Autor Thema: [AD&D 2.5E] Von Feuer und Düsternis – Erzählungen aus Euborea  (Gelesen 710 mal)

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Einleitende Worte: Ich habe mich entschieden hier die Mitschriften unseres Spiels zu veröffentlichen. Die Mitschriften können dabei von verschiedenen Spielern angefertigt worden sein. Genauso kann das Spiel unter verschieden Meistern stattgefunden haben. Also wundert Euch bitte nicht, wenn sich der Erzählstil, wenn sich der Stil des Spiels oder wenn sich die Welt hier und dort ändert. Die Regel ist, dass bei uns die Spieler die Mitschriften selbst anfertigen (natürlich freiwillig).

Die Berichte gibt es leider nur ohne Bilder der Mitschriften, was schade ist. Ich besitze aber für die Bilder nicht die Urheberrechte.


Hier noch etwas zum Hintergrund und zu den Regeln, die wir verwenden:

System: AD&D 2nd Edition, Player’s Option (AD&D 2.5)
Verwendete Bücher: Player’s Handbook (TSR2159), Dungeon Master Guide (TSR2160), Skills and Powers (TSR2154), Combat and Tactics (TSR2149), Spells and Magic (TSR2163), Monstrous Manual (TSR2140), High Level Campaigns (TSR2156)
Schwierigkeitsgrad: Je nach Meister, leicht bis schwer
Charaktergenerierung: 84 +1d6 Punkte für die Attribute, frei in den Rassengrenzen verteilbar
Gesperrte Rassen: Alle Planescape Rassen
Gesperrte Klassen: Monk, Psionicist
Teilnehmende Charaktere: Siehe Spielbericht.
Gesperrte und veränderte Zauber: Haste, Disintegrate, Stoneskin, Find Familiar, Enlarge und Zauber aus dem „Cult of the Dragon“
Ort: Euborea (Prime Material World)

Und zu guter Letzt bitte ich Euch zu beachten: Die Darstellungen aus dem Spiel spiegeln in keiner Weise Moralvorstellungen oder Gesinnungen einzelner Spieler oder der Gruppe wider. Alle Charaktere, wie auch die Geschichte, sind natürlich fiktiv.​

Offline FaustianRites

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Sitzung 01 - Der Anfang
« Antwort #1 am: 18.03.2022 | 22:10 »
Tief unten im Felsgestein herrscht die ewige Dunkelheit. Ein Reich seltsamer Farben und Geschöpfe eröffnet sich für jene, die die Dunkelheit durchblicken können. Wie ein weit verzweigtes Netz von Wurzeln ziehen sich Kavernen und Schächte. Was Wasser und erzwungener Wille fortlaufend formt, birgt gleichsam Reichtum und Leere, Kälte und Feuer, Leben und Gift sowie Hoffnung und Verderben.

Neire von Nebelheim richtete sich zitternd auf. Er war für sein jugendliches Alter von 15 Jahren groß gewachsen und von schlanker, anmutiger Gestalt. Er hatte ein Geräusch gehört und drehte seinen von langen gold-blonden Locken eingerahmten Kopf in die Richtung des steinernen Tunnels. In der Dunkelheit schimmerte seine weiße makellose Haut. Er war in Kleidung aus feinstem dunklen Chin’Shaar Leder gehüllt; ein roter Umhang mit schwarz-goldenen Stickereien bedeckte seine Schultern. Jetzt konnte er die Gestalt sehen, die sich ihm vorsichtig näherte. Neires Hand glitt von seinem Degen, den er hatte ziehen wollen. Es war der Söldner den er erwartete. Eine grobschlächtige Gestalt eines muskulösen Elfen trat ihm entgegen. Grünliche Augen waren in dem vernarbten Gesicht zu erkennen, an dem schulterlange silberne Haare fettig klebten. Besonders prominent wirkte das fehlende Ohr. Neire vernahm den säuerlichen Geruch von Bier und Schweiß, der von der mit Dolchen bewaffneten Gestalt ausging und erhob zitternd seine lispelnde Stimme: „Seid ihr… seid ihr der Söldner den ich erwarte?“

Seit einiger Zeit gingen Halbohr, so hatte sich der elfische Söldner vorgestellt, und Neire durch den Tunnel. Neire hatte einen Vertrag unterzeichnet, den ihm Halbohr mit einer drohenden Bestimmtheit reichte. Innerlich hatte Neire gezittert vor Wut, doch er hatte auch Angst vor dem Söldner. Zudem war sein neuer Begleiter nicht besonders gesprächig. Mehrfach hatte Neire bereits versucht ein Gespräch zu beginnen, das Halbohr mit barschen Kommentaren unterband. Der Tunnel wand sich mal aufwärts, mal abwärts. Die Zeit, die hier unten verging, war schwer abzuschätzen. Plötzlich drehte sich Halbohr um und suchte nach einer Felsspalte. Der Söldner hatte ein Geräusch gehört und duckte sich, um mit den Schatten zu verschmelzen. Auch Neire drehte sich um und versuchte sich hinter den Söldner zu ducken. Aus dem Gang hinter ihnen waren jetzt leise Schritte zu vernehmen. Eine Gestalt bewegte sich auf das ungleiche Paar zu; eine Gestalt, die nur schwer von den Schatten zu trennen war. Gehüllt in schwarze Kleidung, waren nur zwei gelblich schimmernde Augen unter der Kapuze zu sehen. „Tretet hervor und zeigt euch, oder Halbohr wird euch töten.“ Die lispelnde Stimme Neires durchbrach die angespannte Stille des Tunnels. Neire drückte zitternd Halbohr nach vorne. Jedoch entspannte sich die Situation, als die Gestalt die Hand von ihren Waffen entfernte und die Kapuze zurückzog. Es offenbarte sich ihnen ein nicht-menschliches Gesicht mit grauer Haut und spitzen Ohren; die Spuren von dunkelelfischer Abstammung waren zu sehen. Die Gestalt, die sich als Uthriel Al’Lael vorstellte, schien Neire und Halbohr nicht feindselig gesonnen zu sein und so entwickelte sich ein Gespräch. Ein Gespräch das alsbald abrupt unterbrochen wurde, denn der Gang begann leicht zu vibrieren; ein Knirschen und Knacken ging durch den Stein. In weiter Ferne konnte Uthriel das Strömen von Wasser vernehmen, das sich rasch näherte. „Kommt mit uns wenn ihr leben wollt.“ Die Worte von Halbohr hallten eindringlich durch den Gang, als er Neire unsanft packte und durch den Gang die Flucht ergriff. Weg von dem Geräusch, weg durch die bebende Erde.

Müde und erschöpft betrachteten die drei Streiter die gewaltige Höhle, die sich vor ihnen auftat. Stundenlang waren sie durch die Dunkelheit gelaufen und dem Tunnel gefolgt. Irgendwann hatten sie Uthriel verloren, doch er war wieder zu ihnen aufgeschlossen. Vor ihnen lag jetzt eine Höhle, die nicht gänzlich zu durchblicken war. Teils baumgroße Riesenpilze ragten hier und dort auf. Mit gezogenen Waffen bewegten sie sich vorsichtig an der rechten Felswand entlang. Immer wieder blickten sie sich hastig um. Von dem entfernten Wassergeräusch war schon lange nichts mehr zur hören gewesen. Sie hatten bereits die Hälfte der Höhle durchquert, deren Ende sie jetzt sehen konnten, als plötzlich Kampfesschreie um sie herum ertönten. Kleine Kreaturen, kaum größer als die Länge eines Schrittes, stürzten sich herab auf Neire, Halbohr und Uthriel. Sie waren mit kruden kleinen Waffen ausgerüstet. Ihre flachen Gesichter waren gekennzeichnet durch breite Nasen, spitze Ohren und weite Mäuler, mit scharfen kleinen spitzen Zähnen. Neire schrie vor Angst, als drei Angreifer auf ihn zustürmten. Er ging in die Defensive und sah aus den Augenwinkeln, wie Halbohr bereits mit schnellen Angriffen die ersten Gegner niederstreckte. Auch Uthriel führte wie Halbohr seine Waffen beidhändig mit tödlicher Präzision. Der Kampf wurde grimmig und mit äußerster Brutalität geführt. Als Neire zwei seiner Angreifer mit seinem Schlangendegen erstochen hatte, begann die Furcht, das Adrenalin sich in Übermut und Mordlust zu wandeln. „Halbohr, fangt mir eines dieser des Lebens unwürdigen Kreaturen“, rief er in einem Befehlston in der Sprache der Unterreiche. Doch Halbohr schien ihn nicht zu verstehen. Die Kreaturen ergriffen die Flucht und wurden größtenteils rücklings erstochen. Gerade wollte Halbohr zum tödlichen Stich auf die Gestalt ansetzen, die vor ihm gestolpert und halb in einer Felsspalte versunken war, als Neire seine Stimme erneut erhob. „Halbohr, bringt mir diese Kreatur lebend.“ Er sprach jetzt in der gemeinen Zunge, die Halbohr verstand. Gemeinsam drückten sie die fast wehrlose Gestalt auf den Stein, nahmen das Seil entgegen, das ihnen Uthriel reichte und begannen sie zu fesseln.

Der Goblin stammelte, brabbelte in einer unbekannten gutturalen Sprache. Er saß auf dem Boden, gefesselt an einen Riesenpilz. Sein Anblick erfüllte Neire mit einem tiefen Hass. Die fliehende Stirn, die dumm daher glotzenden Augen, die Angst die offensichtlich war. Neire strich sich seine Locken zurück und hob arrogant sein Kinn. Nein, keiner seiner Mitstreiter betrachtete ihn, würdigte seine Schönheit vor dieser abscheulichen Kreatur. Halbohr und Uthriel durchsuchten die Leichname nach Habseligkeiten. Hervor zog er seine linke Hand, die er bisher unter seiner gesegneten Robe versteckt hatte. Das Fleisch der Finger war jetzt verheilt, doch die Verbrennungen mussten grausam gewesen sein. Neire begann die Gestalt mit seiner linken Hand zu würgen, während er auf sie in der Sprache der Unterreiche einredete. Der Goblin stammelte weiter vor sich hin und wich seinem Blick aus; erregter als vorher. „Wer hat euch geschickt. Wer ist euer Herrscher?“ Nein, keine Antwort. Nur die Worte „Mutter“ und „Essen“ konnte er verstehen. Es schien zwecklos zu sein. Er stand auf und begann eine Fackel aus seinem Rucksack hervorzuholen. Alsbald begann das Licht des rußigen Feuers den unterirdischen Pilzwald zu erhellen. Lange Schatten formten sich. Schatten und Feuer, Feuer und Schatten. Neire nahm die Fackel und begann den Kopf der kleinen Kreatur zu entzünden. Schon schlugen die Haare Flammen hervor, die Gestalt fing an in Todesqualen zu schreien. Neire lächelte und dachte an die immerbrennenden Fackeln, die er im Palast entzündet hatte. Eine tiefe kindliche Freude erfüllte ihn. Feuer und Schatten, Schatten und Feuer. Der Ring, der ihm vermacht wurde, brannte schmerzhaft, aber wohltuend an seiner linken Hand. Er fühlte sich lebendig. Vergessen waren Qual und Trauer. Er dachte an die Runen im Feuer, an die Geheimnisse verborgen in den Schatten. Das Feuer glühte rötlich in seinen nachtblauen Augen.

Sie hatten im Pilzwald gelagert und begannen jetzt den Felstunnel zu erklimmen. Hier und dort mussten sie klettern, große Felsbrocken umgehen. Es ging fortan nach oben und die Luft begann langsam kühler zu werden. Eine Zeitlang ging das jetzt so. Gerade hatten sie eine Felswand überwunden, als sie vor sich eine kleine Höhle sahen. Der Tunnel endete dort. Sie konnten eine Leiter erkennen, die zu einer Öffnung in der Decke führte. Jedoch war die Öffnung durch einen Felsblock versperrt. Neben der Leiter war ein Hebel im Fels zu erkennen. Halbohr trat hervor, nickte seinen Mitstreitern wortlos zu und betätigte den Hebel. Der Fels über der Öffnung begann sich knirschend zu bewegen als er den Hebel betätigte, doch kaltes Wasser brach in Massen herab und flutete die Höhle. Als der Strom langsam abebbte begann Halbohr die Leiter hochzuklettern. Kühle Luft strömte ihm entgegen, Regen prasselte auf sein Haupt. Er blickte hinaus aus den Tiefen der Erde und sah über ihm einen wolkenverhangenen, bleiernen Himmel. Auf dem Block, der sich wegbewegt hatte, brannte eine bläuliche Flamme. Er war in einem kleinen Tümpel emporgestiegen, dessen Wasserstand nun in die Erde hinabgestürzt war. Um ihn herum sah er lichtes Gehölz, jetzt, im Regen und Zwielicht, undurchsichtig. Als er sich umdrehte, bemerkte er aus den Augenwinkeln ein rötliches Aufleuchten.​
« Letzte Änderung: 24.03.2022 | 21:54 von FaustianRites »

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Sitzung 02 - Der Aufstieg
« Antwort #2 am: 21.03.2022 | 23:49 »
Zwischenwelten hatten schon immer eine besondere Anziehungskraft auf mich. Im Kraftgemenge der sich auf ewig verschiebenden Elemente entstehen und zerbrechen Mengen zu Untermengen. Die Ausprägungen sind vielfältig, gefährlich und wunderschön, folgen offensichtlich keinen Gesetzen und führen zu immer neuen Lebensbedingungen. Kulturen – seltsam und gewöhnlich – bizarr und erbarmungslos – blutrünstig und schaffend – kommen und gehen. Der suchende Geist scheint vom Wandel an seine Extreme gebracht. So erinnere ich mich zurück an meine Zeit in der obsidianenen Stadt. Gefangen zwischen Eis und Feuer, gehüllt in die Schatten des Dampfes und der rötlichen Flammen, lag sie seit Ewigkeiten unter dem großen Gletscher…​

Verborgen unter Nebeln und Eis, unbekannter Unterreichsforscher


Halbohr zog sich in den strömenden Regen hinauf. Der Ort, den er betrachtete, hatte etwas Magisches an sich. Es berührten sich Unterreich und Oberwelt hier. Er drehte sich um und versuchte kauernd das Zwielicht zu durchblicken. Um ihn herum lag der Morast des jetzt geleerten Tümpels. Dahinter konnte er kleine, von lichtem Wald bewachsene, Erhebungen sehen. Hügelgräber einer längst vergangenen Zeit? Als er sein narbiges, kantiges Gesicht in Richtung des kleinen Altars drehte, hörte er ein Geräusch in der Dunkelheit. Plötzlich konnte er rötlich glühende Punkte von Augenpaaren sehen, die sich im Morast auf ihn zubewegten. Er reagierte schnell, erhob sich in Kampfposition und zischte: „Kommt hinauf… ein Hinterhalt“. Keinen Moment zu spät hatte er sich bewegt, denn schon zischte ein schwerer bronzener Speer an ihm vorbei, der mit einem schmatzenden Geräusch im Schlamm versankt. Halbohr sah jetzt bleiche Knochen auf ihn zu waten. Sie trugen die Reste von zerbrochenen oder verrosteten Rüstungen. Archaische Helme bedeckten bleiche Schädel, in denen rotglühende Augenpaare voller Hass nach Leben hungerten. Ein Stück weit watete er selber in den Schlick und zog seine Dolche in Erwartung des nahenden Kampfes.

Uthriel und Neire folgten Halbohr hastig die Stufen hinauf. Gedämpft durch das Geräusch des prasselnden Regens waren deutlich Kampfgeräusche zu hören. Sie sahen die in einen dunklen Filzmantel gekleidete Gestalt von Halbohr, die nur schemenhaft erkennbar war. Eine Handvoll Skelette hatte den Söldner bereits umringt; weitere rückten nach. Neire blickte abwechselnd in die Tiefe des Schachtes, abwechselnd zu den Kreaturen. Sie würden ihnen bestimmt nicht folgen, unter die Erde. Zurück in die sichere Dunkelheit… Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Eine skelettene Gestalt bedrängte jetzt auch ihn. Er duckte sich unter dem Schlag hinweg und vernahm den Geruch von Erde und Fäulnis. Neben ihm hatte Uthriel bereits eine der Kreaturen zu Fall gebracht. Seine schwarze Kleidung war mit Schlamm und Dreck besudelt; er stand fast knietief im Morast. Nur ab und an war sein nicht-menschliches Gesicht zu sehen. Im Zwielicht funkelten seine gelblichen Augen auf. Die drei Gefährten drängten sich jetzt Rücken an Rücken. Sie versuchten ihr Gleichgewicht zu bewahren und zur selben Zeit gezielte Angriffe auszuführen. Unermüdlich stachen sie zu; wieder und wieder durchschnitten ihre Klingen die Luft und trafen auf bleiche Knochen. Die Knochen der lebenden Toten schienen hart zu sein; hart wie verwitterter Stein.

Als der Steinblock samt blauer Flamme sich zu bewegen begann überkam Neire die Angst. Er wollte zurück, hinab in die Tiefe, in die Sicherheit. Er stieß das Skelett mehrfach von sich, das ihn bedrängte. Dann blickte er in Tiefe. Doch der Steinblock hatte sich bereits geschlossen. Der Rückweg war versperrt, der Tunnel nicht mehr zu sehen. Verzweifelt stieß Neire seinen mit Schlangenmustern verzierten Degen nach vorne. Der zum Kopf geführte Schlag bohrte sich durch das rot-glühende Auge des Skeletts und er hörte den Schädel knacken. Die Kreatur sank vor ihm im Morast nieder. Er sah keine weitere feindselige Gestalt in seiner direkten Nähe und drehte sich blitzartig zu Halbohr um. „Was sollten wir tun? Halbohr, … Halbohr, gebt Befehle!“ Der Söldner drehte sich nicht um zu ihm, doch er hörte die Stimme Halbohrs ihm antworten. „Bringt euch in Sicherheit, dort die Anhöhe… Ich werde euch folgen.“ Neire konnte zwar nicht sehen wo der Söldner hingezeigt hatte, doch er begann durch den Morast zu waten. Er schaute sich um, aber keine der Kreaturen war hinter ihm her. Als er sich bereits die Böschung hinaufzog hörte er den Schmerzschrei von Uthriel. Er blickte abermals zurück. Wasser lief in seine Augen und er keuchte. Halbohr kam bereits auf ihn zu. Verschwommen sah er Uthriel die verbleibenden Kreaturen bekämpfen. Er musste wohl verletzt worden sein. Neire zog sich weiter durch Matsch und Gras den Abhang hinauf, richtete sich auf und begann sich umzublicken. Die Bäume um ihn herum glänzten dunkel im Zwielicht des prasselnden Regens. Er konnte keine Bewegung ausmachen. Hinter sich hörte er Halbohr bereits den Abhang hochklettern. Neire sah wie der Söldner sich zu Uthriel umdrehte und hörte seine Stimme: „Uthriel, folgt uns, wenn ihr leben wollt.“ Neire kauerte sich unter einen Baum und betrachte den dunklen Wald. Er spürte, dass Halbohr neben ihm aufgeschlossen war. Gemeinsam blickten sie in die Dunkelheit, suchten nach einem möglichen Pfad. Plötzlich sah Halbohr zwischen den Bäumen weitere rötliche Augenpaare aufleuchten. Sie näherten sich ihnen rasch. Diesmal mussten sie kämpfen. Halbohr stellte sich fünf weiteren Skeletten. Neire versuchte derweil die Gestalten zu umgehen und von hinten anzugreifen. Erneut entbrannte ein Kampf. Als der verletzte Uthriel zu ihnen stieß, begann sich langsam das Blatt zu wenden. Gemeinsam streckten sie schließlich die letzte Gestalt nieder. Erst jetzt sahen Neire und Halbohr, dass Uthriel aus zwei tiefen Wunden blutete.

„Habt ihr Angst vor dem Feuer?“ Neire hatte sich zu der an einem Baumstumpf ruhenden Gestalt von Uthriel hinabgebeugt; seine leise lispelnde Stimme war kaum zu hören im Geräusch des Regens. Als Uthriel mit fragendem Blick seinen Kopf zu Neire wendete, begann der Jüngling zu lächeln. „Die Macht meiner Göttin fließt durch mich. Sie heißt Heria Maki. Sie ist Feuer, wie sie Schatten ist.“ Die weiße glatte Haut Neires glitzerte im Zwielicht; Ströme von Wasser liefen über sein Gesicht, tropften von seinen hellen, gelockten Haaren herab. Bevor Uthriel antworten konnte, führte Neire weiter aus: „Ich kann euch helfen, helfen eure Wunden zu schließen. Doch ihr müsst das Feuer akzeptieren, …, so sagt, habt ihr Angst vor dem Feuer?“ Uthriel schien einen Moment zu zögern. Doch er begann den Kopf zu schütteln, „Nein, ich habe keine Angst vor Feuer.“ Einen Augenblick schien die Zeit einzufrieren, im prasselnden Regen. Dann weitete sich das Lächeln Neires zu einem überzogenen Grinsen. Seine in der Mitte gespaltene Zunge fuhr über seine perfekten Zähne, als wolle er den Regen aufsaugen. Neire zog seinen linken Arm unter seinem jetzt durchnässten Umhang hervor. Er legte das vernarbte Fleisch der grausam verbrannten Hand behutsam auf die Wunde von Uthriels Seite. Seine rechte Hand begann seltsame Runen in die Luft zu zeichnen. Schlangenartige Laute der Beschwörung wurden vom Regen verschluckt. Einen kurzen Moment meinte Uthriel einen rötlichen Schimmer in den Augen von Neire zu sehen. Wie glühende Magma, durchzogen von schattigen Furchen. Dann kam der Schmerz. Wie Feuer schoss es durch seine Seite. Als ob glühender Stahl die Wunde berührte. Uthriel begann zu zittern, doch er zog die Zähne zusammen. Er spürte eine tiefe, sich chaotisch wandelnde, Macht in ihn eindringen. Als Neire von ihm abließ hatte sich die Wunde fast vollständig geschlossen.

Als die merkwürde Gruppe sich völlig durchnässt unter dem gewaltigen Baum niederließ, war das Zwielicht nicht gewichen. Sie waren einige Stunden querfeldein marschiert. Halbohr hatte die Richtung angegeben. Sie waren auf und ab gegangen, durch die von kleinen Hügeln durchzogene Landschaft. Keine weiteren Skelette waren ihnen begegnet und irgendwann hatten die Worte von Neire das Rauschen des Regens durchbrochen. Wieder und wieder hatte er Halbohr mit seinen Fragen belästigt. Ob er schon einmal einen Menschen umgebracht hätte; ob es ihm Spaß bereitet habe. Ob er bereits gefoltert hätte. Schließlich war Halbohr in Stille verfallen – dem Söldner war das Unbehagen anzusehen gewesen, doch er hielt sich stoisch an seinen ausgehandelten Vertrag. Als Neire seinem Unmut, seiner schlechten Laune freien Lauf ließ, hatte sich schließlich Uthriel eingemischt und Neire zur Stille ermahnt. Das hatte gewirkt. Jetzt kauerten sich die drei Streiter an die alte knorrige Eiche, die ihnen wenigstens ein wenig Schutz vor dem Regen gab. Sie nahmen wortlos ein karges Mahl ein. Das Gespräch, welches sie geführt hatten, nachdem Uthriel den Baum hinaufgeklettert war, war verstummt. Nur Wald und Hügel hatte er gesehen. Ein Land, begraben unter Zwielicht und überschüttet von Regen. Wortlos hüllten sie sich in ihre Wanderdecken und versanken in ferne Gedanken und unruhige Träume.​
 

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Sitzung 03 - In Regen und Dunkelheit
« Antwort #3 am: 24.03.2022 | 21:57 »
Neire kniete auf dem moosbewachsenen nassen Waldboden. Er hatte seinen Oberkörper entblößt, um sich in einer Pfütze zu waschen. Gerade blickte er selbstverliebt in das Spiegelbild, das er im Wasser sah und das durch den Regen immer wieder verzerrt wurde. Er war schlank, anmutig und drahtig; sein jetzt nasses, gelb-goldenes Haar fiel in Locken von seinem Kopf und umrahmte seine hohen Wangenknochen, seine gerade Stirn. Seine milchig weiße Haut schimmerte im diffusen Zwielicht. Sein gesamter linker Arm war jetzt entblößt und jeder konnte es sehen. Neire schaute sich kurz um und sah tatsächlich, dass Uthriel seinen Arm betrachtete. Bis einschließlich zur Schulter führten die grauenvollen Verbrennungen, die die Haut dunkel vernarben hatten lassen. Doch dort sah er auch das rötliche Funkeln. Die drei Fingerkuppen-große Rubine waren symmetrisch in die Haut seiner linken Schulter eingelassen und mit dem Fleisch verwachsen. Auch jetzt erfüllte Neire eine freie und ungebundene Freude, als er die drei Herzsteine betrachtete. Er blickte in das Wasser der Pfütze und begann wie in alter Gewohnheit nach den Runen zu suchen. Doch kein Glühen sah er, nur Dunkelheit und Schwärze. Bevor die Traurigkeit, die Sehnsucht erneut in ihm aufkam, raffte er sich auf. Er musste ein Gebet zu seiner Göttin sprechen.

Es wurde langsam dunkler, als Neire auf seine beiden Gefährten zuschritt. Er trat heran zu Uthriel, der sich unter die knorrige alte Eiche kauerte. Sie hatten alle eine unruhige Rast verbracht. Nur wenig Unterschlupf hatte der Baum geboten. Jetzt waren Kleidung und Decken bis auf die Knochen durchnässt. Von Uthriel waren im Zwielicht nur schattenhafte Umrisse zu erkennen. Gelbliche Augen schimmerten unter der Kapuze seines Mantels; seine dunkle Haut und die feinen Gesichtszüge ließen sein zu Teilen dunkelelfisches Blut erahnen. „Uthriel, seid ihr noch verletzt?“ Uthriel vernahm den süßlich-modrigen Geruch des seltsamen Parfüms, das Neire nach dem Waschen aufgetan hatte. Er nickte wortlos und deutete auf seine Seite, wo der dunkle Fleck von Blut unter dem Verband zu erkennen war. „Ich kann euch erneut die Macht meiner Göttin zukommen lassen, doch sie verlangt eine Gegenleistung. Lasst uns zusammen ein Gebet sprechen.“ Das Prasseln des Regens überdeckte die Stille, die in diesem Moment eintrat. Uthriel schien einen Moment zu zögern. Dann nickte er. „Gut, so soll es sein. Sprechen wir das Gebet zu Ehren der Göttin.“

Neire und Uthriel hatten sich beide auf das nasse Moos gekniet. Neire hatte seine linke Hand auf die Wunde gelegt und blickte ernst in die Augen von Uthriel. „Sprecht mir nach Uthriel, zu Ehren der Göttin.“ Der Regen fiel weiter in Strömen herab, als Neire zu sprechen begann. Das schattenhafte Licht hatte sich in eine rabenschwarze Nacht aufgelöst.

„Preiset die schwarze Natter, als Abbild unserer Göttin. Weinet nicht um die verglimmenden Feuer, weinet nicht um die erlischende Glut. Denn die Dunkelheit birgt ihre Ankunft. Schatten ist das Licht unserer Göttin und Flammen der Morgen ihrer Heiligkeit.“

Uthriel sprach die Worte Satz für Satz nach. Er blickte in Neires Augen und sah jetzt deutlich das rötliche Schimmern, das sich dort gebildet hatte. Wie funkelnde Magma, durchzogen von dunklen Rissen. Er spürte den Schmerz, wie von glühendem Eisen in seine Seite eindringen. Doch abermals fühlte er die chaotische Macht, die ihn durchflutete. Wie das Aufbrausen einer Feuersbrunst, wie flüsternde, wabernde Schatten. Seine Wunden begannen sich auf wundersame Weise zu schließen. Auch Neire spürte die Macht, doch ein sonderbares Brennen ging von dem Ring aus, den er an seiner linken Hand trug. Es war, als ob sich die silbernen Venen in dem schwarzen Stahl des Rings verformen würden. Ein leichtes Glühen war zu sehen, ein Schatten, der sich ausbreitete. Neire sah, dass sich eine neue Rune geformt hatte, die er kannte. Es war die Rune des mächtigen Dieners. Jetzt erhob sich Neire und trat auch zu Halbohr heran. Der grobschlächtige elfische Krieger mit dem silbernen Haar betrachtete mit weit geöffneten Augen die Dunkelheit des Waldes. Erkennbar waren die vielen Narben, die Halbohr als Erinnerung an vergangene Kämpfe trug. „Halbohr, ich sehe ihr seid verletzt. Meine Göttin, Heria Maki, kann auch euch helfen.“ Neire lächelte Halbohr generös zu. Als Halbohr zustimmend nickte, legte Neire seine Hand auf die Wunde und begann alte Gebete in einer seltsamen Sprache zu zitieren. Seine gespaltene Zunge brachte zischelnde Laute hervor. Doch nach kurzer Zeit brach der Jüngling ab und begann höhnisch zu lachen. „Das habt ihr davon Halbohr. Die Macht der Göttin wirkt bei euch nicht. So lange, wie ihr euch wie ein Schwächling hinter dem Vertrag versteckt, kann ich euch nicht helfen. Verbrennt den Vertrag als ein Opferzeichen und ich kann euch helfen.“ Natürlich hatte Neire die Täuschung geplant und Halbohr in die Irre geführt. Er hatte überhaupt nicht versucht die Macht der Göttin zu beschwören. Doch Halbohr schien ihm zu glauben. „Ich werde den Vertrag nicht verbrennen, er dient zu meiner Absicherung.“ Als Neire Halbohr antworten wollte, hörten die Gefährten einen entfernten Schrei leise durch den Wald hallen. Sie konnten nicht sagen, wie weit der Schrei weg war. Er hörte sich zuerst wie der eines Raubvogels an, doch wurde dann zu einem halbmenschlichen. „Wartet hier, ich werde dem Schrei nachgehen“, sagte Halbohr flüsternd und kaum durch den Regen zu erhören. Neire und Uthriel nickten zustimmend, zogen leise ihre Waffen und blickten dem Elfen nach, der schleichend in die Dunkelheit verschwand.

Halbohr bewegte sich leise durch die schwarze Nacht. Er mied größere Pfützen und umgestürzte Bäume. Weiter in die Richtung, wo er das Geräusch gehört hatte. Bald schon konnte er Kampfeslärm hören. Die Sicht auf das Geschehen wurde ihm durch einen umgestürzten Baum genommen. Er schlich sich im toten Winkel der aufragenden Wurzel weiter auf das Geräusch zu. Die Dunkelheit konnte er mit seinen elfischen Augen durchblicken. An der Wurzel ging Halbohr in Deckung und lugte vorsichtig hervor. Er sah im Regen das Aufglimmen von rötlichen Augen. Eine Reihe von Skeletten hatte einen, in eine Lederrüstung gehüllten, Krieger umzingelt. Neben den humanoiden Skeletten, die Speere und Rüstungsteile trugen, sah er außerdem tierische Kreaturen aus bleichen, vermoderten Knochen, die einst wohl große Hunde oder Wölfe gewesen sein mussten. Halbohr beobachtete die Szenerie und entschied sich abzuwarten. Der Kampf entwickelte sich gegen den Krieger. Sein Oberschenkel wurde von einem Speer durchbohrt und er stürzte zu Boden. Schon drangen die tierischen Skelette auf ihn ein. Der Krieger versuchte sich noch einmal aufzuraffen, stieß einen Schmerzensschrei aus. Dann brach er hernieder und sein Körper begann wild zu zucken. Die Skelette drangen weiter auf ihn ein, als würden sie nach jedem Funken kostbaren Lebens, nach jedem Tropfen Blut lechzen. Halbohr hielt sich verborgen und entschied weiter abzuwarten. Abzuwarten, bis die Kreaturen von der Leiche abließen. Doch wieder und wieder stachen die Speere zu; wieder und wieder rissen die Hunde Stücke von Fleisch aus der Gestalt. Plötzlich zuckte Halbohr zusammen als er eine Hand auf seiner Schulter spürt. Als er sich umdrehte, hörte er die zischelnde Stimme Neires. „Was ist mit der Gestalt, lebt sie noch? Sollen wir eingreifen?“ „Nein, wartet ab Neire. Ich werde mich von rechts anschleichen,“ antwortete der Söldner. Neire kauerte sich jetzt an die Stelle an der Halbohr verweilt war. Auch Uthriel war mit Neire den Geräuschen nachgegangen. Er versteckte sich hinter einem knorrigen Baum. Neire und Uthriel sahen die Gestalt des Söldners durch die Dunkelheit in Richtung des Kampfes huschen. Als sich Halbohr in Position gebracht hatte, näherten sich auch Neire und Uthriel aus verschiedenen Richtungen. Halbohr startete den Überraschungsangriff aus der Dunkelheit und rammte seinen Dolch von hinten in den Schädel einer Kreatur. Die Kreatur begann niederzusinken, das rötliche Glühen verschwand aus den Augen. Doch jetzt begannen sich die verbleibenden Kreaturen Halbohr zuzuwenden. Ein wilder Kampf entbrannte, als auch Neire und Uthriel sich auf die Skelette stürzen. Hin und her wogten die Angriffe, die die Streiter ausführten. Einige der Skelette wendeten sich nun Neire und Uthriel zu. Als einer der Speere Neire in der Brust traf, erfüllte sein heller Schrei den Kampfplatz. Doch sahen Neire und Uthriel wie Halbohr von zwei Speeren durchbohrt wurde und mit einem grimmigen Gesichtsausdruck zu Boden ging. Die beiden Streiter standen jetzt alleine gegen die verbleibenden Skelette. Sie konnten nicht sehen, ob Halbohr noch lebte.

Mit einem kräftigen Hieb seines Langschwertes trennte Uthriel den Kopf des Hundeskelettes ab. Das das letzte Paar glühender Augen verglimmte. Neire und Uthriel blickten sich rasch um. Es waren keine weiteren Gestalten mehr zu erkennen. Zwischen den verrotteten bleichen Knochen sahen die beiden die leblose Gestalt von Halbohr im Regen liegen. Er hielt noch immer seine beiden Dolche umklammert, sein grimmiges Gesicht war mit Blut bedeckt. Neire näherte sich Halbohr und kniete nieder. Er legte die leicht gewellte Klinge seines Degens mit dem von Schlangen verzierten Griff auf den Boden und prüfte seinen Gefährten nach Lebenszeichen. Ein schwacher Puls war noch zu erfühlen, jedoch sah Neire einen Blutstrom aus einer der Speerwunden strömen. Er begann ein Leinentuch aus seinem Rucksack zu holen und die Wunde zu verbinden. Seine Gedanken waren jedoch bei dem Vertrag, der seiner Meinung nach ihn knechten, seinen Geist unterwerfen sollte. Neire dachte zurück an die Gemächer des Turmes von Trellentorm, an die er sich nur noch verschwommen erinnern konnte. Da war es wieder, …, das Hämmern des glockenartigen Nachhalls in seinem Schädel. Ich muss ihn finden, …, muss ihn finden und vernichten. Ist das meine Aufgabe, ist das das Schicksal der Stadt? Neire drehte den Körper Halbohrs um. Er vernahm den süßlichen Geruch von Schweiß, der von dem elfischen Söldner aufstieg. Seine Hände waren noch mit dem Blut Halbohrs bedeckt, als er in dessen Rucksack nach dem Schriftstück zu suchen begann. Schließlich zog er mehrere Siegeldokumente hervor, unter denen er auch den Vertrag sah. Wut flammte in Neire auf. Er nahm das Stück Papier, schloss seine Augen und dachte an das brodelnde Magma und die sich ewig wandelnden Runen aus Schatten. Er beschwor die Macht seiner Göttin, so wie die Priester es ihm gezeigt hatten. Doch jetzt begann sich die Flamme tatsächlich zu formen. Wilde Freude erfasste ihn, als er sah wie das magische Feuer aus seiner linken Hand aufstieg. Er nahm den verhassten Vertrag und führte ihn dem Feuer seiner Göttin zu. Schon bald begannen sich die Seiten in Rauch und Asche aufzulösen.

Neire erhob sich und blickte zu Uthriel. „Habt ihr etwas gefunden?“ Uthriel hatte die Überreste der Skelette untersucht und den Inhalt des Rucksacks offenbart, den der jetzt tote Krieger bei sich trug. Neire betrachte die Gegenstände, unter denen er nichts besonders Wertvolles ausmachen konnte. Schließlich sah er die Rolle einer Kordel und es kam ihm eine Idee. Er musste grinsen. „Uthriel, …, Halbohr hat heute nicht sein Wort gehalten. Er wollte mich beschützen, doch er wurde von diesen Kreaturen niedergemacht. Nur die Macht meiner Göttin konnte ihn vor dem sicheren Tod bewahren.“ Uthriel blickte Neire fragend an. Er war noch immer über den Inhalt des Rucksacks gekniet: „Was wollt ihr mir sagen Neire, worauf wollt ihr hinaus?“ Neire trat zu Uthriel und nahm die Kordel und eine Sichel an sich, die der tote Krieger trug. „Wartet Uthriel, …, wartet; ihr werdet es schon sehen.“ Neire führte die Sichel zum Leichnam hinab und begann eines der Ohren des unbekannten Kriegers abzuschneiden. Die Haut war merkwürdig ledrig und widerstand den ersten Schnitten. Als er das Ohr abgetrennt hatte, trat er zu Halbohr und fing kindlich an zu lachen. Er erinnerte sich zurück an die guten Zeiten; als sie als Kinder der Flamme ihre schlafenden Kameraden geneckt hatten; als sie ihnen obszöne Symbole ins Gesicht gemalt hatten. Er nahm das abgetrennte Ohr und die Kordel und legte die Narbe an Halbohrs Kopf frei. Als er die silbernen Haare zur Seite gerafft hatte, drückte er das blutige Stück Fleisch auf die Stelle des fehlenden Ohrs und begann die Kordel um den Kopf zu binden. Höhnisch grinsend richtete er sich auf und blickte zu Uthriel: „Von heute an könnte er Zweiohr oder Vollohr heißen. Was meint ihr Uthriel?“

Neire und Uthriel begannen durch den Wald zu laufen. Sie hatten Geräusche aus dieser Richtung gehört; Geräusche von den sie glaubten, dass sie leiser wurden. Die Furcht, dass sie etwas belauscht hatte, trieb sie an. Sie hatten Halbohr im Regen liegengelassen und waren vorsichtig in die Schwärze der Nacht vorgedrungen. Als sie die Spuren gefunden hatten, waren sie sich sicher; jemand hatte sie beobachtet und flüchtete jetzt. Dann waren sie schneller und schneller gelaufen. Hatten hier und dort angehalten und gehorcht. Gerade hatten sie einen kleinen Hügel überquert, als sie verschwommen Bewegungen sahen. Vor ihnen flüchteten kleine Humanoide Gestalten, die von Moos und Flechten überwachsen waren. In ihrer Mitte war eine pflanzenartige Kreatur, in der Größe eines Hundes erkennbar. Keinen Kopf konnten die beiden ausmachen; als würde eine aus Dornenranken gewachsene Pflanze wandeln. „Halt!“ Neires Stimme durchbrach das gleichförmige Geräusch des Regens. Beide Streiter hatten ihre Waffen gezogen. Die Kreaturen verlangsamten ihre Flucht und drehten sich um. Doch Neire und Uthriel hörten einen schrillen hohen Schrei des Pflanzenhundes, als die Gestalten zum Angriff ansetzen. Ein wilder Kampf entbrannte, in dem die Klingen von Uthriel und Neire anfangs die Ranken der wandelnden Pflanze nicht durchdringen konnten. So konzentrierten sie sich auf die Humanoiden und töteten einen nach dem anderen. Als sie schließlich die Pflanze umzingelt hatten, durchschnitt das Langschwert von Uthriel den Rankenpanzer und zerteilte die Kreatur. Einen weiteren der flüchtenden Humanoiden machen sie rücklings nieder. Sie untersuchten noch die Leichen, doch dann kam ihnen der Gedanke: Wo war Halbohr? Im Eifer des Gefechts hatten sie die noch immer bewusstlose Gestalt liegengelassen. Hastig machten sich die beiden auf den Rückweg.​

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Sitzung 04 - Feuer und Geborgenheit
« Antwort #4 am: 28.03.2022 | 21:14 »
Der Wald war in Dunkelheit getaucht. Das an Laub- und Nadelbäumen hinablaufende Wasser schimmerte. Strömender Regen ließ hier und dort Rinnsale und Pfützen entstehen. Ein Schleier von Nässe betäubte die Sinne und wurde regelmäßig unterbrochen von größeren Tropfen, die sich aus dem Unterholz lösten. Die ungleichen Gefährten hatten sich am Kampfplatz versammelt. Um sie herum waren neben den Überresten von Skeletten ein frischer Leichnam zu sehen; ein Krieger mit blutbefleckten blonden Haaren. Sein Gesicht war nicht mehr zu erkennen. Eingeschlagen war sein Schädel, zerfetzt sein Brustkorb, abgetrennt war ein Ohr, geplündert seine Habseligkeiten.

Halbohr hustete Blut, als er zu Bewusstsein kam. Schmerzen überall. Irgendetwas drückte auf die Narbe seines vor langer Zeit verlorenen Ohres. Seine grünlichen Augen erfassten verschwommen die Umgebung. Direkt vor ihm sah er das Gesicht des schönen Jünglings, das fast sein gesamtes Sichtfeld versperrte. Neire hatte sich zu Halbohr niederkniet und ihm kleine Ohrfeigen geben. Als der elfische Söldner aufwachte, lächelte Neire ihn an. Obwohl Neire sein Bestes tat um fröhlich auszusehen, sah man ihm doch die Strapazen der vergangenen Tage an. Der Regen und die Kälte begannen nicht nur ihm zuzusetzen. Halbohr jedoch war dem Tode immer noch nahe. Seine Arme zitterten als er vorsichtig nach seinem Ohr tastete. Seine Stimme war vielmehr ein Flüstern: „Was ist passiert.“ „Ihr wart dem Tode nahe“, antwortete Neire. Er legte einfühlsam eine Hand auf Halbohrs Schulter. „Nur mit der Kraft meiner Göttin konnte ich euch zurückholen.“ Er ließ einen Augenblick zwischen den Worten, die er wählte. „Zuerst war meine Kunst wirkungslos, doch dann, …, doch dann konnte ich euch helfen.“ Seine Stimme kam ins Stocken, sein Lispeln und der starke Akzent einer fremden Sprache waren jetzt besonders deutlich zu hören. „Meine Göttin forderte Tribut; der Vertrag musste sich in Flammen auflösen.“ Neire versuchte so freundlich wie möglich zu wirken, doch der elfische Söldner ächzte auf, knirschte mit den Zähnen. „Auch wenn Schrift vergangen ist, haben die Worte bestand,“ flüsterte Halbohr gegen den Regen. Neire schüttelte energisch seine nassen gold-blonden Locken und erwiderte: „Nein, alles was IHREN Flammen übergeben wurde, existiert nicht mehr. Solange Ihr Euch an Gesetze klammert, werdet Ihr schwach bleiben.“ Er führte weiter fort. „Wendet Euch IHR zu, nur so kann ich Euch beim nächsten Mal helfen.“ Halbohr blickte Neire hasserfüllt an. „Vielleicht wird es kein nächstes Mal für Euch geben.“

Uthriel beugte sich über den Rucksack des toten Kriegers und suchte weiter nach geheimen Fächern. Das Leder war nass und schwer. Er beachtete Halbohr und Neire nicht weiter. Als er ein fein gearbeitetes spitzes Jagdmesser hervorzog, blickte er auf und hörte Halbohr durch den Regen zischen. „Was ist das? Wer hat das gemacht?“ Halbohr hatte das blutige Ohr samt der Kordel von seinem Kopf gelöst und hielt es vor sich. Neire war aufgestanden und wich vorsichtig über die Reste der Skelette zurück. „Wir, wir dachten es würde euch helfen, …, vielleicht anwachsen... Im Unterreich gab es Heiler, die abgetrennte Gliedmaßen anwachsen lassen konnten. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“ Halbohr blickte Neire immer noch feindselig und ungläubig an, ließ sich dann aber erschöpft zurücksinken und schloss seine Augen. Er sah nicht, dass Neire sich zu der Gestalt des toten Kriegers herabgebeugt hatte.

Neire betrachtete den Kopf des blonden Mannes. Wie hatte wohl das Gesicht einst ausgesehen? Gleichzeitig war er geekelt und doch fasziniert von der roten Suppe aus Haut, Knochen und Zähnen. Eines der Augen war hervorgequollen und betrachtete ihn unentwegt. Regenwasser strömte hinab und vermischte sich mit dem Blut. Er bewegte einige der Knochenplatten, indem er seine Finger eindringen ließ. Darunter kam Gehirnmasse hervor. Seine Gedanken schweiften zurück in eine jetzt ferne Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die er in den letzten Tagen verdrängt hatte. Fackelschein und Gerüche von seltsamen Gewürzen. Chin’Shaar Fleisch. Als besondere Delikatesse hatte er davon gekostet. Einmal gab es sogar einen halb-geöffneten Schädel mit rohem Chin’Shaar Gehirn. Er hatte sich damals nicht getraut davon zu kosten. Versunken in Gedanken hatte Neire bereits eines der Gehirnstücke in seinen Mund geführt. Er vernahm den Geschmack von Eisen als er zu kauen begann.

Sie waren eine lange Zeit den Spuren durch die Dunkelheit und den Regen gefolgt. Neire hatte immer wieder versucht Halbohr aufzumuntern. Doch Halbohr hatte nur schmerzhafte Laute von sich gegeben. Dem elfischen Söldner schien es immer schlechter zu gehen. Irgendwann war der Wald dichter geworden und Halbohr hatte begonnen zu schwanken, zu stolpern. Neire hatte versucht ihn zu stützen, doch Halbohr hatte sich nicht helfen lassen. Schließlich war er gestürzt und Neire und Uthriel hatten ihn rückwärts an einen Baum gesetzt. Halbohr hatte gezittert und war kaum noch ansprechbar gewesen. Er schien zu fiebern. Neire und Uthriel hatten dann vereinbart, dass Uthriel den Spuren weiter folgen sollte. Eine lange Zeit war Uthriel jetzt schon fort und Neire hatte aufgehört auf Halbohr einzureden. Zudem hatte er in Halbohrs Augen etwas Grünliches gesehen, wie die Spuren von Moos. Er grübelte gerade, ob er den Begleiter mit dem Teil dunkelelfischen Blutes jemals wiedersehen würde, als er eine Stimme aus dem Wald hörte. „Neire, Halbohr, eine Hütte, …, verlassen und nicht weit von hier. Kommt…“

Sie waren Uthriel durch den Wald gefolgt, bis an einen Abhang. Neire und Uthriel hatten Halbohr unter den Armen gepackt und ihn durch den Wald gezogen. Hinter dem Abhang hatten sie die kleine Jagdhütte gesehen. Das Holz des Spitzdaches schimmerte nass in der Dunkelheit. Wie Uthriel gesagt hatte, schien die Hütte verlassen, aber nicht unbewohnt zu sein. Neire und Uthriel hatten schließlich die verschlossene Türe aufgerammt. Im Inneren hatten sich ihnen ein kleiner Ofen, zwei Stuben und eine karge, aber nützliche Einrichtung offenbart. Sie hatten die Räume durchsucht und Uthriels wachsame Augen waren auf eine geheime Falltür, unter einem Bett einer der Stuben gestoßen. Stufen hatten sie hinabgeführt in zwei aus dem Felsen geschliffene Kellerräume. Eine Quelle, Vorräte und die Spuren von Ausweidungen hatten sie aufgefunden. Schließlich waren sie mit Vorräten nach oben zurückgekehrt und hatten die Geheimtüre hinter sich verschlossen. Jetzt brannte ein kleines Feuer in dem gusseisernen Ofen; in einem Kochtopf brutzelte eine Suppe aus Trockenfleisch und Pilzen. In Halbohr war langsam wieder etwas Leben zurückgekehrt. Doch er konnte sich kaum noch wachhalten. Er hatte sich wortlos in einen der kleineren Räume zurückgezogen und war in seiner nassen Kampfausrüstung auf dem Strohlager niedergesunken. Die Flammen des Feuers spielten jetzt mit den Schatten. Eine wohlige Wärme hatte sich in dem Raum verbreitet in dem Neire und Uthriel saßen. Neire betrachtete Uthriel. Er sah das Gesicht mit der steingrauen Haut, den spitzen Ohren. So lange er auch grübelte, er konnte das Alter seines Begleiters nicht abschätzen. Uthriels gelblich schimmernde Augen wirkten nicht müde. Im Gegensatz zu Halbohr schien er Neire erfahrener und robuster zu sein. Zudem hatte er mit Neire das Gebet zu seiner Göttin gesprochen. Ich sollte ihm von der Göttin erzählen, ihren wahren Namen nennen. Vielleicht ahnt er es schon. Er scheint aus dem Unterreich zu kommen. Neire blickte in Richtung des Raumes in dem Halbohr schlief. Von dort hörte er leise Schlafgeräusche. „Uthriel ich muss euch etwas erzählen, etwas anvertrauen. Könnt ihr ein Geheimnis behalten?“ Uthriel betrachtete seinen Gegenüber. Neires lange Locken waren getrocknet und glänzten rot-golden im Lichte der Glut. „Ich kann ein Geheimnis behalten. Was ist es? Sprecht.“ Die Schatten schienen in diesem Moment länger zu werden, als sich Neire in das rötliche Licht wendete. „Meine Göttin ist nicht Heria Maki.“ Er sprach den Namen der rechtschaffenen Feuergöttin mit zischender Verachtung. „Meine Göttin ist Feuer und Schatten, sie ist die Schwertherrscherin, die Flamme des Chaos, sie hat Tausend Namen…“ Wieder war da das Glühen von Magma in Neires sonst blauen Augen zu sehen. „Sie ist die Königin von Feuer und Dunkelheit. Ihr Name ist JIARLIRAE.“

Neire und Uthriel hatten sich bei der Wache abgewechselt. Uthriel hatte die erste Wache übernommen. Wilde Träume hatten derweil Halbohr und Neire gequält. In Neires Traum hatten Wunden Blut hervorquellen lassen. Blut, das in dem Ring verschwand, den er trug. Der Ring wurde schwerer und neue Runen bildeten sich. Runen des Ringes, deren Sinn er nicht erkennen konnte. Halbohr hatte von seiner Kasernenzeit geträumt. Als sein Ohr abgetrennt wurde, spürte er doch eine Art von Unterstützung. Irgendwann hatte Uthriel Neire geweckt. Die Nacht musste jetzt bereits vergangen sein. Neire hatte seine Gebete zu Jiarlirae abgeschlossen und sein Ritual beendet. Er starrte in die Flammen des Ofens und lauschte dem Knistern der Glut und dem Prasseln des Regens. Plötzlich hörte er ein Geräusch von splitterndem Glas. Stöhnen und Ächzen drangen von draußen durch den Regen. Verrottete Hände begannen durch die Fenster zu fassen und an die Türe zu trommeln. Hastig sprang er auf, alarmierte Halbohr und Uthriel und streifte sich das dunkelelfische Kettenhemd über. Uthriel war als erster an der Türe und begann diese zu sichern. Doch vergeblich. Das Holz begann schon zu splittern, als sich die ersten Kreaturen hereindrängten. Die Leiber halb verrottet, gierten leblose Augen nach dem Fleisch der Lebenden. Ein Gestank von Verwesung machte sich in der Hütte breit, als die nassen Körper willenlos nach vorne drängten. Neire beschwor einen Degen aus purem Feuer und so begannen Uthriel und er die Türe in erster Reihe zu sichern. Halbohr warf von hinten mit Dolchen. Ein heftiger Kampf entbrannte und Körper um Körper wurde zu Fall gebracht. Doch der Strom toter Leiber ebbte nicht ab. Als das Licht von Neires Flammenklinge bereits erloschen war, sahen die drei Gefährten die Fremden, die sich durch Regen und Matsch näherten. Ein in eine Rüstung gekleideter Ritter, von zwei Schritten Größe schwang eine gewaltige Hellebarde. Ihn begleiteten zwei kleinere Krieger; ein Elf und eine Dunkelelfin. Die Hautfarbe der Dunkelelfin war schwarz wie die Nacht. Auf dem Waffenschurz des Ritters erkannte Neire das Wappen der Stadt Fürstenbad. Zwei nach oben schauende Fische, Rücken an Rücken mit aufgerissenen Mäulern auf weißem Grund. Als der letzte der Untoten bekämpft war, watete der Ritter durch den Matsch und baute sich vor Neire und Uthriel auf. Seine Stimme klang donnernd durch die Nacht: „Unleben muss vernichtet werden. Seid ihr auf unserer Seite?“

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Sitzung 05 - Der Fels der nicht war
« Antwort #5 am: 2.04.2022 | 09:23 »
Durch die halb zerbrochene Türe offenbarte sich der Blick in den strömenden Regen; in einen urtümlichen Wald, der von einem wolkenverhangenen Himmel in zwielichtige Dunkelheit gehüllt wurde. Kalte, nasse Luft drang in das Innere der Jagdhütte. Der kleine hölzerne Raum, der den Streitern als scheinbar sicherer Rückzugsort gedient hatte, war jetzt in einem chaotischen Zustand. Holzsplitter, Glasscherben und umgestürzte Möbel bedeckten den Boden. Der gesamte Türbereich war von halb verwesten Leichen bedeckt. Der Gestank war allgegenwärtig. Blut und Leichensäfte glitzerten am Boden und an Wänden, im Lichte der langsam verglimmenden Glut.

Neire stolperte über die Leichen zurück. Er versuchte, so gut wie es ging, seinen verbrannten Arm hinter dem Rücken zu verstecken. Noch immer schmerzte die blutende Wunde, die er sich selbst im Kampf mit der flammenden Klinge zugefügt hatte. Er atmete schwer und beugte den Kopf unterwürfig, als der Ritter in der silbernen Rüstung ihn betrachte. Er sah aus den Augenwinkeln, wie Halbohr aus dem hinteren Teil des Raumes herüber humpelte. Den elfischen Söldner hatte es wieder hart getroffen. Wunden und Schmutz bedeckten seinen Körper und Haare. Neire und Uthriel antworteten dem Ritter nicht, doch Halbohr erhob seine Stimme: „Wir sind auf eurer Seite, Fremder.“ In diesem Moment trat eine weitere Gestalt über die Leichen hinweg und in den Raum hinein. Die kleine Frau der Größe eines heranwachsenden Kindes, mit platinblondem Haar und kohlrabenschwarzer Haut erhob die Stimme. „Seht ihr es nicht? Sie sind nicht die Urheber.“ Die Dunkelelfin mit dem plumpen Gesicht trug einen silbernen Stab und betrachte Uthriel, Halbohr und Neire der Reihe nach. Ihr war ein niederträchtiger Ausdruck anzusehen. Die Spannung, die über dem Raum lag, schien sich dennoch zu lösen. Die Streiter sahen, wie der Ritter seinen bereits halb geöffneten Helm vom Kopf zog. Eine Aura von Zuversicht und Geborgenheit ging von ihm aus. Er lächelte den Gefährten zu. „Nun, wir sind euren Spuren gefolgt, haben die Leichenreste gesehen, die ihr hinterlassen habt. Ihr haben meinen Respekt, wenn ihr es mit all diesen untoten Kreaturen aufgenommen habt.“ Er lächelte die drei an. Seine blauen Augen wirkten aufgeweckt; die schwarzen kurzen Haare, die unter seinem Helm gelegen hatten, dampften nass. „Aber entschuldigt bitte meine Unhöflichkeit. Ich vergaß, mich vorzustellen. Mein Name ist Rasmus. Paladin, in den Diensten der Stadt Fürstenbad.“ Er blickte sich um. Doch ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er fort. „Dies sind meine Gefährten. Loec, vom Volk der Waldelfen und Rowa, vom Volk der Dunkelelfen.“ Erst jetzt sahen die drei Gefährten die dritte Gestalt aus der Gruppe der Fremden, die bei den Leichen der Türe stand. Der Waldelf war größer als Rowa und trug unscheinbare, der Umgebung angepasste Jagdkleidung. Unter seinem schulterlangen braunen Haar, sah man die Ringe eines Kettenhemdes glänzen. Loec hatte einen Bogen geschultert und trug einen Speer, dessen silberne Spitze in der Dunkelheit funkelte. Jetzt erhob Halbohr seine Stimme und antwortete auf die Vorstellung: „Es freut mich euch kennenzulernen. Mein Name ist Halbohr. Wir sind eine Jägergilde und hier gestrandet. Wir wurden von den Untoten überrascht.“ Neire hatte den Moment der Ablenkung genutzt und war bereits in den hinteren Teil des Raumes zurückgewichen. Hastig und so unauffällig wie möglich begann er seine Kleidung über das dunkelelfische Kettenhemd zu streifen. Er spürte den wohligen Geruch des Chin’Shaar Leders. Mit wachsender Zuversicht begann er sich umzudrehen. Er versteckte den linken Arm unter dem heiligen Umhang seiner Göttin.

Sie hatten die Leichen aus dem Raum geräumt und die Eingangstüre behelfsmäßig repariert. Uthriel hatte dabei herausgefunden, dass die Rüstungsteile der jetzt toten Leiber Muster einer alten Zeit trugen. Eine Zeit, die er auf 500-600 Jahre in der Vergangenheit schätzte; eine Zeit, in der diese Gegend von Kriegen überzogen wurde. Währenddessen hatte sich Rasmus um die Wunden von Halbohr gekümmert. Rowa hatte begonnen die Hütte abzusuchen und war auch auf die Geheimtüre gestoßen. Nun saßen sie alle am Feuer, das Neire mit trockenen Holzscheiten wieder entfacht hatte. Obwohl die Fenster noch immer zerschlagen waren, hatte sich wieder eine wohlige Wärme in der kleinen Hütte gebildet. Gerade zog Rasmus einen schweren Lederschlauch hervor und ließ seine mächtige Stimme ertönen: „Wer von euch trinkt einen Becher Wein mit mir? Ich lade euch alle ein.“ Neire nickte in freudiger Erwartung und begann alsbald Becher zusammenzusuchen. Schon goss Rasmus jedem einen vollen Becher ein. Nur Loec und Rowa verwehrten das Geschenk. Als sie den ersten Becher geleert hatten, schenkte Rasmus eine zweite Runde nach, an der nur er und Neire teilnahmen. Auch Halbohr und Uthriel lehnten jetzt ab. Rasmus nahm nochmals einen großen Schluck und begann zu erzählen. „Ihr müsst wissen, wir dienen einem alten Bund. Das bringt solch seltsame Gefährten wie uns zusammen.“ Loec und Rowa blickten missmutig auf ihren Anführer. „Aber vereint sind wir im Kampf gegen das Unleben. Irgendwo muss es einen Quell geben, einen Ursprung für diese Seuche.“ Er sah, dass Neire bereits seinen zweiten Becher geleert hatte, hielt kurz inne, um seinen ebenso zu leeren und schenke dem Jüngling und sich selbst eine weitere Runde nach. „Ja, dieses Jahr, in diesen Zeiten ist es besonders schlimm. Gerade Grimmertal scheint davon betroffen zu sein… und dann dieser Regen… ha…“ Als Rasmus zu fluchen begann, dachte Neire nach. Er hatte den Namen Grimmertal schon einmal gehört. Er erinnerte sich daran, von einer dünn besiedelten Region im Süden von Fürstenbad gehört zu haben, eine Region, mit wenigen kleinen Ortschaften und umso mehr Jagdhütten. Eine Region, in der ein Dorf selbst Grimmertal hieß. Als Neire nachdachte, hatte Rasmus seine Ausführungen bereits fortgeführt und der Name Klingenheim war gefallen. Auch diesen Namen hatte Neire bereits gehört. Doch nichts Gutes war ihm in Erinnerung geblieben. Er hatte gehört von einem Hort zwielichtiger Gestalten, die umgänglich als Abschaum bezeichnet wurden; von Tagelöhnern und leichten Damen, von Glücksspiel und Gewaltexzessen.

Neire hatte bereits seinen dritten Becher geleert und sah, dass Rasmus ihn jetzt angrinste. Er schenkte ihm nochmal nach und fragte: „Was ist mit euch Junge? Woher kommt ihr und was hat euch mit diesen ungleichen Gefährten zusammengebracht?“ Neire spürte jetzt den Rausch. Adrenalin begann zudem durch seine Adern zu pulsieren, als er die Augenpaare sah, die auf ihn gerichtet waren. Ich muss unerkannt bleiben, ich darf meine Suche nicht gefährden. Sein Magen rutschte plötzlich hinab und das Denken wart ihm schwer. Immer wieder kam ihm die Suche in den Sinn. Er ließ den Kopf hängen und fing an zu weinen. Keiner sah die Tränen, da sein Gesicht bedeckt war von seinen blonden Locken, die jetzt rötlich in des Feuers Glut schimmerten. Er begann schluchzend zu sprechen und so gut es ging seinen schweren Akzent und seine zischende Aussprache zu verbergen. „Ich komme ursprünglich aus Fürstenbad. Doch wurde ich entführt. Schon als Kind… vom Volk dieser dort.“ Er blickte auf und musterte Rowa. Tränen schimmerten in seinen blauen Augen und liefen über die reine weiße Haut seiner Wangen hinab. „Meine Mutter haben sie getötet, doch ich konnte entkommen.“ Als Rasmus den Arm auf seine Schulter legte, schluchzte er umso lauter auf. Er hörte die dunkle, jetzt fast andächtige Stimme von Rasmus: „Ich verstehe, ihr habt einiges mitgemacht. Doch es müssen Kräfte in euch schlummern, so habt ihr doch die Flucht aus dem Unterreich geschafft.“ Rowa machte in diesem Moment ein zischendes Geräusch und schaute Neire hasserfüllt an. Sie erhob ihre Stimme in der Sprache der Dunkelelfen. „Ich sehe es doch, ihr lügt!“

Sie hatten danach noch einige Zeit am Kamin gesessen und Geschichten ausgetauscht. Gerührt von Neires Schicksal, hatte Rasmus ihm immer wieder Wein nachgeschenkt. Erzählt hatte Rasmus zudem von der Geschichte des alten Bundes, der nach den Kriegen zwischen den verschiedenen Völkern errichtet wurde. Schließlich hatte Halbohr die Begegnung mit dem Jäger ausgeplappert und auf die Frage hin, ob sie den Leichnam beerdigt hatten, herrschte kurz Schweigen. Die Stimmung war fast gekippt; das Misstrauen von Rowa und Loec hatte überhandgenommen. Dann hatte Neire von der Krankheit von Halbohr und von seinem Zustand berichtet; dass es sich um einen Notfall gehandelt hatte. Das hatte die Fremden beruhigt. Das Gespräch war dann um eine mögliche Route nach Grimmertal gekreist. Als sie bereits einige Wege erörtert hatten war Neire angetrunken aufgestanden. „Ich habe genug, ich kann das nicht mehr. Ich weiß gar nicht, wie lange ich jetzt auf der Flucht bin. Wollt ihr uns nicht nach Grimmertal begleiten Rasmus?“ Rasmus hatte kurz überlegt, seine Kameraden angeschaut und dann tatsächlich zustimmend genickt.

Neire blickte durch den Nebel von Feuer. Das Gesicht war kurz dagewesen und doch zwischen der flimmernden Hitze verschwunden. Er spürte die Flammen auf seiner Haut brennen; es war als ob sie mit ihm spielen wollten. Hatte er seinen Geist geöffnet? Hier und dort sah er das Feuer dunkle Schatten formen; doch so sehr er sich auch bemühte, seine Runen konnte er nicht sehen. Jetzt hörte er die Flammen hinter ihm knistern und knacken. Ein Raunen, das sich zu einer bekannten Stimme formte. Er drehte sich um und da war es wieder. Das liebliche Gesicht, nach dem er sich so gesehnet hatte. Rötlich wallendes Haar umspielte ihre prominenten Wangenknochen. Die Zeremonienrüstung aus Kupferplatten schimmerte sanft im Antlitz der allgegenwärtigen Glut. Sie lächelte ihm zu, so dass er ihre spitzen Eckzähne und die Schlangenzunge sehen konnte. Ihre Augen funkelten wie brennende Rubine; ein Jedes geteilt durch eine schlangenhafte Spur vertikaler Dunkelheit. Er wollte nach ihr greifen, sie umarmen. Doch je näher er kam, desto weiter schwebte sie davon. Der Schmerz wurde größer und größer…
Neire wachte weinend in der dunklen Kammer auf. Er hatte sich zuvor geheilt und wollte eigentlich nur etwas meditieren. Er musste wohl eingeschlafen sein. Die Emotionen waren so allgegenwärtig, so überwältigend, dass er im Weinen verkrampfte. Er murmelte mehrfach ihren Namen: „Lyriell, oh Lyriell…“ Jetzt sah er die dunkle Silhouette von Uthriel, der in seinem Raum gewacht hatte. Die Augen des Streiters halb-dunkelelfischen Blutes schimmerten leicht gelblich in den Schatten. Er trat zu Neire heran und frage: „Was ist mit euch, habt ihr geträumt? Wer ist Lyriell?“ Neire blickte auf und erwiderte: „Meine einzige Liebe. Sie ist nicht mehr… sie ist jetzt im Reich meiner Göttin.“ Schließlich hatten sie sich aufbruchbereit gemacht. Neire hatte die Gebete zu seiner Göttin gesprochen. Noch immer fühlte er neben den Auswirkungen der Trunkenheit, die Traurigkeit. Uthriel hatte gesehen, dass Neire fast willenlos die Kruste von der frisch vernarbten Wunde seines linken Armes abkratze, während er Formeln einer fremden Sprache zischelte. Das ging so lange, bis das Blut hervorquoll und über seinen von Brandnarben gezeichneten Arm herabrann. Die Stücke Kruste hatte Neire immer wieder gegessen. „Seid ihr bereit? Wir wollen aufbrechen.“ Neire und Uthriel hörten neben dem Klopfen an die Türe die Stimme von Halbohr. Sie schnallten sich kurzerhand ihre Rucksäcke auf und sahen beim Verlassen des Raumes, dass der Rest ihrer neuen Mitstreiter bereits aufbruchbereit war. Alle nickten sich zu und verließen wortlos einer nach dem anderen die kleine Jagdhütte, in den noch immer an anhaltenden Regen. Nur Neire blieb im Raum zurück und bewegte sich auf den Ofen zu. Als Uthriel in das Zwielicht schritt, sah er aus den Augenwinkeln wie Neire ein glühendes Holzscheit mit der bloßen Hand seines linken, verbrannten Armes herausnahm. Er murmelte dabei etwas vor sich hin, das Uthriel nicht verstehen konnte. Der Geruch von verbrannter Haut verteilte sich ihm Raum, als die Glut sich in Neires Fleisch fraß. Doch Neire lächelte unter den Schmerzen; die Glut schimmerte rötlich in seinen nachtblauen Augen.

Sie gingen jetzt schon einige Zeit durch Regen und Wald. Halbohr und Loec dienten ihnen als Vorhut und Spurenleser. Neire hatte sich mit Rasmus unterhalten. Schmutz und Dreck schienen von dem Paladin wie auf eine übernatürliche Weise abzufallen. Das Gespräch hatte sich schließlich um Götterglauben gedreht und Neire hatte von Heria Maki erzählt. Das hatte Rasmus beineindruckt. Er hatte berichtet davon, dass die meisten Menschen die wahren Namen der Götter nicht mehr kennen und nur noch Aspekte anbeten würden. Sie unterhielten sich gerade angeregt, als sie im Zwielicht plötzlich die durchnässten Gestalten von Halbohr und Loec sahen. Beide knieten über dem von Laub bedeckten Boden und wiesen auf die Spuren hin. Spuren von großen Wölfen, vielleicht vier oder fünf an der Zahl. Nach kurzer Beratung entschieden sie sich den Spuren zu folgen. Tiefer und tiefer führten die Spuren in Wald, obwohl die grobe Richtung nach Grimmertal nicht verlassen wurde. Schließlich kamen sie an ein Tal, in dem das Wasser in Pfützen und Tümpeln stand. Ein großer Plateau-ähnlicher Fels war im Zwielicht zu sehen. Der Regen schien den Felsen reingewaschen zu haben. Niedergekniet betrachteten sie die Situation am Rande des Abhangs. Kälte und Nässe setzten mittlerweile allen zu. „Die Spuren führen den Abhang hinab, direkt auf den Felsen zu. Kennt ihr ihn? Vielleicht als Landmarke?“ Die Stimme von Halbohr war in Richtung von Rasmus gerichtet, doch der Paladin schüttelte mit dem Kopf. „Nein, noch nie etwas von einem solchen Felsen gehört, als ob er vorher noch nicht dagewesen wäre.“ Sie entschieden sich weiter den Spuren zu folgen und umrundeten den Felsen in großer Nähe. Hoch ragten die Wände neben ihnen auf, an denen Regenwasser herablief. Die Streiter zogen jetzt ihre Waffen und machten sich kampfbereit. Tatsächlich öffnete sich hinter einer Felsnadel eine Spalte, die in einer gähnenden Höhlenöffnung mündete. Vorsichtig und Schritt für Schritt drangen sie weiter in die Spalte vor. Schon bald waren sie aus dem Regen in die Dunkelheit gelangt. Rasmus fasste an seinen Helm und schon strömte ein silbernes Licht von ihm aus, das einen Tunnel erhellte, in dem Steine lagen. Weiter drangen sie vor und der sich langsam verjüngende Gang führte sie leicht hinab. An einer Kreuzung, von der drei Tunnel hinwegführten, horchte Halbohr. Er hörte aus dem linken Gang ein leises Knurren. In Erwartung eines Kampfes schlichen sie weiter voran. Hinter einer Ecke war das Knurren nun von allen zu vernehmen. Rasmus riss seine Hellebarde zum Sturmangriff hervor und stürzte um die Ecke. Neire reagierte als erster und folgte ihm. Er beschwor die Kräfte seiner Göttin. Keinen Moment zu spät, denn die drei gewaltigen Wolfskreaturen, die hinter der Ecke lauerten, wurden in eine Wand von malmenden Flammen eingehüllt. Die Höhle, die sie vor sich sahen, war von humanoiden Knochen gefüllt; Moos wuchs an den Wänden. Eine kurze Zeit nur loderte das Licht der Magmaflammen auf. Dann brach ein erbitterter Kampf los, als der Paladin gewaltige Hiebe auf die Kreaturen verteilte. Auch die weiteren Mitstreiter drängten jetzt nach und warfen sich auf die scheußlich anzusehenden Bestien, die die Größe von kleinen Pferden hatten. Der Kampf schien sich schon zugunsten der Gruppe um Rasmus zu wenden, als Halbohr von einem Biss schwer verwundet wurde. Wie zuvor sank er bewusstlos zu Boden. Zudem griff ein weiterer Wolf aus dem Hinterhalt an und versuchte Neire zu Boden zu reißen. Doch Uthriel drängte entschlossen und heldenhaft an seine Seite und stach auf die Beste ein. Mit gemeinsamen Kräften konnten sie auch die letzte Kreatur erschlagen. Über die Leiber der gewaltigen Leichen eröffnete sich ihnen der Blick auf eine Höhle, in der sie die Jungen der Wölfe sahen. Die Welpen drängten sich, von Furcht getrieben, in die Dunkelheit.

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Sitzung 06 - Die Erkundung
« Antwort #6 am: 7.04.2022 | 21:39 »
Das silberne Licht von Rasmus Helm drang durch die Höhle und zeigte die gewaltigen Körper von vier erschlagenen Kreaturen. Die Leiber der Kreaturen waren einst prachtvolle, furchteinflößende Tiere gewesen. Jetzt waren die Knochen zerschmettert und drei der vier toten Tiere zeigten starke Spuren von Verbrennungen. Für einen kurzen Moment kehrte Stille ein. Neben dem schweren Atmen des verletzten Paladins – er hatte eine große Bisswunde in der Seite davongetragen – war ein wehleidiges Wimmern aus der sich verengenden Höhle zu hören. In diese Richtung stahl sich Neire davon. Er sah die vier Welpen, die sich, getrieben von Furcht, in eine Ecke der Höhle kauerten. Als er die Jungtiere bereits fast erreicht hatte, hörte er ein Husten hinter sich und drehte sich um. Hinter ihm konnte er die Gestalt der Dunkelelfin Rowa erkennen, die über den elfischen Söldner Halbohr gebeugt hatte und ihm einen Heiltrank einflößte. Sie hatte ihren Kampfstab zur Seite gelegt und Neire konnte ihre blauen Augen im silbernen Licht aufblitzen sehen. Halbohr kam in diesem Moment wieder zum Bewusstsein, doch er sah übel zugerichtet aus. Sein schwarzer Filzmantel war mittlerweile zerrissen und offenbarte zwei Wunden; eine an seinem Hals und eine an seinem Oberschenkel.

Neire drehte sich jetzt wieder um und musterte die Welpen. Sie hatten bereits eine stattliche Größe von etwa einem Fuß der Länge nach. Sie waren niedlich anzusehen, wie kleine Fellbälle von einer silber-grauen Farbe. Doch anstelle von Mitleid beschlich Neire ein Gefühl von Abneigung. Sie versuchen mich zu umgarnen mit ihren treuen, furchterfüllten Augen. Doch nicht für einen Tag wären sie überlebensfähig in dieser Welt. Ich habe mich durchgekämpft, ich war stärker, keine Eltern hatte ich, die sich um mich sorgen. Trotzdem habe ich alleine überlebt. Er dachte an das reinigende Feuer seiner Göttin. Ja, er würde sie opfern. So versunken war Neire in Gedankten, dass er nicht bemerkt hatte, wie Loec sich ihm von hinten genähert hatte. Der Waldelf trug seinen Speer mit der silbernen Spitze. Grünliche Augen blickten Neire ernst an. „Loec, …, wenn wir sie nicht töten werden sie durch die Höhle hinfort laufen und Feinde auf unsere Anwesenheit aufmerksam machen.“ Neire strich sich die noch immer nassen Locken aus seinem Gesicht zurück und wies in die Richtung des Ausganges. Loec packte seinen Speer entschlossen und nickte grimmig. „Ihr habt recht, lasst uns sie von ihrem Schicksal erlösen.“ Er begann den Speer bereits nach vorne zu stoßen und durchbohrte eine der Kreaturen. Seltsamerweise winselten die anderen jetzt umso mehr. Neire konnte die Angst in ihren weit aufgerissenen Augen sehen. Jetzt kochte Wut in Neire auf und er packte eines der Wesen am Nackenfell. Das Wolfsjunge wehrte sich nicht, doch Neire war erstaunt wie schwer die Kreatur schon war. In der Zeit hatte Loec bereits die zweite Kreatur durchbohrt und schwang den Speer in Richtung der Dritten. Neire wendete sich ab und trug das Wolfsjunge hinfort. Er musste Knochen zusammensammeln um ein Feuer zu machen.

„Seht ihr denn nicht, Rasmus, er ist verwundet.“ Rasmus, der sich gerade seine Seite verbunden hatte, schaute auf und sah wie Rowa auf die Wunden von Halbohr deutet. Wieso ist sie auf einmal so führsorglich? Sie denkt doch sonst nur an sich selbst. Er verwarf den Gedanken, bevor er Schlimmeres mit ihm anrichten konnte und richtete sich auf. Als er sich zu Halbohr herabbeugte kam ihm eine Welle von Gestank entgegen. Der elfische Söldner hatte sich anscheinend eine längere Zeit nicht mehr gewaschen. Rasmus blickte die Wunden an und sah, dass dort noch immer Wolfsgeifer klebte. Tief waren die Risse im Fleisch. Er nickte Halbohr zu, blickte ihm ernst in die Augen und legte ihm eine Hand auf die Schulter. So hatte er es immer bei verwundeten Kameraden gemacht. Doch war Halbohr wert das Artefakt zu opfern? Er hat noch nicht das Gegenteil bewiesen und tapfer gekämpft. Rasmus erinnerte sich an den Kampf zurück. Wie Halbohr ihm zur Seite geeilt war. Vielleicht hatte er ihm das Leben gerettet durch seinen heldenhaften Vorstoß. Er löste unter Schmerzen den großen Rucksack von seinen Schultern; die Stahlplatten seines Panzers schnitten ihm in seine Wunde. Trotzdem lächelte er Halbohr jetzt an. „Nun, lasst mich einmal schauen was ich für euch habe.“ Er griff zu einer kleinen Viole aus dickem Glas. Als er sie hervorholte, schimmerte die enthaltene Flüssigkeit in einem magischen, hell-blauen Licht. „Trinkt dies Halbohr. Es ist pures Leben.“ Er entkorkte die Viole und gab sie Halbohr, der ihn misstrauisch anblickte. Irgendwie amüsierte ihn diese Reaktion. „Trinkt, Halbohr und ihr werdet schon sehen.“ Er sah zu wie der zerlumpte elfische Söldner den unbezahlbaren Nektar des Lebens undankbar hinabstürzte. Tief in seinem Inneren sagte ihm eine Stimme, dass er dennoch das Richtige getan hatte. Was würde die Zukunft wohl bringen?

Neire blickte in die auflodernden Flammen. Er hatte mit einem Knie den Hals des Wolfjungen fixiert und hastig Knochenstücke zusammengesucht. Das Feuer aus den trockenen Knochen brannte höher und höher. Als er sein Knie löste, sah er, dass das Jungtier, der Besinnungslosigkeit nahe, nach Luft schnappte. Er erhob sich und begann den Choral anzustimmen:

„Das Feuer rauscht mit Ihrer Stimme, die Schatten bergen Ihre Weisheit.“

Er wiederholte die Worte wieder und wieder. Die Flammen brannten jetzt höher und spiegelten sich in seinen Augen. Er packte das Tier mit seiner linken Hand am Nacken und war mit den Gedanken bei seiner Göttin. Er blickte hinauf und sah die Schatten an den Wänden der Höhle tanzen. Langsam kehrte das Leben in die kleine Kreatur zurück; er spürte wie sie zu zappeln begann. War das Opfer genug für seine Göttin? Es war ein Leben, eine Seele, die er ihr darreichte. Er begann eine Oktave höher zu singen, mit seiner schönsten Stimme, als er die Kreatur in die Flammen führte. Er spürte die Hitze der Flammen auf seiner Haut, den sengenden Schmerz. Nicht ließ er locker, als das Wesen begann zu schreien, nicht ließ er locker, als es anfing zu zappeln. Der junge Wolf schnappte, doch von Flammen geblendet, ins Leere. Plötzlich begann der Bauch der Gestalt aufzuplatzen und Blut sprudelte hervor. Das Blut wiederum begann wie Öl zu brennen und lief glühend den Arm von Neire hinab. Als es auf seinen Ring traf, fing dieser an zu rötlich zu funkeln. Wie glitzerndes Quecksilber verflossen die Runen zu neuen Formen, als sich eine weitere Rune bildete. Neire sah die Runen deren Bedeutung er nur erahnen konnte. War es die Rune des untertänigen Dieners?

Danach hatte sich Neire zur Meditation zurückgezogen und das Feuer brennen lassen. Er hatte undeutlich gehört, wie Rowa sich mit Halbohr unterhalten hatte. Es hatte sich so angehört, als wäre der elfische Söldner der Konversation nicht besonders zugetan gewesen. Die Dunkelelfin hatte ihn anscheinend auf seine Nahtoderfahrung angesprochen; was er gesehen hätte. Halbohr hatte mit „Ich habe nur Schwärze gesehen“ geantwortet. Auf die Frage hin, an was er glaubte, hatte Halbohr mit „Ich glaube nur an mich selber“ geantwortet. Auf weitere Fragen nach seiner Herkunft war Halbohr gereizt ausgewichen. Schließlich hatte sich die Dunkelelfin abgewendet und Halbohr in ihrer Sprache verflucht. Anscheinend konnte Halbohr Dunkelelfisch nicht verstehen, dachte Neire, der jetzt seine Medition beendet hatte. Das hätte sich Halbohr nicht bieten lassen. Oder war sein Mitstreiter doch schwächer, als er allen anderen vorgaukelte? Neire sah, dass Rowa auf ihn zukam. Ihr Gesicht war für eine Dunkelelfin ungewöhnlich hässlich, gar plump. Sie nickte Neire zu, als sie über die Glut des jetzt ausgehenden Feuers hinwegschritt. „Neire, seid ihr auserwählt?“ Neire wunderte sich über die plötzliche Freundlichkeit, als sie ihm ihren Weinschlauch reichte. „Was meint ihr, auserwählt? Auserwählt von meiner Göttin?“ Er dachte wieder zurück an seine Aufgabe, daran, dass er seine wahren Ziele verbergen musste. „Ja, seid ihr auserwählt von eurer Göttin?“ Neire dachte an Jiarlirae, an die Flammen, an die Schatten. „Ich diene meiner Göttin Heria Maki. Sie ist das reinigende Feuer. Sie kennt kein Gesetz. Nur die zehrenden Flammen.“ Er ließ den Teil mit den Schatten absichtlich hinfort. Als er einen zweiten Schluck aus dem Weinschlauch nahm, lächelte Rowa ihn an. „Auch wenn unsere Göttinnen sich vielleicht nicht ganz verstehen und ich glaube, dass ihr nicht die ganze Wahrheit sprecht, so sollten wir uns dennoch verbünden.“

Sie waren wieder in den Regen aufgebrochen. Halbohr hatte den Höhlenkomplex abgesucht, doch die Tunnel mündeten alle in Sackgassen. Als Halbohr und Neire einen kurzen Moment alleine waren, hatte ihn Neire auf den Fluch der Dunkelelfin angesprochen. Halbohr hatte tatsächlich nicht die Sprache der Dunkelelfin verstanden und jetzt flammte sein Hass auf. Als sie wieder zusammentrafen, hatte Rasmus gesagt, dass sie weitersuchen mussten, dass hier irgendwas schlummern würde. Dass er eine dunkle, böse Präsenz spürte, die über diesem unseligen Orten lag. Als ob seine Worte ein Omen waren, für das, was ihnen widerfahren sollte. Der Regen prasselte ununterbrochen auf sie hinab, als sie weiter um den Felsen schlichen. Rasmus und Loec waren vorangegangen. Sie waren an einem weiteren Tunnel vorbeigekommen, der in den Stein führte. Doch keine Zeit hatten sie gehabt für weitere Untersuchungen. Rasmus war um eine Biegung in die Dunkelheit gestürmt. Als sie dem Paladin folgten sahen sie ein grausames Bild. Zwischen umgestürzten Bäumen, kleinen Felsen und Pfützen näherten sich ihnen dutzende von Skeletten. Behangen mit den Resten von bronzenen Rüstungsteilen sahen sie verschiedene Gruppen von Kreaturen durch die Dunkelheit auf sie zukommen. Eine Gruppe von etwa einem Dutzend Skeletten hatte Rasmus anvisiert, der seine silberne Hellebarde zum Kampf erhob. Doch Neire reagierte schneller. Mit Worten göttlicher Macht beschwor er eine Kugel aus Magma-artigem Feuer, die inmitten der Skelette explodierte. Knochen wurden zerfetzt und glühende Rüstungsteile flogen durch die Luft. Nur noch eines der Skelette kroch weiter auf Rasmus zu. Doch weitere eilten aus der Dunkelheit nach. Ein unerbittlicher Kampf entbrannte. Die Streiter wussten, dass die Kreaturen nicht aufgeben würden. Sie waren willenlos und geiferten nach dem Leben, vielleicht nach dem freien Willen selbst. Eines der Skelette hatte die Form eines Tieres und war zu Lebzeiten wohl eine große Raubkatze gewesen. Es stürmte auf Loec zu, der sich der Kreatur mutig stellte. Doch Hieb um Hieb wurde er von den Klauen verwundet, sein Bein wurde schließlich fast zerfetzt, so dass er sich nicht mehr fortbewegen konnte. Das Blatt schien sich gegen die lebenden Streiter zu wenden, bis Rasmus heilige Bannkräfte mit Hilfe seiner Hellebarde beschwor. Fast ein Dutzend weitere Kreaturen brachen plötzlich in Knochenhaufen zusammen. Aus den Händen von Rowa schossen Blitze hervor, die einige Kreaturen niedermachten. Gemeinsam eilten Halbohr und Rasmus Loec zu Hilfe und brachten die große Gestalt des tierischen Skelettes zu Fall. Überrascht von der Heftigkeit des Kampfes blickten sich die Helden im zwielichtigen Regen um. Für den Augenblick waren keine weiteren Gestalten zu sehen.

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Sitzung 07 - Das Grab
« Antwort #7 am: 11.04.2022 | 00:01 »
Unentwegt prasselte der Regen hinab. Das Tal war in Zwielicht gehüllt. Der Fels ragte dunkel und drohend in die Höhe. Nachdem das letzte der Skelette gefallen war, kehrte Ruhe ein. Nur das schmerzhafte Stöhnen von Loec war zu hören. Das Bein des Waldelfen blutete stark und war anscheinend gebrochen. Neire sah, wie Rasmus auf Loec zuging und sich um sein Bein kümmerte. Neire selbst ließ sich auf ein Knie herniedersinken, wobei er dieses auf einem knöchernen Schädel platzierte. Er keuchte noch immer von der Anstrengung des Kampfes und betrachtete jetzt seine Wunden. An zwei Stellen hatten ihm die bronzenen Speere der Skelette tiefe Schnitte zugefügt. Rotes Blut rann über seinen linken vernarbten Arm, mit dem er versucht hatte die Speere zur Seite zu stoßen. Er blickte sich um und sah unweit von ihm Halbohr. Der elfische Söldner hatte sich ebenfalls niedergekniet und wischte sich das regenasse Haar aus dem Gesicht. Halbohr war in diesem Kampf unverwundet geblieben, doch sein Filzmantel war verdreckt und zerrissen. Als Neire in das Wasser der Pfütze unter ihm griff, sah er für einen kurzen Moment in sein Spiegelbild. Er hatte durch die Strapazen der letzten Tage Gewicht verloren. Seine hohen Wangenknochen traten dadurch noch markanter hervor. Seine weiße Haut schimmerte matt. Ab und an löste sich ein Tropfen von seinen gold-blonden gelockten Haaren, die ihm nass bis auf die Schultern herabhingen. Einen kurzen Moment war er wie in eine Trance versunken, doch die donnernde Stimme des Ritters schallte nun durch den Regen. „Bewacht den Platz, es kommen vielleicht noch weitere dieser Kreaturen.“ Neire sah, wie Rasmus Loec stützend in Richtung des Felsen führte. Er richtete sich auf und bewegte sich langsam auf Halbohr zu, der noch immer im Morast niedergekniet war. „Halbohr, was sollen wir tun?“ Neire flüsterte die Worte in Richtung seines Mitstreiters. In diesem Moment hörten sie beide die Stimme von Rowa. „Folgt mir, beide! Wir werden den Rest des Felsen abgehen.“ Die Dunkelelfin war in dunkle, nasse Gewänder gekleidet und blickte sie jetzt grimmig an. „Wollt ihr euch von ihr herumkommandieren lassen?“ Flüsterte Neire in Richtung von Halbohr und tatsächlich nahm sich der elfische Söldner seiner Worte an. „Nein, wir werden die kleine Höhle absuchen, an der wir vorbeigekommen sind“, sagte Halbohr. Sie beide sahen wie Rowa nickte und in Richtung des Felsen verschwand.

Neire und Halbohr machten sich sogleich in Richtung der kleinen Öffnung auf, an der sie zuvor vorbeigekommen waren. Als sie um eine Ecke des Felsen kamen und die Sichtlinie zu ihren Mitstreitern verloren hatten, begann Neire Gebete zu murmeln. Er beschwor die Macht seiner Göttin und strich sich über die Wunden, die sich sogleich zu schließen begannen. Als er den zweiten Heilzauber wirkte, spürte er jedoch, wie die zweite Wunde anfing zu schmerzen. Schwarzer Teer quoll aus der Wunde hervor und tropfte in eine Pfütze, wo er zu brennen begann. Neire starrte gebannt in die Flammen und biss die Zähne zusammen als die Schmerzen durch seinen linken Arm schossen. Er bemerkte nicht, ob nur er oder auch Halbohr die Flammen sehen konnte. In den Flammen erschien plötzlich ein blaues und dann ein schwarzes Auge und betrachtete ihn. Er hielt den Atem an und starrte in das Feuer. In alten Schriften hatte Neire schon einmal von Dämonen mit verschiedenfarbigen Augen gehört. Schließlich brannten die Flammen hernieder und der Schmerz in seinem Arm ließ nach. Die Wunden hatten sich verschlossen. Neire blickte sich um und fragte sich ob nur er diese Dinge hatte sehen können. War es eine Illusion? Vielleicht eine Vision? Er bückte sich zu der kleinen Pfütze und tastete nach dem Wasser. Er spürte, dass das Wasser noch kochend heiß war.

Sie waren durch die Öffnung im Felsen gestiegen und einen kleinen Abhang in die Dunkelheit hinab gerutscht. Als ihre Augen die Dunkelheit durchdrangen, sahen Neire und Halbohr die Höhle kuppelartig über ihnen aufragen. Ihr Atem kondensierte und die Luft schien von tausenden kleiner Sporen erfüllt zu sein, die sich im Luftstrom wiegten. Die gesamten Wände der Höhle waren von einem nass schimmernden Schleimpilz bedeckt, der einen modrigen Geruch verbreitete. Nach kurzer Beratung entschied sich Halbohr die Höhle abzusuchen. Mit seinem Dolch fuhr er durch den Schleim. Er hörte das Kratzen von Metall auf Stein – hinter dem Schleimpilz befand sich Fels. So ging Halbohr die Höhle ab, bis sein Dolch plötzlich ins Leere stieß. „Neire kommt her, ich habe etwas gefunden.“ Die Stimme von Halbohr drang flüsternd durch die Höhle. Neire trat näher heran und sah, wie Halbohr den Schleimpilz wie lebendiges Gewebe zerteilte. Es war als würde der Pilz zucken, als würde er Schmerz empfinden. Durch das Loch sahen die beiden einen dunklen, dünnen Gang im schwarzen Stein aufragen. Er endete an einer Wand aus Ziegelsteinen. „Seht ihr das? Der Gang scheint zugemauert“, sagte Halbohr. Neire hatte seinen Degen gezogen, blickte sich hastig um und versuchte Gedanken zu fassen. War der Tunnel von innen zugemauert worden, um Eindringlinge abzuhalten oder war er gar von außen verschlossen worden? „Ich werde die anderen holen, Neire, ihr wartet hier bis ich zurückkehre.“ Neire, aus seinen Gedanken gerissen, schaute sich unsicher um, nickte allerdings, da er sah, dass der Pilz langsam wieder zuwuchs. Er glaubte nicht, dass von innen Gefahr drohte. Außerdem fühlte er sich in dieser Höhle sicherer. Er nickte Halbohr zu und antwortete: „Geht, aber lasst mich nicht zu lange hier warten.“

Halbohr war den Spuren im Morast gefolgt. In der Felsnische hatte er ihre ungleichen Mitstreiter nicht mehr gesehen. Dort hatte er nur noch die Spuren von Blut entdeckt. So war er weiter um den Felsen geschritten und hatte schließlich durch den Regen gedämpfte Stimmen gehört. Als er um eine Felsnadel gekommen war, hatte er sie gesehen. Gerade hatte Rasmus, gekleidet in einen Plattenpanzer aus silbern schimmerndem Metall, mit seiner Hellebarde auf den Felsen gezeigt. Loec hatte sich gestützt auf einen Ast, sein Bein war bereits bandagiert. Rowa hatte ihn unfreundlich gemustert. Sie hatten ihn begrüßt und so war es für ihn auch zu ersehen gewesen: Große doppelflügelige Türen aus Bronze, halb versunken in der morastigen Erde und durch ein großes Loch freigelegt. Eine Zeit lang hatten sie gemeinsam versucht die Schrift zu entschlüsseln, die auf die Türen eingelassen war. Doch schließlich hatten sie sich von Halbohr überreden lassen in der Höhle mit dem Schleimpilz zu rasten. Jetzt waren sie gerade zurückgekehrt, vollkommen durchnässt vom Regen. Neire sah das silbern-blaue Licht von Rasmus‘ Rüstung ausgehen, als der Paladin den Abhang hinabrutschte. Er hörte die Stimme des Ritters zu ihm sprechen: „Neire, könnt ihr alte Sprachen entziffern? Von meinen ach so gelehrten Mitstreitern ist leider keiner fähig, das zu tun.“ Neire, lächelte und verneinte. So begannen sie alle ihre Winterdecken auf dem unebenen Boden auszubreiten. Loec trank an diesem Abend aus seinem Weinschlauch, wahrscheinlich um den Schmerz des gebrochenen Beines zu vergessen. Auch Rasmus holte seinen Weinschlauch hervor, nahm einen großen Schluck und lud Neire ein. Neire verneinte auch diesmal nicht und nahm dankend ein paar Schlücke. Er sah, dass Rowa in einem Buch las und begann eine Geschichte zu erzählen, die er einst gelesen hatte. Sie handelte von fernen Reichen, die im Stein und in den hohen Wipfeln uralter Eschen errichtet wurden. Von Königen, Kriegern und Prinzessinnen. Vom Aufstieg und vom Fall der Sippen. Von Reichtum und von Verrat. Die Geschichten schienen Loec und Rasmus aufzuheitern. Rasmus lallte bereits stark, als Neire seine Erzählung beendete. Schließlich bot Rasmus an die erste Wache zu übernehmen, was niemand ablehnte. So begaben sie sich alle in ihre Winterdecken und lauschten dem Prasseln des Regens, dessen Geräusch in die Höhle drang. Neire und Halbohr sahen aus den Augenwinkeln wie Rowa instinktiv etwas an ihrem Gürtel prüfte. War es ein Säckchen? Es sah so aus, als wollte die Dunkelelfin die Anwesenheit des Gegenstandes bestätigen.

Nun schienen alle bis auf Rasmus zu schlafen. Neire hatte auf diesen Moment gewartet. Er sah das silbern-blaue Licht von Rasmus‘ Wacht in die Höhle dringen. Der Paladin hatte sich an den höher gelegenen Eingang der Höhle gesetzt, ohne vom Regen erfasst zu werden. Neire war in Gedanken bereits bei den immerbrennenden Fackeln. Er raffte sich auf und schwelgte in Gedanken. Auch wenn ich das Licht der Fackeln nicht in die Welt hinaustrage, so soll es einmal in jeder Nacht die Welt erhellen. Ja, ich werde für immer ein Kind der Flamme sein. Er nahm drei seiner Fackeln und bohrte sie in Anordnung eines Drecks um ihn herum in den Boden. Bevor er sie entzündete nahm er seine Maske und betrachtete sie eine Zeit lang. Sie stellte die Form einer Feuerschlange dar und war mit Gold und Juwelen verziert. Es überkam ihn eine tiefe Traurigkeit als er sich an sie zurückerinnerte. An seine Freunde, die oftmals auch seine Feinde gewesen waren. Wie sie gemeinsam ihre Masken hergestellt hatten. Ja, die Maske des großen Balles hatten sie in die ewige Glut hinabgeworfen, doch seine erste Maske besaß er immer noch. Er zog die Maske auf und entzündete die Fackeln. Seine Stimme zischelte die Runen in der alten Sprache von Nebelheim. Er streifte seinen karmesinroten Kapuzenmantel mit den goldenen Runen ab, entledigte sich seiner Lederkleidung und seines Kettenhemdes. Sein drahtiger Oberkörper kam zum Vorschein, seine Haut war milchig weiß und makellos. Sein linker Arm war jedoch bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und von dickem, dunklem Narbengewebe bedeckt. Im Licht der Fackeln schimmerten die drei Herzsteine, rote Rubine, die mit dem Fleisch seiner Schultern verwachsen waren. Er begann die alten Verse anzustimmen, die ihn die Platinernen Priester gelehrt hatten.

Sie hatten sich aufbruchbereit gemacht. Alle hatten getrunken und gespeist. In Loec war etwas Leben zurückgekehrt. Halbohr hatte Rasmus, Loec und Rowa die geheime Türe im Schleim gezeigt. Daraufhin hatten sie sich entschieden die Ziegelwand einzureißen oder vielmehr diese bis zu einem betretbaren Loch zu öffnen. Halbohr stand vorne und benutze seinen Dolch um einzelne Ziegel zu lösen. Es dauerte einige Zeit bis er eine Öffnung geschaffen hatte, die breit genug war um hindurch zu steigen. Aus dem Inneren drang vermoderte Luft heraus. Keine Geräusche waren zu hören. Als Rasmus das Licht löschte, stieg Halbohr durch den Eingang und erkundete den dort hinter liegenden Raum. Dieser Raum, der durch einen Vorhang verdeckt wurde, stellte sich als königlich eingerichtete Gruft heraus. Von Fresken verzierte Wände waren zu erkennen. Alte Relikte, wie kostbare bronzene Speere und Schilde ragten über den Fresken auf. In der Mitte der Gruft stand ein gewaltiger, golden-verzierter Streitwagen, der einen Sarkophag trug. Zwei steinerne Gänge führten aus dem Grab in die Dunkelheit. Nachdem Halbohr das Signal gegeben hatte, folgte einer nach dem anderen Halbohr in das Grabmal. Zuletzt waren Rowa und Neire übrig. Bevor Rowa durch die Öffnung stieg, fragte Neire: „Rowa, was erwartet uns? Werden wir überleben?“ „Wir werden überleben, doch einen Teil unserer Seele werden wir der Spinnengöttin opfern“, erwiderte Rowa lächelnd. So drangen sie alle in das Grab ein. Neire betrachtete die Schilde und es kam ihm eine alte Legende in den Sinn. Die Sage sprach von Krajan, einem Kriegsherrn und tyrannischem Herrscher, der einem Kult angehörte und ein Reich des Terrors schaffen wollte. Nachdem sie den Wagen geplündert hatten, offenbarte eine Suche eine anliegende Nebengruft. Wände und Decke waren von tiefroter Farbe; Muster von grünen Ranken waren an den Wänden angedeutet. Zwei verschlossene Sarkophage standen einer Grabnische gegenüber, in der eine mumifizierte, hübsche Frau zu sehen war. Halbohr begann die Särge zu untersuchen, konnte aber keine Falle feststellen. So öffneten sie die Särge und fanden in einem ein Skelett und im anderen einen Schädel. Nach einer weiteren Beratung beschlossen sie den Schädel an den Rumpf des Skelettes zu legen. In angespannter Erwartung betrachteten sie den Leichnam. Nichts passierte. Doch plötzlich begann sich die Gestalt zu bewegen. Leben war in sie zurückgekehrt. Ein Kampf entbrannte als die Gestalt sich erhob. Gemeinsam konnte die Gestalt niedergestreckt werden und verbrannte sogleich zu Asche. Neire begann die Überreste in eine Viole abzufüllen, als Halbohr sich der Mumie der Frau näherte und nach dem Dolch griff, den sie in ihrer Hand hielt. In diesem Moment explodierte die Gestalt zu Asche, die sich in Windeseile im ganzen Raum zu verbreiten begann. Die Helden hielten die Luft an und hasteten davon. Sie versuchten der Wolke von Asche zu entkommen.

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Sitzung 08 - Das Grab II.
« Antwort #8 am: 14.04.2022 | 22:28 »
Dunkelheit – weißer Staub – flackerndes silbernes Licht. Für einen kurzes Moment wurde die Grabkammer in einen Reigen von Chaos getaucht. Die in einer Grabnische sitzende Gestalt der mumifizierten schönen Frau war in einer Aschewolke explodiert, als Halbohr unvorsichtig und gierig nach dem Dolch gegriffen hatte. Jetzt rollte die Aschewolke über die Kammer hinweg. Die Gefährten hielten die Luft an und versuchten sich in Richtung des größeren Grabes mit dem Streitwagen zu retten, doch weiße Asche und Staub drang durch Nasen und Augen in ihre Körper ein. Für einen kurzen Moment stützte sich Neire auf dem Sarkophag ab, den sie kurz zuvor geöffnet hatten. Er röchelte und versuchte zu husten. Fast automatisch kamen ihm die alten Verse in den Sinn, die er mit den Platinernen Priestern gebetet hatte. Er begann so gut es ging zu murmeln. „…die schwarze Natter, … ihren unsterblichen Namen, trinkt euch in die schattige immerwährende Nacht, tanzt im Glanz der schwinden Feuer, tanzt, denn die Zeiten des Kampfes sind vorüber…“ Seine Stimme wurde immer wieder durch Hustenanfälle unterbrochen. Schemenhaft sah er, dass Loec und Rowa an ihm vorbeihumpelten und sich kaum auf den Füßen halten konnten. Instinktiv richtete er sich auf, blickte sich um und folgte ihnen. An der Grabnische, wo einst die mumifizierte Gestalt der Frau zu sehen gewesen war, sah Neire Halbohr. Der elfische Söldner hatte die Augen weit aufgerissen. Halbohrs Kopf, der auf einem muskulösen Nacken saß, bewegte sich unruhig. Sein fettiges, schulterlanges silbernes Haar wurde dabei wild hin und hergeworfen. Neire sah, wie Halbohr in Richtung des Königsgrabes stolperte. Sein Gesicht blickte grimmig drein und die Narbe, die bis zu seinem fehlenden Ohr reichte, war prominent zu erkennen. Halbohr und Neire bemerkten, dass auch Rasmus an ihnen vorbeigeeilt war. Das silberne Licht, das von seiner strahlenden Plattenrüstung ausging, brach sich im Nebel der Asche und erhellte den vor ihnen liegenden Raum. Als beide Streiter sich ihren drei neuen Gefährten anschlossen, erkannten sie, dass sich ihre Umgebung geändert hatte. Die Wände des Ganges zum Grab waren jetzt weißlich getüncht und auf ihnen Szenen einer Wandmalerei zu erkennen, die eine Schlacht darstellte. Auf dem Boden hatte sich weißlicher Nebel verteilt durch den sie jetzt wateten. Plötzlich hörten sie die Geräusche von Wind und von Schlachtenlärm. Eine warme Brise von rußigem Brandgeruch kam ihnen entgegen und unter das silberne Licht mischte sich das Flackern eines Feuers. Halbohr wandte sich zu Neire um, der etwas zurückfiel und weiter vor sich hinmurmelte. Er sah, dass sein junger Begleiter bleich geworden war. Die gold-blonden Locken Neires schulterlangen Haares waren getrocknet und umspielten sein Gesicht. Es lag irgendetwas verträumtes in Neires sternenblau schimmernden Augen. Dann sah Halbohr die langen Eckzähne, die sich in Neires Mund gebildet hatten. In diesem Moment lächelte Neire ihn an. Halbohr wollte gerade etwas sagen, da wurde er von einem Geräusch unterbrochen. Neire und Halbohr traten in das Königsgrab und starrten gebannt auf die sich ihnen öffnende Szenerie: Unter dem archaischen Streitwagen und den bronzenen Pferden brannte ein Feuer; Dampf stieg aus den Nüstern der Tiere und ihre Augen glühten in der Dunkelheit. Auf dem Streitwagen stand eine zwei Schritt große Gestalt, in eine schwarze prachtvolle Rüstung gekleidet, mit bernsteinfarbenen Augen und von weißlicher, fast blasser Haut. Vor dem Krieger kniete eine schöne Frau, mit wallendem Haar. Der Krieger starrte sie an und fing an in einer alten, fremden Sprache zu sprechen. Neire konnte keines der Worte verstehen und dachte nach. Er hatte in alten Geschichten von Krajan, dem Gnadenlosen, dem Schatten, dem Fürst des Blutes gehört. Eine legendäre Gestalt eines Kriegerherrschers, der die Lande mit blutigen Schlachten überzogen hatte. Er sollte eine schwarze, nass-rötlich schimmernde Rüstung getragen haben; an dieses Detail konnte sich Neire erinnern. Die alten Schriften hatten von einer großen Gefahr berichtet, die von ihm ausgegangen war. Vielleicht die größte Gefahr, die diesem Teil der Oberwelt widerfahren war. Schließlich waren die vereinigten Heere von Menschen und Elfen siegreich gewesen. Das heutige Fürstentum Leuvengard war 300 Jahre später auf dem Gebiet dieser historischen Ereignisse entstanden, die jetzt etwa 600 Jahre zurücklagen. Neire konnte seine Gedanken nicht fortführen, da die Stimme der alten Sprache, der Schlachtenlärm und die Hitze auf ihn eindrang. Vor Neire und Halbohr sprachen Loec und Rowa die Worte des Kriegers nach, als ob sie in seinen Bann verfallen wären. Der Krieger zögerte nicht lange und packte den Kopf der Frau, die ihm ihren nackten, schlanken Hals präsentierte. Als er sie biss, konnten sie seine langen Fangzähne sehen. Er trank ihr Blut, ließ sie leblos fallen und starrte die Helden mit rot-verschmiertem Gesicht an. In diesem Moment erinnerte sich Neire an den Namen Shangrila. Eine niedere Blutgottheit, der vor langer Zeit Kulte verschworen waren. Vom ärmeren Teil der Bevölkerung hatten die Anhänger sogar Rückhalt erhalten, da sie des Öfteren Speisungen für diese durchführten. Doch es war keine Zeit mehr für weitere Gedanken. Die Gestalt des Kriegers fing an zu schreien und sprang von dem Streitwagen hinab auf sie zu. Die Dinge überschlugen sich jetzt. Halbohr hatte seine Dolche in beiden Händen erhoben und wich ein paar Schritte zurück. Rasmus, Loec und Rowa machten sich kampfbereit. Neire reagierte am schnellsten und begann die Formeln von Feuer und Schatten zu rezitieren. Er beschwor eine Kugel aus glühendem Magma und wabernden Schatten, die er nach vorne warf. Das gleißende Licht einer gewaltigen Explosion erfüllte das Grab und blendete sie alle für einen kurzen Moment. Die Explosionswelle erfasste auch Rasmus, Loec und Rowa. Für einen Augenblick hörten die Helden ein helles Lachen und sahen im verglimmenden Feuer wie die Gestalt des fremden Kriegers sich in weißen Rauch auflöste. Er mischte sich in den weißen Nebel, der mittlerweile kniehoch das gesamte Grab bedeckte.

Neire bewegte sich wie in Trance auf den brennenden Vorhang zu. Er sah nicht, dass seine Welle des Feuers Rasmus stark verwundet hatte. Er bemerkte nicht, dass Rowa bewusstlos zu Boden sank, nahm keine Notiz davon, dass Loecs langes Haar bis auf ein paar Büschel zu Asche verbrannt war. Vor ihm war der dicke Stoff durch die Wucht der Explosion vollständig in Flammen geraten. Neire blickte in ein Meer von Feuer, das sich vor ihm auftat. Er trat so nah heran, dass die Flammen drohten seine Haut zu verzehren. Er zog seinen linken Arm unter seiner Robe hervor und tastete in das Feuer hin. Die Flammen brannten auf dem vernarbten Fleisch und er vernahm den Geruch von verbrannter Haut. Er blickte in die Glut, in die Muster der Flammen. Die Göttin musste ihm ein Zeichen geben, er musste die Runen erkennen. Doch er sah nichts. Bevor die Verzweiflung in ihm aufkam erinnerte er sich an die alten Bräuche. Er stimmte den priesterlichen Choral an, den er schon zuvor am Grab zitiert hatte. Jetzt sang er mit dem Flammen, mit seiner schönsten Stimme. „Und weinet nicht im Antlitz des Todes, weinet nicht im Grauen der Entropie, denn der Lebenszyklus ist das Chaos und alle Dinge sterben. Denn die Dinge sterben, um sich im Licht unserer Göttin aufs Neue zu entzünden.“ Als der Vorhang an einigen Stellen begann einzustürzen, ließ er seine Augen aus der Starre erwachen. Neire blickte auf seine linke Hand und sah zu seinem Grauen, dass diese zu bleichen Knochen verbrannt waren. Er sank auf die Knie, als ihn eine Woge von geistiger Pein heimsuchte. Hatte ihn seine Göttin verlassen?

Halbohr hatte immer wieder in Richtung von Neire geblickt, als sich die anderen um ihre Wunden gekümmert hatten. Wie als ob er Schlafwandeln würde, war der junge Priester, der sich ihm als Kind der Flamme vorgestellt hatte, willentlich in das Feuer des brennenden Umhangs eingetreten. Anscheinend konnten ihm die Flammen nichts anhaben. Halbohr hörte neben dem Knacken von Flammen immer noch das Stürmen von Wind und das Getöse ferner Schlachten. Auch an seinen anderen Mitstreitern sah er hier und dort seltsame Veränderungen, wie hervorgetretene spitze Eckzähne. War denn die Welt um ihn herum im Chaos versunken, konnte er nicht mehr seinen Sinnen trauen? Er betrachtete Neire, den brennenden Wagen und dann Rasmus, Loec und Rowa. Er konzentrierte sich und versuchte durch den Nebel zu schauen, der auf dem Boden lag. Kurz schloss er seine Augen, dachte zurück an jetzt ferne Zeiten und atmete lange und ruhig aus. Als er die Augen öffnete hatte sich nichts geändert. Leise hörte er flüsternde Stimmen in der Dunkelheit. Als er zu Neire blickte sah er, dass der Junge in den Flammen des Vorhangs auf die Knie gesunken war. Sein rot-goldener Mantel schimmerte übernatürlich im Licht der Flammen, seine Augen waren wie glühende Kohlen. Neire hatte seinen linken verbrannten Arm erhoben und betrachtete diesen mit den weit aufgerissenen Augen eines Verrückten.

Schließlich hatte sich Neire aufgerafft und war zu den anderen zurückgekehrt. Er konnte seltsamerweise seine skelettene Hand rühren, als wäre sie noch immer von Muskeln bewegt. Er hatte auch Halbohr verzweifelt gefragt, ob er sähe was mit seiner Hand passiert war. Doch der elfische Söldner hatte ihn nur verwundert angeschaut. Er war der Verzweiflung nahe. Auch die Moral ihrer neuen Begleiter schien gebrochen. Sie ächzten unter den Brandwunden und husteten den vergifteten Staub, der in ihren Lungen brannte. Zudem hatten sie bemerkt, dass der Eingang, durch den sie gekommen waren, wie auf wundersame Weise verschwunden war. Nur Halbohr schien einigermaßen besonnen, doch der elfische Söldner hielt sich zurück, lauschte und betrachtete die Bewegungen des Nebels in die Dunkelheit hinein. Als die Verzweiflung immer größer wurde hatte sich Neire an Rasmus gewandt. Er sprach jetzt mit stark akzentuierter Stimme einer fernen Sprache. Lispelnd fuhr seine gespaltene Zunge über seine Lippe, als er an die starke Führung der Platinernen Priester dachte: „Rasmus, ihr seid doch der Anführer dieser Gruppe. Also führt uns durch dieses Grab.“ Der Paladin blickte Neire für einen Moment unsicher an. Halbohr hielt sich zurück und beobachtete die Szene genau. Erst jetzt wurde ihm das junge Alter von Rasmus bewusst. Der Paladin hatte sich die meiste Zeit hinter einem Helm aus Stahl verborgen, hatte nach außen eine Fassade der Erfahrung und der kriegerischen Überlegenheit getragen. Rasmus richtete sich ächzend, doch überraschend schnell auf. Er nahm seinen Weinschlauch und trank ihn fast in einem Zug leer. Den Rest des Weins reichte er Neire, der ihn dankend annahm. Jetzt schwang seine sonore Stimme überheblich durch das Grab: „Folgt mir Kameraden, wir werden diesen Ort im Sturm erobern. Folgt mir und ich werde euch zum Sieg führen.“ Halbohr zog sich in diesem Moment ein Stück weiter in die Schatten zurück. Er hatte in seinem Leben einige dieser Führer gesehen. Er wusste, dass Rasmus brechen würde, und dann… dann würde seine Stunde kommen.

Tiefer und tiefer waren sie in das Grab eingedrungen. Schließlich waren sie an einer weiteren Gruft angelangt, in deren Mitte sich eine Stele befand. Auf der Stele war eine bronzene Urne platziert. Hier war schließlich die Stimmung gekippt. Rasmus war weiter vorgeeilt, ohne auf Halbohr und Neire zu achten. Neire plagten zudem weitere Zweifel. Er hatte neben dem Wein, den ihm Rasmus angeboten hatte, etwas von dem Grausud aus dem verborgenen Fach seines Degens genommen. Jetzt hörte er die fremden Stimmen umso mehr in der Dunkelheit zischeln. Zudem spürte er Hitzeströmungen, durch die Gänge ziehen. Hitze die an seinem Geist zehrte, die ihn irgendwo hinlocken wollte. So hatten Halbohr und Neire sich zurückfallen lassen und sich kurz beraten. Sie hatten die drei Gefährten in der Gruft gelassen um die Gänge zu erkunden, an denen sie vorbeigeeilt waren. Dabei hatten sie schließlich zwei weitere Kammern gefunden, von denen eine Kammer eine Türe besaß. Nachdem die beiden Rasmus, Loec und Rowa belauscht hatten und nach einem kurzen Streitgespräch mit Loec, hatten sie sich entschlossen in der kleinen Kammer zu rasten. Die große steinerne Türe war von innen verriegelbar und somit recht sicher. Schließlich hatte Neire sich niedergelassen um Kontakt zu seiner Göttin aufzunehmen.

„Ich kann nicht, sie… SIE antwortet nicht. Die Stimmen… sie sind überall.“ Halbohr betrachtete Neire, der sich hustend aus dem Nebel erhob. Die Augen von Neire glitzerten groß und bläulich in der Dunkelheit, als ob er im nächsten Moment zu weinen beginnen würde. Sie hatten die Kammer verschlossen und Neire hatte bereits das zweite Mal versucht zu meditieren. „Es ist als ob sich der Ort verändert hätte. Die Wandmalereien von Ranken und Knospen. Eben habe ich einen warmen Hauch in meinem Nacken gespürt. Als ob jemand dicht hinter mir stehen würde.“ Als Halbohr den Satz beendete drehte er sich tatsächlich um, doch hinter ihm sah er nur die von Spinnenweben bedeckte steinerne Wand. Neire war sich sicher, dass er während der Meditation kurz eingenickt war. Er konnte sich an ein Bild erinnern, dass er gesehen hatte. Eine von Nebel bedeckte Landschaft, aus der die Spitzen von Fichten aufragten. Dann hatte er sie gesehen. Bleich wie Schnee und mit toten Tieren behangen. Langsam hatte sie sich umgedreht. Ein Teil ihres Gesichtes war von einem Totenkopf bedeckt gewesen. War es eine Krone aus Ranken die sie trug? Er erinnerte sich an die blutroten Augen und den Mund – es musste die Blutgöttin gewesen sein. „Ich habe Lyriell gesehen, in meinem Traum.“ Neire entschloss sich Halbohr anzulügen. „Sie war oft in den Eishöhlen der ewigen Dunkelheit. Sie jagte dort die Chin’Shaar.“ Neires Stimme klang traurig als er sprach. „Doch sie hatte stets den Segen der Göttin.“ Halbohr schüttelte den Kopf. „Neire, wir können nicht weiter warten. Rasmus wird sie in die Dunkelheit führen. Was wenn sie dort etwas freilassen. Wir werden hier in der Falle sitzen.“ Neire nickte lächelnd. „Im Raum mit der Urne habe ich ein Banner gesehen. Rowa las die alten Runen vor, die dort zu sehen waren. Es war von einer Blutgöttin die Rede. Sie ist schwach, eine niedere Gottheit… Von Blinden angebetet, die zu den Sternen aufschauen und sie niemals sehen werden. Halbohr, ich muss es weiter versuchen, Jiarlirae wird mir antworten und wir werden nach der Weisheit in Feuer und Schatten greifen.“ Halbohr betrachtete misstrauisch Neire. Er wusste nicht was er von dem jugendlichen Priester des Feuers und der Schatten halten sollte.

Offline FaustianRites

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Sitzung 09 - Das Grab III.
« Antwort #9 am: 20.04.2022 | 13:41 »
Ein weißer kriechender Nebel lag kniehoch über dem steinernen Boden des Grabes. Das kleine runde Gewölbe, in dem Halbohr und Neire ruhten, war in vollkommene Dunkelheit gehüllt. Dennoch durchdrangen die Augen der beiden Streiter mit übernatürlicher Schärfe ihre Umgebung. Sie hatten die steinerne Türe, die den einzigen Eingang darstellte, von innen verschlossen. Um sie herum ragten dunkle, teils glattgeschliffene Wände auf, die Spuren von Bearbeitung im Felsgestein zeigten. Neire erhob sich ächzend aus seinem Kniesitz und dem Nebel. Er spürte seine Lunge brennen und ihm liefen wechselnd kalte und heiße Schauer über den Rücken. Aus der Leere der Gruft hörte er das Rauschen von Wind und von Wasser, das Keuchen von leidenden Gestalten und das Rasseln von Ketten. Noch immer dachte er an das Bild der fremden Frau, das er in seinem Traum gesehen hatte. Neire blickte in Richtung von Halbohr als er seine Stimme erhob. Seine Augen funkelten nachtblau in der Dunkelheit, als ob er den Tränen nahe wäre. „Oh Göttin von Feuer und Dunkelheit, Dame der Acht Schlüssel, Herrscherin über die niederen Reiche, oh Schwertherrscherin.“ Während er sprach, verfiel er immer wieder in einen merkwürdig zischelnden Singsang und sein Gesicht formte ein verrückt wirkendes Lächeln. Halbohr betrachtete Neire genau und stieß verächtlich die Luft aus. Der Söldner mit dem grobschlächtigen Gesicht wirkte jetzt auffallend nervös. Immer wieder drehte er hastig seinen Kopf und offenbarte so die grässliche Narbe des einstigen Schnittes, die sich bis zu seinem fehlenden Ohr zog. Er hatte kurz zuvor an der Türe gelauscht, doch nur Kettengerassel und ein fernes Stöhnen gehört. „Neire, wir können nicht weiter hierbleiben. Rafft euch auf und bewahrt Haltung.“ Halbohr bemerkte, dass seine Worte kaum zum jugendlichen Priester durchdrangen. Der Jüngling hatte gerade seinen von gold-blonden, schulterlangen Locken bedeckten Kopf gesenkt und betrachtete seine linke verbrannte Hand. Nur langsam sah Halbohr wie Neire seinen Kopf hob und lächelnd in seine Richtung blickte. Für einen kurzen Moment bemerkte Halbohr die spitzen Eckzähne, die sich Neires Gesicht geformt hatten, nachdem sie den Leichenstaub der mumifizierten Frau eingeatmet hatten.

„Beim reinigenden Feuer von Heria Maki haltet ein!“ Die Stimme von Neire drang in das Gewölbe vor ihnen, in dem Neire und Halbohr ihre ungleichen Mitstreiter gehört hatten. Sie waren aus ihrem sicheren Zufluchtsort aufgebrochen und hatten die steinerne Türe vorsichtig geöffnet. Zuerst hatten sie nochmals das Königsgrab aufgesucht und nach dem geheimen Eingang Ausschau gehalten, durch den sie den Komplex betreten hatten. Doch dort, wo sie noch vor kurzer Zeit die alten Ziegel aus der Wand gebrochen hatten, befand sich jetzt von Fresken bedeckter massiver Stein. Die Szenen von Schlachten und großen, Blut trinkenden Kreaturen waren zu sehen gewesen. Insbesondere eine Szene, in der ein Granitblock und eine Flamme zu sehen war, war ihnen als Abstiegsort in das Unterreich bekannt gewesen. Neire hatte lange seine knöcherne Hand betrachtet - die nur er sehen konnte - und versucht seinen Geist zu öffnen. Doch den alten Durchgang hatte er nicht erkannt. Ohne dass sie es bemerkten, schien dieser Ort ihnen eine verfluchte, vielleicht längst vergangene Version der Realität vorzugaukeln. So waren sie schließlich zurückgekehrt und standen jetzt vor der Gruft mit dem goldenen Banner und der Urne; wobei letztere auf einer brusthohen Stehle in der Mitte des Raumes aufgebracht war. Noch bevor die Worte von Neire verhallt waren, drehte sich der Ritter, dessen stählerne Rüstung schimmerte und den Raum in bläulich-silbernes Licht warf, um. Rasmus trug seine gewaltige Hellebarde, doch der Paladin schwankte, als er lallend zur Antwort einsetzte: „Ihr… ihr… ihr seid zurückgekehrt um uns beizustehen, um diesen Ort von allem Bösen zu befreien.“ Sein rötlich-verbranntes, aufgequollenes Gesicht begann einen freundlicheren Ausdruck anzunehmen, als er sprach. Neire nickte ihm zu und antwortete. „Wir sind zurückgekehrt um euch zu helfen. Mit dem reinigenden Feuer von Heria Maki. Doch haltet ein; dieser Ort ist verflucht.“ Neires Blick musterte Loec, der gerade im Begriff war den Deckel der Urne zu öffnen. Der Waldelf hatte seinen Speer geschultert und befand sich offensichtlich in einem mitgenommenen Zustand. Sein vorher schulterlanges braunes Haar war jetzt zu Stummeln verbrannt. Halbohr, der in diesem Moment aus den Schatten hervortrat sah, dass Rasmus kurz seine Miene verdunkelte. „Seht ihr nicht was sich in der Urne befindet? Es ist ein Überbleibsel einer bösen Kraft. Es muss vernichtet werden, bevor es sich wieder erheben kann, um weiteren Schaden anzurichten.“ Der Paladin drehte sich in diesem Moment um und gab Loec einen barschen Befehl. Neire versuchte noch zu intervenieren. Er begann eindringlich zu sprechen: „Wir sind gekommen um euch zu helfen, doch nicht…“ Seine Worte kamen zu spät. Halbohr und Neire sahen, wie Loec bereits den Deckel der Urne löste und ein zischendes Geräusch durch das Gewölbe ging. Es war eine Wolke von grünlichem Gas zu erkennen, die sich rasch im Raum verteilte. Die Ereignisse überschlugen sich nun. Sie sahen, dass Rowa und Leoc aus dem Raum torkelten. Beide rieben sich die Augen, aus denen Blut strömte. „Wir sind hier“, sprach Neire in die Dunkelheit, als er sah, dass Rowa und Loec erblindet schienen. Rasmus aber war zurückgeblieben, atmete heldenhaft das Gift und entleerte die Flüssigkeit aus einer Viole in die Urne. Dann kam auch der Ritter torkelnd aus dem Raum hervor. Für Neire und Halbohr sah es einen Moment so aus, als ob sich in einem seiner Augen ein kleiner schwarzer Tentakel gebildet hätte. Zudem wischte sich Rasmus die blutigen Tränen aus dem Gesicht und leckte das Blut von seinem gepanzerten Handschuh, als ob es Honignektar wäre. Auch seine spitzen Eckzähne waren jetzt wieder zu erkennen. Rasmus, Rowa und Loec ließen sich ächzend nieder oder begannen nach einer Wand zu tasten. So verblieb Neire und Halbohr etwas Zeit die Urne zu untersuchen, denn sie hatten bemerkt, dass das grünliche Gas sich schon bald aufgelöst hatte. In der Urne waren neben Asche und menschlichen Überresten, das Glitzern von rötlichen Edelsteinen zu erkennen. Doch Halbohr wollte diese nicht bergen. Zu groß war sein Respekt vor dem Fluch des alten Grabes. So überkam die Neire die Neugier, denn er vermutete Feuersteine in der Urne. Er hielt die Luft an, als er nach den Steinen tastete und brachte tatsächlich drei Walnuss-große, funkelnde Rubine zum Vorschein, die er sogleich in einer seiner Gürteltaschen verschwinden ließ.

Das Leben kam in den Körper des großen Mannes zurück. Es war wie ein elektrisierendes Prickeln, das durch seine Extremitäten ging. Als ob Arme und Beine eingeschlafen wären. Nur langsam begann er - konnte er - seine Muskeln bewegen. Um ihn herum vernahm er modrige Luft; Schimmelpilz und Erde, Grabesfäulnis. Käfer krochen über sein Gesicht. Noch immer hatte er das Bild des Traumes vor sich, das er fieberhaft in allen Facetten wiederholt hatte; das er für eine lange Zeit nicht hatte überwinden können. Wie lange? Wieso jetzt? Waren das Geräusche, vielleicht Stimmen? Er ließ das Bild der knorrigen, zerborstenen Eiche von sich gleiten, wie eine alte, morsche Rinde. Er dachte nicht mehr an das Wurzelportal, durch das er geschritten war. Die Enge raubte ihm die Gedanken; die Enge trieb ihn in Panik, wie ein tollwütiges Tier. Dann hörte er sie wieder: Stimmen. „Hier,… hierher,…, hört mich jemand?“ Sein Gaumen war trocken und er schmeckte Erde auf seiner Zunge. Er begann gegen den Stein zu treten. In die Richtung, wo die Geräusche herkamen. Schließlich gab es ein Knacken und der Stein brach. Er begann sich frei zu graben. Alles ging so beschwerlich, so langsam. Schließlich brachte er sich hervor in das seltsame Licht, das ihn blendete. Merkwürde Gedanken suchten ihn heim. Wiedergeboren aus der Dunkelheit, wiedergeboren aus der Erde, der Fäulnis. Zurückgebracht in das Leben aus dem Grab. Er tastete nach seinem Speer mit dem heiligen Runenband. Als er diesen hervorzog, spürte er das Gefühl von gewohnter Sicherheit, einer alten Vertrautheit. Noch immer blendete ihn das Licht. Dann hörte er die Stimme: „Er lebt. Kommt und schaut. Es ist ein Überlebender.“ Trotz einer sonoren Kraft, war die Trunkenheit in der Stimme nicht zu überhören. Doch der Akzent war merkwürdig. Er war ihm nicht bekannt. „Lasst mich euch vorstellten. Mein Name ist…“ In diesem Moment wurde die tiefe, trunkene Stimme unterbrochen. „Mein Name ist Neire von Nebelheim und das ist Rasmus, Paladin aus Fürstenbad. Mit uns ist Halbohr, der Söldner. Ja, er besitzt wirklich nur noch ein Ohr. Ihr müsst wissen, wir bringen das reinigende Feuer unserer Göttin Heria Maki an diesen Ort, um ihn von niederen Göttern zu befreien.“ Die zweite Stimme klang knabenhaft, mehr nach einem Singsang, fremd und doch wohlklingend-bezaubernd. Ein Zischen, vielmehr ein Lispeln, war nicht zu überhören. Auch hier erkannte er den seltsamen Akzent nicht, der jedoch ein anderer war, als der der trunkenen Stimme. „Göttin, ha. Sprecht, für euch selbst Priester. Ich diene niemand anderem als mir selbst und meinem eisernen Gesetz.“ Die letztere Stimme, war näher und hatte einen elfischen Akzent. Er holte tief Luft, hustete den Staub aus seiner Lunge und ließ das stumpfe Ende des Speeres auf den Boden pochen, als er sprach: „Mein Name ist Gundaruk.“

Sie waren weiter in den Kerker vorgedrungen und hatten hinter einer Türe einen großen Tempelbereich entdeckt, der von Statuen und Schlachtszenen bestimmt war. Zur rechten Seite hatte sich eine Öffnung befunden, die sie in eine Grabeskammer geführt hatte. In der Mitte ragte eine große Felssäule auf und an einer von Fresken verzierten Wand waren Grabesnischen zu sehen gewesen, die von Steinplatten bedeckt waren und Buchstaben einer alten Sprache trugen. Hier hatten sie die Geräusche gehört und gesehen, wie der Überlebende, so hatte Rasmus ihn bezeichnet, aus einer der Grabnischen hervorbrach. Der Fremde schien geblendet zu sein von dem silber-blauen Licht, das von der Rüstung Rasmus’ ausging. So konnten sie ihn ungestört in seiner vollen Größe betrachten. Er überragte mit seiner hünenhaften Gestalt sogar Rasmus um mehr als eine Kopflänge. Der Fremde trug den Fellmantel einer Wildkatze, mitsamt dem verbliebenen Kopf des Luchses, den er sich als Schmuck bis weit über das Gesicht gezogen hatte. Gundaruk, so hatte er sich ihnen vorgestellt, war in eine Kleidung aus abgewetztem, hartem Leder gehüllt, unter der hier und dort der Stahl eines Kettenhemdes hervorblitzte. Er war von Moos, Erde und von schleimigen Resten eines grünlichen Pilzes bedeckt. Als er langsam begann sich an das Licht zu gewöhnen, konnten Neire und Halbohr grünlich aufblitzende Augen sehen, die die Umgebung mit fortgeschrittener Erfahrung musterten. Gundaruk fuhr sich mit der Hand durch den langen Vollbart, entfernte Erde und Schmutz, als Halbohr mit seinen Ausführungen fortsetzte. „Ich, Halbohr, halte mich nämlich an das Gesetz. Verträge sind da, um sie zu schließen und zu erfüllen. So wie mein Vertrag mit Neire. Verträge sichern gemeinsame Kampagnen. Im Krieg, wie im Frieden. Auch wenn hier jeder seine Lebensgeschichte auszuplaudern scheint, sollten wir uns auf das Wesentliche beschränken; wir sollten uns absichern. Auch ihr, Gundaruk, werdet einen solchen Vertrag mit mir schließen müssen, falls ihr überleben wollt.“ Während er sprach hatte Gundaruk die Streiter betrachtet. Den Jüngling mit dem feinen Gesicht und den gold-blonden Locken schien die Rede sichtlich zu stören. Gundaruk sah, wie Neire seine Augen rollte und bei den letzten Worten von Halbohr begann abfällig zu grinsen. Auch die gekreuzten Finger von Neire waren nicht zu übersehen, die er allerdings so zeigte, so dass sie nur er, Gundaruk, sie sehen konnte. Gundaruk ergriff seinen Speer und drängte an Neire vorbei. Er sah, dass der junge Priester in der feinen schwarzen Lederkleidung und dem roten Umhang mit schwarz-goldenen Stickereien seinem massiven Körper auswich. In diesem Moment richtete er seine Stimme an Neire: „Das wird schon werden, Kleiner.“

Als sie das dumpfe Pochen von Gundaruks Speer gehört hatten, den der Fremde gegen eine der Grabesplatten schlug, war die Stimmung wieder gekippt. Was zuvor als ein latentes Grauen, ein Verdrängen der offensichtlichen Veränderungen ihrer Körper und Umgebungen beschrieben werden konnte, war jetzt fortschreitender Verrücktheit und Panik gewichen. Gundaruk hatte bereits eine weitere Grabplatte zerstört, wobei sie dort nur Überreste in Form eines Skelettes gefunden hatten. Neire hatte sich in dieser Zeit um Rasmus gekümmert, dessen Haut seltsam kalt geworden war. Zudem murmelte der Paladin wirre Gedanken und hatte, so schien es, längst seine Beherrschung, wie auch seine Vernunft verloren. Als Rasmus sich umgedreht hatte und fast ein wenig hilflos nach Loec und Rowa rief, war Panik losgebrochen. Die beiden wald- und dunkelelfischen Mitstreiter waren schon seit einiger Zeit verschwunden und es war keinem aufgefallen. Sie waren dann alle in Richtung der Türe aus schwarzem Marmor gestürmt, die sie noch nicht geöffnet hatten. Neire, Halbohr und Gundaruk waren Rasmus gefolgt und sahen gerade wie er das Portal vor ihnen aufstieß. Dahinter offenbarte sich ein Bild von Größe und von Grauen. Sie erblickten eine kuppelförmige Halle, die die majestätischen Ausmaße eines inneren Sanktums hatte. Die Decke des gewaltigen Gewölbes war von schimmernden Sternen bedeckt, die im silbern-blauen Licht Rasmus‘ Rüstung fluoreszierend schimmerten. In der Mitte war ein Altar aus weißem Marmor zu erkennen, der die Schnitzereien von Humanoiden mit Fratzen und Fanzähnen trug. Hier und dort waren auf dem Altar dunkle Spuren erkennen, die eine längst vergangene, unheilige Benutzung erahnen ließen. Von der gegenüberliegenden Seite, wo Rasmus sich jetzt hinbewegte, sahen sie zwei bronzene Türflügel eines gewaltigen Portals. Von diesem Portal hörten sie wimmernde Laute der Furcht und sahen, dass Loec und Rowa dort lagen. Beide hatten sich in eine embryonal-ähnliche Haltung zusammengerollt und hielten sich die Hände über die Ohren. Auch Gundaruk drängte jetzt an Neire vorbei und betrat den Tempel der niederen Blutgöttin. Seinen scharfen halb-elfischen Augen entging nicht ein Schatten einer verborgenen Türe, die auf der linken Seite des Raumes lag. Als er die Position dieser Türe Neire mitteilte, mahnte der Jüngling Verschwiegenheit. Neire gab Gundaruk zu erkennen, dass sie alle den verfluchten Staub eingeatmet hätten, der sie jetzt unberechenbar machte. Gundaruk vermutete, dass nur er und Neire von der Position der Türe wussten. Er schritt vorsichtig weiter in Richtung des Altares. Als er näherkam, wurde er von Visionen heimgesucht. Gundaruk erblickte den alten Wurzelwald, durch den er so oft geschritten war. Doch eine Welle von Blut strömte auf ihn zu und riss alles nieder, drohte ihn zu zermalmen. Es nahm ihm die Luft zum Atmen. So groß wurde die Furcht, dass er in Panik aus dem Tempel herausstürzte und sein Heil in der Flucht suchte. Halbohr und Neire versuchten zwar ihn aufzuhalten, doch der massive Körper Gundaruks drängte vorbei. Nach kurzer Absprache folgte Halbohr Gundaruk, während Neire weiter in der geöffneten Türe stand und Rasmus beobachtete. Der Ritter schien jetzt völlig den Verstand verloren zu haben. Torkelnd und schwankend schritt er um seine beiden Mitstreiter herum und schrie gellend Befehle, das Grab zu stürmen. Als Loec und Rowa keine Reaktion zeigten, begann Rasmus mit seinen Stiefeln nach ihnen zu treten. Diese Szenerie belustigte Neire. Er dachte an die seltsamen Konventionen des oberirdischen Umgangs, die er von Rasmus in den letzten Tagen gelernt hatte. Doch nun schien Rasmus sie alle abgelegt zu haben und gab seinen niederen Instinkten nach. Als der Paladin zuerst Rowa und Loec nach ihren Weinschläuchen durchsuchte, überkam Neire sogar ein Gefühl der Sehnsucht. Er wollte mitmachen, den Wein trinken, vergessen und sich gehenlassen. Er dachte zurück an seine Zeit in Nebelheim, an seine Zeit mit Lyriell. Als Rasmus beide Weinschläuche leergetrunken hatte, konnte sich der Ritter kaum noch auf den Beinen halten. Jetzt waren auch Halbohr und Gundaruk wiedergekommen. Sie sahen die Szenerie und Halbohr begann zuerst Rowa, dann Loec aus dem Raum zu bergen. Als er die beiden Mitstreiter in den Gang geschleift hatte, hörten sie alle einen gurgelnden Kampfschrei durch das Gewölbe hallen. Rasmus hatte sich in eine Angriffshaltung begeben und stürmte schwankend, sich kaum auf den Beinen haltend, in überwältigender Verrücktheit, auf den Altar zu. Er schwang die gewaltige Waffe mit dem stumpfen Ende voran. Als dieses Ende, welches eine silberne Kugel darstellte, auf den Altar prallte, hörten sie ein Krachen, ein Bersten von Stein und Stahl. Neire hatte den Angriff kommen gesehen und dem Wahnsinn in die Augen geblickt. Er duckte sich hinter der schwarzen Steintüre in die Schatten.

Offline FaustianRites

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Sitzung 10 - Das Grab IV. - Tod eines Helden
« Antwort #10 am: 25.04.2022 | 22:21 »
Sie starrten alle gebannt in Richtung des Altars. Für einen kurzen Moment schien alles still zu stehen. Der Ritter Rasmus war in überbordender Trunkenheit auf das Relikt einer alten, längst vergangenen Zeit zugestürmt. Doch es waren nicht die Altäre der Verrücktheit, die sie vor sich sahen. Die Verrücktheit war in ihnen; in jedem einzelnen. Veränderung der Wahrnehmung, Stimmen und Geräusche; kalte und warme Schauer, die ihnen über den Rücken liefen. Ihr Geist war zermartert, doch sie spürten eine innere Vertrautheit, eine Sehnsucht und ein Gefühl von Sicherheit, als sie den weißen Marmor mit den Fresken von Fratzen vor sich sahen. Das silberne Licht Rasmus‘ schimmernder Rüstung fiel in die Leere der großen Halle und wurde doch reflektiert von einem karmesinroten Himmel glitzernder Sterne. Aus der halb geöffneten Türe war die Silhouette der gepanzerten Gestalt zu sehen, die aus einem Meer von weißem Nebel aufragte. Rasmus schwang die gewaltige Waffe mit dem stumpfen Ende voran. Die silbern schimmerte Kugel krachte auf den weißen Marmor, der hier und dort von den Spuren längst vertrockneter Rinnsale dunkel befleckt war. Das Knirschen und Bersten von Metall und Stein war ohrenbetäubend. Neire, der sich bis jetzt hinter dem geöffneten Türflügel versteckt hielt, torkelte zurück und ließ die schwarze Türe los. Sie sahen, wie sich aus dem inneren Sanktum eine Woge von bräunlich-grünlicher Substanz in alle Richtung ausbreitete. Wie ein volatiles Gas strömte es auf sie zu, hatte Rasmus bereits voll erfasst. Die Woge drang in den steinernen Gang und fuhr über sie hinweg wie schäumende Brandung. Dann verlosch der letzte Strahl des silbernen Lichtes. Der schwarze Türflügel war zurückgefallen und Dunkelheit breitete sich aus.

Schreie und Stöhnen waren von Loec und Rowa zu hören. Beide lagen noch dort, wo der elfische Söldner Halbohr sie hin geschleift hatte. Beide hatten sich vor Furcht in eine embryonale Stellung zusammengerollt. Als sich die Augen von Gundaruk, Halbohr und Neire an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen sie, dass Rowa und Loec die Gesichter verzerrten. Sie begannen sich zudem an ihrer Haut zu kratzen, als wollten sie sich diese vom Schädel reißen. Und tatsächlich waren Bewegungen unter ihrer Gesichtshaut zu erkennen. Als ob eine zweite, fremde Mimik die Kontrolle übernommen hätte und scheinbar zufällige Stellen hier und dort wölbte. Loec hatte sich bereits zwei der Brandwunden aufgerissen. Frisches Blut lief zwischen seinem bis auf Stoppeln verbranntem Haar hinab. Gundaruk, Halbohr und Neire hatten die Woge der Substanz des Altares besser überstanden. Dennoch war eine Mischung aus Angst und Verrücktheit besonders bei Neire und Halbohr zu sehen. Der junge Priester der obskuren Feuergöttin starrte immer wieder auf seine linke Hand, murmelte kaum verständliche zischelnde Laute und deutete dann auf die schwarze doppelflügelige Türe. Derweil blickte sich Halbohr panisch um. Schweiß hatte sich auf Gesicht und Hals des elfischen Söldners gebildet. Nur Gundaruk bewahrte eine innere Ruhe, als er sich zu ihren beiden Mitstreitern hinabbeugte. Er zog sich die schwere Fellmütze des Luchskopfes aus dem Gesicht; seine grünlichen Augen funkelten in der Dunkelheit, als er Loec und Rowa begutachtete. Er tastete nach der steingrauen Haut von Rowas Gesicht, seine große Hand begann ihren Kopf vorsichtig zu drehen. Tatsächlich spürte Gundaruk Bewegungen, die nicht von Muskeln stammen konnten. Als ob etwas unter die Haut der Dunkelelfin gefahren war, etwas das jetzt hinaus wollte. „Neire haltet die Türe auf!“ Gundaruk wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen. Er hatte über die alten Legenden nachgedacht. Über die alten Runensteine, die ihre Geschichten trugen. Geschichten von den Geistern der Unterreiche, die im Venn hinaufstiegen und sich den Körpern der Lebenden bemächtigten. Er erinnerte sich an alte Weisheiten seines Volkes, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Und Gundaruk wusste um den Zustand der Besessenheit, der Besitzergreifung durch das Fremde, aus der großen Tiefe darunter. Er blickte sich um und sah, dass Halbohr bereits die Türe geöffnet hatte und einen seiner Dolche unter dem Flügel verkeilte. „Geht nicht… nicht dort hinein. Es ist das Heiligtum der niederen Blutgöttin, vielleicht seit Jahrhunderten verlassen. Doch von dem Altar droht Gefahr.“ Als Neire seine Worte beendet hatte, sah Gundaruk, dass der Jüngling am ganzen Körper zitterte. Mehrfach griff Neire zu seinem mit Schlangen verzierten Degen, blickte jetzt sogar in seine Richtung. Seine Augen funkelten dabei bläulich in dem silbernen Licht, das wieder durch den geöffneten Türflügel strömte. Als Gundaruk sich erneut Rowa zuwandte, sah er, dass Halbohr bereits begann sich auf den Altar zuzubewegen.

Der elfische Söldner trug zwei Dolche in den Händen, von denen einer aus purem Silber gearbeitet war. Er watete durch den Nebel und lauschte nach Geräuschen, die er in der Halle vernehmen konnte. Hier war wieder ein Schreien zu hören, dort ein Rasseln von Ketten; doch keine Spur von Rasmus. Der Altar, dem er jetzt näherkam, ragte noch immer unbeschädigt aus dem weißlichen Nebel. Halbohr hielt den Atem an und setzte Schritt für Schritt in Richtung des unheiligen Marmors. Plötzlich war es, als ob der Nebel nach ihm greifen wollte; Hände bildeten sich und verflossen wieder. Er hörte ein Strömen und Plätschern. Er bemerkte zu seinem Grauen, dass eine Fontäne aus Blut aus dem Altar hervorschoss. Halbohr begann zu zittern und wollte in den sicheren Tunnel laufen. Doch sah er einen gepanzerten Handschuh auftauchen, der sich auf dem Altar stütze. Rasmus hatte sich den Helm ausgezogen. Trotz der üblen Brandwunden, die ihn entstellten, blickte er Halbohr mit einer tiefen, trunkenen Zuversicht an. Als der Ritter sich langsam erhob, begann das Trugbild des Blutstroms für Halbohr zu schwinden. Doch nicht enden wollte die Tortur von Wahnvorstellungen. Jetzt hörte Halbohr ein Mahlen von Stein. Er dreht sich langsam in die Richtung und sah, dass sich zu seiner linken Seite ein Teil der Wand begann zu bewegen. Es eröffnete sich eine Türe. Dort, wo vorher keine gewesen war. Oder war es doch die Realität? Auch Rasmus schien die Änderung erkannt zu haben und begab sich mit seiner Hellebarde in eine Angriffshaltung. Das Grauen, das Halbohr verspürte nahm nochmals zu, denn er sah am Rande des silbernen Lichts schattenhafte Kreaturen aus der Öffnung strömen. Augenblicklich begann er sich in die Dunkelheit zu kauern. Er tauchte ein in den weißlichen Nebel und drückte sich an den Altar.

„Irgendetwas stimmt hier nicht… Gundaruk! Seid auf der Hut.“ Die Stimme von Neire war in eine Art zischelnden Singsang verfallen. Tief und fremd war sein Akzent, als er sprach. Neire hatte in Richtung von Halbohr geblickt und ihn aus dem Tunnel heraus beobachtet. Er hatte gesehen, dass der elfische Söldner zum Altar vorgedrungen war und sich plötzlich in den Nebel gekauert hatte. Auch hatte er die Angriffshaltung bemerkt, in die der Paladin sich jetzt begab. Dann waren die Schreie von Loec und Rowa angeschwollen zu einem Höhepunkt. Neire spürte, dass irgendetwas passierte; irgendetwas, dass Rasmus mit seinem Angriff auf den Altar ausgelöst hatte. Er musste jetzt bereit sein, musste die Kräfte von Feuer und Schatten beschwören. Er dachte an die Runen, die er im inneren Auge gesehen hatte, er dachte zurück an Nebelheim: Bei Nirgauz werde ich das lodernde Feuer reiten, bei Firhu gib mir die Gabe der Schatten, bei Zir’an’vaar, ich bin und werde es immer sein. Ein Kind der Flamme.

Gundaruk erhob sich und ließ von Rowa ab. Die Schreie der beiden waren ohrenbetäubend und klangen nach vollkommener Verrücktheit. Er hatte die Worte von Neire kaum gehört und spät reagiert. Als er den Speer erhob und sich schützend vor Neire postierte, merkte er, dass der Jüngling sich verändert hatte. Gundaruk spürte eine Aura, wie die brennende Düsternis. Das schöne, bleiche Gesicht von Neire war erstarrt, seine Augen fassten die Ferne. Neire hatte seine linke verbrannte Hand unter der Robe hervorgezogen und sie so vor sich gestreckt, als ob er etwas Unsichtbares halten würde. Jetzt sah Gundaruk das Glühen in dessen Augen. Als ob die dunkle schwarze Kruste eines glühenden Magmas begann zu reißen. Dann formten sich die Flammen. Die Haut begann zu brennen und es quoll Feuer aus Neires Hand. Der Gang wurde in ein rötliches Glühen versetzt. Feuer und Schatten, Schatten und Feuer. Die Flamme aus Lava begann zu tanzen, als Neire zischend murmelte. Der Jüngling griff mit seiner rechten Hand in die Flamme und zog einen Degen aus purem Feuer hervor. Aus dem rötlichen Licht, welches jetzt den Gang erhellte, blickte Gundaruk in die Dunkelheit. Er deckte mit seinem Speer den Bereich vor ihm. Plötzlich schossen drei Kreaturen vor ihm herab, die sich wie Spinnen an einer Wand fortbewegt hatten. Gundaruk sah bleiche Knochen, über die sich vertrocknete Haut zog. Staubiges zerzaustes Haar fiel von den Köpfen hinab. Die Gestalten gierten nach Blut. Gundaruk konnte ihre langen Eckzähne erkennen, als sie ihn anfielen. Doch vorher stieß er mit dem Speer zu und hörte das Knirschen von Knochen. Einen kurzen Moment später spürte er die Hitze näherkommen und hörte die Stimme von Neire von hinter ihm: „Aus dem Weg Gundaruk.“ Gundaruk machten einen Schritt zu Seite und wurde geblendet von der Feuerwelle, die aus Neires linker Flammenhand nach vorne strömte. Alle drei der Gestalten wurden in ein Meer von Feuer und Schatten gehüllt.

Die Kugel aus Magma explodierte und hüllte den gesamten Gang hinter ihnen in Flammen. Neire spürte, wie die Welle der Macht ihn verließ, als er das Feuer beschwor. Adrenalin schoss durch seinen Körper und verdrängte jedes Gefühl von Angst. Jetzt war er gefangen in der Welt von Feuer und Schatten; die Essenz seiner Göttin elektrisierte jede seiner Bewegungen. Er starrte in die Flamme seiner linken Hand und ließ sich von ihren chaotischen Bewegungen treiben. Sein scharfer Verstand war das Ventil eines elementaren Meeres aus Chaos, eines älteren, urtümlichen Bösen. Es war ein Urmeer, aus dem er schöpfte, ein unendlich dimensionales Gebilde, das nur durch den ewigen Kampf einer Dualität aufrechterhalten wurde – ein Gebilde, dem der Gleichgewichtszustand fremd war. Sie hatten verbissen gegen die drei Kreaturen gekämpft, die Neire und Halbohr als lebendige schöne Gestalten gesehen hatten. Die Kreaturen hatten vor seinen Augen unter den Speerstichen Gundaruks geblutet. Schließlich war Halbohr ihnen zur Hilfe geeilt und hatte ihre Widersacher von hinten angegriffen. Zu dritt hatten sie sie niedergerungen und als sich eine der Gestalten wie von Geisterhand wieder erhob, hatte Neire eine zweite Feuerwelle über sie ergehen lassen. Erst dann waren sie zu Asche verbrannt worden. Die Ereignisse hatten sich danach überschlagen. Sie hatten gesehen, dass Rasmus am Altar gegen vier weitere der Kreaturen kämpfte. Der Ritter war bereits übel mitgenommen und konnte sich aufgrund seiner Trunkenheit kaum auf den Beinen halten. Aus der Dunkelheit hinter Neire und Gundaruk, hatte eine weitere Kreatur angegriffen, die jetzt Loec niederrang und sein Blut trank. Zudem war hinter ihnen ein untoter Krieger aufgetaucht, der Langschwert und Panzer trug und ein knappes Dutzend an Skeletten anführte. Die von Rowa beschworenen Spinnennetze hatten ihn nicht aufhalten können und er drängte jetzt auf Gundaruk zu. Neire hatte in Richtung von Rasmus gerufen. Dass er ihnen helfen sollte; doch der Paladin hatte nicht reagiert. So hatte Neire die Macht von Jiarlirae entfesselt. Für einen Moment wurden alle Geräusche von der Explosion übertönt, alle Sicht von einem grellen Licht genommen. Dann hörten sie alle den Todesschrei von Loec, gefolgt von einem Röcheln. Der waldelfische Begleiter wurde von den Flammen Neires dahingerafft. Nachdem der Rauch sich verzogen hatte, sah Neire glühende Haufen von Knochen zusammenbrechen. Auch die Gestalt, die Loec angegriffen hatte, löste sich in glimmende Asche auf. Nur der berüstete Krieger schritt weiter auf sie zu. Neire und Rowa wichen aus dem Gang in das Sanktum zurück. Gundaruk stellte sich dem Krieger am Eingang zum Kampf. Sie sahen alle, dass Rasmus von den vier Kreaturen am Altar überwältigt wurde. Sie begannen ihre spitzen Hauer in sein Fleisch zu rammen und sein Blut zu trinken. Ein weiteres Mal beschwor Neire die alten Runen, lispelte schlangenhaft den düsteren Singsang. Doch diesmal wendete er sich in Richtung Altar. Die Explosion erschütterte die Halle. Der Altar, der Ritter Rasmus und seine Widersacher verschwanden in einem Reigen aus Feuer. Als die Flammen sich legten, lag der Ritter blutend und verbrannt auf dem Boden. Rasmus hatte sein Leben ausgehaucht. Doch Neire hatte sich bereits dem untoten Krieger zugewendet. Er schwang die Flamme seiner Göttin und den Degen aus Feuer. Erbarmungslos brannten seine glühenden Augen. Nicht hörte er Rowas warnende, fast wehleidige Stimme: „Der Altar! Zerstört den Altar. Nehmt die Viole aus Rasmus‘ Gürtel.“

Gundaruk zitterte und atmete schwer. Er konnte kaum klar denken und fasste sich immer wieder an seinen Hals. Die Klinge des untoten Kriegers war dort tief eingedrungen und warmes Blut rann in Strömen herab. Die Todesangst hatte ihn gepackt. Es schien, als ob er die Kreatur nicht hatte verletzen können. Mechanisch hatte der Untote das Schwert gegen ihn erhoben. Hieb für Hieb. Keinen Schmerz hatte sein Gegner empfunden. Und Gundaruk hatte ihm schwere, tiefe Wunden zugefügt; tödlich für jeden Sterblichen. Für einen Moment sah es aus, als ob der große Mann in sich zusammensinken würde. Der von Blut dunkel gefärbte Fellmantel bedeckte ihn gänzlich. Er dachte an den Duft des Waldes im Sommer, die alten Wurzeln, das Harz von Fichten und Tannen. Doch da war sie wieder, die Wut, die ihn heimsuchte, wie eine Woge innerer Dunkelheit. Schaum bildete sich vor seinem Mund. Er begann zu schreien als sein großer muskulöser Körper sich zu wandeln begann; Sehnen begannen zu springen, Knochen zu brechen. Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, wie geleimt sollen sie sein. Ein gewaltiges Brüllen durchfuhr die Halle, als die Kreatur, in die Gundaruk sich verwandelt hatte, sich erhob. Der Bär nahm Geschwindigkeit auf, als er in Richtung des untoten Kriegers stürmte. In seiner neuen Form sah Gundaruk wie durch einen Tunnel. Er stellte sich auf, blickte auf die berüstete Gestalt unter ihm und ließ sein gewaltiges Gebiss zuschnappen.

Als Rowa die Viole mit dem silbern schimmernden Wasser auf dem Altar zerbrach, war der Marmor in tausende Teile zerbrochen und explodiert. Ein Regen von Steinsplittern hatte sie zerschnitten. Nicht nur die Umgebung hatte sich danach geändert. Geisterhafte Silhouetten hatten sich aus den Körpern von Neire, Halbohr und Rowa gelöst. Geister lange verstorbener Kreaturen dieses Grabes, die in sie eingedrungen waren und die ihrem Verstand übel zugerichtet hatten. Der Nebel hatte sich dann für ihre Augen auflöst, so wie ihre körperlichen Veränderungen. Gemeinsam hatten Halbohr, Neire und Gundaruk – in Bärengestalt – gegen ihren letzten Widersacher gekämpft. Der Untote schien jetzt wie gelähmt und so konnten sie ihn zu Boden bringen. Danach war Ruhe eingekehrt. Halbohr war hinter der neu geöffneten Geheimtüre verschwunden, um die dahinter liegenden Gemächer nach Schätzen zu durchsuchen. Der Bär war in den Gang getrottet und schnüffelte am toten Körper Loecs. Neire hingegen blieb stehen und betrachtete die Halle. Der karmesinrote Himmel mit den silbernen Sternen war jetzt erloschen, der Altar zerbrochen. Mit einer inneren Zufriedenheit betrachtete er das Werk seiner Zerstörung; doch er wollte mehr. Er wusste, er hatte nur die Oberfläche berührt. Die Oberfläche der Geheimnisse, die in den Schatten liegen; das Chaos der Flammen. Er musste die alten Runen der Schwertherrscher entdecken, das Unbekannte verstehen, das Wissen jenseits der Sterne ergründen. Hätte er in dieser Situation einen Spiegel gehabt, so hätte er sich lange betrachtet und seine Fantasie in das Unbekannte entgleiten lassen. Doch er hatte keinen Spiegel. So fiel sein Blick auf Rowa, die sich bereits zu Rasmus hinabgebeugt hatte und ihn zu durchsuchen begann. Neire steuerte seine Schritte in Richtung des Haufens marmorner Scherben, hob arrogant sein Kinn und stellte siegessicher ein Bein auf die Reste des Altars: „Seht ihr nicht die Größe meiner Taten. Wir haben es vollbracht Rowa.“ Er sah, wie die Dunkelelfin mit dem grobschlächtigen Gesicht ihn kurz verächtlich anschaute, dann jedoch weitersuchte. „Es sind unsere Taten, die uns von den anderen unterscheiden. Es ist unser Geist, der uns nach dem Wissen greifen lässt… Doch ihr Rowa… ihr durchwühlt und plündert bereits die Leichen.“ Seine Stimme klang überheblich. Neire fühlte sich unbesiegbar in diesem Moment. Als Rowa ruckhaft aufstand und ein Amulett samt silberner Kette hervorzog, wich dieses Gefühlt jäh. „Ja, ihr habt es vollbracht. Tut doch was immer ihr wollt.“ Rowa stieß zudem einen Fluch auf dunkelelfisch aus, der in Richtung Rasmus ging. Doch Neire verstand die Worte. Auch sah er das Symbol, das sich auf dem Amulett befand. Es war das Hauswappen der Herrscherfamilie Duorg. In den Wirren der Kriege der vergangenen Jahrhunderte hatten sie stetig an Macht verloren. In traditioneller, dunkelelfischer Weise wurde das Haus Duorg von Frauen geführt, die von Ched Vurbal aus ihre niederträchtigen Machenschaften in die Unterreiche trugen. Neire war sich nicht sicher, ob es sich bei Ched Vurbal um eine Stadt oder einen Herrschaftssitz handelte, doch er wusste, dass das Haus vor langer Zeit einen Tempel zu Ehren der Spinnengöttin Lolth errichtet hatte. Den Namen des Tempels kannte er nicht, doch er sollte die Form einer Spinne gehabt haben und in Obsidian und Eisen errichtet worden sein. In den Wirren des Krieges war Ched Vurbal schließlich zerstört oder verschüttet worden. Vom Tempel hatte man seitdem nichts mehr gehört. Sogar an den Namen der Herrscherin konnte sich Neire erinnern: Raxira. Jetzt fiel ihm ein, dass Raxira zwei Geschwister gehabt haben sollte. Einen Bruder Raxor, der seit seiner Jugend als verschollen galt, und eine Schwester Rowa. Neire, sprach nun einfühlsam. Die Überheblichkeit in seiner Stimme war einem sanften Singsang gewichen. „Raxira, ist das eure Schwester, die ihr sucht?“ Er sah, dass Rowa vor Wut zu schäumen begann. Sie zitterte am ganzen Körper und antwortete zischelnd: „Wagt es nicht ihren Namen in euren Mund zu nehmen. Raxira, verflucht soll sie sein.“ Neire senkte unterwürfig seinen Kopf und machte ein paar Schritte zurück. „Ich…“ Er wollte gerade anfangen zu sprechen, als die Luft um Rowa begann zu flimmern. Er sah, wie sich geisterhafte Konturen bildeten. Spektrale Wesen formten sich aus dem Nichts. Es waren riesenhafte durchsichtige Spinnen.

Offline FaustianRites

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Sitzung 11 - Das Grab V. - Wiedergeburt
« Antwort #11 am: 2.05.2022 | 22:36 »
Der große halbkuppelförmige Dom des Grabes war jetzt in Dunkelheit gehüllt. Der Geruch von Schwefel, von verbranntem Fleisch und verkohlten Haaren war allgegenwärtig. Neire ließ seinen Blick kurz über seine Umgebung gleiten und sah, dass marmorne Scherben den Boden bedeckten. Der gesamte Bereich hatte sich plötzlich für ihn verändert und strahlte jetzt einen morbiden Charakter des Verfalls lange verlassener Einsamkeit aus. Er hatte Rowa nie ganz aus seinem Blickfeld gelassen und sah, dass sie immer noch – wutentbrannt und vor Zorn zitternd - das schimmernde Amulett betrachtete, das sie kurz zuvor dem Leichnam des Ritters Rasmus abgenommen hatte. Der kniehohe weiße Nebel war nach der Zerstörung des marmornen Altars vollständig verschwunden und so konnte Neire sehen, wie sich das silbrige, spektrale Wesen lautlos hinter Rowa formte. Neire spürte wie das Adrenalin abermals durch ihn schoss, doch die Aufregung war nicht mehr so groß wie zuvor. Nach dem Kampf war sein zermarterter Geist in einen ruhigen, fast schläfrigen Zustand übergegangen, in dem er mehr Betrachtender als Handelnder war. Er hob seine linke Hand unter der Robe hervor, zeigte und wich zwei Schritte zurück, als er zischelnd die Worte formte: „Rowa, sie ist hinter euch. Eine Spinne!“ Rowa blickte zu ihm auf und er konnte sehen, dass ihr plumpes Gesicht ihn für einen Moment musterte. Dann fing sie in ihrem Zorn an zu lachen. Konnte sie nicht sehen, dass die durchsichtige Spinne hinter ihr begann sich zum Angriff aufzustellen? Neire sah, wie sich die langen Fangzähne des spektralen Wesens in den Rücken von Rowa gruben. Blut sprudelte auf und das Lachen erstickte zu einem Schmerzschrei. Die Dunkelelfin wurde durch die Wucht des Angriffes zu Boden geschleudert. Neire musste handeln. Die Spinne rückte unaufhaltsam auf ihn zu. Er konzentrierte sich und ließ die Kraft ein weiteres Mal die heilige Flamme hervorrufen. Klein und versunken wirkte das tanzende Magmafeuer in der Größe des inneren Sanktums. Neire erhob seine Stimme warnend: „Rowa, seht. Die Flamme meiner Göttin… Flieht!“ Die Dunkelelfin begann jetzt zu kriechen und blickte ihn verachtend an. Sie wollte etwas erwidern, doch hustete nur Blut hervor. Ihr Gesicht schien zudem plötzlich und wie durch übernatürliche Veränderung gealtert. Neire beendete den priesterlichen Singsang der Beschwörungsformeln und rief das Feuer, das Rowa und das durchsichtige Wesen umhüllten. Stichflammen aus Magma schossen aus dem Boden hervor. Ein tiefes malmendes Geräusch war zu hören, wie das dunkle Grollen eines weit entfernen Wasserfalles. Das spektrale Wesen begann sich in einem Glühen aufzulösen. Die Dunkelelfin jedoch schrie in einem hellen Ton, als sie starb. Eine tiefe innerliche Freude durchfuhr Neire, als sie ihr Leben den Flammen gab. Er erinnerte sich an ihre Worte am Eingang zum Grab. Wir werden überleben, doch einen Teil unserer Seele werden wir der Spinnengöttin opfern. Ja, Rowa, ihr habt den euch zustehenden Teil geopfert. Doch ihr gabt ihn nicht der Spinnengöttin. Ihr gabt ihn den Flammen, den Schatten…

Gundaruk und Halbohr waren mit gezogenen Waffen in den Raum gestürmt, als sie Neires Ausruf gehört hatten. Doch die Flammen waren bereits abgeklungen als sie den Kampfplatz erreicht hatten. Nur noch den verbrannten, halb verkohlten Leichnam Rowas hatten sie gesehen, der in einer kochenden Blutpfütze lag. Neire war bereits zu dem Leichnam geschritten und sie hatten gesehen, dass er Rowa die Kette mit dem Amulett abgerissen hatte. Dann waren mehrere Kreaturen aus den Wänden oberhalb und neben der bronzenen Türe erschienen. Zwei weitere der Geisterspinnen und eine Kreatur, die von grauenvoller Schönheit war. Sie war halb durchsichtig gewesen und hatte den Unterkörper einer Spinne sowie den Oberkörper einer Dunkelelfin. Sie hatten die Ähnlichkeit zu Rowas Gesicht bemerkt, doch es schien, als ob das Gesicht die vorteilhafteren Züge von Rowa gehabt hätte. Sie hatten ein schlankes, schmales Antlitz betrachtet, das eine schöne, fast übernatürliche Symmetrie innehatte. Weißliches, langes Haar war vom Kopf hinabgefallen und blaue Augen hatten in der Dunkelheit gefunkelt. Das Wesen hatte die Szenerie betrachtet und war dann beim Anblick von Rowas Leichnam in ein Lachen verfallen. Auf die Worte von Neire: „Raxira, eure Schwester ist tot.“ Hatte sie geantwortet: „Habt Dank, habt Dank.“ Sie war daraufhin mit ihren Spinnen in der Wand verschwunden, doch Gundaruk, Halbohr und Neire hatten ein weiteres Mal ihre Stimme im Nachhall gehört: „Ihr habt mir einen großen Gefallen getan, doch ihr habt etwas das mir gehört… und ich werde es mir holen.“

Halbohr starrte Neire für einen Moment an. Hatte er den jungen Priester falsch eingeschätzt? Er war sich seiner Menschenkenntnis sicher, hatte nie oder selten falsch gelegen. Am Ende hatte er doch immer überlebt… und die anderen? Zu ihren Göttern hatten sie gebetet, hatten sie gefleht. Doch ihr Blut hatte den Sand gerötet, ins Gras hatten sie gebissen. Er, Halbohr, hatte sie überlebt. Er hatte sich auf seine Fähigkeiten verlassen. Jetzt blickte ihn Neire an. Als ob er seine Gedanken erahnen könnte. Das Gesicht des Jungen war lieblich auf den ersten Eindruck, wirkte unschuldig. Doch wie in einem Rausch hatte Neire bereits drei ihrer Mitstreiter ermordet. Und die rötlich glühenden Augen betrachteten ihn jetzt. Die Flamme aus Magma und Schatten in der linken Hand Neires erhellte und verzerrte sein Antlitz. Hatte er, hatte sich Halbohr vertan? Hatte er die Macht der Götter, die Macht von Jiarlirae unterschätzt? Einen kurzen Moment verspürte er den puren Hass und das Chaos, das in den Augen von Neire zu sehen war. Doch Halbohr verdrängte die aufkommende Furcht. Er ist doch nur ein Junge, noch ein halbes Kind. Halbohr erhob beschwichtigend die Hände und sprach ruhig: „Neire, werft das Amulett weg und folgt mir den Tunnel. Sie wird es sich holen. Es ist es nicht wert.“ Für einen kurzen Moment sah Halbohr den Hass in Neires Augen brodeln. Als ob man einem Kind etwas wegnehmen wollte. Doch dann beruhigte er sich. Die Flamme in seiner Hand wurde kleiner und erlosch. Er warf das Amulett in Richtung der bronzenen Türe, nickte ihm zu und folgte ihm. Auch Gundaruk kam ihnen in den Tunnel nach und deckte ihren Rücken. Halbohr kniete sich nieder, lauschte und betrachtete mit seinen grünlichen, fast katzenhaft schimmernden Augen fortwährend den dunklen Dom. Tatsächlich hörte er ein leises Rascheln in der Dunkelheit und sah wie sich erneut zwei geisterhafte Körper begannen aus dem Boden zu schälen. Die durchsichtigen Kreaturen richteten sich über dem Leichnam Rowas auf. Sie trugen ein dunkelelfisches Wappen auf ihren Hinterleibern. Jetzt stürzten sie sich auf den leblosen Körper hinab und begannen ihn mit ihren Hauern zu zerfetzen. Das Knacken von Knochen, das Flatschen von Gedärmen und das Schmatzen von Fleisch war zu hören. Die Zerteilung des Körpers in der Mitte war grausam anzusehen - es war die Zerstückelung von Rowa - unanständig und obszön.

Als der große Mann die geheime Türe zur Gruft zudrückte, hatten sich Neire und Halbohr bereits zur Rast niedergelassen. Gundaruk blickte ein letztes Mal in den stillen Dom des Sanktums, doch er sah keine Bewegung. Der Stein schloss sich nun mit einem Knirschen. Gundaruk drehte sich um und näherte sich dem Raum durch den kleinen Gang. Die Gruft hatte eine ovale Form. Hier und dort ragten Grabesnischen auf. Staubige Knochen von Skeletten bedeckten den Boden. Obwohl Gundaruk so lange geschlafen hatte, fühlte er sich müde. Er dachte zurück an die jüngsten Ereignisse. Sie hatten gesehen wie die Spinnen verschwanden, wie sie gekommen waren. Das Amulett hatten sie noch mitgenommen, doch den zerfetzen Körper Rowas zurückgelassen. Halbohr, Neire und er selbst hatten sich dann in der Gruft niedergelassen und auf Bitten von Neire den schweren Leichnam des Ritters mit sich geschleift. Gundaruk hatte ihnen gesagt, dass er einen Schutzzauber wirken würde. Er erinnerte sich zurück an seine Zeit in Mark und Tal, seine Streifzüge durch Wald und Venn. Er würde die Kreatur aus den Schatten ein weiteres Mal beschwören. Sie hatte ihm schon oft gute Dienste erwiesen. Immer wenn er allein unterwegs gewesen war. Er kniete sich nieder und sog die Luft ein; er hörte und roch den Wald, als wäre dieser noch immer um ihn herum. Er ließ die goldenen Runen des heiligen Bandes an seinem Speer durch seine Hand gleiten und murmelte die Verse in der alten Sprache. Und der Greif antwortete ihm. Gundaruk wusste, dass er ihn nicht sehen konnte, doch in den Schatten spürte er seine Anwesenheit. Der Greif würde über sie wachen, wie er es immer für ihn getan hatte. Dann hatte auch Gundaruk sich niedergelegt und war sofort eingeschlafen. Träume quälten ihn. Immer wieder wachte er schweißgebadet auf. Einmal erinnerte er sich an das Licht von Fackeln. Einmal an Neire, wie er betete. Ein rotes Funkeln ging von Neires entblößter Schulter aus. War es wirklich ein Traum?

Neire hatte lange geschlafen. Auch ihn hatten Träume gequält. Er erinnerte sich an die verschwommene Silhouette einer Frau. Eine Frau mit einem blauen und einem schwarzen Auge. Nach dem Schlaf hatte er die Fackeln entzündet und an das ewige Nebelheim gedacht. Er hatte gebetet und meditiert. Und sie hatte ihn erhört, sie hatte ihn wahrlich erhört. Er spürte es, als er über den alten Formeln brütete. Er wusste, dass ihm jetzt eine große Aufgabe bevorstand. Mit mutigem und geöffnetem Geist musste er voranschreiten. Er dachte über das Grenzreich nach, in das er eindringen würde. Die Seelen der Toten wanderten dort, sie suchten ihren Weg ins Jenseits. In den alten Schriften der Yeer’Yuen’Ti hatte er darüber gelesen. Oftmals wussten die Toten nicht, dass sie tot sind. In diesem Grenzreich, der Schattenmark, verfügten die Seelen doch über normale Leiber. Er fasste sich und ihm kam der rettende Gedanke. Er musste seine Erfahrungen niederschreiben in einem Buch, er musste die Erinnerungen bewahren. Er beugte sich über den großen Leib von Rasmus und legte sorgsam seine Hände um den verbrannten Kopf. Er begann zischelnd den Singsang des Totenliedes zu rezitieren. Halbohr und Gundaruk starrten gebannt auf ihn. Sie sahen, dass Neire sich in einen Kniesitz begeben hatte. Er hatte seinen Oberkörper entblößt und offenbarte den grauenvoll verbrannten linken Arm, an dem die drei mit der Haut verwachsenen Rubine zu leuchten begannen.

Es war das erste Jahr nach meiner Flucht aus Nebelheim als ich in die Schattenmark eindrang. Die Seele des Sünders zu finden war meine Aufgabe, die Seele der schwachen Kreatur zu finden war mein Ziel; die Seele, die nicht finden sollte, was sie suchte. So stieg ich hinab ins Nichts, das mir gepriesen zu sein als dasselbe wie die Fülle. Einen Ort an dem Anfang und Ende vereint ist und SIE so viel größer als Ursache und Wirkung. Der Ort meiner Bestimmung war Nebelheim, in dem das größte Heiligtum dieser Erde liegt: Das innere Auge. Es ist doch hier wo das Gegensatzpaar IHRER Heiligkeit sich zeigt. Feuer und Schatten, Schatten und Feuer. Und doch ist SIE mehr als die Summe aller Teile, SIE war schon immer mehr und SIE wird immer mehr sein.

Ich selbst war es, den ich im inneren Auge sah. Ein kleiner Junge an einem heiligen Ort. Ihm - mir, lief der Schweiß in Strömen vom Gesicht. Ich säuberte den obsidianernen Boden, der glänzte wie ein dunkler Spiegel. Die Luft um mich herum war voll von Wasserdampf. Es war die Hitze des inneren Auges, die hervorquoll und das Schmelzwasser des ewigen Gletschers noch in der Luft verdunsten ließ, bevor es den Boden erreichen konnte. So sah ich in mein Antlitz im schwarzen Obsidian und sah mich selbst, mein jüngeres Ich. Ein Junge mit nacktem Oberkörper und blasser milchig-weiß schimmernder Haut. Erhellt vom dunklen Glanz der immerbrennenden Fackeln. Der Körper noch unversehrt, bis auf die rötlich wulstige Narbe an der linken Seite meines Bauches. Ich war schlank, anmutig und drahtig; für mein kindliches Alter bereits groß gewachsen. Langes, jetzt nasses, gelb-goldenes Haar fiel in Locken von meinem Kopf und umrahmte meine gerade Stirn. Meine Augen schimmerten in tiefstem Nachtblau. Doch ich war nicht hier, um mich selbst zu betrachten. Ich war hier um ihn zu finden, die schwache Seele, ein Nichts und doch eine menschliche Seele. Ich spürte seine Präsenz; ich spürte wie er litt; ich spürte seine Suche, sein Unwissen. Ich rief ihn hervor, bei seinem Namen, bei seinem menschlichen Namen. Dem Namen, der vergessen sein soll, weil dieser, wie seine Seele, Nichts lautete. Ich sah ihn, wie ich ihn sah, als er sein Leben aushauchte. Ich nahm ihn an der Hand und sang ihm ein Lied, ein Lied in der alten Sprache der Yeer’Yuen’Ti. Ein Lied voll von brennender Düsternis und aus dem Licht der schwarzen Sonne:

Kommet und seht, oh lauschet meiner Stimme, gefunden habt ihr mich
Irrt ihr doch durch die ew‘ge Nacht, nicht lebend nicht lebendig, und wisset nicht davon
Noch könnt ihr euch erinnern, an eure Taten, was einst war, so grauenvoll und abartig
Der Weg führt euch nur weiter, die sieben Tore warten, das große Untere
Verdammt, verloren, nie neu geboren, verlassen, vermissend, nie wieder wissend

Er fing an bitterlich zu weinen und ich nahm ihn bei der Hand. Wir näherten uns gemeinsam dem inneren Auge. Die Luft wurde zunehmend wärmer und begann zu strömen. So heiß war es am Rand, dass alles um uns herum zu flimmern begann. Wir knieten uns nieder und blickten in die Tiefe. Es war, als ob keine Wände zu sehen waren. Das große Ungewisse des Gegensatzpaares. Der Geruch von Schwefel und brennendem Stein; brodelnde Magma, chaotisch und sich ständig wandelnd. Hier und dort zogen sich dunkle Krusten zwischen den helleren Stellen entlang. Orangene bis gelbe Farbtöne verliehen dem Unteren einen furchteinflößenden Charakter. Ich sagte ihm, er solle sich nicht fürchten. Ich erzählte ihm von der Herrlichkeit der wahren Göttin und er lauschte meiner Stimme. Dann war da die Stimme einer Frau. Lieblich und furchteinflößend zugleich, flüsterte sie mir zu, was zu tun sei. Und ich sah ein A und ein F in den Rissen des Magmas. Ich blickte ihn an und sagte: „Horcht, ihr seid alleine gestorben und werdet für ewig alleine wandeln. Doch die Flamme und der Schatten waren nie allein. Wendet euch IHR zu und ihr werdet neu geboren werden. Ihr werdet nie wieder alleine sein. Gebt offen und frohmütig eure Seele, versprecht sie IHR und es wird geschehen.“ Erneut fing er an zu schluchzen, blickte hinab in die Tiefe. Ich las die Runen für ihn, wie ich es in Nebelheim schon einmal getan hatte. „Dunkle Schatten sind das Licht unserer Göttin, wer ihr Feuer atmet, der strebet nach den Schlüsseln des Jenseits… Die Rune Nirgauz verheißt loderndes Feuer und gleichwohl eine gute Zukunft. Die Rune Firhu ist die Gabe, die Gabe des Feuers und der Schatten. Die Rune Zir’an’vaar spricht von Hingabe und von Opferung.“ Er lauschte meiner Prophezeiung. „Ihr müsst mir nur nachsprechen. Dreimal,“ sagte ich. Und er nickte. So blickten wir hinab und ich sprach die Worte, die Beschwörungen, die nie ein Ungläubiger erfahren darf:

„Ich rufe Euch Danuar'Agoth, ich rufe euch. Ich rufe Euch, Danuar'Agoth, die weiß-rot-schwarze Flamme.

Ich rufe Euch Hemia'Galdur, ich rufe euch. Ich rufe Euch, Hemia'Galdur, die Hüterin des grün-rot-goldenen Magmas.

Ich rufe Euch Vocorax'ut'Lavia, ich rufe euch. Ich rufe Euch, Vocorax'ut'Lavia, den Henker der letzten Einöde.

Ich rufe Euch Asmar‘fana, ich rufe euch. Ich rufe Euch, Asmar‘fana, die noch ruhende Heldin, Schlächterin von Ur’tor‘braahr.

Jiarlirae, älteste und höchste Göttin, Schwertherrscherin, Königin von Feuer und Dunkelheit, Dame des abyssalen Chaos, Herrin der Acht Schlüssel der brennenden Düsternis.

Damit er losgebunden, frei, befreit von Pein,
erfahre er was Wiedergeburt und nie wieder allein sein sei."


Mit diesem Beschwörungspakt wurde er wiedergeboren als neue Seele, als Seele Jiarliraes. Er war kein Nichts mehr. Sein Name war Bargh, ein Diener Jiarliraes. Glorreich soll seine Zukunft sein, groß seine Taten. Er wird nie wieder alleine sein. Flamme und Schatten werden ihn begleiten.

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Sitzung 12 - Aufbruch nach Grimmertal
« Antwort #12 am: 7.05.2022 | 21:50 »
Sie alle blickten gespannt auf den von Brandwunden gezeichneten Körper des Ritters. Gundaruk, der seine Fellkapuze tief in sein Gesicht gezogen hatte und sich kniend auf seinen Speer stütze, schaute auf. Halbohrs kantiges Gesicht kam zum Vorschein, als er seinen breiten Nacken drehte und den jungen Priester beobachtete, der sich nun vom Leichnam erhob. Neire sang weiter den fremden Choral und seine Augen funkelten rötlich. Als er sah, dass der gewaltige Oberkörper des Ritters zuckend nach Luft schnappte, verstummte er. Die Extremitäten des Paladins begannen jetzt zu zittern, seine Muskeln zu verkrampfen. Neire warf seine gold-blonden Locken zurück und drehte seinen Kopf zu seinen Kameraden. Ein höhnisches Grinsen verzerrte das schlanke, wohlgeformte Gesicht des jungen Priesters, als er sprach: „Heißt ihn willkommen, er ist wiederauferstanden von den Toten. Ein Wunder Jiarliraes, deren treuer Anhänger er jetzt ist. Sein Name lautet Bargh. Flamme und Schatten werden ihn begleiten.“ Tatsächlich kam langsam Leben in den Körper des Ritters. Er hustete und röchelte schwer, als er sich aufrichtete. Die Haut seines Kopfes war rötlich verbrannt; hier und dort waren noch Reste des einst vollen schwarzen Haares zu erkennen. Neire beugte sich jetzt behutsam hinab, legte Bargh eine Hand auf die Schulter und half ihm auf. Sie konnten sehen, dass ein rötlich-glühender Edelstein sein rechtes Auge ersetzte. Der kostbare Rubin verlieh dem Antlitz des Ritters eine furchteinflößende Aura. „Bargh, steht auf. Wartet, ich helfe euch.“ Die Worte von Neire hatten einen wohlklingenden Singsang inne; fremd und zischelnd, aber emphatisch und melodisch zugleich. Als Bargh sich erhob, hörte ihn Neire sprechen; anteilslos blickte sein verbliebenes blaues Auge in die Ferne. „Mein Kopf, ahh… es ist so schwer…“ Neire nickte ihm zu und dachte an den kleinen Bargh aus Nebelheim zurück; wie sein schmächtiger Körper zu Asche verbrannt war. Trauer erfüllte ihn wie ein nostalgisches Gefühl. Ein Gefühl, das er hegen und pflegen musste; doch da war auch etwas anderes, das in ihm loderte, etwas, das den Selbstzweifel verschwinden ließ: Wir waren dort, als es brannte, als es schmerzte, als das Licht an unserem Fleisch leckte. Gen Himmel, Rauch, eine Wolke unserer Form.

Bargh war von Gundaruk geheilt worden. Einen mächtigen Spruch hatte der kürzlich in einem Grab Erwachte gewirkt; einen Spruch, der die kalte, modrige Gruft für einen kurzen Moment mit dem Geruch von Sommer, Wald und Tannennadeln überzogen hatte. Bargh hatte zuvor röchelnd gehustet. Neben seinem Gesicht und seinen Händen hatten die Flammen anscheinend auch seine Lunge verletzt. Er holte tief Luft und blickte hinauf in das Gesicht der hünenhaften Gestalt, die selbst ihn noch um zwei Kopflängen überragte. Er dachte zurück an den schönen, warmen Ort, das dunkle Obsidian, die nebelhafte Luft und die rötlichen Flammen. Der Name und das Gebet an die Göttin hatten sich in seinen Geist gebrannt, wie ein schattenhafter Traum, der ihn auch jetzt im Wachzustand verfolgte. Bargh lehnte seine Hellebarde zur Seite. Ein kaltes lähmendes Gefühl ging nun von der Waffe aus. Seine einst so vertraute Hellebarde, die ihm plötzlich fremd geworden war. Als ob seine Muskeln sich gegen den heiligen Stahl wehren würden, fingen sie an zu zucken. Er schaute Gundaruk an und sah das goldene Runenband, das um seinen Speer gewickelt war. Irgendetwas war falsch an diesen Runen, irgendetwas störte ihn an dem Geruch des Waldes. „Seid ihr auch ein Anhänger Jiarliraes?“ fragte er mit zunehmend misstrauischer Miene. „Nein, ich …“ antwortete Gundaruk, bevor er von den Worten Neires unterbrochen wurde. „Das ist alles, was von Rowa übriggeblieben ist. Sie hat euch hintergangen Bargh und sie hat dafür gezahlt. Sie diente der schwachen Spinnengöttin. Jeder der nicht Jiarlirae dient, wird unwissend bleiben und einst den Preis dafür zahlen.“ Bargh sah, dass Neire Gundaruk mit arroganter, herausfordernder Miene betrach¬tete. Neire hatte den zerteilten Oberkörper von Rowa an den verbrannten Haaren gepackt und warf ihn ihm zu. Bargh hörte wie Neire fortfuhr. „Ihr seid jetzt frei und ihr könnt tun, was immer ihr wollt.“ Bargh sah den Oberkörper seiner ehemaligen Begleiterin und ein lange unterdrückter Hass begann wie eine lodernde Flamme in ihm zu brennen. Er trat mit seinen gepanzerten Stiefeln auf den Kopf von Rowa. Immer und immer wieder. Schließlich begann der Schädel zu knacken und das Gesicht von Rowa verschwand unter einem Schwall von Blut. Er keuchte und seine Bewegungen wurden langsamer. Für einen Moment verschwand der Schmerz aus seinem Kopf, das Zittern seiner Muskeln legte sich. Für einen Moment fühlte sich frei, befreit von Pein. Er fühlte sich gut… er fühlte sich sehr gut… er fühlte sich wie wiedergeboren.

Sie hatten eine Zeit lang über das weitere Vorgehen beraten und sich entschlossen eine Ortschaft aufzusuchen. Es gab die Wahl zwischen Grimmertal, Klingenheim und Fürstenbad. Sie hatten sich schließlich für Grimmertal entschieden, da es dem Grab wohl am nächsten lag. Sie waren dann aufgebrochen. Auf dem Weg nach draußen hatte Halbohr noch eine weitere Geheimtüre und eine verborgene Kammer, gefüllt mit Skeletten, entdeckt. Sie hatten diese Kammer nur kurz abgesucht und waren durch den noch immer anhaltenden Regen aufgebrochen. Bevor sie das Tal um den glattgespülten, gewaltigen Felsen verlassen hatten, hatten sie noch einmal die Höhle mit den getöteten Wölfen aufgesucht. In den unterirdischen Kammern hatten sie weitere essbare Pilze von Wänden und Boden geschnitten und so ihre Vorräte aufgefüllt. Hier hatten sich Neire und Bargh leise unterhalten und Bargh hatte Neire gefragt, ob sie ihre beiden Mitstreiter im Schlaf töten sollten. Doch Neire hatte ablehnt; er glaubte, dass Halbohr einem größeren Schicksal diente. Es musste so sein, denn er wurde ja von der geheimnisvollen Dunkelelfin als sein Weggefährte auserwählt. Sie waren dann in Regen und Dunkelheit aufgebrochen und hatten das Tal verlassen. Jetzt stapften sie durch den nassen Wald und den aufgeweichten Laubboden. Es musste wohl Nacht sein, denn nur durch ihre an die Dunkelheit angepassten Augen konnten sie das Dickicht um sie herum durchdringen. Es waren keine Geräusche von Tieren zu hören. Nur das Prasseln des Regens. Plötzlich durchdrang die Stimme von Neire den schweigsamen Marsch der Gruppe. „Ach, wie sehr täte mir ein Mahl von Schnecken, Schlangen, Moosen und Farnen jetzt gefallen. In Nebelheim durften die Kinder der Flamme an den Festen teilnehmen. Ihr müsst wissen Bargh, ich war und werde es immer sein: Ein Kind der Flamme.“ Der Regen lief Bargh in Strömen über das verbrannte Gesicht und der gefallene Paladin nickte andächtig. „Manchmal gab es sogar das Fleisch eines Chin’Shaar. Eine Köstlichkeit, die ihr bestimmt einmal essen werdet, sollten wir nach Nebelheim zurückkehren. Und das werden wir. Bestimmt.“ Obwohl Neire leise sprach, sah er, dass auch Halbohr und Gundaruk versuchten seinen Worten zu lauschen. So fuhr er weiter fort mit seinen Geschichten von exotischen Zutaten und rauschenden Festen, tief unter der Erde, tief unter dem Gletscher von Nebelheim. Er sah, dass Bargh an seinen Ausführungen Gefallen fand.

Unter der Wurzel eines umgestürzten Riesen hatten sie schließlich eine trockene Stelle gefunden. Ein kleines Erdloch, das ihnen durch den mächtigen Stamm des Baumes ein wenig Schutz bot. Zuvor waren sie Stunde um Stunde weitermarschiert, bis sie müde und bis auf die Knochen durchnässt waren. Jetzt hatten sie ihre Winterdecken über das feuchte Erdreich ausgebreitet und sich zum Ruhen niedergelegt. Halbohr übernahm die erste Wache. Das Schimmern seiner grünlichen, katzenhaften elfischen Augen war der letzte was sie sahen, bevor sie einschliefen. Halbohr starrte unentwegt in den prasselnden Regen und durch das Gewirr der Wurzel, die über ihm aufragte. Die Zeit verging langsam. Doch er verharrte regungslos. Er hatte dies schon so oft getan. Er betrachtete die Schlieren, die der Regen durch die Nacht zog. Fast war es windstill, doch immer wieder zog eine kleine Böe kalten Windes an seinen Kleidern. Dann sah er sie. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. Die Umrisse einer Gestalt zwischen den Bäumen; schemenhaft, menschengroß und am Rande seines Blickfeldes. Für einen Moment bewegte Halbohr sich nicht und hielt die Luft an. Es sah so aus als würde die Gestalt verharren. Dann sah er erneut Bewegung. Langsam verschmolz die Silhouette mit den Bäumen und entfernte sich tiefer in den Wald. Halbohr dachte hastig nach: Ich muss ihr folgen. Doch was ist mit den anderen? Ich muss einen von ihnen wecken. Ich muss Neire schützen… muss mich an den Vertrag halten. Halbohr begann Neire leicht zu schütteln. Es dauerte eine Weile, bis der Junge wach wurde. Seine blauen Augen funkelten ihn in der Dunkelheit an. „Neire, wir wurden beobachtet. Eine Gestalt, nicht erkennbar. Jetzt ist sie hinfort.“ Neire schaute ihn verschlafen und fragend an. Dann sah Halbohr, dass der junge Priester plötzlich wach wurde. „Bleibt ihr hier Neire. Ich werde versuchen der Gestalt lautlos zu folgen.“ Halbohr sah, das Neire nickte und seinen Oberkörper aufrichtete. Er raffte leise seine Decke zusammen, verstaute sie im Rucksack und glitt in den Regen hinaus. Die Tropfen prasselten auf seine Kapuze hinab, als er sich aus dem Wurzelloch zog. Er bewegte sich vorsichtig und spähend zu der Stelle, an der er die Umrisse zuletzt gesehen hatte. Er beugte sich hinab um das Laub zu untersuchen. Tatsächlich konnte er Spuren entdecken; menschengroß, doch Konturen wie von ungleich langen Zehen und einer spitzen Ferse. Die Kreatur musste wohl barfuß gehen, anders konnte er sich die Abdrücke nicht erklären. Als er das Geräusch hinter ihm hörte, blieb sein Körper für einen Moment völlig reglos. Der schwere Filzmantel bedeckte ihn wie einen grauen Felsblock in der Dunkelheit. Nur sein Kopf zuckte herum und offenbarte sein fehlendes, vernarbtes Ohr. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, dass das Geräusch von Neire kam. Der Junge war ihm offensichtlich gefolgt. Für einen kurzen Moment spürte Halbohr die Wut auf Neire. Konnte der junge Priester nicht zuverlässig seinen Befehlen folgen? Doch vielleicht war es besser so; vielleicht konnte er Neire so besser schützen. Vielleicht war es auch die Macht des Feuers, die er gerne auf seiner Seite wägte. Er nickte Neire zu und flüsterte: „Kommt, ich habe Spuren gefunden.“ Gemeinsam und wortlos folgten die beiden den Spuren durch die Dunkelheit. Irgendwann glaubten sie ein Geräusch gehört zu haben. Wie ein Rascheln, gefolgt von einem Schmatzen von Schlick. Halbohr und Neire wurden jetzt noch vorsichtiger. Die Spuren führten in ein Dickicht von immergrünem Unterwuchs. Hier und dort ragten alte, von Efeu bewachsene Eichen heraus, die ihre blattlosen Kronen wie nasse, vielgliedrige Finger dem dunklen Himmel entgegenstreckten. Plötzlich endeten die Spuren. Halbohr hob seine Hand in alter militärischer Manier und betrachtete seine Umgebung. Er suche nach Augenpaaren, die sie beobachteten. Doch ihm fiel sofort die Abdeckung aus Dornen und Ranken auf, die einen Teil des Bodens bedeckte. Teils waren die Ranken verwelkt und zusammengesteckt. Nur das Auge eines geübten Betrachters konnte das Geflecht als natürliche Tarnung ausmachen. Halbohr war sich sicher, dass darunter etwas verborgen lag. Er deutete Neire an sich zurückzuziehen. Sie mussten die anderen wecken. Sie mussten hierher zurückkehren und die Initiative ergreifen, bevor sie etwas überraschen konnte.

Halbohr schaute sich um und blickte in durchnässte, erschöpfte, aber angespannten Gesichter. Dann griff er vorsichtig in das Geflecht von Dornen und Ranken und begann es hochzuheben. Er konnte nur hoffen alle der Dornen entdeckt zu haben, die mit dem schwarzen todbringenden Gift bestrichen waren. Zuvor waren Neire und er zu ihren immer noch schlafenden Mitstreitern zurückgekehrt. Sie hatten sie schnell und unsanft geweckt. Nur kurz hatten sie beraten. Dann hatten sie rasch ihre Winterdecken eingepackt und waren aufgebrochen, um dem nachzugehen, was sie beobachtet hatten. Alle waren einstimmig gewesen in der Entscheidung. Das Adrenalin hatte sie wachgehalten und sie hatten kurz die Kälte und den Regen vergessen. Halbohr war den Spuren erneut gefolgt und hatte sie an die Stelle geführt, wo er die Abdeckung aus Dornen und Ranken gefunden hatte. Glücklicherweise hatte er das Geflecht nach verborgenen Mechanismen abgetastet und tatsächlich sorgsam präparierte einzelne Dornen gefunden, die mit einer schwarzen Substanz bestrichen waren. Mit diesen Substanzen kannte er sich aus. Eine kurze Probe hatte ergeben, dass es sich um todbringendes Gift handelte, sollte der Dorn in das Fleisch eindringen. Er war sich sicher. Jetzt raschelte das nasse Geflecht, als er es anhob. Er fühlte keinen Schmerz und atmete erleichtert auf. Unter ihm offenbarte sich ein Erdloch, das fast senkrecht in die Tiefe hinab führte. Im oberen Bereich waren noch Wurzeln zu sehen, die im Regen nass schimmerten. Er konnte nicht sagen wie tief es hinab ging, da er kein Ende erkennen konnte. Er drehte sich um und sprach leise: „Die Kreatur muss hier hinabgestiegen sein. Hier enden die Spuren. Wir müssen ihr folgen. Wir müssen zuerst zuschlagen, bevor sie Hilfe holt und uns überrascht.“ Halbohr blickte in grimmige und entschlossene Gesichter. Nur Neire schien etwas ängstlich und runzelte die Stirn, als ob er eine Frage stellen wollte. Doch es herrschte Schweigen. Einzig der prasselnde Regen war zu hören. „Folgt mir hinab in die Tiefe“, flüsterte Halbohr und begann sich hinabzulassen. Schon nach wenigen Griffen an Wurzeln verlor er den Halt und begann hinab zu rutschen. Das Erdreich war weich und glitschig, doch seine Geschwindigkeit begann sich zu verlangsamen. Der Tunnel änderte seinen Neigungswinkel und wurde waagerechter. So kam er schließlich zu einem Halt, stand auf und blickte sich um. Er schaute hinein in eine natürliche Höhle. Hier und dort sah er andere Tunnel hinfort führen. Kleine Erdlöcher wie dieses, durch das er gekommen war. Die große Höhle führte weiter hinab in die Tiefe und er bemerkte in der Ferne des Ganges das fluoreszierende Licht einzelner Flechten dort aufschimmern. Die Luft war kalt und roch nach Erdreich und Moder. Hinter ihm hörte er schließlich Geräusche und sah seine Kameraden auftauchen, die ihm in die Tiefe gefolgt waren. Wortlos schauten sie sich um, tauschten dann Blicke aus. Ein jeder hatte seine Waffe gezogen und sie sahen das Schimmern von Stahl in der Dunkelheit. Sie drangen durch den Haupttunnel hinab in die Tiefe. Der Schacht eröffnete sich schon bald in ein Gewölbe, aus dem sie vielfarbiges mattes Licht dringen sahen. Der Geruch von Moder und Fäulnis nahm zu und vor ihnen öffnete sich eine von einem Pilzwald bewachsene Höhle. Teils hüfthoch waren die Pilze, von denen ein farblich unterschiedliches Glühen ausging. Dieses Schimmern machte die Betrachtung von Einzelheiten schwer; Licht, Schatten und Dunkelheit gingen wie ein Flickenteppich ineinander über. Doch sie sahen drei Ausgänge in die Dunkelheit hinfort führen. Als Gundaruk sich zu einem Pilz hinabbeugte hörten sie das Surren, dass die Höhle erfüllte. Sie waren in einen Hinterhalt geraten.

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Sitzung 13 - Nächtliche Begegnungen
« Antwort #13 am: 13.05.2022 | 22:49 »
Bargh, Halbohr und Neire hatten ihre Waffen gezogen und blickten sich hastig um. Sie waren der Höhle gefolgt, die tiefer unter die Erde führte. Immer höher ragten die Pilze vom moosigen Grund der Grotte auf und das fluoreszierende Glühen einzelner Flechten und Farne behinderte die Sicht der Gruppe. Sie sahen in diesem diffusen Licht, dass mehrere Kreaturen auf Pilze vor ihnen gesprungen waren und Speere schleuderten. Sie hörten zudem ein hochfrequentes Kreischen von den Gestalten ausgehen, die wie aufrechtgehende Pflanzen aussahen. In den menschenähnlich geformten Schädeln gähnten, anstelle von Augen, zwei schwarze Löcher. Neire, der sich unter der Erde wohler fühlte als im Regen der Oberwelt, reagierte als erster und duckte sich hinter Bargh. Er hörte dumpfe metallene Geräusche, als einige der Speere von den schweren Metallplatten der Rüstung seines Begleiters abprallen. Doch Neire bemerkte ein Aufächzen und sah, dass einer der Speere Bargh am Hals gestreift hatte. Auch Halbohr hatte sich rechtzeitig hinter einen Pilz geduckt und bereits einige seiner Dolche auf die Kreaturen geworfen. Aus den Augenwinkeln sah der elfische Söldner, dass Neire die linke verbrannte Hand unter seiner Robe hervorzog und begann zu murmeln. Die Augen des jungen Jiarlirae Priesters begannen zu glühen und in seiner linken Hand entzündete sich eine dunkle Magmaflamme. Halbohr roch den Geruch von Schwefel und er sah, dass eine grünlich-gelbliche Substanz in der Magmaflamme knisternd verbrannte. Nur einen kurzen Moment dauerte die Beschwörung, dann warf Neire die Kugel aus purem Magma. Die Zeit schien still zu stehen, dann erfüllte eine ohrenbetäubende Explosion die Höhle vor ihnen. Pilze und Pflanzenwesen wurden eingehüllt in des Feuers Brunst und zerfetzt; doch die glühenden Reste der Wesen fielen zu Boden und begannen zu wachsen. Gelb-bräunlich, flechtenähnlich war die Substanz die in den Flammen und im Rauch wuchs. Überall dort wo die Flechte mit dem Flammen in Kontakt kam, erloschen diese sofort. Schließlich kam das Wachstum zwei Schritte vor ihnen zum Erliegen. Die Flechte hatte jetzt einen großen Bereich vor ihnen überwuchert; von den Pflanzenkreaturen fehlte jede Spur.

Sie hatten sich zurückgezogen und am Rand der Höhle Schutz gesucht. Ein Riesenpilz ragte über ihnen auf. Je tiefer sie in die Höhle vorgedrungen waren, desto höher wuchsen die Pilze. Einige Exemplare hatten hier eine Höhe von über zwei Schritt. Halbohr war nach dem kurzen Kampf zum Rand des Bereiches geschritten, der mit der gelb-bräunlichen Flechte bewachsen war. Doch augenblicklich hatte sich eine Kältewelle über ihn aufgebreitet. Blutgefäße waren in seinem kantigen Gesicht geplatzt und er fröstelte. Die Kälte schien von dem, unter Feuereinfluss gewachsenen, Geflecht ausgegangen zu sein. Er war zurückgetorkelt und hatte Neire und Bargh berichtet. Neire hatte nachgedacht: Ihm war tatsächlich etwas zur braunen Flechte eingefallen. Er hatte von diesem Lebewesen gehört, dass es Teile des Unterreichs bevölkerte und empfindlich gegenüber Sonnenlicht war. Die braune Flechte ernährte sich von der Körperwärme warmblütiger Lebensformen. Er wusste allerdings nicht, was gegen diese Kreatur half; nur dass sie resistent gegenüber allerlei Energieformen war. So hatten sie sich niedergelegt und Bargh hatte die erste Wache übernommen. Doch schon nach kurzer Zeit hatte der Krieger Jiarliraes sie sanft geweckt. Barghs verbrannter Kopf musterte einen Bereich, in dem sich die Höhle in mehrere Tunnel eröffnete. Der rote Rubin, der mit dem Fleisch seines rechten Augensockels verwachsen war, glühte, als er auf einen Bereich grünlich fluoreszierender Moose deutete. „Dort, schaut. Schatten die sich bewegen.“ Halbohr und Neire betrachteten die Höhle, doch sie sahen nichts. Nach wenigen weiteren Augenblicken des Starrens in das diffuse Licht, erklang die flüsternde Stimme Barghs ein zweites Mal. „Sie bewegt sich. Jetzt ist sie dort!“ Neire und Halbohr blickten in die Richtung, in die der gepanzerte Handschuh Barghs deutete und jetzt sahen auch sie die schattenhafte Gestalt, mit der Form eines Pflanzenwesen. Neire überwand seine Furcht und erhob zischelnd seine Stimme. „Ihr dort, wir sehen euch. Kommt hervor oder Bargh wird euch töten.“ Er sprach in der allgemeinen Zunge des Unterreichs und zeigte mit seiner verbrannten Hand auf die Gestalt. Abermals hörten sie ein leises, hochfrequentes Fiepen. Sie sahen, dass sich die Kreatur in Richtung eines Tunnels zu bewegen begann. Als Halbohrs scharfes elfisches Ohr Geräusche aus dem Tunnel hörte erhob er seine Stimme. „Ich höre Schritte, ein Surren und ein Klacken, wie von vielen. Sie kommen! Wir müssen angreifen.“ Bargh und Neire nickten wortlos und zogen ihre Waffen. Gemeinsam folgten sie rasch, aber vorsichtig dem Wesen, doch schon kurz vor dem Höhlentunnel sahen sie die Kreaturen, die aus der Dunkelheit auf sie zukamen. Weitere aufrecht schreitende, lebende Pflanzen, von denen einige mit der braunen Flechte überwachsen waren. Andere waren größer und hatten grünlich glühende Augen. Ein weiterer Kampf entbrannte und sie warfen sich gegen die ihnen entgegenkommenden Horden. Bargh ließ sein Schwert mit steigender Präzision mehrere Gegner fällen und Halbohr griff aus dem Hinterhalt an. Neire beschwor Blitze aus purer Schwärze und grausamer Magie; dann stimmte er einen gebetsartigen Gesang an Jiarlirae an, der fortan durch den Tunnel hallte. Weitere Ströme von Gegnern kamen jetzt auch aus den Seitengängen. Darunter waren schwarze, hässliche Riesenspinnen, die die Größe von ausgewachsenen Wildschweinen hatten. Neben der Vielzahl von Gegnern bereitete den Streitern vor allem die Kälte der braunen Flechte Probleme, die um sie herum war und ihre Bewegungen verlangsamte. Doch mit vereinter Kampfkraft und nach dem weiteren Aufschimmern einer Magmaexplosion konnten sie die letzte der Kreaturen besiegen.

Schließlich hatten sie sich wieder unter dem Riesenpilz niedergelassen und das Licht von drei Fackeln erhellte die Lamellen über ihnen in einem fast magischen Licht. Neire hatte die Fackeln um Bargh und ihn selbst in einem Dreieck in den Boden gesteckt. Jetzt warf der Schein lange unwirkliche Schatten. Bargh betrachte Neire, der seinen Oberkörper entblößt hatte. Hier und dort traten Sehnen und Muskeln hervor. Der Jüngling sah nicht besonders stark, aber drahtig und durchhaltefähig aus. Die drei rot schimmernden Rubine, die mit der Haut von Neires linker Schulter verwachsen waren, erweckten ein vertrautes Gefühl in ihm. Eine tiefe innere Sehnsucht nach Wissen und Macht. Neire nickte ihm zu und sprach: „Bargh, weit weg sind wir von den immerbrennenden Fackeln von Nebelheim, doch jetzt ist ihr Licht und Schatten bei uns, leitet uns und wir wollen beten…“