung nahe. Auch die Moral ihrer neuen Begleiter schien gebrochen. Sie ächzten unter den Brandwunden und husteten den vergifteten Staub, der in ihren Lungen brannte. Zudem hatten sie bemerkt, dass der Eingang, durch den sie gekommen waren, wie auf wundersame Weise verschwunden war. Nur Halbohr schien einigermaßen besonnen, doch der elfische Söldner hielt sich zurück, lauschte und betrachtete die Bewegungen des Nebels in die Dunkelheit hinein. Als die Verzweiflung immer größer wurde hatte sich Neire an Rasmus gewandt. Er sprach jetzt mit stark akzentuierter Stimme einer fernen Sprache. Lispelnd fuhr seine gespaltene Zunge über seine Lippe, als er an die starke Führung der Platinernen Priester dachte: „Rasmus, ihr seid doch der Anführer dieser Gruppe. Also führt uns durch dieses Grab.“ Der Paladin blickte Neire für einen Moment unsicher an. Halbohr hielt sich zurück und beobachtete die Szene genau. Erst jetzt wurde ihm das junge Alter von Rasmus bewusst. Der Paladin hatte sich die meiste Zeit hinter einem Helm aus Stahl verborgen, hatte nach außen eine Fassade der Erfahrung und der kriegerischen Überlegenheit getragen. Rasmus richtete sich ächzend, doch überraschend schnell auf. Er nahm seinen Weinschlauch und trank ihn fast in einem Zug leer. Den Rest des Weins reichte er Neire, der ihn dankend annahm. Jetzt schwang seine sonore Stimme überheblich durch das Grab: „Folgt mir Kameraden, wir werden diesen Ort im Sturm erobern. Folgt mir und ich werde euch zum Sieg führen.“ Halbohr zog sich in diesem Moment ein Stück weiter in die Schatten zurück. Er hatte in seinem Leben einige dieser Führer gesehen. Er wusste, dass Rasmus brechen würde, und dann… dann würde seine Stunde kommen.

Tiefer und tiefer waren sie in das Grab eingedrungen. Schließlich waren sie an einer weiteren Gruft angelangt, in deren Mitte sich eine Stele befand. Auf der Stele war eine bronzene Urne platziert. Hier war schließlich die Stimmung gekippt. Rasmus war weiter vorgeeilt, ohne auf Halbohr und Neire zu achten. Neire plagten zudem weitere Zweifel. Er hatte neben dem Wein, den ihm Rasmus angeboten hatte, etwas von dem Grausud aus dem verborgenen Fach seines Degens genommen. Jetzt hörte er die fremden Stimmen umso mehr in der Dunkelheit zischeln. Zudem spürte er Hitzeströmungen, durch die Gänge ziehen. Hitze die an seinem Geist zehrte, die ihn irgendwo hinlocken wollte. So hatten Halbohr und Neire sich zurückfallen lassen und sich kurz beraten. Sie hatten die drei Gefährten in der Gruft gelassen um die Gänge zu erkunden, an denen sie vorbeigeeilt waren. Dabei hatten sie schließlich zwei weitere Kammern gefunden, von denen eine Kammer eine Türe besaß. Nachdem die beiden Rasmus, Loec und Rowa belauscht hatten und nach einem kurzen Streitgespräch mit Loec, hatten sie sich entschlossen in der kleinen Kammer zu rasten. Die große steinerne Türe war von innen verriegelbar und somit recht sicher. Schließlich hatte Neire sich niedergelassen um Kontakt zu seiner Göttin aufzunehmen.

„Ich kann nicht, sie… SIE antwortet nicht. Die Stimmen… sie sind überall.“ Halbohr betrachtete Neire, der sich hustend aus dem Nebel erhob. Die Augen von Neire glitzerten groß und bläulich in der Dunkelheit, als ob er im nächsten Moment zu weinen beginnen würde. Sie hatten die Kammer verschlossen und Neire hatte bereits das zweite Mal versucht zu meditieren. „Es ist als ob sich der Ort verändert hätte. Die Wandmalereien von Ranken und Knospen. Eben habe ich einen warmen Hauch in meinem Nacken gespürt. Als ob jemand dicht hinter mir stehen würde.“ Als Halbohr den Satz beendete drehte er sich tatsächlich um, doch hinter ihm sah er nur die von Spinnenweben bedeckte steinerne Wand. Neire war sich sicher, dass er während der Meditation kurz eingenickt war. Er konnte sich an ein Bild erinnern, dass er gesehen hatte. Eine von Nebel bedeckte Landschaft, aus der die Spitzen von Fichten aufragten. Dann hatte er sie gesehen. Bleich wie Schnee und mit toten Tieren behangen. Langsam hatte sie sich umgedreht. Ein Teil ihres Gesichtes war von einem Totenkopf bedeckt gewesen. War es eine Krone aus Ranken die sie trug? Er erinnerte sich an die blutroten Augen und den Mund – es musste die Blutgöttin gewesen sein. „Ich habe Lyriell gesehen, in meinem Traum.“ Neire entschloss sich Halbohr anzulügen. „Sie war oft in den Eishöhlen der ewigen Dunkelheit. Sie jagte dort die Chin’Shaar.“ Neires Stimme klang traurig als er sprach. „Doch sie hatte stets den Segen der Göttin.“ Halbohr schüttelte den Kopf. „Neire, wir können nicht weiter warten. Rasmus wird sie in die Dunkelheit führen. Was wenn sie dort etwas freilassen. Wir werden hier in der Falle sitzen.“ Neire nickte lächelnd. „Im Raum mit der Urne habe ich ein Banner gesehen. Rowa las die alten Runen vor, die dort zu sehen waren. Es war von einer Blutgöttin die Rede. Sie ist schwach, eine niedere Gottheit… Von Blinden angebetet, die zu den Sternen aufschauen und sie niemals sehen werden. Halbohr, ich muss es weiter versuchen, Jiarlirae wird mir antworten und wir werden nach der Weisheit in Feuer und Schatten greifen.“ Halbohr betrachtete misstrauisch Neire. Er wusste nicht was er von dem jugendlichen Priester des Feuers und der Schatten halten sollte.

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Sitzung 09 - Das Grab III.
« Antwort #9 am: 20.04.2022 | 13:41 »
Ein weißer kriechender Nebel lag kniehoch über dem steinernen Boden des Grabes. Das kleine runde Gewölbe, in dem Halbohr und Neire ruhten, war in vollkommene Dunkelheit gehüllt. Dennoch durchdrangen die Augen der beiden Streiter mit übernatürlicher Schärfe ihre Umgebung. Sie hatten die steinerne Türe, die den einzigen Eingang darstellte, von innen verschlossen. Um sie herum ragten dunkle, teils glattgeschliffene Wände auf, die Spuren von Bearbeitung im Felsgestein zeigten. Neire erhob sich ächzend aus seinem Kniesitz und dem Nebel. Er spürte seine Lunge brennen und ihm liefen wechselnd kalte und heiße Schauer über den Rücken. Aus der Leere der Gruft hörte er das Rauschen von Wind und von Wasser, das Keuchen von leidenden Gestalten und das Rasseln von Ketten. Noch immer dachte er an das Bild der fremden Frau, das er in seinem Traum gesehen hatte. Neire blickte in Richtung von Halbohr als er seine Stimme erhob. Seine Augen funkelten nachtblau in der Dunkelheit, als ob er den Tränen nahe wäre. „Oh Göttin von Feuer und Dunkelheit, Dame der Acht Schlüssel, Herrscherin über die niederen Reiche, oh Schwertherrscherin.“ Während er sprach, verfiel er immer wieder in einen merkwürdig zischelnden Singsang und sein Gesicht formte ein verrückt wirkendes Lächeln. Halbohr betrachtete Neire genau und stieß verächtlich die Luft aus. Der Söldner mit dem grobschlächtigen Gesicht wirkte jetzt auffallend nervös. Immer wieder drehte er hastig seinen Kopf und offenbarte so die grässliche Narbe des einstigen Schnittes, die sich bis zu seinem fehlenden Ohr zog. Er hatte kurz zuvor an der Türe gelauscht, doch nur Kettengerassel und ein fernes Stöhnen gehört. „Neire, wir können nicht weiter hierbleiben. Rafft euch auf und bewahrt Haltung.“ Halbohr bemerkte, dass seine Worte kaum zum jugendlichen Priester durchdrangen. Der Jüngling hatte gerade seinen von gold-blonden, schulterlangen Locken bedeckten Kopf gesenkt und betrachtete seine linke verbrannte Hand. Nur langsam sah Halbohr wie Neire seinen Kopf hob und lächelnd in seine Richtung blickte. Für einen kurzen Moment bemerkte Halbohr die spitzen Eckzähne, die sich Neires Gesicht geformt hatten, nachdem sie den Leichenstaub der mumifizierten Frau eingeatmet hatten.

„Beim reinigenden Feuer von Heria Maki haltet ein!“ Die Stimme von Neire drang in das Gewölbe vor ihnen, in dem Neire und Halbohr ihre ungleichen Mitstreiter gehört hatten. Sie waren aus ihrem sicheren Zufluchtsort aufgebrochen und hatten die steinerne Türe vorsichtig geöffnet. Zuerst hatten sie nochmals das Königsgrab aufgesucht und nach dem geheimen Eingang Ausschau gehalten, durch den sie den Komplex betreten hatten. Doch dort, wo sie noch vor kurzer Zeit die alten Ziegel aus der Wand gebrochen hatten, befand sich jetzt von Fresken bedeckter massiver Stein. Die Szenen von Schlachten und großen, Blut trinkenden Kreaturen waren zu sehen gewesen. Insbesondere eine Szene, in der ein Granitblock und eine Flamme zu sehen war, war ihnen als Abstiegsort in das Unterreich bekannt gewesen. Neire hatte lange seine knöcherne Hand betrachtet - die nur er sehen konnte - und versucht seinen Geist zu öffnen. Doch den alten Durchgang hatte er nicht erkannt. Ohne dass sie es bemerkten, schien dieser Ort ihnen eine verfluchte, vielleicht längst vergangene Version der Realität vorzugaukeln. So waren sie schließlich zurückgekehrt und standen jetzt vor der Gruft mit dem goldenen Banner und der Urne; wobei letztere auf einer brusthohen Stehle in der Mitte des Raumes aufgebracht war. Noch bevor die Worte von Neire verhallt waren, drehte sich der Ritter, dessen stählerne Rüstung schimmerte und den Raum in bläulich-silbernes Licht warf, um. Rasmus trug seine gewaltige Hellebarde, doch der Paladin schwankte, als er lallend zur Antwort einsetzte: „Ihr… ihr… ihr seid zurückgekehrt um uns beizustehen, um diesen Ort von allem Bösen zu befreien.“ Sein rötlich-verbranntes, aufgequollenes Gesicht begann einen freundlicheren Ausdruck anzunehmen, als er sprach. Neire nickte ihm zu und antwortete. „Wir sind zurückgekehrt um euch zu helfen. Mit dem reinigenden Feuer von Heria Maki. Doch haltet ein; dieser Ort ist verflucht.“ Neires Blick musterte Loec, der gerade im Begriff war den Deckel der Urne zu öffnen. Der Waldelf hatte seinen Speer geschultert und befand sich offensichtlich in einem mitgenommenen Zustand. Sein vorher schulterlanges braunes Haar war jetzt zu Stummeln verbrannt. Halbohr, der in diesem Moment aus den Schatten hervortrat sah, dass Rasmus kurz seine Miene verdunkelte. „Seht ihr nicht was sich in der Urne befindet? Es ist ein Überbleibsel einer bösen Kraft. Es muss vernichtet werden, bevor es sich wieder erheben kann, um weiteren Schaden anzurichten.“ Der Paladin drehte sich in diesem Moment um und gab Loec einen barschen Befehl. Neire versuchte noch zu intervenieren. Er begann eindringlich zu sprechen: „Wir sind gekommen um euch zu helfen, doch nicht…“ Seine Worte kamen zu spät. Halbohr und Neire sahen, wie Loec bereits den Deckel der Urne löste und ein zischendes Geräusch durch das Gewölbe ging. Es war eine Wolke von grünlichem Gas zu erkennen, die sich rasch im Raum verteilte. Die Ereignisse überschlugen sich nun. Sie sahen, dass Rowa und Leoc aus dem Raum torkelten. Beide rieben sich die Augen, aus denen Blut strömte. „Wir sind hier“, sprach Neire in die Dunkelheit, als er sah, dass Rowa und Loec erblindet schienen. Rasmus aber war zurückgeblieben, atmete heldenhaft das Gift und entleerte die Flüssigkeit aus einer Viole in die Urne. Dann kam auch der Ritter torkelnd aus dem Raum hervor. Für Neire und Halbohr sah es einen Moment so aus, als ob sich in einem seiner Augen ein kleiner schwarzer Tentakel gebildet hätte. Zudem wischte sich Rasmus die blutigen Tränen aus dem Gesicht und leckte das Blut von seinem gepanzerten Handschuh, als ob es Honignektar wäre. Auch seine spitzen Eckzähne waren jetzt wieder zu erkennen. Rasmus, Rowa und Loec ließen sich ächzend nieder oder begannen nach einer Wand zu tasten. So verblieb Neire und Halbohr etwas Zeit die Urne zu untersuchen, denn sie hatten bemerkt, dass das grünliche Gas sich schon bald aufgelöst hatte. In der Urne waren neben Asche und menschlichen Überresten, das Glitzern von rötlichen Edelsteinen zu erkennen. Doch Halbohr wollte diese nicht bergen. Zu groß war sein Respekt vor dem Fluch des alten Grabes. So überkam die Neire die Neugier, denn er vermutete Feuersteine in der Urne. Er hielt die Luft an, als er nach den Steinen tastete und brachte tatsächlich drei Walnuss-große, funkelnde Rubine zum Vorschein, die er sogleich in einer seiner Gürteltaschen verschwinden ließ.

Das Leben kam in den Körper des großen Mannes zurück. Es war wie ein elektrisierendes Prickeln, das durch seine Extremitäten ging. Als ob Arme und Beine eingeschlafen wären. Nur langsam begann er - konnte er - seine Muskeln bewegen. Um ihn herum vernahm er modrige Luft; Schimmelpilz und Erde, Grabesfäulnis. Käfer krochen über sein Gesicht. Noch immer hatte er das Bild des Traumes vor sich, das er fieberhaft in allen Facetten wiederholt hatte; das er für eine lange Zeit nicht hatte überwinden können. Wie lange? Wieso jetzt? Waren das Geräusche, vielleicht Stimmen? Er ließ das Bild der knorrigen, zerborstenen Eiche von sich gleiten, wie eine alte, morsche Rinde. Er dachte nicht mehr an das Wurzelportal, durch das er geschritten war. Die Enge raubte ihm die Gedanken; die Enge trieb ihn in Panik, wie ein tollwütiges Tier. Dann hörte er sie wieder: Stimmen. „Hier,… hierher,…, hört mich jemand?“ Sein Gaumen war trocken und er schmeckte Erde auf seiner Zunge. Er begann gegen den Stein zu treten. In die Richtung, wo die Geräusche herkamen. Schließlich gab es ein Knacken und der Stein brach. Er begann sich frei zu graben. Alles ging so beschwerlich, so langsam. Schließlich brachte er sich hervor in das seltsame Licht, das ihn blendete. Merkwürde Gedanken suchten ihn heim. Wiedergeboren aus der Dunkelheit, wiedergeboren aus der Erde, der Fäulnis. Zurückgebracht in das Leben aus dem Grab. Er tastete nach seinem Speer mit dem heiligen Runenband. Als er diesen hervorzog, spürte er das Gefühl von gewohnter Sicherheit, einer alten Vertrautheit. Noch immer blendete ihn das Licht. Dann hörte er die Stimme: „Er lebt. Kommt und schaut. Es ist ein Überlebender.“ Trotz einer sonoren Kraft, war die Trunkenheit in der Stimme nicht zu überhören. Doch der Akzent war merkwürdig. Er war ihm nicht bekannt. „Lasst mich euch vorstellten. Mein Name ist…“ In diesem Moment wurde die tiefe, trunkene Stimme unterbrochen. „Mein Name ist Neire von Nebelheim und das ist Rasmus, Paladin aus Fürstenbad. Mit uns ist Halbohr, der Söldner. Ja, er besitzt wirklich nur noch ein Ohr. Ihr müsst wissen, wir bringen das reinigende Feuer unserer Göttin Heria Maki an diesen Ort, um ihn von niederen Göttern zu befreien.“ Die zweite Stimme klang knabenhaft, mehr nach einem Singsang, fremd und doch wohlklingend-bezaubernd. Ein Zischen, vielmehr ein Lispeln, war nicht zu überhören. Auch hier erkannte er den seltsamen Akzent nicht, der jedoch ein anderer war, als der der trunkenen Stimme. „Göttin, ha. Sprecht, für euch selbst Priester. Ich diene niemand anderem als mir selbst und meinem eisernen Gesetz.“ Die letztere Stimme, war näher und hatte einen elfischen Akzent. Er holte tief Luft, hustete den Staub aus seiner Lunge und ließ das stumpfe Ende des Speeres auf den Boden pochen, als er sprach: „Mein Name ist Gundaruk.“

Sie waren weiter in den Kerker vorgedrungen und hatten hinter einer Türe einen großen Tempelbereich entdeckt, der von Statuen und Schlachtszenen bestimmt war. Zur rechten Seite hatte sich eine Öffnung befunden, die sie in eine Grabeskammer geführt hatte. In der Mitte ragte eine große Felssäule auf und an einer von Fresken verzierten Wand waren Grabesnischen zu sehen gewesen, die von Steinplatten bedeckt waren und Buchstaben einer alten Sprache trugen. Hier hatten sie die Geräusche gehört und gesehen, wie der Überlebende, so hatte Rasmus ihn bezeichnet, aus einer der Grabnischen hervorbrach. Der Fremde schien geblendet zu sein von dem silber-blauen Licht, das von der Rüstung Rasmus’ ausging. So konnten sie ihn ungestört in seiner vollen Größe betrachten. Er überragte mit seiner hünenhaften Gestalt sogar Rasmus um mehr als eine Kopflänge. Der Fremde trug den Fellmantel einer Wildkatze, mitsamt dem verbliebenen Kopf des Luchses, den er sich als Schmuck bis weit über das Gesicht gezogen hatte. Gundaruk, so hatte er sich ihnen vorgestellt, war in eine Kleidung aus abgewetztem, hartem Leder gehüllt, unter der hier und dort der Stahl eines Kettenhemdes hervorblitzte. Er war von Moos, Erde und von schleimigen Resten eines grünlichen Pilzes bedeckt. Als er langsam begann sich an das Licht zu gewöhnen, konnten Neire und Halbohr grünlich aufblitzende Augen sehen, die die Umgebung mit fortgeschrittener Erfahrung musterten. Gundaruk fuhr sich mit der Hand durch den langen Vollbart, entfernte Erde und Schmutz, als Halbohr mit seinen Ausführungen fortsetzte. „Ich, Halbohr, halte mich nämlich an das Gesetz. Verträge sind da, um sie zu schließen und zu erfüllen. So wie mein Vertrag mit Neire. Verträge sichern gemeinsame Kampagnen. Im Krieg, wie im Frieden. Auch wenn hier jeder seine Lebensgeschichte auszuplaudern scheint, sollten wir uns auf das Wesentliche beschränken; wir sollten uns absichern. Auch ihr, Gundaruk, werdet einen solchen Vertrag mit mir schließen müssen, falls ihr überleben wollt.“ Während er sprach hatte Gundaruk die Streiter betrachtet. Den Jüngling mit dem feinen Gesicht und den gold-blonden Locken schien die Rede sichtlich zu stören. Gundaruk sah, wie Neire seine Augen rollte und bei den letzten Worten von Halbohr begann abfällig zu grinsen. Auch die gekreuzten Finger von Neire waren nicht zu übersehen, die er allerdings so zeigte, so dass sie nur er, Gundaruk, sie sehen konnte. Gundaruk ergriff seinen Speer und drängte an Neire vorbei. Er sah, dass der junge Priester in der feinen schwarzen Lederkleidung und dem roten Umhang mit schwarz-goldenen Stickereien seinem massiven Körper auswich. In diesem Moment richtete er seine Stimme an Neire: „Das wird schon werden, Kleiner.“

Als sie das dumpfe Pochen von Gundaruks Speer gehört hatten, den der Fremde gegen eine der Grabesplatten schlug, war die Stimmung wieder gekippt. Was zuvor als ein latentes Grauen, ein Verdrängen der offensichtlichen Veränderungen ihrer Körper und Umgebungen beschrieben werden konnte, war jetzt fortschreitender Verrücktheit und Panik gewichen. Gundaruk hatte bereits eine weitere Grabplatte zerstört, wobei sie dort nur Überreste in Form eines Skelettes gefunden hatten. Neire hatte sich in dieser Zeit um Rasmus gekümmert, dessen Haut seltsam kalt geworden war. Zudem murmelte der Paladin wirre Gedanken und hatte, so schien es, längst seine Beherrschung, wie auch seine Vernunft verloren. Als Rasmus sich umgedreht hatte und fast ein wenig hilflos nach Loec und Rowa rief, war Panik losgebrochen. Die beiden wald- und dunkelelfischen Mitstreiter waren schon seit einiger Zeit verschwunden und es war keinem aufgefallen. Sie waren dann alle in Richtung der Türe aus schwarzem Marmor gestürmt, die sie noch nicht geöffnet hatten. Neire, Halbohr und Gundaruk waren Rasmus gefolgt und sahen gerade wie er das Portal vor ihnen aufstieß. Dahinter offenbarte sich ein Bild von Größe und von Grauen. Sie erblickten eine kuppelförmige Halle, die die majestätischen Ausmaße eines inneren Sanktums hatte. Die Decke des gewaltigen Gewölbes war von schimmernden Sternen bedeckt, die im silbern-blauen Licht Rasmus‘ Rüstung fluoreszierend schimmerten. In der Mitte war ein Altar aus weißem Marmor zu erkennen, der die Schnitzereien von Humanoiden mit Fratzen und Fanzähnen trug. Hier und dort waren auf dem Altar dunkle Spuren erkennen, die eine längst vergangene, unheilige Benutzung erahnen ließen. Von der gegenüberliegenden Seite, wo Rasmus sich jetzt hinbewegte, sahen sie zwei bronzene Türflügel eines gewaltigen Portals. Von diesem Portal hörten sie wimmernde Laute der Furcht und sahen, dass Loec und Rowa dort lagen. Beide hatten sich in eine embryonal-ähnliche Haltung zusammengerollt und hielten sich die Hände über die Ohren. Auch Gundaruk drängte jetzt an Neire vorbei und betrat den Tempel der niederen Blutgöttin. Seinen scharfen halb-elfischen Augen entging nicht ein Schatten einer verborgenen Türe, die auf der linken Seite des Raumes lag. Als er die Position dieser Türe Neire mitteilte, mahnte der Jüngling Verschwiegenheit. Neire gab Gundaruk zu erkennen, dass sie alle den verfluchten Staub eingeatmet hätten, der sie jetzt unberechenbar machte. Gundaruk vermutete, dass nur er und Neire von der Position der Türe wussten. Er schritt vorsichtig weiter in Richtung des Altares. Als er näherkam, wurde er von Visionen heimgesucht. Gundaruk erblickte den alten Wurzelwald, durch den er so oft geschritten war. Doch eine Welle von Blut strömte auf ihn zu und riss alles nieder, drohte ihn zu zermalmen. Es nahm ihm die Luft zum Atmen. So groß wurde die Furcht, dass er in Panik aus dem Tempel herausstürzte und sein Heil in der Flucht suchte. Halbohr und Neire versuchten zwar ihn aufzuhalten, doch der massive Körper Gundaruks drängte vorbei. Nach kurzer Absprache folgte Halbohr Gundaruk, während Neire weiter in der geöffneten Türe stand und Rasmus beobachtete. Der Ritter schien jetzt völlig den Verstand verloren zu haben. Torkelnd und schwankend schritt er um seine beiden Mitstreiter herum und schrie gellend Befehle, das Grab zu stürmen. Als Loec und Rowa keine Reaktion zeigten, begann Rasmus mit seinen Stiefeln nach ihnen zu treten. Diese Szenerie belustigte Neire. Er dachte an die seltsamen Konventionen des oberirdischen Umgangs, die er von Rasmus in den letzten Tagen gelernt hatte. Doch nun schien Rasmus sie alle abgelegt zu haben und gab seinen niederen Instinkten nach. Als der Paladin zuerst Rowa und Loec nach ihren Weinschläuchen durchsuchte, überkam Neire sogar ein Gefühl der Sehnsucht. Er wollte mitmachen, den Wein trinken, vergessen und sich gehenlassen. Er dachte zurück an seine Zeit in Nebelheim, an seine Zeit mit Lyriell. Als Rasmus beide Weinschläuche leergetrunken hatte, konnte sich der Ritter kaum noch auf den Beinen halten. Jetzt waren auch Halbohr und Gundaruk wiedergekommen. Sie sahen die Szenerie und Halbohr begann zuerst Rowa, dann Loec aus dem Raum zu bergen. Als er die beiden Mitstreiter in den Gang geschleift hatte, hörten sie alle einen gurgelnden Kampfschrei durch das Gewölbe hallen. Rasmus hatte sich in eine Angriffshaltung begeben und stürmte schwankend, sich kaum auf den Beinen haltend, in überwältigender Verrücktheit, auf den Altar zu. Er schwang die gewaltige Waffe mit dem stumpfen Ende voran. Als dieses Ende, welches eine silberne Kugel darstellte, auf den Altar prallte, hörten sie ein Krachen, ein Bersten von Stein und Stahl. Neire hatte den Angriff kommen gesehen und dem Wahnsinn in die Augen geblickt. Er duckte sich hinter der schwarzen Steintüre in die Schatten.

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Sitzung 10 - Das Grab IV. - Tod eines Helden
« Antwort #10 am: 25.04.2022 | 22:21 »
Sie starrten alle gebannt in Richtung des Altars. Für einen kurzen Moment schien alles still zu stehen. Der Ritter Rasmus war in überbordender Trunkenheit auf das Relikt einer alten, längst vergangenen Zeit zugestürmt. Doch es waren nicht die Altäre der Verrücktheit, die sie vor sich sahen. Die Verrücktheit war in ihnen; in jedem einzelnen. Veränderung der Wahrnehmung, Stimmen und Geräusche; kalte und warme Schauer, die ihnen über den Rücken liefen. Ihr Geist war zermartert, doch sie spürten eine innere Vertrautheit, eine Sehnsucht und ein Gefühl von Sicherheit, als sie den weißen Marmor mit den Fresken von Fratzen vor sich sahen. Das silberne Licht Rasmus‘ schimmernder Rüstung fiel in die Leere der großen Halle und wurde doch reflektiert von einem karmesinroten Himmel glitzernder Sterne. Aus der halb geöffneten Türe war die Silhouette der gepanzerten Gestalt zu sehen, die aus einem Meer von weißem Nebel aufragte. Rasmus schwang die gewaltige Waffe mit dem stumpfen Ende voran. Die silbern schimmerte Kugel krachte auf den weißen Marmor, der hier und dort von den Spuren längst vertrockneter Rinnsale dunkel befleckt war. Das Knirschen und Bersten von Metall und Stein war ohrenbetäubend. Neire, der sich bis jetzt hinter dem geöffneten Türflügel versteckt hielt, torkelte zurück und ließ die schwarze Türe los. Sie sahen, wie sich aus dem inneren Sanktum eine Woge von bräunlich-grünlicher Substanz in alle Richtung ausbreitete. Wie ein volatiles Gas strömte es auf sie zu, hatte Rasmus bereits voll erfasst. Die Woge drang in den steinernen Gang und fuhr über sie hinweg wie schäumende Brandung. Dann verlosch der letzte Strahl des silbernen Lichtes. Der schwarze Türflügel war zurückgefallen und Dunkelheit breitete sich aus.

Schreie und Stöhnen waren von Loec und Rowa zu hören. Beide lagen noch dort, wo der elfische Söldner Halbohr sie hin geschleift hatte. Beide hatten sich vor Furcht in eine embryonale Stellung zusammengerollt. Als sich die Augen von Gundaruk, Halbohr und Neire an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen sie, dass Rowa und Loec die Gesichter verzerrten. Sie begannen sich zudem an ihrer Haut zu kratzen, als wollten sie sich diese vom Schädel reißen. Und tatsächlich waren Bewegungen unter ihrer Gesichtshaut zu erkennen. Als ob eine zweite, fremde Mimik die Kontrolle übernommen hätte und scheinbar zufällige Stellen hier und dort wölbte. Loec hatte sich bereits zwei der Brandwunden aufgerissen. Frisches Blut lief zwischen seinem bis auf Stoppeln verbranntem Haar hinab. Gundaruk, Halbohr und Neire hatten die Woge der Substanz des Altares besser überstanden. Dennoch war eine Mischung aus Angst und Verrücktheit besonders bei Neire und Halbohr zu sehen. Der junge Priester der obskuren Feuergöttin starrte immer wieder auf seine linke Hand, murmelte kaum verständliche zischelnde Laute und deutete dann auf die schwarze doppelflügelige Türe. Derweil blickte sich Halbohr panisch um. Schweiß hatte sich auf Gesicht und Hals des elfischen Söldners gebildet. Nur Gundaruk bewahrte eine innere Ruhe, als er sich zu ihren beiden Mitstreitern hinabbeugte. Er zog sich die schwere Fellmütze des Luchskopfes aus dem Gesicht; seine grünlichen Augen funkelten in der Dunkelheit, als er Loec und Rowa begutachtete. Er tastete nach der steingrauen Haut von Rowas Gesicht, seine große Hand begann ihren Kopf vorsichtig zu drehen. Tatsächlich spürte Gundaruk Bewegungen, die nicht von Muskeln stammen konnten. Als ob etwas unter die Haut der Dunkelelfin gefahren war, etwas das jetzt hinaus wollte. „Neire haltet die Türe auf!“ Gundaruk wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen. Er hatte über die alten Legenden nachgedacht. Über die alten Runensteine, die ihre Geschichten trugen. Geschichten von den Geistern der Unterreiche, die im Venn hinaufstiegen und sich den Körpern der Lebenden bemächtigten. Er erinnerte sich an alte Weisheiten seines Volkes, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Und Gundaruk wusste um den Zustand der Besessenheit, der Besitzergreifung durch das Fremde, aus der großen Tiefe darunter. Er blickte sich um und sah, dass Halbohr bereits die Türe geöffnet hatte und einen seiner Dolche unter dem Flügel verkeilte. „Geht nicht… nicht dort hinein. Es ist das Heiligtum der niederen Blutgöttin, vielleicht seit Jahrhunderten verlassen. Doch von dem Altar droht Gefahr.“ Als Neire seine Worte beendet hatte, sah Gundaruk, dass der Jüngling am ganzen Körper zitterte. Mehrfach griff Neire zu seinem mit Schlangen verzierten Degen, blickte jetzt sogar in seine Richtung. Seine Augen funkelten dabei bläulich in dem silbernen Licht, das wieder durch den geöffneten Türflügel strömte. Als Gundaruk sich erneut Rowa zuwandte, sah er, dass Halbohr bereits begann sich auf den Altar zuzubewegen.

Der elfische Söldner trug zwei Dolche in den Händen, von denen einer aus purem Silber gearbeitet war. Er watete durch den Nebel und lauschte nach Geräuschen, die er in der Halle vernehmen konnte. Hier war wieder ein Schreien zu hören, dort ein Rasseln von Ketten; doch keine Spur von Rasmus. Der Altar, dem er jetzt näherkam, ragte noch immer unbeschädigt aus dem weißlichen Nebel. Halbohr hielt den Atem an und setzte Schritt für Schritt in Richtung des unheiligen Marmors. Plötzlich war es, als ob der Nebel nach ihm greifen wollte; Hände bildeten sich und verflossen wieder. Er hörte ein Strömen und Plätschern. Er bemerkte zu seinem Grauen, dass eine Fontäne aus Blut aus dem Altar hervorschoss. Halbohr begann zu zittern und wollte in den sicheren Tunnel laufen. Doch sah er einen gepanzerten Handschuh auftauchen, der sich auf dem Altar stütze. Rasmus hatte sich den Helm ausgezogen. Trotz der üblen Brandwunden, die ihn entstellten, blickte er Halbohr mit einer tiefen, trunkenen Zuversicht an. Als der Ritter sich langsam erhob, begann das Trugbild des Blutstroms für Halbohr zu schwinden. Doch nicht enden wollte die Tortur von Wahnvorstellungen. Jetzt hörte Halbohr ein Mahlen von Stein. Er dreht sich langsam in die Richtung und sah, dass sich zu seiner linken Seite ein Teil der Wand begann zu bewegen. Es eröffnete sich eine Türe. Dort, wo vorher keine gewesen war. Oder war es doch die Realität? Auch Rasmus schien die Änderung erkannt zu haben und begab sich mit seiner Hellebarde in eine Angriffshaltung. Das Grauen, das Halbohr verspürte nahm nochmals zu, denn er sah am Rande des silbernen Lichts schattenhafte Kreaturen aus der Öffnung strömen. Augenblicklich begann er sich in die Dunkelheit zu kauern. Er tauchte ein in den weißlichen Nebel und drückte sich an den Altar.

„Irgendetwas stimmt hier nicht… Gundaruk! Seid auf der Hut.“ Die Stimme von Neire war in eine Art zischelnden Singsang verfallen. Tief und fremd war sein Akzent, als er sprach. Neire hatte in Richtung von Halbohr geblickt und ihn aus dem Tunnel heraus beobachtet. Er hatte gesehen, dass der elfische Söldner zum Altar vorgedrungen war und sich plötzlich in den Nebel gekauert hatte. Auch hatte er die Angriffshaltung bemerkt, in die der Paladin sich jetzt begab. Dann waren die Schreie von Loec und Rowa angeschwollen zu einem Höhepunkt. Neire spürte, dass irgendetwas passierte; irgendetwas, dass Rasmus mit seinem Angriff auf den Altar ausgelöst hatte. Er musste jetzt bereit sein, musste die Kräfte von Feuer und Schatten beschwören. Er dachte an die Runen, die er im inneren Auge gesehen hatte, er dachte zurück an Nebelheim: Bei Nirgauz werde ich das lodernde Feuer reiten, bei Firhu gib mir die Gabe der Schatten, bei Zir’an’vaar, ich bin und werde es immer sein. Ein Kind der Flamme.

Gundaruk erhob sich und ließ von Rowa ab. Die Schreie der beiden waren ohrenbetäubend und klangen nach vollkommener Verrücktheit. Er hatte die Worte von Neire kaum gehört und spät reagiert. Als er den Speer erhob und sich schützend vor Neire postierte, merkte er, dass der Jüngling sich verändert hatte. Gundaruk spürte eine Aura, wie die brennende Düsternis. Das schöne, bleiche Gesicht von Neire war erstarrt, seine Augen fassten die Ferne. Neire hatte seine linke verbrannte Hand unter der Robe hervorgezogen und sie so vor sich gestreckt, als ob er etwas Unsichtbares halten würde. Jetzt sah Gundaruk das Glühen in dessen Augen. Als ob die dunkle schwarze Kruste eines glühenden Magmas begann zu reißen. Dann formten sich die Flammen. Die Haut begann zu brennen und es quoll Feuer aus Neires Hand. Der Gang wurde in ein rötliches Glühen versetzt. Feuer und Schatten, Schatten und Feuer. Die Flamme aus Lava begann zu tanzen, als Neire zischend murmelte. Der Jüngling griff mit seiner rechten Hand in die Flamme und zog einen Degen aus purem Feuer hervor. Aus dem rötlichen Licht, welches jetzt den Gang erhellte, blickte Gundaruk in die Dunkelheit. Er deckte mit seinem Speer den Bereich vor ihm. Plötzlich schossen drei Kreaturen vor ihm herab, die sich wie Spinnen an einer Wand fortbewegt hatten. Gundaruk sah bleiche Knochen, über die sich vertrocknete Haut zog. Staubiges zerzaustes Haar fiel von den Köpfen hinab. Die Gestalten gierten nach Blut. Gundaruk konnte ihre langen Eckzähne erkennen, als sie ihn anfielen. Doch vorher stieß er mit dem Speer zu und hörte das Knirschen von Knochen. Einen kurzen Moment später spürte er die Hitze näherkommen und hörte die Stimme von Neire von hinter ihm: „Aus dem Weg Gundaruk.“ Gundaruk machten einen Schritt zu Seite und wurde geblendet von der Feuerwelle, die aus Neires linker Flammenhand nach vorne strömte. Alle drei der Gestalten wurden in ein Meer von Feuer und Schatten gehüllt.

Die Kugel aus Magma explodierte und hüllte den gesamten Gang hinter ihnen in Flammen. Neire spürte, wie die Welle der Macht ihn verließ, als er das Feuer beschwor. Adrenalin schoss durch seinen Körper und verdrängte jedes Gefühl von Angst. Jetzt war er gefangen in der Welt von Feuer und Schatten; die Essenz seiner Göttin elektrisierte jede seiner Bewegungen. Er starrte in die Flamme seiner linken Hand und ließ sich von ihren chaotischen Bewegungen treiben. Sein scharfer Verstand war das Ventil eines elementaren Meeres aus Chaos, eines älteren, urtümlichen Bösen. Es war ein Urmeer, aus dem er schöpfte, ein unendlich dimensionales Gebilde, das nur durch den ewigen Kampf einer Dualität aufrechterhalten wurde – ein Gebilde, dem der Gleichgewichtszustand fremd war. Sie hatten verbissen gegen die drei Kreaturen gekämpft, die Neire und Halbohr als lebendige schöne Gestalten gesehen hatten. Die Kreaturen hatten vor seinen Augen unter den Speerstichen Gundaruks geblutet. Schließlich war Halbohr ihnen zur Hilfe geeilt und hatte ihre Widersacher von hinten angegriffen. Zu dritt hatten sie sie niedergerungen und als sich eine der Gestalten wie von Geisterhand wieder erhob, hatte Neire eine zweite Feuerwelle über sie ergehen lassen. Erst dann waren sie zu Asche verbrannt worden. Die Ereignisse hatten sich danach überschlagen. Sie hatten gesehen, dass Rasmus am Altar gegen vier weitere der Kreaturen kämpfte. Der Ritter war bereits übel mitgenommen und konnte sich aufgrund seiner Trunkenheit kaum auf den Beinen halten. Aus der Dunkelheit hinter Neire und Gundaruk, hatte eine weitere Kreatur angegriffen, die jetzt Loec niederrang und sein Blut trank. Zudem war hinter ihnen ein untoter Krieger aufgetaucht, der Langschwert und Panzer trug und ein knappes Dutzend an Skeletten anführte. Die von Rowa beschworenen Spinnennetze hatten ihn nicht aufhalten können und er drängte jetzt auf Gundaruk zu. Neire hatte in Richtung von Rasmus gerufen. Dass er ihnen helfen sollte; doch der Paladin hatte nicht reagiert. So hatte Neire die Macht von Jiarlirae entfesselt. Für einen Moment wurden alle Geräusche von der Explosion übertönt, alle Sicht von einem grellen Licht genommen. Dann hörten sie alle den Todesschrei von Loec, gefolgt von einem Röcheln. Der waldelfische Begleiter wurde von den Flammen Neires dahingerafft. Nachdem der Rauch sich verzogen hatte, sah Neire glühende Haufen von Knochen zusammenbrechen. Auch die Gestalt, die Loec angegriffen hatte, löste sich in glimmende Asche auf. Nur der berüstete Krieger schritt weiter auf sie zu. Neire und Rowa wichen aus dem Gang in das Sanktum zurück. Gundaruk stellte sich dem Krieger am Eingang zum Kampf. Sie sahen alle, dass Rasmus von den vier Kreaturen am Altar überwältigt wurde. Sie begannen ihre spitzen Hauer in sein Fleisch zu rammen und sein Blut zu trinken. Ein weiteres Mal beschwor Neire die alten Runen, lispelte schlangenhaft den düsteren Singsang. Doch diesmal wendete er sich in Richtung Altar. Die Explosion erschütterte die Halle. Der Altar, der Ritter Rasmus und seine Widersacher verschwanden in einem Reigen aus Feuer. Als die Flammen sich legten, lag der Ritter blutend und verbrannt auf dem Boden. Rasmus hatte sein Leben ausgehaucht. Doch Neire hatte sich bereits dem untoten Krieger zugewendet. Er schwang die Flamme seiner Göttin und den Degen aus Feuer. Erbarmungslos brannten seine glühenden Augen. Nicht hörte er Rowas warnende, fast wehleidige Stimme: „Der Altar! Zerstört den Altar. Nehmt die Viole aus Rasmus‘ Gürtel.“

Gundaruk zitterte und atmete schwer. Er konnte kaum klar denken und fasste sich immer wieder an seinen Hals. Die Klinge des untoten Kriegers war dort tief eingedrungen und warmes Blut rann in Strömen herab. Die Todesangst hatte ihn gepackt. Es schien, als ob er die Kreatur nicht hatte verletzen können. Mechanisch hatte der Untote das Schwert gegen ihn erhoben. Hieb für Hieb. Keinen Schmerz hatte sein Gegner empfunden. Und Gundaruk hatte ihm schwere, tiefe Wunden zugefügt; tödlich für jeden Sterblichen. Für einen Moment sah es aus, als ob der große Mann in sich zusammensinken würde. Der von Blut dunkel gefärbte Fellmantel bedeckte ihn gänzlich. Er dachte an den Duft des Waldes im Sommer, die alten Wurzeln, das Harz von Fichten und Tannen. Doch da war sie wieder, die Wut, die ihn heimsuchte, wie eine Woge innerer Dunkelheit. Schaum bildete sich vor seinem Mund. Er begann zu schreien als sein großer muskulöser Körper sich zu wandeln begann; Sehnen begannen zu springen, Knochen zu brechen. Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, wie geleimt sollen sie sein. Ein gewaltiges Brüllen durchfuhr die Halle, als die Kreatur, in die Gundaruk sich verwandelt hatte, sich erhob. Der Bär nahm Geschwindigkeit auf, als er in Richtung des untoten Kriegers stürmte. In seiner neuen Form sah Gundaruk wie durch einen Tunnel. Er stellte sich auf, blickte auf die berüstete Gestalt unter ihm und ließ sein gewaltiges Gebiss zuschnappen.

Als Rowa die Viole mit dem silbern schimmernden Wasser auf dem Altar zerbrach, war der Marmor in tausende Teile zerbrochen und explodiert. Ein Regen von Steinsplittern hatte sie zerschnitten. Nicht nur die Umgebung hatte sich danach geändert. Geisterhafte Silhouetten hatten sich aus den Körpern von Neire, Halbohr und Rowa gelöst. Geister lange verstorbener Kreaturen dieses Grabes, die in sie eingedrungen waren und die ihrem Verstand übel zugerichtet hatten. Der Nebel hatte sich dann für ihre Augen auflöst, so wie ihre körperlichen Veränderungen. Gemeinsam hatten Halbohr, Neire und Gundaruk – in Bärengestalt – gegen ihren letzten Widersacher gekämpft. Der Untote schien jetzt wie gelähmt und so konnten sie ihn zu Boden bringen. Danach war Ruhe eingekehrt. Halbohr war hinter der neu geöffneten Geheimtüre verschwunden, um die dahinter liegenden Gemächer nach Schätzen zu durchsuchen. Der Bär war in den Gang getrottet und schnüffelte am toten Körper Loecs. Neire hingegen blieb stehen und betrachtete die Halle. Der karmesinrote Himmel mit den silbernen Sternen war jetzt erloschen, der Altar zerbrochen. Mit einer inneren Zufriedenheit betrachtete er das Werk seiner Zerstörung; doch er wollte mehr. Er wusste, er hatte nur die Oberfläche berührt. Die Oberfläche der Geheimnisse, die in den Schatten liegen; das Chaos der Flammen. Er musste die alten Runen der Schwertherrscher entdecken, das Unbekannte verstehen, das Wissen jenseits der Sterne ergründen. Hätte er in dieser Situation einen Spiegel gehabt, so hätte er sich lange betrachtet und seine Fantasie in das Unbekannte entgleiten lassen. Doch er hatte keinen Spiegel. So fiel sein Blick auf Rowa, die sich bereits zu Rasmus hinabgebeugt hatte und ihn zu durchsuchen begann. Neire steuerte seine Schritte in Richtung des Haufens marmorner Scherben, hob arrogant sein Kinn und stellte siegessicher ein Bein auf die Reste des Altars: „Seht ihr nicht die Größe meiner Taten. Wir haben es vollbracht Rowa.“ Er sah, wie die Dunkelelfin mit dem grobschlächtigen Gesicht ihn kurz verächtlich anschaute, dann jedoch weitersuchte. „Es sind unsere Taten, die uns von den anderen unterscheiden. Es ist unser Geist, der uns nach dem Wissen greifen lässt… Doch ihr Rowa… ihr durchwühlt und plündert bereits die Leichen.“ Seine Stimme klang überheblich. Neire fühlte sich unbesiegbar in diesem Moment. Als Rowa ruckhaft aufstand und ein Amulett samt silberner Kette hervorzog, wich dieses Gefühlt jäh. „Ja, ihr habt es vollbracht. Tut doch was immer ihr wollt.“ Rowa stieß zudem einen Fluch auf dunkelelfisch aus, der in Richtung Rasmus ging. Doch Neire verstand die Worte. Auch sah er das Symbol, das sich auf dem Amulett befand. Es war das Hauswappen der Herrscherfamilie Duorg. In den Wirren der Kriege der vergangenen Jahrhunderte hatten sie stetig an Macht verloren. In traditioneller, dunkelelfischer Weise wurde das Haus Duorg von Frauen geführt, die von Ched Vurbal aus ihre niederträchtigen Machenschaften in die Unterreiche trugen. Neire war sich nicht sicher, ob es sich bei Ched Vurbal um eine Stadt oder einen Herrschaftssitz handelte, doch er wusste, dass das Haus vor langer Zeit einen Tempel zu Ehren der Spinnengöttin Lolth errichtet hatte. Den Namen des Tempels kannte er nicht, doch er sollte die Form einer Spinne gehabt haben und in Obsidian und Eisen errichtet worden sein. In den Wirren des Krieges war Ched Vurbal schließlich zerstört oder verschüttet worden. Vom Tempel hatte man seitdem nichts mehr gehört. Sogar an den Namen der Herrscherin konnte sich Neire erinnern: Raxira. Jetzt fiel ihm ein, dass Raxira zwei Geschwister gehabt haben sollte. Einen Bruder Raxor, der seit seiner Jugend als verschollen galt, und eine Schwester Rowa. Neire, sprach nun einfühlsam. Die Überheblichkeit in seiner Stimme war einem sanften Singsang gewichen. „Raxira, ist das eure Schwester, die ihr sucht?“ Er sah, dass Rowa vor Wut zu schäumen begann. Sie zitterte am ganzen Körper und antwortete zischelnd: „Wagt es nicht ihren Namen in euren Mund zu nehmen. Raxira, verflucht soll sie sein.“ Neire senkte unterwürfig seinen Kopf und machte ein paar Schritte zurück. „Ich…“ Er wollte gerade anfangen zu sprechen, als die Luft um Rowa begann zu flimmern. Er sah, wie sich geisterhafte Konturen bildeten. Spektrale Wesen formten sich aus dem Nichts. Es waren riesenhafte durchsichtige Spinnen.

Offline Jenseher

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Sitzung 11 - Das Grab V. - Wiedergeburt
« Antwort #11 am: 2.05.2022 | 22:36 »
Der große halbkuppelförmige Dom des Grabes war jetzt in Dunkelheit gehüllt. Der Geruch von Schwefel, von verbranntem Fleisch und verkohlten Haaren war allgegenwärtig. Neire ließ seinen Blick kurz über seine Umgebung gleiten und sah, dass marmorne Scherben den Boden bedeckten. Der gesamte Bereich hatte sich plötzlich für ihn verändert und strahlte jetzt einen morbiden Charakter des Verfalls lange verlassener Einsamkeit aus. Er hatte Rowa nie ganz aus seinem Blickfeld gelassen und sah, dass sie immer noch – wutentbrannt und vor Zorn zitternd - das schimmernde Amulett betrachtete, das sie kurz zuvor dem Leichnam des Ritters Rasmus abgenommen hatte. Der kniehohe weiße Nebel war nach der Zerstörung des marmornen Altars vollständig verschwunden und so konnte Neire sehen, wie sich das silbrige, spektrale Wesen lautlos hinter Rowa formte. Neire spürte wie das Adrenalin abermals durch ihn schoss, doch die Aufregung war nicht mehr so groß wie zuvor. Nach dem Kampf war sein zermarterter Geist in einen ruhigen, fast schläfrigen Zustand übergegangen, in dem er mehr Betrachtender als Handelnder war. Er hob seine linke Hand unter der Robe hervor, zeigte und wich zwei Schritte zurück, als er zischelnd die Worte formte: „Rowa, sie ist hinter euch. Eine Spinne!“ Rowa blickte zu ihm auf und er konnte sehen, dass ihr plumpes Gesicht ihn für einen Moment musterte. Dann fing sie in ihrem Zorn an zu lachen. Konnte sie nicht sehen, dass die durchsichtige Spinne hinter ihr begann sich zum Angriff aufzustellen? Neire sah, wie sich die langen Fangzähne des spektralen Wesens in den Rücken von Rowa gruben. Blut sprudelte auf und das Lachen erstickte zu einem Schmerzschrei. Die Dunkelelfin wurde durch die Wucht des Angriffes zu Boden geschleudert. Neire musste handeln. Die Spinne rückte unaufhaltsam auf ihn zu. Er konzentrierte sich und ließ die Kraft ein weiteres Mal die heilige Flamme hervorrufen. Klein und versunken wirkte das tanzende Magmafeuer in der Größe des inneren Sanktums. Neire erhob seine Stimme warnend: „Rowa, seht. Die Flamme meiner Göttin… Flieht!“ Die Dunkelelfin begann jetzt zu kriechen und blickte ihn verachtend an. Sie wollte etwas erwidern, doch hustete nur Blut hervor. Ihr Gesicht schien zudem plötzlich und wie durch übernatürliche Veränderung gealtert. Neire beendete den priesterlichen Singsang der Beschwörungsformeln und rief das Feuer, das Rowa und das durchsichtige Wesen umhüllten. Stichflammen aus Magma schossen aus dem Boden hervor. Ein tiefes malmendes Geräusch war zu hören, wie das dunkle Grollen eines weit entfernen Wasserfalles. Das spektrale Wesen begann sich in einem Glühen aufzulösen. Die Dunkelelfin jedoch schrie in einem hellen Ton, als sie starb. Eine tiefe innerliche Freude durchfuhr Neire, als sie ihr Leben den Flammen gab. Er erinnerte sich an ihre Worte am Eingang zum Grab. Wir werden überleben, doch einen Teil unserer Seele werden wir der Spinnengöttin opfern. Ja, Rowa, ihr habt den euch zustehenden Teil geopfert. Doch ihr gabt ihn nicht der Spinnengöttin. Ihr gabt ihn den Flammen, den Schatten…

Gundaruk und Halbohr waren mit gezogenen Waffen in den Raum gestürmt, als sie Neires Ausruf gehört hatten. Doch die Flammen waren bereits abgeklungen als sie den Kampfplatz erreicht hatten. Nur noch den verbrannten, halb verkohlten Leichnam Rowas hatten sie gesehen, der in einer kochenden Blutpfütze lag. Neire war bereits zu dem Leichnam geschritten und sie hatten gesehen, dass er Rowa die Kette mit dem Amulett abgerissen hatte. Dann waren mehrere Kreaturen aus den Wänden oberhalb und neben der bronzenen Türe erschienen. Zwei weitere der Geisterspinnen und eine Kreatur, die von grauenvoller Schönheit war. Sie war halb durchsichtig gewesen und hatte den Unterkörper einer Spinne sowie den Oberkörper einer Dunkelelfin. Sie hatten die Ähnlichkeit zu Rowas Gesicht bemerkt, doch es schien, als ob das Gesicht die vorteilhafteren Züge von Rowa gehabt hätte. Sie hatten ein schlankes, schmales Antlitz betrachtet, das eine schöne, fast übernatürliche Symmetrie innehatte. Weißliches, langes Haar war vom Kopf hinabgefallen und blaue Augen hatten in der Dunkelheit gefunkelt. Das Wesen hatte die Szenerie betrachtet und war dann beim Anblick von Rowas Leichnam in ein Lachen verfallen. Auf die Worte von Neire: „Raxira, eure Schwester ist tot.“ Hatte sie geantwortet: „Habt Dank, habt Dank.“ Sie war daraufhin mit ihren Spinnen in der Wand verschwunden, doch Gundaruk, Halbohr und Neire hatten ein weiteres Mal ihre Stimme im Nachhall gehört: „Ihr habt mir einen großen Gefallen getan, doch ihr habt etwas das mir gehört… und ich werde es mir holen.“

Halbohr starrte Neire für einen Moment an. Hatte er den jungen Priester falsch eingeschätzt? Er war sich seiner Menschenkenntnis sicher, hatte nie oder selten falsch gelegen. Am Ende hatte er doch immer überlebt… und die anderen? Zu ihren Göttern hatten sie gebetet, hatten sie gefleht. Doch ihr Blut hatte den Sand gerötet, ins Gras hatten sie gebissen. Er, Halbohr, hatte sie überlebt. Er hatte sich auf seine Fähigkeiten verlassen. Jetzt blickte ihn Neire an. Als ob er seine Gedanken erahnen könnte. Das Gesicht des Jungen war lieblich auf den ersten Eindruck, wirkte unschuldig. Doch wie in einem Rausch hatte Neire bereits drei ihrer Mitstreiter ermordet. Und die rötlich glühenden Augen betrachteten ihn jetzt. Die Flamme aus Magma und Schatten in der linken Hand Neires erhellte und verzerrte sein Antlitz. Hatte er, hatte sich Halbohr vertan? Hatte er die Macht der Götter, die Macht von Jiarlirae unterschätzt? Einen kurzen Moment verspürte er den puren Hass und das Chaos, das in den Augen von Neire zu sehen war. Doch Halbohr verdrängte die aufkommende Furcht. Er ist doch nur ein Junge, noch ein halbes Kind. Halbohr erhob beschwichtigend die Hände und sprach ruhig: „Neire, werft das Amulett weg und folgt mir den Tunnel. Sie wird es sich holen. Es ist es nicht wert.“ Für einen kurzen Moment sah Halbohr den Hass in Neires Augen brodeln. Als ob man einem Kind etwas wegnehmen wollte. Doch dann beruhigte er sich. Die Flamme in seiner Hand wurde kleiner und erlosch. Er warf das Amulett in Richtung der bronzenen Türe, nickte ihm zu und folgte ihm. Auch Gundaruk kam ihnen in den Tunnel nach und deckte ihren Rücken. Halbohr kniete sich nieder, lauschte und betrachtete mit seinen grünlichen, fast katzenhaft schimmernden Augen fortwährend den dunklen Dom. Tatsächlich hörte er ein leises Rascheln in der Dunkelheit und sah wie sich erneut zwei geisterhafte Körper begannen aus dem Boden zu schälen. Die durchsichtigen Kreaturen richteten sich über dem Leichnam Rowas auf. Sie trugen ein dunkelelfisches Wappen auf ihren Hinterleibern. Jetzt stürzten sie sich auf den leblosen Körper hinab und begannen ihn mit ihren Hauern zu zerfetzen. Das Knacken von Knochen, das Flatschen von Gedärmen und das Schmatzen von Fleisch war zu hören. Die Zerteilung des Körpers in der Mitte war grausam anzusehen - es war die Zerstückelung von Rowa - unanständig und obszön.

Als der große Mann die geheime Türe zur Gruft zudrückte, hatten sich Neire und Halbohr bereits zur Rast niedergelassen. Gundaruk blickte ein letztes Mal in den stillen Dom des Sanktums, doch er sah keine Bewegung. Der Stein schloss sich nun mit einem Knirschen. Gundaruk drehte sich um und näherte sich dem Raum durch den kleinen Gang. Die Gruft hatte eine ovale Form. Hier und dort ragten Grabesnischen auf. Staubige Knochen von Skeletten bedeckten den Boden. Obwohl Gundaruk so lange geschlafen hatte, fühlte er sich müde. Er dachte zurück an die jüngsten Ereignisse. Sie hatten gesehen wie die Spinnen verschwanden, wie sie gekommen waren. Das Amulett hatten sie noch mitgenommen, doch den zerfetzen Körper Rowas zurückgelassen. Halbohr, Neire und er selbst hatten sich dann in der Gruft niedergelassen und auf Bitten von Neire den schweren Leichnam des Ritters mit sich geschleift. Gundaruk hatte ihnen gesagt, dass er einen Schutzzauber wirken würde. Er erinnerte sich zurück an seine Zeit in Mark und Tal, seine Streifzüge durch Wald und Venn. Er würde die Kreatur aus den Schatten ein weiteres Mal beschwören. Sie hatte ihm schon oft gute Dienste erwiesen. Immer wenn er allein unterwegs gewesen war. Er kniete sich nieder und sog die Luft ein; er hörte und roch den Wald, als wäre dieser noch immer um ihn herum. Er ließ die goldenen Runen des heiligen Bandes an seinem Speer durch seine Hand gleiten und murmelte die Verse in der alten Sprache. Und der Greif antwortete ihm. Gundaruk wusste, dass er ihn nicht sehen konnte, doch in den Schatten spürte er seine Anwesenheit. Der Greif würde über sie wachen, wie er es immer für ihn getan hatte. Dann hatte auch Gundaruk sich niedergelegt und war sofort eingeschlafen. Träume quälten ihn. Immer wieder wachte er schweißgebadet auf. Einmal erinnerte er sich an das Licht von Fackeln. Einmal an Neire, wie er betete. Ein rotes Funkeln ging von Neires entblößter Schulter aus. War es wirklich ein Traum?

Neire hatte lange geschlafen. Auch ihn hatten Träume gequält. Er erinnerte sich an die verschwommene Silhouette einer Frau. Eine Frau mit einem blauen und einem schwarzen Auge. Nach dem Schlaf hatte er die Fackeln entzündet und an das ewige Nebelheim gedacht. Er hatte gebetet und meditiert. Und sie hatte ihn erhört, sie hatte ihn wahrlich erhört. Er spürte es, als er über den alten Formeln brütete. Er wusste, dass ihm jetzt eine große Aufgabe bevorstand. Mit mutigem und geöffnetem Geist musste er voranschreiten. Er dachte über das Grenzreich nach, in das er eindringen würde. Die Seelen der Toten wanderten dort, sie suchten ihren Weg ins Jenseits. In den alten Schriften der Yeer’Yuen’Ti hatte er darüber gelesen. Oftmals wussten die Toten nicht, dass sie tot sind. In diesem Grenzreich, der Schattenmark, verfügten die Seelen doch über normale Leiber. Er fasste sich und ihm kam der rettende Gedanke. Er musste seine Erfahrungen niederschreiben in einem Buch, er musste die Erinnerungen bewahren. Er beugte sich über den großen Leib von Rasmus und legte sorgsam seine Hände um den verbrannten Kopf. Er begann zischelnd den Singsang des Totenliedes zu rezitieren. Halbohr und Gundaruk starrten gebannt auf ihn. Sie sahen, dass Neire sich in einen Kniesitz begeben hatte. Er hatte seinen Oberkörper entblößt und offenbarte den grauenvoll verbrannten linken Arm, an dem die drei mit der Haut verwachsenen Rubine zu leuchten begannen.

Es war das erste Jahr nach meiner Flucht aus Nebelheim als ich in die Schattenmark eindrang. Die Seele des Sünders zu finden war meine Aufgabe, die Seele der schwachen Kreatur zu finden war mein Ziel; die Seele, die nicht finden sollte, was sie suchte. So stieg ich hinab ins Nichts, das mir gepriesen zu sein als dasselbe wie die Fülle. Einen Ort an dem Anfang und Ende vereint ist und SIE so viel größer als Ursache und Wirkung. Der Ort meiner Bestimmung war Nebelheim, in dem das größte Heiligtum dieser Erde liegt: Das innere Auge. Es ist doch hier wo das Gegensatzpaar IHRER Heiligkeit sich zeigt. Feuer und Schatten, Schatten und Feuer. Und doch ist SIE mehr als die Summe aller Teile, SIE war schon immer mehr und SIE wird immer mehr sein.

Ich selbst war es, den ich im inneren Auge sah. Ein kleiner Junge an einem heiligen Ort. Ihm - mir, lief der Schweiß in Strömen vom Gesicht. Ich säuberte den obsidianernen Boden, der glänzte wie ein dunkler Spiegel. Die Luft um mich herum war voll von Wasserdampf. Es war die Hitze des inneren Auges, die hervorquoll und das Schmelzwasser des ewigen Gletschers noch in der Luft verdunsten ließ, bevor es den Boden erreichen konnte. So sah ich in mein Antlitz im schwarzen Obsidian und sah mich selbst, mein jüngeres Ich. Ein Junge mit nacktem Oberkörper und blasser milchig-weiß schimmernder Haut. Erhellt vom dunklen Glanz der immerbrennenden Fackeln. Der Körper noch unversehrt, bis auf die rötlich wulstige Narbe an der linken Seite meines Bauches. Ich war schlank, anmutig und drahtig; für mein kindliches Alter bereits groß gewachsen. Langes, jetzt nasses, gelb-goldenes Haar fiel in Locken von meinem Kopf und umrahmte meine gerade Stirn. Meine Augen schimmerten in tiefstem Nachtblau. Doch ich war nicht hier, um mich selbst zu betrachten. Ich war hier um ihn zu finden, die schwache Seele, ein Nichts und doch eine menschliche Seele. Ich spürte seine Präsenz; ich spürte wie er litt; ich spürte seine Suche, sein Unwissen. Ich rief ihn hervor, bei seinem Namen, bei seinem menschlichen Namen. Dem Namen, der vergessen sein soll, weil dieser, wie seine Seele, Nichts lautete. Ich sah ihn, wie ich ihn sah, als er sein Leben aushauchte. Ich nahm ihn an der Hand und sang ihm ein Lied, ein Lied in der alten Sprache der Yeer’Yuen’Ti. Ein Lied voll von brennender Düsternis und aus dem Licht der schwarzen Sonne:

Kommet und seht, oh lauschet meiner Stimme, gefunden habt ihr mich
Irrt ihr doch durch die ew‘ge Nacht, nicht lebend nicht lebendig, und wisset nicht davon
Noch könnt ihr euch erinnern, an eure Taten, was einst war, so grauenvoll und abartig
Der Weg führt euch nur weiter, die sieben Tore warten, das große Untere
Verdammt, verloren, nie neu geboren, verlassen, vermissend, nie wieder wissend

Er fing an bitterlich zu weinen und ich nahm ihn bei der Hand. Wir näherten uns gemeinsam dem inneren Auge. Die Luft wurde zunehmend wärmer und begann zu strömen. So heiß war es am Rand, dass alles um uns herum zu flimmern begann. Wir knieten uns nieder und blickten in die Tiefe. Es war, als ob keine Wände zu sehen waren. Das große Ungewisse des Gegensatzpaares. Der Geruch von Schwefel und brennendem Stein; brodelnde Magma, chaotisch und sich ständig wandelnd. Hier und dort zogen sich dunkle Krusten zwischen den helleren Stellen entlang. Orangene bis gelbe Farbtöne verliehen dem Unteren einen furchteinflößenden Charakter. Ich sagte ihm, er solle sich nicht fürchten. Ich erzählte ihm von der Herrlichkeit der wahren Göttin und er lauschte meiner Stimme. Dann war da die Stimme einer Frau. Lieblich und furchteinflößend zugleich, flüsterte sie mir zu, was zu tun sei. Und ich sah ein A und ein F in den Rissen des Magmas. Ich blickte ihn an und sagte: „Horcht, ihr seid alleine gestorben und werdet für ewig alleine wandeln. Doch die Flamme und der Schatten waren nie allein. Wendet euch IHR zu und ihr werdet neu geboren werden. Ihr werdet nie wieder alleine sein. Gebt offen und frohmütig eure Seele, versprecht sie IHR und es wird geschehen.“ Erneut fing er an zu schluchzen, blickte hinab in die Tiefe. Ich las die Runen für ihn, wie ich es in Nebelheim schon einmal getan hatte. „Dunkle Schatten sind das Licht unserer Göttin, wer ihr Feuer atmet, der strebet nach den Schlüsseln des Jenseits… Die Rune Nirgauz verheißt loderndes Feuer und gleichwohl eine gute Zukunft. Die Rune Firhu ist die Gabe, die Gabe des Feuers und der Schatten. Die Rune Zir’an’vaar spricht von Hingabe und von Opferung.“ Er lauschte meiner Prophezeiung. „Ihr müsst mir nur nachsprechen. Dreimal,“ sagte ich. Und er nickte. So blickten wir hinab und ich sprach die Worte, die Beschwörungen, die nie ein Ungläubiger erfahren darf:

„Ich rufe Euch Danuar'Agoth, ich rufe euch. Ich rufe Euch, Danuar'Agoth, die weiß-rot-schwarze Flamme.

Ich rufe Euch Hemia'Galdur, ich rufe euch. Ich rufe Euch, Hemia'Galdur, die Hüterin des grün-rot-goldenen Magmas.

Ich rufe Euch Vocorax'ut'Lavia, ich rufe euch. Ich rufe Euch, Vocorax'ut'Lavia, den Henker der letzten Einöde.

Ich rufe Euch Asmar‘fana, ich rufe euch. Ich rufe Euch, Asmar‘fana, die noch ruhende Heldin, Schlächterin von Ur’tor‘braahr.

Jiarlirae, älteste und höchste Göttin, Schwertherrscherin, Königin von Feuer und Dunkelheit, Dame des abyssalen Chaos, Herrin der Acht Schlüssel der brennenden Düsternis.

Damit er losgebunden, frei, befreit von Pein,
erfahre er was Wiedergeburt und nie wieder allein sein sei."


Mit diesem Beschwörungspakt wurde er wiedergeboren als neue Seele, als Seele Jiarliraes. Er war kein Nichts mehr. Sein Name war Bargh, ein Diener Jiarliraes. Glorreich soll seine Zukunft sein, groß seine Taten. Er wird nie wieder alleine sein. Flamme und Schatten werden ihn begleiten.

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Sitzung 12 - Aufbruch nach Grimmertal
« Antwort #12 am: 7.05.2022 | 21:50 »
Sie alle blickten gespannt auf den von Brandwunden gezeichneten Körper des Ritters. Gundaruk, der seine Fellkapuze tief in sein Gesicht gezogen hatte und sich kniend auf seinen Speer stütze, schaute auf. Halbohrs kantiges Gesicht kam zum Vorschein, als er seinen breiten Nacken drehte und den jungen Priester beobachtete, der sich nun vom Leichnam erhob. Neire sang weiter den fremden Choral und seine Augen funkelten rötlich. Als er sah, dass der gewaltige Oberkörper des Ritters zuckend nach Luft schnappte, verstummte er. Die Extremitäten des Paladins begannen jetzt zu zittern, seine Muskeln zu verkrampfen. Neire warf seine gold-blonden Locken zurück und drehte seinen Kopf zu seinen Kameraden. Ein höhnisches Grinsen verzerrte das schlanke, wohlgeformte Gesicht des jungen Priesters, als er sprach: „Heißt ihn willkommen, er ist wiederauferstanden von den Toten. Ein Wunder Jiarliraes, deren treuer Anhänger er jetzt ist. Sein Name lautet Bargh. Flamme und Schatten werden ihn begleiten.“ Tatsächlich kam langsam Leben in den Körper des Ritters. Er hustete und röchelte schwer, als er sich aufrichtete. Die Haut seines Kopfes war rötlich verbrannt; hier und dort waren noch Reste des einst vollen schwarzen Haares zu erkennen. Neire beugte sich jetzt behutsam hinab, legte Bargh eine Hand auf die Schulter und half ihm auf. Sie konnten sehen, dass ein rötlich-glühender Edelstein sein rechtes Auge ersetzte. Der kostbare Rubin verlieh dem Antlitz des Ritters eine furchteinflößende Aura. „Bargh, steht auf. Wartet, ich helfe euch.“ Die Worte von Neire hatten einen wohlklingenden Singsang inne; fremd und zischelnd, aber emphatisch und melodisch zugleich. Als Bargh sich erhob, hörte ihn Neire sprechen; anteilslos blickte sein verbliebenes blaues Auge in die Ferne. „Mein Kopf, ahh… es ist so schwer…“ Neire nickte ihm zu und dachte an den kleinen Bargh aus Nebelheim zurück; wie sein schmächtiger Körper zu Asche verbrannt war. Trauer erfüllte ihn wie ein nostalgisches Gefühl. Ein Gefühl, das er hegen und pflegen musste; doch da war auch etwas anderes, das in ihm loderte, etwas, das den Selbstzweifel verschwinden ließ: Wir waren dort, als es brannte, als es schmerzte, als das Licht an unserem Fleisch leckte. Gen Himmel, Rauch, eine Wolke unserer Form.

Bargh war von Gundaruk geheilt worden. Einen mächtigen Spruch hatte der kürzlich in einem Grab Erwachte gewirkt; einen Spruch, der die kalte, modrige Gruft für einen kurzen Moment mit dem Geruch von Sommer, Wald und Tannennadeln überzogen hatte. Bargh hatte zuvor röchelnd gehustet. Neben seinem Gesicht und seinen Händen hatten die Flammen anscheinend auch seine Lunge verletzt. Er holte tief Luft und blickte hinauf in das Gesicht der hünenhaften Gestalt, die selbst ihn noch um zwei Kopflängen überragte. Er dachte zurück an den schönen, warmen Ort, das dunkle Obsidian, die nebelhafte Luft und die rötlichen Flammen. Der Name und das Gebet an die Göttin hatten sich in seinen Geist gebrannt, wie ein schattenhafter Traum, der ihn auch jetzt im Wachzustand verfolgte. Bargh lehnte seine Hellebarde zur Seite. Ein kaltes lähmendes Gefühl ging nun von der Waffe aus. Seine einst so vertraute Hellebarde, die ihm plötzlich fremd geworden war. Als ob seine Muskeln sich gegen den heiligen Stahl wehren würden, fingen sie an zu zucken. Er schaute Gundaruk an und sah das goldene Runenband, das um seinen Speer gewickelt war. Irgendetwas war falsch an diesen Runen, irgendetwas störte ihn an dem Geruch des Waldes. „Seid ihr auch ein Anhänger Jiarliraes?“ fragte er mit zunehmend misstrauischer Miene. „Nein, ich …“ antwortete Gundaruk, bevor er von den Worten Neires unterbrochen wurde. „Das ist alles, was von Rowa übriggeblieben ist. Sie hat euch hintergangen Bargh und sie hat dafür gezahlt. Sie diente der schwachen Spinnengöttin. Jeder der nicht Jiarlirae dient, wird unwissend bleiben und einst den Preis dafür zahlen.“ Bargh sah, dass Neire Gundaruk mit arroganter, herausfordernder Miene betrach¬tete. Neire hatte den zerteilten Oberkörper von Rowa an den verbrannten Haaren gepackt und warf ihn ihm zu. Bargh hörte wie Neire fortfuhr. „Ihr seid jetzt frei und ihr könnt tun, was immer ihr wollt.“ Bargh sah den Oberkörper seiner ehemaligen Begleiterin und ein lange unterdrückter Hass begann wie eine lodernde Flamme in ihm zu brennen. Er trat mit seinen gepanzerten Stiefeln auf den Kopf von Rowa. Immer und immer wieder. Schließlich begann der Schädel zu knacken und das Gesicht von Rowa verschwand unter einem Schwall von Blut. Er keuchte und seine Bewegungen wurden langsamer. Für einen Moment verschwand der Schmerz aus seinem Kopf, das Zittern seiner Muskeln legte sich. Für einen Moment fühlte sich frei, befreit von Pein. Er fühlte sich gut… er fühlte sich sehr gut… er fühlte sich wie wiedergeboren.

Sie hatten eine Zeit lang über das weitere Vorgehen beraten und sich entschlossen eine Ortschaft aufzusuchen. Es gab die Wahl zwischen Grimmertal, Klingenheim und Fürstenbad. Sie hatten sich schließlich für Grimmertal entschieden, da es dem Grab wohl am nächsten lag. Sie waren dann aufgebrochen. Auf dem Weg nach draußen hatte Halbohr noch eine weitere Geheimtüre und eine verborgene Kammer, gefüllt mit Skeletten, entdeckt. Sie hatten diese Kammer nur kurz abgesucht und waren durch den noch immer anhaltenden Regen aufgebrochen. Bevor sie das Tal um den glattgespülten, gewaltigen Felsen verlassen hatten, hatten sie noch einmal die Höhle mit den getöteten Wölfen aufgesucht. In den unterirdischen Kammern hatten sie weitere essbare Pilze von Wänden und Boden geschnitten und so ihre Vorräte aufgefüllt. Hier hatten sich Neire und Bargh leise unterhalten und Bargh hatte Neire gefragt, ob sie ihre beiden Mitstreiter im Schlaf töten sollten. Doch Neire hatte ablehnt; er glaubte, dass Halbohr einem größeren Schicksal diente. Es musste so sein, denn er wurde ja von der geheimnisvollen Dunkelelfin als sein Weggefährte auserwählt. Sie waren dann in Regen und Dunkelheit aufgebrochen und hatten das Tal verlassen. Jetzt stapften sie durch den nassen Wald und den aufgeweichten Laubboden. Es musste wohl Nacht sein, denn nur durch ihre an die Dunkelheit angepassten Augen konnten sie das Dickicht um sie herum durchdringen. Es waren keine Geräusche von Tieren zu hören. Nur das Prasseln des Regens. Plötzlich durchdrang die Stimme von Neire den schweigsamen Marsch der Gruppe. „Ach, wie sehr täte mir ein Mahl von Schnecken, Schlangen, Moosen und Farnen jetzt gefallen. In Nebelheim durften die Kinder der Flamme an den Festen teilnehmen. Ihr müsst wissen Bargh, ich war und werde es immer sein: Ein Kind der Flamme.“ Der Regen lief Bargh in Strömen über das verbrannte Gesicht und der gefallene Paladin nickte andächtig. „Manchmal gab es sogar das Fleisch eines Chin’Shaar. Eine Köstlichkeit, die ihr bestimmt einmal essen werdet, sollten wir nach Nebelheim zurückkehren. Und das werden wir. Bestimmt.“ Obwohl Neire leise sprach, sah er, dass auch Halbohr und Gundaruk versuchten seinen Worten zu lauschen. So fuhr er weiter fort mit seinen Geschichten von exotischen Zutaten und rauschenden Festen, tief unter der Erde, tief unter dem Gletscher von Nebelheim. Er sah, dass Bargh an seinen Ausführungen Gefallen fand.

Unter der Wurzel eines umgestürzten Riesen hatten sie schließlich eine trockene Stelle gefunden. Ein kleines Erdloch, das ihnen durch den mächtigen Stamm des Baumes ein wenig Schutz bot. Zuvor waren sie Stunde um Stunde weitermarschiert, bis sie müde und bis auf die Knochen durchnässt waren. Jetzt hatten sie ihre Winterdecken über das feuchte Erdreich ausgebreitet und sich zum Ruhen niedergelegt. Halbohr übernahm die erste Wache. Das Schimmern seiner grünlichen, katzenhaften elfischen Augen war der letzte was sie sahen, bevor sie einschliefen. Halbohr starrte unentwegt in den prasselnden Regen und durch das Gewirr der Wurzel, die über ihm aufragte. Die Zeit verging langsam. Doch er verharrte regungslos. Er hatte dies schon so oft getan. Er betrachtete die Schlieren, die der Regen durch die Nacht zog. Fast war es windstill, doch immer wieder zog eine kleine Böe kalten Windes an seinen Kleidern. Dann sah er sie. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. Die Umrisse einer Gestalt zwischen den Bäumen; schemenhaft, menschengroß und am Rande seines Blickfeldes. Für einen Moment bewegte Halbohr sich nicht und hielt die Luft an. Es sah so aus als würde die Gestalt verharren. Dann sah er erneut Bewegung. Langsam verschmolz die Silhouette mit den Bäumen und entfernte sich tiefer in den Wald. Halbohr dachte hastig nach: Ich muss ihr folgen. Doch was ist mit den anderen? Ich muss einen von ihnen wecken. Ich muss Neire schützen… muss mich an den Vertrag halten. Halbohr begann Neire leicht zu schütteln. Es dauerte eine Weile, bis der Junge wach wurde. Seine blauen Augen funkelten ihn in der Dunkelheit an. „Neire, wir wurden beobachtet. Eine Gestalt, nicht erkennbar. Jetzt ist sie hinfort.“ Neire schaute ihn verschlafen und fragend an. Dann sah Halbohr, dass der junge Priester plötzlich wach wurde. „Bleibt ihr hier Neire. Ich werde versuchen der Gestalt lautlos zu folgen.“ Halbohr sah, das Neire nickte und seinen Oberkörper aufrichtete. Er raffte leise seine Decke zusammen, verstaute sie im Rucksack und glitt in den Regen hinaus. Die Tropfen prasselten auf seine Kapuze hinab, als er sich aus dem Wurzelloch zog. Er bewegte sich vorsichtig und spähend zu der Stelle, an der er die Umrisse zuletzt gesehen hatte. Er beugte sich hinab um das Laub zu untersuchen. Tatsächlich konnte er Spuren entdecken; menschengroß, doch Konturen wie von ungleich langen Zehen und einer spitzen Ferse. Die Kreatur musste wohl barfuß gehen, anders konnte er sich die Abdrücke nicht erklären. Als er das Geräusch hinter ihm hörte, blieb sein Körper für einen Moment völlig reglos. Der schwere Filzmantel bedeckte ihn wie einen grauen Felsblock in der Dunkelheit. Nur sein Kopf zuckte herum und offenbarte sein fehlendes, vernarbtes Ohr. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, dass das Geräusch von Neire kam. Der Junge war ihm offensichtlich gefolgt. Für einen kurzen Moment spürte Halbohr die Wut auf Neire. Konnte der junge Priester nicht zuverlässig seinen Befehlen folgen? Doch vielleicht war es besser so; vielleicht konnte er Neire so besser schützen. Vielleicht war es auch die Macht des Feuers, die er gerne auf seiner Seite wägte. Er nickte Neire zu und flüsterte: „Kommt, ich habe Spuren gefunden.“ Gemeinsam und wortlos folgten die beiden den Spuren durch die Dunkelheit. Irgendwann glaubten sie ein Geräusch gehört zu haben. Wie ein Rascheln, gefolgt von einem Schmatzen von Schlick. Halbohr und Neire wurden jetzt noch vorsichtiger. Die Spuren führten in ein Dickicht von immergrünem Unterwuchs. Hier und dort ragten alte, von Efeu bewachsene Eichen heraus, die ihre blattlosen Kronen wie nasse, vielgliedrige Finger dem dunklen Himmel entgegenstreckten. Plötzlich endeten die Spuren. Halbohr hob seine Hand in alter militärischer Manier und betrachtete seine Umgebung. Er suche nach Augenpaaren, die sie beobachteten. Doch ihm fiel sofort die Abdeckung aus Dornen und Ranken auf, die einen Teil des Bodens bedeckte. Teils waren die Ranken verwelkt und zusammengesteckt. Nur das Auge eines geübten Betrachters konnte das Geflecht als natürliche Tarnung ausmachen. Halbohr war sich sicher, dass darunter etwas verborgen lag. Er deutete Neire an sich zurückzuziehen. Sie mussten die anderen wecken. Sie mussten hierher zurückkehren und die Initiative ergreifen, bevor sie etwas überraschen konnte.

Halbohr schaute sich um und blickte in durchnässte, erschöpfte, aber angespannten Gesichter. Dann griff er vorsichtig in das Geflecht von Dornen und Ranken und begann es hochzuheben. Er konnte nur hoffen alle der Dornen entdeckt zu haben, die mit dem schwarzen todbringenden Gift bestrichen waren. Zuvor waren Neire und er zu ihren immer noch schlafenden Mitstreitern zurückgekehrt. Sie hatten sie schnell und unsanft geweckt. Nur kurz hatten sie beraten. Dann hatten sie rasch ihre Winterdecken eingepackt und waren aufgebrochen, um dem nachzugehen, was sie beobachtet hatten. Alle waren einstimmig gewesen in der Entscheidung. Das Adrenalin hatte sie wachgehalten und sie hatten kurz die Kälte und den Regen vergessen. Halbohr war den Spuren erneut gefolgt und hatte sie an die Stelle geführt, wo er die Abdeckung aus Dornen und Ranken gefunden hatte. Glücklicherweise hatte er das Geflecht nach verborgenen Mechanismen abgetastet und tatsächlich sorgsam präparierte einzelne Dornen gefunden, die mit einer schwarzen Substanz bestrichen waren. Mit diesen Substanzen kannte er sich aus. Eine kurze Probe hatte ergeben, dass es sich um todbringendes Gift handelte, sollte der Dorn in das Fleisch eindringen. Er war sich sicher. Jetzt raschelte das nasse Geflecht, als er es anhob. Er fühlte keinen Schmerz und atmete erleichtert auf. Unter ihm offenbarte sich ein Erdloch, das fast senkrecht in die Tiefe hinab führte. Im oberen Bereich waren noch Wurzeln zu sehen, die im Regen nass schimmerten. Er konnte nicht sagen wie tief es hinab ging, da er kein Ende erkennen konnte. Er drehte sich um und sprach leise: „Die Kreatur muss hier hinabgestiegen sein. Hier enden die Spuren. Wir müssen ihr folgen. Wir müssen zuerst zuschlagen, bevor sie Hilfe holt und uns überrascht.“ Halbohr blickte in grimmige und entschlossene Gesichter. Nur Neire schien etwas ängstlich und runzelte die Stirn, als ob er eine Frage stellen wollte. Doch es herrschte Schweigen. Einzig der prasselnde Regen war zu hören. „Folgt mir hinab in die Tiefe“, flüsterte Halbohr und begann sich hinabzulassen. Schon nach wenigen Griffen an Wurzeln verlor er den Halt und begann hinab zu rutschen. Das Erdreich war weich und glitschig, doch seine Geschwindigkeit begann sich zu verlangsamen. Der Tunnel änderte seinen Neigungswinkel und wurde waagerechter. So kam er schließlich zu einem Halt, stand auf und blickte sich um. Er schaute hinein in eine natürliche Höhle. Hier und dort sah er andere Tunnel hinfort führen. Kleine Erdlöcher wie dieses, durch das er gekommen war. Die große Höhle führte weiter hinab in die Tiefe und er bemerkte in der Ferne des Ganges das fluoreszierende Licht einzelner Flechten dort aufschimmern. Die Luft war kalt und roch nach Erdreich und Moder. Hinter ihm hörte er schließlich Geräusche und sah seine Kameraden auftauchen, die ihm in die Tiefe gefolgt waren. Wortlos schauten sie sich um, tauschten dann Blicke aus. Ein jeder hatte seine Waffe gezogen und sie sahen das Schimmern von Stahl in der Dunkelheit. Sie drangen durch den Haupttunnel hinab in die Tiefe. Der Schacht eröffnete sich schon bald in ein Gewölbe, aus dem sie vielfarbiges mattes Licht dringen sahen. Der Geruch von Moder und Fäulnis nahm zu und vor ihnen öffnete sich eine von einem Pilzwald bewachsene Höhle. Teils hüfthoch waren die Pilze, von denen ein farblich unterschiedliches Glühen ausging. Dieses Schimmern machte die Betrachtung von Einzelheiten schwer; Licht, Schatten und Dunkelheit gingen wie ein Flickenteppich ineinander über. Doch sie sahen drei Ausgänge in die Dunkelheit hinfort führen. Als Gundaruk sich zu einem Pilz hinabbeugte hörten sie das Surren, dass die Höhle erfüllte. Sie waren in einen Hinterhalt geraten.

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Sitzung 13 - Nächtliche Begegnungen
« Antwort #13 am: 13.05.2022 | 22:49 »
Bargh, Halbohr und Neire hatten ihre Waffen gezogen und blickten sich hastig um. Sie waren der Höhle gefolgt, die tiefer unter die Erde führte. Immer höher ragten die Pilze vom moosigen Grund der Grotte auf und das fluoreszierende Glühen einzelner Flechten und Farne behinderte die Sicht der Gruppe. Sie sahen in diesem diffusen Licht, dass mehrere Kreaturen auf Pilze vor ihnen gesprungen waren und Speere schleuderten. Sie hörten zudem ein hochfrequentes Kreischen von den Gestalten ausgehen, die wie aufrechtgehende Pflanzen aussahen. In den menschenähnlich geformten Schädeln gähnten, anstelle von Augen, zwei schwarze Löcher. Neire, der sich unter der Erde wohler fühlte als im Regen der Oberwelt, reagierte als erster und duckte sich hinter Bargh. Er hörte dumpfe metallene Geräusche, als einige der Speere von den schweren Metallplatten der Rüstung seines Begleiters abprallen. Doch Neire bemerkte ein Aufächzen und sah, dass einer der Speere Bargh am Hals gestreift hatte. Auch Halbohr hatte sich rechtzeitig hinter einen Pilz geduckt und bereits einige seiner Dolche auf die Kreaturen geworfen. Aus den Augenwinkeln sah der elfische Söldner, dass Neire die linke verbrannte Hand unter seiner Robe hervorzog und begann zu murmeln. Die Augen des jungen Jiarlirae Priesters begannen zu glühen und in seiner linken Hand entzündete sich eine dunkle Magmaflamme. Halbohr roch den Geruch von Schwefel und er sah, dass eine grünlich-gelbliche Substanz in der Magmaflamme knisternd verbrannte. Nur einen kurzen Moment dauerte die Beschwörung, dann warf Neire die Kugel aus purem Magma. Die Zeit schien still zu stehen, dann erfüllte eine ohrenbetäubende Explosion die Höhle vor ihnen. Pilze und Pflanzenwesen wurden eingehüllt in des Feuers Brunst und zerfetzt; doch die glühenden Reste der Wesen fielen zu Boden und begannen zu wachsen. Gelb-bräunlich, flechtenähnlich war die Substanz die in den Flammen und im Rauch wuchs. Überall dort wo die Flechte mit dem Flammen in Kontakt kam, erloschen diese sofort. Schließlich kam das Wachstum zwei Schritte vor ihnen zum Erliegen. Die Flechte hatte jetzt einen großen Bereich vor ihnen überwuchert; von den Pflanzenkreaturen fehlte jede Spur.

Sie hatten sich zurückgezogen und am Rand der Höhle Schutz gesucht. Ein Riesenpilz ragte über ihnen auf. Je tiefer sie in die Höhle vorgedrungen waren, desto höher wuchsen die Pilze. Einige Exemplare hatten hier eine Höhe von über zwei Schritt. Halbohr war nach dem kurzen Kampf zum Rand des Bereiches geschritten, der mit der gelb-bräunlichen Flechte bewachsen war. Doch augenblicklich hatte sich eine Kältewelle über ihn aufgebreitet. Blutgefäße waren in seinem kantigen Gesicht geplatzt und er fröstelte. Die Kälte schien von dem, unter Feuereinfluss gewachsenen, Geflecht ausgegangen zu sein. Er war zurückgetorkelt und hatte Neire und Bargh berichtet. Neire hatte nachgedacht: Ihm war tatsächlich etwas zur braunen Flechte eingefallen. Er hatte von diesem Lebewesen gehört, dass es Teile des Unterreichs bevölkerte und empfindlich gegenüber Sonnenlicht war. Die braune Flechte ernährte sich von der Körperwärme warmblütiger Lebensformen. Er wusste allerdings nicht, was gegen diese Kreatur half; nur dass sie resistent gegenüber allerlei Energieformen war. So hatten sie sich niedergelegt und Bargh hatte die erste Wache übernommen. Doch schon nach kurzer Zeit hatte der Krieger Jiarliraes sie sanft geweckt. Barghs verbrannter Kopf musterte einen Bereich, in dem sich die Höhle in mehrere Tunnel eröffnete. Der rote Rubin, der mit dem Fleisch seines rechten Augensockels verwachsen war, glühte, als er auf einen Bereich grünlich fluoreszierender Moose deutete. „Dort, schaut. Schatten die sich bewegen.“ Halbohr und Neire betrachteten die Höhle, doch sie sahen nichts. Nach wenigen weiteren Augenblicken des Starrens in das diffuse Licht, erklang die flüsternde Stimme Barghs ein zweites Mal. „Sie bewegt sich. Jetzt ist sie dort!“ Neire und Halbohr blickten in die Richtung, in die der gepanzerte Handschuh Barghs deutete und jetzt sahen auch sie die schattenhafte Gestalt, mit der Form eines Pflanzenwesen. Neire überwand seine Furcht und erhob zischelnd seine Stimme. „Ihr dort, wir sehen euch. Kommt hervor oder Bargh wird euch töten.“ Er sprach in der allgemeinen Zunge des Unterreichs und zeigte mit seiner verbrannten Hand auf die Gestalt. Abermals hörten sie ein leises, hochfrequentes Fiepen. Sie sahen, dass sich die Kreatur in Richtung eines Tunnels zu bewegen begann. Als Halbohrs scharfes elfisches Ohr Geräusche aus dem Tunnel hörte erhob er seine Stimme. „Ich höre Schritte, ein Surren und ein Klacken, wie von vielen. Sie kommen! Wir müssen angreifen.“ Bargh und Neire nickten wortlos und zogen ihre Waffen. Gemeinsam folgten sie rasch, aber vorsichtig dem Wesen, doch schon kurz vor dem Höhlentunnel sahen sie die Kreaturen, die aus der Dunkelheit auf sie zukamen. Weitere aufrecht schreitende, lebende Pflanzen, von denen einige mit der braunen Flechte überwachsen waren. Andere waren größer und hatten grünlich glühende Augen. Ein weiterer Kampf entbrannte und sie warfen sich gegen die ihnen entgegenkommenden Horden. Bargh ließ sein Schwert mit steigender Präzision mehrere Gegner fällen und Halbohr griff aus dem Hinterhalt an. Neire beschwor Blitze aus purer Schwärze und grausamer Magie; dann stimmte er einen gebetsartigen Gesang an Jiarlirae an, der fortan durch den Tunnel hallte. Weitere Ströme von Gegnern kamen jetzt auch aus den Seitengängen. Darunter waren schwarze, hässliche Riesenspinnen, die die Größe von ausgewachsenen Wildschweinen hatten. Neben der Vielzahl von Gegnern bereitete den Streitern vor allem die Kälte der braunen Flechte Probleme, die um sie herum war und ihre Bewegungen verlangsamte. Doch mit vereinter Kampfkraft und nach dem weiteren Aufschimmern einer Magmaexplosion konnten sie die letzte der Kreaturen besiegen.

Schließlich hatten sie sich wieder unter dem Riesenpilz niedergelassen und das Licht von drei Fackeln erhellte die Lamellen über ihnen in einem fast magischen Licht. Neire hatte die Fackeln um Bargh und ihn selbst in einem Dreieck in den Boden gesteckt. Jetzt warf der Schein lange unwirkliche Schatten. Bargh betrachte Neire, der seinen Oberkörper entblößt hatte. Hier und dort traten Sehnen und Muskeln hervor. Der Jüngling sah nicht besonders stark, aber drahtig und durchhaltefähig aus. Die drei rot schimmernden Rubine, die mit der Haut von Neires linker Schulter verwachsen waren, erweckten ein vertrautes Gefühl in ihm. Eine tiefe innere Sehnsucht nach Wissen und Macht. Neire nickte ihm zu und sprach: „Bargh, weit weg sind wir von den immerbrennenden Fackeln von Nebelheim, doch jetzt ist ihr Licht und Schatten bei uns, leitet uns und wir wollen beten…“

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Sitzung 14 - Wiedersehen mit Rowa
« Antwort #14 am: 19.05.2022 | 21:34 »
„Also preiset die schwarze Natter, feiert ihren unsterblichen Namen, trinkt euch in die schattige immerwährende Nacht, tanzt im Glanz der schwindenden Feuer, tanzt, denn die Zeiten des Kampfes sind vorüber. Und weinet nicht im Antlitz des Todes, weinet nicht im Grauen der Entropie, denn der Lebenszyklus ist das Chaos und alle Dinge sterben; denn die Dinge sterben um sich im Licht unserer Göttin aufs Neue zu entzünden.“ Beide Anhänger Jiarliraes hatten sich im Licht der Fackeln niedergelassen und eine Art Singsang begonnen. Die Stimme von Neire intonierte einzelne Verse in einem Choralgesang, die Bargh dann nachsang. Die Flammen der Fackeln zuckten und zitterten in chaotischen Formen und die Betenden warfen lange Schatten in die Höhle. Unter dem Dach des Riesenpilzes hatte die Szenerie etwas Gespenstiges. Halbohr hatte sich derweil an die Höhlenwand gekauert und beobachtete die beiden. Er konnte jetzt sehen, dass Neire sich vor Bargh hinkniete und ihm eine Hand auf die Schulter legte. Die drei Rubine, die im verbrannten Fleisch von Neires Schulter verwachsen waren, begannen sanft zu glühen. Halbohr spürte, dass der Jüngling eine unwirkliche Macht entfesselte. Der Gesang verstummte und er hörte fremde arkane Worte. Dann sah er, dass sich das Gesicht von Bargh veränderte. Zuvor geöffnete Wunden begannen sich zu schließen. Ein Lächeln fuhr über das Gesicht von Bargh und er erhob seine Stimme. „Jiarlirae, Herrin, auf ewig bin ich dir verpflichtet.“ Er wiederholte diese Worte mehrfach und Halbohr sah, dass auch sein Juwel, welches den Sockel seines rechten Auges gänzlich ausfüllte, rötlich schimmerte. Der Rubin in dem von frischen Brandnarben bedeckten Gesicht verlieh Bargh eine furchteinflößende Aura. So ging das Schauspiel noch eine Zeit lang weiter, bis Neire die Fackeln einsammelte und die Flammen mit der bloßen Hand erstickte. Halbohr sah, dass Neire dabei in seine Richtung blickte und ihm zulächelte. Er schien als ob der junge Priester ihm etwas sagen oder zeigen wollte. Doch Neire drehte sich schließlich um und begann sich zu Rast niederzulassen.

„Halbohr wacht auf, euer Ohr! Es ist etwas passiert… euer Ohr ist hinfort.“ Instinktiv griff sich Halbohr an sein fehlendes Ohr, obwohl er die Missetat von Neire bereits spürte. Schon im Halbschlaf begriff er, dass ihm übel zugespielt wurde. Er blickte in das Gesicht des Jünglings und sah die makellosen weißen Zähne von Neire in der Dunkelheit aufschimmern. Das Lächeln von Neire war inniglich und nicht falsch, doch Halbohr fühlte eine Wut in ihm aufsteigen. So dachte er doch an den Vertrag und unterdrückte die Gefühle. Er war gebunden an die Abmachung mit der Dunkelelfin, deren Namen er nicht kannte. Auch war er gebunden an das Übereinkommen mit Neire, auch wenn der Priester der Chaosgöttin den Vertrag verbrannt hatte. Doch das war nicht sein, das war nicht Halbohrs Problem. Der Vertrag war immer noch gültig; er sollte bis in alle Ewigkeit gültig sein. Bis er, bis Halbohr ihn auflösen würde. Halbohr richtete seinen Oberkörper auf, als er seine Müdigkeit bekämpfte. Seine Wunden und die Kälte setzten ihm immer noch zu. Er biss die Zähne zusammen und dachte kurz an Neire: Ein Junge, der nicht weiß wo er hingehört. Er ist getrieben und hat seine Flausen. Er ist nicht falsch. Nur hören muss er, mir gehorchen. Ich muss ihn erziehen, damit er besser dienen kann. Damit sich der Vertrag erfüllt. Doch vorsichtig muss ich sein. Damit er mich nicht verbrennt, so wie er die anderen verbrannt hat. Halbohr richtete sich auf und blickte in das unschuldige, kindliche Gesicht, das er sah. Das Gesicht von Neire war eingerahmt von gold-blonden Locken als er sprach. Ein Gesicht, das man lieben musste. Neire nickte ihm lächelnd zu und erhob seine Stimme: „Halbohr es ist eure Wache. Macht euch bereit und wacht über uns. Ich werde mich schlafen legen.“ Eine kurze Pause setzte ein, in der Halbohr mit den Zähnen knirschte. Dann streckte er seinen müden Körper und stand langsam auf. Er fühlte die Verletzungen der Kälte, die von der braunen Flechte ausgegangen waren. Die Kälte steckte noch immer in ihm und schmerzte in seinen Gelenken. Doch er setzte sich an die Höhlenwand und blickte über seine Kameraden. Er sah Neire auf Zehenspitzen aufgestellt in die Lamellen des weißlichen Riesenpilz greifen, der über ihnen thronte. Seine Hand war von Schleim bedeckt, als er sie wieder hervorzog. Neire hatte eine dicke, vom Sekret des Pilzes bedeckte, schwarze Fliege gefangen, die jetzt zwischen seinen Fingern summte. Halbohr sah, wie der Jüngling das monströse Insekt der Größe einer Walnuss mit einer Mischung aus Neugier und Ekel betrachtete. Er beobachtete wie Neire begann sadistisch zu lächeln, als er dem Tier die Flügel ausriss. Jetzt legte er den Kopf in den Nacken, öffnete den Mund und ließ die Fliege hineinfallen. Halbohr hörte das Knacken des Körpers und ein Schmatzen, als Neire sich, das schleimige Insekt kauend, zum Schlafen hinlegte.

Der Traum war über ihn gekommen wie der andauernde Regen des Gletschers von Nebelheim. Langsam und zäh hatten ihn Bilder und Gefühle heimgesucht. Neire hatte sich erinnert an das monströse Insekt, das er gesehen hatte. Die schwarze Fliege in der Größe eines Menschen hatte eine kupferne Rüstung getragen. Sie hatte ausgerissene Flügel und einen menschlichen Kopf gehabt, doch er hatte ihr Gesicht nicht sehen können. Sie hatte versucht hinfort zufliegen und sie war versunken in den Fluten des andauernden Regens. Nachdem er aufgewacht war, hatte Neire Bargh vom Traum erzählt. Sie beide hatten gerätselt über dessen Bedeutung. Bargh war sich unsicher gewesen in der Deutung. Er wollte jedoch eine göttliche Aufgabe annehmen um sich die Gunst von Jiarlirae zu sichern. Neire hatte dieses Vorhaben begrüßt und Bargh in seinem Bestreben bestärkt. Dann hatten sie alle das schwarze Eichhörnchen entdeckt, dass sich ihnen durch den Pilzwald näherte und sie mit wachen Augen musterte. Schon bevor sie reagieren konnten, begann sich die kleine Kreatur zu wandeln. Zum Vorschein kam die hünenhafte Gestalt von Gundaruk, der sich auf seinen Speer stütze und sie begrüßte. Sie waren jetzt wieder vollständig und brachen auf, um die noch unerforschten Tunnel der Höhle zu durchsuchen. Mehrere Gänge erkundeten sie, doch diese endeten alle in Sackgassen. In einer größeren Höhle ohne Ausgang fanden sie neben menschlichen Knochen Nischen, die mit dunklem Schleim gefüllt waren. Eine kurze Untersuchung zeigte, dass dies die Nester der Spinnen waren, die sie zuvor angegriffen hatten. „Neire, wir sollten den Schleim samt den Eiern verbrennen, bevor sich diese Brut aufs Neue erheben kann.“ Halbohr blickte in Richtung des jungen Priesters als er sprach und wies auf eine der Nischen. Bevor Neire antworten konnte sprach Gundaruk: „Der natürliche Kreislauf der Dinge ist der Tod und die Geburt neuen Lebens. Wir sollten nicht eingreifen und sie sich selbst überlassen. Falls sie überleben, soll es der Lauf der Dinge sein.“ Neire sah, dass Halbohr Gundaruk feindselig anblickte. Auch Neire selbst grübelte über den Worten Gundaruks und konnte keinen Sinn darin erkennen. Seine einzige Erklärung war, dass der ihm immer noch fremde Mensch das Unterreich nicht kannte. Oder er war verrückt geworden, bevor sie ihn aus dem Grab hatten befreien können. „Gundaruk“, sprach Neire ihn mit runzelnder Stirn an, während er überheblich lächelte. „Ihr kennt anscheinend das Unterreich nicht. Hier gilt das Gesetz des Stärkeren. Und wir sind die Stärkeren. Nichts kann uns aufhalten. Wenn Halbohr die Nester verbrennen will, kann er es tun, weil er es kann.“

Sie hatten sich entschieden weiter die Höhlen abzusuchen, bevor sie die Nester verbrennen wollten. Jetzt standen sie in der letzten Höhle. Es offenbarte sich ihnen ein beeindruckender Anblick. Wände und Boden der Höhle waren zu einem Teil von einem gewaltigen grünlichen Schleimpilz überdeckt. Neire und Halbohr hatten schon einmal etwas über diesen Pilz gelesen. Der längere Kontakt mit dem Schleim sollte lebendiges Gewebe zersetzen. Sie hatten gehört, dass der Pilz von Bewohnern des Unterreiches eingesetzt wurde, um Gefangene oder Sklaven zu quälen, die bei lebendigem Leibe dem Pilz ausgesetzt wurden. Der gesamte Boden der Höhle war von Pflanzen bewachsen, die hier und dort Nester formten. Zudem sahen die Streiter kleine Pilze ein und derselben Gattung wachsen, die verschiedene Farben trugen. Sie erkannten diesen Pilz als bunten Vierling, der die Farben gelb, grün, blau und violett annehmen konnte. Je nach Alter des Pilzes nahm er eine dieser Farben an, wobei gelb einen jungen und violett einen alten Pilz kennzeichnete. Sie wussten zudem, dass die jungen Pilze berauschend, die älteren hingegen tödlich giftig waren. Zu ihrem Erschrecken sahen sie in zwei der Nester Leichname liegen, die schon halb von Pflanzen überwuchert waren. Halbohr, Gundaruk, Neire und Bargh begannen die Höhle und die Nester zu untersuchen und einige der Pilze zu sammeln. Als Bargh und Neire an das erste Nest mit dem Leichnam herantraten, konnte Neire sofort den Leichnam von Rowa erkennen. Der verbrannte, zerteilte Körper und der von den Stiefeln Barghs zertretene Kopf ragte aus den Ranken hervor, die sich hier und dort bereits in das Fleisch des Leichnams gebohrt hatten. Der zweite Leichnam stellte sich jedoch als interessanter heraus. In einem weiteren Nest konnten sie einen männlichen Menschen liegen sehen, der in einen Plattenpanzer gekleidet war, ein Schild bei sich hatte und einen Streitkolben trug. Als Bargh den leblosen Körper betrachte murmelte er: „Ich kenne diesen Mann.“ Er zog den Leichnam aus dem Nest und sie konnten ihn so betrachten. „Das ist Calmer, der stellvertretende Abt des Tempels von Grimmertal“, sagte Bargh zu Neire. Neire betrachtete das Schild und sah ein Auge, dass auf dem Rücken einer ausgestreckten Hand abgebildet war. „Es ist der Tempel des Wächters, eine niedere schwache Gottheit“, sagte Neire. „Ich habe von diesem Tempel gelesen. Er wurde vor einigen Jahrzehnten in Grimmertal erbaut. Der Abt dort ist Terion. Seht Bargh, was mit ihm passiert ist. Seht was denen passiert, die dieser schwachen Gottheit dienen.“ Bargh betrachtete den Körper seines ehemaligen Kameraden abfällig. „Ich diene jetzt Jiarlirae und nicht mehr dieser Gottheit. Mein Schicksal wird ein anderes sein.“ Als sie den Körper durchsuchen zog Bargh plötzlich einen silbernen Schlüssel hervor und lächelte. „Neire, dies ist der Schlüssel zum Tempel. Zu den heiligen Gemächern, zu denen ich keinen Zutritt hatte.“ Auch Neire musste jetzt grinsen. „Bargh, soeben habt ihr noch vom Schicksal gesprochen, jetzt halten wir den Schlüssel zum Tempel des Wächters von Grimmertal in unseren Händen. Es scheint als ob die Göttin von Feuer und Schatten uns ein Geschenk machen wollte. Der Schlüssel zu deren Heiligtum.“ Bargh nickte und der Rubin seines rechten Auges funkelte in der Dunkelheit. „Wir müssen den Körper verbrennen Neire. Vielleicht haben sie einen Trupp losgeschickt, der nach ihm suchen soll.“ Neire nickte und war kurz in Gedanken versunken. Er dachte an den Ruhm den er Nebelheim bringen wollte; er würde die Feuer brennen lassen und den Gletscher zurückdrängen. So sehr träumte er bereits von ihren zukünftigen Taten, dass er fast nicht die Stimme hörte, die ihn aus den Gedanken riss. „Neire, Halbohr, Gundaruk. Ich habe Spuren gefunden. Sie führen in Richtung des grünen Schleimpilzes.“ Bargh hatte sich in seiner schweren silbernen Rüstung niedergekniet. Er deutete auf die Wand vor ihnen die von dem grünen Pilz bedeckt war. Augenblicklich begann die Anspannung der Gruppe zu steigen. Gundaruk hob seinen Speer mit dem goldenen Runenband in eine Kampfhaltung und näherte sich der grünen Wand. Vorsichtig begann er hier und dort in den Pilz hineinzustechen. Zuerst hörten sie das Klingen von Metall auf Stein, jedoch an einer Stelle glitt der Speer ins Leere. Gundaruk zerschnitt den Pilz und die Helden sahen, wie sich dahinter ein schmaler natürlicher Gang auftat, der weiter in die Tiefe hinabführte. Ein sanfter wärmerer Luftstrom kam Gundaruk entgegen. Sie vernahmen den Geruch von Wasser und von Stein. Nach einer kurzen Beratung entschieden sie sich, dem Tunnel zu folgen. Irgendwo von hier mussten die Kreaturen gekommen sein. Sie ließen die beiden Leichname zurück und stiegen weiter hinab in die Tiefe des Erdreiches.

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Sitzung 15 - Das Portal
« Antwort #15 am: 25.05.2022 | 22:24 »
Tiefer und tiefer waren sie hinabgestiegen. In die Eingeweide der Erde. Die Luft war kälter hier und der faulige Gestank der Pilze und Pflanzen wich einem erdigen Geruch von Wasser und Stein. Sie konnten nicht sagen, wie lange sie durch die vollkommene Dunkelheit geschritten waren; vielleicht waren es nur einige Stunden. Bargh, der die Gruppe in die Tiefe führte, blieb plötzlich stehen und drehte sich dann um. Sein silberner Plattenpanzer schimmerte – trotz einiger Beulen und Kratzer - nass in der Finsternis. Er hatte die heilige Hellebarde, die er nicht mehr führen wollte, über seine Schulter gelegt. Rötlich glänzte der kostbare, makellose Rubin im Sockel seines rechten Auges. „Schaut Neire, eine Höhle. Irgendwo aus der Ferne höre ich ein Summen.“ Für einen kurzen Moment lauschte der Priester der Schatten und Feuer und sein Blick glitt in die Dunkelheit. Neire war hinter Bargh geschritten; Gundaruk und Halbohr waren ihnen in einigem Abstand gefolgt. Vor ihnen tat sich eine große Höhle auf. Lange Tropfsteinzapfen ragten hier und dort aus dem Dunkel hinab. Als ob sie ihre Gegenstücke suchten, die vom Boden der Höhle aufragten; doch nirgends trafen sich die alten Formationen, zu groß war die unterirdische Kammer im Stein. Die Streiter traten vorsichtig an den Eingang heran. Sie sahen kein Ende der Höhle. Neben dem leisen Summen von Insekten hörten sie ein Tropfen und ein durch den Stein gedämpftes Rinnen von Wasser. Neire schritt jetzt an die Seite von Bargh und deutete in die Dunkelheit. Das Fleisch seines linken Armes war grauenvoll verbrannt und durchzogen von tiefen Rissen und Furchen. In der Dunkelheit schimmerte es in ähnlicher Konsistenz wie zu Basalt erkalteter flüssiger Stein. „Seht, Bargh… dort, Leiber. Tote Spinnen.“ Gundaruk und Halbohr waren bereits zu ihnen aufgeschlossen und auch sie konnten das Knäuel von Leichnamen erkennen. „Bleibt ihr hier, ich werde mir das anschauen.“ Die Stimme von Halbohr war leise, aber klang entschlossen. Die muskulöse, gedrungene Gestalt des elfischen Söldners schlüpfte mit erstaunlicher Geschicklichkeit an ihnen vorbei und über den felsigen Untergrund. Die Wunden der Kälte, die die braune Flechte ihm zugefügt hatte, hatten kleine Blasen auf seiner Haut geworfen, die hier und dort schon aufgeplatzt waren. Doch auch wenn Halbohr den Schmerz spürte, er ließ es sich nicht anmerken. Er schlich vorsichtig zu den Körpern der monströsen Tiere. Die meisten der toten Riesenspinnen lagen auf dem Rücken und waren ineinander verschlungen. Es sah so aus, als hätten sie gegeneinander gekämpft; acht Exemplare an der Zahl. Er konnte keine weiteren Spuren, keine Ursache für den Kampf feststellen. Doch er vermutete, dass sie aus den oberen Höhlen stammten. Hier gab es nichts mehr zu entdecken. Er erhob sich und schritt vorsichtig zur Wand zurück, um den Rest der Höhle zu erkunden. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie die große, unübersehbare Gestalt aus dem Eingang hervortrat und sich ihm näherte. Er sah Gundaruks grünlich funkelnde Augen in der Dunkelheit. Der Riese, der ihn um fast das doppelte seiner Größe überrage, trug den silbernen Speer, den er dem toten Loec genommen hatte. Er hatte ihn zu seinem Eigentum gemacht und das gestickte Band mit den goldenen Runen um den Schaft gewickelt. Bei jedem Schritt stützte sich Gundaruk auf den Speer wie auf einen Gehstock, was ein wiederhallendes Geräusch durch die Höhle warf. Halbohr wollte sich gerade umdrehen und Gundaruk ermahnen leise zu sein, da sah er es vor sich aufragen. Ein großes obsidianernes Portal - mehrere Schritte breit und hoch. In das Felsgestein eingelassen, war es verziert von geschwungenen goldenen Runen. Gebannt näherte er sich Schritt für Schritt. Das hatte er nicht erwartet. Der Kontrast von schwarzer Steinkunst zum natürlichen Felsgestein warf einen Bann über ihn; güldene Rätsel der Runen lockten ihn näher. Hinter sich hörte er auch die schweren Schritte von Gundaruk langsamer werden. Das Pochen des Speeres auf dem Stein verstummte. Gemeinsam verharrten sie vor dem Portal und betrachteten die Runen. Kaum bemerkten sie, dass das Summen der Insekten lauter und lauter wurde.

Neire und Bargh hatten sich zu den Leichnamen der Spinnen begeben und betrachteten das Knäuel der toten Körper. „Bargh, wieso sind sie tot? Wieso liegen sie hier?“ Neire, hielt noch immer seinen Degen in der rechten Hand. Die gewellte Klinge blitzte auf in der Dunkelheit. Ein rötlicher Schimmer lag in seinen Augen, als er den Kopf querlegte und nachdachte. Bargh hingegen grummelte und kniete sich in seiner schweren Rüstung hernieder. Er zog seinen Dolch vom Gürtel und begann ihn wie einen Hebel am chitinernen Hinterleib anzusetzen. Er gab ein helles Knacken als er den Panzer des Monsters aufhebelte – ein Knacken, das etwas zu hell war. „Seht, Neire, sie sind von innen vertrocknet. Als ob…“ Bargh dachte nach, doch der ehemalige Paladin mit dem von Brandnarben gezeichneten Gesicht blieb stumm. Schließlich richtete er sich auf, schulterte wieder die Hellebarde und sprach zu Neire: „Ist das der Weg den wir schreiten müssen Neire? Werden wir das Feuer in die Tiefe bringen, um die obere Welt von unten aus anzuzünden?“ Neire, wie aus den Gedanken gerissen, betrachtete Bargh. Er dachte zurück an Nebelheim, an die drohende Gefahr. „Wir müssen Nebelheim retten. Das ist unser Weg Bargh. Das Feuer alleine, wie auch die Schatten, bergen nicht die Geheimnisse unserer Göttin.“ Er dachte an den Dualismus. Nebelheim, das im glühenden Zwielicht in einem ewigen Zweikampf lag. Er dachte an alte Bücher, die er einst gelesen hatte. „Schatten alleine löschen alles Sichtbare. Sie führen zum absoluten Stillstand. Feuer alleine zerstört alles Lebende, es löscht alles Gewesene aus. Die Geheimnisse von Jiarlirae liegen im Chaos. Chaos ist Leben und Zerstörung. Und Jiarlirae - Sie ist mehr. Mehr als die Summe aller ihrer Teile.“ Neire sah, wie Bargh an seinen Lippen hing. Er fuhr fort mit seiner Rede und das Lispeln seiner gespaltenen Zunge verstärkte sich. „Tief unter dem Meer, Bargh, liegen absolute Schatten, ein Reich von Düsternis und Kälte. Nur durch das Feuer aus der Erde, in einem Tanz von glühendem Gestein und Dunkelheit, wird das Leben, werden Inseln geboren. Sie werden geboren um vielleicht wieder zerstört zu werden. Dieses sind die Geheimnisse von Feuer und Schatten, sie werden unseren Weg begleiten.“ Er sah wie Bargh ihn anlächelte, ja fast gerührt war von seiner Rede. „Neire, ihr sprecht wahrlich tiefe Worte. Ich bitte euch, lasst mich an eurer Weisheit teilhaben.“ Sie hätten sich weiterunterhalten, sie hätten über die Geheimnisse von Feuer und Schatten gerätselt und der größten Göttin unter den Göttern gehuldigt, hätten sie nicht das Summen gehört und den Lichtschein bemerkt, der von einem Teil der Höhle ausging.

Zuerst war das Summen lauter geworden und sie hatten hier und dort ein Flattern gehört. Dann hatten sie die Motten gesehen, die sich in chaotischen Flugmustern auf sie hinabsenkten. Näher und näher waren ihnen die riesenhaften Insekten gekommen. Sie hatten die Größe von Fledermäusen gehabt und zuerst schienen sie sie spielend zu umkreisen. Zwei wabernde Trauben hatten sich gebildet. Eine um Gundaruk und Halbohr, die am Portal standen. Eine weitere um Bargh und Neire, die sich dem Portal näherten. Neire schritt hinter Bargh und duckte sich immer wieder unter dem Summen hinweg. Er war jetzt so nah am Portal, dass er die goldenen Schriftzeichen lesen konnte. Es war allerdings keine Sprache, die er lesen konnte. Eher ein Gesamtkunstwerk mit Einflüssen der Tiefensprache, Dunkelelfisch und der Drachensprache. Er war sich sicher, dass es eine Warnung war. Gefahr und Tod. Nicht so sicher war er sich bei einigen Runen, die Jäger oder Gejagter bedeuten konnten. Gerade wollte er seine Stimme erheben, als die ersten Insekten um sie herum begannen rötlich zu glühen. Das Geräusch des Flatterns wurde nochmals stärker. Gebannt blickten sie alle auf das Schauspiel, auf die rötlich glühenden Flügel in der Dunkelheit. Doch irgendetwas passierte mit ihrem Geist. Als ob sie in eine Art Trance geraten würden, sobald sie den Bewegungen der Motten folgten. Neire lächelte und schüttelte den Dämmerzustand ab. Er dachte an die Muster im inneren Auge, die er so lange betrachtet hatte. Jedoch sah er zu seinem Erschrecken, dass Bargh wie gebannt auf die Kreaturen blickte. Schaum bildete sich vor seinem Mund und er erhob das Langschwert wie zu einem Angriff. Neire wich instinktiv vor seinem Begleiter zurück und glitt in die Dunkelheit. Derweil war um Gundaruk und Halbohr bereits ein Kampf entbrannt. Wieder und wieder stießen die beiden nach den glühenden Insekten, die um sie herum wuselten. Fast jeder Stich mit dem Speer und dem Dolch tötete eines der Wesen, doch stets nahm eine neue Kreatur die Position der Getöteten ein. Zu ihrem Grauen sahen sie, dass das Portal neben ihnen sich begann zu öffnen. Eine Zeitlang blickten sie in die Dunkelheit und kämpften weiter, doch dann trat eine Kreatur hervor. Eine humanoide Gestalt mit langen Armen und grauer Haut. Gekleidet war sie in eine zerfetzte Hose. Die Hände wären klauenartig und der Schädel eingeschlagen. Unmöglich konnte die Gestalt, die etwas kleiner als Gundaruk war, noch am Leben sein. Auch schienen bei näherer Betrachtung einzelne Körperteile wie zusammengewürfelt; so als ob sie verschiedenen Leichnamen entnommen worden wären und zu dieser Kreatur zusammengesetzt.

Gundaruk keuchte und stach wieder in die Dunkelheit. Er versuchte nicht mehr in das rötliche Licht zu blicken, das von den Flügeln der Höhlenmotten ausging. Sein Körper fühlte sich immer noch wie eingerostet an. Wie lange habe ich wirklich in diesem Grab gelegen? Doch er hatte keine Zeit zum Nachdenken. Er blickte in Richtung der Gestalt, die sich jetzt vor dem geöffneten Portal aufgebaut hatte. Dann hörte er das Krachen von Metall. Gundaruk sah wie Bargh mit der Gestalt zusammengestoßen war. Bargh war in einen Kampfrausch gefallen und Schaum rann von seinem Mund hinab. Sein Langschwert war tief in den Hals der Kreatur gefahren. Einem Menschen hätte er wohl den Kopf abgehackt. Doch Gundaruk sah keine Wirkung. Wie in Zeitlupe hob die Gestalt ihre Fäuste und ließ sie auf Bargh herunterfahren. Das unschöne Geräusch einer ausgekugelten Schulter war zu hören und das Knirschen von Metall. Gundaruk stach weiter nach der nächsten Motte. Dann hörte er die Luft neben ihm explodieren. Zwei Kugeln aus glühendem Feuer hatten das humanoide Monster getroffen. Als der Lichtschein sich legte, sah Gundaruk, dass die Gestalt immer noch stand und Flammen auf ihrem Körper brannten. Sie schien unbeeindruckt zu sein, keinen Schmerz zu empfinden. Gundaruk blickte hinter sich und sah Neire auf sie zukommen. In seiner linken Hand brannte eine Flamme aus tanzendem Schattenmagma und seine Augen glühten rötlich. Sein liebliches Gesicht war jetzt von Zorn erfüllt und er rief gegen das Summen der Insekten an: „Tötet es, tötet das Monster.“ Als Gundaruk den priesterlichen Gesang eines disharmonischen Chorales aus Neires Mund hörte, spürte er den Mut in ihm aufkommen. Er erkannte die Todesgefahr, die von der Kreatur ausging. Sie oder ich. Ich muss schneller sein. Er näherte sich und sah, dass auch Halbohr ihm folgte. Mit all seiner Kraft stieß er den silbernen Speer in den Leib. Das Fleisch begann sich dunkel zu verfärben und platzte auf. Leichenwasser und gelber Eiter drangen aus der Kreatur hervor. Das Wesen drehte sich sofort zu ihm um und begann ihn anzugreifen. Gundaruk sah aus den Augenwinkeln, dass auch die Angriffe Halbohrs die Kreatur nicht verletzen konnten. Halbohr wich bereits zurück. Alles kam Gundaruk jetzt so langsam vor. Wie durch einen Nebel hörte er die hasserfüllte Stimme Neires. Der Jüngling schrie Halbohr hinter ihm an: „Ihr seid ein Feigling Halbohr, flieht ihr doch vor dem Kampf. Denkt an den Vertrag.“ Dann kam die rechte Faust des Wesens auf ihn hinab. Gundaruk versuchte auszuweichen und einen Angriff mit dem Speer auszuführen. Doch er war zu langsam. Er spürte wie ihm die Luft aus den Lungen wich, als die Faust ihn an der Seite traf. Er schnappte nach Luft und biss die Zähne zusammen. Der faulige Gestank des Monsters ließ ihn sich fast übergeben. Doch da war ein Widerstand, als er den Speer tiefer und tiefer in den Brustkorb stieß. Bis die silberne Spitze aus dem Rücken heraustrat. Das Wesen vor ihm begann zu zittern und auf die Knie herabzusinken.

Sie alle hatten keine Wahl gehabt. Sie mussten Bargh folgen. So waren sie dem Krieger Jiarliraes nachgeschritten, der wie in einer Art Trance durch das Portal gewandelt war. Nachdem Gundaruk in einem Zweikampf auf Leben und Tod das Monster niedergerungen hatte, waren plötzlich die rot schimmernden Motten verschwunden. Wie durch äußere Einflüsterung beschworen, hatte sich Bargh ruckartig in Richtung des Portals zugewendet. Jetzt folgten sie ihm in das, was dahinter war. Ein breiter Tunnel führte sie bereits einige Zeit hinab in die Tiefe. Sie versuchten auf Bargh einreden, doch er zeigte keine Reaktion. Irgendwann sahen sie die Wand aus Schatten vor ihnen aufragen. Der Tunnel, der hier zunehmend waagerecht wurde, war von der zwielichtigen Dunkelheit in der völligen Düsternis durchzogen. Hinter der Grenze der Schatten war die Umgebung nur schemenhaft zu durchblicken. Sie erahnten eine weitere Höhle, in der ein Thron stand. Es sah so aus, als ob eine Gestalt auf dem Thron sitzen würde, doch sie konnten weder Einzelheiten sehen, noch konnten sie erkennen ob die Gestalt auf dem Thron sich bewegte. Bargh war in den Bereich der Schatten hineingeschritten und hatte sich niedergekniet. Gundaruk, Halbohr und Neire blieben in einigem Abstand zu den Schatten stehen und beobachten Bargh. Er schien wie aus einem Traum zu erwachen. „Neire, wo bin ich? Was ist passiert?“ Einen kurzen Moment herrschte Stille, dann antwortete Neire. „Bargh, ihr seid hier hinabgegangen, wie benommen. Wir sind euch gefolgt. Kommt zu uns, tretet heraus aus den Schatten.“ In diesem Moment hörten sie alle die weibliche Stimme, die aus dem Gewölbe hallte. Sie sprach in der Sprache der Unterreiche, die nur Neire verstehen konnte. „Tretet herein in die Schatten oder ihr werdet gejagt.“ Neires Herz begann zu rasen, als er in die Schatten blickte. Er versuchte das Zittern seiner Hände so gut wie es ging zu verbergen, als er mit lispelnder Stimme antwortete: „Wer seid ihr, die ihr uns in die Schatten hineinbittet?“ Einen kurzen Moment herrschte Stille. Dann antwortete Bargh erneut: „Ich bin Bargh und ich bin mit Neire gekommen.“ Neire, flüsterte derweil leise Worte zu seinen Kameraden. „Sie will, dass wir in die Schatten schreiten.“ Dann hörten sie alle erneut die Stimme. Diesmal zitterte sie vor Zorn. „Tretet ein in die Schatten oder ihr werdet in Furcht davonlaufen.“

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Sitzung 16 - In die Schatten
« Antwort #16 am: 31.05.2022 | 22:19 »
Neire stand in dem breiten Gang aus obsidanernem Stein. Sie waren Bargh hierhin gefolgt. Der gefallene Paladin saß jetzt etwa zehn Schritt von ihnen entfernt in den Schatten. Er hatte sich niedergekniet und ließ seinen von Brandwunden bedeckten Kopf hängen. Sein Plattenpanzer schimmerte silbern in der Düsternis. Gerade war die zornige weibliche Stimme verhallt, die sie aufforderte in wabernde Wand aus Schatten zu treten. Für ihre übernatürlichen Augen, die auch die totale Dunkelheit dieser Höhlenwelt durchblicken konnten, war es so, als ob der Bereich vor ihnen in ein Zwielicht getaucht wäre. „Bargh, hört ihr mich. Sollen wir in die Schatten treten?“ Neire flüsterte die Worte in die Dunkelheit, doch er vernahm keine Reaktion von Bargh. Es war Halbohr, der dem jungen Priester Jiarliraes zunickte und den ersten Schritt in die Dunkelheit machte. Neire sah, dass im Blick des Elfen mit dem grobschlächtigen Gesicht Ratlosigkeit und Verwirrung zu lesen war. Doch auch eine innere Entschlossenheit. Das letzte was Neire von Halbohr sehen konnte, war sein zerrissener Filzmantel. Dann wurde auch dieser von der Dunkelheit verschluckt. Plötzlich war es unheimlich still im Tunnel. Neire blickte sich um. Er war jetzt allein und kam sich klein, verlassen und schwach vor. Ich will nicht gejagt werden, nicht gejagt werden wie ein verfluchter Chin’Shaar. Doch ich kann auch nicht fliehen; ich darf Bargh nicht zurücklassen. Die Gedanken warfen ihn in eine innere Unruhe und seine Hände begannen leicht an zu zittern. Doch auch die Neugier regte sich in ihm. Was wohl für Geheimnisse in den Schatten zu finden waren. Er musste handeln. Schließlich machte er den Schritt und glitt hinein in die Dunkelheit.

Einen kurzen Moment taumelte Halbohr, denn der Boden war aus purer Schwärze und schien aus anderer Konsistenz als der Stein des Tunnels zu sein. Er kam ihm vor, als würde er über einen glatten Spiegel schreiten. Als Halbohr Kontrolle über seine Schritte erlangt hatte, ging sein Blick nach vorne. Jetzt konnte er den Thron besser erkennen. Er sah, dass sich dort eine Gestalt in völliger Nacktheit räkelte. Die Frau die dort breitbeinig saß, hatte eine steingraue, unversehrte Haut und war schlank. Er konnte ihr Alter nicht abschätzen. Schneeweißes langes Haar fiel von ihrem Kopf und blaue Augen funkelten in der Dunkelheit. An den Thron gelehnt sah er einen kostbaren Bogen dunkelelfischer Machart, der mit einer Spinne am Griff verziert war. Halbohr blickte sich nach Neire um, den er durch den Schleier der Schatten sah. Der Jüngling wirkte verängstigt; sein liebliches Gesicht, eingerahmt von den langen, gold-blonden Locken, war in ein Grübeln verfallen. Halbohr konnte erkennen, dass Neire vor Anspannung zitterte. Doch jetzt machte er tatsächlich die Schritte nach vorne um schloss auf zu ihm. Als sie beide die Höhe von Bargh erreicht hatte hörten sie die Stimme der Frau, die lieblich und nicht aus einer bestimmten Richtung herkommend klang. Vielmehr hörte es sich an, als wäre die Stimme überall im Raum und um sie herum. „Ihr seid in mein Reich eingedrungen. Habt ihr mir Geschenke mitgebracht oder ist er euer Geschenk an mich?“ Halbohr sah wie sie auf Bargh zeigte, der noch immer wie benommen dort kniete. Er war sich nicht sicher wie er reagieren sollte und blickte zu Neire, der eine weite Verbeugung machte und antwortete.

Neire erinnerte sich zurück an die Zeit in der Bibliothek von Nebelheim. Er hatte Bücher über die dunkelelfische Kultur gelesen. Von Zeiten, in denen die Dunkelelfen Handel mit Nebelheim getrieben hatten, hatte er gehört. Er betrachtete die Gestalt vor sich und er war sich sicher schon einmal von ihr gehört zu haben. Vielmehr hatte er ein Portrait von ihr gesehen. Es musste sich hierbei um die Dunkelelfin Aria Prias handeln. Sie war einst eine grausame Herrscherin des Dunkelelfenreiches und als Gründerin mehrerer dunkelelfischer Häuser bekannt gewesen. Bereits vor etwa 800 Jahren trat ihr Name in Erscheinung. Neire erinnerte sich zudem an drei ihrer Titel: Erste Kaiserin, Geißel des Reiches und Gründerin der Häuser. In der jüngeren Zeit des Reiches sollte sie von der politischen Bühne ver¬schwunden sein und die Fäden aus dem Verborgenen gezogen haben. Auch war sie als Anhängerin der Göttin Lolth bekannt gewesen. Ihr Bogen war eine legendäre Waffe, die magische Pfeile aus verschiedenen Energieformen generieren konnte. Neire führte eine tiefe Verbeugung aus und lächelte, als er mit wohl überlegten Worten antwortete: „Große Herrscherin, wir sind unserem Kameraden hier hinabgefolgt. Uns erschien es so, als ob er von einer fremden Macht hierhin gerufen worden wäre.“ Als er seinen Kopf erhob, bemerkte Neire, dass auch sie ihn anlächelte und ihre Stimme erhob. „Ich sehe ihr wisset wie ihr mir begegnen sollt und auch macht ihr mich neugierig. Doch beantwortet meine Frage: Habt ihr mir Geschenke mitgebracht?“ Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen. Gerade suchte Neire nach einer Antwort, als Halbohr ihm zuvorkam: „Wir haben einige Dinge die euch interessieren könnten und wir könnten nützlich für euch sein, doch welche Geschenke begehrt ihr?“ Neire hörte ein Zischen als Antwort und sah wie die Kaiserin sich aufstellte und nach dem Bogen griff. „Ihr beginnt mich zu langweilen, Männchen; ihr stellt die falschen Fragen. Stärke ist die einzige zu respektierende Fähigkeit bei euch, einem Männchen. Und ich bin geneigt herauszufinden über welche Stärke ihr verfügt, wenn ich euch jage.“ Neire sah, dass sie Halbohr abfällig musterte, der ihrem Blick trotzig standhielt. Wut kam in Neire auf. Er kennt sich mit höfischen Sitten nicht aus und weiß anscheinend nicht, dass solche Fragen Herrscher in Verlegenheit bringen. Er sollte lieber schweigen. Dachte Neire und warf Halbohr ebenfalls einen verachtenden Blick zu. Jetzt musste er die Wogen glätten. Neire verbeugte sich abermals tief und sprach in seiner lispelnden, zischelnden Weise die Sprache der Unterreiche. „Große Herrscherin, ich komme von weit her. Aus Nebelheim. Vielleicht interessieren euch die jüngeren Entwicklungen des Hauses von Duorg und deren Zöglingen Rowa und Raxira. Und da war noch ein Amulett; eine Insignie des Hauses.“ Die Miene der Kaiserin helle sich wieder etwas auf und sie ließ den Bogen sinken. „Nebelheim, so… Rowa, Raxira und Raxor. Armselige Kreaturen, die einen lächerlichen Anspruch auf den Vorsitz ihres schwachen Hauses erheben. Was wisst ihr über sie, was wisst ihr über das Spinnenamulett?“ Neire bemerkte, dass Aria Prias ihn anlächelte. Er hatte anscheinend ihre Neugier geweckt. Abermals antworte er in der Sprache der Unterreiche. „Wir sind einige Zeit mit Rowa gereist. Jetzt ist sie tot. Sie wurde ermordet von ihrer Schwester Raxira. Wir haben gesehen wie sie von durchsichtigen Spinnen zerstückelt wurde. Das Amulett hat Raxira an sich genommen und sie verschwand, wie sie gekommen war – plötzlich.“ Neire sah, dass Aria seinen Worten lauschte. Bevor sie etwas erwidern konnte, setzte er ein weiteres Mal an. „Große Herrscherin, ihr spracht von der Jagd. Wir würden es vorziehen nicht gejagt zu werden. Lieber würden wir selber jagen.“ Neire hörte ein Lachen der Dunkelelfin auf seine Ansprache hin. „So… ihr würdet lieber selber jagen… Nun, dann soll es so sein. Ihr werdet für mich jagen oder ich werde euch jagen. Bringt mir das Amulett der Mutter der Spinnen. Findet Raxira und tötet sie. Bringt mir zudem den Schädel aus purem Gold, ein Relikt aus einer alten Zeit und ihr werdet eine Belohnung von mir erhalten.“ Neire hörte die Worte, die mit einer befehlenden Bestimmtheit gesprochen wurde. Er wusste, dass sie keine Widerworte dulden würde. „Große Herrscherin, wo sollen wir suchen? Wie sollen wir Raxira finden? Sie verschwand mit ihren durchsichtigen Spinnen auf geisterhafte Weise.“ Abermals lachte Aria, bevor sie antwortete. „Ja, Raxira und ihre kleinen Haustiere. Versucht es in der alten Festung Faust. Ich kann es mir vorstellen, dass sie sich dort aufhält. Die Feste liegt in nordöstlicher Richtung von hier. Etwa 50 Meilen sind es bis dort. In den oberen Gemäuern sollen sich niedere Kreaturen eingenistet haben; doch Faust verfügt über ein Netz von unterirdischen Verliesen, Tunneln und Gängen. Dringt dort ein und beginnt eure Suche dort.“ Neire nickte und blickte in Richtung Halbohr. Anscheinend konnte auch der elfische Söldner ihre Worte verstehen. Doch irgendetwas irritierte Neire an Halbohrs Blick. Die grünen elfischen Augen musterten starrend einen bestimmten Bereich hinter dem Thron. Als Neire antworten wollte, sprach die Kaiserin abermals zu ihnen. Diesmal hatte ihre Stimme einen herausfordernden Ton. „Ihr seid an Geheimnissen interessiert. So sehet was sich unter den Schatten verbirgt.“ Neire bemerkte augenblicklich, wie der Schatten des Bodens begann zu verschwinden. Als würden sie durch Kristallglas blicken, sahen sie unter sich eine gewaltige Höhle aufragen, in denen die Ruinen einer untergegangen Dunkelelfenstadt lagen. Feenhafte magische Lichter, sogenannte Dunkelfeuer, brannten wie immerwährende Elmsflammen von den Überresten. Ein markantes Gebäude schien immer noch intakt zu sein. War dies der Tempel der Spinnengöttin? War das Ched Vurbal? Neire konnte seinen Augen nicht trauen und erhob seine Stimme. „Beeindruckend, große Herrscherin, sind das die Ruinen von Ched Vurbal?“ Die Antwort von Aria Prias kam sofort und sie verneinte seine Frage nicht. „Woher kennt ihr diesen Namen? Ihr überrascht mich erneut. Aber genug des Ganzen, geht jetzt bevor ich meine Meinung ändere. Verlasst den Tunnel zur rechten Seite durch die Höhle und nehmt den ersten Gang der hinausführt. Irgendwann gelangt ihr in eine Höhle mit einer Spalte. Versucht nicht das Gas einzuatmen, das dort aufsteigt. Verlasst diese Höhle durch den einzigen Ausgang und gelangt durch einen Tunnel in ein Gewölbe mit einer Steele. Dort gibt es zwei Möglichkeiten. Durch einen offensichtlichen Gang gelangt ihr an die Oberfläche durch ein altes Grab. Ein verborgener Gang führt zu einer kleinen verlassenen Feste. Geht!“ Neire verbeugte sich ein weiteres Mal und sprach: „Wir werden euch nicht enttäuschen und wir werden zurückkehren. Große Herrscherin, ihr seid bestimmt unsterblich; ich würde also annehmen, dass Zeit keine Rolle für euch spielt?“ Arias Stimme klang kraftvoll, nicht zornig, als sie antwortete. „Lasst euch nicht zu viel Zeit. Die Jäger seid jetzt ihr.“ Neire nickte, verbeugte sich ein weiteres Mal und trat durch die Schatten zurück. Er sah auch, dass Bargh und Halbohr ihm folgten. Seine Gedanken galten jedoch Aria Prias und ihrem Dasein über den Ruinen von Ched Vurbal. Anscheinend beobachtete sie ihre Stadt und den Tempel von oben. Würde sie Eindringlinge jagen, die die Ruinen oder den Tempel von Ched Vurbal betreten? Kaum hörte er ihre höhnischen Worte nachhallen: „Die Frauen taten was sie konnten; die Männchen litten was sie mussten.“

Halbohr lauschte den Gebeten von Neire und Bargh. Sie hatten die Behausung von Aria Prias verlassen und waren dem Gang aus der großen Höhle gefolgt. An einer Quelle im Stein hatten sie eine kleine Rast eingelegt und Neire hatte einige Zeit meditiert. Neire hatte die Schulter von Bargh eingerenkt und die Schreie des Kriegers von Jiarlirae waren im Tunnel erschallt. Auch hatte Neire sich den schweren Wunden angenommen, die das seltsame Wesen Bargh im Kampf zugefügt hatte. Jetzt konnte Halbohr hören wie sie ihre Gebete beendeten und Bargh seine Stimme erhob. „Neire, was ist passiert? Ich kann mich an nichts erinnern. Nur an eine Leere. Und da war eine Frau mit schwarzer Haut und weißem Haar, die meinen Geist quälte. Eine verfluchte dunkelelfische Hexe.“ Neire sah Bargh mit großen Augen an. „Ja, ihr Name ist Aria Prias. Sie hat uns erniedrigt und jetzt sollen wir für sie arbeiten. Sie wird dafür mit ihrem Leben bezahlen; sie wird brennen und wir werden ihr Gehirn essen.“ Halbohr sah wie Bargh Neire verwundert anblickte. „Ihr Gehirn essen? Wird es uns irgendwelche Kräfte geben?“ „Ich weiß es nicht Bargh. In Nebelheim waren Gehirne eine Delikatesse. Chin’Shaar Gehirn gab es auf den höchsten Festen.“ Halbohr sah, wie Neire bei den Worten wehleidig in die Ferne blickte. „Erzählt mir mehr Neire, wer waren diese Chin’Shaar?“ Bargh war anscheinend fasziniert von den Worten Neires. „Es sind Verfluchte, eine Rasse, halb Spinne, halb Mensch. Vierarmig, hinterlistig und von den Herrschern von Nebelheim verbannt auf ewig in den Eishöhlen zu leben. Dort werden sie von den Kupfernen Kriegern der Stadt gejagt.“ Halbohr bemerkte die Gier nach Wissen in den Augen Barghs. „Erzählt mir mehr Neire. Wer sind diese Kupfernen Krieger?“ Halbohr sah, wie Neire seinen Kopf in seine Richtung drehte während er sprach. „Alles zu seiner Zeit Bargh. Zuerst müssen wir unseren Weg hier hinausfinden. Halbohr wird uns führen.“ Halbohr nickte und erwiderte. „Lasst mich ein Stück vorschleichen und folgt mir.“ So glitt er in die Dunkelheit. Hinter sich hörte er immer wieder die Stimmen von Bargh und von Neire.

Eine Zeit lang waren sie dem Tunnel gefolgt, der sich tatsächlich in eine Höhle öffnete, in der sie eine dünne Felsspalte aufragen sahen. Gas stieg dort auf und die Luft roch nach Schwefel. Nach kurzer Beratung durchquerten sie die Höhle und hielten dabei die Luft an. Jedoch entging den wachsamen Augen Halbohrs nicht die Türe, die an der rechten Wand der Höhle im Stein verborgen war. „Neire, Bargh, ich habe dort eine Türe im Felsen gesehen. Sollen wir sie untersuchen?“ Die Miene Neires hellte sich auf und Halbohr konnte die Neugier sehen, als er antwortete. „Ihr habt wachsame Augen Halbohr. Ja, lasst uns schauen, was sich hinter dieser Türe verbirgt. Und… Halbohr, haben eure wachsamen Augen etwas Besonderes im Gemach von Aria Prias entdeckt?“ Halbohr nickte tatsächlich. „Ja, dort war etwas in den Schatten. Ein reptilienartiges Auge und Schuppen habe ich gesehen. Von gewaltiger Größe, wie die eines Drachen.“ Bei diesen Worten horchte Neire auf. Ein Drachen und eine dunkelelfische Kaiserin. Wo hatte sie das Schicksal hingeführt? Neire dachte nach. Er hatte von verschieden Drachen gehört, die im großen Krieg auf der Seite der Dunkelelfen gekämpft hatten. Von farbigen Drachen und von Tiefen- sowie Schattendrachen hatte er gehört. Doch von einem Drachen und Aria Prias hatte er nichts gehört. So entschlossen sie sich die Höhle zu durchqueren und die Türe zu öffnen. Abermals hielten sie die Luft an und Halbohr führte sie an der Spalte vorbei. Tatsächlich konnten sie die Türe entriegeln und sahen dahinter einen engen, staubigen Gang liegen. Fünf Stufen führten hinab. Sie folgten dem Gang dahinter, der in das Felsgestein geschliffen worden war. Nach etwa fünf Dutzend Schritt endete dieser an einer weiteren Türe aus Stein. In der Mitte war ein Schlüsselloch zu erkennen, von dem freskenhafte Strahlen in einem Kreis hinfort führten. Neire hatte eine solche Symbolik schon einmal gesehen und brachte sie mit einem Gefängnis in Verbindung. „Tretet zurück, ich werde die Türe untersuchen“, hallten die Worte Halbohrs, als er begann seiner Dietriche hervorzuholen. Neire und Bargh traten zurück und Halbohr kniete sich an die Türe. Er bemerkte die Falle, die sich dort befand. Jetzt durfte er keine Fehler machen. Mit ruhigen Händen platzierte er die feinen Werkzeuge und begann den Mechanismus zu drehen. Augenblicklich hörte er das Schnappen von Bolzen im Stein und das schmatzende Saugen von Luft, die in das Innere eindrang.

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Sitzung 17 - Das Gefängnis im Unterreich
« Antwort #17 am: 6.06.2022 | 22:05 »
Halbohr hielt noch für einen kurzen Moment die Luft an. Das Schnappen der Bolzen im Stein der Türe war längst verklungen, da atmete er auf. Er konnte einen modrigen Geruch vernehmen, der von der anderen Seite der Türe in den schlanken, trockenen Gang gedrungen war. Weit hinter sich hörte er die Stimmen von Bargh, Gundaruk und Neire. Er war hier auf sich allein gestellt und ein weiteres Mal hatten ihn seine Fähigkeiten vor Schlimmerem bewahrt. Halbohr begann die Türe aufzudrücken. Es gab ein Knirschen, als die schwere Steinplatte sich langsam zu bewegen begann. Katzenhafte grünliche Augen lugten neugierig hervor und der bullige Söldner mit dem fettigen, schulterlangen Haaren begann seine beiden Dolche zu ziehen.

Die Gruppe um Bargh, Gundaruk und Neire hatte sich langsam durch den schmalen Tunnel bewegt. Besonders der hünenhafte Gundaruk hatte Probleme mit der Enge. Jetzt waren sie zur Türe gelangt und sahen, dass Halbohr bereits einige Schritte hindurch gegangen war. Sie blickten in eine sechseckige Halle, die in den Felsen geschliffen worden war. Der Staub und die abgestandene Luft ließen erahnen, dass hier längere Zeit keine Seele mehr weilte. Zur Linken konnten sie Erhöhungen aus Stein erkennen, auf denen Decken lagen; zur gegenüberliegenden Seite Regale und ein Sitztisch aus Stein. Doch vielmehr wurde ihr Blick auf eine kleine steinerne Säule gezogen, die aus vier unterschiedlich langen Segmenten bestand und in einer Halbkugel endete. Schriftzeichen waren auf dem unteren, längsten Segment zu sehen. Nach oben hin verjüngten sich die Segmente. Die Halle hatte keine Ausgänge und so traten sie ein und begannen mit der Durchsuchung.

„Die Türe habt ihr aufbekommen ohne gleich in Ohnmacht zu fallen. Aber die Schriftzeichen? Kennt ihr sie?“ War es eine innere Wut die Neire spürte, als er begann Halbohr zu sticheln? Vielleicht war es auch Neid auf dessen Fähigkeiten mit dem Dietrich. Ich habe ihm bereits zugeschaut, wie er Schlösser mit spielender Leichtigkeit knackt. Ich muss ihn weiter beobachten um mir seine Fähigkeiten anzueignen. Neire dachte an Nebelheim; was er mit solchen Fähigkeiten dort für Unfug hätte treiben können. Zugang zu den verschlossenen Bereichen der großen Bibliothek hätte er sich verschafft. Was hätte dort für Wissen gewartet… Neire bemerkte, dass Halbohr ihn zwar abfällig musterte, aber ihm nicht antwortete. „Ich werde euch auf die Sprünge helfen, auch wenn das eine klare Verletzung eures Vertrages ist. Denn eigentlich werdet ihr für solche Dienste nach Vertrag bezahlt.“ Neire hob in arrogante Miene sein Kinn und betrachtete Halbohr mit einem neckischen Lächeln. „Ah, Neire“, stöhnte Halbohr. „Ein Vertrag, den ihr verbrannt habt und dessen Wirksamkeit ihr angezweifelt habt. Wir können ihn gerne auflösen.“ Jetzt war es Halbohr, der ihn grimmig angrinste. Die Wut wuchs augenblicklich in Neire. Er stampfte mit einem Fuß auf den Boden, so dass er Staub aufwirbelte. Doch dann dachte er nach. Halbohr musste sich an den Vertrag halten, obwohl er durch das ewige Feuer von Jiarlirae bereits aufgelöst wurde. „Nein, Halbohr! Wir können den Vertrag nicht auflösen, weil er bereits durch die Flammen Jiarliraes aufgelöst wurde und nicht mehr existiert. Also haltet euch an euren Vertrag und dient mir so, wie es sich gehört!“ Neire sah, dass jetzt Halbohr vor Wut kochte und er lachte kindlich auf. Doch plötzlich war da der besänftigende Geruch von Wald und von Harz. Die Gestalt von Gundaruk drängte sich zwischen Neire und Halbohr. Gundaruk klopfte mehrfach mit dem Speer auf dem Boden, als er Worte der Beruhigung murmelte und beide auseinander drückte.

Nachdem sie den Raum abgesucht hatten, hatte Halbohr gehandelt. Einer musste es ja tun und er würde sich an den Vertrag halten. Umso größer sollte sein Anteil an den Schätzen sein. Er redet zu viel und handelt nicht; und wenn er handelt, dann sind es meist unsinnige, jugendliche oder grausame Taten, dachte Halbohr. Neire hatte eine Zeit lang von den dunkelelfischen Zahlen Null, Eins, Zwei und Drei gesprochen, die auf dem unteren Segment der Säule eingraviert waren. Zudem hatte sich der junge Priester ausgelassen über die ach so abscheulichen Rätsel dieser Kreaturen und dass Nebelheim über dem Ganzen stand. So hatte er, Halbohr, gehandelt und das zweite Segment von unten gedreht. Tatsächlich war es beweglich gewesen. Es hatte eine Erschütterung eines Mechanismus im Stein gegeben und ein Teil des Bodens war, zugunsten einer hinabführenden Treppe, in die Tiefe geglitten. Jetzt schritt Halbohr mit Gundaruk die Stufen hinab, während Neire und Bargh den oberen Bereich sicherten. Die Gedanken ließen ihn nicht los. Was wenn er wieder einen seiner kindlichen Streiche im Kopf hat? Was wenn er an einem weiteren Segment dreht? Halbohr kehrte sich um und flüsterte in die Dunkelheit hinauf: „Neire, wartet mit dem Drehen von anderen Segmenten. Wartet, bis wir euch ein Signal geben.“ Täuschte es ihn oder hörte er diesmal das schäbige Lachen von Bargh? Halbohr, der voraus ging, war jetzt am Fuße der Treppe angelangt und sah einen kleinen Gangabschnitt, zu dessen Rechten er eine Türe bemerkte. Auch dieses Portal war aus Stein und trug die Freske der Strahlen, in Form von radialen Linien. Kein Schlüsselloch war auf dieser Türe zu sehen, jedoch entging Halbohr nicht die gegenüberliegende Wand, gezeichnet von Kratzspuren; es sah so aus, als ob diese beweglich im Stein wäre. Gerade wollte er seine Stimme erheben, da hörte er erneut das Knirschen von Stein und sah, wie sich die schwere Türe vor ihm wie von Geisterhand öffnete. Die Wut stieg in weiteres Mal in Halbohr auf. Kann der Junge nicht einmal auf mich hören? Oder ist es Bargh gewesen? Ich habe sein verrücktes Lachen gehört. Es machte keinen Unterschied. Die beiden schienen unzertrennbar, nachdem Neire ihn zuerst ermordet und dann von den Toten zurückgeholt hatte. Das verbrannte Gesicht des Kriegers und der glühende rote Rubin im Auge von Bargh bereite Halbohr schon seit längerem Unbehagen. Doch Bargh konnte sich wohl aufgrund seiner damaligen Trunkenheit nicht an seine Ermordung erinnern.

Sie waren danach vorsichtig weitergeschritten und hatten hinter der geöffneten Türe eine karge Zelle entdeckt. Die Wände waren von Kratzspuren überzogen gewesen und in einer Ecke lag der skelettierte Leib einer großen Schlange mit einem menschlichen Schädel. Es hatte so ausgesehen, als ob die Kreatur schon seit Jahrhunderten hier unberührt liegen würde. Gundaruk hatte die Knochen durchsucht und ein Futteral mit einer Schriftrolle fremder arkaner Symbole, drei Tränke in unterschiedlichen Farben und eine kleine Kiste mit einer Kristallkugel gefunden. Gundaruk und Halbohr hatten sich dann kurz mit Bargh und Neire ausgetauscht, um zu erfahren, dass das dritte Segment auf die Eins bewegt worden war. Schließlich waren sie wieder hinabgestiegen und hatten Bargh und Neire gesagt, sie sollten das zweite Segment auf die zweite Position bewegen. Nach der Betätigung durch Bargh und Neire hatten Gundaruk und Halbohr abermals gesehen, dass sich die Wand vor ihnen in den Boden hinabbewegte. Sie waren einer weiteren Treppe in die Tiefe gefolgt. Jetzt standen sie in einem unteren ebenerdigen Gang und einer Türe zur Rechten. Die Freske der Strahlen, in Form von radialen Linien war auch dort zu sehen – kein Schlüsselloch. Gundaruk, der hier gebückt ging, erhob seine tiefe laute Stimme eines alten Akzentes: „Neire, Bargh… dreht das dritte Segment auf die zweite Position.“ Er lauschte auf eine Antwort, doch an deren Stelle hörte er das Knirschen von Stein und sah, dass auch diese Türe nach innen aufschwang. Dann ging alles ganz schnell. Sie bemerkten gerade noch die karge Zelle und die Kreatur die sich dort bewegte. Kaum hatten sie ihre Waffen erhoben, schon stürmte ein Krieger auf sie zu, der zwar von kleiner, schlanker Statur, doch umso mehr furchteinflößend war. Die Gestalt vor ihnen war berüstet mit Ketten und Panzer, mit Säbel und Picke. Unmöglich konnte sie noch leben. Die linke Schädelhälfte war eingeschlagen und Augen glühten wie aus weißlichem Eis in der Dunkelheit. Halbohr stand an der Türe, als die Gestalt bereits mit dem Säbel auf ihn einstach. Blut sprudelte aus seiner rechten Schulter auf, doch er versuchte ihr den Weg zu blockieren und schrie: „Neire, schließt die Türe. Dreht das Segment zurück.“ Tatsächlich ging einen kurzen Moment später ein Rucken durch die Türe. Der Angriff mit der Picke krachte funkensprühend gegen die Steinwand und die Gestalt verlor das Gleichgewicht. Sie wurde bereits im Angriff von der Türe erfasst und im Fallen über den Boden nach vorne gedrückt. Halbohr und Gundaruk nutzten den Vorteil aus und stachen mehrfach mit ihren Waffen auf die Kreatur ein. Gerade unter Gundaruks mächtigen Angriffen splitterten mehrere Knochenstücke ab. Die Gestalt schien einen Augenblick wie gelähmt, unfähig sich unter dem Regen der Angriffe zu erheben. Doch dann erhob sie sich, stärker als zuvor. Sie sahen, dass das weißliche Glühen der Augen jetzt beißend für ihren Blick war. Gundaruk und Halbohr bereiteten sich auf das Schlimmste vor, doch plötzlich explodierte die Luft vor ihnen. Sie wurden geblendet von zwei Magma-artigen Geschossen schattenhafter Flammen, die in die Kreatur gefahren waren. Das Skelett der Gestalt begann von innen her zu brennen. Für einen kurzen Moment war die Hitze unerträglich. Dann hörten sie das Knacken und Knistern der flammenden Knochen als der skelettene Krieger vor ihnen zusammenbrach. Nur noch den Jubel von Bargh konnten sie vernehmen, der vor Neire niedergekniet war und bereits dessen Tat lobpreiste. Da war es wieder, das rötliche Funkeln in den Augen des Jünglings, dem Kind der ewigen Flamme. Sie hörten die lispelnde Stimme von Neire und den fremden Akzent: „Bargh, bringt mir seinen Leichnam.“ Es dauerte nicht lange, da hatte der große Krieger in dem silbernen Plattenpanzer den Befehl befolgt und Neire starrte auf die noch qualmenden Überreste. Er blickte zuerst Bargh, dann Gundaruk, dann Halbohr an: „Wie schwach sie doch sind“, sagte Neire, der durch die Strapazen der Reise abgenommen hatte und hagerer wirkte als zuvor. „Er trägt die Wappen des Hauses von Duorg und ein Herrschersymbol. Es ist Raxor, der Bruder von Rowa und Raxira. Jetzt habe ich zwei der Geschwister ermordet und Raxira wird die Nächste sein.“ Neire wandte sich Bargh zu und seine überhebliche Miene wandelte sich in ein freundliches Lächeln. „Nebelheim hat den Krieg gegen das Dunkelelfenreich gewonnen. Es war schon immer stärker und wärt ewiglich, doch es ist in Gefahr. Wir müssen weitersuchen, suchen nach den Schlüsseln in die brennende Düsternis.“

Halbohr stand vor der segmentierten Säule. Ja, er hatte die Macht des Feuers gespürt, als Neire die untote Kreatur vernichtet hatte. Das Kind der Flamme, wie er sich selbst nannte, war auf unheimliche Art und Weise stärker geworden. Als ob er Feuer- und Schattenmagie seiner Göttin nach Belieben kanalisieren könne. Doch bei aller Macht des Jungen. Das war zu viel, das konnte Halbohr sich nicht bieten lassen. Sie hatten nach dem Kampf das zweite Segment ein weiteres Mal gedreht – auf die dritte Position. Tatsächlich hatte sich eine neue, untere Treppe in die Tiefe geöffnet. Gundaruk und Halbohr waren hinabgeschritten und hatten eine Dritte dieser schlüssellochlosen Türen gefunden. Bevor sie unten ankamen, hatte Gundaruk bemerkt, dass er glaube, die Gefahr stiege an mit zunehmender Tiefe. Sie hatten dann unten gewartet, hatten geschrien und gerufen. Neire möge das dritte Segment weiterdrehen. Doch nichts war passiert. So war er, Halbohr, hinaufgeschlichen. Hier hatte er Bargh und Neire angetroffen. Beide saßen um ein kleines Feuer aus angezündeten Decken, sprachen ihre Gebete und waren selbst nicht ansprechbar. Ein weiteres Mal musste er handeln. Seine Hand berührte das dritte Segment, dass noch auf der zweiten Position stand. Dann sah er das vierte und letzte Segment, die Halbkugel, die immer noch auf Position Null ruhte. Was ist eigentlich seine Funktion? Ich sollte es ausprobieren. Was kann Gundaruk da unten schon passieren? Und wenn schon, dieser merkwürde Krieger kam aus einem Grab und scheut sich eine Seite zu ergreifen. Außerdem wollte er meinen Vertrag nicht unterschreiben. Halbohrs Hand glitt zum letzten, oberen Segment. Er begann augenblicklich die Halbkugel zu drehen: Eins… Zwei… Drei. Auf der dritten Position hörte ein entferntes Vibrieren im Stein und sah, zu seiner Bestürzung, dass sich das dritte Segment auf Position Drei mitdrehte. Zudem flimmerte neben ihm ein Bereich von Wand zu Wand für einen kurzen Moment in magisch, bläulichem Schimmer auf. Was hatte er getan?

Gundaruk stand vor der Türe in völliger Dunkelheit. Er stützte seinen großen Körper auf den Speer und dachte nach. Das Band der goldenen Runen gab ihm Zuversicht; Zuversicht trotz seiner aussichtslosen Lage. Werde ich mein Volk, werde ich meine Freunde, meine alten Kameraden wiedersehen? Wie viele hundert Jahre habe ich in diesem Grab gelegen? Immer wenn er sich umblickte, spürte er Angst und Erregung Adrenalin durch seinen Körper schießen lassen. Er blickte wieder auf das Runenband. Neire hatte etwas erzählt über die Kristallkugel. Der Junge, so seltsam er ihm auch vorkam, schien über große Weisheit und Schriftwissen zu verfügen. Er hatte gesagt, die Kristallkugel sei ein Objekt legendärer Macht. Ein Gegenstand, der von Königen und Kaisern besessen wurde. Ein Gegenstand, der sie in die Besessenheit getrieben hatte. Ein Gegenstand, mit dem man Raum und vielleicht sogar Zeit durchblicken könne. Die Gedanken ließen Gundaruk nicht mehr los. Vielleicht konnte er durch die Kugel in sein Land blicken, sein Volk sehen. Fels und See, Wald und Moor. Die Hallen und Haine meiner Ahnen. So sehr war er in Gedanken versunken, dass er aufschreckte. Er hörte das Knirschen von Stein und sah wie die Türe sich nach innen öffnete. Vor ihm gierte die Dunkelheit des Portals und seine Gedanken drehten sich um drei Sätze im Kreis: Wo ist Halbohr? Hat er mich hier zurückgelassen? Hat der elfische Söldner mich verraten?

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Sitzung 18 - Bargh, der Drachentöter
« Antwort #18 am: 12.06.2022 | 22:59 »
Das klackende Geräusch und das Vibrieren des Steines riss Neire aus seinem fast Trance-ähnlichem Zustand. Er richtete sich langsam auf und blickte sich um. Neben ihm kniete Bargh, der weiter die Verse ihres Gebetes an die große Göttin aufsagte. Der Krieger Jiarliraes war gekleidet in seinen silbern schimmernden Plattenpanzer, auf dem einige Scharten schwerer Schwerthiebe zu sehen waren. Neires Blick glitt unweigerlich an der Silhouette seines Gefährten und Dieners vorbei, als er sich umdrehte. Der Kopf des ehemaligen Paladins trug die jetzt verheilten, rötlich schimmernden Brandwunden Jiarliraes Feuer, die hier und dort sein ehemals volles Haar ausgedünnt hatten. Bargh hatte die Augen geschlossen und so war der rote Rubin, der sein rechtes Auge ersetzte, nicht zu sehen. Als Neire sich in Richtung der segmentierten Säule umgedreht hatte, sah er, dass Halbohr zu ihnen aufgestoßen war und gerade von der Säule abließ. Die Wut fuhr augenblicklich durch Neire, als er den elfischen Söldner betrachtete. Er widersetzt sich meinen Anweisungen und stört unser Gebet. Für viel weniger wurden Frevler in Nebelheim hingerichtet. Die Decken, die sie zuvor angezündet hatten, waren heruntergebrannt und warfen einen Schimmer von rötlicher Glut durch den von Rauch erfüllten sechseckigen Raum. Obwohl Neire von der Glut des Feuers hinfort blickte, spiegelte sich doch der rötliche Glanz in seinen Augen. Er zog seinen Degen mit der gewellten Klinge und dem schlangenverzierten Griff. Halbohr hatte ihm immer noch den Rücken zugedreht. Neire legte seinen Kopf quer und ein verrücktes, mordlustiges Lächeln war in seinem schönen Gesicht zu sehen. Er setzte den Degen zu einem Stich an und machte einen leisen Schritt in Richtung von Halbohr. In diesen Moment hörte er jedoch das Ächzen von Bargh und bemerkte, dass der Krieger sich begann aufzurichten. Neire ließ augenblicklich den Degen sinken, als sich Halbohr umdrehte: „Halbohr! Ihr seid zurückgekehrt von unten. Was habt ihr getan?“ Er sah, dass der Söldner einen Blick von Freude im Gesicht hatte. Vielleicht hat er die Funktion der Säule verstanden, doch das ändert nichts an seinem Frevel. „Wir hatten gerufen, ihr möget die Säule drehen Neire. Doch nichts ist passiert.“ Kurz nachdem Halbohr geantwortet hatte, war Bargh an seine Seite getreten. Neire blickte hinüber zu ihm und murmelte abfällig und in zischelnden Singsang. „Er ist ein Ungläubiger und er weiß nicht was Pietät ist.“ Kurz darauf drehte er sich wieder Halbohr zu. „Und Gundaruk? Wo ist er?“ Es dauerte nicht lange, bis Halbohr antwortete. „Er ist unten geblieben und bewacht die Türe.“ „Also traut ihr ihm, Halbohr?“ Neire sah, dass sich Halbohrs Miene veränderte und langsam wieder diesen indifferenten, militärisch-nichtssagenden Blick annahm. „Ich traue ihm genauso wenig, wie ich euch traue Neire.“ Neire spürte, dass ihn diese Worte zutiefst trafen. Habe ich ihm nicht bereits zweimal das Leben gerettet? Er sollte mir unterwürfig dienen, mir zujubeln. Er sollte beten zu Jiarlirae, beten für seine arme, schwache, für die ewige Verdammnis bestimmte Seele. Neire blickte Halbohr an und sprach jetzt langsam und eindringlich. „Habe ich euch nicht bereits zweimal das Leben gerettet? Alleine das verpflichtet euch schon mir zu trauen und zu dienen. Und Gundaruk, was hat er schon für euch getan?“ Er sah, dass seine Worte Halbohr erreichten, doch da war plötzlich die hünenhafte Gestalt von Gundaruk, die am Einstieg der hinabführenden Treppe auftauchte. Neire sah seine grünlich pulsierenden Augen in der Dunkelheit und hörte die Stimme in dem fremden, veralteten Akzent: „Kommt, schnell. Die untere Türe hat sich geöffnet.“

Sie hatten daraufhin alle ihre Waffen gezogen und waren in die Tiefe zurückgekehrt. Den oberen Raum hatten sie unbewacht gelassen. Stufe um Stufe waren sie vorsichtig hinabgeschritten. An jeder Ecke hatten sie gelauscht. Auf der Hut vor dem, was auch immer sie dort vielleicht freigelassen hatten. Doch es war ihnen nichts begegnet und als sie an der untersten Türe ankamen, sahen sie, dass diese weit geöffnet war. Dahinter führte eine steile Treppe hinab. In der Tiefe erahnten sie eine größere Halle, die sie von ihrer Position nicht einsehen hatten können. Halbohr hatte aus der Tiefe ein schweres rhythmisches Atmen gehört. Nach kurzer Beratung war Halbohr als erstes die Stufen hinabgeschlichen. Bargh und Neire sowie Gundaruk waren ihm schließlich gefolgt.

Halbohr stand am Fuße der Treppe und blickte in den grünlichen Nebel vor ihm. Der wabernde Dunst bedeckte den steinernen Boden des dunkelelfischen Gewölbes, das sich vor ihm auftat. Die Halle, vor langer Zeit in das Felsgestein geschliffen, hatte riesige Ausmaße. Sie war so groß, dass er sie nicht vollständig durchblicken konnte. In der Mitte sah er eine viereckige Konstruktion aus Metall- oder Steinplatten aufragen. Ähnlich einer Pyramide verjüngte sich das Ungetüm nach oben hin und endete in einer Plattform kurz unter der Decke der Halle. Dort sah Halbohr dunkle breite Metallrohre vom Gewölbe in das Konstrukt hineinführen. Außerdem waren den detailversessenen Augen des elfischen Söldners nicht die beiden Türen entgangen, von denen eine auf der Rechten und eine andere auf der Linken zu sehen war. Halbohr hatte den Boden vor sich abgetastet und war sich sicher, dass dort keine Falle auf ihn wartete. So befestigte er das Stück Filz seines Mantels als Atemmaske über seinem Mund und machte den ersten Schritt in die Halle hinein. Er bewegte sich auf das Konstrukt zu, in dessen Mitte er eine vieleckige Vertiefung sah, die er als Mechanismus für einen komplizierten Schlüssel vermutete. Angst bereitete ihm das tiefe Atmen, das er noch immer hörte. Es schien aus dem Inneren des Konstruktes zu kommen, wie auch das grünliche Gas, dass er durch einen faustbreiten Riss auf der rechten Seite der Konstruktion austreten sah. Halbohr begann vorsichtig die Vertiefung zu untersuchen, die sich tatsächlich als ein Schloss herausstellte. Die Komplexität des Mechanismus war beeindruckend. Eine Falle konnte er hier allerdings nicht finden. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Gundaruk sich zu seiner Rechten und Neire und Bargh zu seiner Linken um das Konstrukt und an den Türen vorbeibewegten. Halbohr ließ von dem Schloss ab und folgte leise Gundaruk um die rechte Seite herum. Hinter dem Konstrukt war eine Rückwand der Halle zu erkennen. Gundaruk war bereits vorgeschritten und hatte sich mit Bargh und Neire vor einem mehrere Schritte hohen und breiten Portal getroffen, das in der Mitte der Wand zu sehen war. Trotz der fast unmenschlichen, abnormalen Größe von Gundaruk überragte das Portal den Speerkrieger etwa um das Doppelte. Halbohr schlich sich näher heran und sah, dass Neire mit dem vernarbten linken Arm auf das riesige Symbol deutete, dass über den beiden Türflügeln zu sehen war – eine silberne Spinne mit glühend blauen Augen. „Sehet, es ist das Hauswappen der Familie von Duorg. Es muss sich um ihren Kerker, um ihr Gefängnis handeln.“ Halbohr konnte erkennen wie die Hand von Neire in die verschiedenen Ecken des silbernen Musters zeigte. Erst jetzt sah er den Schimmer eines bläulichen, magischen Vorgangs, als ob er im Netz dieses Symbols verankert wäre. Er hörte Neire fortfahren: „Wahrscheinlich ist es eine magische Schutzbarriere, wie wir sie zuvor in dem oberen Raum gesehen haben. Die Duorgs, falls noch welche von ihnen übriggeblieben sind, möchten nicht, dass wir hier eintreten.“ Halbohr war mittlerweile zur Gruppe aufgeschlossen und sah, dass Bargh seine Stimme erhob. Es fiel ihm sofort auf als dieser begann zu sprechen. Ein leises Lispeln war auch von Bargh zu hören. Zudem bemerkten die feinen Augen von Halbohr, dass Blut aus den Mundwinkeln von Bargh lief. „Die Türen scheinen alle verschlossen, doch wir könnten versuchen das Wesen, das dort atmet zu töten. Wir könnten es durch den Riss angreifen.“ Halbohr konnte sehen, dass auch die Zunge von Bargh gespalten war. Anscheinend hatte er sich selbst verstümmelt und die Spitze zerbissen oder aufgeschnitten. Die Wunde schien noch frisch zu sein. „Bargh, wart ihr schon einmal fischen?“ Die seltsame Frage Gundaruks ließ Bargh und Neire aufhorchen. Halbohr fühlte, dass plötzlich irgendeine Art Anspannung um seine Gefährten war. „Was meint ihr Gundaruk? Fischen? Ja, als Kind war ich einmal fischen.“ Das konnte ja dann noch nicht so lange her gewesen sein, dachte Halbohr, als er den Krieger Jiarliraes betrachtete. Wie alt mochte Bargh wohl sein, 18, 19 Jahre vielleicht. Durch die Brandwunden im Gesicht sah er jetzt etwas älter aus. „Nun, dann solltet ihr ja wissen, dass man Fische nicht fängt, in dem man einfach blind ins Wasser sticht.“ Halbohr hörte die Antwort von Gundaruk und sah, dass Bargh und Gundaruk sich jetzt bedrohlich gegenüberstanden. „Ich habe einen Mechanismus gefunden, der es öffnen könnte.“ Halbohr wies mit seinem linken Dolch in Richtung des Konstruktes als er sprach. Er sah wie Neire zwischen den beiden hervorkam und ihn anlächelte. „Gut gemacht, Halbohr. Wir sollten jedoch bedacht vorgehen. Ich befürchte, dass dies mehr von diesem grünlichen Nebel freisetzen wird. Untersucht einmal meine Hand Gundaruk. Ich habe sie eben in den Nebel gehalten.“ Halbohr schaute jetzt zu wie Neire seine vernarbte linke Hand zu Gundaruk hinaufstreckte, der sie behutsam untersuchte. Es dauerte einige Zeit bis der Speerträger antwortete. „Neire, das sind die ersten Anzeichen einer leichten Verätzung. Das Gewebe beginnt abzusterben und es bilden sich weiße Stellen. Ähnlich wie bei einer Säure.“ Halbohr betrachtete weiter Neire, der anscheinend nachdachte. „Ich kann meine Göttin anrufen um euch vor Säure zu schützen. Doch es wird eine Zeit dauern. Lasst mich meine Vorbereitungen treffen, dann werde ich euch schützen und Halbohr kann den Mechanismus betätigen.“ Neire blickte jetzt auch in seine Richtung und Halbohr nickte. Auch wenn er nicht glaubte, dass der Segen der Göttin ihm helfen würde, so würde es ihm ja auch nicht schaden. Halbohr blieb in den Schatten zurück als der Rest der Gruppe sich in den Gang über der Treppe zurückzog. Er würde die Zeit nutzen um nach Fallen und geheimen Verstecken zu suchen. Er ahnte noch nicht, dass ihm der Segen von Jiarlirae das Leben retten sollte.

Neire hatte die Schutzzauber auf Halbohr, Gundaruk und Bargh gewirkt. Jetzt wiederholte er ein weiteres Mal die Worte und legte sich die linke Hand auf die Brust. Er spürte für einen kurzen Moment das Brennen von Feuer, das in seinen Körper eindrang. Wie der Schmerz bis in die Finger und Zehenspitzen lief. Dem Glühen, das von seiner Hand ausging, folgten Schatten, die sich über seinen Körper ausbreiteten. Er lugte in Richtung von Halbohr und sah, dass der elfische Söldner sich bereits an dem Mechanismus zu schaffen gemacht hatte. Jetzt musste er das Gebet sprechen, sollte es zu einem Kampf kommen oder nicht. Verloren wäre der Segen keinesfalls, den er hier entfesseln würde. Das Gebet würde diesen Ort reinigen. Die Macht Jiarliraes würde hier eindringen. Neire stimmte die Verse des liturgischen Gesanges an, so wie es ihn die Platinernen Priester gelehrt hatten. Er dachte dabei zurück an die Lehrstunden bei Mordin. An seine Aura der Weisheit, an seine schlangenhaften wachen und fordernden Augen. Wie er mit ihnen gesungen hatte – den Anwärtern, die alle Kinder der Flamme werden wollten. Für einen kurzen Moment fühlte er eine innere Wehmut, als er an diese Stunden zurückdachte. Er hatte Mordin immer als höheres Wesen bewundert und der Platinerne Priester hatte etwas Majestätisches gehabt: Die geschickte Anmut seiner Bewegungen; der drahtige menschliche Torso mit der schimmernden Rüstung, getragen von dem breiten Unterleib einer Schlange… Neire beendete den Zauber und die disharmonischen Klänge erfüllten die von Chlorgas geschwängerte Luft. Halbohr war noch an dem Mechanismus zu Gange, doch es war ein vielfarbiges Licht zu sehen, das aus der Öffnung des Schlüssellochs kam. Da war auch ein Rasseln von Metall, das lauter und lauter wurde. Tatsächlich begann sich das Konstrukt zu bewegen. Zuerst fing es langsam an, doch dann begannen einzelne Metallteile wie eine Lawine nach unten zu rutschen. Wie als ob geführt, verschwanden sie im Boden und machten den Blick frei – den Blick frei auf etwas Grauenvolles. Nein, er konnte seine Augen nicht davon lösen. Wie erstarrt stand Neire dort an seiner Wand und betrachtete die Kreatur, die sich hinter den Platten verborgen hatte. Augenblicklich wurde er an Nebelheim zurückerinnert. An das große Fest, an die Menschenschlange des wahren Blutes, die das neue Zeitalter einst einläuten sollte. Doch dies war keine Menschenschlange die er dort sah. Die Kreatur war falsch. Besiegt, gefoltert, verstümmelt und in Ketten gelegt. Sie konnte keine Menschenschlange sein, denn sie diente den Duorgs. Tränen liefen über seine Wangen hinab, als Neire das Wesen betrachtete. Der Drache schimmerte grünlich in der Dunkelheit. Elegant waren seine Schuppen anzusehen, doch er war abgemagert. Viel schlimmer noch. Schwanz und Flügel waren abgehackt und gewaltige schwarze Ketten mit Widerhaken besetzen Nägeln in seinen Körper getrieben worden. Die einst stolzen Zähne seines Mauls waren zur Hälfte zertrümmert und die Kreatur schien in ein dickes Rohr verbissen zu sein, das zur Decke hinaufführte. Doch nur auf den ersten Blick. Ketten hatten den Kopf der Kreatur so fixiert, dass sie ihn nicht von dem Rohr wegbewegen konnte. Augenblicklich wandelte sich die tiefe Bestürzung, die in der Erinnerung an die Menschenschlange begründet war, in Wut und Hass. Eine Schlange die sich unterjochen hat lassen. Ein unterlegenes, abscheuliches Gewürm. Ich werde dich töten, töten für den Ruhm der wahren Menschenschlange. Neire erhob seine zischelnde Stimme, die sich jetzt vor Wut fast überschlug: „Sehet, die falsche Schlange. Unterjocht und gebrochen. Sie dient nicht Nebelheim. Tötet sie, mordet im Namen Jiarliraes. Für den Ruhm von Ziansassith.“ Der Gesang des Gebets beflügelte seine Worte und er sah, dass sie angriffen. Bargh, Halbohr und Gundaruk. Doch die Kreatur, deren Augen milchig schimmerten und bereits vor langer Zeit ausgestochen waren, begann sich zu wehren. Tief bäumte sie ihren Körper auf und die Ketten klirrten. Dann stieß sie ihren totbringenden Atem aus. Eine Gaswolke, die den Raum wie eine Welle durchfloss und sich an den Wänden brach. Halbohr und Gundaruk waren mitten im Gas. Der göttliche Segen stand ihnen bei, doch Halbohr sank ohnmächtig zusammen in den grünlichen Schwaden. Gundaruk war noch auf den Beinen und kämpfte tapfer weiter. Dann beschwor Neire die Magie des Feuers, die Mächtigste, die er hatte - vergeblich. Die Luft explodierte um die Kreatur und vertrieb das Gas, aber der Drache schien immun zu sein gegen sein Feuer. Doch war da Bargh. Er schoss mit seiner Armbrust und der Bolzen bohrte sich durch das Auge tief in das Gehirn der Kreatur. Ohne großen Kampf und wildes Gezucke ging sie hernieder und hauchte ihr Leben aus. Als ob sie den Tod herbeigesehnt hätte. Neire jauchzte und frohlockte. Er lief augenblicklich zu Bargh, legte ihm eine Hand auf die Schulter und lächelte ihn an. Dann sprach er eines der heiligsten Gebete, welches er in Nebelheim erlernt hatte. Denn sie hatten heute etwas Großes vollbracht. Sie hatten die falsche Menschenschlange getötet:

Ziansassith war die Menschenschlange des wahren reinen Blutes. Er stieg hinab zur schwarzen Natter, Abbild unserer Göttin. Er war der treueste Anhänger Jiarliraes und gab sein Leben, damit Feuer und Schatten weiter existieren können. Feuer ist sein Reich, Schatten seine Seele. Vollendet seine Herrlichkeit, in seiner Form als Yeer’Yuen’Ti.

Neire sah, dass Bargh gerührt war von seiner Lobpreisung und er fuhr fort. „Bargh, heute ist ein großer Tag. Wir haben die falsche Menschenschlange getötet. Ihr habt sie getötet. Bargh. Ab heute seid ihr ein Drachentöter. Bargh, der Drachentöter.“

Bargh und Neire hatten eine Weile frohlockt in den sich auflösenden Schwaden des ätzenden Atems. Sie hatte auch gesehen, dass Gundaruk den immer noch bewusstlosen Halbohr nach oben trug, um ihn in dem sechseckigen Raum auf eines der steinernen Betten zu legen. Sie beide hatten ihm geholfen, den Körper des bulligen Elfen die steile Treppe hinaufzuziehen. Gundaruk wollte sich um Neires bezahlten Beschützer kümmern und er hatte ihnen aufgetragen, ihm eine Drachenschuppe mitzubringen. Jetzt war Gundaruk verschwunden und sie waren alleine mit dem Leichnam der Kreatur in der großen Halle. Nachdem sie den leblosen Körper abgesucht hatten, kletterte Neire auf den Kopf und seine Stimme hallte durch den unterirdischen Saal: „Bargh, schaut. Ich habe etwas gefunden.“ Er wartete bis Bargh an den massiven Kopf herangetreten war und zeigte auf das Auge. „Seht, ihr habt durch euren tödlichen Schuss in das Auge einen Zugang geöffnet.“ Ein Gefühl von Ekel überkam Neire, als er begann seine linke Hand in das Auge einzuführen. Das Innere war noch warm und roch nach Eiter. Er spürte Sehnen und Muskeln. Als er den Arm fast bis zum Ellenbogen in das Auge hineingesteckt hatte ertastete er das Gehirn der Kreatur. Doch die Substanz war nicht weich, wie er es kannte. Er griff zu und riss ein fast faustgroßes Stück hervor. Das Gewebe war auch nicht blutig, sondern grau und hatte den Gestank von Fäulnis inne. Der Geruch und der Anblick erzeugte einen leichten Würgereiz, doch Neire biss in die Substanz, kaute und würgte es hinunter. Dann reichte er den Rest lächelnd zu Bargh, hinab, der ihn beobachtet hatte. „Bargh, kostet von dem Gehirn der Kreatur. Wir haben sie besiegt und werden uns ihre Kräfte aneignen.“ Bargh nickte und fing an den Rest zu verzehren. Derweil hatte der Jüngling auf dem Kopf platzgenommen und blickte wohlwollend auf seinen Kameraden hinab. Natürlich glaubte Neire nicht, dass sie sich durch das Essen des Gehirns irgendwelche Kräfte dieser Kreatur aneignen würden. Doch es würde Bargh vorbereiten auf Nebelheim. Und es würde ihn entfremden – entfremden von seinem alten Leben. Die Vergangenheit musste für ihn ein für alle Mal unerreichbar sein. Jetzt war er ein Drachentöter, ein Krieger Jiarliraes, geküsst von der brennenden Düsternis.

Gundaruk zog den massiven Körper Halbohrs die Stufen hinauf. Er dachte nach. Wie Halbohr ihn in der Dunkelheit hatte warten lassen. Dann war ein Mechanismus betätigt worden, der die Tür geöffnet hatte. Hatte Halbohr in Kauf genommen, dass er dort unten alleine war. Hätte er ihn im Stich gelassen? Die Gedanken von Gundaruk kreisten nicht lange um das Erfahrene. Mit seinen Kameraden war er im Krieg gewesen. Doch verraten worden war er nie. Die Bilder des Krieges waren jetzt zurückgekehrt in seinem Kopf. Grauenvolle Wunden und Blut. Wie er Überlebende mit der Kraft der Natur geheilt hatte. Er hatte ihnen geholfen, doch einige hatten für immer Verstümmelungen behalten. Auch wenn Halbohr ihm seine Hilfe bis jetzt nicht gedankt hatte, wusste Gundaruk, dass er ihm jetzt helfen musste. Er kannte die Gedanken von Leistung und Gegenleistung nicht. Unter seinen Leuten hatte jeder ohne zu fragen für den anderen gehandelt. Gundaruk war mittlerweile in dem sechseckigen Eingangsraum angekommen und legte Halbohr behutsam auf eines der Steinbetten. Er bemerkte Verätzungen an Halbohrs exponierter Haut und den Atemwegen. Gundaruk holte einige getrocknete Blüten hervor, die er mit einer Handvoll Wasser einweichte. Dann rief er, zu den Göttern der Haine und der Quellen, der Eichen und der Buchen, dem ewigen Kreislauf der Natur. Er sah, dass die Blätter verwelkten als er Halbohr den Trank einflößte. Seine Magie wirkte und es kehrte Leben zurück in seinen Begleiter.

Eine Zeitlang hatte Gundaruk bei Halbohr gesessen und nachgedacht. Immer wieder war seine Hand in seine Tasche geglitten und hatte den glatten, kalten Kristall berührt. Doch er erinnerte sich an die Worte von Neire, der vor Verrücktheit und Besessenheit gewarnt hatte. Dann waren Bargh und Neire zurückgekehrt und hatten ihm die Schuppe gegeben, nach der er sie gefragt hatte. Lange hatte er das Stück des Leibes betrachtet und immer wieder in den Händen gedreht. Die Schuppe war so leicht, und doch härter als jeder Stahl… Halbohr war noch immer bewusstlos und so hatte er sich kurz mit Neire beraten. Sie hatten entschlossen eine Zeit in diesem Raum zu rasten. Bis es Halbohr besser ging. Gundaruk hatte die erste Wache übernommen. So lauschte er den Stimmen von Bargh und Neire, die zwischen drei Fackeln saßen und seltsame Verse beteten. Das Licht warf lange tanzende Schatten in den Raum und erhellte Neires nackten Oberkörper. Gundaruk starrte fasziniert auf den Jüngling und betrachtete den verbrannten linken Arm. Die Narbe Neires zog sich bis zum Oberarm. Dort funkelten drei rote Juwelen, als ob sie mit der Haut des Armes verwachsen wären. Gegenüber sah er den Feuerrubin in Barghs rechtem Auge schimmern. Gundaruk blickte abwechselnd zu seinen neuen Mitstreitern und dachte zurück an seine alten Kameraden. Er sehnte sie sich so herbei, die alte Zeit – seine Zeit.
« Letzte Änderung: 18.06.2022 | 22:24 von FaustianRites »

Offline Jenseher

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Sitzung 19 - Die Reise durch das Unterreich
« Antwort #19 am: 18.06.2022 | 22:27 »
Halbohr ließ den Kopf hängen und zog röchelnd die Luft ein. Seine Lunge schmerzte. Es gab zudem ein rasselndes Geräusch, das er aus dem Inneren hören konnte. Der ätzende Atem der Kreatur hatte ihm zugesetzt. Doch in seinem Fiebertraum, der ihm während seiner Ohnmacht widerfahren war, hatte er auch das Gefühl von Hoffnung verspürt. Als ob er den Geruch von Laub und Harz vernommen hätte. An mehr konnte er sich nicht erinnern. Er betrachtete das verätzte Fleisch seiner Hände und Arme. Die Haut war an einigen Stellen weiß geworden und begann bereits sich zu pellen. Er saß jetzt teilnahmslos dort und ein Gefühl der Verzweiflung machte sich in ihm breit. Wieder war es ein Kampf gewesen, der ihn fast das Leben gekostet hatte. Bevor er in Ohnmacht gefallen war, hatte er den Segen der seltsamen Chaosgöttin gespürt, ohne deren Beistand er vielleicht nicht mehr am Leben wäre. Konnte er wirklich den vertraglich zugesicherten Schutz leisten? Der Jüngling hatte ihm bereits mehrere Male das Leben gerettet. Als ob Neire seine Gedanken erlesen könne, hörte er plötzlich dessen Stimme: „Halbohr, ihr seht so traurig aus. Grübelt nicht über den Tod. Ihr hattet kein Glück heute. An einem anderen Tag wird es wieder anders aussehen.“ Er blickte auf und sah, dass Neire ihn freundschaftlich anlächelte. Doch irgendwie traute er den Worten nicht und vermutete einen bösen Spott. Als er jedoch keine weitere Reaktion des jungen Priesters sah, nickte er ihm freundlich zu. Neire erhob erneut die Stimme: „Ihr solltet vielleicht einen Witz erzählen Halbohr. Das wird euer Gemüt sicherlich aufheitern.“ Halbohr schwieg. Er kannte einige soldatische Scherze aus der vergangenen Zeit, doch diesen waren unangebracht hier und spiegelten nicht seine Laune wider. „Es gab eine Zeit, da habe ich ihnen die Kehlen aufgeschlitzt. Denen, die Witze machten.“ Erwiderte er barsch. Er hörte das helle Lachen von Neire. „Kehlen aufschlitzen, das ist der Witz, eure Freude. Das ist doch ein Anfang Halbohr!“ Er sah, dass auch Bargh sich jetzt ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Nach einer kurzen Zeit des Schweigens hörte er wieder die zischelnde Stimme fremder Intonation: „Wie wäre es hiermit? Ihr werdet Halbohr genannt, ja? Euch fehlt ein Ohr, ja? Wieso sollten andere mehr Ohren haben als ihr? Das ist doch ungerecht. Schneidet sie einfach ab Halbohr. Jedem, den ihr seht. Vielleicht eins, vielleicht zwei. Das ist doch viel besser als Kehlen aufzuschlitzen.“ Neire lachte jetzt mit seiner knabenhaften Stimme und Bargh stimmte ein. Auch Halbohr konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Der Junge hatte keine schlechten Ideen. Doch was sollte er dann mit den ganzen Ohren machen?

Sie hatten noch mehrere Tage gerastet in dem sechseckigen Raum. Die blaue Barriere hatte sie geschützt, doch gesehen hatten sie keine Kreatur. Wenn sie nicht geschlafen, gebetet oder meditiert hatten, hatten sie die wässrigen Pilze gegessen, von denen Bargh immer die doppelte Portion verschlang. Auch hatten sie sich unterhalten. Über dies und das und ihre Reise nach Grimmertal. Bargh hatte von einem Handelsposten berichtet, dessen Betreiber Rannos und Grimag waren. Als Bargh eine plötzliche Fieberkrankheit entwickelte, hatte ihn Neire mit der Kraft seiner Göttin geheilt. Dann waren sie aufgebrochen und hatten das dunkelelfische Gefängnis hinter sich gelassen. Ihr Weg führte sie nach der Beschreibung der Herrscherin durch die Tunnel der ewigen Dunkelheit. Nach stundenlangem Fußmarsch waren sie schließlich durch eine zerbrochene Türe in eine große unterirdische Halle geschlüpft, in deren Mitte sie die steinerne Steele sahen. Neben der zweiten doppelflügeligen Türe hatte Halbohr die Geheimtüre entdeckt, die nach der Aussage der Herrscherin zu einer kleineren Feste, mit Anschluss an die Oberwelt, führen sollte. Schließlich hatten sie sich für diesen Weg entschieden und die Geheimtüre und eine weitere Türe dahinter geöffnet. Jetzt standen sie am Eingang eines Raumes, aus dem ein sanftes mattes rötliches Licht hervordrang.

Neire betrachtete Halbohr, wie er geschickt in den Raum glitt, der sich vor ihm auftat. Schon zuvor hatte er die Bewegungen des Elfen studiert, als er mit seinen Dietrichen das Schloss der steinernen Türe geöffnet hatte. Der Raum war sechseckig in den Stein geschliffen und besaß einen gegenüberliegenden Ausgang. Einrichtung, wie Betten, Hocker, Tisch und Truhen, waren allesamt aus Stein. Sogar eine steinerne Wanne stand dort, in der Neire Wasser aufschimmern sah. Aber Neires Blick fokussierte sich auf den Bereich des rötlichen Glühens. Er sah dort eine kleine Feuerschale, in der drei brennende Kohlestücke lagen. Als er sich der Schale näherte, spürte er die wohlige Hitze, die von dort ausging. Seine Kameraden Bargh und Halbohr durchsuchten derweil den Raum. Neires Gedanken schweiften in die Vergangenheit. Er erinnerte sich an Bereiche des Palastes von Nebelheim, die mit immerbrennendem Feuer versehen waren. War das eine ähnliche Magie? War sie göttlich? Er wurde erst aus den Gedanken gerissen, als Halbohr sich an der zweiten Türe zu schaffen machte. Noch immer dachte er daran Halbohr aufzumuntern. Vielleicht durch ein kleines Spiel. „Halbohr, lasst uns ein kleines Spiel spielen, eine Wette.“ Er sah, dass der elfische Söldner an der Tür kniete und sich jetzt zu ihm umdrehte. Neire holte eine Platinmünze hervor und schnippte sie in die Luft. „Um ein Platinstück… Wer die brennenden Kohlen länger in der Hand halten kann hat gewonnen.“ Neire bemerkte, dass Halbohr grinste. Mit überheblicher Stimme antwortete er. „Ich habe gesehen, dass das Feuer in euch ist. Wie sollte ich gegen euch gewinnen können?“ „Er hat Angst, Bargh. Angst ein kleines Spiel zu spielen.“ Neire dreht sich zu Bargh und lachte höhnisch. Dann nahm er ein Stück Kohle in seine linke, vernarbte Hand. Augenblicklich durchfuhr ihn ein Schmerz und er vernahm den Geruch von verbranntem Fleisch. Doch auch genoss er den Schmerz, denn es war ihm, als ob er diesen kontrollieren könnte. Dann warf er das Stück zu Halbohr. „Schnappt!“ Doch Halbohr machte keine Bewegung und die Kohle fiel auf den Boden. Der Söldner schien jedoch in Wallung zu kommen. Verärgert zog er einen seiner Dolche und warf diesen auf Neire. Kurz vor ihm prallte der Dolch auf den steinernen Boden und er versuchte ihn dort mit dem Fuß zu fixieren. Das gelang ihm nicht ganz. Die Klinge brach am Griff ab schlitterte durch den Raum. Den Griff hatte er unter seinem Stiefel fixiert. Neire bückte sich und zog den Griff hinauf. Er warf ihn Halbohr zu und sprach. „Hier Halbohr. Mein Teil der Wette ist erfüllt. Ihr schuldet mir ein Platinstück.“

Sie waren danach dem Tunnel gefolgt, der sie hinter der Tür aus dem Raum führte. Es war langsam bergan gegangen. Nach einiger Zeit waren sie dann an das Ende des Tunnels gekommen, an dem acht kleinere Löcher in schlankere Gänge mündeten. Der Geruch von Moder und Fäkalien war hier allgegenwärtig gewesen. Glücklicherweise hatten sie Spuren gefunden, die in einen der Gänge führten. Neire hatte nach Pflanzen und Pilzen gesucht und in einer Nische Grabmoos entdeckt. Eine Flechte, die das Verrotten von Leichen beschleunigte. Auch konnte aus Grabmoos ein Gift hergestellt werden, das die Blutung von Wunden förderte. Sie hatten das Grabmoos verstaut und waren den Gängen gefolgt, die nun steiler nach oben führten. An vielen Abzweigungen vorbei waren sie, den Spuren nach, an eine Engstelle gekommen, die sie nur mühevoll passieren konnten. Dann hatten sie die Spuren verloren. Doch der Tunnel vor ihnen wurde wieder breiter und war ebenerdig. Nichts war zu hören. Moos wuchs hier und dort und Unrat bedeckte den Boden. Der Gestank von Fäulnis und Fäkalien war überwältigend. Sie bissen die Zähne zusammen und traten ein in den noch unerforschten Bereich.

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Sitzung 20 - Die Verlassene Feste
« Antwort #20 am: 24.06.2022 | 22:57 »
Um sie herum war der Geruch von Fäulnis, Moder und Verfall. Die Luft schien zu stehen in dem Tunnel. Außer Halbohr mussten sich alle bücken, um nicht mit dem Kopf an die Decke zu stoßen. Der Gang war zwar breiter geworden, doch neben Pestilenz und Fäkalien war es, als würde sie das Gewölbe selbst zerdrücken. Bargh war voran gekrochen. Auf einen Bereich zu, an dem sich der Tunnel gabelte. Der Krieger, mit dem von Brandwunden bedeckten Kopf, musste sich immer wieder niederknieen. Jetzt stützte er sich gerade auf sein Langschwert und drehte sich um, um nach seinem Gefährten Neire zu sehen, der dicht hinter ihm folgte. Für einen kurzen Moment blitzte der rote Rubin auf, der das rechte Auge von Bargh ersetzt hatte und mittlerweile mit dem umliegenden Fleisch verwachsen war. Hinter Neire folgten Halbohr und zu guter Letzt Gundaruk, der mit einiger Mühe die engen Tunnel überwunden hatte. Halbohr bemerkte sofort, dass irgendetwas nicht stimmte. Selbst Neire, der zuvor immer wieder versucht hatte Dreck und Fäkalien von seinem roten Umhängemantel zu entfernen, zuckte zusammen und starrte in die Dunkelheit. Sie hatten von vorne ein Geräusch gehört. Wie ein Knacken von Knochen. Für einen kurzen Moment kehrte wieder Stille ein. Dann sahen sie Bewegungen, die sich zu den Geräuschen gesellten. Kreaturen, die sich aus dem Unrat des Bodens schälten. Sie geiferten nach Leben und begannen augenblicklich durch den Tunnel auf sie zuzustürmen. Von der Größe waren sie gewachsen wie kleine Menschen, doch ihre Haut war gräulich-blass, ihre Kleidung hing in Fetzen hinab und lange Zähne blitzten in der Dunkelheit auf. Die Gesichter waren eingefallen und entstellt und überlange Zungen lechzten nach Blut. Die Kreaturen rannten unkontrolliert auf sie zu. Dabei behinderten sie sich gegenseitig, warfen andere zu Boden oder stießen sie gegen die Wände. Bargh hob zum Schutz sein Schwert, doch die erste Kreatur hatte ihn bereits erreicht. Schläge und Bisse prasselten auf Krieger Jiarliraes hernieder, der durch die Brutalität der Angriffe wie gelähmt schien. Für einen kurzen Moment war das siegessichere Geheul der Ghule zu hören, von deren Zähnen und Klauen Barghs Blut floss. Doch nur für einen kurzen Moment. Eine Woge rötlichen Feuers hüllte plötzlich den Tunnel in Flammen, entzündete die ersten Gestalten und trieb sie ein Stück zurück. Schon eilte Halbohr nach vorne und führte mehrere tödliche Angriffe aus. Sie wussten, dass die Kreaturen nicht nachgeben würden, dass sie weder Zweifel noch Furcht kannten. Sie mussten den Kampf annehmen, denn eine Flucht durch die engen Tunnel war ihnen verwehrt. So intensiv war die Schlacht, dass sie nicht bemerkten, dass Gundaruk sich in einen großen Luchs verwandelt hatte.

„Halbohr… Gundaruk! Stellt euch vor Bargh und schützt ihn; er ist wie versteinert und kann sich nicht wehren.“ Sie hatten die erste Welle der Kreaturen niedergestreckt und hörten in dem sich gabelnden Tunnel bereits weitere Geräusche. Neire zitterte am ganzen Körper als er sprach. In seinen Augen war noch immer der rötliche Glanz und er hatte für eine kurzen Moment den Gestank des Tunnels vergessen. Er starrte zuerst Halbohr an, dann das große, elegante Tier, in das sich Gundaruk verwandelt hatte. Doch keiner befolgte seinen Befehl. Halbohr regte sich nicht und stand hinter ihm. Gundaruk war ein paar Schritt nach vorne gegangen und lugte in den rechten Tunnel hinein. Neire wiederholte den Befehl ein zweites Mal, doch seine Mitstreiter beachteten ihn nicht. Jetzt wuchs der Zorn in ihm. Ungläubige. Beide sind nur durch mich am Leben und mir zu Gehorsam verpflichtet. Sie sollten im Gegenzug Bargh mit ihrem Leben verteidigen. Neire trat ein paar Schritte auf den linken Tunnel zu. Er blickte in die Dunkelheit, hörte die Geräusche. Nur durch den Zorn konnte er seine Angst überwinden. Seine Gedanken waren bei Bargh, der sich noch immer nicht bewegen konnte und gegen eine der rauen Wände gesunken war. Haben sie so auch in den Eishöhlen gekämpft? Bestimmt haben sie dort keine Kameraden zurückgelassen, den Chin’Shaar zum Fraß vorgeworfen. Sie sind dort zu Kupfernen Kriegern geworden. Bargh ist auf seinem Weg zum Krieger Jiarliraes. Bargh darf nicht versagen. Ich muss ihn beschützen. Neire war ein paar Schritte auf den linken Tunnel zugegangen. Er spürte, dass Halbohr ihm gefolgt war. Jetzt konnte er die Geräusche hören. Ein Geifern und ein Schnappen. Leiber, die sich gegenseitig beim Fortkommen hinderten und doch auf sie zu hasteten. So stand der Junge alleine im Tunnel, den gewellten Degen mit dem Schlangengriff zitternd in Hand. Schon kamen die ersten Kreaturen um die Ecke gestürmt. Wie Hunde krochen sie allen Vieren voran. Doch die Gesichter waren nur im Entferntesten menschlich. Blutleer eingefallen und monströs entstellt. Neire versuche sie mit seinem Degen zurückzuhalten. Die langen Zungen schnappten ihm entgegen. Er spürte kaum den Schmerz, als eines der Wesen ihm in den Arm biss. Augenblicklich begann sich eine paralysierende Kälte auszubreiten, die seine Muskeln lähmte. Doch dann war da das Feuer. Es breitete sich von den drei Herzsteinen aus, die er in der linken Schulter trug. Es schmerzte. Die Pein war elektrisierend. Sein linker Arm begann in der Dunkelheit zu glühen, als ob von einer fluoreszierenden Schicht bedeckt. Neire wusste, dass er einen weiteren Segen von seiner Göttin erhalten hatte. Er beschwor die Flamme aus Schatten und Feuer in seiner linken Hand und murmelte die Beschwörungsformeln. Als das Feuer aus Magma aus dem Boden schossen und die Ghule, seine Mitstreiter und ihn einhüllten schrie er trotzig die Worte, die sich in den arkanen Singsang mischten: „Gehorcht… meinem… Befehl!“

Noch als die Verwandlung vollzogen war leckte sich Gundaruk seine Wunden. Das Verhalten des Tieres, der Verwandlung, war noch in ihm und er handelte instinktiv. Er erinnerte sich an den Kampf in Luchsform wie an einen Traum. Er hatte leise die Kämpfenden umschlichen und von hinten angegriffen. Zwei Ghule hatte er mit seinen Klauen und Bissen niedergerissen. Noch immer schmeckte er das faulige Blut in seinem Mund. Gundaruk spie aus und blickte sich um. Er befand sich in einer Höhle aus mehreren Findlingen, voll von Unrat, Fäkalien und Knochen. Wie ein unheiliger natürlicher Dom, eine Kapelle der Ghule, war das Innere anzusehen. Hier und dort konnte er Nester der Kreaturen sehen, doch keine Regung. Neires Feuer hatte die letzten Ghule in Flammen aufgehen lassen. Auch er war, wie Halbohr, von den Flammen des Jiarlirae Priesters erfasst worden. Gundaruk blickte sich um und sah an einem Felsen den elfischen Söldner sitzen. Halbohr schlug sich gerade die letzten Flammen aus, die von seinem verdreckten Mantel brannten. Gundaruk beugte sich nieder zu Halbohr und begann seine Wunden zu untersuchen. Er rezitierte den Runengesang seiner Vorfahren. Den Gestank konnte er nicht vertreiben, doch er sah zu seiner Erleichterung, dass die alte Heilkunst auch an diesem Ort wirkte. Die Wunden Halbohrs begannen sich langsam zu schließen. Jetzt, als er bei Halbohr kniete, begann Gundaruk zu sprechen. „Was hat sich Neire, was hat sich dieser Bengel eigentlich dabei gedacht?“ Er legte dabei eine Hand auf Halbohrs Schulter. Der Dolchkämpfer wich jedoch seinem Blick aus und murmelte unverständliche Worte. Für einen kurzen Moment herrschte Stille und Gundaruk kümmerte sich um seine eigenen Wunden. „Dieser Bengel hat euch aus dem Grab befreit und euer Leben gerettet. Vergesst das nicht Gundaruk! Ihr solltet ein wenig Dankbarkeit zeigen und meinen Befehlen folgen.“ Gundaruk drehte sich augenblicklich um, als er die Stimme hörte. Neire war zwischen zwei Findlingen aufgetaucht und grinste ihn an. Noch immer war ein rötlicher Schimmer in den Augen des Jungen. Die goldenen Locken schienen nicht vom Schmutz berührt worden zu sein. Wenn er so lächelte sah sein Gesicht so lieblich, so unschuldig aus. „Das Grab in dem Felsen, ja. Woher wollt ihr das wissen, Neire? Woher wollt ihr wissen, dass ihr mich gerettet habt?“ Gundaruk sah, dass der Junge jetzt wütend wurde. Neire stampfte mit einem Fuß auf dem Boden. „Wissen Gundaruk? Durch mich spricht Jiarlirae, die Größte unter den Göttern. Ich habe den Schlüssel zu Feuer und Schatten. Ich kenne die Namen der Erzdämonen der Hölle. Fragt mich nicht nach meinem Wissen.“ Gundaruk sah, dass jetzt auch Bargh in der Öffnung erschien. Der gefallene Paladin wurde anscheinend angestachelt durch die Rede Neires. Bargh fing an zu schreien. „Ist es soweit Neire? Ist jetzt die Zeit zu handeln?“ Gundaruk sah, dass sich die Miene von Neire änderte. Plötzlich hob er beschwichtigend seine linke vernarbte Hand. „Lasst ab, Bargh. Es sind Ungläubige. Dennoch müssen sie wissen, dass sie das Leben eines heiligen Krieger Jiarliraes zu schützen haben.“ Bargh war noch immer sichtlich erregt und schlug mit seinem Panzerhandschuh in das Felsgestein der Wand. In seinem verbliebenden Auge konnte Gundaruk einen fanatischen Blick erkennen. „Lasst es zu… lasst die Flammen euch verbrennen. Erst tut es weh, doch dann werdet ihr die Macht spüren.“ Als Bargh sprach, überschlug sich fast seine Stimme und das Lispeln der erst kürzlich gespaltenen Zunge war nicht zu überhören. Ohne die Miene zu verziehen, drehte sich Gundaruk um und verließ die Höhle von Unrat. Er kannte den Blick von Fanatikern und wusste, dass die Auseinandersetzung mit ihnen keinen Sinn machte.

Halbohr war noch immer an den Felsen gelehnt und hatte die Szene beobachtet. Gerade als er sich erheben wollte, trat Neire an ihn heran. „Halbohr, die Sache mit dem Feuer tut mir leid, aber ich hatte keine andere Wahl. Wenn ihr das gesehen hättet, was ich gesehen habe, hättet ihr nicht anders gehandelt.“ Halbohr runzelte die Stirn und dachte nach. Irgendwie glaubte er Neire nicht ganz. „Was habt ihr gesehen Neire? Wieso sollte ich euch glauben?“ Neire legte ihm sanft einen Arm auf die Schulter. „Halbohr, ich bin ein Kind der Flamme. Ich habe die Runen im Magma des inneren Auges betrachtet. Mein Leben lang. Die Runen aus Feuer und Schatten, sich ewig verändernd. Sie bergen die Geheimnisse des Chaos, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft; die Magie von Jiarlirae.“ Halbohr stieß verächtlich die Luft aus. „Wenn ihr die Zukunft lesen könnt Neire, dann erzählt mir doch, was uns erwartet in dieser verlassenen Feste.“ Neire nickte und nahm den Arm von seiner Schulter. „Ich wusste, dass sie nicht verlassen war. Vielleicht hat uns die Herrscherin angelogen, vielleicht hat sie auch die Kontrolle über ihr Reich verloren. Es macht keinen Unterschied.“ Halbohr nickte und dachte zurück an die Begegnung mit der seltsamen Dunkelelfin, die sie auf die Jagd nach dem goldenen Schädel geschickt hatte. Dann bemerkte er, dass Neire nur über die Vergangenheit gesprochen hatte. „Und was ist mit der Zukunft, was erwartet uns in den nächsten Tunneln?“ Halbohr spürte, dass Neire die Antwort nicht leichtfiel. „So funktioniert es nicht Halbohr. Man kann diese Fähigkeit nicht herausfordern. Die Dinge entfalten sich von selbst, wie eine Flamme, die ewig tanzend mit der Dunkelheit ringt. Die Geheimnisse liegen im Schatten und im Feuer.“ Neire machte eine kurze Pause. „Ich sollte diese Macht nicht verschwenderisch einsetzen. Alles hat seinen Preis.“ Jetzt war es Halbohr, der anfing zu grinsen. Er hatte so etwas schon oft gehört. Alte Kameraden hatten Weissager aufgesucht und dort ihre Münzen gelassen. Gebracht hatte es ihnen nichts; sie hatten alle ins Gras gebissen. Als ob Neire seine Gedanken ahnen konnte, erhob er erneut das Wort. „Selbst wenn ich es wollte Halbohr, ich weiß nicht, ob ich euch helfen könnte. Es ist wie mit der Heilung, ihr müsst glauben, beten zu Jiarlirae… Eine große Zukunft könnte auf euch warten. Ihr könntet mit mir nach Nebelheim zurückkehren. Wir würden dort herrschen und ihr werdet alles haben, Halbohr. Gold, Juwelen, Frauen, Sklaven, was auch immer euch gelüstet.“ Halbohr konnte nicht leugnen, dass die Gedanken an die ferne, unterirdische Stadt seine Fantasie schweifen ließen. Der seltsame Jüngling, der an diesem Ort auf ihn einredete, war dort aufgewachsen. Halbohr glaubte sogar, dass Neire in Bezug auf Nebelheim die Wahrheit sprach. Der Reichtum und die Macht mussten unermesslich sein. Doch sie hatten andere Dinge zu tun. Gerade waren sie aus den Katakomben aufgestiegen und Neire schien nicht zu wissen, was hier noch auf sie wartete. So erhob sich Halbohr und schritt auf den Gang zu. Er drehte sich noch einmal um zu Neire und flüsterte. „Nebelheim ist weit weg, Neire. Wir haben hier andere Dinge vor uns und ihr könnt nicht sagen was uns erwartet. Also achtet auf eure Flammen.“

Sie waren danach weiter vorgedungen durch die Tunnel und hatten eine große unterirdische Gruft erreicht. Dort hatten sie sich in die Schatten geduckt, da sie ferne Stimmen und ein Rasseln von Ketten gehört hatten. Als die Stimmen sich entfernt hatten, waren sie in das Gewölbe vorgedrungen und hatten es durchsucht. Doch sie hatten nur leere Särge und ein verschlossenes Gitter gefunden. Dahinter war ein Gang zu sehen gewesen, in dem Fackeln brannten. Nachdem Halbohr das Schloss geknackt hatte, waren sie weiter durch den Tunnel geschlichen und standen jetzt an einer Gabelung. Im rechten Tunnel waren Stufen zu erkennen gewesen, die in die Tiefe führten. Kurz berieten sie sich über das weitere Vorgehen. Sollten sie dem rechten Tunnel folgen und einen Hinterhalt möglicher Bewohner aus der Tiefe riskieren oder den linken Tunnel nehmen, von dem sie nicht wussten ob er sie an die Oberwelt führen würde.

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Sitzung 21 - Die Verlassene Feste II
« Antwort #21 am: 2.07.2022 | 00:48 »
Von dem Feuer aus Knochen stieg der Geruch von gebratenem Krebsfleisch auf. Das monströse Ungetüm, das sie in den Tiefen erlegt hatten, war vor dem dunklen See zusammengesunken. Hier, in der unteren Halle, hatte Gundaruk große Stücke von Fleisch aus der Kreatur geschnitten. Neire hatte ein Feuer aus den Knochen der Opfer errichtet, die das Wesen irgendwann einmal verspeist hatte. Sie hatten sich zuvor in den dunklen Fluten des kleinen unterirdischen Sees gewaschen und ihre Kleidung gereinigt. Jetzt brutzelten die großen Stücke, die sie in die Flammen gelegt hatten und verbreiteten einen angenehmen Geruch. Für einen Moment vergaßen die Helden die Strapazen, die sie seit der Flucht durch Regen und Unterreich erlitten hatten. Sie genossen schweigend das köstliche Fleisch, das einen schweren, salzigen Geschmack hatte. Bargh verschlang wie gewohnt die doppelte Menge. Doch sie wussten, sie konnten hier nicht länger bleiben. Sie erinnerten sich an die Stimmen, die sie zuvor gehört hatten. Da waren die brennenden Fackeln im Gang gewesen, die erst kürzlich erneuert worden waren. Als sie schließlich aufbrachen, blickte Gundaruk ein letztes Mal zurück auf die Knochen und den Moder: „Es kommt mir vor, als wären wir am Ort des Abfalls gelandet.“ Sprach er und blickte die Treppe hinauf. Neire lächelte ihn in diesem Moment an und flüsterte. „Auch wenn wir uns an einem Ort des Abfalls befinden… so werden wir einst aufsteigen, wie glühende Juwelen am Nachthimmel; wir werden die Welt überkommen.“

Neire blickte an Bargh vorbei in den von Fackeln erhellten breiten steinernen Gang. Halbohr war schon vor einiger Zeit vorgeschlichen. Jetzt war er entweder in der Dunkelheit oder hinter einer Ecke des unterirdischen Weges verschwunden. Neire nickte Bargh zu und sah, dass der Krieger Jiarliraes sich vor ihm in Bewegung setzte. Leise klirrten die Kettenglieder, die die schweren Platten seiner Rüstung zusammenhielten. Neire schlich hinter seinem Mitstreiter und konnte dessen verbrannten Schädel im Fackellicht sehen. Der Kopf von Bargh war völlig haarlos und die Haut immer noch gerötet. Schließlich erreichten die beiden das geöffnete Portal, an dem der Gang einen Knick machte. Dahinter sah Neire eine weitere Türe zur Linken und schemenhaft die gekniete Gestalt von Halbohr. Der elfische Söldner blickte zu ihnen auf und hatte den Zeigefinger auf den Mund gelegt. Mit einer Kopfdrehung deutete er auf die geschlossene Türe. Neire trat vorsichtig dort hin und legte ein Ohr an das Holz. Er hörte gedämpfte menschliche Stimmen, Schritte und Gelächter. Augenblicklich stieg die Aufregung in ihm. Wieso sollten hier Menschen hausen, so nah bei den Monstern und untoten Geschöpfen? Vielleicht waren es Räuber, Geflüchtete oder eine Art Kult? Vielleicht waren es aber auch Suchende, so wie er selbst. Er war sich sicher, dass sie ihn mit offenen Armen empfangen würden. Sie mussten sich nach einer Abwechslung sehnen. Sie würden seiner Schönheit zugetan sein, seinem Witz und seinen weisen Worten lauschen. Neire schaute zu Halbohr und deutete eine Klopfbewegung an. Er sah, dass Halbohr ihn zuerst fragend anschaute, aber dann mit den Schultern zuckte. Jetzt drang das Geräusch des dumpfen Holzes durch den Tunnel: Drei kurze feste Schläge. Für einen Moment herrschte Stille. Dann konnte Neire Schritte hören, die sich näherten. Es gab das Geräusch eines zurückgezogenen Riegels, dann glitt die Türe knirschend auf. Neire bemerkte, dass Halbohr sich bereits in die Schatten zurückgezogen hatte, als das Licht aus dem Inneren hervordrang. So stand der junge Priester alleine im Gang und musterte seinen Gegenüber. Ein noch recht junger Krieger war ihm entgegengetreten. Er trug ein Schwert und einen Schuppenpanzer, über dem ein Waffenschurz zu sehen war. Dort war ein großes blaues Auge, umgeben von gelben Flammen dargestellt. Ein okkultes Symbol, das Neire nicht kannte. Vielleicht war es neueren Ursprungs. Für einen kurzen Moment herrschte eine gespannte Stille. Blaue Augen funkelten Neire misstrauisch an. Dann nahm der Jüngling tief Luft und hob sein Kinn. Er versuchte sein Zittern zu kontrollieren und sprach mit zischelnder Stimme eines fremden Akzentes. „Mein Name ist Neire. Wir sind von weit her gekommen um uns euch anzuschließen. Doch wir verlangen eine Bezahlung.“ Neire hielt in der rechten Hand den gewellten Degen mit dem Schlangengriff; doch nicht in einer feindseligen Pose. Er strich sich mit seinem verbrannten Arm die gold-blonden Locken zurück, die ihm ins Gesicht gefallen waren. Doch das Gesicht des Kriegers vor ihm verzerrte sich und er begann zu schreien. „Alarm, Alarm… Eindringlinge.“ Neire sah bereits, dass in dem langen, Fackel-erhellten Tunnel dahinter Bogenschützen ihre Positionen eingenommen hatten. Wut stieg in ihm auf. Hatte er nicht freundlich mit dem Krieger gesprochen. Sich sogar höflich vorgestellt. Ich muss es wie die Platinernen Priester tun. Ich muss sprechen mit der Stimme der schwarzen Natter. Tragen das betörende Feuer der Schatten. „Ich bin als Suchender gekommen und wollte euch meine Fähigkeiten anbieten. Sehet, was das Kind der Flamme im Stande ist zu tun.“ Neire hatte bereits seine linke Hand nach vorne gestreckt. Mit dem Ballen nach oben, wie man einen Apfel halten würde. Schon begann die Flamme aus Magma und Schatten zu züngeln, als ob sie aus seiner Haut selbst brenne. Er sah, dass die Krieger gebannt in das tanzende Licht blickten. Neire murmelte jetzt die zischelnden Worte uralter Gebete aus Nebelheim. Es waren die Verse des Abgrundes, die Reime aus der Düsternis. Schon blickten die Krieger gebannt in die Flammen und konnten ihre Augen nicht mehr lösen. Neire begann mit seinem einflüsternden Singsang: „Ihr dienet mir. Geleitet mich zu eurem Anführer. Tuet, was ich sage.“ Die zwölf Worte hallten vor Macht und die Augen Neires brannten wie glühende Kohlen. Doch zwei der Krieger widersetzten sich seinem Befehl. Neire konnte nichts tun, als sie sich zum Angriff bereit machten. Er bemerkte jetzt, dass Bargh zu ihm aufgeschlossen war und begann Schritt für Schritt in den Tunnel zu vorzudringen. Tatsächlich eskortierten ihn die Krieger. Dann hörten sie weitere Stimmen und Schreie. Sie kamen aus einer Windung, die sie nicht einsehen konnten. Neire begann abermals den alten Hohegesang zu rezitieren. Nun waren es die Gebete der Menschenschlange des wahren Blutes. Er entfesselte damit die Wut der Anhänger des Chaos - der Getreuen Jiarliraes. Schon sah Neire Geifer aus dem Mund von Bargh laufen. Der große Krieger stürzte sich auf den ersten Widersacher, der seinem bezirzendem Schlangenfeuer standgehalten hatte. Mordlüstern durchbohrte er dessen Brustkorb. Der Kristall, der das rechte Auge von Bargh ersetzte, schimmerte jetzt rötlich, als ob eine dunkle Flamme in ihm brennen würde. Sie rückten gemeinsam vorwärts und der zweite Widersacher flüchtete sich tiefer hinein, in die Behausung der Anhänger des brennenden blauen Auges. Auch Halbohr war plötzlich zu sehen und eilte voraus bis zur Ecke. Dort begann er mehrere Dolche in den Raum zu werfen, der sich hinter der Biegung auftat. Als sie die Ecke erreicht hatten erblickte Neire die Halle und die feindlichen Krieger. Ein halbes Dutzend Gestalten konnte er sehen. Jetzt rief er zu Bargh und denen, die in des Feuers Bann waren: „Greift an. Tötet sie, denn sie haben euch verraten.“ Sie stürzten nach vorne und ein grausames Gemetzel begann. Bargh war wie in einem Kampfrausch. Neire lächelte und hielt die Chaosflamme der alten Göttin in die Höhe. Er trieb sie an und betrachtete das Blutbad. Den Abriss zu Leichen, zertrümmert und zerbrochen, den Haufen der Eingeweide – feucht und dampfend; durchtrennte Sehnen, verstümmelte Gesichter und abgerissene Haut. Heftiges Scheiden, ernsthaftes Hacken – Todesgeräusche erfüllten die Luft.

Halbohr hatte den Kampf wie einen Traum erlebt. Alles war so langsam passiert und doch so schnell vorrübergegangen. Als Söldner kannte er dieses Gefühl aus vergangenen Schlachten, doch einen Kampf, der in dieser Brutalität geführt wurde, hatte er noch nicht erlebt. Begonnen hatte es durch den okkulten Gesang von Neire. Der liturgische Choral hatte ihm Kraft gegeben und er hatte die Macht des Chaos gespürt. Seine militärische Disziplin hatte er verloren, doch jeder seiner Angriffe war anders gewesen. Sie hatten alle ein Überraschungsmoment gehabt, waren geglückt und hatten ihn vor größerem Schaden bewahrt. Darüber hinaus waren sie tödlich gewesen und hatten ihn weiter angestachelt. Als ob er durch die Mordlust von Bargh mitgerissen worden wäre. Dann war der Krieger aus einer hinteren Türe erschienen und Halbohr hatte ihn direkt als Anführer erkannt. Ein Mann von hoher, aber nicht übergroßer Statur, mit blondem Haar und feinen Gesichtszügen. Kaum war er erschienen, wurde er von Neire angegriffen. Eine Kugel aus dunklen Magmaschatten verbrannte ihn; nekrotisierte seine Haut. Danach flüchtete der Mann, durch die Türe, durch die er gekommen war. Jetzt, nachdem Bargh und er alle feindlichen Krieger getötet hatten, standen sie vor eben dieser Türe, die metallverstärkt und versehen mit einem Schlüsselloch war. „Reißt sie nieder, brecht sie auf!“ Halbohr hörte die Worte von Neire und spürte für einen Moment die Freude selbst dem Befehl Folge zu leisten. Doch er hielt sich zurück. Er sah das Feuer in den Augen des Jünglings. Neire hatte offensichtlich ein weiteres Mal seinen Verstand verloren und war von purer Mordlust angetrieben. Halbohr hörte das gewaltige Krachen, als Bargh seinen gepanzerten Körper gegen die Türe warf. In diesem Moment gab es ein Leuchten, das von der Türe ausging. Das Portal hielt stand, doch eine betäubende Magie, getragen durch das silberne Licht, strömte auf ihn. Er spürte wie sich sein elfisches Blut sträubte, hörte die Stimmen aus der Ferne. Jetzt überschlugen sich die Dinge. Bargh torkelte zurück und schrie wie verrückt. Ich muss sie zur Vernunft bringen. Wir müssen zusammen kämpfen und zusammen werden wir die Eingeweide der Erde verlassen. Wie in einem plötzlichen Wachheitszustand richtete Halbohr die Stimme an Neire und Bargh. „Neire, Bargh! Wo ist Gundaruk? Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Wir müssen ihn suchen. Vielleicht befindet er sich in Gefahr.“ Halbohr starrte Neire eindringlich an, doch das Kind der Flamme schien nicht zu reagieren. Als sich Halbohr umdrehte, hörte er erneut den zischelnden Singsang von Neire. Diesmal war das Feuer in den Augen des Kindes der Flamme intensiver. Halbohr eilte den Tunnel zurück. Weiter und weiter. Das letzte was er sah, war das Brennen, das aus den Augen Neires hervorbrach und alles in seinem Weg zerstörte.

Vielleicht war es ein Instinkt, der Kontrolle über das Handeln von Gundaruk nahm. Erfahrung kam durch Wissen und durch Anwendung. Stärke war keinem in die Wiege gelegt. Sie kam durch den Kampf, das Fallen und das Wiederaufstehen. Instinkt war die Summe aus allem, aus Erfahrung und Weisheit und - vor allem - aus dem Lernen vergangener Fehler. Vielleicht war es dieser Instinkt, der Gundaruk dazu bewog einen anderen Weg zu nehmen und an der noch unerforschten weiteren Türe zu lauschen. Er sah seine Kameraden in den fackelerhellten Gang verschwinden und ihn erfüllte ein Gefühl von Wehmut. Dieses Gefühl war jedoch nicht in dem Verhalten seiner neuen Freunde begründet. Es war vielmehr eine Erinnerung die ihn plagte. Eine Entscheidung, die er damals in einer Schlacht getroffen hatte und die zu viel Leid geführt hatte. Vielleicht war es dieser Instinkt, der nun sein Unterbewusstsein bewog diese Entscheidung erneut zu treffen – in der Hoffnung das Schicksal möge sich diesmal zu einem Besseren wenden. Seit dem Verlassen des Grabes war Gundaruk wieder völlig allein. Er umklammerte den elfischen Speer und betrachtete das Runenband aus Gold, das den ewigen Ruhm und den Glauben seiner Vorfahren trug. Diese Betrachtung führte zu einer tiefen Zuversicht, die ihm Halt gab. Dann war da plötzlich der Schrei. Er hörte den Alarm Ruf aus den Tunneln und machte sich kampfbereit. Hinter der Türe waren jetzt lautere Geräusche zu vernehmen. Gundaruk hatte sich bereits angriffsbereit gemacht, als der Kampf begann. Die Türe wurde aufgerissen und er sah dahinter riesenhafte Kreaturen, in der Form von aufrecht gehenden Hyänen. Nahkämpfer stürmten heran – in der unterirdischen Halle bemerkte er Bogenschützen. Ein Gemetzel begann, als er den Speer wie eine Nähnadel des Schicksals bewegte. Nur waren es die Fäden des Lebens die er durchtrennte. Wie in einem Rausch kämpfte Gundaruk. Bis zur totalen Erschöpfung. Angriff um Angriff führte er, Leib um Leib fällte er. Er spürte nicht die vielen kleinen und tieferen Wunden. Hier verletzte ihn ein Morgenstern, dort eine Axt. Er sah die Bilder einer Schlacht aus seiner Jugend. Schneebedeckte Berge, ein Tal und einen See. Die Burg auf der kleinen Insel war dem Untergang geweiht, sollte er sie nicht verteidigen. Er hatte die Übermacht an Gegnern bereits dezimiert und er schwelgte bereits in dem Sang seines Landes – die Steine, Eichen, Haine und Runen. Dann kam der Schlag. Kreaturen waren durch die hintere Türe durchgebrochen. Er hatte sie zu spät bemerkt. Die Wurfaxt senkte sich tödlich auf seinen Kopf. Er spürte, wie seine Glieder weich und warm wurden, als er zusammenbrach. Seine letzten Gedanken waren bei seinem stolzen Volk.


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Sitzung 22 - Die Verlassene Feste III
« Antwort #22 am: 9.07.2022 | 00:23 »
Leise und schnell bewegte sich der elfische Söldner durch den Fackel-erhellten Tunnel. Er wusste nicht wo Gundaruk sich befand, doch er ahnte, wo er sein musste. Halbohr folgte seinem Instinkt und seiner taktischen Ausbildung als Söldner. Als er um die Ecke blickte, sah er, dass die zuvor verschlossene Türe jetzt geöffnet war. Dahinter war ein weiterer Raum zu sehen, in dem sich ein Knäuel von grünlichen und hyänenähnlichen Kreaturen befand. Diese standen aufrecht und schlugen auf etwas ein; etwas, das auf dem Boden lag. Sein Instinkt hatte Halbohr nicht betrogen. In dem Knäuel sah er für einen kurzen Moment den blutverschmierten Kopf von Gundaruk. Halbohr wusste, dass er jetzt handeln musste. Falls Gundaruk noch lebte, würden die blutrünstigen Geschöpfe nicht lockerlassen; sie würden auf ihn einschlagen bis er sich nicht mehr regte. Dann würden sie ihn zerreißen und bei rohem Leibe verspeisen. Doch Halbohr wusste, dass auch sein Leben auf dem Spiel stand. Den Kampf mit fast einem Dutzend Gegner konnte er nicht aufnehmen. Er packte seine Dolche fester und trat aus den Schatten in das Fackellicht. Seine gerufenen Laute ahmten die gesprochenen Worte der Kreaturen in einem Spott nach und er sah wie sie sich umdrehten. Jetzt spürte er das Adrenalin; sein Herz begann zu pochen. Doch seiner militärischen Ausbildung nach, musste er sie an einem anderen Ort stellen. Einem Ort, den er zu seinem Vorteil nutzen konnte. Halbohr wartete einen Moment und zog sich dann mit hastigen Schritten in den Gang zurück. Er lockte die Gestalten die ihm folgten in die Dunkelheit, doch er sah nicht wie viele ihm folgen. Auch ließ er Gundaruk seinem Schicksal zurück. Doch so war nun mal der Krieg. Es mussten Entscheidungen getroffen werden und Entscheidungen bedeuteten nun mal Leben oder Tod.

Flammen schlugen aus dem versperrten Portal. Rauch und Asche strömten ihm entgegen. Das Kind der Flamme ließ den grausamen Strahl von rötlicher Magmafarbe abebben. Das Feuer loderte noch in seinen Augen. Vor ihm hatte Neire die Türe in fast zwei Stücke verbrannt. Die Flammen prasselten aus dem Holz und um das geschmolzene Metall. Sie drohten Neire zu verzehren. Doch den jungen Priester schien das nicht zu irritieren. Er hob seinen mit gold-blonden Locken umspielten Kopf und machte einen Schritt in Richtung der Türe. In diesem Moment konnte ihn nichts aufhalten und er fühlte sich unbesiegbar. Neire hob die schattenhafte Chaosflamme in seiner linken Hand und zeigte mit seinem gewellten Degen auf die Türe. „Voran Bargh, Drachentöter Jiarliraes, voran!“ Angetrieben von seinem schlangenhaften Singsang ließ Bargh seinen niederen Instinkten freien Lauf. Schweiß lief mittlerweile vom haarlosen und von Brandwunden gezeichneten Kopf des noch jungen Mannes. Der Krieger Jiarliraes warf das massive Gewicht seines silbern schimmernden und von Scharten gezierten Plattenpanzers gegen die brennende Türe, die augenblicklich zerfetzte. Im Glutregen sahen Neire und Bargh nun das dahinter liegende Gemach. Kein Ausgang war zu erkennen und ein Feuer loderte in einer kleinen Schale. Die Einrichtung war kostbar. Viele Teppiche und Wandbehänge schimmerten in seltenen Fliederfarben. In die nähere Betrachtung fiel ein großer Wandspiegel, vor dem eine kristallene Vase auf einem kleinen Tisch stand. In diesem Gefäß waberte eine rötliche Flüssigkeit wie Nebel. Im hinteren Teil des Raumes bemerkten sie zudem einem kleinen Altar mit einer silbernen, acht-beinigen Spinne. Eine schwarze Kerze war an jedem Bein entzündet. „Kommt hervor ihr Gewürm!“ Die bedrohliche Stimme Barghs überschlug sich fast vor Wut, als der etwa 19 Jahre alte Krieger wutentbrannt in den Raum eindrang. Neire sah wie Bargh auf das Bett zusteuerte, das eine verdächtige Wölbung angenommen hatte. Mehrere Stiche und Hiebe ließ er auf das Bett niedergehen, so dass weiße Federn aufgewirbelt wurden und sich mit dem dunklen Rauch vermischten. Neire trat währenddessen an die Vase heran und ließ den Feuerstrahl aus seinen Augen wieder auflodern. Unter dem Knistern und Knacken der Vase, auf die der Strahl gerichtet war rief er zu Bargh: „Durchsucht den Raum, unterm Bett, im Schrank und hinter dem Schankeck. Der feige Bastard darf uns nicht entkommen.“ Neire konzentrierte sich auf die Flammen, sein Feuer erhitzte das Gefäß, das bereits glühte. Nur aus dem Augenwinkel sah er, dass der von ihm bezauberte letzte verbliebene Krieger ihn nun angriff. Neire ließ das Feuer seiner Augen nicht von der Vase weichen und führte zwei schnelle Angriffe mit dem Degen. Beide trafen ihr Ziel, der zweite umso tödlicher. Mit aufgeschlitzter Kehle ging der Krieger im Schuppenpanzer nieder.

Jetzt lauerte Halbohr in den Schatten und bewegte sich nicht. Wie eine Vogelspinne konnte er so verharren – stundenlang. Er hatte gelernt plötzlich hervorzuzucken, das Momentum auf seiner Seite. Ein wahr gezielter und ein recht dosierter Angriff aus dem Hinterhalt konnte den mächtigsten Gegner fällen. Um Ehre hatte er nie gekämpft. Ehre war für starke Schwache. Sie fühlten sich stark, doch endeten schwach, wenn er sie ermeuchelt hatte. Aus dem Raum, in den sich der vermeintliche Anführer zurückgezogen hatte, bemerkte Halbohr Feuerschimmer und Rauch hervordringen. Zudem hörte er die Schreie von Neire von dort. Doch jetzt kamen sie. Er erlauschte Schritte aus dem Tunnel und sah bereits die ersten Kreaturen auftauchen. Die Grünlinge gingen voran. Halbohr betrachtete sie aus dem Verborgenen und studierte wunde Punkte. Sie waren groß und muskulös, von gedrungenen Gesichtern und mit spitzen Ohren. Nein, Orks waren es nicht. Dafür waren ihre Köpfe zu flach, ihre Nasen zu platt. Eher hatten sie Ähnlichkeiten mit Goblins, jedoch diesen in Größe und Stärke um ein Vielfaches überlegen. Hinter den vier Gestalten, folgten zwei der Hyänenkreaturen. Als die Feinde sich zum Kampf bereit machten, nutzte Halbohr seine Gelegenheit. Aus den Schatten schoss er nach vorne und rammte der ersten Hyänenkreatur den Dolch von hinten in den Hals. Das Wesen sank augenblicklich zu Boden, in einer leisen Bewegung, die von ihm geführt wurde. Die zweite Kreatur hatte ihn noch nicht bemerkt und wurde Opfer eines weiteren hinterhältigen Angriffes. Zwei Gestalten drehten sich jetzt zu ihm um, gierig nach Blut und Morgensterne in den Händen. Dann schoss plötzlich der brennende Strahl von Magma aus der Kammer des Anführers. Es musste Neire gewesen sein, dachte Halbohr. Der Kopf eines Wesens wurde in Flammen gehüllt und grausame Schreie erfüllten die unterirdische Wachstube. Nur einen Augenblick später sah Halbohr den dunklen Krieger mit dem rotschimmernden Rubinauge auftauchen. Wie in einem Blutrausch schlug Bargh der verbrannten Kreatur den Kopf ab und stach bereits die nächste nieder. Sie hatten die Feinde jetzt in einem Zangengriff; eine militärische Wendung, die nur den Sieg bedeuten konnte. Halbohr spürte noch immer die Mordlust des Gesanges der alten Chaosgöttin. Gemeinsam mit Bargh rang er die letzten Kreaturen nieder. Doch es waren nur sechs. In dem Knäuel bei Gundaruk hatten seine soldatisch geschulten Augen acht Gegner gezählt. Er durfte keine Zeit verlieren und drehte sich wortlos um, um den Tunnel hinabzustürmen. Was hatten die zwei verbliebenen Kreaturen mit Gundaruk angestellt?

Sie hatten das Gemach in ihrem Kampfrausch abgesucht, aber es glich eher einem Schlachtfeld. In blinder Wut hatten Neire und Bargh die glühende Vase zertrümmert. Erst hatte Neires feuriger Magmastrahl sie zum Glühen gebracht, dann hatte Bargh sie mit seinem Schwert zerschmettert. Der rötliche Nebel war aus dem Inneren gewichen und durch das Feuer aufgelöst worden, wie in einem Glitzern von Sternen. Doch vom Anführer der Wachleute gab es keine Spur. Verzweiflung überkam Neires Gemüt und er blickte sich langsam um. Um sie herum sah er die Spuren der Verwüstung. Das Feuer an der Eingangstüre war bereits ausgegangen. Ja, sie hatten eine Menge Schätze gefunden. Darunter eine mit Diamanten besetzte Goldkette und fast ein Dutzend wertvolle Feueropale. Doch Neire dachte an die Kupfernen Krieger und die Jagd in den Eishöhlen. Er erinnerte sich an die dunklen Geschichten. War damals eine der Kreaturen entkommen, konnte das einen Hinterhalt für die Kupfernen Krieger bedeuten. Ganze Expeditionsgruppen waren wegen eines solchen Grundes nicht zurückgekehrt. Er durfte nicht versagen. Er dachte an Lyriell. Was würde sie jetzt tun? Schon war die Aggression des Kampfes und die Mordlust vergessen. Er fühlte sich nicht mehr unbesiegbar, sondern klein und schwach. Kaum nahm Neire Notiz von Halbohr, der den schwer verwundeten Gundaruk in den Raum schleifte. Neben den vielen Schnittwunden trug Gundaruk auch Bissspuren. Drei der Wunden sahen entsetzlich aus, dort wo die Zähne der Kreaturen das Fleisch herausgerissen hatten. Die aufrecht gehenden Hyänen hatten anscheinend bereits begonnen Gundaruk zu verspeisen. Neire hatte sich dem Schreibtisch zugewendet. Er sah dort mehrere Briefe und eine markierte Karte. Die Briefe waren größtenteils Korrespondenzen. Ein Teil der Briefe belegte einen Schriftwechsel mit einem Heiligtum der vier Mächte. Ein sogenannter Lareth, vermutlich der verschwundene Anführer, forderte besseren Nachschub von diesem Heiligtum, das sich in der Nähe von Klingenheim befinden musste. Auch wurde über das jüngste Wetter gespottet. Ein anderer Teil der Briefe kam von der Dunkelelfin Raxira. Sie warf Lareth vor ein falsches Ziel im Namen der Spinnengöttin zu verfolgen. Er solle sich lieber um Ched Vurbal kümmern. Gemeinsam müssten sie den Kampf gegen Akatea Abyssa aufnehmen, die als geschuppte Pest verunglimpft wurde und den Zugang zum Nest der versteinerten Spinne versperrte. Den Namen Akatea Abyssa kannte Neire nicht, aber das Nest der versteinerten Spinne konnte er als Ched Vurbal interpretieren. In seiner Verzweiflung überstürzten sich die Gedanken in Neires Kopf: Die geschuppte Pest kann ein abwertender Ausdruck für einen Drachen sein. Halbohr hat doch von einem Drachen erzählt, oder vielmehr von Schuppen, die er im Gemach der Herrscherin gesehen hatte. Vielleicht ist die Herrscherin nicht diejenige, für die sie sich ausgibt. Vielleicht haben wir unter der Erde bereits Akatea Abyssa getroffen. Doch diese Gedanken brachten Neire keinen Mut. Er dachte an Raxira und ihre Beziehung zu Lareth. Anscheinend beteten sie beide zur schwachen Spinnengöttin. Vielleicht hatte Raxira Lareth etwas gegeben, durch das er sich hatte erretten können – teuflische dunkelelfische Magie. Vielleicht war er in Windeseile durch Raum und Zeit gereist, um sich in der Feste Faust und an der Seite von Raxira zu materialisieren. Sie mussten herausfinden, wer Akatea Abyssa war und was es mit diesem Heiligtum der vier Mächte auf sich hatte. Tatsächlich hatte Neire schon einmal von letzterem gehört. Ein Tempel der vier Elemente, der vor etwa 40 Jahren zerstört wurde und in der Nähe von Klingenheim lag. Neire blickte sich um. Halbohr kümmerte sich um Gundaruks Wunden und Bargh näherte sich dem kleinen Schankeck im Raum. Auch er sehnte sich nach den Festen von Nebelheim, den Getränken – dem Rausch. Doch er musste weiter untersuchen. Er murmelte die zischelnden Formeln und betrachtete den Spinnenaltar. Er bemerkte eine mittelstarke Magie der Veränderung, doch nichts weiter. Auch anderswo im Raum war keine Magie zu entdecken. An diesem Punkt gab er auf. Das Lachen und der angetrunkene Gesang von Bargh waren bereits laut zu hören. Neire gesellte sich zu ihm und trank. Die Getränke waren fein und hochprozentig. Sie tranken und lachten. Sie grinsten sich gegenseitig an, als sie ihre blutverschmierten Körper sahen. Doch es war das Blut der Feinde was an ihnen haftete. Das Gelage ging so eine Weile und es war Bargh, der in einem Übermut die erste Kristallkaraffe gegen eine Wand schleuderte. Das kostbare Gefäß zerbrach und der wertvollere Inhalt wurde über die Wand verteilt. Neire macht es Bargh nach und sie beide fielen in einen jugendlichen, unbedarften Freudentaumel von Zerstörungswut. Als das letzte Gefäß zerstört war, torkelte Neire bereits und sah verschwommen seine Umgebung. Er wusste, dass auch dieses Fest ein Ende haben würde. So wie damals in Nebelheim; beim Abstieg der Menschenschlange des wahren Blutes. Und da war er wieder; der Schmerz der Erinnerung. Er torkelte zum Spiegel und betrachtete sich. Dahin war seine Schönheit. Mit zischelnder trunkener Stimme sprach er zu sich selbst: „Kind der Flamme, paah. Ein Nichts bist du. Klein und schwach. Du hast versagt in Nebelheim und du wirst wieder versagen.“ Neire dachte an das letzte Bild von Lyriell und die Tränen liefen ihm über die Wangen. Er schlug mit geballter Faust in sein Ebenbild und sah sich selbst in Scherben zu Boden gehen.



Halbohr hatte Gundaruk gerade noch rechtzeitig aus dem Raum gezogen. Neire hatte sich plötzlich und ohne erkennbaren Grund in einen Wutrausch gesteigert. „Hinaus!“ hatte er trunken gebrüllt. Auch Bargh war davon getorkelt. Dann war das Gemach des Anführers in verstetigtem Magmafeuer explodiert. Gleißende magische Flammen und Dunkelheit. Kein Mensch konnte diese Hitze überleben. Doch nach einiger Zeit war Neire aus den Flammen erschienen. Mit feurigen Augen und gold-blondem schimmerndem Haar. Er hatte Lobpreisungen zu Jiarlirae gerufen und zum Kampf angespornt. Neire und Bargh hatten dann die Pferde gesattelt und mit Proviant ausgestattet. Als sie an Halbohr vorbeiritten, hatte Neire seinen fragenden Blick bemerkt und war seiner Frage zuvorgekommen. „Wir haben Dinge zu tun Halbohr, doch wir werden zurückkommen. Wir tragen die Chaosflamme der höchsten Göttin und erforschen die tiefsten Geheimnisse ihrer Schatten. Tut euren Teil Halbohr. Denkt an euren Vertrag.“ Mit diesen Worten warf ihm Neire die goldene Juwelenkette zu und verschwand mit seinem Kameraden Bargh durch den fackelerhellten Gang.
« Letzte Änderung: 5.08.2022 | 22:18 von FaustianRites »

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Sitzung 23 - Die Verlassene Feste IV
« Antwort #23 am: 18.07.2022 | 12:11 »
Es schwelte die Hitze der Flammen, die von Neire in den Baracken-Räumen der alten Feste entfacht wurden. Die Räume stanken erbärmlich nach dem Ruß verbrannten Holzes, Stoffes und Fleisches. Die riesige Gestalt Gundaruks lag in einer unruhigen Ohnmacht auf einer der Liegen. Sein Leib war gezeichnet durch Wunden, die die Speere der Hyänen Kreaturen ihm zugefügt hatten. Doch der Elf Halbohr wollte ihm keine Rast gönnen. Der grobschlächtige Söldner wog die Möglichkeiten ab, die sie hatten und vor allem die, die ihre Feinde hatten. Unsanft weckte er Gundaruk aus seinem Schlaf: „Gundaruk, wacht auf! Schlafen können wir später! Der Anführer der Wächter ist entkommen, wer weiß, wen er auf uns hetzt. Wir müssen ihn jagen, bevor er uns jagt!“ Halbohr war sich nicht sicher, ob er seinen Mitstreiter tatsächlich überzeugen konnte oder ob Gundaruk einfach zu geschwächt war, um anderer Meinung zu sein. Der kürzlich in einem Grabe erwachte große Mann aus einer fernen Vergangenheit beschwor die Kräfte der Natur. Die tiefsten Wunden begannen sich zu schließen. „Wo sind Neire und Bargh?“ fragte Gundaruk, nachdem er sich wunderte, dass die beiden Anhänger Jiarliraes nirgendwo zu sehen waren. Die einzige Antwort, die Halbohr darauf geben konnte, war: „Wer weiß schon, auf welche Irrwege die beiden sich begeben.“

Da alle Wächter der von ihnen erstürmten Gemächer als verwesende Leichen zu Boden lagen, entzündete niemand mehr die Fackeln in den Gängen. Dies wollte Halbohr nun ausnutzen und die Dunkelheit zu seinem Gefährten machen. Tatsächlich dauerte es auch nicht lange, und die Gänge lagen in tiefer Schwärze vor Halbohr und Gundaruk. Sie folgten dem Verließ zu der Halle in der Gundaruk gegen die Kreaturen gekämpft hatte. Blut bedeckte den ganzen Boden und ein Leichengestank lag über der Kammer. Als Halbohr eine der Türen in diesem Raum öffnete, stutzte er. Direkt dahinter war nichts weiter als blanker Stein. Kein Mechanismus oder versteckte Öffnungen waren zu sehen. Verwirrt verließen die beiden den Raum und folgten weiter den dunklen Gängen. Immer wieder hielt Halbohr inne und versuchte, Geräusche des Anführers der Wächter auszumachen, doch es herrschte nur Stille. Sie folgten den unterirdischen Tunneln und passierten eine Abzweigung, die mit einem schweren Eisengatter versperrt wurde. Hier kehrten sie um und erreichten einen weiteren Raum, der gefüllt war mit Zielscheiben und Puppen aus Stroh. In einigen kleinen Nebenräumen waren Zellen zu sehen, die wohl für Rekruten errichtet worden waren, die sich Verfehlungen bei ihrem Wachdienst eingehandelt haben. Im geistigen Auge Halbohrs blitzen bei dem Anblick Bilder seiner Vergangenheit auf. Er dachte zurück an Tage, als er noch nicht seinen Namen angenommen hat. Wie lange er in diesen Übungsräumen verbracht hatte und verdammt gewesen war, mit dem unfähigen Abschaum zu üben. Seine einstigen Kameraden, die ihr Glück oder - wie er selbst – vielleicht ihre Flucht im Soldatentum gesucht hatten. Eine der Türen in diesem Raum öffnete sich an eine blanke Felswand, doch diesmal sah Gundaruk einen leichten Schimmer. Es war ein feiner silberner Draht, der von der Ture in den Stein verschwand. Vermutlich ertönte irgendwo eine Alarm-Glocke, wenn ein Unwissender versuchte, diese Türen zu öffnen. Gundaruk und Halbohr gingen wieder zurück, als Halbohr in einem der Gänge feine Rillen entdeckte. Wieder fanden sie eine der verborgenen Türen die sie hier schon öfters entdeckt hatten. Hinter der Türe verbarg sich ein schmaler Gang, der an einer Konstruktion aus zwei großen hölzernen Rädern endete. Lag nicht auch das Gatter in der Nähe? Mit vereinten Kräften drehten sie ein Rad, was entfernt an das Steuerrad eines Schiffes erinnerte. Und tatsächlich hörten sie nicht weit das Schleifen von Metall auf Stein. Sie verließen den geheimen Raum und gingen zurück zu dem Gatter, dessen Gitterstäbe in Öffnungen in der Decke verschwunden waren. Treppenstufen zeigten den weiteren Weg nach oben. Gundaruk und Halbohr gelangten jetzt in einen Bereich der Feste, an dem die Wächter bisher kein Interesse gehabt hatten. Die Gänge und Räume hier schienen schon seit langer Zeit nicht mehr betreten worden zu sein. In einem Raum, dessen Wände mit alten staubigen Spinnweben bedeckt waren, hielt Gundaruk inne. Auch hier befanden sich feine Rillen in einer Wand und er entdeckte eine weitere verborgene Türe, die die beiden aufdrückten. Dort hinter führte eine Wendeltreppe nach oben. Entfernt konnten sie den schwachen Schein von Sonnenlicht ausmachen. Die Wendeltreppe endete an einer hölzernen Türe. Leise gingen die beiden Abenteurer auf diese zu, hatte Halbohr doch hinter der Türe Geräusche von Stimmen vernommen. Mit einem leisen Knirschen öffneten sie die Türe. Was sie dahinter erblickten überraschte nicht nur die beiden. Sie kamen in große Halle, deren Wände aus schwarzem Stein, mit Verzierungen aus Elfenbein bestand. Dieser Ort war jedoch in einem verwahrlosten Zustand. Eine Wand war völlig weggebrochen und offenbarte den Blick nach außen. Hinter Schlieren von Regen konnten sie den Zwielichtigen Saum des Waldes aufragen sehen. Doch was sie wirklich überraschte, waren die Gestalten, die um einen Topf auf einer Feuerstelle kauerten. Etliche Menschen, die noch nicht viele Winter erlebt hatten, waren hier versammelt. Jedoch schienen sie nicht zu der Wächterschar aus den unteren Stockwerken gehören. Jedenfalls trugen sie keinerlei Wappen. Gundaruk und Halbohr tauchten direkt hinter ihnen aus der Türe auf. Halbohr dachte einen Augenblick über eine Verhandlung mit den Gestalten nach, aber er wollte die Gelegenheit direkt nutzen und keine Risiken eingehen. Also stieß er seinen Dolch in die Kehle einer der Gestalten, die einen gold-glänzenden Streitkolben in der Hand hielt. Blutend und röchelnd fiel der Mann zu Boden. Auch Gundaruk zögerte nicht. Er stieß mit seinem Speer nach vorne und bohrte die Spitze in den Leib einer anderen Gestalt. Es dauerte nicht lange, bis die Gruppe von den beiden Abenteurern niedergemacht wurde. Sie konnten so gut wie keine Gegenwehr leisten. Sie atmeten die kalte Regenluft und begannen die Fremden zu untersuchen. Der Streitkolben aus Gold trug eine Inschrift: „Gold ist der Weg zum Reichtum; Macht ist Gier“. Alles in allem schienen Halbohr und Gundaruk in eine Gruppe von Grabräubern gelaufen zu sein, die dachten, die alte Feste wäre ein leichter Ort um an Reichtümer zu gelangen. Die eingestürzte Wand offenbarte auch, dass es vermutlich sehr einfach war über die Trümmer in diesen Turm zu klettern. Die beiden schritten weiter durch die obersten Stockwerke der alten Feste. Das Bild des Verfalls zog sich hier weiter fort. Sicherlich schien es mal ein prächtiger Ort gewesen zu sein, doch der Zahn der Zeit und die Zerstörung einiger Kriege hatte viele der Räume zusammenfallen lassen. Sie blickten in einen Innenhof, der übersäht war mit Schutt. Durch die eingestürzten Mauern konnten sie auf den überschwemmten Wald schauen, von dem die Feste umgeben war. Der Blick hatte etwas Trostloses und Einsames.

Plötzlich hörte Halbohr von einem der Türme ein Grollen, wie Stein auf Stein. Sie folgten dem Geräusch und kamen zu einem weiteren Turm. Auch hier war eine der Wände durch das Alter eingestürzt und lag offen. Plötzlich stieß durch die Öffnung der gewaltige Schädel einer abscheulichen Echsenkreatur. Schwarze Augen blickten wütend auf Gundaruk und Halbohr herab und gelbliche Reißzähne verbargen den tief-schwarzen Schlund der Kreatur. Mit ihren langen Krallen zog sie ihren Körper näher. Ihre grün-gelben Schuppen glänzten selbst in dem Zwielicht des vorherrschenden Regens. Das Maul der Kreatur öffnete sich und versuchte den Leib Gundaruks zu verschlingen. Der Gestank war betäubend, voll von Tod und Verwesung. Doch fast zeitgleich nutzen Halbohr und Gundaruk genau diesen Moment. Halbohr stieß mit seinem Doch in das Maul der Kreatur und die Klinge fand die weiche Stelle des Gehirns der Echse. Der Speer Gundaruks fand ebenfalls seinen Weg und schwarzes Blut sprudelte den beiden entgegen. Mit einem letzten Kreischen fiel die Kreatur in sich zusammen. Der leblose Leichnam rutschte an den Trümmern der gebrochenen Wand herunter. Das einstmals stolze Geschöpf, verschwand in die nasse, dunkle Tiefe des Burggrabens.

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Sitzung 24 - Das Tal hinter den Hügeln
« Antwort #24 am: 24.07.2022 | 00:36 »
Immer wieder peitschte der Regen auf sein durchnässtes Fell hinab. Doch der Jagdtrieb ließ kaum andere Gedanken und erst recht keine Pause zu. Er dachte nicht viel nach. Die menschlichen Erinnerungen kamen und gingen, wie der Geruch, der während der Verfolgung mal stärker und mal schwächer wurde. Der große Wolf trabte beharrlich durch das Unterholz; er verausgabte sich nicht, doch er durfte auch die Spur nicht verlieren. Hier und dort musste er Pfützen umkreisen oder einen reißenden Bach überspringen. Denn der anhaltende Regen hatte den Wald gezeichnet. Wasser waren angeschwollen, Pfützen zu Tümpeln geworden, Bäume umgestürzt und Fäulnis hatte sich ausgebreitet. An einigen Stellen drohte der Nebel, der die Hügel hinabsickerte, die Geruchsspur zu verwischen. Gundaruk wusste nicht, wie lange er Halbohr bereits gefolgt war. Der Regen hatte längst das dunkle Blut der Echsenkreatur abgewaschen, das ihn im letzten Kampf besudelt hatte. Er konnte sich verschwommen erinnern, dass Halbohr mit den Worten „Ich habe etwas gesehen. Folgt mir!“, plötzlich aus der Feste und in Richtung des umliegenden Waldes verschwunden war. Er war ihm gefolgt. Doch Halbohr war schneller gewesen. So hatte er sich in Tierform gewandelt und einen gewissen Abstand zum elfischen Söldner gewahrt. Die letzten Stunden war es dann fast kontinuierlich bergauf gegangen. Der Regen hatte langsam nachgelassen. Jetzt lichteten sich die Bäume und hier und dort ragten Felsen auf. Ein Wind war zu verspüren, der unangenehm an seinem nassen Fell zog. Gundaruk war sich zudem nicht mehr sicher, ob er den Geruch von Halbohr weiterhin erriechen konnte. Er begab sich in einen langsameren Trott, der plötzlich zu einem jähen Stillstand kam. Vor ihm ging es eine Felsklippe hinab. Doch darunter und dahinter konnte er weiter blicken. Unter dem Zwielicht des bleiernen Himmels sah er ein bewaldetes Tal vor ihm aufragen. Eingerahmt von Hügelketten führte es in die Ferne, in der er Felder und einen Fluss erahnen konnte. Gundaruk wusste, dass er in Wolfsform nicht über die Klippen klettern konnte. Er bereitete sich auf den erneuten Schmerz der Verwandlung vor und kauerte sich auf den Boden. Die Fähigkeit war schwer zu ertragen, doch er hatte keine andere Wahl. Nach nicht allzu langer Zeit waren graue Fellreste das Einzige, das der noble Wolf auf dem Felsen zurückließ. In die Lüfte empor flatterte eine übergroße Krähe, deren Schreie das unerforschte Tal erfüllten.

„Schau Bargh, ein Tal. Es ist riesig.“ Neire war in diesem Moment fasziniert von der immensen Größe der Oberwelt. Für eine Zeit konnte er seinen Blick der überwältigenden Weite nicht entziehen. Er kommandierte sein Pferd zu seinem Stillstand. „Ich weiß nicht wo wir sind Neire. Eine Gegend, in der ich nie war.“ Der Jüngling hörte die Worte Barghs gegen das Rauschen des Wasserfalls, der hinter ihnen aus der Klamm strömte und dann über die Felsen vor ihnen in die Tiefe stürzte. Sie waren der Eingebung von Neire gefolgt und hatten die Pferde vorsichtig durch die steile Klamm manövriert, die sich ihnen im Verlauf des Quellflusses offenbart hatte. Neire trug schon seit einiger Zeit seine Gesichtsmaske, die er noch aus Nebelheim hatte. Die Maske stellte eine Feuerschlange dar. Sie war sein erstes Werk als Kind der Flamme gewesen und mit kostbarem Gold und Edelsteinen verziert. Neire blickte durch die Augenschlitze zu Bargh und sah, dass der Krieger Jiarliraes immer wieder seine Maske betrachtete. Bargh hatte den roten Rubin, der sein rechtes Auge ersetzte, mit einer Binde verdeckt. Trotz seines jugendlichen Alters strahlte der von Brandnarben gezeichnete Anhänger der Chaosgöttin eine dunkle Zuversicht aus. Mit ihm bildete Bargh eine kleine verschworene Einheit, getrieben durch die Gier nach Geheimnissen und verankert im Glauben an die Schwertherrscherin. Neire nickte Bargh zu, bevor er zu ihm sprach. „Bargh, wir werden schon bald mit der Fertigung der Maske anfangen. Sie wird ein Kunstwerk werden; euren ruhmreichen Taten gerecht. Jiarlirae wird sie sicherlich gefallen. Ihre Gunst wird euch zu Teil werden.“ Neire sah wie Bargh lächelte und verträumt in die Landschaft blickte. Er nahm jetzt seine Maske ab und fügte hinzu. „Jedoch solltet ihr euch überlegen, welches Motiv ihr wählen wollt. Es ist eine wichtige Entscheidung und ihr sollt sie treffen.“ Erst jetzt sah Neire aus den Augenwinkeln die große, dunkle Krähe, die über ihnen ihre Kreise zog. Er nahm die Zügel in die Hand und steuerte sein Pferd vorsichtig vorwärts. „Kommt Bargh, wir werden sehen, wer der Herr dieses Landes ist.“

Bargh und Neire waren dem Fluss gefolgt. Langsam waren Fels und Wald einer Graslandschaft gewichen. Aus der Talsohle konnten sie Felder und Wiesen sehen. Kleine Punkte in der Ferne waren nun als Bauern zu erkennen, die anscheinend die Felder bewirtschafteten. Es war ein leichter Nieselregen zu spüren, doch das Tal war geschützt vor Wind. Es war zudem wärmer geworden. Sie waren schließlich auf eine Straße getroffen, die parallel zum Fluss lief. Das eintönige Geräusch der beschlagenen Hufe der Pferde verfolgte sie jetzt schon eine Zeit lang. Die Pflastersteine der Straße glänzten nass und abgewetzt. Als sie eine alte, steinerne Brücke erreichen, die den hier zu einem kleineren Strom angewachsenen Fluss überspannte, sah Neire ein weiteres Mal die dunkle Krähe, die in den letzten Stunden ihre Kreise über ihnen gezogen hatte. Das übernatürlich große Tier hatte sich auf einem vereinzelt aufragenden Steinpfeiler der Brücke niedergelassen und betrachtete sie mit funkelnd grünen Augen. Neire dachte nach. Die Krähe… sie begleitet uns schon einige Zeit. Als ob sie uns den Weg weisen wollte. Das muss ein Omen sein. Tatsächlich hatte er bereits gelesen über die Bedeutung des plötzlichen Erscheinens fremder Tiere. „Bargh, schaut. Die Krähe. Sie ist uns gefolgt. Ein Zeichen der Göttin. Das Glück ist auf unserer Seite.“ Neire sah, dass Bargh nickte und antwortete, während sie über die Brücke ritten. „Neire, ich habe nachgedacht. Die Maske soll einen Drachen darstellen, grün und voller Dunkelheit schimmernd.“ Neire strich sein nasses gold-blondes Haar zurück und lächelte. „So soll es sein Bargh. Wir haben die Schuppen und den Zahn der Kreatur, die von euch ermordet wurde. Doch wir benötigen Smaragde. Dann können wir das Werk beginnen.“ So setzten sie ihren Weg weiter fort. Als sie an eine Weggabelung kamen, blickte Neire auf. Tatsächlich sah er die Krähe auf der linken Seite kreisen und so wählten sie diesen Weg. Leise rezitierten sie die alten Gebete aus Nebelheim. Neire hatte begonnen Bargh die Sprache der Yeer’Yuen’Ti zu lehren. Bargh sprach bereits einige Sätze. Nur an der Intonation musste er noch feilen. Die Aussprache bereitete ihm Probleme – trotz seiner bereits gespaltenen Zunge.

Ganz langsam, aber stetig waren die beiden Gestalten nähergekommen. Sie kamen Neire und Bargh entgegen. Der ältere der beiden Männer war in ein rotes Gewand gehüllt und zog einen kleinen Karren. Sein einst volles schwarzes Haar zeigte hier und dort graue Stellen. Trotz des verhangenen Himmels strömte ihm der Schweiß in Strömen vom Kopf. Der jüngere Mann war von muskulöser Statur, in ein Wams aus gehärtetem Leder gekleidet und trug eine Kriegspicke. Sein Schädel war kahlrasiert - sein Blick gelangweilt, doch seine Augen funkelten wachsam. Als Bargh und Neire die beiden passierten, nickten die Fremden ihnen unterwürfig zu. Ihr Gesichtsausdruck ließ eine Mischung aus Neugier und Ehrfurcht erahnen. Neire kommandierte sein Pferd zu einem Stillstand, blickte nicht wirklich hinab und erhob die Stimme. „Mensch… was zieht ihr dieses Gefährt umher? Ist das ein Spiel?“ Für einen kurzen Moment herrschte eine gespenstige Stille. Dann antwortete der ältere Mann auf die gezischelten Worte fremder Intonation. „Mein junger Herr… wir spielen das Spiel der Münze, wenn ihr so wollt.“ Er lächelte freundlich während er sprach. Auch der Söldner mit der Kriegspicke fing an zu grinsen. „Es sind Händler Neire. Sie verkaufen Waren gegen Münzen.“ Neire sah, dass Bargh die beiden grimmig anblickte, während er ihm den Witz erläuterte. Neire musste grinsen, doch der ältere Mann erhob erneut die Stimme. „Ihr seid wohl nicht von hier, Jungherr, kommt ihr vielleicht aus den Küstenlanden?“ Neire wägte kurz seine Antwort ab. „Wir sind aus Fürstenbad. Sagt mir, wohin führt diese Straße?“ „Fürstenbad ist mir nicht bekannt. Diese Straße führt nach Kusnir, Jungherr. Die Ortschaft ist nicht mehr weit von hier.“ Neire dachte nach. Er hatte tatsächlich in alten Chroniken von Nebelheim bereits von Kusnir gehört. Die Ortschaft war Teil des einst wohlhabenden Herzogtums Berghof. Berghof, hinter einer Wetterscheide liegend, war als fruchtbares Tal beschrieben, das sich mehrere Tagesreisen weit erstreckte. Es war von Mittelgebirgen und Bergketten umgeben, die dem Talkessel eigene Wetterbedingungen bescherten. In längst vergangenen Zeiten hatte es einen Konflikt mit den im Süden gelegenen Küstenlanden gegeben. Ein Bergpass, in den Chroniken als Adlerweg benannt, war besonders umkämpft gewesen. Doch es hatte keinen Gewinner gegeben. Der Konflikt war schließlich zu einem kalten Krieg geworden und die Küstenlande waren verfallen. Berghof war zwar besser weggekommen, doch auch hier war das Herrschergeschlecht zugrunde gegangen. Zudem war das alte Herzogtum von Auswanderung betroffen. Neire wurde von einem Krähen jäh aus den Gedanken gerissen. Es sah, dass sich das dunkle, große Tier, das sie jetzt schon einige Zeit verfolgte, auf den Beuteln des Karrens niedergelassen hatte. Hektisch beäugten die fremden Männer das Tier. „Es ist ein Omen. Das Erscheinen einer schwarzen Krähe verspricht euch Glück“, sprach Neire zu den Fremden, doch er sah, dass der Söldner die Krähe mit seiner Kriegspicke versuchte hin fortzuscheuchen. Tatsächlich erhob sich das Tier mit einem weiteren Schrei in die Lüfte und ließ sich jetzt auf dem Hals von Neires grasenden Pferdes nieder. Augenblicklich bemerkte Neire sein Reittier in Panik verfallen. Mit einem Wiehern begann es zu steigen. Neire klammerte sich im Sattel fest. Wütend auf den Söldner versuchte er das Pferd in Richtung des Wagens zu lenken. Er sah, wie der Söldner auswich und sich ins Gras warf. Die Krähe war bereits in die Luft gestiegen, als Neire das Pferd unter Kontrolle brachte. „Achtet auf euer Tier, Jungherr!“ Die Stimme des jüngeren Mannes war eindringlich und er hielt die Kriegspicke vor sich. Neire blickte arrogant auf ihn hinab, während er mit einem Lächeln im Gesicht antwortete. „Ihr solltet die Omen der Götter achten, Mensch! Die Krähe kommt aus der Dunkelheit und fliegt über das Feuer hinfort. Sie ist ein Bote von Heria Maki, der Göttin des reinigenden Feuers.“ Neire sah, dass Bargh beim Namen von Heria Maki spöttisch zu grinsen begann. So betrachteten sie wortlos die beiden Knechte, die vorsichtig an ihnen vorbeizogen.

Die Krähe hatte sie bis nach Kusnir verfolgt. Dort waren sie die Hauptstraße entlanggeritten und hatten nicht mehr nach dem Vogel Ausschau gehalten. Bei ihrem Ritt durch Kusnir hatten Neire und Bargh dann wohl für genügend Gerüchte und Gespräche kommender Tage gesorgt. Spielende Kinder waren ihnen gefolgt und die bäuerliche, größtenteils übergewichtige Bevölkerung hatte sie voll Staunen und Ehrfurcht betrachtet. Schließlich hatten sie am Ende der Straße und in der Nähe des Sees, an dem Kusnir lag, das örtliche Gasthaus gefunden und ihre Pferde in einem offenen, überdachten Stall untergebracht. Für eine kurze Zeit hatte Neire versucht die seltsamen Runen zu entziffern, die mit rötlicher Farbe in das Gebälk des Stalls gepinselt waren. Doch sie waren arkaner Natur und er konnte sie nicht deuten. So waren sie schließlich in die Schankstube eingetreten; Bargh, schwer beladen mit den Satteltaschen, voran. Aus dem Inneren strömte ihnen ein angenehmer Geruch von gebratenem Fleisch und Bier entgegen. Der abgedunkelte Raum hatte die Größe einer kleinen Halle und war von Öllampen erhellt. Vier große hölzerne Pfeiler trugen die Decke des Raumes. Hinter den Tischen und Bänken, von denen die meisten leer waren, war der flackernde Schein eines Kaminfeuers zu erkennen. Dort stand ein dicker Mann mit einer Glatze, gekleidet in einen fettigen Lederschurz. Er schien nicht Notiz zu nehmen von Neire und Bargh, drehte er doch einen gewaltigen Spieß, der den Körper eines ganzen Rindes trug. Immer wieder griff der Mann in ein Gefäß und zerbröselte ein Gewürz über minutiös ausgesuchte Stellen des Rinds. An einem weiteren Tisch konnten Neire und Bargh eine Gruppe von drei Bauern verschiedenen Alters erkennen, deren angeregtes Gespräch nach ihrem Eintreten plötzlich verstummt war. In einer Ecke saß zudem eine einzelne Gestalt, die in Gedanken versunken einen Humpen Bier trank. Dieser Mann war älter, von muskulöser Statur und gekleidet in ein Lederwams. Eine Axt steckte in seinem breiten Ledergürtel. Neire, der sich zuerst hinter Bargh verborgen hatte, trat jetzt hervor und genoss die von Ehrfurcht und Neugier erfüllten Blicke der Gruppe von Bauern. Sie suchten sich einen Platz in der Nähe der Flammen des Kamins. Als der Mann am Spieß sie nicht beachtete blickte Neire in das Feuer und zischelte in dessen Richtung. „Mensch… bringt uns zwei Bier und eine Mahlzeit von dem Fleisch.“ Er sah, dass der Spießdreher aufschreckte und einen kurzen Moment in seine Augen blickte, in denen das rötliche Feuer schimmerte. „Oh, entschuldigt, meine Herren. Natürlich bringe ich euch das Bier und eine Mahlzeit. Äh… das mit den Kupferstücken regeln wir später.“ In diesem Moment krachte der gepanzerte Handschuh von Bargh auf den Tisch. „Und bringt mir die doppelte Portion, verdammt!“ Schon bald wurde ihnen das Bier gebracht und sie tranken in gierigen Zügen. Neire betrachtete interessiert den Raum und fragte sich, ob alle Menschen der Oberwelt ein solch erbärmliches Leben fristeten. Als der Wirt mit drei großen Tellern gebratenem Fleisch zu ihnen kam, zwei davon für Bargh, zeigte Neire auf den brutzelnden Körper des Rinds. „Mensch… was ist das für ein Tier?“ Doch noch bevor der Wirt antworten konnte, flog mit einem Krachen die Eingangstüre des Raumes auf. Unter der Türe duckte sich die riesenhafte Gestalt von Gundaruk hindurch. Hier und dort war er immer noch gezeichnet von tiefen Wunden des letzten Kampfes in der verlassenen Feste. Er steuerte auf den Tisch von Bargh und Neire zu und baute sich vor ihnen auf. „Gundaruk, es freut mich euch zu sehen. Setzt euch zu uns und trinkt so viel ihr könnt. Trinkt mit uns auf die glühende Nacht der ewigen Stadt, wo Feuer, Dunkelheit und Stein eins ist“, sprach Neire und lächelte ihm zu. Gundaruk zog seine Luchsfellmütze zurück, erwiderte das Lächeln und ließ sich niedersinken. „Neire… ich sehe ich seid so schön… äh, ich meine natürlich so eitel, wie je zuvor. Bargh… ihr solltet vielleicht an eurem Haarschnitt arbeiten!“