Autor Thema: [AD&D 2.5E] Von Feuer und Düsternis – Erzählungen aus Euborea  (Gelesen 4294 mal)

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Offline Jenseher

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Einleitende Worte: Ich habe mich entschieden hier die Mitschriften unseres Spiels zu veröffentlichen. Die Mitschriften können dabei von verschiedenen Spielern angefertigt worden sein. Genauso kann das Spiel unter verschieden Meistern stattgefunden haben. Also wundert Euch bitte nicht, wenn sich der Erzählstil, wenn sich der Stil des Spiels oder wenn sich die Welt hier und dort ändert. Die Regel ist, dass bei uns die Spieler die Mitschriften selbst anfertigen (natürlich freiwillig).

Die Berichte gibt es leider nur ohne Bilder der Mitschriften, was schade ist. Ich besitze aber für die Bilder nicht die Urheberrechte.


Hier noch etwas zum Hintergrund und zu den Regeln, die wir verwenden:

System: AD&D 2nd Edition, Player’s Option (AD&D 2.5)
Verwendete Bücher: Player’s Handbook (TSR2159), Dungeon Master Guide (TSR2160), Skills and Powers (TSR2154), Combat and Tactics (TSR2149), Spells and Magic (TSR2163), Monstrous Manual (TSR2140), High Level Campaigns (TSR2156)
Schwierigkeitsgrad: Je nach Meister, leicht bis schwer
Charaktergenerierung: 84 +1d6 Punkte für die Attribute, frei in den Rassengrenzen verteilbar
Gesperrte Rassen: Alle Planescape Rassen
Gesperrte Klassen: Monk, Psionicist
Teilnehmende Charaktere: Siehe Spielbericht.
Gesperrte und veränderte Zauber: Haste, Disintegrate, Stoneskin, Find Familiar, Enlarge und Zauber aus dem „Cult of the Dragon“
Ort: Euborea (Prime Material World)

Und zu guter Letzt bitte ich Euch zu beachten: Die Darstellungen aus dem Spiel spiegeln in keiner Weise Moralvorstellungen oder Gesinnungen einzelner Spieler oder der Gruppe wider. Alle Charaktere, wie auch die Geschichte, sind natürlich fiktiv.​

/*** Edit ***/
Hier sind die Abenteuer zu den einzelnen Sitzungen:

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« Letzte Änderung: 23.12.2022 | 22:47 von FaustianRites »

Offline Jenseher

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Sitzung 01 - Der Anfang
« Antwort #1 am: 18.03.2022 | 22:10 »
Tief unten im Felsgestein herrscht die ewige Dunkelheit. Ein Reich seltsamer Farben und Geschöpfe eröffnet sich für jene, die die Dunkelheit durchblicken können. Wie ein weit verzweigtes Netz von Wurzeln ziehen sich Kavernen und Schächte. Was Wasser und erzwungener Wille fortlaufend formt, birgt gleichsam Reichtum und Leere, Kälte und Feuer, Leben und Gift sowie Hoffnung und Verderben.

Neire von Nebelheim richtete sich zitternd auf. Er war für sein jugendliches Alter von 15 Jahren groß gewachsen und von schlanker, anmutiger Gestalt. Er hatte ein Geräusch gehört und drehte seinen von langen gold-blonden Locken eingerahmten Kopf in die Richtung des steinernen Tunnels. In der Dunkelheit schimmerte seine weiße makellose Haut. Er war in Kleidung aus feinstem dunklen Chin’Shaar Leder gehüllt; ein roter Umhang mit schwarz-goldenen Stickereien bedeckte seine Schultern. Jetzt konnte er die Gestalt sehen, die sich ihm vorsichtig näherte. Neires Hand glitt von seinem Degen, den er hatte ziehen wollen. Es war der Söldner den er erwartete. Eine grobschlächtige Gestalt eines muskulösen Elfen trat ihm entgegen. Grünliche Augen waren in dem vernarbten Gesicht zu erkennen, an dem schulterlange silberne Haare fettig klebten. Besonders prominent wirkte das fehlende Ohr. Neire vernahm den säuerlichen Geruch von Bier und Schweiß, der von der mit Dolchen bewaffneten Gestalt ausging und erhob zitternd seine lispelnde Stimme: „Seid ihr… seid ihr der Söldner den ich erwarte?“

Seit einiger Zeit gingen Halbohr, so hatte sich der elfische Söldner vorgestellt, und Neire durch den Tunnel. Neire hatte einen Vertrag unterzeichnet, den ihm Halbohr mit einer drohenden Bestimmtheit reichte. Innerlich hatte Neire gezittert vor Wut, doch er hatte auch Angst vor dem Söldner. Zudem war sein neuer Begleiter nicht besonders gesprächig. Mehrfach hatte Neire bereits versucht ein Gespräch zu beginnen, das Halbohr mit barschen Kommentaren unterband. Der Tunnel wand sich mal aufwärts, mal abwärts. Die Zeit, die hier unten verging, war schwer abzuschätzen. Plötzlich drehte sich Halbohr um und suchte nach einer Felsspalte. Der Söldner hatte ein Geräusch gehört und duckte sich, um mit den Schatten zu verschmelzen. Auch Neire drehte sich um und versuchte sich hinter den Söldner zu ducken. Aus dem Gang hinter ihnen waren jetzt leise Schritte zu vernehmen. Eine Gestalt bewegte sich auf das ungleiche Paar zu; eine Gestalt, die nur schwer von den Schatten zu trennen war. Gehüllt in schwarze Kleidung, waren nur zwei gelblich schimmernde Augen unter der Kapuze zu sehen. „Tretet hervor und zeigt euch, oder Halbohr wird euch töten.“ Die lispelnde Stimme Neires durchbrach die angespannte Stille des Tunnels. Neire drückte zitternd Halbohr nach vorne. Jedoch entspannte sich die Situation, als die Gestalt die Hand von ihren Waffen entfernte und die Kapuze zurückzog. Es offenbarte sich ihnen ein nicht-menschliches Gesicht mit grauer Haut und spitzen Ohren; die Spuren von dunkelelfischer Abstammung waren zu sehen. Die Gestalt, die sich als Uthriel Al’Lael vorstellte, schien Neire und Halbohr nicht feindselig gesonnen zu sein und so entwickelte sich ein Gespräch. Ein Gespräch das alsbald abrupt unterbrochen wurde, denn der Gang begann leicht zu vibrieren; ein Knirschen und Knacken ging durch den Stein. In weiter Ferne konnte Uthriel das Strömen von Wasser vernehmen, das sich rasch näherte. „Kommt mit uns wenn ihr leben wollt.“ Die Worte von Halbohr hallten eindringlich durch den Gang, als er Neire unsanft packte und durch den Gang die Flucht ergriff. Weg von dem Geräusch, weg durch die bebende Erde.

Müde und erschöpft betrachteten die drei Streiter die gewaltige Höhle, die sich vor ihnen auftat. Stundenlang waren sie durch die Dunkelheit gelaufen und dem Tunnel gefolgt. Irgendwann hatten sie Uthriel verloren, doch er war wieder zu ihnen aufgeschlossen. Vor ihnen lag jetzt eine Höhle, die nicht gänzlich zu durchblicken war. Teils baumgroße Riesenpilze ragten hier und dort auf. Mit gezogenen Waffen bewegten sie sich vorsichtig an der rechten Felswand entlang. Immer wieder blickten sie sich hastig um. Von dem entfernten Wassergeräusch war schon lange nichts mehr zur hören gewesen. Sie hatten bereits die Hälfte der Höhle durchquert, deren Ende sie jetzt sehen konnten, als plötzlich Kampfesschreie um sie herum ertönten. Kleine Kreaturen, kaum größer als die Länge eines Schrittes, stürzten sich herab auf Neire, Halbohr und Uthriel. Sie waren mit kruden kleinen Waffen ausgerüstet. Ihre flachen Gesichter waren gekennzeichnet durch breite Nasen, spitze Ohren und weite Mäuler, mit scharfen kleinen spitzen Zähnen. Neire schrie vor Angst, als drei Angreifer auf ihn zustürmten. Er ging in die Defensive und sah aus den Augenwinkeln, wie Halbohr bereits mit schnellen Angriffen die ersten Gegner niederstreckte. Auch Uthriel führte wie Halbohr seine Waffen beidhändig mit tödlicher Präzision. Der Kampf wurde grimmig und mit äußerster Brutalität geführt. Als Neire zwei seiner Angreifer mit seinem Schlangendegen erstochen hatte, begann die Furcht, das Adrenalin sich in Übermut und Mordlust zu wandeln. „Halbohr, fangt mir eines dieser des Lebens unwürdigen Kreaturen“, rief er in einem Befehlston in der Sprache der Unterreiche. Doch Halbohr schien ihn nicht zu verstehen. Die Kreaturen ergriffen die Flucht und wurden größtenteils rücklings erstochen. Gerade wollte Halbohr zum tödlichen Stich auf die Gestalt ansetzen, die vor ihm gestolpert und halb in einer Felsspalte versunken war, als Neire seine Stimme erneut erhob. „Halbohr, bringt mir diese Kreatur lebend.“ Er sprach jetzt in der gemeinen Zunge, die Halbohr verstand. Gemeinsam drückten sie die fast wehrlose Gestalt auf den Stein, nahmen das Seil entgegen, das ihnen Uthriel reichte und begannen sie zu fesseln.

Der Goblin stammelte, brabbelte in einer unbekannten gutturalen Sprache. Er saß auf dem Boden, gefesselt an einen Riesenpilz. Sein Anblick erfüllte Neire mit einem tiefen Hass. Die fliehende Stirn, die dumm daher glotzenden Augen, die Angst die offensichtlich war. Neire strich sich seine Locken zurück und hob arrogant sein Kinn. Nein, keiner seiner Mitstreiter betrachtete ihn, würdigte seine Schönheit vor dieser abscheulichen Kreatur. Halbohr und Uthriel durchsuchten die Leichname nach Habseligkeiten. Hervor zog er seine linke Hand, die er bisher unter seiner gesegneten Robe versteckt hatte. Das Fleisch der Finger war jetzt verheilt, doch die Verbrennungen mussten grausam gewesen sein. Neire begann die Gestalt mit seiner linken Hand zu würgen, während er auf sie in der Sprache der Unterreiche einredete. Der Goblin stammelte weiter vor sich hin und wich seinem Blick aus; erregter als vorher. „Wer hat euch geschickt. Wer ist euer Herrscher?“ Nein, keine Antwort. Nur die Worte „Mutter“ und „Essen“ konnte er verstehen. Es schien zwecklos zu sein. Er stand auf und begann eine Fackel aus seinem Rucksack hervorzuholen. Alsbald begann das Licht des rußigen Feuers den unterirdischen Pilzwald zu erhellen. Lange Schatten formten sich. Schatten und Feuer, Feuer und Schatten. Neire nahm die Fackel und begann den Kopf der kleinen Kreatur zu entzünden. Schon schlugen die Haare Flammen hervor, die Gestalt fing an in Todesqualen zu schreien. Neire lächelte und dachte an die immerbrennenden Fackeln, die er im Palast entzündet hatte. Eine tiefe kindliche Freude erfüllte ihn. Feuer und Schatten, Schatten und Feuer. Der Ring, der ihm vermacht wurde, brannte schmerzhaft, aber wohltuend an seiner linken Hand. Er fühlte sich lebendig. Vergessen waren Qual und Trauer. Er dachte an die Runen im Feuer, an die Geheimnisse verborgen in den Schatten. Das Feuer glühte rötlich in seinen nachtblauen Augen.

Sie hatten im Pilzwald gelagert und begannen jetzt den Felstunnel zu erklimmen. Hier und dort mussten sie klettern, große Felsbrocken umgehen. Es ging fortan nach oben und die Luft begann langsam kühler zu werden. Eine Zeitlang ging das jetzt so. Gerade hatten sie eine Felswand überwunden, als sie vor sich eine kleine Höhle sahen. Der Tunnel endete dort. Sie konnten eine Leiter erkennen, die zu einer Öffnung in der Decke führte. Jedoch war die Öffnung durch einen Felsblock versperrt. Neben der Leiter war ein Hebel im Fels zu erkennen. Halbohr trat hervor, nickte seinen Mitstreitern wortlos zu und betätigte den Hebel. Der Fels über der Öffnung begann sich knirschend zu bewegen als er den Hebel betätigte, doch kaltes Wasser brach in Massen herab und flutete die Höhle. Als der Strom langsam abebbte begann Halbohr die Leiter hochzuklettern. Kühle Luft strömte ihm entgegen, Regen prasselte auf sein Haupt. Er blickte hinaus aus den Tiefen der Erde und sah über ihm einen wolkenverhangenen, bleiernen Himmel. Auf dem Block, der sich wegbewegt hatte, brannte eine bläuliche Flamme. Er war in einem kleinen Tümpel emporgestiegen, dessen Wasserstand nun in die Erde hinabgestürzt war. Um ihn herum sah er lichtes Gehölz, jetzt, im Regen und Zwielicht, undurchsichtig. Als er sich umdrehte, bemerkte er aus den Augenwinkeln ein rötliches Aufleuchten.​
« Letzte Änderung: 24.03.2022 | 21:54 von FaustianRites »

Offline Jenseher

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Sitzung 02 - Der Aufstieg
« Antwort #2 am: 21.03.2022 | 23:49 »
Zwischenwelten hatten schon immer eine besondere Anziehungskraft auf mich. Im Kraftgemenge der sich auf ewig verschiebenden Elemente entstehen und zerbrechen Mengen zu Untermengen. Die Ausprägungen sind vielfältig, gefährlich und wunderschön, folgen offensichtlich keinen Gesetzen und führen zu immer neuen Lebensbedingungen. Kulturen – seltsam und gewöhnlich – bizarr und erbarmungslos – blutrünstig und schaffend – kommen und gehen. Der suchende Geist scheint vom Wandel an seine Extreme gebracht. So erinnere ich mich zurück an meine Zeit in der obsidianenen Stadt. Gefangen zwischen Eis und Feuer, gehüllt in die Schatten des Dampfes und der rötlichen Flammen, lag sie seit Ewigkeiten unter dem großen Gletscher…​

Verborgen unter Nebeln und Eis, unbekannter Unterreichsforscher


Halbohr zog sich in den strömenden Regen hinauf. Der Ort, den er betrachtete, hatte etwas Magisches an sich. Es berührten sich Unterreich und Oberwelt hier. Er drehte sich um und versuchte kauernd das Zwielicht zu durchblicken. Um ihn herum lag der Morast des jetzt geleerten Tümpels. Dahinter konnte er kleine, von lichtem Wald bewachsene, Erhebungen sehen. Hügelgräber einer längst vergangenen Zeit? Als er sein narbiges, kantiges Gesicht in Richtung des kleinen Altars drehte, hörte er ein Geräusch in der Dunkelheit. Plötzlich konnte er rötlich glühende Punkte von Augenpaaren sehen, die sich im Morast auf ihn zubewegten. Er reagierte schnell, erhob sich in Kampfposition und zischte: „Kommt hinauf… ein Hinterhalt“. Keinen Moment zu spät hatte er sich bewegt, denn schon zischte ein schwerer bronzener Speer an ihm vorbei, der mit einem schmatzenden Geräusch im Schlamm versankt. Halbohr sah jetzt bleiche Knochen auf ihn zu waten. Sie trugen die Reste von zerbrochenen oder verrosteten Rüstungen. Archaische Helme bedeckten bleiche Schädel, in denen rotglühende Augenpaare voller Hass nach Leben hungerten. Ein Stück weit watete er selber in den Schlick und zog seine Dolche in Erwartung des nahenden Kampfes.

Uthriel und Neire folgten Halbohr hastig die Stufen hinauf. Gedämpft durch das Geräusch des prasselnden Regens waren deutlich Kampfgeräusche zu hören. Sie sahen die in einen dunklen Filzmantel gekleidete Gestalt von Halbohr, die nur schemenhaft erkennbar war. Eine Handvoll Skelette hatte den Söldner bereits umringt; weitere rückten nach. Neire blickte abwechselnd in die Tiefe des Schachtes, abwechselnd zu den Kreaturen. Sie würden ihnen bestimmt nicht folgen, unter die Erde. Zurück in die sichere Dunkelheit… Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Eine skelettene Gestalt bedrängte jetzt auch ihn. Er duckte sich unter dem Schlag hinweg und vernahm den Geruch von Erde und Fäulnis. Neben ihm hatte Uthriel bereits eine der Kreaturen zu Fall gebracht. Seine schwarze Kleidung war mit Schlamm und Dreck besudelt; er stand fast knietief im Morast. Nur ab und an war sein nicht-menschliches Gesicht zu sehen. Im Zwielicht funkelten seine gelblichen Augen auf. Die drei Gefährten drängten sich jetzt Rücken an Rücken. Sie versuchten ihr Gleichgewicht zu bewahren und zur selben Zeit gezielte Angriffe auszuführen. Unermüdlich stachen sie zu; wieder und wieder durchschnitten ihre Klingen die Luft und trafen auf bleiche Knochen. Die Knochen der lebenden Toten schienen hart zu sein; hart wie verwitterter Stein.

Als der Steinblock samt blauer Flamme sich zu bewegen begann überkam Neire die Angst. Er wollte zurück, hinab in die Tiefe, in die Sicherheit. Er stieß das Skelett mehrfach von sich, das ihn bedrängte. Dann blickte er in Tiefe. Doch der Steinblock hatte sich bereits geschlossen. Der Rückweg war versperrt, der Tunnel nicht mehr zu sehen. Verzweifelt stieß Neire seinen mit Schlangenmustern verzierten Degen nach vorne. Der zum Kopf geführte Schlag bohrte sich durch das rot-glühende Auge des Skeletts und er hörte den Schädel knacken. Die Kreatur sank vor ihm im Morast nieder. Er sah keine weitere feindselige Gestalt in seiner direkten Nähe und drehte sich blitzartig zu Halbohr um. „Was sollten wir tun? Halbohr, … Halbohr, gebt Befehle!“ Der Söldner drehte sich nicht um zu ihm, doch er hörte die Stimme Halbohrs ihm antworten. „Bringt euch in Sicherheit, dort die Anhöhe… Ich werde euch folgen.“ Neire konnte zwar nicht sehen wo der Söldner hingezeigt hatte, doch er begann durch den Morast zu waten. Er schaute sich um, aber keine der Kreaturen war hinter ihm her. Als er sich bereits die Böschung hinaufzog hörte er den Schmerzschrei von Uthriel. Er blickte abermals zurück. Wasser lief in seine Augen und er keuchte. Halbohr kam bereits auf ihn zu. Verschwommen sah er Uthriel die verbleibenden Kreaturen bekämpfen. Er musste wohl verletzt worden sein. Neire zog sich weiter durch Matsch und Gras den Abhang hinauf, richtete sich auf und begann sich umzublicken. Die Bäume um ihn herum glänzten dunkel im Zwielicht des prasselnden Regens. Er konnte keine Bewegung ausmachen. Hinter sich hörte er Halbohr bereits den Abhang hochklettern. Neire sah wie der Söldner sich zu Uthriel umdrehte und hörte seine Stimme: „Uthriel, folgt uns, wenn ihr leben wollt.“ Neire kauerte sich unter einen Baum und betrachte den dunklen Wald. Er spürte, dass Halbohr neben ihm aufgeschlossen war. Gemeinsam blickten sie in die Dunkelheit, suchten nach einem möglichen Pfad. Plötzlich sah Halbohr zwischen den Bäumen weitere rötliche Augenpaare aufleuchten. Sie näherten sich ihnen rasch. Diesmal mussten sie kämpfen. Halbohr stellte sich fünf weiteren Skeletten. Neire versuchte derweil die Gestalten zu umgehen und von hinten anzugreifen. Erneut entbrannte ein Kampf. Als der verletzte Uthriel zu ihnen stieß, begann sich langsam das Blatt zu wenden. Gemeinsam streckten sie schließlich die letzte Gestalt nieder. Erst jetzt sahen Neire und Halbohr, dass Uthriel aus zwei tiefen Wunden blutete.

„Habt ihr Angst vor dem Feuer?“ Neire hatte sich zu der an einem Baumstumpf ruhenden Gestalt von Uthriel hinabgebeugt; seine leise lispelnde Stimme war kaum zu hören im Geräusch des Regens. Als Uthriel mit fragendem Blick seinen Kopf zu Neire wendete, begann der Jüngling zu lächeln. „Die Macht meiner Göttin fließt durch mich. Sie heißt Heria Maki. Sie ist Feuer, wie sie Schatten ist.“ Die weiße glatte Haut Neires glitzerte im Zwielicht; Ströme von Wasser liefen über sein Gesicht, tropften von seinen hellen, gelockten Haaren herab. Bevor Uthriel antworten konnte, führte Neire weiter aus: „Ich kann euch helfen, helfen eure Wunden zu schließen. Doch ihr müsst das Feuer akzeptieren, …, so sagt, habt ihr Angst vor dem Feuer?“ Uthriel schien einen Moment zu zögern. Doch er begann den Kopf zu schütteln, „Nein, ich habe keine Angst vor Feuer.“ Einen Augenblick schien die Zeit einzufrieren, im prasselnden Regen. Dann weitete sich das Lächeln Neires zu einem überzogenen Grinsen. Seine in der Mitte gespaltene Zunge fuhr über seine perfekten Zähne, als wolle er den Regen aufsaugen. Neire zog seinen linken Arm unter seinem jetzt durchnässten Umhang hervor. Er legte das vernarbte Fleisch der grausam verbrannten Hand behutsam auf die Wunde von Uthriels Seite. Seine rechte Hand begann seltsame Runen in die Luft zu zeichnen. Schlangenartige Laute der Beschwörung wurden vom Regen verschluckt. Einen kurzen Moment meinte Uthriel einen rötlichen Schimmer in den Augen von Neire zu sehen. Wie glühende Magma, durchzogen von schattigen Furchen. Dann kam der Schmerz. Wie Feuer schoss es durch seine Seite. Als ob glühender Stahl die Wunde berührte. Uthriel begann zu zittern, doch er zog die Zähne zusammen. Er spürte eine tiefe, sich chaotisch wandelnde, Macht in ihn eindringen. Als Neire von ihm abließ hatte sich die Wunde fast vollständig geschlossen.

Als die merkwürde Gruppe sich völlig durchnässt unter dem gewaltigen Baum niederließ, war das Zwielicht nicht gewichen. Sie waren einige Stunden querfeldein marschiert. Halbohr hatte die Richtung angegeben. Sie waren auf und ab gegangen, durch die von kleinen Hügeln durchzogene Landschaft. Keine weiteren Skelette waren ihnen begegnet und irgendwann hatten die Worte von Neire das Rauschen des Regens durchbrochen. Wieder und wieder hatte er Halbohr mit seinen Fragen belästigt. Ob er schon einmal einen Menschen umgebracht hätte; ob es ihm Spaß bereitet habe. Ob er bereits gefoltert hätte. Schließlich war Halbohr in Stille verfallen – dem Söldner war das Unbehagen anzusehen gewesen, doch er hielt sich stoisch an seinen ausgehandelten Vertrag. Als Neire seinem Unmut, seiner schlechten Laune freien Lauf ließ, hatte sich schließlich Uthriel eingemischt und Neire zur Stille ermahnt. Das hatte gewirkt. Jetzt kauerten sich die drei Streiter an die alte knorrige Eiche, die ihnen wenigstens ein wenig Schutz vor dem Regen gab. Sie nahmen wortlos ein karges Mahl ein. Das Gespräch, welches sie geführt hatten, nachdem Uthriel den Baum hinaufgeklettert war, war verstummt. Nur Wald und Hügel hatte er gesehen. Ein Land, begraben unter Zwielicht und überschüttet von Regen. Wortlos hüllten sie sich in ihre Wanderdecken und versanken in ferne Gedanken und unruhige Träume.​
 

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Sitzung 03 - In Regen und Dunkelheit
« Antwort #3 am: 24.03.2022 | 21:57 »
Neire kniete auf dem moosbewachsenen nassen Waldboden. Er hatte seinen Oberkörper entblößt, um sich in einer Pfütze zu waschen. Gerade blickte er selbstverliebt in das Spiegelbild, das er im Wasser sah und das durch den Regen immer wieder verzerrt wurde. Er war schlank, anmutig und drahtig; sein jetzt nasses, gelb-goldenes Haar fiel in Locken von seinem Kopf und umrahmte seine hohen Wangenknochen, seine gerade Stirn. Seine milchig weiße Haut schimmerte im diffusen Zwielicht. Sein gesamter linker Arm war jetzt entblößt und jeder konnte es sehen. Neire schaute sich kurz um und sah tatsächlich, dass Uthriel seinen Arm betrachtete. Bis einschließlich zur Schulter führten die grauenvollen Verbrennungen, die die Haut dunkel vernarben hatten lassen. Doch dort sah er auch das rötliche Funkeln. Die drei Fingerkuppen-große Rubine waren symmetrisch in die Haut seiner linken Schulter eingelassen und mit dem Fleisch verwachsen. Auch jetzt erfüllte Neire eine freie und ungebundene Freude, als er die drei Herzsteine betrachtete. Er blickte in das Wasser der Pfütze und begann wie in alter Gewohnheit nach den Runen zu suchen. Doch kein Glühen sah er, nur Dunkelheit und Schwärze. Bevor die Traurigkeit, die Sehnsucht erneut in ihm aufkam, raffte er sich auf. Er musste ein Gebet zu seiner Göttin sprechen.

Es wurde langsam dunkler, als Neire auf seine beiden Gefährten zuschritt. Er trat heran zu Uthriel, der sich unter die knorrige alte Eiche kauerte. Sie hatten alle eine unruhige Rast verbracht. Nur wenig Unterschlupf hatte der Baum geboten. Jetzt waren Kleidung und Decken bis auf die Knochen durchnässt. Von Uthriel waren im Zwielicht nur schattenhafte Umrisse zu erkennen. Gelbliche Augen schimmerten unter der Kapuze seines Mantels; seine dunkle Haut und die feinen Gesichtszüge ließen sein zu Teilen dunkelelfisches Blut erahnen. „Uthriel, seid ihr noch verletzt?“ Uthriel vernahm den süßlich-modrigen Geruch des seltsamen Parfüms, das Neire nach dem Waschen aufgetan hatte. Er nickte wortlos und deutete auf seine Seite, wo der dunkle Fleck von Blut unter dem Verband zu erkennen war. „Ich kann euch erneut die Macht meiner Göttin zukommen lassen, doch sie verlangt eine Gegenleistung. Lasst uns zusammen ein Gebet sprechen.“ Das Prasseln des Regens überdeckte die Stille, die in diesem Moment eintrat. Uthriel schien einen Moment zu zögern. Dann nickte er. „Gut, so soll es sein. Sprechen wir das Gebet zu Ehren der Göttin.“

Neire und Uthriel hatten sich beide auf das nasse Moos gekniet. Neire hatte seine linke Hand auf die Wunde gelegt und blickte ernst in die Augen von Uthriel. „Sprecht mir nach Uthriel, zu Ehren der Göttin.“ Der Regen fiel weiter in Strömen herab, als Neire zu sprechen begann. Das schattenhafte Licht hatte sich in eine rabenschwarze Nacht aufgelöst.

„Preiset die schwarze Natter, als Abbild unserer Göttin. Weinet nicht um die verglimmenden Feuer, weinet nicht um die erlischende Glut. Denn die Dunkelheit birgt ihre Ankunft. Schatten ist das Licht unserer Göttin und Flammen der Morgen ihrer Heiligkeit.“

Uthriel sprach die Worte Satz für Satz nach. Er blickte in Neires Augen und sah jetzt deutlich das rötliche Schimmern, das sich dort gebildet hatte. Wie funkelnde Magma, durchzogen von dunklen Rissen. Er spürte den Schmerz, wie von glühendem Eisen in seine Seite eindringen. Doch abermals fühlte er die chaotische Macht, die ihn durchflutete. Wie das Aufbrausen einer Feuersbrunst, wie flüsternde, wabernde Schatten. Seine Wunden begannen sich auf wundersame Weise zu schließen. Auch Neire spürte die Macht, doch ein sonderbares Brennen ging von dem Ring aus, den er an seiner linken Hand trug. Es war, als ob sich die silbernen Venen in dem schwarzen Stahl des Rings verformen würden. Ein leichtes Glühen war zu sehen, ein Schatten, der sich ausbreitete. Neire sah, dass sich eine neue Rune geformt hatte, die er kannte. Es war die Rune des mächtigen Dieners. Jetzt erhob sich Neire und trat auch zu Halbohr heran. Der grobschlächtige elfische Krieger mit dem silbernen Haar betrachtete mit weit geöffneten Augen die Dunkelheit des Waldes. Erkennbar waren die vielen Narben, die Halbohr als Erinnerung an vergangene Kämpfe trug. „Halbohr, ich sehe ihr seid verletzt. Meine Göttin, Heria Maki, kann auch euch helfen.“ Neire lächelte Halbohr generös zu. Als Halbohr zustimmend nickte, legte Neire seine Hand auf die Wunde und begann alte Gebete in einer seltsamen Sprache zu zitieren. Seine gespaltene Zunge brachte zischelnde Laute hervor. Doch nach kurzer Zeit brach der Jüngling ab und begann höhnisch zu lachen. „Das habt ihr davon Halbohr. Die Macht der Göttin wirkt bei euch nicht. So lange, wie ihr euch wie ein Schwächling hinter dem Vertrag versteckt, kann ich euch nicht helfen. Verbrennt den Vertrag als ein Opferzeichen und ich kann euch helfen.“ Natürlich hatte Neire die Täuschung geplant und Halbohr in die Irre geführt. Er hatte überhaupt nicht versucht die Macht der Göttin zu beschwören. Doch Halbohr schien ihm zu glauben. „Ich werde den Vertrag nicht verbrennen, er dient zu meiner Absicherung.“ Als Neire Halbohr antworten wollte, hörten die Gefährten einen entfernten Schrei leise durch den Wald hallen. Sie konnten nicht sagen, wie weit der Schrei weg war. Er hörte sich zuerst wie der eines Raubvogels an, doch wurde dann zu einem halbmenschlichen. „Wartet hier, ich werde dem Schrei nachgehen“, sagte Halbohr flüsternd und kaum durch den Regen zu erhören. Neire und Uthriel nickten zustimmend, zogen leise ihre Waffen und blickten dem Elfen nach, der schleichend in die Dunkelheit verschwand.

Halbohr bewegte sich leise durch die schwarze Nacht. Er mied größere Pfützen und umgestürzte Bäume. Weiter in die Richtung, wo er das Geräusch gehört hatte. Bald schon konnte er Kampfeslärm hören. Die Sicht auf das Geschehen wurde ihm durch einen umgestürzten Baum genommen. Er schlich sich im toten Winkel der aufragenden Wurzel weiter auf das Geräusch zu. Die Dunkelheit konnte er mit seinen elfischen Augen durchblicken. An der Wurzel ging Halbohr in Deckung und lugte vorsichtig hervor. Er sah im Regen das Aufglimmen von rötlichen Augen. Eine Reihe von Skeletten hatte einen, in eine Lederrüstung gehüllten, Krieger umzingelt. Neben den humanoiden Skeletten, die Speere und Rüstungsteile trugen, sah er außerdem tierische Kreaturen aus bleichen, vermoderten Knochen, die einst wohl große Hunde oder Wölfe gewesen sein mussten. Halbohr beobachtete die Szenerie und entschied sich abzuwarten. Der Kampf entwickelte sich gegen den Krieger. Sein Oberschenkel wurde von einem Speer durchbohrt und er stürzte zu Boden. Schon drangen die tierischen Skelette auf ihn ein. Der Krieger versuchte sich noch einmal aufzuraffen, stieß einen Schmerzensschrei aus. Dann brach er hernieder und sein Körper begann wild zu zucken. Die Skelette drangen weiter auf ihn ein, als würden sie nach jedem Funken kostbaren Lebens, nach jedem Tropfen Blut lechzen. Halbohr hielt sich verborgen und entschied weiter abzuwarten. Abzuwarten, bis die Kreaturen von der Leiche abließen. Doch wieder und wieder stachen die Speere zu; wieder und wieder rissen die Hunde Stücke von Fleisch aus der Gestalt. Plötzlich zuckte Halbohr zusammen als er eine Hand auf seiner Schulter spürt. Als er sich umdrehte, hörte er die zischelnde Stimme Neires. „Was ist mit der Gestalt, lebt sie noch? Sollen wir eingreifen?“ „Nein, wartet ab Neire. Ich werde mich von rechts anschleichen,“ antwortete der Söldner. Neire kauerte sich jetzt an die Stelle an der Halbohr verweilt war. Auch Uthriel war mit Neire den Geräuschen nachgegangen. Er versteckte sich hinter einem knorrigen Baum. Neire und Uthriel sahen die Gestalt des Söldners durch die Dunkelheit in Richtung des Kampfes huschen. Als sich Halbohr in Position gebracht hatte, näherten sich auch Neire und Uthriel aus verschiedenen Richtungen. Halbohr startete den Überraschungsangriff aus der Dunkelheit und rammte seinen Dolch von hinten in den Schädel einer Kreatur. Die Kreatur begann niederzusinken, das rötliche Glühen verschwand aus den Augen. Doch jetzt begannen sich die verbleibenden Kreaturen Halbohr zuzuwenden. Ein wilder Kampf entbrannte, als auch Neire und Uthriel sich auf die Skelette stürzen. Hin und her wogten die Angriffe, die die Streiter ausführten. Einige der Skelette wendeten sich nun Neire und Uthriel zu. Als einer der Speere Neire in der Brust traf, erfüllte sein heller Schrei den Kampfplatz. Doch sahen Neire und Uthriel wie Halbohr von zwei Speeren durchbohrt wurde und mit einem grimmigen Gesichtsausdruck zu Boden ging. Die beiden Streiter standen jetzt alleine gegen die verbleibenden Skelette. Sie konnten nicht sehen, ob Halbohr noch lebte.

Mit einem kräftigen Hieb seines Langschwertes trennte Uthriel den Kopf des Hundeskelettes ab. Das das letzte Paar glühender Augen verglimmte. Neire und Uthriel blickten sich rasch um. Es waren keine weiteren Gestalten mehr zu erkennen. Zwischen den verrotteten bleichen Knochen sahen die beiden die leblose Gestalt von Halbohr im Regen liegen. Er hielt noch immer seine beiden Dolche umklammert, sein grimmiges Gesicht war mit Blut bedeckt. Neire näherte sich Halbohr und kniete nieder. Er legte die leicht gewellte Klinge seines Degens mit dem von Schlangen verzierten Griff auf den Boden und prüfte seinen Gefährten nach Lebenszeichen. Ein schwacher Puls war noch zu erfühlen, jedoch sah Neire einen Blutstrom aus einer der Speerwunden strömen. Er begann ein Leinentuch aus seinem Rucksack zu holen und die Wunde zu verbinden. Seine Gedanken waren jedoch bei dem Vertrag, der seiner Meinung nach ihn knechten, seinen Geist unterwerfen sollte. Neire dachte zurück an die Gemächer des Turmes von Trellentorm, an die er sich nur noch verschwommen erinnern konnte. Da war es wieder, …, das Hämmern des glockenartigen Nachhalls in seinem Schädel. Ich muss ihn finden, …, muss ihn finden und vernichten. Ist das meine Aufgabe, ist das das Schicksal der Stadt? Neire drehte den Körper Halbohrs um. Er vernahm den süßlichen Geruch von Schweiß, der von dem elfischen Söldner aufstieg. Seine Hände waren noch mit dem Blut Halbohrs bedeckt, als er in dessen Rucksack nach dem Schriftstück zu suchen begann. Schließlich zog er mehrere Siegeldokumente hervor, unter denen er auch den Vertrag sah. Wut flammte in Neire auf. Er nahm das Stück Papier, schloss seine Augen und dachte an das brodelnde Magma und die sich ewig wandelnden Runen aus Schatten. Er beschwor die Macht seiner Göttin, so wie die Priester es ihm gezeigt hatten. Doch jetzt begann sich die Flamme tatsächlich zu formen. Wilde Freude erfasste ihn, als er sah wie das magische Feuer aus seiner linken Hand aufstieg. Er nahm den verhassten Vertrag und führte ihn dem Feuer seiner Göttin zu. Schon bald begannen sich die Seiten in Rauch und Asche aufzulösen.

Neire erhob sich und blickte zu Uthriel. „Habt ihr etwas gefunden?“ Uthriel hatte die Überreste der Skelette untersucht und den Inhalt des Rucksacks offenbart, den der jetzt tote Krieger bei sich trug. Neire betrachte die Gegenstände, unter denen er nichts besonders Wertvolles ausmachen konnte. Schließlich sah er die Rolle einer Kordel und es kam ihm eine Idee. Er musste grinsen. „Uthriel, …, Halbohr hat heute nicht sein Wort gehalten. Er wollte mich beschützen, doch er wurde von diesen Kreaturen niedergemacht. Nur die Macht meiner Göttin konnte ihn vor dem sicheren Tod bewahren.“ Uthriel blickte Neire fragend an. Er war noch immer über den Inhalt des Rucksacks gekniet: „Was wollt ihr mir sagen Neire, worauf wollt ihr hinaus?“ Neire trat zu Uthriel und nahm die Kordel und eine Sichel an sich, die der tote Krieger trug. „Wartet Uthriel, …, wartet; ihr werdet es schon sehen.“ Neire führte die Sichel zum Leichnam hinab und begann eines der Ohren des unbekannten Kriegers abzuschneiden. Die Haut war merkwürdig ledrig und widerstand den ersten Schnitten. Als er das Ohr abgetrennt hatte, trat er zu Halbohr und fing kindlich an zu lachen. Er erinnerte sich zurück an die guten Zeiten; als sie als Kinder der Flamme ihre schlafenden Kameraden geneckt hatten; als sie ihnen obszöne Symbole ins Gesicht gemalt hatten. Er nahm das abgetrennte Ohr und die Kordel und legte die Narbe an Halbohrs Kopf frei. Als er die silbernen Haare zur Seite gerafft hatte, drückte er das blutige Stück Fleisch auf die Stelle des fehlenden Ohrs und begann die Kordel um den Kopf zu binden. Höhnisch grinsend richtete er sich auf und blickte zu Uthriel: „Von heute an könnte er Zweiohr oder Vollohr heißen. Was meint ihr Uthriel?“

Neire und Uthriel begannen durch den Wald zu laufen. Sie hatten Geräusche aus dieser Richtung gehört; Geräusche von den sie glaubten, dass sie leiser wurden. Die Furcht, dass sie etwas belauscht hatte, trieb sie an. Sie hatten Halbohr im Regen liegengelassen und waren vorsichtig in die Schwärze der Nacht vorgedrungen. Als sie die Spuren gefunden hatten, waren sie sich sicher; jemand hatte sie beobachtet und flüchtete jetzt. Dann waren sie schneller und schneller gelaufen. Hatten hier und dort angehalten und gehorcht. Gerade hatten sie einen kleinen Hügel überquert, als sie verschwommen Bewegungen sahen. Vor ihnen flüchteten kleine Humanoide Gestalten, die von Moos und Flechten überwachsen waren. In ihrer Mitte war eine pflanzenartige Kreatur, in der Größe eines Hundes erkennbar. Keinen Kopf konnten die beiden ausmachen; als würde eine aus Dornenranken gewachsene Pflanze wandeln. „Halt!“ Neires Stimme durchbrach das gleichförmige Geräusch des Regens. Beide Streiter hatten ihre Waffen gezogen. Die Kreaturen verlangsamten ihre Flucht und drehten sich um. Doch Neire und Uthriel hörten einen schrillen hohen Schrei des Pflanzenhundes, als die Gestalten zum Angriff ansetzen. Ein wilder Kampf entbrannte, in dem die Klingen von Uthriel und Neire anfangs die Ranken der wandelnden Pflanze nicht durchdringen konnten. So konzentrierten sie sich auf die Humanoiden und töteten einen nach dem anderen. Als sie schließlich die Pflanze umzingelt hatten, durchschnitt das Langschwert von Uthriel den Rankenpanzer und zerteilte die Kreatur. Einen weiteren der flüchtenden Humanoiden machen sie rücklings nieder. Sie untersuchten noch die Leichen, doch dann kam ihnen der Gedanke: Wo war Halbohr? Im Eifer des Gefechts hatten sie die noch immer bewusstlose Gestalt liegengelassen. Hastig machten sich die beiden auf den Rückweg.​

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Sitzung 04 - Feuer und Geborgenheit
« Antwort #4 am: 28.03.2022 | 21:14 »
Der Wald war in Dunkelheit getaucht. Das an Laub- und Nadelbäumen hinablaufende Wasser schimmerte. Strömender Regen ließ hier und dort Rinnsale und Pfützen entstehen. Ein Schleier von Nässe betäubte die Sinne und wurde regelmäßig unterbrochen von größeren Tropfen, die sich aus dem Unterholz lösten. Die ungleichen Gefährten hatten sich am Kampfplatz versammelt. Um sie herum waren neben den Überresten von Skeletten ein frischer Leichnam zu sehen; ein Krieger mit blutbefleckten blonden Haaren. Sein Gesicht war nicht mehr zu erkennen. Eingeschlagen war sein Schädel, zerfetzt sein Brustkorb, abgetrennt war ein Ohr, geplündert seine Habseligkeiten.

Halbohr hustete Blut, als er zu Bewusstsein kam. Schmerzen überall. Irgendetwas drückte auf die Narbe seines vor langer Zeit verlorenen Ohres. Seine grünlichen Augen erfassten verschwommen die Umgebung. Direkt vor ihm sah er das Gesicht des schönen Jünglings, das fast sein gesamtes Sichtfeld versperrte. Neire hatte sich zu Halbohr niederkniet und ihm kleine Ohrfeigen geben. Als der elfische Söldner aufwachte, lächelte Neire ihn an. Obwohl Neire sein Bestes tat um fröhlich auszusehen, sah man ihm doch die Strapazen der vergangenen Tage an. Der Regen und die Kälte begannen nicht nur ihm zuzusetzen. Halbohr jedoch war dem Tode immer noch nahe. Seine Arme zitterten als er vorsichtig nach seinem Ohr tastete. Seine Stimme war vielmehr ein Flüstern: „Was ist passiert.“ „Ihr wart dem Tode nahe“, antwortete Neire. Er legte einfühlsam eine Hand auf Halbohrs Schulter. „Nur mit der Kraft meiner Göttin konnte ich euch zurückholen.“ Er ließ einen Augenblick zwischen den Worten, die er wählte. „Zuerst war meine Kunst wirkungslos, doch dann, …, doch dann konnte ich euch helfen.“ Seine Stimme kam ins Stocken, sein Lispeln und der starke Akzent einer fremden Sprache waren jetzt besonders deutlich zu hören. „Meine Göttin forderte Tribut; der Vertrag musste sich in Flammen auflösen.“ Neire versuchte so freundlich wie möglich zu wirken, doch der elfische Söldner ächzte auf, knirschte mit den Zähnen. „Auch wenn Schrift vergangen ist, haben die Worte bestand,“ flüsterte Halbohr gegen den Regen. Neire schüttelte energisch seine nassen gold-blonden Locken und erwiderte: „Nein, alles was IHREN Flammen übergeben wurde, existiert nicht mehr. Solange Ihr Euch an Gesetze klammert, werdet Ihr schwach bleiben.“ Er führte weiter fort. „Wendet Euch IHR zu, nur so kann ich Euch beim nächsten Mal helfen.“ Halbohr blickte Neire hasserfüllt an. „Vielleicht wird es kein nächstes Mal für Euch geben.“

Uthriel beugte sich über den Rucksack des toten Kriegers und suchte weiter nach geheimen Fächern. Das Leder war nass und schwer. Er beachtete Halbohr und Neire nicht weiter. Als er ein fein gearbeitetes spitzes Jagdmesser hervorzog, blickte er auf und hörte Halbohr durch den Regen zischen. „Was ist das? Wer hat das gemacht?“ Halbohr hatte das blutige Ohr samt der Kordel von seinem Kopf gelöst und hielt es vor sich. Neire war aufgestanden und wich vorsichtig über die Reste der Skelette zurück. „Wir, wir dachten es würde euch helfen, …, vielleicht anwachsen... Im Unterreich gab es Heiler, die abgetrennte Gliedmaßen anwachsen lassen konnten. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“ Halbohr blickte Neire immer noch feindselig und ungläubig an, ließ sich dann aber erschöpft zurücksinken und schloss seine Augen. Er sah nicht, dass Neire sich zu der Gestalt des toten Kriegers herabgebeugt hatte.

Neire betrachtete den Kopf des blonden Mannes. Wie hatte wohl das Gesicht einst ausgesehen? Gleichzeitig war er geekelt und doch fasziniert von der roten Suppe aus Haut, Knochen und Zähnen. Eines der Augen war hervorgequollen und betrachtete ihn unentwegt. Regenwasser strömte hinab und vermischte sich mit dem Blut. Er bewegte einige der Knochenplatten, indem er seine Finger eindringen ließ. Darunter kam Gehirnmasse hervor. Seine Gedanken schweiften zurück in eine jetzt ferne Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die er in den letzten Tagen verdrängt hatte. Fackelschein und Gerüche von seltsamen Gewürzen. Chin’Shaar Fleisch. Als besondere Delikatesse hatte er davon gekostet. Einmal gab es sogar einen halb-geöffneten Schädel mit rohem Chin’Shaar Gehirn. Er hatte sich damals nicht getraut davon zu kosten. Versunken in Gedanken hatte Neire bereits eines der Gehirnstücke in seinen Mund geführt. Er vernahm den Geschmack von Eisen als er zu kauen begann.

Sie waren eine lange Zeit den Spuren durch die Dunkelheit und den Regen gefolgt. Neire hatte immer wieder versucht Halbohr aufzumuntern. Doch Halbohr hatte nur schmerzhafte Laute von sich gegeben. Dem elfischen Söldner schien es immer schlechter zu gehen. Irgendwann war der Wald dichter geworden und Halbohr hatte begonnen zu schwanken, zu stolpern. Neire hatte versucht ihn zu stützen, doch Halbohr hatte sich nicht helfen lassen. Schließlich war er gestürzt und Neire und Uthriel hatten ihn rückwärts an einen Baum gesetzt. Halbohr hatte gezittert und war kaum noch ansprechbar gewesen. Er schien zu fiebern. Neire und Uthriel hatten dann vereinbart, dass Uthriel den Spuren weiter folgen sollte. Eine lange Zeit war Uthriel jetzt schon fort und Neire hatte aufgehört auf Halbohr einzureden. Zudem hatte er in Halbohrs Augen etwas Grünliches gesehen, wie die Spuren von Moos. Er grübelte gerade, ob er den Begleiter mit dem Teil dunkelelfischen Blutes jemals wiedersehen würde, als er eine Stimme aus dem Wald hörte. „Neire, Halbohr, eine Hütte, …, verlassen und nicht weit von hier. Kommt…“

Sie waren Uthriel durch den Wald gefolgt, bis an einen Abhang. Neire und Uthriel hatten Halbohr unter den Armen gepackt und ihn durch den Wald gezogen. Hinter dem Abhang hatten sie die kleine Jagdhütte gesehen. Das Holz des Spitzdaches schimmerte nass in der Dunkelheit. Wie Uthriel gesagt hatte, schien die Hütte verlassen, aber nicht unbewohnt zu sein. Neire und Uthriel hatten schließlich die verschlossene Türe aufgerammt. Im Inneren hatten sich ihnen ein kleiner Ofen, zwei Stuben und eine karge, aber nützliche Einrichtung offenbart. Sie hatten die Räume durchsucht und Uthriels wachsame Augen waren auf eine geheime Falltür, unter einem Bett einer der Stuben gestoßen. Stufen hatten sie hinabgeführt in zwei aus dem Felsen geschliffene Kellerräume. Eine Quelle, Vorräte und die Spuren von Ausweidungen hatten sie aufgefunden. Schließlich waren sie mit Vorräten nach oben zurückgekehrt und hatten die Geheimtüre hinter sich verschlossen. Jetzt brannte ein kleines Feuer in dem gusseisernen Ofen; in einem Kochtopf brutzelte eine Suppe aus Trockenfleisch und Pilzen. In Halbohr war langsam wieder etwas Leben zurückgekehrt. Doch er konnte sich kaum noch wachhalten. Er hatte sich wortlos in einen der kleineren Räume zurückgezogen und war in seiner nassen Kampfausrüstung auf dem Strohlager niedergesunken. Die Flammen des Feuers spielten jetzt mit den Schatten. Eine wohlige Wärme hatte sich in dem Raum verbreitet in dem Neire und Uthriel saßen. Neire betrachtete Uthriel. Er sah das Gesicht mit der steingrauen Haut, den spitzen Ohren. So lange er auch grübelte, er konnte das Alter seines Begleiters nicht abschätzen. Uthriels gelblich schimmernde Augen wirkten nicht müde. Im Gegensatz zu Halbohr schien er Neire erfahrener und robuster zu sein. Zudem hatte er mit Neire das Gebet zu seiner Göttin gesprochen. Ich sollte ihm von der Göttin erzählen, ihren wahren Namen nennen. Vielleicht ahnt er es schon. Er scheint aus dem Unterreich zu kommen. Neire blickte in Richtung des Raumes in dem Halbohr schlief. Von dort hörte er leise Schlafgeräusche. „Uthriel ich muss euch etwas erzählen, etwas anvertrauen. Könnt ihr ein Geheimnis behalten?“ Uthriel betrachtete seinen Gegenüber. Neires lange Locken waren getrocknet und glänzten rot-golden im Lichte der Glut. „Ich kann ein Geheimnis behalten. Was ist es? Sprecht.“ Die Schatten schienen in diesem Moment länger zu werden, als sich Neire in das rötliche Licht wendete. „Meine Göttin ist nicht Heria Maki.“ Er sprach den Namen der rechtschaffenen Feuergöttin mit zischender Verachtung. „Meine Göttin ist Feuer und Schatten, sie ist die Schwertherrscherin, die Flamme des Chaos, sie hat Tausend Namen…“ Wieder war da das Glühen von Magma in Neires sonst blauen Augen zu sehen. „Sie ist die Königin von Feuer und Dunkelheit. Ihr Name ist JIARLIRAE.“

Neire und Uthriel hatten sich bei der Wache abgewechselt. Uthriel hatte die erste Wache übernommen. Wilde Träume hatten derweil Halbohr und Neire gequält. In Neires Traum hatten Wunden Blut hervorquellen lassen. Blut, das in dem Ring verschwand, den er trug. Der Ring wurde schwerer und neue Runen bildeten sich. Runen des Ringes, deren Sinn er nicht erkennen konnte. Halbohr hatte von seiner Kasernenzeit geträumt. Als sein Ohr abgetrennt wurde, spürte er doch eine Art von Unterstützung. Irgendwann hatte Uthriel Neire geweckt. Die Nacht musste jetzt bereits vergangen sein. Neire hatte seine Gebete zu Jiarlirae abgeschlossen und sein Ritual beendet. Er starrte in die Flammen des Ofens und lauschte dem Knistern der Glut und dem Prasseln des Regens. Plötzlich hörte er ein Geräusch von splitterndem Glas. Stöhnen und Ächzen drangen von draußen durch den Regen. Verrottete Hände begannen durch die Fenster zu fassen und an die Türe zu trommeln. Hastig sprang er auf, alarmierte Halbohr und Uthriel und streifte sich das dunkelelfische Kettenhemd über. Uthriel war als erster an der Türe und begann diese zu sichern. Doch vergeblich. Das Holz begann schon zu splittern, als sich die ersten Kreaturen hereindrängten. Die Leiber halb verrottet, gierten leblose Augen nach dem Fleisch der Lebenden. Ein Gestank von Verwesung machte sich in der Hütte breit, als die nassen Körper willenlos nach vorne drängten. Neire beschwor einen Degen aus purem Feuer und so begannen Uthriel und er die Türe in erster Reihe zu sichern. Halbohr warf von hinten mit Dolchen. Ein heftiger Kampf entbrannte und Körper um Körper wurde zu Fall gebracht. Doch der Strom toter Leiber ebbte nicht ab. Als das Licht von Neires Flammenklinge bereits erloschen war, sahen die drei Gefährten die Fremden, die sich durch Regen und Matsch näherten. Ein in eine Rüstung gekleideter Ritter, von zwei Schritten Größe schwang eine gewaltige Hellebarde. Ihn begleiteten zwei kleinere Krieger; ein Elf und eine Dunkelelfin. Die Hautfarbe der Dunkelelfin war schwarz wie die Nacht. Auf dem Waffenschurz des Ritters erkannte Neire das Wappen der Stadt Fürstenbad. Zwei nach oben schauende Fische, Rücken an Rücken mit aufgerissenen Mäulern auf weißem Grund. Als der letzte der Untoten bekämpft war, watete der Ritter durch den Matsch und baute sich vor Neire und Uthriel auf. Seine Stimme klang donnernd durch die Nacht: „Unleben muss vernichtet werden. Seid ihr auf unserer Seite?“

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Sitzung 05 - Der Fels der nicht war
« Antwort #5 am: 2.04.2022 | 09:23 »
Durch die halb zerbrochene Türe offenbarte sich der Blick in den strömenden Regen; in einen urtümlichen Wald, der von einem wolkenverhangenen Himmel in zwielichtige Dunkelheit gehüllt wurde. Kalte, nasse Luft drang in das Innere der Jagdhütte. Der kleine hölzerne Raum, der den Streitern als scheinbar sicherer Rückzugsort gedient hatte, war jetzt in einem chaotischen Zustand. Holzsplitter, Glasscherben und umgestürzte Möbel bedeckten den Boden. Der gesamte Türbereich war von halb verwesten Leichen bedeckt. Der Gestank war allgegenwärtig. Blut und Leichensäfte glitzerten am Boden und an Wänden, im Lichte der langsam verglimmenden Glut.

Neire stolperte über die Leichen zurück. Er versuchte, so gut wie es ging, seinen verbrannten Arm hinter dem Rücken zu verstecken. Noch immer schmerzte die blutende Wunde, die er sich selbst im Kampf mit der flammenden Klinge zugefügt hatte. Er atmete schwer und beugte den Kopf unterwürfig, als der Ritter in der silbernen Rüstung ihn betrachte. Er sah aus den Augenwinkeln, wie Halbohr aus dem hinteren Teil des Raumes herüber humpelte. Den elfischen Söldner hatte es wieder hart getroffen. Wunden und Schmutz bedeckten seinen Körper und Haare. Neire und Uthriel antworteten dem Ritter nicht, doch Halbohr erhob seine Stimme: „Wir sind auf eurer Seite, Fremder.“ In diesem Moment trat eine weitere Gestalt über die Leichen hinweg und in den Raum hinein. Die kleine Frau der Größe eines heranwachsenden Kindes, mit platinblondem Haar und kohlrabenschwarzer Haut erhob die Stimme. „Seht ihr es nicht? Sie sind nicht die Urheber.“ Die Dunkelelfin mit dem plumpen Gesicht trug einen silbernen Stab und betrachte Uthriel, Halbohr und Neire der Reihe nach. Ihr war ein niederträchtiger Ausdruck anzusehen. Die Spannung, die über dem Raum lag, schien sich dennoch zu lösen. Die Streiter sahen, wie der Ritter seinen bereits halb geöffneten Helm vom Kopf zog. Eine Aura von Zuversicht und Geborgenheit ging von ihm aus. Er lächelte den Gefährten zu. „Nun, wir sind euren Spuren gefolgt, haben die Leichenreste gesehen, die ihr hinterlassen habt. Ihr haben meinen Respekt, wenn ihr es mit all diesen untoten Kreaturen aufgenommen habt.“ Er lächelte die drei an. Seine blauen Augen wirkten aufgeweckt; die schwarzen kurzen Haare, die unter seinem Helm gelegen hatten, dampften nass. „Aber entschuldigt bitte meine Unhöflichkeit. Ich vergaß, mich vorzustellen. Mein Name ist Rasmus. Paladin, in den Diensten der Stadt Fürstenbad.“ Er blickte sich um. Doch ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er fort. „Dies sind meine Gefährten. Loec, vom Volk der Waldelfen und Rowa, vom Volk der Dunkelelfen.“ Erst jetzt sahen die drei Gefährten die dritte Gestalt aus der Gruppe der Fremden, die bei den Leichen der Türe stand. Der Waldelf war größer als Rowa und trug unscheinbare, der Umgebung angepasste Jagdkleidung. Unter seinem schulterlangen braunen Haar, sah man die Ringe eines Kettenhemdes glänzen. Loec hatte einen Bogen geschultert und trug einen Speer, dessen silberne Spitze in der Dunkelheit funkelte. Jetzt erhob Halbohr seine Stimme und antwortete auf die Vorstellung: „Es freut mich euch kennenzulernen. Mein Name ist Halbohr. Wir sind eine Jägergilde und hier gestrandet. Wir wurden von den Untoten überrascht.“ Neire hatte den Moment der Ablenkung genutzt und war bereits in den hinteren Teil des Raumes zurückgewichen. Hastig und so unauffällig wie möglich begann er seine Kleidung über das dunkelelfische Kettenhemd zu streifen. Er spürte den wohligen Geruch des Chin’Shaar Leders. Mit wachsender Zuversicht begann er sich umzudrehen. Er versteckte den linken Arm unter dem heiligen Umhang seiner Göttin.

Sie hatten die Leichen aus dem Raum geräumt und die Eingangstüre behelfsmäßig repariert. Uthriel hatte dabei herausgefunden, dass die Rüstungsteile der jetzt toten Leiber Muster einer alten Zeit trugen. Eine Zeit, die er auf 500-600 Jahre in der Vergangenheit schätzte; eine Zeit, in der diese Gegend von Kriegen überzogen wurde. Währenddessen hatte sich Rasmus um die Wunden von Halbohr gekümmert. Rowa hatte begonnen die Hütte abzusuchen und war auch auf die Geheimtüre gestoßen. Nun saßen sie alle am Feuer, das Neire mit trockenen Holzscheiten wieder entfacht hatte. Obwohl die Fenster noch immer zerschlagen waren, hatte sich wieder eine wohlige Wärme in der kleinen Hütte gebildet. Gerade zog Rasmus einen schweren Lederschlauch hervor und ließ seine mächtige Stimme ertönen: „Wer von euch trinkt einen Becher Wein mit mir? Ich lade euch alle ein.“ Neire nickte in freudiger Erwartung und begann alsbald Becher zusammenzusuchen. Schon goss Rasmus jedem einen vollen Becher ein. Nur Loec und Rowa verwehrten das Geschenk. Als sie den ersten Becher geleert hatten, schenkte Rasmus eine zweite Runde nach, an der nur er und Neire teilnahmen. Auch Halbohr und Uthriel lehnten jetzt ab. Rasmus nahm nochmals einen großen Schluck und begann zu erzählen. „Ihr müsst wissen, wir dienen einem alten Bund. Das bringt solch seltsame Gefährten wie uns zusammen.“ Loec und Rowa blickten missmutig auf ihren Anführer. „Aber vereint sind wir im Kampf gegen das Unleben. Irgendwo muss es einen Quell geben, einen Ursprung für diese Seuche.“ Er sah, dass Neire bereits seinen zweiten Becher geleert hatte, hielt kurz inne, um seinen ebenso zu leeren und schenke dem Jüngling und sich selbst eine weitere Runde nach. „Ja, dieses Jahr, in diesen Zeiten ist es besonders schlimm. Gerade Grimmertal scheint davon betroffen zu sein… und dann dieser Regen… ha…“ Als Rasmus zu fluchen begann, dachte Neire nach. Er hatte den Namen Grimmertal schon einmal gehört. Er erinnerte sich daran, von einer dünn besiedelten Region im Süden von Fürstenbad gehört zu haben, eine Region, mit wenigen kleinen Ortschaften und umso mehr Jagdhütten. Eine Region, in der ein Dorf selbst Grimmertal hieß. Als Neire nachdachte, hatte Rasmus seine Ausführungen bereits fortgeführt und der Name Klingenheim war gefallen. Auch diesen Namen hatte Neire bereits gehört. Doch nichts Gutes war ihm in Erinnerung geblieben. Er hatte gehört von einem Hort zwielichtiger Gestalten, die umgänglich als Abschaum bezeichnet wurden; von Tagelöhnern und leichten Damen, von Glücksspiel und Gewaltexzessen.

Neire hatte bereits seinen dritten Becher geleert und sah, dass Rasmus ihn jetzt angrinste. Er schenkte ihm nochmal nach und fragte: „Was ist mit euch Junge? Woher kommt ihr und was hat euch mit diesen ungleichen Gefährten zusammengebracht?“ Neire spürte jetzt den Rausch. Adrenalin begann zudem durch seine Adern zu pulsieren, als er die Augenpaare sah, die auf ihn gerichtet waren. Ich muss unerkannt bleiben, ich darf meine Suche nicht gefährden. Sein Magen rutschte plötzlich hinab und das Denken wart ihm schwer. Immer wieder kam ihm die Suche in den Sinn. Er ließ den Kopf hängen und fing an zu weinen. Keiner sah die Tränen, da sein Gesicht bedeckt war von seinen blonden Locken, die jetzt rötlich in des Feuers Glut schimmerten. Er begann schluchzend zu sprechen und so gut es ging seinen schweren Akzent und seine zischende Aussprache zu verbergen. „Ich komme ursprünglich aus Fürstenbad. Doch wurde ich entführt. Schon als Kind… vom Volk dieser dort.“ Er blickte auf und musterte Rowa. Tränen schimmerten in seinen blauen Augen und liefen über die reine weiße Haut seiner Wangen hinab. „Meine Mutter haben sie getötet, doch ich konnte entkommen.“ Als Rasmus den Arm auf seine Schulter legte, schluchzte er umso lauter auf. Er hörte die dunkle, jetzt fast andächtige Stimme von Rasmus: „Ich verstehe, ihr habt einiges mitgemacht. Doch es müssen Kräfte in euch schlummern, so habt ihr doch die Flucht aus dem Unterreich geschafft.“ Rowa machte in diesem Moment ein zischendes Geräusch und schaute Neire hasserfüllt an. Sie erhob ihre Stimme in der Sprache der Dunkelelfen. „Ich sehe es doch, ihr lügt!“

Sie hatten danach noch einige Zeit am Kamin gesessen und Geschichten ausgetauscht. Gerührt von Neires Schicksal, hatte Rasmus ihm immer wieder Wein nachgeschenkt. Erzählt hatte Rasmus zudem von der Geschichte des alten Bundes, der nach den Kriegen zwischen den verschiedenen Völkern errichtet wurde. Schließlich hatte Halbohr die Begegnung mit dem Jäger ausgeplappert und auf die Frage hin, ob sie den Leichnam beerdigt hatten, herrschte kurz Schweigen. Die Stimmung war fast gekippt; das Misstrauen von Rowa und Loec hatte überhandgenommen. Dann hatte Neire von der Krankheit von Halbohr und von seinem Zustand berichtet; dass es sich um einen Notfall gehandelt hatte. Das hatte die Fremden beruhigt. Das Gespräch war dann um eine mögliche Route nach Grimmertal gekreist. Als sie bereits einige Wege erörtert hatten war Neire angetrunken aufgestanden. „Ich habe genug, ich kann das nicht mehr. Ich weiß gar nicht, wie lange ich jetzt auf der Flucht bin. Wollt ihr uns nicht nach Grimmertal begleiten Rasmus?“ Rasmus hatte kurz überlegt, seine Kameraden angeschaut und dann tatsächlich zustimmend genickt.

Neire blickte durch den Nebel von Feuer. Das Gesicht war kurz dagewesen und doch zwischen der flimmernden Hitze verschwunden. Er spürte die Flammen auf seiner Haut brennen; es war als ob sie mit ihm spielen wollten. Hatte er seinen Geist geöffnet? Hier und dort sah er das Feuer dunkle Schatten formen; doch so sehr er sich auch bemühte, seine Runen konnte er nicht sehen. Jetzt hörte er die Flammen hinter ihm knistern und knacken. Ein Raunen, das sich zu einer bekannten Stimme formte. Er drehte sich um und da war es wieder. Das liebliche Gesicht, nach dem er sich so gesehnet hatte. Rötlich wallendes Haar umspielte ihre prominenten Wangenknochen. Die Zeremonienrüstung aus Kupferplatten schimmerte sanft im Antlitz der allgegenwärtigen Glut. Sie lächelte ihm zu, so dass er ihre spitzen Eckzähne und die Schlangenzunge sehen konnte. Ihre Augen funkelten wie brennende Rubine; ein Jedes geteilt durch eine schlangenhafte Spur vertikaler Dunkelheit. Er wollte nach ihr greifen, sie umarmen. Doch je näher er kam, desto weiter schwebte sie davon. Der Schmerz wurde größer und größer…
Neire wachte weinend in der dunklen Kammer auf. Er hatte sich zuvor geheilt und wollte eigentlich nur etwas meditieren. Er musste wohl eingeschlafen sein. Die Emotionen waren so allgegenwärtig, so überwältigend, dass er im Weinen verkrampfte. Er murmelte mehrfach ihren Namen: „Lyriell, oh Lyriell…“ Jetzt sah er die dunkle Silhouette von Uthriel, der in seinem Raum gewacht hatte. Die Augen des Streiters halb-dunkelelfischen Blutes schimmerten leicht gelblich in den Schatten. Er trat zu Neire heran und frage: „Was ist mit euch, habt ihr geträumt? Wer ist Lyriell?“ Neire blickte auf und erwiderte: „Meine einzige Liebe. Sie ist nicht mehr… sie ist jetzt im Reich meiner Göttin.“ Schließlich hatten sie sich aufbruchbereit gemacht. Neire hatte die Gebete zu seiner Göttin gesprochen. Noch immer fühlte er neben den Auswirkungen der Trunkenheit, die Traurigkeit. Uthriel hatte gesehen, dass Neire fast willenlos die Kruste von der frisch vernarbten Wunde seines linken Armes abkratze, während er Formeln einer fremden Sprache zischelte. Das ging so lange, bis das Blut hervorquoll und über seinen von Brandnarben gezeichneten Arm herabrann. Die Stücke Kruste hatte Neire immer wieder gegessen. „Seid ihr bereit? Wir wollen aufbrechen.“ Neire und Uthriel hörten neben dem Klopfen an die Türe die Stimme von Halbohr. Sie schnallten sich kurzerhand ihre Rucksäcke auf und sahen beim Verlassen des Raumes, dass der Rest ihrer neuen Mitstreiter bereits aufbruchbereit war. Alle nickten sich zu und verließen wortlos einer nach dem anderen die kleine Jagdhütte, in den noch immer an anhaltenden Regen. Nur Neire blieb im Raum zurück und bewegte sich auf den Ofen zu. Als Uthriel in das Zwielicht schritt, sah er aus den Augenwinkeln wie Neire ein glühendes Holzscheit mit der bloßen Hand seines linken, verbrannten Armes herausnahm. Er murmelte dabei etwas vor sich hin, das Uthriel nicht verstehen konnte. Der Geruch von verbrannter Haut verteilte sich ihm Raum, als die Glut sich in Neires Fleisch fraß. Doch Neire lächelte unter den Schmerzen; die Glut schimmerte rötlich in seinen nachtblauen Augen.

Sie gingen jetzt schon einige Zeit durch Regen und Wald. Halbohr und Loec dienten ihnen als Vorhut und Spurenleser. Neire hatte sich mit Rasmus unterhalten. Schmutz und Dreck schienen von dem Paladin wie auf eine übernatürliche Weise abzufallen. Das Gespräch hatte sich schließlich um Götterglauben gedreht und Neire hatte von Heria Maki erzählt. Das hatte Rasmus beineindruckt. Er hatte berichtet davon, dass die meisten Menschen die wahren Namen der Götter nicht mehr kennen und nur noch Aspekte anbeten würden. Sie unterhielten sich gerade angeregt, als sie im Zwielicht plötzlich die durchnässten Gestalten von Halbohr und Loec sahen. Beide knieten über dem von Laub bedeckten Boden und wiesen auf die Spuren hin. Spuren von großen Wölfen, vielleicht vier oder fünf an der Zahl. Nach kurzer Beratung entschieden sie sich den Spuren zu folgen. Tiefer und tiefer führten die Spuren in Wald, obwohl die grobe Richtung nach Grimmertal nicht verlassen wurde. Schließlich kamen sie an ein Tal, in dem das Wasser in Pfützen und Tümpeln stand. Ein großer Plateau-ähnlicher Fels war im Zwielicht zu sehen. Der Regen schien den Felsen reingewaschen zu haben. Niedergekniet betrachteten sie die Situation am Rande des Abhangs. Kälte und Nässe setzten mittlerweile allen zu. „Die Spuren führen den Abhang hinab, direkt auf den Felsen zu. Kennt ihr ihn? Vielleicht als Landmarke?“ Die Stimme von Halbohr war in Richtung von Rasmus gerichtet, doch der Paladin schüttelte mit dem Kopf. „Nein, noch nie etwas von einem solchen Felsen gehört, als ob er vorher noch nicht dagewesen wäre.“ Sie entschieden sich weiter den Spuren zu folgen und umrundeten den Felsen in großer Nähe. Hoch ragten die Wände neben ihnen auf, an denen Regenwasser herablief. Die Streiter zogen jetzt ihre Waffen und machten sich kampfbereit. Tatsächlich öffnete sich hinter einer Felsnadel eine Spalte, die in einer gähnenden Höhlenöffnung mündete. Vorsichtig und Schritt für Schritt drangen sie weiter in die Spalte vor. Schon bald waren sie aus dem Regen in die Dunkelheit gelangt. Rasmus fasste an seinen Helm und schon strömte ein silbernes Licht von ihm aus, das einen Tunnel erhellte, in dem Steine lagen. Weiter drangen sie vor und der sich langsam verjüngende Gang führte sie leicht hinab. An einer Kreuzung, von der drei Tunnel hinwegführten, horchte Halbohr. Er hörte aus dem linken Gang ein leises Knurren. In Erwartung eines Kampfes schlichen sie weiter voran. Hinter einer Ecke war das Knurren nun von allen zu vernehmen. Rasmus riss seine Hellebarde zum Sturmangriff hervor und stürzte um die Ecke. Neire reagierte als erster und folgte ihm. Er beschwor die Kräfte seiner Göttin. Keinen Moment zu spät, denn die drei gewaltigen Wolfskreaturen, die hinter der Ecke lauerten, wurden in eine Wand von malmenden Flammen eingehüllt. Die Höhle, die sie vor sich sahen, war von humanoiden Knochen gefüllt; Moos wuchs an den Wänden. Eine kurze Zeit nur loderte das Licht der Magmaflammen auf. Dann brach ein erbitterter Kampf los, als der Paladin gewaltige Hiebe auf die Kreaturen verteilte. Auch die weiteren Mitstreiter drängten jetzt nach und warfen sich auf die scheußlich anzusehenden Bestien, die die Größe von kleinen Pferden hatten. Der Kampf schien sich schon zugunsten der Gruppe um Rasmus zu wenden, als Halbohr von einem Biss schwer verwundet wurde. Wie zuvor sank er bewusstlos zu Boden. Zudem griff ein weiterer Wolf aus dem Hinterhalt an und versuchte Neire zu Boden zu reißen. Doch Uthriel drängte entschlossen und heldenhaft an seine Seite und stach auf die Beste ein. Mit gemeinsamen Kräften konnten sie auch die letzte Kreatur erschlagen. Über die Leiber der gewaltigen Leichen eröffnete sich ihnen der Blick auf eine Höhle, in der sie die Jungen der Wölfe sahen. Die Welpen drängten sich, von Furcht getrieben, in die Dunkelheit.

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Sitzung 06 - Die Erkundung
« Antwort #6 am: 7.04.2022 | 21:39 »
Das silberne Licht von Rasmus Helm drang durch die Höhle und zeigte die gewaltigen Körper von vier erschlagenen Kreaturen. Die Leiber der Kreaturen waren einst prachtvolle, furchteinflößende Tiere gewesen. Jetzt waren die Knochen zerschmettert und drei der vier toten Tiere zeigten starke Spuren von Verbrennungen. Für einen kurzen Moment kehrte Stille ein. Neben dem schweren Atmen des verletzten Paladins – er hatte eine große Bisswunde in der Seite davongetragen – war ein wehleidiges Wimmern aus der sich verengenden Höhle zu hören. In diese Richtung stahl sich Neire davon. Er sah die vier Welpen, die sich, getrieben von Furcht, in eine Ecke der Höhle kauerten. Als er die Jungtiere bereits fast erreicht hatte, hörte er ein Husten hinter sich und drehte sich um. Hinter ihm konnte er die Gestalt der Dunkelelfin Rowa erkennen, die über den elfischen Söldner Halbohr gebeugt hatte und ihm einen Heiltrank einflößte. Sie hatte ihren Kampfstab zur Seite gelegt und Neire konnte ihre blauen Augen im silbernen Licht aufblitzen sehen. Halbohr kam in diesem Moment wieder zum Bewusstsein, doch er sah übel zugerichtet aus. Sein schwarzer Filzmantel war mittlerweile zerrissen und offenbarte zwei Wunden; eine an seinem Hals und eine an seinem Oberschenkel.

Neire drehte sich jetzt wieder um und musterte die Welpen. Sie hatten bereits eine stattliche Größe von etwa einem Fuß der Länge nach. Sie waren niedlich anzusehen, wie kleine Fellbälle von einer silber-grauen Farbe. Doch anstelle von Mitleid beschlich Neire ein Gefühl von Abneigung. Sie versuchen mich zu umgarnen mit ihren treuen, furchterfüllten Augen. Doch nicht für einen Tag wären sie überlebensfähig in dieser Welt. Ich habe mich durchgekämpft, ich war stärker, keine Eltern hatte ich, die sich um mich sorgen. Trotzdem habe ich alleine überlebt. Er dachte an das reinigende Feuer seiner Göttin. Ja, er würde sie opfern. So versunken war Neire in Gedankten, dass er nicht bemerkt hatte, wie Loec sich ihm von hinten genähert hatte. Der Waldelf trug seinen Speer mit der silbernen Spitze. Grünliche Augen blickten Neire ernst an. „Loec, …, wenn wir sie nicht töten werden sie durch die Höhle hinfort laufen und Feinde auf unsere Anwesenheit aufmerksam machen.“ Neire strich sich die noch immer nassen Locken aus seinem Gesicht zurück und wies in die Richtung des Ausganges. Loec packte seinen Speer entschlossen und nickte grimmig. „Ihr habt recht, lasst uns sie von ihrem Schicksal erlösen.“ Er begann den Speer bereits nach vorne zu stoßen und durchbohrte eine der Kreaturen. Seltsamerweise winselten die anderen jetzt umso mehr. Neire konnte die Angst in ihren weit aufgerissenen Augen sehen. Jetzt kochte Wut in Neire auf und er packte eines der Wesen am Nackenfell. Das Wolfsjunge wehrte sich nicht, doch Neire war erstaunt wie schwer die Kreatur schon war. In der Zeit hatte Loec bereits die zweite Kreatur durchbohrt und schwang den Speer in Richtung der Dritten. Neire wendete sich ab und trug das Wolfsjunge hinfort. Er musste Knochen zusammensammeln um ein Feuer zu machen.

„Seht ihr denn nicht, Rasmus, er ist verwundet.“ Rasmus, der sich gerade seine Seite verbunden hatte, schaute auf und sah wie Rowa auf die Wunden von Halbohr deutet. Wieso ist sie auf einmal so führsorglich? Sie denkt doch sonst nur an sich selbst. Er verwarf den Gedanken, bevor er Schlimmeres mit ihm anrichten konnte und richtete sich auf. Als er sich zu Halbohr herabbeugte kam ihm eine Welle von Gestank entgegen. Der elfische Söldner hatte sich anscheinend eine längere Zeit nicht mehr gewaschen. Rasmus blickte die Wunden an und sah, dass dort noch immer Wolfsgeifer klebte. Tief waren die Risse im Fleisch. Er nickte Halbohr zu, blickte ihm ernst in die Augen und legte ihm eine Hand auf die Schulter. So hatte er es immer bei verwundeten Kameraden gemacht. Doch war Halbohr wert das Artefakt zu opfern? Er hat noch nicht das Gegenteil bewiesen und tapfer gekämpft. Rasmus erinnerte sich an den Kampf zurück. Wie Halbohr ihm zur Seite geeilt war. Vielleicht hatte er ihm das Leben gerettet durch seinen heldenhaften Vorstoß. Er löste unter Schmerzen den großen Rucksack von seinen Schultern; die Stahlplatten seines Panzers schnitten ihm in seine Wunde. Trotzdem lächelte er Halbohr jetzt an. „Nun, lasst mich einmal schauen was ich für euch habe.“ Er griff zu einer kleinen Viole aus dickem Glas. Als er sie hervorholte, schimmerte die enthaltene Flüssigkeit in einem magischen, hell-blauen Licht. „Trinkt dies Halbohr. Es ist pures Leben.“ Er entkorkte die Viole und gab sie Halbohr, der ihn misstrauisch anblickte. Irgendwie amüsierte ihn diese Reaktion. „Trinkt, Halbohr und ihr werdet schon sehen.“ Er sah zu wie der zerlumpte elfische Söldner den unbezahlbaren Nektar des Lebens undankbar hinabstürzte. Tief in seinem Inneren sagte ihm eine Stimme, dass er dennoch das Richtige getan hatte. Was würde die Zukunft wohl bringen?

Neire blickte in die auflodernden Flammen. Er hatte mit einem Knie den Hals des Wolfjungen fixiert und hastig Knochenstücke zusammengesucht. Das Feuer aus den trockenen Knochen brannte höher und höher. Als er sein Knie löste, sah er, dass das Jungtier, der Besinnungslosigkeit nahe, nach Luft schnappte. Er erhob sich und begann den Choral anzustimmen:

„Das Feuer rauscht mit Ihrer Stimme, die Schatten bergen Ihre Weisheit.“

Er wiederholte die Worte wieder und wieder. Die Flammen brannten jetzt höher und spiegelten sich in seinen Augen. Er packte das Tier mit seiner linken Hand am Nacken und war mit den Gedanken bei seiner Göttin. Er blickte hinauf und sah die Schatten an den Wänden der Höhle tanzen. Langsam kehrte das Leben in die kleine Kreatur zurück; er spürte wie sie zu zappeln begann. War das Opfer genug für seine Göttin? Es war ein Leben, eine Seele, die er ihr darreichte. Er begann eine Oktave höher zu singen, mit seiner schönsten Stimme, als er die Kreatur in die Flammen führte. Er spürte die Hitze der Flammen auf seiner Haut, den sengenden Schmerz. Nicht ließ er locker, als das Wesen begann zu schreien, nicht ließ er locker, als es anfing zu zappeln. Der junge Wolf schnappte, doch von Flammen geblendet, ins Leere. Plötzlich begann der Bauch der Gestalt aufzuplatzen und Blut sprudelte hervor. Das Blut wiederum begann wie Öl zu brennen und lief glühend den Arm von Neire hinab. Als es auf seinen Ring traf, fing dieser an zu rötlich zu funkeln. Wie glitzerndes Quecksilber verflossen die Runen zu neuen Formen, als sich eine weitere Rune bildete. Neire sah die Runen deren Bedeutung er nur erahnen konnte. War es die Rune des untertänigen Dieners?

Danach hatte sich Neire zur Meditation zurückgezogen und das Feuer brennen lassen. Er hatte undeutlich gehört, wie Rowa sich mit Halbohr unterhalten hatte. Es hatte sich so angehört, als wäre der elfische Söldner der Konversation nicht besonders zugetan gewesen. Die Dunkelelfin hatte ihn anscheinend auf seine Nahtoderfahrung angesprochen; was er gesehen hätte. Halbohr hatte mit „Ich habe nur Schwärze gesehen“ geantwortet. Auf die Frage hin, an was er glaubte, hatte Halbohr mit „Ich glaube nur an mich selber“ geantwortet. Auf weitere Fragen nach seiner Herkunft war Halbohr gereizt ausgewichen. Schließlich hatte sich die Dunkelelfin abgewendet und Halbohr in ihrer Sprache verflucht. Anscheinend konnte Halbohr Dunkelelfisch nicht verstehen, dachte Neire, der jetzt seine Medition beendet hatte. Das hätte sich Halbohr nicht bieten lassen. Oder war sein Mitstreiter doch schwächer, als er allen anderen vorgaukelte? Neire sah, dass Rowa auf ihn zukam. Ihr Gesicht war für eine Dunkelelfin ungewöhnlich hässlich, gar plump. Sie nickte Neire zu, als sie über die Glut des jetzt ausgehenden Feuers hinwegschritt. „Neire, seid ihr auserwählt?“ Neire wunderte sich über die plötzliche Freundlichkeit, als sie ihm ihren Weinschlauch reichte. „Was meint ihr, auserwählt? Auserwählt von meiner Göttin?“ Er dachte wieder zurück an seine Aufgabe, daran, dass er seine wahren Ziele verbergen musste. „Ja, seid ihr auserwählt von eurer Göttin?“ Neire dachte an Jiarlirae, an die Flammen, an die Schatten. „Ich diene meiner Göttin Heria Maki. Sie ist das reinigende Feuer. Sie kennt kein Gesetz. Nur die zehrenden Flammen.“ Er ließ den Teil mit den Schatten absichtlich hinfort. Als er einen zweiten Schluck aus dem Weinschlauch nahm, lächelte Rowa ihn an. „Auch wenn unsere Göttinnen sich vielleicht nicht ganz verstehen und ich glaube, dass ihr nicht die ganze Wahrheit sprecht, so sollten wir uns dennoch verbünden.“

Sie waren wieder in den Regen aufgebrochen. Halbohr hatte den Höhlenkomplex abgesucht, doch die Tunnel mündeten alle in Sackgassen. Als Halbohr und Neire einen kurzen Moment alleine waren, hatte ihn Neire auf den Fluch der Dunkelelfin angesprochen. Halbohr hatte tatsächlich nicht die Sprache der Dunkelelfin verstanden und jetzt flammte sein Hass auf. Als sie wieder zusammentrafen, hatte Rasmus gesagt, dass sie weitersuchen mussten, dass hier irgendwas schlummern würde. Dass er eine dunkle, böse Präsenz spürte, die über diesem unseligen Orten lag. Als ob seine Worte ein Omen waren, für das, was ihnen widerfahren sollte. Der Regen prasselte ununterbrochen auf sie hinab, als sie weiter um den Felsen schlichen. Rasmus und Loec waren vorangegangen. Sie waren an einem weiteren Tunnel vorbeigekommen, der in den Stein führte. Doch keine Zeit hatten sie gehabt für weitere Untersuchungen. Rasmus war um eine Biegung in die Dunkelheit gestürmt. Als sie dem Paladin folgten sahen sie ein grausames Bild. Zwischen umgestürzten Bäumen, kleinen Felsen und Pfützen näherten sich ihnen dutzende von Skeletten. Behangen mit den Resten von bronzenen Rüstungsteilen sahen sie verschiedene Gruppen von Kreaturen durch die Dunkelheit auf sie zukommen. Eine Gruppe von etwa einem Dutzend Skeletten hatte Rasmus anvisiert, der seine silberne Hellebarde zum Kampf erhob. Doch Neire reagierte schneller. Mit Worten göttlicher Macht beschwor er eine Kugel aus Magma-artigem Feuer, die inmitten der Skelette explodierte. Knochen wurden zerfetzt und glühende Rüstungsteile flogen durch die Luft. Nur noch eines der Skelette kroch weiter auf Rasmus zu. Doch weitere eilten aus der Dunkelheit nach. Ein unerbittlicher Kampf entbrannte. Die Streiter wussten, dass die Kreaturen nicht aufgeben würden. Sie waren willenlos und geiferten nach dem Leben, vielleicht nach dem freien Willen selbst. Eines der Skelette hatte die Form eines Tieres und war zu Lebzeiten wohl eine große Raubkatze gewesen. Es stürmte auf Loec zu, der sich der Kreatur mutig stellte. Doch Hieb um Hieb wurde er von den Klauen verwundet, sein Bein wurde schließlich fast zerfetzt, so dass er sich nicht mehr fortbewegen konnte. Das Blatt schien sich gegen die lebenden Streiter zu wenden, bis Rasmus heilige Bannkräfte mit Hilfe seiner Hellebarde beschwor. Fast ein Dutzend weitere Kreaturen brachen plötzlich in Knochenhaufen zusammen. Aus den Händen von Rowa schossen Blitze hervor, die einige Kreaturen niedermachten. Gemeinsam eilten Halbohr und Rasmus Loec zu Hilfe und brachten die große Gestalt des tierischen Skelettes zu Fall. Überrascht von der Heftigkeit des Kampfes blickten sich die Helden im zwielichtigen Regen um. Für den Augenblick waren keine weiteren Gestalten zu sehen.

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Sitzung 07 - Das Grab
« Antwort #7 am: 11.04.2022 | 00:01 »
Unentwegt prasselte der Regen hinab. Das Tal war in Zwielicht gehüllt. Der Fels ragte dunkel und drohend in die Höhe. Nachdem das letzte der Skelette gefallen war, kehrte Ruhe ein. Nur das schmerzhafte Stöhnen von Loec war zu hören. Das Bein des Waldelfen blutete stark und war anscheinend gebrochen. Neire sah, wie Rasmus auf Loec zuging und sich um sein Bein kümmerte. Neire selbst ließ sich auf ein Knie herniedersinken, wobei er dieses auf einem knöchernen Schädel platzierte. Er keuchte noch immer von der Anstrengung des Kampfes und betrachtete jetzt seine Wunden. An zwei Stellen hatten ihm die bronzenen Speere der Skelette tiefe Schnitte zugefügt. Rotes Blut rann über seinen linken vernarbten Arm, mit dem er versucht hatte die Speere zur Seite zu stoßen. Er blickte sich um und sah unweit von ihm Halbohr. Der elfische Söldner hatte sich ebenfalls niedergekniet und wischte sich das regenasse Haar aus dem Gesicht. Halbohr war in diesem Kampf unverwundet geblieben, doch sein Filzmantel war verdreckt und zerrissen. Als Neire in das Wasser der Pfütze unter ihm griff, sah er für einen kurzen Moment in sein Spiegelbild. Er hatte durch die Strapazen der letzten Tage Gewicht verloren. Seine hohen Wangenknochen traten dadurch noch markanter hervor. Seine weiße Haut schimmerte matt. Ab und an löste sich ein Tropfen von seinen gold-blonden gelockten Haaren, die ihm nass bis auf die Schultern herabhingen. Einen kurzen Moment war er wie in eine Trance versunken, doch die donnernde Stimme des Ritters schallte nun durch den Regen. „Bewacht den Platz, es kommen vielleicht noch weitere dieser Kreaturen.“ Neire sah, wie Rasmus Loec stützend in Richtung des Felsen führte. Er richtete sich auf und bewegte sich langsam auf Halbohr zu, der noch immer im Morast niedergekniet war. „Halbohr, was sollen wir tun?“ Neire flüsterte die Worte in Richtung seines Mitstreiters. In diesem Moment hörten sie beide die Stimme von Rowa. „Folgt mir, beide! Wir werden den Rest des Felsen abgehen.“ Die Dunkelelfin war in dunkle, nasse Gewänder gekleidet und blickte sie jetzt grimmig an. „Wollt ihr euch von ihr herumkommandieren lassen?“ Flüsterte Neire in Richtung von Halbohr und tatsächlich nahm sich der elfische Söldner seiner Worte an. „Nein, wir werden die kleine Höhle absuchen, an der wir vorbeigekommen sind“, sagte Halbohr. Sie beide sahen wie Rowa nickte und in Richtung des Felsen verschwand.

Neire und Halbohr machten sich sogleich in Richtung der kleinen Öffnung auf, an der sie zuvor vorbeigekommen waren. Als sie um eine Ecke des Felsen kamen und die Sichtlinie zu ihren Mitstreitern verloren hatten, begann Neire Gebete zu murmeln. Er beschwor die Macht seiner Göttin und strich sich über die Wunden, die sich sogleich zu schließen begannen. Als er den zweiten Heilzauber wirkte, spürte er jedoch, wie die zweite Wunde anfing zu schmerzen. Schwarzer Teer quoll aus der Wunde hervor und tropfte in eine Pfütze, wo er zu brennen begann. Neire starrte gebannt in die Flammen und biss die Zähne zusammen als die Schmerzen durch seinen linken Arm schossen. Er bemerkte nicht, ob nur er oder auch Halbohr die Flammen sehen konnte. In den Flammen erschien plötzlich ein blaues und dann ein schwarzes Auge und betrachtete ihn. Er hielt den Atem an und starrte in das Feuer. In alten Schriften hatte Neire schon einmal von Dämonen mit verschiedenfarbigen Augen gehört. Schließlich brannten die Flammen hernieder und der Schmerz in seinem Arm ließ nach. Die Wunden hatten sich verschlossen. Neire blickte sich um und fragte sich ob nur er diese Dinge hatte sehen können. War es eine Illusion? Vielleicht eine Vision? Er bückte sich zu der kleinen Pfütze und tastete nach dem Wasser. Er spürte, dass das Wasser noch kochend heiß war.

Sie waren durch die Öffnung im Felsen gestiegen und einen kleinen Abhang in die Dunkelheit hinab gerutscht. Als ihre Augen die Dunkelheit durchdrangen, sahen Neire und Halbohr die Höhle kuppelartig über ihnen aufragen. Ihr Atem kondensierte und die Luft schien von tausenden kleiner Sporen erfüllt zu sein, die sich im Luftstrom wiegten. Die gesamten Wände der Höhle waren von einem nass schimmernden Schleimpilz bedeckt, der einen modrigen Geruch verbreitete. Nach kurzer Beratung entschied sich Halbohr die Höhle abzusuchen. Mit seinem Dolch fuhr er durch den Schleim. Er hörte das Kratzen von Metall auf Stein – hinter dem Schleimpilz befand sich Fels. So ging Halbohr die Höhle ab, bis sein Dolch plötzlich ins Leere stieß. „Neire kommt her, ich habe etwas gefunden.“ Die Stimme von Halbohr drang flüsternd durch die Höhle. Neire trat näher heran und sah, wie Halbohr den Schleimpilz wie lebendiges Gewebe zerteilte. Es war als würde der Pilz zucken, als würde er Schmerz empfinden. Durch das Loch sahen die beiden einen dunklen, dünnen Gang im schwarzen Stein aufragen. Er endete an einer Wand aus Ziegelsteinen. „Seht ihr das? Der Gang scheint zugemauert“, sagte Halbohr. Neire hatte seinen Degen gezogen, blickte sich hastig um und versuchte Gedanken zu fassen. War der Tunnel von innen zugemauert worden, um Eindringlinge abzuhalten oder war er gar von außen verschlossen worden? „Ich werde die anderen holen, Neire, ihr wartet hier bis ich zurückkehre.“ Neire, aus seinen Gedanken gerissen, schaute sich unsicher um, nickte allerdings, da er sah, dass der Pilz langsam wieder zuwuchs. Er glaubte nicht, dass von innen Gefahr drohte. Außerdem fühlte er sich in dieser Höhle sicherer. Er nickte Halbohr zu und antwortete: „Geht, aber lasst mich nicht zu lange hier warten.“

Halbohr war den Spuren im Morast gefolgt. In der Felsnische hatte er ihre ungleichen Mitstreiter nicht mehr gesehen. Dort hatte er nur noch die Spuren von Blut entdeckt. So war er weiter um den Felsen geschritten und hatte schließlich durch den Regen gedämpfte Stimmen gehört. Als er um eine Felsnadel gekommen war, hatte er sie gesehen. Gerade hatte Rasmus, gekleidet in einen Plattenpanzer aus silbern schimmerndem Metall, mit seiner Hellebarde auf den Felsen gezeigt. Loec hatte sich gestützt auf einen Ast, sein Bein war bereits bandagiert. Rowa hatte ihn unfreundlich gemustert. Sie hatten ihn begrüßt und so war es für ihn auch zu ersehen gewesen: Große doppelflügelige Türen aus Bronze, halb versunken in der morastigen Erde und durch ein großes Loch freigelegt. Eine Zeit lang hatten sie gemeinsam versucht die Schrift zu entschlüsseln, die auf die Türen eingelassen war. Doch schließlich hatten sie sich von Halbohr überreden lassen in der Höhle mit dem Schleimpilz zu rasten. Jetzt waren sie gerade zurückgekehrt, vollkommen durchnässt vom Regen. Neire sah das silbern-blaue Licht von Rasmus‘ Rüstung ausgehen, als der Paladin den Abhang hinabrutschte. Er hörte die Stimme des Ritters zu ihm sprechen: „Neire, könnt ihr alte Sprachen entziffern? Von meinen ach so gelehrten Mitstreitern ist leider keiner fähig, das zu tun.“ Neire, lächelte und verneinte. So begannen sie alle ihre Winterdecken auf dem unebenen Boden auszubreiten. Loec trank an diesem Abend aus seinem Weinschlauch, wahrscheinlich um den Schmerz des gebrochenen Beines zu vergessen. Auch Rasmus holte seinen Weinschlauch hervor, nahm einen großen Schluck und lud Neire ein. Neire verneinte auch diesmal nicht und nahm dankend ein paar Schlücke. Er sah, dass Rowa in einem Buch las und begann eine Geschichte zu erzählen, die er einst gelesen hatte. Sie handelte von fernen Reichen, die im Stein und in den hohen Wipfeln uralter Eschen errichtet wurden. Von Königen, Kriegern und Prinzessinnen. Vom Aufstieg und vom Fall der Sippen. Von Reichtum und von Verrat. Die Geschichten schienen Loec und Rasmus aufzuheitern. Rasmus lallte bereits stark, als Neire seine Erzählung beendete. Schließlich bot Rasmus an die erste Wache zu übernehmen, was niemand ablehnte. So begaben sie sich alle in ihre Winterdecken und lauschten dem Prasseln des Regens, dessen Geräusch in die Höhle drang. Neire und Halbohr sahen aus den Augenwinkeln wie Rowa instinktiv etwas an ihrem Gürtel prüfte. War es ein Säckchen? Es sah so aus, als wollte die Dunkelelfin die Anwesenheit des Gegenstandes bestätigen.

Nun schienen alle bis auf Rasmus zu schlafen. Neire hatte auf diesen Moment gewartet. Er sah das silbern-blaue Licht von Rasmus‘ Wacht in die Höhle dringen. Der Paladin hatte sich an den höher gelegenen Eingang der Höhle gesetzt, ohne vom Regen erfasst zu werden. Neire war in Gedanken bereits bei den immerbrennenden Fackeln. Er raffte sich auf und schwelgte in Gedanken. Auch wenn ich das Licht der Fackeln nicht in die Welt hinaustrage, so soll es einmal in jeder Nacht die Welt erhellen. Ja, ich werde für immer ein Kind der Flamme sein. Er nahm drei seiner Fackeln und bohrte sie in Anordnung eines Drecks um ihn herum in den Boden. Bevor er sie entzündete nahm er seine Maske und betrachtete sie eine Zeit lang. Sie stellte die Form einer Feuerschlange dar und war mit Gold und Juwelen verziert. Es überkam ihn eine tiefe Traurigkeit als er sich an sie zurückerinnerte. An seine Freunde, die oftmals auch seine Feinde gewesen waren. Wie sie gemeinsam ihre Masken hergestellt hatten. Ja, die Maske des großen Balles hatten sie in die ewige Glut hinabgeworfen, doch seine erste Maske besaß er immer noch. Er zog die Maske auf und entzündete die Fackeln. Seine Stimme zischelte die Runen in der alten Sprache von Nebelheim. Er streifte seinen karmesinroten Kapuzenmantel mit den goldenen Runen ab, entledigte sich seiner Lederkleidung und seines Kettenhemdes. Sein drahtiger Oberkörper kam zum Vorschein, seine Haut war milchig weiß und makellos. Sein linker Arm war jedoch bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und von dickem, dunklem Narbengewebe bedeckt. Im Licht der Fackeln schimmerten die drei Herzsteine, rote Rubine, die mit dem Fleisch seiner Schultern verwachsen waren. Er begann die alten Verse anzustimmen, die ihn die Platinernen Priester gelehrt hatten.

Sie hatten sich aufbruchbereit gemacht. Alle hatten getrunken und gespeist. In Loec war etwas Leben zurückgekehrt. Halbohr hatte Rasmus, Loec und Rowa die geheime Türe im Schleim gezeigt. Daraufhin hatten sie sich entschieden die Ziegelwand einzureißen oder vielmehr diese bis zu einem betretbaren Loch zu öffnen. Halbohr stand vorne und benutze seinen Dolch um einzelne Ziegel zu lösen. Es dauerte einige Zeit bis er eine Öffnung geschaffen hatte, die breit genug war um hindurch zu steigen. Aus dem Inneren drang vermoderte Luft heraus. Keine Geräusche waren zu hören. Als Rasmus das Licht löschte, stieg Halbohr durch den Eingang und erkundete den dort hinter liegenden Raum. Dieser Raum, der durch einen Vorhang verdeckt wurde, stellte sich als königlich eingerichtete Gruft heraus. Von Fresken verzierte Wände waren zu erkennen. Alte Relikte, wie kostbare bronzene Speere und Schilde ragten über den Fresken auf. In der Mitte der Gruft stand ein gewaltiger, golden-verzierter Streitwagen, der einen Sarkophag trug. Zwei steinerne Gänge führten aus dem Grab in die Dunkelheit. Nachdem Halbohr das Signal gegeben hatte, folgte einer nach dem anderen Halbohr in das Grabmal. Zuletzt waren Rowa und Neire übrig. Bevor Rowa durch die Öffnung stieg, fragte Neire: „Rowa, was erwartet uns? Werden wir überleben?“ „Wir werden überleben, doch einen Teil unserer Seele werden wir der Spinnengöttin opfern“, erwiderte Rowa lächelnd. So drangen sie alle in das Grab ein. Neire betrachtete die Schilde und es kam ihm eine alte Legende in den Sinn. Die Sage sprach von Krajan, einem Kriegsherrn und tyrannischem Herrscher, der einem Kult angehörte und ein Reich des Terrors schaffen wollte. Nachdem sie den Wagen geplündert hatten, offenbarte eine Suche eine anliegende Nebengruft. Wände und Decke waren von tiefroter Farbe; Muster von grünen Ranken waren an den Wänden angedeutet. Zwei verschlossene Sarkophage standen einer Grabnische gegenüber, in der eine mumifizierte, hübsche Frau zu sehen war. Halbohr begann die Särge zu untersuchen, konnte aber keine Falle feststellen. So öffneten sie die Särge und fanden in einem ein Skelett und im anderen einen Schädel. Nach einer weiteren Beratung beschlossen sie den Schädel an den Rumpf des Skelettes zu legen. In angespannter Erwartung betrachteten sie den Leichnam. Nichts passierte. Doch plötzlich begann sich die Gestalt zu bewegen. Leben war in sie zurückgekehrt. Ein Kampf entbrannte als die Gestalt sich erhob. Gemeinsam konnte die Gestalt niedergestreckt werden und verbrannte sogleich zu Asche. Neire begann die Überreste in eine Viole abzufüllen, als Halbohr sich der Mumie der Frau näherte und nach dem Dolch griff, den sie in ihrer Hand hielt. In diesem Moment explodierte die Gestalt zu Asche, die sich in Windeseile im ganzen Raum zu verbreiten begann. Die Helden hielten die Luft an und hasteten davon. Sie versuchten der Wolke von Asche zu entkommen.

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Sitzung 08 - Das Grab II.
« Antwort #8 am: 14.04.2022 | 22:28 »
Dunkelheit – weißer Staub – flackerndes silbernes Licht. Für einen kurzes Moment wurde die Grabkammer in einen Reigen von Chaos getaucht. Die in einer Grabnische sitzende Gestalt der mumifizierten schönen Frau war in einer Aschewolke explodiert, als Halbohr unvorsichtig und gierig nach dem Dolch gegriffen hatte. Jetzt rollte die Aschewolke über die Kammer hinweg. Die Gefährten hielten die Luft an und versuchten sich in Richtung des größeren Grabes mit dem Streitwagen zu retten, doch weiße Asche und Staub drang durch Nasen und Augen in ihre Körper ein. Für einen kurzen Moment stützte sich Neire auf dem Sarkophag ab, den sie kurz zuvor geöffnet hatten. Er röchelte und versuchte zu husten. Fast automatisch kamen ihm die alten Verse in den Sinn, die er mit den Platinernen Priestern gebetet hatte. Er begann so gut es ging zu murmeln. „…die schwarze Natter, … ihren unsterblichen Namen, trinkt euch in die schattige immerwährende Nacht, tanzt im Glanz der schwinden Feuer, tanzt, denn die Zeiten des Kampfes sind vorüber…“ Seine Stimme wurde immer wieder durch Hustenanfälle unterbrochen. Schemenhaft sah er, dass Loec und Rowa an ihm vorbeihumpelten und sich kaum auf den Füßen halten konnten. Instinktiv richtete er sich auf, blickte sich um und folgte ihnen. An der Grabnische, wo einst die mumifizierte Gestalt der Frau zu sehen gewesen war, sah Neire Halbohr. Der elfische Söldner hatte die Augen weit aufgerissen. Halbohrs Kopf, der auf einem muskulösen Nacken saß, bewegte sich unruhig. Sein fettiges, schulterlanges silbernes Haar wurde dabei wild hin und hergeworfen. Neire sah, wie Halbohr in Richtung des Königsgrabes stolperte. Sein Gesicht blickte grimmig drein und die Narbe, die bis zu seinem fehlenden Ohr reichte, war prominent zu erkennen. Halbohr und Neire bemerkten, dass auch Rasmus an ihnen vorbeigeeilt war. Das silberne Licht, das von seiner strahlenden Plattenrüstung ausging, brach sich im Nebel der Asche und erhellte den vor ihnen liegenden Raum. Als beide Streiter sich ihren drei neuen Gefährten anschlossen, erkannten sie, dass sich ihre Umgebung geändert hatte. Die Wände des Ganges zum Grab waren jetzt weißlich getüncht und auf ihnen Szenen einer Wandmalerei zu erkennen, die eine Schlacht darstellte. Auf dem Boden hatte sich weißlicher Nebel verteilt durch den sie jetzt wateten. Plötzlich hörten sie die Geräusche von Wind und von Schlachtenlärm. Eine warme Brise von rußigem Brandgeruch kam ihnen entgegen und unter das silberne Licht mischte sich das Flackern eines Feuers. Halbohr wandte sich zu Neire um, der etwas zurückfiel und weiter vor sich hinmurmelte. Er sah, dass sein junger Begleiter bleich geworden war. Die gold-blonden Locken Neires schulterlangen Haares waren getrocknet und umspielten sein Gesicht. Es lag irgendetwas verträumtes in Neires sternenblau schimmernden Augen. Dann sah Halbohr die langen Eckzähne, die sich in Neires Mund gebildet hatten. In diesem Moment lächelte Neire ihn an. Halbohr wollte gerade etwas sagen, da wurde er von einem Geräusch unterbrochen. Neire und Halbohr traten in das Königsgrab und starrten gebannt auf die sich ihnen öffnende Szenerie: Unter dem archaischen Streitwagen und den bronzenen Pferden brannte ein Feuer; Dampf stieg aus den Nüstern der Tiere und ihre Augen glühten in der Dunkelheit. Auf dem Streitwagen stand eine zwei Schritt große Gestalt, in eine schwarze prachtvolle Rüstung gekleidet, mit bernsteinfarbenen Augen und von weißlicher, fast blasser Haut. Vor dem Krieger kniete eine schöne Frau, mit wallendem Haar. Der Krieger starrte sie an und fing an in einer alten, fremden Sprache zu sprechen. Neire konnte keines der Worte verstehen und dachte nach. Er hatte in alten Geschichten von Krajan, dem Gnadenlosen, dem Schatten, dem Fürst des Blutes gehört. Eine legendäre Gestalt eines Kriegerherrschers, der die Lande mit blutigen Schlachten überzogen hatte. Er sollte eine schwarze, nass-rötlich schimmernde Rüstung getragen haben; an dieses Detail konnte sich Neire erinnern. Die alten Schriften hatten von einer großen Gefahr berichtet, die von ihm ausgegangen war. Vielleicht die größte Gefahr, die diesem Teil der Oberwelt widerfahren war. Schließlich waren die vereinigten Heere von Menschen und Elfen siegreich gewesen. Das heutige Fürstentum Leuvengard war 300 Jahre später auf dem Gebiet dieser historischen Ereignisse entstanden, die jetzt etwa 600 Jahre zurücklagen. Neire konnte seine Gedanken nicht fortführen, da die Stimme der alten Sprache, der Schlachtenlärm und die Hitze auf ihn eindrang. Vor Neire und Halbohr sprachen Loec und Rowa die Worte des Kriegers nach, als ob sie in seinen Bann verfallen wären. Der Krieger zögerte nicht lange und packte den Kopf der Frau, die ihm ihren nackten, schlanken Hals präsentierte. Als er sie biss, konnten sie seine langen Fangzähne sehen. Er trank ihr Blut, ließ sie leblos fallen und starrte die Helden mit rot-verschmiertem Gesicht an. In diesem Moment erinnerte sich Neire an den Namen Shangrila. Eine niedere Blutgottheit, der vor langer Zeit Kulte verschworen waren. Vom ärmeren Teil der Bevölkerung hatten die Anhänger sogar Rückhalt erhalten, da sie des Öfteren Speisungen für diese durchführten. Doch es war keine Zeit mehr für weitere Gedanken. Die Gestalt des Kriegers fing an zu schreien und sprang von dem Streitwagen hinab auf sie zu. Die Dinge überschlugen sich jetzt. Halbohr hatte seine Dolche in beiden Händen erhoben und wich ein paar Schritte zurück. Rasmus, Loec und Rowa machten sich kampfbereit. Neire reagierte am schnellsten und begann die Formeln von Feuer und Schatten zu rezitieren. Er beschwor eine Kugel aus glühendem Magma und wabernden Schatten, die er nach vorne warf. Das gleißende Licht einer gewaltigen Explosion erfüllte das Grab und blendete sie alle für einen kurzen Moment. Die Explosionswelle erfasste auch Rasmus, Loec und Rowa. Für einen Augenblick hörten die Helden ein helles Lachen und sahen im verglimmenden Feuer wie die Gestalt des fremden Kriegers sich in weißen Rauch auflöste. Er mischte sich in den weißen Nebel, der mittlerweile kniehoch das gesamte Grab bedeckte.

Neire bewegte sich wie in Trance auf den brennenden Vorhang zu. Er sah nicht, dass seine Welle des Feuers Rasmus stark verwundet hatte. Er bemerkte nicht, dass Rowa bewusstlos zu Boden sank, nahm keine Notiz davon, dass Loecs langes Haar bis auf ein paar Büschel zu Asche verbrannt war. Vor ihm war der dicke Stoff durch die Wucht der Explosion vollständig in Flammen geraten. Neire blickte in ein Meer von Feuer, das sich vor ihm auftat. Er trat so nah heran, dass die Flammen drohten seine Haut zu verzehren. Er zog seinen linken Arm unter seiner Robe hervor und tastete in das Feuer hin. Die Flammen brannten auf dem vernarbten Fleisch und er vernahm den Geruch von verbrannter Haut. Er blickte in die Glut, in die Muster der Flammen. Die Göttin musste ihm ein Zeichen geben, er musste die Runen erkennen. Doch er sah nichts. Bevor die Verzweiflung in ihm aufkam erinnerte er sich an die alten Bräuche. Er stimmte den priesterlichen Choral an, den er schon zuvor am Grab zitiert hatte. Jetzt sang er mit dem Flammen, mit seiner schönsten Stimme. „Und weinet nicht im Antlitz des Todes, weinet nicht im Grauen der Entropie, denn der Lebenszyklus ist das Chaos und alle Dinge sterben. Denn die Dinge sterben, um sich im Licht unserer Göttin aufs Neue zu entzünden.“ Als der Vorhang an einigen Stellen begann einzustürzen, ließ er seine Augen aus der Starre erwachen. Neire blickte auf seine linke Hand und sah zu seinem Grauen, dass diese zu bleichen Knochen verbrannt waren. Er sank auf die Knie, als ihn eine Woge von geistiger Pein heimsuchte. Hatte ihn seine Göttin verlassen?

Halbohr hatte immer wieder in Richtung von Neire geblickt, als sich die anderen um ihre Wunden gekümmert hatten. Wie als ob er Schlafwandeln würde, war der junge Priester, der sich ihm als Kind der Flamme vorgestellt hatte, willentlich in das Feuer des brennenden Umhangs eingetreten. Anscheinend konnten ihm die Flammen nichts anhaben. Halbohr hörte neben dem Knacken von Flammen immer noch das Stürmen von Wind und das Getöse ferner Schlachten. Auch an seinen anderen Mitstreitern sah er hier und dort seltsame Veränderungen, wie hervorgetretene spitze Eckzähne. War denn die Welt um ihn herum im Chaos versunken, konnte er nicht mehr seinen Sinnen trauen? Er betrachtete Neire, den brennenden Wagen und dann Rasmus, Loec und Rowa. Er konzentrierte sich und versuchte durch den Nebel zu schauen, der auf dem Boden lag. Kurz schloss er seine Augen, dachte zurück an jetzt ferne Zeiten und atmete lange und ruhig aus. Als er die Augen öffnete hatte sich nichts geändert. Leise hörte er flüsternde Stimmen in der Dunkelheit. Als er zu Neire blickte sah er, dass der Junge in den Flammen des Vorhangs auf die Knie gesunken war. Sein rot-goldener Mantel schimmerte übernatürlich im Licht der Flammen, seine Augen waren wie glühende Kohlen. Neire hatte seinen linken verbrannten Arm erhoben und betrachtete diesen mit den weit aufgerissenen Augen eines Verrückten.

Schließlich hatte sich Neire aufgerafft und war zu den anderen zurückgekehrt. Er konnte seltsamerweise seine skelettene Hand rühren, als wäre sie noch immer von Muskeln bewegt. Er hatte auch Halbohr verzweifelt gefragt, ob er sähe was mit seiner Hand passiert war. Doch der elfische Söldner hatte ihn nur verwundert angeschaut. Er war der Verzweiflung nahe. Auch die Moral ihrer neuen Begleiter schien gebrochen. Sie ächzten unter den Brandwunden und husteten den vergifteten Staub, der in ihren Lungen brannte. Zudem hatten sie bemerkt, dass der Eingang, durch den sie gekommen waren, wie auf wundersame Weise verschwunden war. Nur Halbohr schien einigermaßen besonnen, doch der elfische Söldner hielt sich zurück, lauschte und betrachtete die Bewegungen des Nebels in die Dunkelheit hinein. Als die Verzweiflung immer größer wurde hatte sich Neire an Rasmus gewandt. Er sprach jetzt mit stark akzentuierter Stimme einer fernen Sprache. Lispelnd fuhr seine gespaltene Zunge über seine Lippe, als er an die starke Führung der Platinernen Priester dachte: „Rasmus, ihr seid doch der Anführer dieser Gruppe. Also führt uns durch dieses Grab.“ Der Paladin blickte Neire für einen Moment unsicher an. Halbohr hielt sich zurück und beobachtete die Szene genau. Erst jetzt wurde ihm das junge Alter von Rasmus bewusst. Der Paladin hatte sich die meiste Zeit hinter einem Helm aus Stahl verborgen, hatte nach außen eine Fassade der Erfahrung und der kriegerischen Überlegenheit getragen. Rasmus richtete sich ächzend, doch überraschend schnell auf. Er nahm seinen Weinschlauch und trank ihn fast in einem Zug leer. Den Rest des Weins reichte er Neire, der ihn dankend annahm. Jetzt schwang seine sonore Stimme überheblich durch das Grab: „Folgt mir Kameraden, wir werden diesen Ort im Sturm erobern. Folgt mir und ich werde euch zum Sieg führen.“ Halbohr zog sich in diesem Moment ein Stück weiter in die Schatten zurück. Er hatte in seinem Leben einige dieser Führer gesehen. Er wusste, dass Rasmus brechen würde, und dann… dann würde seine Stunde kommen.

Tiefer und tiefer waren sie in das Grab eingedrungen. Schließlich waren sie an einer weiteren Gruft angelangt, in deren Mitte sich eine Stele befand. Auf der Stele war eine bronzene Urne platziert. Hier war schließlich die Stimmung gekippt. Rasmus war weiter vorgeeilt, ohne auf Halbohr und Neire zu achten. Neire plagten zudem weitere Zweifel. Er hatte neben dem Wein, den ihm Rasmus angeboten hatte, etwas von dem Grausud aus dem verborgenen Fach seines Degens genommen. Jetzt hörte er die fremden Stimmen umso mehr in der Dunkelheit zischeln. Zudem spürte er Hitzeströmungen, durch die Gänge ziehen. Hitze die an seinem Geist zehrte, die ihn irgendwo hinlocken wollte. So hatten Halbohr und Neire sich zurückfallen lassen und sich kurz beraten. Sie hatten die drei Gefährten in der Gruft gelassen um die Gänge zu erkunden, an denen sie vorbeigeeilt waren. Dabei hatten sie schließlich zwei weitere Kammern gefunden, von denen eine Kammer eine Türe besaß. Nachdem die beiden Rasmus, Loec und Rowa belauscht hatten und nach einem kurzen Streitgespräch mit Loec, hatten sie sich entschlossen in der kleinen Kammer zu rasten. Die große steinerne Türe war von innen verriegelbar und somit recht sicher. Schließlich hatte Neire sich niedergelassen um Kontakt zu seiner Göttin aufzunehmen.

„Ich kann nicht, sie… SIE antwortet nicht. Die Stimmen… sie sind überall.“ Halbohr betrachtete Neire, der sich hustend aus dem Nebel erhob. Die Augen von Neire glitzerten groß und bläulich in der Dunkelheit, als ob er im nächsten Moment zu weinen beginnen würde. Sie hatten die Kammer verschlossen und Neire hatte bereits das zweite Mal versucht zu meditieren. „Es ist als ob sich der Ort verändert hätte. Die Wandmalereien von Ranken und Knospen. Eben habe ich einen warmen Hauch in meinem Nacken gespürt. Als ob jemand dicht hinter mir stehen würde.“ Als Halbohr den Satz beendete drehte er sich tatsächlich um, doch hinter ihm sah er nur die von Spinnenweben bedeckte steinerne Wand. Neire war sich sicher, dass er während der Meditation kurz eingenickt war. Er konnte sich an ein Bild erinnern, dass er gesehen hatte. Eine von Nebel bedeckte Landschaft, aus der die Spitzen von Fichten aufragten. Dann hatte er sie gesehen. Bleich wie Schnee und mit toten Tieren behangen. Langsam hatte sie sich umgedreht. Ein Teil ihres Gesichtes war von einem Totenkopf bedeckt gewesen. War es eine Krone aus Ranken die sie trug? Er erinnerte sich an die blutroten Augen und den Mund – es musste die Blutgöttin gewesen sein. „Ich habe Lyriell gesehen, in meinem Traum.“ Neire entschloss sich Halbohr anzulügen. „Sie war oft in den Eishöhlen der ewigen Dunkelheit. Sie jagte dort die Chin’Shaar.“ Neires Stimme klang traurig als er sprach. „Doch sie hatte stets den Segen der Göttin.“ Halbohr schüttelte den Kopf. „Neire, wir können nicht weiter warten. Rasmus wird sie in die Dunkelheit führen. Was wenn sie dort etwas freilassen. Wir werden hier in der Falle sitzen.“ Neire nickte lächelnd. „Im Raum mit der Urne habe ich ein Banner gesehen. Rowa las die alten Runen vor, die dort zu sehen waren. Es war von einer Blutgöttin die Rede. Sie ist schwach, eine niedere Gottheit… Von Blinden angebetet, die zu den Sternen aufschauen und sie niemals sehen werden. Halbohr, ich muss es weiter versuchen, Jiarlirae wird mir antworten und wir werden nach der Weisheit in Feuer und Schatten greifen.“ Halbohr betrachtete misstrauisch Neire. Er wusste nicht was er von dem jugendlichen Priester des Feuers und der Schatten halten sollte.

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Sitzung 09 - Das Grab III.
« Antwort #9 am: 20.04.2022 | 13:41 »
Ein weißer kriechender Nebel lag kniehoch über dem steinernen Boden des Grabes. Das kleine runde Gewölbe, in dem Halbohr und Neire ruhten, war in vollkommene Dunkelheit gehüllt. Dennoch durchdrangen die Augen der beiden Streiter mit übernatürlicher Schärfe ihre Umgebung. Sie hatten die steinerne Türe, die den einzigen Eingang darstellte, von innen verschlossen. Um sie herum ragten dunkle, teils glattgeschliffene Wände auf, die Spuren von Bearbeitung im Felsgestein zeigten. Neire erhob sich ächzend aus seinem Kniesitz und dem Nebel. Er spürte seine Lunge brennen und ihm liefen wechselnd kalte und heiße Schauer über den Rücken. Aus der Leere der Gruft hörte er das Rauschen von Wind und von Wasser, das Keuchen von leidenden Gestalten und das Rasseln von Ketten. Noch immer dachte er an das Bild der fremden Frau, das er in seinem Traum gesehen hatte. Neire blickte in Richtung von Halbohr als er seine Stimme erhob. Seine Augen funkelten nachtblau in der Dunkelheit, als ob er den Tränen nahe wäre. „Oh Göttin von Feuer und Dunkelheit, Dame der Acht Schlüssel, Herrscherin über die niederen Reiche, oh Schwertherrscherin.“ Während er sprach, verfiel er immer wieder in einen merkwürdig zischelnden Singsang und sein Gesicht formte ein verrückt wirkendes Lächeln. Halbohr betrachtete Neire genau und stieß verächtlich die Luft aus. Der Söldner mit dem grobschlächtigen Gesicht wirkte jetzt auffallend nervös. Immer wieder drehte er hastig seinen Kopf und offenbarte so die grässliche Narbe des einstigen Schnittes, die sich bis zu seinem fehlenden Ohr zog. Er hatte kurz zuvor an der Türe gelauscht, doch nur Kettengerassel und ein fernes Stöhnen gehört. „Neire, wir können nicht weiter hierbleiben. Rafft euch auf und bewahrt Haltung.“ Halbohr bemerkte, dass seine Worte kaum zum jugendlichen Priester durchdrangen. Der Jüngling hatte gerade seinen von gold-blonden, schulterlangen Locken bedeckten Kopf gesenkt und betrachtete seine linke verbrannte Hand. Nur langsam sah Halbohr wie Neire seinen Kopf hob und lächelnd in seine Richtung blickte. Für einen kurzen Moment bemerkte Halbohr die spitzen Eckzähne, die sich Neires Gesicht geformt hatten, nachdem sie den Leichenstaub der mumifizierten Frau eingeatmet hatten.

„Beim reinigenden Feuer von Heria Maki haltet ein!“ Die Stimme von Neire drang in das Gewölbe vor ihnen, in dem Neire und Halbohr ihre ungleichen Mitstreiter gehört hatten. Sie waren aus ihrem sicheren Zufluchtsort aufgebrochen und hatten die steinerne Türe vorsichtig geöffnet. Zuerst hatten sie nochmals das Königsgrab aufgesucht und nach dem geheimen Eingang Ausschau gehalten, durch den sie den Komplex betreten hatten. Doch dort, wo sie noch vor kurzer Zeit die alten Ziegel aus der Wand gebrochen hatten, befand sich jetzt von Fresken bedeckter massiver Stein. Die Szenen von Schlachten und großen, Blut trinkenden Kreaturen waren zu sehen gewesen. Insbesondere eine Szene, in der ein Granitblock und eine Flamme zu sehen war, war ihnen als Abstiegsort in das Unterreich bekannt gewesen. Neire hatte lange seine knöcherne Hand betrachtet - die nur er sehen konnte - und versucht seinen Geist zu öffnen. Doch den alten Durchgang hatte er nicht erkannt. Ohne dass sie es bemerkten, schien dieser Ort ihnen eine verfluchte, vielleicht längst vergangene Version der Realität vorzugaukeln. So waren sie schließlich zurückgekehrt und standen jetzt vor der Gruft mit dem goldenen Banner und der Urne; wobei letztere auf einer brusthohen Stehle in der Mitte des Raumes aufgebracht war. Noch bevor die Worte von Neire verhallt waren, drehte sich der Ritter, dessen stählerne Rüstung schimmerte und den Raum in bläulich-silbernes Licht warf, um. Rasmus trug seine gewaltige Hellebarde, doch der Paladin schwankte, als er lallend zur Antwort einsetzte: „Ihr… ihr… ihr seid zurückgekehrt um uns beizustehen, um diesen Ort von allem Bösen zu befreien.“ Sein rötlich-verbranntes, aufgequollenes Gesicht begann einen freundlicheren Ausdruck anzunehmen, als er sprach. Neire nickte ihm zu und antwortete. „Wir sind zurückgekehrt um euch zu helfen. Mit dem reinigenden Feuer von Heria Maki. Doch haltet ein; dieser Ort ist verflucht.“ Neires Blick musterte Loec, der gerade im Begriff war den Deckel der Urne zu öffnen. Der Waldelf hatte seinen Speer geschultert und befand sich offensichtlich in einem mitgenommenen Zustand. Sein vorher schulterlanges braunes Haar war jetzt zu Stummeln verbrannt. Halbohr, der in diesem Moment aus den Schatten hervortrat sah, dass Rasmus kurz seine Miene verdunkelte. „Seht ihr nicht was sich in der Urne befindet? Es ist ein Überbleibsel einer bösen Kraft. Es muss vernichtet werden, bevor es sich wieder erheben kann, um weiteren Schaden anzurichten.“ Der Paladin drehte sich in diesem Moment um und gab Loec einen barschen Befehl. Neire versuchte noch zu intervenieren. Er begann eindringlich zu sprechen: „Wir sind gekommen um euch zu helfen, doch nicht…“ Seine Worte kamen zu spät. Halbohr und Neire sahen, wie Loec bereits den Deckel der Urne löste und ein zischendes Geräusch durch das Gewölbe ging. Es war eine Wolke von grünlichem Gas zu erkennen, die sich rasch im Raum verteilte. Die Ereignisse überschlugen sich nun. Sie sahen, dass Rowa und Leoc aus dem Raum torkelten. Beide rieben sich die Augen, aus denen Blut strömte. „Wir sind hier“, sprach Neire in die Dunkelheit, als er sah, dass Rowa und Loec erblindet schienen. Rasmus aber war zurückgeblieben, atmete heldenhaft das Gift und entleerte die Flüssigkeit aus einer Viole in die Urne. Dann kam auch der Ritter torkelnd aus dem Raum hervor. Für Neire und Halbohr sah es einen Moment so aus, als ob sich in einem seiner Augen ein kleiner schwarzer Tentakel gebildet hätte. Zudem wischte sich Rasmus die blutigen Tränen aus dem Gesicht und leckte das Blut von seinem gepanzerten Handschuh, als ob es Honignektar wäre. Auch seine spitzen Eckzähne waren jetzt wieder zu erkennen. Rasmus, Rowa und Loec ließen sich ächzend nieder oder begannen nach einer Wand zu tasten. So verblieb Neire und Halbohr etwas Zeit die Urne zu untersuchen, denn sie hatten bemerkt, dass das grünliche Gas sich schon bald aufgelöst hatte. In der Urne waren neben Asche und menschlichen Überresten, das Glitzern von rötlichen Edelsteinen zu erkennen. Doch Halbohr wollte diese nicht bergen. Zu groß war sein Respekt vor dem Fluch des alten Grabes. So überkam die Neire die Neugier, denn er vermutete Feuersteine in der Urne. Er hielt die Luft an, als er nach den Steinen tastete und brachte tatsächlich drei Walnuss-große, funkelnde Rubine zum Vorschein, die er sogleich in einer seiner Gürteltaschen verschwinden ließ.

Das Leben kam in den Körper des großen Mannes zurück. Es war wie ein elektrisierendes Prickeln, das durch seine Extremitäten ging. Als ob Arme und Beine eingeschlafen wären. Nur langsam begann er - konnte er - seine Muskeln bewegen. Um ihn herum vernahm er modrige Luft; Schimmelpilz und Erde, Grabesfäulnis. Käfer krochen über sein Gesicht. Noch immer hatte er das Bild des Traumes vor sich, das er fieberhaft in allen Facetten wiederholt hatte; das er für eine lange Zeit nicht hatte überwinden können. Wie lange? Wieso jetzt? Waren das Geräusche, vielleicht Stimmen? Er ließ das Bild der knorrigen, zerborstenen Eiche von sich gleiten, wie eine alte, morsche Rinde. Er dachte nicht mehr an das Wurzelportal, durch das er geschritten war. Die Enge raubte ihm die Gedanken; die Enge trieb ihn in Panik, wie ein tollwütiges Tier. Dann hörte er sie wieder: Stimmen. „Hier,… hierher,…, hört mich jemand?“ Sein Gaumen war trocken und er schmeckte Erde auf seiner Zunge. Er begann gegen den Stein zu treten. In die Richtung, wo die Geräusche herkamen. Schließlich gab es ein Knacken und der Stein brach. Er begann sich frei zu graben. Alles ging so beschwerlich, so langsam. Schließlich brachte er sich hervor in das seltsame Licht, das ihn blendete. Merkwürde Gedanken suchten ihn heim. Wiedergeboren aus der Dunkelheit, wiedergeboren aus der Erde, der Fäulnis. Zurückgebracht in das Leben aus dem Grab. Er tastete nach seinem Speer mit dem heiligen Runenband. Als er diesen hervorzog, spürte er das Gefühl von gewohnter Sicherheit, einer alten Vertrautheit. Noch immer blendete ihn das Licht. Dann hörte er die Stimme: „Er lebt. Kommt und schaut. Es ist ein Überlebender.“ Trotz einer sonoren Kraft, war die Trunkenheit in der Stimme nicht zu überhören. Doch der Akzent war merkwürdig. Er war ihm nicht bekannt. „Lasst mich euch vorstellten. Mein Name ist…“ In diesem Moment wurde die tiefe, trunkene Stimme unterbrochen. „Mein Name ist Neire von Nebelheim und das ist Rasmus, Paladin aus Fürstenbad. Mit uns ist Halbohr, der Söldner. Ja, er besitzt wirklich nur noch ein Ohr. Ihr müsst wissen, wir bringen das reinigende Feuer unserer Göttin Heria Maki an diesen Ort, um ihn von niederen Göttern zu befreien.“ Die zweite Stimme klang knabenhaft, mehr nach einem Singsang, fremd und doch wohlklingend-bezaubernd. Ein Zischen, vielmehr ein Lispeln, war nicht zu überhören. Auch hier erkannte er den seltsamen Akzent nicht, der jedoch ein anderer war, als der der trunkenen Stimme. „Göttin, ha. Sprecht, für euch selbst Priester. Ich diene niemand anderem als mir selbst und meinem eisernen Gesetz.“ Die letztere Stimme, war näher und hatte einen elfischen Akzent. Er holte tief Luft, hustete den Staub aus seiner Lunge und ließ das stumpfe Ende des Speeres auf den Boden pochen, als er sprach: „Mein Name ist Gundaruk.“

Sie waren weiter in den Kerker vorgedrungen und hatten hinter einer Türe einen großen Tempelbereich entdeckt, der von Statuen und Schlachtszenen bestimmt war. Zur rechten Seite hatte sich eine Öffnung befunden, die sie in eine Grabeskammer geführt hatte. In der Mitte ragte eine große Felssäule auf und an einer von Fresken verzierten Wand waren Grabesnischen zu sehen gewesen, die von Steinplatten bedeckt waren und Buchstaben einer alten Sprache trugen. Hier hatten sie die Geräusche gehört und gesehen, wie der Überlebende, so hatte Rasmus ihn bezeichnet, aus einer der Grabnischen hervorbrach. Der Fremde schien geblendet zu sein von dem silber-blauen Licht, das von der Rüstung Rasmus’ ausging. So konnten sie ihn ungestört in seiner vollen Größe betrachten. Er überragte mit seiner hünenhaften Gestalt sogar Rasmus um mehr als eine Kopflänge. Der Fremde trug den Fellmantel einer Wildkatze, mitsamt dem verbliebenen Kopf des Luchses, den er sich als Schmuck bis weit über das Gesicht gezogen hatte. Gundaruk, so hatte er sich ihnen vorgestellt, war in eine Kleidung aus abgewetztem, hartem Leder gehüllt, unter der hier und dort der Stahl eines Kettenhemdes hervorblitzte. Er war von Moos, Erde und von schleimigen Resten eines grünlichen Pilzes bedeckt. Als er langsam begann sich an das Licht zu gewöhnen, konnten Neire und Halbohr grünlich aufblitzende Augen sehen, die die Umgebung mit fortgeschrittener Erfahrung musterten. Gundaruk fuhr sich mit der Hand durch den langen Vollbart, entfernte Erde und Schmutz, als Halbohr mit seinen Ausführungen fortsetzte. „Ich, Halbohr, halte mich nämlich an das Gesetz. Verträge sind da, um sie zu schließen und zu erfüllen. So wie mein Vertrag mit Neire. Verträge sichern gemeinsame Kampagnen. Im Krieg, wie im Frieden. Auch wenn hier jeder seine Lebensgeschichte auszuplaudern scheint, sollten wir uns auf das Wesentliche beschränken; wir sollten uns absichern. Auch ihr, Gundaruk, werdet einen solchen Vertrag mit mir schließen müssen, falls ihr überleben wollt.“ Während er sprach hatte Gundaruk die Streiter betrachtet. Den Jüngling mit dem feinen Gesicht und den gold-blonden Locken schien die Rede sichtlich zu stören. Gundaruk sah, wie Neire seine Augen rollte und bei den letzten Worten von Halbohr begann abfällig zu grinsen. Auch die gekreuzten Finger von Neire waren nicht zu übersehen, die er allerdings so zeigte, so dass sie nur er, Gundaruk, sie sehen konnte. Gundaruk ergriff seinen Speer und drängte an Neire vorbei. Er sah, dass der junge Priester in der feinen schwarzen Lederkleidung und dem roten Umhang mit schwarz-goldenen Stickereien seinem massiven Körper auswich. In diesem Moment richtete er seine Stimme an Neire: „Das wird schon werden, Kleiner.“

Als sie das dumpfe Pochen von Gundaruks Speer gehört hatten, den der Fremde gegen eine der Grabesplatten schlug, war die Stimmung wieder gekippt. Was zuvor als ein latentes Grauen, ein Verdrängen der offensichtlichen Veränderungen ihrer Körper und Umgebungen beschrieben werden konnte, war jetzt fortschreitender Verrücktheit und Panik gewichen. Gundaruk hatte bereits eine weitere Grabplatte zerstört, wobei sie dort nur Überreste in Form eines Skelettes gefunden hatten. Neire hatte sich in dieser Zeit um Rasmus gekümmert, dessen Haut seltsam kalt geworden war. Zudem murmelte der Paladin wirre Gedanken und hatte, so schien es, längst seine Beherrschung, wie auch seine Vernunft verloren. Als Rasmus sich umgedreht hatte und fast ein wenig hilflos nach Loec und Rowa rief, war Panik losgebrochen. Die beiden wald- und dunkelelfischen Mitstreiter waren schon seit einiger Zeit verschwunden und es war keinem aufgefallen. Sie waren dann alle in Richtung der Türe aus schwarzem Marmor gestürmt, die sie noch nicht geöffnet hatten. Neire, Halbohr und Gundaruk waren Rasmus gefolgt und sahen gerade wie er das Portal vor ihnen aufstieß. Dahinter offenbarte sich ein Bild von Größe und von Grauen. Sie erblickten eine kuppelförmige Halle, die die majestätischen Ausmaße eines inneren Sanktums hatte. Die Decke des gewaltigen Gewölbes war von schimmernden Sternen bedeckt, die im silbern-blauen Licht Rasmus‘ Rüstung fluoreszierend schimmerten. In der Mitte war ein Altar aus weißem Marmor zu erkennen, der die Schnitzereien von Humanoiden mit Fratzen und Fanzähnen trug. Hier und dort waren auf dem Altar dunkle Spuren erkennen, die eine längst vergangene, unheilige Benutzung erahnen ließen. Von der gegenüberliegenden Seite, wo Rasmus sich jetzt hinbewegte, sahen sie zwei bronzene Türflügel eines gewaltigen Portals. Von diesem Portal hörten sie wimmernde Laute der Furcht und sahen, dass Loec und Rowa dort lagen. Beide hatten sich in eine embryonal-ähnliche Haltung zusammengerollt und hielten sich die Hände über die Ohren. Auch Gundaruk drängte jetzt an Neire vorbei und betrat den Tempel der niederen Blutgöttin. Seinen scharfen halb-elfischen Augen entging nicht ein Schatten einer verborgenen Türe, die auf der linken Seite des Raumes lag. Als er die Position dieser Türe Neire mitteilte, mahnte der Jüngling Verschwiegenheit. Neire gab Gundaruk zu erkennen, dass sie alle den verfluchten Staub eingeatmet hätten, der sie jetzt unberechenbar machte. Gundaruk vermutete, dass nur er und Neire von der Position der Türe wussten. Er schritt vorsichtig weiter in Richtung des Altares. Als er näherkam, wurde er von Visionen heimgesucht. Gundaruk erblickte den alten Wurzelwald, durch den er so oft geschritten war. Doch eine Welle von Blut strömte auf ihn zu und riss alles nieder, drohte ihn zu zermalmen. Es nahm ihm die Luft zum Atmen. So groß wurde die Furcht, dass er in Panik aus dem Tempel herausstürzte und sein Heil in der Flucht suchte. Halbohr und Neire versuchten zwar ihn aufzuhalten, doch der massive Körper Gundaruks drängte vorbei. Nach kurzer Absprache folgte Halbohr Gundaruk, während Neire weiter in der geöffneten Türe stand und Rasmus beobachtete. Der Ritter schien jetzt völlig den Verstand verloren zu haben. Torkelnd und schwankend schritt er um seine beiden Mitstreiter herum und schrie gellend Befehle, das Grab zu stürmen. Als Loec und Rowa keine Reaktion zeigten, begann Rasmus mit seinen Stiefeln nach ihnen zu treten. Diese Szenerie belustigte Neire. Er dachte an die seltsamen Konventionen des oberirdischen Umgangs, die er von Rasmus in den letzten Tagen gelernt hatte. Doch nun schien Rasmus sie alle abgelegt zu haben und gab seinen niederen Instinkten nach. Als der Paladin zuerst Rowa und Loec nach ihren Weinschläuchen durchsuchte, überkam Neire sogar ein Gefühl der Sehnsucht. Er wollte mitmachen, den Wein trinken, vergessen und sich gehenlassen. Er dachte zurück an seine Zeit in Nebelheim, an seine Zeit mit Lyriell. Als Rasmus beide Weinschläuche leergetrunken hatte, konnte sich der Ritter kaum noch auf den Beinen halten. Jetzt waren auch Halbohr und Gundaruk wiedergekommen. Sie sahen die Szenerie und Halbohr begann zuerst Rowa, dann Loec aus dem Raum zu bergen. Als er die beiden Mitstreiter in den Gang geschleift hatte, hörten sie alle einen gurgelnden Kampfschrei durch das Gewölbe hallen. Rasmus hatte sich in eine Angriffshaltung begeben und stürmte schwankend, sich kaum auf den Beinen haltend, in überwältigender Verrücktheit, auf den Altar zu. Er schwang die gewaltige Waffe mit dem stumpfen Ende voran. Als dieses Ende, welches eine silberne Kugel darstellte, auf den Altar prallte, hörten sie ein Krachen, ein Bersten von Stein und Stahl. Neire hatte den Angriff kommen gesehen und dem Wahnsinn in die Augen geblickt. Er duckte sich hinter der schwarzen Steintüre in die Schatten.

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Sitzung 10 - Das Grab IV. - Tod eines Helden
« Antwort #10 am: 25.04.2022 | 22:21 »
Sie starrten alle gebannt in Richtung des Altars. Für einen kurzen Moment schien alles still zu stehen. Der Ritter Rasmus war in überbordender Trunkenheit auf das Relikt einer alten, längst vergangenen Zeit zugestürmt. Doch es waren nicht die Altäre der Verrücktheit, die sie vor sich sahen. Die Verrücktheit war in ihnen; in jedem einzelnen. Veränderung der Wahrnehmung, Stimmen und Geräusche; kalte und warme Schauer, die ihnen über den Rücken liefen. Ihr Geist war zermartert, doch sie spürten eine innere Vertrautheit, eine Sehnsucht und ein Gefühl von Sicherheit, als sie den weißen Marmor mit den Fresken von Fratzen vor sich sahen. Das silberne Licht Rasmus‘ schimmernder Rüstung fiel in die Leere der großen Halle und wurde doch reflektiert von einem karmesinroten Himmel glitzernder Sterne. Aus der halb geöffneten Türe war die Silhouette der gepanzerten Gestalt zu sehen, die aus einem Meer von weißem Nebel aufragte. Rasmus schwang die gewaltige Waffe mit dem stumpfen Ende voran. Die silbern schimmerte Kugel krachte auf den weißen Marmor, der hier und dort von den Spuren längst vertrockneter Rinnsale dunkel befleckt war. Das Knirschen und Bersten von Metall und Stein war ohrenbetäubend. Neire, der sich bis jetzt hinter dem geöffneten Türflügel versteckt hielt, torkelte zurück und ließ die schwarze Türe los. Sie sahen, wie sich aus dem inneren Sanktum eine Woge von bräunlich-grünlicher Substanz in alle Richtung ausbreitete. Wie ein volatiles Gas strömte es auf sie zu, hatte Rasmus bereits voll erfasst. Die Woge drang in den steinernen Gang und fuhr über sie hinweg wie schäumende Brandung. Dann verlosch der letzte Strahl des silbernen Lichtes. Der schwarze Türflügel war zurückgefallen und Dunkelheit breitete sich aus.

Schreie und Stöhnen waren von Loec und Rowa zu hören. Beide lagen noch dort, wo der elfische Söldner Halbohr sie hin geschleift hatte. Beide hatten sich vor Furcht in eine embryonale Stellung zusammengerollt. Als sich die Augen von Gundaruk, Halbohr und Neire an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen sie, dass Rowa und Loec die Gesichter verzerrten. Sie begannen sich zudem an ihrer Haut zu kratzen, als wollten sie sich diese vom Schädel reißen. Und tatsächlich waren Bewegungen unter ihrer Gesichtshaut zu erkennen. Als ob eine zweite, fremde Mimik die Kontrolle übernommen hätte und scheinbar zufällige Stellen hier und dort wölbte. Loec hatte sich bereits zwei der Brandwunden aufgerissen. Frisches Blut lief zwischen seinem bis auf Stoppeln verbranntem Haar hinab. Gundaruk, Halbohr und Neire hatten die Woge der Substanz des Altares besser überstanden. Dennoch war eine Mischung aus Angst und Verrücktheit besonders bei Neire und Halbohr zu sehen. Der junge Priester der obskuren Feuergöttin starrte immer wieder auf seine linke Hand, murmelte kaum verständliche zischelnde Laute und deutete dann auf die schwarze doppelflügelige Türe. Derweil blickte sich Halbohr panisch um. Schweiß hatte sich auf Gesicht und Hals des elfischen Söldners gebildet. Nur Gundaruk bewahrte eine innere Ruhe, als er sich zu ihren beiden Mitstreitern hinabbeugte. Er zog sich die schwere Fellmütze des Luchskopfes aus dem Gesicht; seine grünlichen Augen funkelten in der Dunkelheit, als er Loec und Rowa begutachtete. Er tastete nach der steingrauen Haut von Rowas Gesicht, seine große Hand begann ihren Kopf vorsichtig zu drehen. Tatsächlich spürte Gundaruk Bewegungen, die nicht von Muskeln stammen konnten. Als ob etwas unter die Haut der Dunkelelfin gefahren war, etwas das jetzt hinaus wollte. „Neire haltet die Türe auf!“ Gundaruk wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen. Er hatte über die alten Legenden nachgedacht. Über die alten Runensteine, die ihre Geschichten trugen. Geschichten von den Geistern der Unterreiche, die im Venn hinaufstiegen und sich den Körpern der Lebenden bemächtigten. Er erinnerte sich an alte Weisheiten seines Volkes, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Und Gundaruk wusste um den Zustand der Besessenheit, der Besitzergreifung durch das Fremde, aus der großen Tiefe darunter. Er blickte sich um und sah, dass Halbohr bereits die Türe geöffnet hatte und einen seiner Dolche unter dem Flügel verkeilte. „Geht nicht… nicht dort hinein. Es ist das Heiligtum der niederen Blutgöttin, vielleicht seit Jahrhunderten verlassen. Doch von dem Altar droht Gefahr.“ Als Neire seine Worte beendet hatte, sah Gundaruk, dass der Jüngling am ganzen Körper zitterte. Mehrfach griff Neire zu seinem mit Schlangen verzierten Degen, blickte jetzt sogar in seine Richtung. Seine Augen funkelten dabei bläulich in dem silbernen Licht, das wieder durch den geöffneten Türflügel strömte. Als Gundaruk sich erneut Rowa zuwandte, sah er, dass Halbohr bereits begann sich auf den Altar zuzubewegen.

Der elfische Söldner trug zwei Dolche in den Händen, von denen einer aus purem Silber gearbeitet war. Er watete durch den Nebel und lauschte nach Geräuschen, die er in der Halle vernehmen konnte. Hier war wieder ein Schreien zu hören, dort ein Rasseln von Ketten; doch keine Spur von Rasmus. Der Altar, dem er jetzt näherkam, ragte noch immer unbeschädigt aus dem weißlichen Nebel. Halbohr hielt den Atem an und setzte Schritt für Schritt in Richtung des unheiligen Marmors. Plötzlich war es, als ob der Nebel nach ihm greifen wollte; Hände bildeten sich und verflossen wieder. Er hörte ein Strömen und Plätschern. Er bemerkte zu seinem Grauen, dass eine Fontäne aus Blut aus dem Altar hervorschoss. Halbohr begann zu zittern und wollte in den sicheren Tunnel laufen. Doch sah er einen gepanzerten Handschuh auftauchen, der sich auf dem Altar stütze. Rasmus hatte sich den Helm ausgezogen. Trotz der üblen Brandwunden, die ihn entstellten, blickte er Halbohr mit einer tiefen, trunkenen Zuversicht an. Als der Ritter sich langsam erhob, begann das Trugbild des Blutstroms für Halbohr zu schwinden. Doch nicht enden wollte die Tortur von Wahnvorstellungen. Jetzt hörte Halbohr ein Mahlen von Stein. Er dreht sich langsam in die Richtung und sah, dass sich zu seiner linken Seite ein Teil der Wand begann zu bewegen. Es eröffnete sich eine Türe. Dort, wo vorher keine gewesen war. Oder war es doch die Realität? Auch Rasmus schien die Änderung erkannt zu haben und begab sich mit seiner Hellebarde in eine Angriffshaltung. Das Grauen, das Halbohr verspürte nahm nochmals zu, denn er sah am Rande des silbernen Lichts schattenhafte Kreaturen aus der Öffnung strömen. Augenblicklich begann er sich in die Dunkelheit zu kauern. Er tauchte ein in den weißlichen Nebel und drückte sich an den Altar.

„Irgendetwas stimmt hier nicht… Gundaruk! Seid auf der Hut.“ Die Stimme von Neire war in eine Art zischelnden Singsang verfallen. Tief und fremd war sein Akzent, als er sprach. Neire hatte in Richtung von Halbohr geblickt und ihn aus dem Tunnel heraus beobachtet. Er hatte gesehen, dass der elfische Söldner zum Altar vorgedrungen war und sich plötzlich in den Nebel gekauert hatte. Auch hatte er die Angriffshaltung bemerkt, in die der Paladin sich jetzt begab. Dann waren die Schreie von Loec und Rowa angeschwollen zu einem Höhepunkt. Neire spürte, dass irgendetwas passierte; irgendetwas, dass Rasmus mit seinem Angriff auf den Altar ausgelöst hatte. Er musste jetzt bereit sein, musste die Kräfte von Feuer und Schatten beschwören. Er dachte an die Runen, die er im inneren Auge gesehen hatte, er dachte zurück an Nebelheim: Bei Nirgauz werde ich das lodernde Feuer reiten, bei Firhu gib mir die Gabe der Schatten, bei Zir’an’vaar, ich bin und werde es immer sein. Ein Kind der Flamme.

Gundaruk erhob sich und ließ von Rowa ab. Die Schreie der beiden waren ohrenbetäubend und klangen nach vollkommener Verrücktheit. Er hatte die Worte von Neire kaum gehört und spät reagiert. Als er den Speer erhob und sich schützend vor Neire postierte, merkte er, dass der Jüngling sich verändert hatte. Gundaruk spürte eine Aura, wie die brennende Düsternis. Das schöne, bleiche Gesicht von Neire war erstarrt, seine Augen fassten die Ferne. Neire hatte seine linke verbrannte Hand unter der Robe hervorgezogen und sie so vor sich gestreckt, als ob er etwas Unsichtbares halten würde. Jetzt sah Gundaruk das Glühen in dessen Augen. Als ob die dunkle schwarze Kruste eines glühenden Magmas begann zu reißen. Dann formten sich die Flammen. Die Haut begann zu brennen und es quoll Feuer aus Neires Hand. Der Gang wurde in ein rötliches Glühen versetzt. Feuer und Schatten, Schatten und Feuer. Die Flamme aus Lava begann zu tanzen, als Neire zischend murmelte. Der Jüngling griff mit seiner rechten Hand in die Flamme und zog einen Degen aus purem Feuer hervor. Aus dem rötlichen Licht, welches jetzt den Gang erhellte, blickte Gundaruk in die Dunkelheit. Er deckte mit seinem Speer den Bereich vor ihm. Plötzlich schossen drei Kreaturen vor ihm herab, die sich wie Spinnen an einer Wand fortbewegt hatten. Gundaruk sah bleiche Knochen, über die sich vertrocknete Haut zog. Staubiges zerzaustes Haar fiel von den Köpfen hinab. Die Gestalten gierten nach Blut. Gundaruk konnte ihre langen Eckzähne erkennen, als sie ihn anfielen. Doch vorher stieß er mit dem Speer zu und hörte das Knirschen von Knochen. Einen kurzen Moment später spürte er die Hitze näherkommen und hörte die Stimme von Neire von hinter ihm: „Aus dem Weg Gundaruk.“ Gundaruk machten einen Schritt zu Seite und wurde geblendet von der Feuerwelle, die aus Neires linker Flammenhand nach vorne strömte. Alle drei der Gestalten wurden in ein Meer von Feuer und Schatten gehüllt.

Die Kugel aus Magma explodierte und hüllte den gesamten Gang hinter ihnen in Flammen. Neire spürte, wie die Welle der Macht ihn verließ, als er das Feuer beschwor. Adrenalin schoss durch seinen Körper und verdrängte jedes Gefühl von Angst. Jetzt war er gefangen in der Welt von Feuer und Schatten; die Essenz seiner Göttin elektrisierte jede seiner Bewegungen. Er starrte in die Flamme seiner linken Hand und ließ sich von ihren chaotischen Bewegungen treiben. Sein scharfer Verstand war das Ventil eines elementaren Meeres aus Chaos, eines älteren, urtümlichen Bösen. Es war ein Urmeer, aus dem er schöpfte, ein unendlich dimensionales Gebilde, das nur durch den ewigen Kampf einer Dualität aufrechterhalten wurde – ein Gebilde, dem der Gleichgewichtszustand fremd war. Sie hatten verbissen gegen die drei Kreaturen gekämpft, die Neire und Halbohr als lebendige schöne Gestalten gesehen hatten. Die Kreaturen hatten vor seinen Augen unter den Speerstichen Gundaruks geblutet. Schließlich war Halbohr ihnen zur Hilfe geeilt und hatte ihre Widersacher von hinten angegriffen. Zu dritt hatten sie sie niedergerungen und als sich eine der Gestalten wie von Geisterhand wieder erhob, hatte Neire eine zweite Feuerwelle über sie ergehen lassen. Erst dann waren sie zu Asche verbrannt worden. Die Ereignisse hatten sich danach überschlagen. Sie hatten gesehen, dass Rasmus am Altar gegen vier weitere der Kreaturen kämpfte. Der Ritter war bereits übel mitgenommen und konnte sich aufgrund seiner Trunkenheit kaum auf den Beinen halten. Aus der Dunkelheit hinter Neire und Gundaruk, hatte eine weitere Kreatur angegriffen, die jetzt Loec niederrang und sein Blut trank. Zudem war hinter ihnen ein untoter Krieger aufgetaucht, der Langschwert und Panzer trug und ein knappes Dutzend an Skeletten anführte. Die von Rowa beschworenen Spinnennetze hatten ihn nicht aufhalten können und er drängte jetzt auf Gundaruk zu. Neire hatte in Richtung von Rasmus gerufen. Dass er ihnen helfen sollte; doch der Paladin hatte nicht reagiert. So hatte Neire die Macht von Jiarlirae entfesselt. Für einen Moment wurden alle Geräusche von der Explosion übertönt, alle Sicht von einem grellen Licht genommen. Dann hörten sie alle den Todesschrei von Loec, gefolgt von einem Röcheln. Der waldelfische Begleiter wurde von den Flammen Neires dahingerafft. Nachdem der Rauch sich verzogen hatte, sah Neire glühende Haufen von Knochen zusammenbrechen. Auch die Gestalt, die Loec angegriffen hatte, löste sich in glimmende Asche auf. Nur der berüstete Krieger schritt weiter auf sie zu. Neire und Rowa wichen aus dem Gang in das Sanktum zurück. Gundaruk stellte sich dem Krieger am Eingang zum Kampf. Sie sahen alle, dass Rasmus von den vier Kreaturen am Altar überwältigt wurde. Sie begannen ihre spitzen Hauer in sein Fleisch zu rammen und sein Blut zu trinken. Ein weiteres Mal beschwor Neire die alten Runen, lispelte schlangenhaft den düsteren Singsang. Doch diesmal wendete er sich in Richtung Altar. Die Explosion erschütterte die Halle. Der Altar, der Ritter Rasmus und seine Widersacher verschwanden in einem Reigen aus Feuer. Als die Flammen sich legten, lag der Ritter blutend und verbrannt auf dem Boden. Rasmus hatte sein Leben ausgehaucht. Doch Neire hatte sich bereits dem untoten Krieger zugewendet. Er schwang die Flamme seiner Göttin und den Degen aus Feuer. Erbarmungslos brannten seine glühenden Augen. Nicht hörte er Rowas warnende, fast wehleidige Stimme: „Der Altar! Zerstört den Altar. Nehmt die Viole aus Rasmus‘ Gürtel.“

Gundaruk zitterte und atmete schwer. Er konnte kaum klar denken und fasste sich immer wieder an seinen Hals. Die Klinge des untoten Kriegers war dort tief eingedrungen und warmes Blut rann in Strömen herab. Die Todesangst hatte ihn gepackt. Es schien, als ob er die Kreatur nicht hatte verletzen können. Mechanisch hatte der Untote das Schwert gegen ihn erhoben. Hieb für Hieb. Keinen Schmerz hatte sein Gegner empfunden. Und Gundaruk hatte ihm schwere, tiefe Wunden zugefügt; tödlich für jeden Sterblichen. Für einen Moment sah es aus, als ob der große Mann in sich zusammensinken würde. Der von Blut dunkel gefärbte Fellmantel bedeckte ihn gänzlich. Er dachte an den Duft des Waldes im Sommer, die alten Wurzeln, das Harz von Fichten und Tannen. Doch da war sie wieder, die Wut, die ihn heimsuchte, wie eine Woge innerer Dunkelheit. Schaum bildete sich vor seinem Mund. Er begann zu schreien als sein großer muskulöser Körper sich zu wandeln begann; Sehnen begannen zu springen, Knochen zu brechen. Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, wie geleimt sollen sie sein. Ein gewaltiges Brüllen durchfuhr die Halle, als die Kreatur, in die Gundaruk sich verwandelt hatte, sich erhob. Der Bär nahm Geschwindigkeit auf, als er in Richtung des untoten Kriegers stürmte. In seiner neuen Form sah Gundaruk wie durch einen Tunnel. Er stellte sich auf, blickte auf die berüstete Gestalt unter ihm und ließ sein gewaltiges Gebiss zuschnappen.

Als Rowa die Viole mit dem silbern schimmernden Wasser auf dem Altar zerbrach, war der Marmor in tausende Teile zerbrochen und explodiert. Ein Regen von Steinsplittern hatte sie zerschnitten. Nicht nur die Umgebung hatte sich danach geändert. Geisterhafte Silhouetten hatten sich aus den Körpern von Neire, Halbohr und Rowa gelöst. Geister lange verstorbener Kreaturen dieses Grabes, die in sie eingedrungen waren und die ihrem Verstand übel zugerichtet hatten. Der Nebel hatte sich dann für ihre Augen auflöst, so wie ihre körperlichen Veränderungen. Gemeinsam hatten Halbohr, Neire und Gundaruk – in Bärengestalt – gegen ihren letzten Widersacher gekämpft. Der Untote schien jetzt wie gelähmt und so konnten sie ihn zu Boden bringen. Danach war Ruhe eingekehrt. Halbohr war hinter der neu geöffneten Geheimtüre verschwunden, um die dahinter liegenden Gemächer nach Schätzen zu durchsuchen. Der Bär war in den Gang getrottet und schnüffelte am toten Körper Loecs. Neire hingegen blieb stehen und betrachtete die Halle. Der karmesinrote Himmel mit den silbernen Sternen war jetzt erloschen, der Altar zerbrochen. Mit einer inneren Zufriedenheit betrachtete er das Werk seiner Zerstörung; doch er wollte mehr. Er wusste, er hatte nur die Oberfläche berührt. Die Oberfläche der Geheimnisse, die in den Schatten liegen; das Chaos der Flammen. Er musste die alten Runen der Schwertherrscher entdecken, das Unbekannte verstehen, das Wissen jenseits der Sterne ergründen. Hätte er in dieser Situation einen Spiegel gehabt, so hätte er sich lange betrachtet und seine Fantasie in das Unbekannte entgleiten lassen. Doch er hatte keinen Spiegel. So fiel sein Blick auf Rowa, die sich bereits zu Rasmus hinabgebeugt hatte und ihn zu durchsuchen begann. Neire steuerte seine Schritte in Richtung des Haufens marmorner Scherben, hob arrogant sein Kinn und stellte siegessicher ein Bein auf die Reste des Altars: „Seht ihr nicht die Größe meiner Taten. Wir haben es vollbracht Rowa.“ Er sah, wie die Dunkelelfin mit dem grobschlächtigen Gesicht ihn kurz verächtlich anschaute, dann jedoch weitersuchte. „Es sind unsere Taten, die uns von den anderen unterscheiden. Es ist unser Geist, der uns nach dem Wissen greifen lässt… Doch ihr Rowa… ihr durchwühlt und plündert bereits die Leichen.“ Seine Stimme klang überheblich. Neire fühlte sich unbesiegbar in diesem Moment. Als Rowa ruckhaft aufstand und ein Amulett samt silberner Kette hervorzog, wich dieses Gefühlt jäh. „Ja, ihr habt es vollbracht. Tut doch was immer ihr wollt.“ Rowa stieß zudem einen Fluch auf dunkelelfisch aus, der in Richtung Rasmus ging. Doch Neire verstand die Worte. Auch sah er das Symbol, das sich auf dem Amulett befand. Es war das Hauswappen der Herrscherfamilie Duorg. In den Wirren der Kriege der vergangenen Jahrhunderte hatten sie stetig an Macht verloren. In traditioneller, dunkelelfischer Weise wurde das Haus Duorg von Frauen geführt, die von Ched Vurbal aus ihre niederträchtigen Machenschaften in die Unterreiche trugen. Neire war sich nicht sicher, ob es sich bei Ched Vurbal um eine Stadt oder einen Herrschaftssitz handelte, doch er wusste, dass das Haus vor langer Zeit einen Tempel zu Ehren der Spinnengöttin Lolth errichtet hatte. Den Namen des Tempels kannte er nicht, doch er sollte die Form einer Spinne gehabt haben und in Obsidian und Eisen errichtet worden sein. In den Wirren des Krieges war Ched Vurbal schließlich zerstört oder verschüttet worden. Vom Tempel hatte man seitdem nichts mehr gehört. Sogar an den Namen der Herrscherin konnte sich Neire erinnern: Raxira. Jetzt fiel ihm ein, dass Raxira zwei Geschwister gehabt haben sollte. Einen Bruder Raxor, der seit seiner Jugend als verschollen galt, und eine Schwester Rowa. Neire, sprach nun einfühlsam. Die Überheblichkeit in seiner Stimme war einem sanften Singsang gewichen. „Raxira, ist das eure Schwester, die ihr sucht?“ Er sah, dass Rowa vor Wut zu schäumen begann. Sie zitterte am ganzen Körper und antwortete zischelnd: „Wagt es nicht ihren Namen in euren Mund zu nehmen. Raxira, verflucht soll sie sein.“ Neire senkte unterwürfig seinen Kopf und machte ein paar Schritte zurück. „Ich…“ Er wollte gerade anfangen zu sprechen, als die Luft um Rowa begann zu flimmern. Er sah, wie sich geisterhafte Konturen bildeten. Spektrale Wesen formten sich aus dem Nichts. Es waren riesenhafte durchsichtige Spinnen.

Offline Jenseher

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Sitzung 11 - Das Grab V. - Wiedergeburt
« Antwort #11 am: 2.05.2022 | 22:36 »
Der große halbkuppelförmige Dom des Grabes war jetzt in Dunkelheit gehüllt. Der Geruch von Schwefel, von verbranntem Fleisch und verkohlten Haaren war allgegenwärtig. Neire ließ seinen Blick kurz über seine Umgebung gleiten und sah, dass marmorne Scherben den Boden bedeckten. Der gesamte Bereich hatte sich plötzlich für ihn verändert und strahlte jetzt einen morbiden Charakter des Verfalls lange verlassener Einsamkeit aus. Er hatte Rowa nie ganz aus seinem Blickfeld gelassen und sah, dass sie immer noch – wutentbrannt und vor Zorn zitternd - das schimmernde Amulett betrachtete, das sie kurz zuvor dem Leichnam des Ritters Rasmus abgenommen hatte. Der kniehohe weiße Nebel war nach der Zerstörung des marmornen Altars vollständig verschwunden und so konnte Neire sehen, wie sich das silbrige, spektrale Wesen lautlos hinter Rowa formte. Neire spürte wie das Adrenalin abermals durch ihn schoss, doch die Aufregung war nicht mehr so groß wie zuvor. Nach dem Kampf war sein zermarterter Geist in einen ruhigen, fast schläfrigen Zustand übergegangen, in dem er mehr Betrachtender als Handelnder war. Er hob seine linke Hand unter der Robe hervor, zeigte und wich zwei Schritte zurück, als er zischelnd die Worte formte: „Rowa, sie ist hinter euch. Eine Spinne!“ Rowa blickte zu ihm auf und er konnte sehen, dass ihr plumpes Gesicht ihn für einen Moment musterte. Dann fing sie in ihrem Zorn an zu lachen. Konnte sie nicht sehen, dass die durchsichtige Spinne hinter ihr begann sich zum Angriff aufzustellen? Neire sah, wie sich die langen Fangzähne des spektralen Wesens in den Rücken von Rowa gruben. Blut sprudelte auf und das Lachen erstickte zu einem Schmerzschrei. Die Dunkelelfin wurde durch die Wucht des Angriffes zu Boden geschleudert. Neire musste handeln. Die Spinne rückte unaufhaltsam auf ihn zu. Er konzentrierte sich und ließ die Kraft ein weiteres Mal die heilige Flamme hervorrufen. Klein und versunken wirkte das tanzende Magmafeuer in der Größe des inneren Sanktums. Neire erhob seine Stimme warnend: „Rowa, seht. Die Flamme meiner Göttin… Flieht!“ Die Dunkelelfin begann jetzt zu kriechen und blickte ihn verachtend an. Sie wollte etwas erwidern, doch hustete nur Blut hervor. Ihr Gesicht schien zudem plötzlich und wie durch übernatürliche Veränderung gealtert. Neire beendete den priesterlichen Singsang der Beschwörungsformeln und rief das Feuer, das Rowa und das durchsichtige Wesen umhüllten. Stichflammen aus Magma schossen aus dem Boden hervor. Ein tiefes malmendes Geräusch war zu hören, wie das dunkle Grollen eines weit entfernen Wasserfalles. Das spektrale Wesen begann sich in einem Glühen aufzulösen. Die Dunkelelfin jedoch schrie in einem hellen Ton, als sie starb. Eine tiefe innerliche Freude durchfuhr Neire, als sie ihr Leben den Flammen gab. Er erinnerte sich an ihre Worte am Eingang zum Grab. Wir werden überleben, doch einen Teil unserer Seele werden wir der Spinnengöttin opfern. Ja, Rowa, ihr habt den euch zustehenden Teil geopfert. Doch ihr gabt ihn nicht der Spinnengöttin. Ihr gabt ihn den Flammen, den Schatten…

Gundaruk und Halbohr waren mit gezogenen Waffen in den Raum gestürmt, als sie Neires Ausruf gehört hatten. Doch die Flammen waren bereits abgeklungen als sie den Kampfplatz erreicht hatten. Nur noch den verbrannten, halb verkohlten Leichnam Rowas hatten sie gesehen, der in einer kochenden Blutpfütze lag. Neire war bereits zu dem Leichnam geschritten und sie hatten gesehen, dass er Rowa die Kette mit dem Amulett abgerissen hatte. Dann waren mehrere Kreaturen aus den Wänden oberhalb und neben der bronzenen Türe erschienen. Zwei weitere der Geisterspinnen und eine Kreatur, die von grauenvoller Schönheit war. Sie war halb durchsichtig gewesen und hatte den Unterkörper einer Spinne sowie den Oberkörper einer Dunkelelfin. Sie hatten die Ähnlichkeit zu Rowas Gesicht bemerkt, doch es schien, als ob das Gesicht die vorteilhafteren Züge von Rowa gehabt hätte. Sie hatten ein schlankes, schmales Antlitz betrachtet, das eine schöne, fast übernatürliche Symmetrie innehatte. Weißliches, langes Haar war vom Kopf hinabgefallen und blaue Augen hatten in der Dunkelheit gefunkelt. Das Wesen hatte die Szenerie betrachtet und war dann beim Anblick von Rowas Leichnam in ein Lachen verfallen. Auf die Worte von Neire: „Raxira, eure Schwester ist tot.“ Hatte sie geantwortet: „Habt Dank, habt Dank.“ Sie war daraufhin mit ihren Spinnen in der Wand verschwunden, doch Gundaruk, Halbohr und Neire hatten ein weiteres Mal ihre Stimme im Nachhall gehört: „Ihr habt mir einen großen Gefallen getan, doch ihr habt etwas das mir gehört… und ich werde es mir holen.“

Halbohr starrte Neire für einen Moment an. Hatte er den jungen Priester falsch eingeschätzt? Er war sich seiner Menschenkenntnis sicher, hatte nie oder selten falsch gelegen. Am Ende hatte er doch immer überlebt… und die anderen? Zu ihren Göttern hatten sie gebetet, hatten sie gefleht. Doch ihr Blut hatte den Sand gerötet, ins Gras hatten sie gebissen. Er, Halbohr, hatte sie überlebt. Er hatte sich auf seine Fähigkeiten verlassen. Jetzt blickte ihn Neire an. Als ob er seine Gedanken erahnen könnte. Das Gesicht des Jungen war lieblich auf den ersten Eindruck, wirkte unschuldig. Doch wie in einem Rausch hatte Neire bereits drei ihrer Mitstreiter ermordet. Und die rötlich glühenden Augen betrachteten ihn jetzt. Die Flamme aus Magma und Schatten in der linken Hand Neires erhellte und verzerrte sein Antlitz. Hatte er, hatte sich Halbohr vertan? Hatte er die Macht der Götter, die Macht von Jiarlirae unterschätzt? Einen kurzen Moment verspürte er den puren Hass und das Chaos, das in den Augen von Neire zu sehen war. Doch Halbohr verdrängte die aufkommende Furcht. Er ist doch nur ein Junge, noch ein halbes Kind. Halbohr erhob beschwichtigend die Hände und sprach ruhig: „Neire, werft das Amulett weg und folgt mir den Tunnel. Sie wird es sich holen. Es ist es nicht wert.“ Für einen kurzen Moment sah Halbohr den Hass in Neires Augen brodeln. Als ob man einem Kind etwas wegnehmen wollte. Doch dann beruhigte er sich. Die Flamme in seiner Hand wurde kleiner und erlosch. Er warf das Amulett in Richtung der bronzenen Türe, nickte ihm zu und folgte ihm. Auch Gundaruk kam ihnen in den Tunnel nach und deckte ihren Rücken. Halbohr kniete sich nieder, lauschte und betrachtete mit seinen grünlichen, fast katzenhaft schimmernden Augen fortwährend den dunklen Dom. Tatsächlich hörte er ein leises Rascheln in der Dunkelheit und sah wie sich erneut zwei geisterhafte Körper begannen aus dem Boden zu schälen. Die durchsichtigen Kreaturen richteten sich über dem Leichnam Rowas auf. Sie trugen ein dunkelelfisches Wappen auf ihren Hinterleibern. Jetzt stürzten sie sich auf den leblosen Körper hinab und begannen ihn mit ihren Hauern zu zerfetzen. Das Knacken von Knochen, das Flatschen von Gedärmen und das Schmatzen von Fleisch war zu hören. Die Zerteilung des Körpers in der Mitte war grausam anzusehen - es war die Zerstückelung von Rowa - unanständig und obszön.

Als der große Mann die geheime Türe zur Gruft zudrückte, hatten sich Neire und Halbohr bereits zur Rast niedergelassen. Gundaruk blickte ein letztes Mal in den stillen Dom des Sanktums, doch er sah keine Bewegung. Der Stein schloss sich nun mit einem Knirschen. Gundaruk drehte sich um und näherte sich dem Raum durch den kleinen Gang. Die Gruft hatte eine ovale Form. Hier und dort ragten Grabesnischen auf. Staubige Knochen von Skeletten bedeckten den Boden. Obwohl Gundaruk so lange geschlafen hatte, fühlte er sich müde. Er dachte zurück an die jüngsten Ereignisse. Sie hatten gesehen wie die Spinnen verschwanden, wie sie gekommen waren. Das Amulett hatten sie noch mitgenommen, doch den zerfetzen Körper Rowas zurückgelassen. Halbohr, Neire und er selbst hatten sich dann in der Gruft niedergelassen und auf Bitten von Neire den schweren Leichnam des Ritters mit sich geschleift. Gundaruk hatte ihnen gesagt, dass er einen Schutzzauber wirken würde. Er erinnerte sich zurück an seine Zeit in Mark und Tal, seine Streifzüge durch Wald und Venn. Er würde die Kreatur aus den Schatten ein weiteres Mal beschwören. Sie hatte ihm schon oft gute Dienste erwiesen. Immer wenn er allein unterwegs gewesen war. Er kniete sich nieder und sog die Luft ein; er hörte und roch den Wald, als wäre dieser noch immer um ihn herum. Er ließ die goldenen Runen des heiligen Bandes an seinem Speer durch seine Hand gleiten und murmelte die Verse in der alten Sprache. Und der Greif antwortete ihm. Gundaruk wusste, dass er ihn nicht sehen konnte, doch in den Schatten spürte er seine Anwesenheit. Der Greif würde über sie wachen, wie er es immer für ihn getan hatte. Dann hatte auch Gundaruk sich niedergelegt und war sofort eingeschlafen. Träume quälten ihn. Immer wieder wachte er schweißgebadet auf. Einmal erinnerte er sich an das Licht von Fackeln. Einmal an Neire, wie er betete. Ein rotes Funkeln ging von Neires entblößter Schulter aus. War es wirklich ein Traum?

Neire hatte lange geschlafen. Auch ihn hatten Träume gequält. Er erinnerte sich an die verschwommene Silhouette einer Frau. Eine Frau mit einem blauen und einem schwarzen Auge. Nach dem Schlaf hatte er die Fackeln entzündet und an das ewige Nebelheim gedacht. Er hatte gebetet und meditiert. Und sie hatte ihn erhört, sie hatte ihn wahrlich erhört. Er spürte es, als er über den alten Formeln brütete. Er wusste, dass ihm jetzt eine große Aufgabe bevorstand. Mit mutigem und geöffnetem Geist musste er voranschreiten. Er dachte über das Grenzreich nach, in das er eindringen würde. Die Seelen der Toten wanderten dort, sie suchten ihren Weg ins Jenseits. In den alten Schriften der Yeer’Yuen’Ti hatte er darüber gelesen. Oftmals wussten die Toten nicht, dass sie tot sind. In diesem Grenzreich, der Schattenmark, verfügten die Seelen doch über normale Leiber. Er fasste sich und ihm kam der rettende Gedanke. Er musste seine Erfahrungen niederschreiben in einem Buch, er musste die Erinnerungen bewahren. Er beugte sich über den großen Leib von Rasmus und legte sorgsam seine Hände um den verbrannten Kopf. Er begann zischelnd den Singsang des Totenliedes zu rezitieren. Halbohr und Gundaruk starrten gebannt auf ihn. Sie sahen, dass Neire sich in einen Kniesitz begeben hatte. Er hatte seinen Oberkörper entblößt und offenbarte den grauenvoll verbrannten linken Arm, an dem die drei mit der Haut verwachsenen Rubine zu leuchten begannen.

Es war das erste Jahr nach meiner Flucht aus Nebelheim als ich in die Schattenmark eindrang. Die Seele des Sünders zu finden war meine Aufgabe, die Seele der schwachen Kreatur zu finden war mein Ziel; die Seele, die nicht finden sollte, was sie suchte. So stieg ich hinab ins Nichts, das mir gepriesen zu sein als dasselbe wie die Fülle. Einen Ort an dem Anfang und Ende vereint ist und SIE so viel größer als Ursache und Wirkung. Der Ort meiner Bestimmung war Nebelheim, in dem das größte Heiligtum dieser Erde liegt: Das innere Auge. Es ist doch hier wo das Gegensatzpaar IHRER Heiligkeit sich zeigt. Feuer und Schatten, Schatten und Feuer. Und doch ist SIE mehr als die Summe aller Teile, SIE war schon immer mehr und SIE wird immer mehr sein.

Ich selbst war es, den ich im inneren Auge sah. Ein kleiner Junge an einem heiligen Ort. Ihm - mir, lief der Schweiß in Strömen vom Gesicht. Ich säuberte den obsidianernen Boden, der glänzte wie ein dunkler Spiegel. Die Luft um mich herum war voll von Wasserdampf. Es war die Hitze des inneren Auges, die hervorquoll und das Schmelzwasser des ewigen Gletschers noch in der Luft verdunsten ließ, bevor es den Boden erreichen konnte. So sah ich in mein Antlitz im schwarzen Obsidian und sah mich selbst, mein jüngeres Ich. Ein Junge mit nacktem Oberkörper und blasser milchig-weiß schimmernder Haut. Erhellt vom dunklen Glanz der immerbrennenden Fackeln. Der Körper noch unversehrt, bis auf die rötlich wulstige Narbe an der linken Seite meines Bauches. Ich war schlank, anmutig und drahtig; für mein kindliches Alter bereits groß gewachsen. Langes, jetzt nasses, gelb-goldenes Haar fiel in Locken von meinem Kopf und umrahmte meine gerade Stirn. Meine Augen schimmerten in tiefstem Nachtblau. Doch ich war nicht hier, um mich selbst zu betrachten. Ich war hier um ihn zu finden, die schwache Seele, ein Nichts und doch eine menschliche Seele. Ich spürte seine Präsenz; ich spürte wie er litt; ich spürte seine Suche, sein Unwissen. Ich rief ihn hervor, bei seinem Namen, bei seinem menschlichen Namen. Dem Namen, der vergessen sein soll, weil dieser, wie seine Seele, Nichts lautete. Ich sah ihn, wie ich ihn sah, als er sein Leben aushauchte. Ich nahm ihn an der Hand und sang ihm ein Lied, ein Lied in der alten Sprache der Yeer’Yuen’Ti. Ein Lied voll von brennender Düsternis und aus dem Licht der schwarzen Sonne:

Kommet und seht, oh lauschet meiner Stimme, gefunden habt ihr mich
Irrt ihr doch durch die ew‘ge Nacht, nicht lebend nicht lebendig, und wisset nicht davon
Noch könnt ihr euch erinnern, an eure Taten, was einst war, so grauenvoll und abartig
Der Weg führt euch nur weiter, die sieben Tore warten, das große Untere
Verdammt, verloren, nie neu geboren, verlassen, vermissend, nie wieder wissend

Er fing an bitterlich zu weinen und ich nahm ihn bei der Hand. Wir näherten uns gemeinsam dem inneren Auge. Die Luft wurde zunehmend wärmer und begann zu strömen. So heiß war es am Rand, dass alles um uns herum zu flimmern begann. Wir knieten uns nieder und blickten in die Tiefe. Es war, als ob keine Wände zu sehen waren. Das große Ungewisse des Gegensatzpaares. Der Geruch von Schwefel und brennendem Stein; brodelnde Magma, chaotisch und sich ständig wandelnd. Hier und dort zogen sich dunkle Krusten zwischen den helleren Stellen entlang. Orangene bis gelbe Farbtöne verliehen dem Unteren einen furchteinflößenden Charakter. Ich sagte ihm, er solle sich nicht fürchten. Ich erzählte ihm von der Herrlichkeit der wahren Göttin und er lauschte meiner Stimme. Dann war da die Stimme einer Frau. Lieblich und furchteinflößend zugleich, flüsterte sie mir zu, was zu tun sei. Und ich sah ein A und ein F in den Rissen des Magmas. Ich blickte ihn an und sagte: „Horcht, ihr seid alleine gestorben und werdet für ewig alleine wandeln. Doch die Flamme und der Schatten waren nie allein. Wendet euch IHR zu und ihr werdet neu geboren werden. Ihr werdet nie wieder alleine sein. Gebt offen und frohmütig eure Seele, versprecht sie IHR und es wird geschehen.“ Erneut fing er an zu schluchzen, blickte hinab in die Tiefe. Ich las die Runen für ihn, wie ich es in Nebelheim schon einmal getan hatte. „Dunkle Schatten sind das Licht unserer Göttin, wer ihr Feuer atmet, der strebet nach den Schlüsseln des Jenseits… Die Rune Nirgauz verheißt loderndes Feuer und gleichwohl eine gute Zukunft. Die Rune Firhu ist die Gabe, die Gabe des Feuers und der Schatten. Die Rune Zir’an’vaar spricht von Hingabe und von Opferung.“ Er lauschte meiner Prophezeiung. „Ihr müsst mir nur nachsprechen. Dreimal,“ sagte ich. Und er nickte. So blickten wir hinab und ich sprach die Worte, die Beschwörungen, die nie ein Ungläubiger erfahren darf:

„Ich rufe Euch Danuar'Agoth, ich rufe euch. Ich rufe Euch, Danuar'Agoth, die weiß-rot-schwarze Flamme.

Ich rufe Euch Hemia'Galdur, ich rufe euch. Ich rufe Euch, Hemia'Galdur, die Hüterin des grün-rot-goldenen Magmas.

Ich rufe Euch Vocorax'ut'Lavia, ich rufe euch. Ich rufe Euch, Vocorax'ut'Lavia, den Henker der letzten Einöde.

Ich rufe Euch Asmar‘fana, ich rufe euch. Ich rufe Euch, Asmar‘fana, die noch ruhende Heldin, Schlächterin von Ur’tor‘braahr.

Jiarlirae, älteste und höchste Göttin, Schwertherrscherin, Königin von Feuer und Dunkelheit, Dame des abyssalen Chaos, Herrin der Acht Schlüssel der brennenden Düsternis.

Damit er losgebunden, frei, befreit von Pein,
erfahre er was Wiedergeburt und nie wieder allein sein sei."


Mit diesem Beschwörungspakt wurde er wiedergeboren als neue Seele, als Seele Jiarliraes. Er war kein Nichts mehr. Sein Name war Bargh, ein Diener Jiarliraes. Glorreich soll seine Zukunft sein, groß seine Taten. Er wird nie wieder alleine sein. Flamme und Schatten werden ihn begleiten.

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Sitzung 12 - Aufbruch nach Grimmertal
« Antwort #12 am: 7.05.2022 | 21:50 »
Sie alle blickten gespannt auf den von Brandwunden gezeichneten Körper des Ritters. Gundaruk, der seine Fellkapuze tief in sein Gesicht gezogen hatte und sich kniend auf seinen Speer stütze, schaute auf. Halbohrs kantiges Gesicht kam zum Vorschein, als er seinen breiten Nacken drehte und den jungen Priester beobachtete, der sich nun vom Leichnam erhob. Neire sang weiter den fremden Choral und seine Augen funkelten rötlich. Als er sah, dass der gewaltige Oberkörper des Ritters zuckend nach Luft schnappte, verstummte er. Die Extremitäten des Paladins begannen jetzt zu zittern, seine Muskeln zu verkrampfen. Neire warf seine gold-blonden Locken zurück und drehte seinen Kopf zu seinen Kameraden. Ein höhnisches Grinsen verzerrte das schlanke, wohlgeformte Gesicht des jungen Priesters, als er sprach: „Heißt ihn willkommen, er ist wiederauferstanden von den Toten. Ein Wunder Jiarliraes, deren treuer Anhänger er jetzt ist. Sein Name lautet Bargh. Flamme und Schatten werden ihn begleiten.“ Tatsächlich kam langsam Leben in den Körper des Ritters. Er hustete und röchelte schwer, als er sich aufrichtete. Die Haut seines Kopfes war rötlich verbrannt; hier und dort waren noch Reste des einst vollen schwarzen Haares zu erkennen. Neire beugte sich jetzt behutsam hinab, legte Bargh eine Hand auf die Schulter und half ihm auf. Sie konnten sehen, dass ein rötlich-glühender Edelstein sein rechtes Auge ersetzte. Der kostbare Rubin verlieh dem Antlitz des Ritters eine furchteinflößende Aura. „Bargh, steht auf. Wartet, ich helfe euch.“ Die Worte von Neire hatten einen wohlklingenden Singsang inne; fremd und zischelnd, aber emphatisch und melodisch zugleich. Als Bargh sich erhob, hörte ihn Neire sprechen; anteilslos blickte sein verbliebenes blaues Auge in die Ferne. „Mein Kopf, ahh… es ist so schwer…“ Neire nickte ihm zu und dachte an den kleinen Bargh aus Nebelheim zurück; wie sein schmächtiger Körper zu Asche verbrannt war. Trauer erfüllte ihn wie ein nostalgisches Gefühl. Ein Gefühl, das er hegen und pflegen musste; doch da war auch etwas anderes, das in ihm loderte, etwas, das den Selbstzweifel verschwinden ließ: Wir waren dort, als es brannte, als es schmerzte, als das Licht an unserem Fleisch leckte. Gen Himmel, Rauch, eine Wolke unserer Form.

Bargh war von Gundaruk geheilt worden. Einen mächtigen Spruch hatte der kürzlich in einem Grab Erwachte gewirkt; einen Spruch, der die kalte, modrige Gruft für einen kurzen Moment mit dem Geruch von Sommer, Wald und Tannennadeln überzogen hatte. Bargh hatte zuvor röchelnd gehustet. Neben seinem Gesicht und seinen Händen hatten die Flammen anscheinend auch seine Lunge verletzt. Er holte tief Luft und blickte hinauf in das Gesicht der hünenhaften Gestalt, die selbst ihn noch um zwei Kopflängen überragte. Er dachte zurück an den schönen, warmen Ort, das dunkle Obsidian, die nebelhafte Luft und die rötlichen Flammen. Der Name und das Gebet an die Göttin hatten sich in seinen Geist gebrannt, wie ein schattenhafter Traum, der ihn auch jetzt im Wachzustand verfolgte. Bargh lehnte seine Hellebarde zur Seite. Ein kaltes lähmendes Gefühl ging nun von der Waffe aus. Seine einst so vertraute Hellebarde, die ihm plötzlich fremd geworden war. Als ob seine Muskeln sich gegen den heiligen Stahl wehren würden, fingen sie an zu zucken. Er schaute Gundaruk an und sah das goldene Runenband, das um seinen Speer gewickelt war. Irgendetwas war falsch an diesen Runen, irgendetwas störte ihn an dem Geruch des Waldes. „Seid ihr auch ein Anhänger Jiarliraes?“ fragte er mit zunehmend misstrauischer Miene. „Nein, ich …“ antwortete Gundaruk, bevor er von den Worten Neires unterbrochen wurde. „Das ist alles, was von Rowa übriggeblieben ist. Sie hat euch hintergangen Bargh und sie hat dafür gezahlt. Sie diente der schwachen Spinnengöttin. Jeder der nicht Jiarlirae dient, wird unwissend bleiben und einst den Preis dafür zahlen.“ Bargh sah, dass Neire Gundaruk mit arroganter, herausfordernder Miene betrach¬tete. Neire hatte den zerteilten Oberkörper von Rowa an den verbrannten Haaren gepackt und warf ihn ihm zu. Bargh hörte wie Neire fortfuhr. „Ihr seid jetzt frei und ihr könnt tun, was immer ihr wollt.“ Bargh sah den Oberkörper seiner ehemaligen Begleiterin und ein lange unterdrückter Hass begann wie eine lodernde Flamme in ihm zu brennen. Er trat mit seinen gepanzerten Stiefeln auf den Kopf von Rowa. Immer und immer wieder. Schließlich begann der Schädel zu knacken und das Gesicht von Rowa verschwand unter einem Schwall von Blut. Er keuchte und seine Bewegungen wurden langsamer. Für einen Moment verschwand der Schmerz aus seinem Kopf, das Zittern seiner Muskeln legte sich. Für einen Moment fühlte sich frei, befreit von Pein. Er fühlte sich gut… er fühlte sich sehr gut… er fühlte sich wie wiedergeboren.

Sie hatten eine Zeit lang über das weitere Vorgehen beraten und sich entschlossen eine Ortschaft aufzusuchen. Es gab die Wahl zwischen Grimmertal, Klingenheim und Fürstenbad. Sie hatten sich schließlich für Grimmertal entschieden, da es dem Grab wohl am nächsten lag. Sie waren dann aufgebrochen. Auf dem Weg nach draußen hatte Halbohr noch eine weitere Geheimtüre und eine verborgene Kammer, gefüllt mit Skeletten, entdeckt. Sie hatten diese Kammer nur kurz abgesucht und waren durch den noch immer anhaltenden Regen aufgebrochen. Bevor sie das Tal um den glattgespülten, gewaltigen Felsen verlassen hatten, hatten sie noch einmal die Höhle mit den getöteten Wölfen aufgesucht. In den unterirdischen Kammern hatten sie weitere essbare Pilze von Wänden und Boden geschnitten und so ihre Vorräte aufgefüllt. Hier hatten sich Neire und Bargh leise unterhalten und Bargh hatte Neire gefragt, ob sie ihre beiden Mitstreiter im Schlaf töten sollten. Doch Neire hatte ablehnt; er glaubte, dass Halbohr einem größeren Schicksal diente. Es musste so sein, denn er wurde ja von der geheimnisvollen Dunkelelfin als sein Weggefährte auserwählt. Sie waren dann in Regen und Dunkelheit aufgebrochen und hatten das Tal verlassen. Jetzt stapften sie durch den nassen Wald und den aufgeweichten Laubboden. Es musste wohl Nacht sein, denn nur durch ihre an die Dunkelheit angepassten Augen konnten sie das Dickicht um sie herum durchdringen. Es waren keine Geräusche von Tieren zu hören. Nur das Prasseln des Regens. Plötzlich durchdrang die Stimme von Neire den schweigsamen Marsch der Gruppe. „Ach, wie sehr täte mir ein Mahl von Schnecken, Schlangen, Moosen und Farnen jetzt gefallen. In Nebelheim durften die Kinder der Flamme an den Festen teilnehmen. Ihr müsst wissen Bargh, ich war und werde es immer sein: Ein Kind der Flamme.“ Der Regen lief Bargh in Strömen über das verbrannte Gesicht und der gefallene Paladin nickte andächtig. „Manchmal gab es sogar das Fleisch eines Chin’Shaar. Eine Köstlichkeit, die ihr bestimmt einmal essen werdet, sollten wir nach Nebelheim zurückkehren. Und das werden wir. Bestimmt.“ Obwohl Neire leise sprach, sah er, dass auch Halbohr und Gundaruk versuchten seinen Worten zu lauschen. So fuhr er weiter fort mit seinen Geschichten von exotischen Zutaten und rauschenden Festen, tief unter der Erde, tief unter dem Gletscher von Nebelheim. Er sah, dass Bargh an seinen Ausführungen Gefallen fand.

Unter der Wurzel eines umgestürzten Riesen hatten sie schließlich eine trockene Stelle gefunden. Ein kleines Erdloch, das ihnen durch den mächtigen Stamm des Baumes ein wenig Schutz bot. Zuvor waren sie Stunde um Stunde weitermarschiert, bis sie müde und bis auf die Knochen durchnässt waren. Jetzt hatten sie ihre Winterdecken über das feuchte Erdreich ausgebreitet und sich zum Ruhen niedergelegt. Halbohr übernahm die erste Wache. Das Schimmern seiner grünlichen, katzenhaften elfischen Augen war der letzte was sie sahen, bevor sie einschliefen. Halbohr starrte unentwegt in den prasselnden Regen und durch das Gewirr der Wurzel, die über ihm aufragte. Die Zeit verging langsam. Doch er verharrte regungslos. Er hatte dies schon so oft getan. Er betrachtete die Schlieren, die der Regen durch die Nacht zog. Fast war es windstill, doch immer wieder zog eine kleine Böe kalten Windes an seinen Kleidern. Dann sah er sie. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. Die Umrisse einer Gestalt zwischen den Bäumen; schemenhaft, menschengroß und am Rande seines Blickfeldes. Für einen Moment bewegte Halbohr sich nicht und hielt die Luft an. Es sah so aus als würde die Gestalt verharren. Dann sah er erneut Bewegung. Langsam verschmolz die Silhouette mit den Bäumen und entfernte sich tiefer in den Wald. Halbohr dachte hastig nach: Ich muss ihr folgen. Doch was ist mit den anderen? Ich muss einen von ihnen wecken. Ich muss Neire schützen… muss mich an den Vertrag halten. Halbohr begann Neire leicht zu schütteln. Es dauerte eine Weile, bis der Junge wach wurde. Seine blauen Augen funkelten ihn in der Dunkelheit an. „Neire, wir wurden beobachtet. Eine Gestalt, nicht erkennbar. Jetzt ist sie hinfort.“ Neire schaute ihn verschlafen und fragend an. Dann sah Halbohr, dass der junge Priester plötzlich wach wurde. „Bleibt ihr hier Neire. Ich werde versuchen der Gestalt lautlos zu folgen.“ Halbohr sah, das Neire nickte und seinen Oberkörper aufrichtete. Er raffte leise seine Decke zusammen, verstaute sie im Rucksack und glitt in den Regen hinaus. Die Tropfen prasselten auf seine Kapuze hinab, als er sich aus dem Wurzelloch zog. Er bewegte sich vorsichtig und spähend zu der Stelle, an der er die Umrisse zuletzt gesehen hatte. Er beugte sich hinab um das Laub zu untersuchen. Tatsächlich konnte er Spuren entdecken; menschengroß, doch Konturen wie von ungleich langen Zehen und einer spitzen Ferse. Die Kreatur musste wohl barfuß gehen, anders konnte er sich die Abdrücke nicht erklären. Als er das Geräusch hinter ihm hörte, blieb sein Körper für einen Moment völlig reglos. Der schwere Filzmantel bedeckte ihn wie einen grauen Felsblock in der Dunkelheit. Nur sein Kopf zuckte herum und offenbarte sein fehlendes, vernarbtes Ohr. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, dass das Geräusch von Neire kam. Der Junge war ihm offensichtlich gefolgt. Für einen kurzen Moment spürte Halbohr die Wut auf Neire. Konnte der junge Priester nicht zuverlässig seinen Befehlen folgen? Doch vielleicht war es besser so; vielleicht konnte er Neire so besser schützen. Vielleicht war es auch die Macht des Feuers, die er gerne auf seiner Seite wägte. Er nickte Neire zu und flüsterte: „Kommt, ich habe Spuren gefunden.“ Gemeinsam und wortlos folgten die beiden den Spuren durch die Dunkelheit. Irgendwann glaubten sie ein Geräusch gehört zu haben. Wie ein Rascheln, gefolgt von einem Schmatzen von Schlick. Halbohr und Neire wurden jetzt noch vorsichtiger. Die Spuren führten in ein Dickicht von immergrünem Unterwuchs. Hier und dort ragten alte, von Efeu bewachsene Eichen heraus, die ihre blattlosen Kronen wie nasse, vielgliedrige Finger dem dunklen Himmel entgegenstreckten. Plötzlich endeten die Spuren. Halbohr hob seine Hand in alter militärischer Manier und betrachtete seine Umgebung. Er suche nach Augenpaaren, die sie beobachteten. Doch ihm fiel sofort die Abdeckung aus Dornen und Ranken auf, die einen Teil des Bodens bedeckte. Teils waren die Ranken verwelkt und zusammengesteckt. Nur das Auge eines geübten Betrachters konnte das Geflecht als natürliche Tarnung ausmachen. Halbohr war sich sicher, dass darunter etwas verborgen lag. Er deutete Neire an sich zurückzuziehen. Sie mussten die anderen wecken. Sie mussten hierher zurückkehren und die Initiative ergreifen, bevor sie etwas überraschen konnte.

Halbohr schaute sich um und blickte in durchnässte, erschöpfte, aber angespannten Gesichter. Dann griff er vorsichtig in das Geflecht von Dornen und Ranken und begann es hochzuheben. Er konnte nur hoffen alle der Dornen entdeckt zu haben, die mit dem schwarzen todbringenden Gift bestrichen waren. Zuvor waren Neire und er zu ihren immer noch schlafenden Mitstreitern zurückgekehrt. Sie hatten sie schnell und unsanft geweckt. Nur kurz hatten sie beraten. Dann hatten sie rasch ihre Winterdecken eingepackt und waren aufgebrochen, um dem nachzugehen, was sie beobachtet hatten. Alle waren einstimmig gewesen in der Entscheidung. Das Adrenalin hatte sie wachgehalten und sie hatten kurz die Kälte und den Regen vergessen. Halbohr war den Spuren erneut gefolgt und hatte sie an die Stelle geführt, wo er die Abdeckung aus Dornen und Ranken gefunden hatte. Glücklicherweise hatte er das Geflecht nach verborgenen Mechanismen abgetastet und tatsächlich sorgsam präparierte einzelne Dornen gefunden, die mit einer schwarzen Substanz bestrichen waren. Mit diesen Substanzen kannte er sich aus. Eine kurze Probe hatte ergeben, dass es sich um todbringendes Gift handelte, sollte der Dorn in das Fleisch eindringen. Er war sich sicher. Jetzt raschelte das nasse Geflecht, als er es anhob. Er fühlte keinen Schmerz und atmete erleichtert auf. Unter ihm offenbarte sich ein Erdloch, das fast senkrecht in die Tiefe hinab führte. Im oberen Bereich waren noch Wurzeln zu sehen, die im Regen nass schimmerten. Er konnte nicht sagen wie tief es hinab ging, da er kein Ende erkennen konnte. Er drehte sich um und sprach leise: „Die Kreatur muss hier hinabgestiegen sein. Hier enden die Spuren. Wir müssen ihr folgen. Wir müssen zuerst zuschlagen, bevor sie Hilfe holt und uns überrascht.“ Halbohr blickte in grimmige und entschlossene Gesichter. Nur Neire schien etwas ängstlich und runzelte die Stirn, als ob er eine Frage stellen wollte. Doch es herrschte Schweigen. Einzig der prasselnde Regen war zu hören. „Folgt mir hinab in die Tiefe“, flüsterte Halbohr und begann sich hinabzulassen. Schon nach wenigen Griffen an Wurzeln verlor er den Halt und begann hinab zu rutschen. Das Erdreich war weich und glitschig, doch seine Geschwindigkeit begann sich zu verlangsamen. Der Tunnel änderte seinen Neigungswinkel und wurde waagerechter. So kam er schließlich zu einem Halt, stand auf und blickte sich um. Er schaute hinein in eine natürliche Höhle. Hier und dort sah er andere Tunnel hinfort führen. Kleine Erdlöcher wie dieses, durch das er gekommen war. Die große Höhle führte weiter hinab in die Tiefe und er bemerkte in der Ferne des Ganges das fluoreszierende Licht einzelner Flechten dort aufschimmern. Die Luft war kalt und roch nach Erdreich und Moder. Hinter ihm hörte er schließlich Geräusche und sah seine Kameraden auftauchen, die ihm in die Tiefe gefolgt waren. Wortlos schauten sie sich um, tauschten dann Blicke aus. Ein jeder hatte seine Waffe gezogen und sie sahen das Schimmern von Stahl in der Dunkelheit. Sie drangen durch den Haupttunnel hinab in die Tiefe. Der Schacht eröffnete sich schon bald in ein Gewölbe, aus dem sie vielfarbiges mattes Licht dringen sahen. Der Geruch von Moder und Fäulnis nahm zu und vor ihnen öffnete sich eine von einem Pilzwald bewachsene Höhle. Teils hüfthoch waren die Pilze, von denen ein farblich unterschiedliches Glühen ausging. Dieses Schimmern machte die Betrachtung von Einzelheiten schwer; Licht, Schatten und Dunkelheit gingen wie ein Flickenteppich ineinander über. Doch sie sahen drei Ausgänge in die Dunkelheit hinfort führen. Als Gundaruk sich zu einem Pilz hinabbeugte hörten sie das Surren, dass die Höhle erfüllte. Sie waren in einen Hinterhalt geraten.

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Sitzung 13 - Nächtliche Begegnungen
« Antwort #13 am: 13.05.2022 | 22:49 »
Bargh, Halbohr und Neire hatten ihre Waffen gezogen und blickten sich hastig um. Sie waren der Höhle gefolgt, die tiefer unter die Erde führte. Immer höher ragten die Pilze vom moosigen Grund der Grotte auf und das fluoreszierende Glühen einzelner Flechten und Farne behinderte die Sicht der Gruppe. Sie sahen in diesem diffusen Licht, dass mehrere Kreaturen auf Pilze vor ihnen gesprungen waren und Speere schleuderten. Sie hörten zudem ein hochfrequentes Kreischen von den Gestalten ausgehen, die wie aufrechtgehende Pflanzen aussahen. In den menschenähnlich geformten Schädeln gähnten, anstelle von Augen, zwei schwarze Löcher. Neire, der sich unter der Erde wohler fühlte als im Regen der Oberwelt, reagierte als erster und duckte sich hinter Bargh. Er hörte dumpfe metallene Geräusche, als einige der Speere von den schweren Metallplatten der Rüstung seines Begleiters abprallen. Doch Neire bemerkte ein Aufächzen und sah, dass einer der Speere Bargh am Hals gestreift hatte. Auch Halbohr hatte sich rechtzeitig hinter einen Pilz geduckt und bereits einige seiner Dolche auf die Kreaturen geworfen. Aus den Augenwinkeln sah der elfische Söldner, dass Neire die linke verbrannte Hand unter seiner Robe hervorzog und begann zu murmeln. Die Augen des jungen Jiarlirae Priesters begannen zu glühen und in seiner linken Hand entzündete sich eine dunkle Magmaflamme. Halbohr roch den Geruch von Schwefel und er sah, dass eine grünlich-gelbliche Substanz in der Magmaflamme knisternd verbrannte. Nur einen kurzen Moment dauerte die Beschwörung, dann warf Neire die Kugel aus purem Magma. Die Zeit schien still zu stehen, dann erfüllte eine ohrenbetäubende Explosion die Höhle vor ihnen. Pilze und Pflanzenwesen wurden eingehüllt in des Feuers Brunst und zerfetzt; doch die glühenden Reste der Wesen fielen zu Boden und begannen zu wachsen. Gelb-bräunlich, flechtenähnlich war die Substanz die in den Flammen und im Rauch wuchs. Überall dort wo die Flechte mit dem Flammen in Kontakt kam, erloschen diese sofort. Schließlich kam das Wachstum zwei Schritte vor ihnen zum Erliegen. Die Flechte hatte jetzt einen großen Bereich vor ihnen überwuchert; von den Pflanzenkreaturen fehlte jede Spur.

Sie hatten sich zurückgezogen und am Rand der Höhle Schutz gesucht. Ein Riesenpilz ragte über ihnen auf. Je tiefer sie in die Höhle vorgedrungen waren, desto höher wuchsen die Pilze. Einige Exemplare hatten hier eine Höhe von über zwei Schritt. Halbohr war nach dem kurzen Kampf zum Rand des Bereiches geschritten, der mit der gelb-bräunlichen Flechte bewachsen war. Doch augenblicklich hatte sich eine Kältewelle über ihn aufgebreitet. Blutgefäße waren in seinem kantigen Gesicht geplatzt und er fröstelte. Die Kälte schien von dem, unter Feuereinfluss gewachsenen, Geflecht ausgegangen zu sein. Er war zurückgetorkelt und hatte Neire und Bargh berichtet. Neire hatte nachgedacht: Ihm war tatsächlich etwas zur braunen Flechte eingefallen. Er hatte von diesem Lebewesen gehört, dass es Teile des Unterreichs bevölkerte und empfindlich gegenüber Sonnenlicht war. Die braune Flechte ernährte sich von der Körperwärme warmblütiger Lebensformen. Er wusste allerdings nicht, was gegen diese Kreatur half; nur dass sie resistent gegenüber allerlei Energieformen war. So hatten sie sich niedergelegt und Bargh hatte die erste Wache übernommen. Doch schon nach kurzer Zeit hatte der Krieger Jiarliraes sie sanft geweckt. Barghs verbrannter Kopf musterte einen Bereich, in dem sich die Höhle in mehrere Tunnel eröffnete. Der rote Rubin, der mit dem Fleisch seines rechten Augensockels verwachsen war, glühte, als er auf einen Bereich grünlich fluoreszierender Moose deutete. „Dort, schaut. Schatten die sich bewegen.“ Halbohr und Neire betrachteten die Höhle, doch sie sahen nichts. Nach wenigen weiteren Augenblicken des Starrens in das diffuse Licht, erklang die flüsternde Stimme Barghs ein zweites Mal. „Sie bewegt sich. Jetzt ist sie dort!“ Neire und Halbohr blickten in die Richtung, in die der gepanzerte Handschuh Barghs deutete und jetzt sahen auch sie die schattenhafte Gestalt, mit der Form eines Pflanzenwesen. Neire überwand seine Furcht und erhob zischelnd seine Stimme. „Ihr dort, wir sehen euch. Kommt hervor oder Bargh wird euch töten.“ Er sprach in der allgemeinen Zunge des Unterreichs und zeigte mit seiner verbrannten Hand auf die Gestalt. Abermals hörten sie ein leises, hochfrequentes Fiepen. Sie sahen, dass sich die Kreatur in Richtung eines Tunnels zu bewegen begann. Als Halbohrs scharfes elfisches Ohr Geräusche aus dem Tunnel hörte erhob er seine Stimme. „Ich höre Schritte, ein Surren und ein Klacken, wie von vielen. Sie kommen! Wir müssen angreifen.“ Bargh und Neire nickten wortlos und zogen ihre Waffen. Gemeinsam folgten sie rasch, aber vorsichtig dem Wesen, doch schon kurz vor dem Höhlentunnel sahen sie die Kreaturen, die aus der Dunkelheit auf sie zukamen. Weitere aufrecht schreitende, lebende Pflanzen, von denen einige mit der braunen Flechte überwachsen waren. Andere waren größer und hatten grünlich glühende Augen. Ein weiterer Kampf entbrannte und sie warfen sich gegen die ihnen entgegenkommenden Horden. Bargh ließ sein Schwert mit steigender Präzision mehrere Gegner fällen und Halbohr griff aus dem Hinterhalt an. Neire beschwor Blitze aus purer Schwärze und grausamer Magie; dann stimmte er einen gebetsartigen Gesang an Jiarlirae an, der fortan durch den Tunnel hallte. Weitere Ströme von Gegnern kamen jetzt auch aus den Seitengängen. Darunter waren schwarze, hässliche Riesenspinnen, die die Größe von ausgewachsenen Wildschweinen hatten. Neben der Vielzahl von Gegnern bereitete den Streitern vor allem die Kälte der braunen Flechte Probleme, die um sie herum war und ihre Bewegungen verlangsamte. Doch mit vereinter Kampfkraft und nach dem weiteren Aufschimmern einer Magmaexplosion konnten sie die letzte der Kreaturen besiegen.

Schließlich hatten sie sich wieder unter dem Riesenpilz niedergelassen und das Licht von drei Fackeln erhellte die Lamellen über ihnen in einem fast magischen Licht. Neire hatte die Fackeln um Bargh und ihn selbst in einem Dreieck in den Boden gesteckt. Jetzt warf der Schein lange unwirkliche Schatten. Bargh betrachte Neire, der seinen Oberkörper entblößt hatte. Hier und dort traten Sehnen und Muskeln hervor. Der Jüngling sah nicht besonders stark, aber drahtig und durchhaltefähig aus. Die drei rot schimmernden Rubine, die mit der Haut von Neires linker Schulter verwachsen waren, erweckten ein vertrautes Gefühl in ihm. Eine tiefe innere Sehnsucht nach Wissen und Macht. Neire nickte ihm zu und sprach: „Bargh, weit weg sind wir von den immerbrennenden Fackeln von Nebelheim, doch jetzt ist ihr Licht und Schatten bei uns, leitet uns und wir wollen beten…“

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Sitzung 14 - Wiedersehen mit Rowa
« Antwort #14 am: 19.05.2022 | 21:34 »
„Also preiset die schwarze Natter, feiert ihren unsterblichen Namen, trinkt euch in die schattige immerwährende Nacht, tanzt im Glanz der schwindenden Feuer, tanzt, denn die Zeiten des Kampfes sind vorüber. Und weinet nicht im Antlitz des Todes, weinet nicht im Grauen der Entropie, denn der Lebenszyklus ist das Chaos und alle Dinge sterben; denn die Dinge sterben um sich im Licht unserer Göttin aufs Neue zu entzünden.“ Beide Anhänger Jiarliraes hatten sich im Licht der Fackeln niedergelassen und eine Art Singsang begonnen. Die Stimme von Neire intonierte einzelne Verse in einem Choralgesang, die Bargh dann nachsang. Die Flammen der Fackeln zuckten und zitterten in chaotischen Formen und die Betenden warfen lange Schatten in die Höhle. Unter dem Dach des Riesenpilzes hatte die Szenerie etwas Gespenstiges. Halbohr hatte sich derweil an die Höhlenwand gekauert und beobachtete die beiden. Er konnte jetzt sehen, dass Neire sich vor Bargh hinkniete und ihm eine Hand auf die Schulter legte. Die drei Rubine, die im verbrannten Fleisch von Neires Schulter verwachsen waren, begannen sanft zu glühen. Halbohr spürte, dass der Jüngling eine unwirkliche Macht entfesselte. Der Gesang verstummte und er hörte fremde arkane Worte. Dann sah er, dass sich das Gesicht von Bargh veränderte. Zuvor geöffnete Wunden begannen sich zu schließen. Ein Lächeln fuhr über das Gesicht von Bargh und er erhob seine Stimme. „Jiarlirae, Herrin, auf ewig bin ich dir verpflichtet.“ Er wiederholte diese Worte mehrfach und Halbohr sah, dass auch sein Juwel, welches den Sockel seines rechten Auges gänzlich ausfüllte, rötlich schimmerte. Der Rubin in dem von frischen Brandnarben bedeckten Gesicht verlieh Bargh eine furchteinflößende Aura. So ging das Schauspiel noch eine Zeit lang weiter, bis Neire die Fackeln einsammelte und die Flammen mit der bloßen Hand erstickte. Halbohr sah, dass Neire dabei in seine Richtung blickte und ihm zulächelte. Er schien als ob der junge Priester ihm etwas sagen oder zeigen wollte. Doch Neire drehte sich schließlich um und begann sich zu Rast niederzulassen.

„Halbohr wacht auf, euer Ohr! Es ist etwas passiert… euer Ohr ist hinfort.“ Instinktiv griff sich Halbohr an sein fehlendes Ohr, obwohl er die Missetat von Neire bereits spürte. Schon im Halbschlaf begriff er, dass ihm übel zugespielt wurde. Er blickte in das Gesicht des Jünglings und sah die makellosen weißen Zähne von Neire in der Dunkelheit aufschimmern. Das Lächeln von Neire war inniglich und nicht falsch, doch Halbohr fühlte eine Wut in ihm aufsteigen. So dachte er doch an den Vertrag und unterdrückte die Gefühle. Er war gebunden an die Abmachung mit der Dunkelelfin, deren Namen er nicht kannte. Auch war er gebunden an das Übereinkommen mit Neire, auch wenn der Priester der Chaosgöttin den Vertrag verbrannt hatte. Doch das war nicht sein, das war nicht Halbohrs Problem. Der Vertrag war immer noch gültig; er sollte bis in alle Ewigkeit gültig sein. Bis er, bis Halbohr ihn auflösen würde. Halbohr richtete seinen Oberkörper auf, als er seine Müdigkeit bekämpfte. Seine Wunden und die Kälte setzten ihm immer noch zu. Er biss die Zähne zusammen und dachte kurz an Neire: Ein Junge, der nicht weiß wo er hingehört. Er ist getrieben und hat seine Flausen. Er ist nicht falsch. Nur hören muss er, mir gehorchen. Ich muss ihn erziehen, damit er besser dienen kann. Damit sich der Vertrag erfüllt. Doch vorsichtig muss ich sein. Damit er mich nicht verbrennt, so wie er die anderen verbrannt hat. Halbohr richtete sich auf und blickte in das unschuldige, kindliche Gesicht, das er sah. Das Gesicht von Neire war eingerahmt von gold-blonden Locken als er sprach. Ein Gesicht, das man lieben musste. Neire nickte ihm lächelnd zu und erhob seine Stimme: „Halbohr es ist eure Wache. Macht euch bereit und wacht über uns. Ich werde mich schlafen legen.“ Eine kurze Pause setzte ein, in der Halbohr mit den Zähnen knirschte. Dann streckte er seinen müden Körper und stand langsam auf. Er fühlte die Verletzungen der Kälte, die von der braunen Flechte ausgegangen waren. Die Kälte steckte noch immer in ihm und schmerzte in seinen Gelenken. Doch er setzte sich an die Höhlenwand und blickte über seine Kameraden. Er sah Neire auf Zehenspitzen aufgestellt in die Lamellen des weißlichen Riesenpilz greifen, der über ihnen thronte. Seine Hand war von Schleim bedeckt, als er sie wieder hervorzog. Neire hatte eine dicke, vom Sekret des Pilzes bedeckte, schwarze Fliege gefangen, die jetzt zwischen seinen Fingern summte. Halbohr sah, wie der Jüngling das monströse Insekt der Größe einer Walnuss mit einer Mischung aus Neugier und Ekel betrachtete. Er beobachtete wie Neire begann sadistisch zu lächeln, als er dem Tier die Flügel ausriss. Jetzt legte er den Kopf in den Nacken, öffnete den Mund und ließ die Fliege hineinfallen. Halbohr hörte das Knacken des Körpers und ein Schmatzen, als Neire sich, das schleimige Insekt kauend, zum Schlafen hinlegte.

Der Traum war über ihn gekommen wie der andauernde Regen des Gletschers von Nebelheim. Langsam und zäh hatten ihn Bilder und Gefühle heimgesucht. Neire hatte sich erinnert an das monströse Insekt, das er gesehen hatte. Die schwarze Fliege in der Größe eines Menschen hatte eine kupferne Rüstung getragen. Sie hatte ausgerissene Flügel und einen menschlichen Kopf gehabt, doch er hatte ihr Gesicht nicht sehen können. Sie hatte versucht hinfort zufliegen und sie war versunken in den Fluten des andauernden Regens. Nachdem er aufgewacht war, hatte Neire Bargh vom Traum erzählt. Sie beide hatten gerätselt über dessen Bedeutung. Bargh war sich unsicher gewesen in der Deutung. Er wollte jedoch eine göttliche Aufgabe annehmen um sich die Gunst von Jiarlirae zu sichern. Neire hatte dieses Vorhaben begrüßt und Bargh in seinem Bestreben bestärkt. Dann hatten sie alle das schwarze Eichhörnchen entdeckt, dass sich ihnen durch den Pilzwald näherte und sie mit wachen Augen musterte. Schon bevor sie reagieren konnten, begann sich die kleine Kreatur zu wandeln. Zum Vorschein kam die hünenhafte Gestalt von Gundaruk, der sich auf seinen Speer stütze und sie begrüßte. Sie waren jetzt wieder vollständig und brachen auf, um die noch unerforschten Tunnel der Höhle zu durchsuchen. Mehrere Gänge erkundeten sie, doch diese endeten alle in Sackgassen. In einer größeren Höhle ohne Ausgang fanden sie neben menschlichen Knochen Nischen, die mit dunklem Schleim gefüllt waren. Eine kurze Untersuchung zeigte, dass dies die Nester der Spinnen waren, die sie zuvor angegriffen hatten. „Neire, wir sollten den Schleim samt den Eiern verbrennen, bevor sich diese Brut aufs Neue erheben kann.“ Halbohr blickte in Richtung des jungen Priesters als er sprach und wies auf eine der Nischen. Bevor Neire antworten konnte sprach Gundaruk: „Der natürliche Kreislauf der Dinge ist der Tod und die Geburt neuen Lebens. Wir sollten nicht eingreifen und sie sich selbst überlassen. Falls sie überleben, soll es der Lauf der Dinge sein.“ Neire sah, dass Halbohr Gundaruk feindselig anblickte. Auch Neire selbst grübelte über den Worten Gundaruks und konnte keinen Sinn darin erkennen. Seine einzige Erklärung war, dass der ihm immer noch fremde Mensch das Unterreich nicht kannte. Oder er war verrückt geworden, bevor sie ihn aus dem Grab hatten befreien können. „Gundaruk“, sprach Neire ihn mit runzelnder Stirn an, während er überheblich lächelte. „Ihr kennt anscheinend das Unterreich nicht. Hier gilt das Gesetz des Stärkeren. Und wir sind die Stärkeren. Nichts kann uns aufhalten. Wenn Halbohr die Nester verbrennen will, kann er es tun, weil er es kann.“

Sie hatten sich entschieden weiter die Höhlen abzusuchen, bevor sie die Nester verbrennen wollten. Jetzt standen sie in der letzten Höhle. Es offenbarte sich ihnen ein beeindruckender Anblick. Wände und Boden der Höhle waren zu einem Teil von einem gewaltigen grünlichen Schleimpilz überdeckt. Neire und Halbohr hatten schon einmal etwas über diesen Pilz gelesen. Der längere Kontakt mit dem Schleim sollte lebendiges Gewebe zersetzen. Sie hatten gehört, dass der Pilz von Bewohnern des Unterreiches eingesetzt wurde, um Gefangene oder Sklaven zu quälen, die bei lebendigem Leibe dem Pilz ausgesetzt wurden. Der gesamte Boden der Höhle war von Pflanzen bewachsen, die hier und dort Nester formten. Zudem sahen die Streiter kleine Pilze ein und derselben Gattung wachsen, die verschiedene Farben trugen. Sie erkannten diesen Pilz als bunten Vierling, der die Farben gelb, grün, blau und violett annehmen konnte. Je nach Alter des Pilzes nahm er eine dieser Farben an, wobei gelb einen jungen und violett einen alten Pilz kennzeichnete. Sie wussten zudem, dass die jungen Pilze berauschend, die älteren hingegen tödlich giftig waren. Zu ihrem Erschrecken sahen sie in zwei der Nester Leichname liegen, die schon halb von Pflanzen überwuchert waren. Halbohr, Gundaruk, Neire und Bargh begannen die Höhle und die Nester zu untersuchen und einige der Pilze zu sammeln. Als Bargh und Neire an das erste Nest mit dem Leichnam herantraten, konnte Neire sofort den Leichnam von Rowa erkennen. Der verbrannte, zerteilte Körper und der von den Stiefeln Barghs zertretene Kopf ragte aus den Ranken hervor, die sich hier und dort bereits in das Fleisch des Leichnams gebohrt hatten. Der zweite Leichnam stellte sich jedoch als interessanter heraus. In einem weiteren Nest konnten sie einen männlichen Menschen liegen sehen, der in einen Plattenpanzer gekleidet war, ein Schild bei sich hatte und einen Streitkolben trug. Als Bargh den leblosen Körper betrachte murmelte er: „Ich kenne diesen Mann.“ Er zog den Leichnam aus dem Nest und sie konnten ihn so betrachten. „Das ist Calmer, der stellvertretende Abt des Tempels von Grimmertal“, sagte Bargh zu Neire. Neire betrachtete das Schild und sah ein Auge, dass auf dem Rücken einer ausgestreckten Hand abgebildet war. „Es ist der Tempel des Wächters, eine niedere schwache Gottheit“, sagte Neire. „Ich habe von diesem Tempel gelesen. Er wurde vor einigen Jahrzehnten in Grimmertal erbaut. Der Abt dort ist Terion. Seht Bargh, was mit ihm passiert ist. Seht was denen passiert, die dieser schwachen Gottheit dienen.“ Bargh betrachtete den Körper seines ehemaligen Kameraden abfällig. „Ich diene jetzt Jiarlirae und nicht mehr dieser Gottheit. Mein Schicksal wird ein anderes sein.“ Als sie den Körper durchsuchen zog Bargh plötzlich einen silbernen Schlüssel hervor und lächelte. „Neire, dies ist der Schlüssel zum Tempel. Zu den heiligen Gemächern, zu denen ich keinen Zutritt hatte.“ Auch Neire musste jetzt grinsen. „Bargh, soeben habt ihr noch vom Schicksal gesprochen, jetzt halten wir den Schlüssel zum Tempel des Wächters von Grimmertal in unseren Händen. Es scheint als ob die Göttin von Feuer und Schatten uns ein Geschenk machen wollte. Der Schlüssel zu deren Heiligtum.“ Bargh nickte und der Rubin seines rechten Auges funkelte in der Dunkelheit. „Wir müssen den Körper verbrennen Neire. Vielleicht haben sie einen Trupp losgeschickt, der nach ihm suchen soll.“ Neire nickte und war kurz in Gedanken versunken. Er dachte an den Ruhm den er Nebelheim bringen wollte; er würde die Feuer brennen lassen und den Gletscher zurückdrängen. So sehr träumte er bereits von ihren zukünftigen Taten, dass er fast nicht die Stimme hörte, die ihn aus den Gedanken riss. „Neire, Halbohr, Gundaruk. Ich habe Spuren gefunden. Sie führen in Richtung des grünen Schleimpilzes.“ Bargh hatte sich in seiner schweren silbernen Rüstung niedergekniet. Er deutete auf die Wand vor ihnen die von dem grünen Pilz bedeckt war. Augenblicklich begann die Anspannung der Gruppe zu steigen. Gundaruk hob seinen Speer mit dem goldenen Runenband in eine Kampfhaltung und näherte sich der grünen Wand. Vorsichtig begann er hier und dort in den Pilz hineinzustechen. Zuerst hörten sie das Klingen von Metall auf Stein, jedoch an einer Stelle glitt der Speer ins Leere. Gundaruk zerschnitt den Pilz und die Helden sahen, wie sich dahinter ein schmaler natürlicher Gang auftat, der weiter in die Tiefe hinabführte. Ein sanfter wärmerer Luftstrom kam Gundaruk entgegen. Sie vernahmen den Geruch von Wasser und von Stein. Nach einer kurzen Beratung entschieden sie sich, dem Tunnel zu folgen. Irgendwo von hier mussten die Kreaturen gekommen sein. Sie ließen die beiden Leichname zurück und stiegen weiter hinab in die Tiefe des Erdreiches.

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Sitzung 15 - Das Portal
« Antwort #15 am: 25.05.2022 | 22:24 »
Tiefer und tiefer waren sie hinabgestiegen. In die Eingeweide der Erde. Die Luft war kälter hier und der faulige Gestank der Pilze und Pflanzen wich einem erdigen Geruch von Wasser und Stein. Sie konnten nicht sagen, wie lange sie durch die vollkommene Dunkelheit geschritten waren; vielleicht waren es nur einige Stunden. Bargh, der die Gruppe in die Tiefe führte, blieb plötzlich stehen und drehte sich dann um. Sein silberner Plattenpanzer schimmerte – trotz einiger Beulen und Kratzer - nass in der Finsternis. Er hatte die heilige Hellebarde, die er nicht mehr führen wollte, über seine Schulter gelegt. Rötlich glänzte der kostbare, makellose Rubin im Sockel seines rechten Auges. „Schaut Neire, eine Höhle. Irgendwo aus der Ferne höre ich ein Summen.“ Für einen kurzen Moment lauschte der Priester der Schatten und Feuer und sein Blick glitt in die Dunkelheit. Neire war hinter Bargh geschritten; Gundaruk und Halbohr waren ihnen in einigem Abstand gefolgt. Vor ihnen tat sich eine große Höhle auf. Lange Tropfsteinzapfen ragten hier und dort aus dem Dunkel hinab. Als ob sie ihre Gegenstücke suchten, die vom Boden der Höhle aufragten; doch nirgends trafen sich die alten Formationen, zu groß war die unterirdische Kammer im Stein. Die Streiter traten vorsichtig an den Eingang heran. Sie sahen kein Ende der Höhle. Neben dem leisen Summen von Insekten hörten sie ein Tropfen und ein durch den Stein gedämpftes Rinnen von Wasser. Neire schritt jetzt an die Seite von Bargh und deutete in die Dunkelheit. Das Fleisch seines linken Armes war grauenvoll verbrannt und durchzogen von tiefen Rissen und Furchen. In der Dunkelheit schimmerte es in ähnlicher Konsistenz wie zu Basalt erkalteter flüssiger Stein. „Seht, Bargh… dort, Leiber. Tote Spinnen.“ Gundaruk und Halbohr waren bereits zu ihnen aufgeschlossen und auch sie konnten das Knäuel von Leichnamen erkennen. „Bleibt ihr hier, ich werde mir das anschauen.“ Die Stimme von Halbohr war leise, aber klang entschlossen. Die muskulöse, gedrungene Gestalt des elfischen Söldners schlüpfte mit erstaunlicher Geschicklichkeit an ihnen vorbei und über den felsigen Untergrund. Die Wunden der Kälte, die die braune Flechte ihm zugefügt hatte, hatten kleine Blasen auf seiner Haut geworfen, die hier und dort schon aufgeplatzt waren. Doch auch wenn Halbohr den Schmerz spürte, er ließ es sich nicht anmerken. Er schlich vorsichtig zu den Körpern der monströsen Tiere. Die meisten der toten Riesenspinnen lagen auf dem Rücken und waren ineinander verschlungen. Es sah so aus, als hätten sie gegeneinander gekämpft; acht Exemplare an der Zahl. Er konnte keine weiteren Spuren, keine Ursache für den Kampf feststellen. Doch er vermutete, dass sie aus den oberen Höhlen stammten. Hier gab es nichts mehr zu entdecken. Er erhob sich und schritt vorsichtig zur Wand zurück, um den Rest der Höhle zu erkunden. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie die große, unübersehbare Gestalt aus dem Eingang hervortrat und sich ihm näherte. Er sah Gundaruks grünlich funkelnde Augen in der Dunkelheit. Der Riese, der ihn um fast das doppelte seiner Größe überrage, trug den silbernen Speer, den er dem toten Loec genommen hatte. Er hatte ihn zu seinem Eigentum gemacht und das gestickte Band mit den goldenen Runen um den Schaft gewickelt. Bei jedem Schritt stützte sich Gundaruk auf den Speer wie auf einen Gehstock, was ein wiederhallendes Geräusch durch die Höhle warf. Halbohr wollte sich gerade umdrehen und Gundaruk ermahnen leise zu sein, da sah er es vor sich aufragen. Ein großes obsidianernes Portal - mehrere Schritte breit und hoch. In das Felsgestein eingelassen, war es verziert von geschwungenen goldenen Runen. Gebannt näherte er sich Schritt für Schritt. Das hatte er nicht erwartet. Der Kontrast von schwarzer Steinkunst zum natürlichen Felsgestein warf einen Bann über ihn; güldene Rätsel der Runen lockten ihn näher. Hinter sich hörte er auch die schweren Schritte von Gundaruk langsamer werden. Das Pochen des Speeres auf dem Stein verstummte. Gemeinsam verharrten sie vor dem Portal und betrachteten die Runen. Kaum bemerkten sie, dass das Summen der Insekten lauter und lauter wurde.

Neire und Bargh hatten sich zu den Leichnamen der Spinnen begeben und betrachteten das Knäuel der toten Körper. „Bargh, wieso sind sie tot? Wieso liegen sie hier?“ Neire, hielt noch immer seinen Degen in der rechten Hand. Die gewellte Klinge blitzte auf in der Dunkelheit. Ein rötlicher Schimmer lag in seinen Augen, als er den Kopf querlegte und nachdachte. Bargh hingegen grummelte und kniete sich in seiner schweren Rüstung hernieder. Er zog seinen Dolch vom Gürtel und begann ihn wie einen Hebel am chitinernen Hinterleib anzusetzen. Er gab ein helles Knacken als er den Panzer des Monsters aufhebelte – ein Knacken, das etwas zu hell war. „Seht, Neire, sie sind von innen vertrocknet. Als ob…“ Bargh dachte nach, doch der ehemalige Paladin mit dem von Brandnarben gezeichneten Gesicht blieb stumm. Schließlich richtete er sich auf, schulterte wieder die Hellebarde und sprach zu Neire: „Ist das der Weg den wir schreiten müssen Neire? Werden wir das Feuer in die Tiefe bringen, um die obere Welt von unten aus anzuzünden?“ Neire, wie aus den Gedanken gerissen, betrachtete Bargh. Er dachte zurück an Nebelheim, an die drohende Gefahr. „Wir müssen Nebelheim retten. Das ist unser Weg Bargh. Das Feuer alleine, wie auch die Schatten, bergen nicht die Geheimnisse unserer Göttin.“ Er dachte an den Dualismus. Nebelheim, das im glühenden Zwielicht in einem ewigen Zweikampf lag. Er dachte an alte Bücher, die er einst gelesen hatte. „Schatten alleine löschen alles Sichtbare. Sie führen zum absoluten Stillstand. Feuer alleine zerstört alles Lebende, es löscht alles Gewesene aus. Die Geheimnisse von Jiarlirae liegen im Chaos. Chaos ist Leben und Zerstörung. Und Jiarlirae - Sie ist mehr. Mehr als die Summe aller ihrer Teile.“ Neire sah, wie Bargh an seinen Lippen hing. Er fuhr fort mit seiner Rede und das Lispeln seiner gespaltenen Zunge verstärkte sich. „Tief unter dem Meer, Bargh, liegen absolute Schatten, ein Reich von Düsternis und Kälte. Nur durch das Feuer aus der Erde, in einem Tanz von glühendem Gestein und Dunkelheit, wird das Leben, werden Inseln geboren. Sie werden geboren um vielleicht wieder zerstört zu werden. Dieses sind die Geheimnisse von Feuer und Schatten, sie werden unseren Weg begleiten.“ Er sah wie Bargh ihn anlächelte, ja fast gerührt war von seiner Rede. „Neire, ihr sprecht wahrlich tiefe Worte. Ich bitte euch, lasst mich an eurer Weisheit teilhaben.“ Sie hätten sich weiterunterhalten, sie hätten über die Geheimnisse von Feuer und Schatten gerätselt und der größten Göttin unter den Göttern gehuldigt, hätten sie nicht das Summen gehört und den Lichtschein bemerkt, der von einem Teil der Höhle ausging.

Zuerst war das Summen lauter geworden und sie hatten hier und dort ein Flattern gehört. Dann hatten sie die Motten gesehen, die sich in chaotischen Flugmustern auf sie hinabsenkten. Näher und näher waren ihnen die riesenhaften Insekten gekommen. Sie hatten die Größe von Fledermäusen gehabt und zuerst schienen sie sie spielend zu umkreisen. Zwei wabernde Trauben hatten sich gebildet. Eine um Gundaruk und Halbohr, die am Portal standen. Eine weitere um Bargh und Neire, die sich dem Portal näherten. Neire schritt hinter Bargh und duckte sich immer wieder unter dem Summen hinweg. Er war jetzt so nah am Portal, dass er die goldenen Schriftzeichen lesen konnte. Es war allerdings keine Sprache, die er lesen konnte. Eher ein Gesamtkunstwerk mit Einflüssen der Tiefensprache, Dunkelelfisch und der Drachensprache. Er war sich sicher, dass es eine Warnung war. Gefahr und Tod. Nicht so sicher war er sich bei einigen Runen, die Jäger oder Gejagter bedeuten konnten. Gerade wollte er seine Stimme erheben, als die ersten Insekten um sie herum begannen rötlich zu glühen. Das Geräusch des Flatterns wurde nochmals stärker. Gebannt blickten sie alle auf das Schauspiel, auf die rötlich glühenden Flügel in der Dunkelheit. Doch irgendetwas passierte mit ihrem Geist. Als ob sie in eine Art Trance geraten würden, sobald sie den Bewegungen der Motten folgten. Neire lächelte und schüttelte den Dämmerzustand ab. Er dachte an die Muster im inneren Auge, die er so lange betrachtet hatte. Jedoch sah er zu seinem Erschrecken, dass Bargh wie gebannt auf die Kreaturen blickte. Schaum bildete sich vor seinem Mund und er erhob das Langschwert wie zu einem Angriff. Neire wich instinktiv vor seinem Begleiter zurück und glitt in die Dunkelheit. Derweil war um Gundaruk und Halbohr bereits ein Kampf entbrannt. Wieder und wieder stießen die beiden nach den glühenden Insekten, die um sie herum wuselten. Fast jeder Stich mit dem Speer und dem Dolch tötete eines der Wesen, doch stets nahm eine neue Kreatur die Position der Getöteten ein. Zu ihrem Grauen sahen sie, dass das Portal neben ihnen sich begann zu öffnen. Eine Zeitlang blickten sie in die Dunkelheit und kämpften weiter, doch dann trat eine Kreatur hervor. Eine humanoide Gestalt mit langen Armen und grauer Haut. Gekleidet war sie in eine zerfetzte Hose. Die Hände wären klauenartig und der Schädel eingeschlagen. Unmöglich konnte die Gestalt, die etwas kleiner als Gundaruk war, noch am Leben sein. Auch schienen bei näherer Betrachtung einzelne Körperteile wie zusammengewürfelt; so als ob sie verschiedenen Leichnamen entnommen worden wären und zu dieser Kreatur zusammengesetzt.

Gundaruk keuchte und stach wieder in die Dunkelheit. Er versuchte nicht mehr in das rötliche Licht zu blicken, das von den Flügeln der Höhlenmotten ausging. Sein Körper fühlte sich immer noch wie eingerostet an. Wie lange habe ich wirklich in diesem Grab gelegen? Doch er hatte keine Zeit zum Nachdenken. Er blickte in Richtung der Gestalt, die sich jetzt vor dem geöffneten Portal aufgebaut hatte. Dann hörte er das Krachen von Metall. Gundaruk sah wie Bargh mit der Gestalt zusammengestoßen war. Bargh war in einen Kampfrausch gefallen und Schaum rann von seinem Mund hinab. Sein Langschwert war tief in den Hals der Kreatur gefahren. Einem Menschen hätte er wohl den Kopf abgehackt. Doch Gundaruk sah keine Wirkung. Wie in Zeitlupe hob die Gestalt ihre Fäuste und ließ sie auf Bargh herunterfahren. Das unschöne Geräusch einer ausgekugelten Schulter war zu hören und das Knirschen von Metall. Gundaruk stach weiter nach der nächsten Motte. Dann hörte er die Luft neben ihm explodieren. Zwei Kugeln aus glühendem Feuer hatten das humanoide Monster getroffen. Als der Lichtschein sich legte, sah Gundaruk, dass die Gestalt immer noch stand und Flammen auf ihrem Körper brannten. Sie schien unbeeindruckt zu sein, keinen Schmerz zu empfinden. Gundaruk blickte hinter sich und sah Neire auf sie zukommen. In seiner linken Hand brannte eine Flamme aus tanzendem Schattenmagma und seine Augen glühten rötlich. Sein liebliches Gesicht war jetzt von Zorn erfüllt und er rief gegen das Summen der Insekten an: „Tötet es, tötet das Monster.“ Als Gundaruk den priesterlichen Gesang eines disharmonischen Chorales aus Neires Mund hörte, spürte er den Mut in ihm aufkommen. Er erkannte die Todesgefahr, die von der Kreatur ausging. Sie oder ich. Ich muss schneller sein. Er näherte sich und sah, dass auch Halbohr ihm folgte. Mit all seiner Kraft stieß er den silbernen Speer in den Leib. Das Fleisch begann sich dunkel zu verfärben und platzte auf. Leichenwasser und gelber Eiter drangen aus der Kreatur hervor. Das Wesen drehte sich sofort zu ihm um und begann ihn anzugreifen. Gundaruk sah aus den Augenwinkeln, dass auch die Angriffe Halbohrs die Kreatur nicht verletzen konnten. Halbohr wich bereits zurück. Alles kam Gundaruk jetzt so langsam vor. Wie durch einen Nebel hörte er die hasserfüllte Stimme Neires. Der Jüngling schrie Halbohr hinter ihm an: „Ihr seid ein Feigling Halbohr, flieht ihr doch vor dem Kampf. Denkt an den Vertrag.“ Dann kam die rechte Faust des Wesens auf ihn hinab. Gundaruk versuchte auszuweichen und einen Angriff mit dem Speer auszuführen. Doch er war zu langsam. Er spürte wie ihm die Luft aus den Lungen wich, als die Faust ihn an der Seite traf. Er schnappte nach Luft und biss die Zähne zusammen. Der faulige Gestank des Monsters ließ ihn sich fast übergeben. Doch da war ein Widerstand, als er den Speer tiefer und tiefer in den Brustkorb stieß. Bis die silberne Spitze aus dem Rücken heraustrat. Das Wesen vor ihm begann zu zittern und auf die Knie herabzusinken.

Sie alle hatten keine Wahl gehabt. Sie mussten Bargh folgen. So waren sie dem Krieger Jiarliraes nachgeschritten, der wie in einer Art Trance durch das Portal gewandelt war. Nachdem Gundaruk in einem Zweikampf auf Leben und Tod das Monster niedergerungen hatte, waren plötzlich die rot schimmernden Motten verschwunden. Wie durch äußere Einflüsterung beschworen, hatte sich Bargh ruckartig in Richtung des Portals zugewendet. Jetzt folgten sie ihm in das, was dahinter war. Ein breiter Tunnel führte sie bereits einige Zeit hinab in die Tiefe. Sie versuchten auf Bargh einreden, doch er zeigte keine Reaktion. Irgendwann sahen sie die Wand aus Schatten vor ihnen aufragen. Der Tunnel, der hier zunehmend waagerecht wurde, war von der zwielichtigen Dunkelheit in der völligen Düsternis durchzogen. Hinter der Grenze der Schatten war die Umgebung nur schemenhaft zu durchblicken. Sie erahnten eine weitere Höhle, in der ein Thron stand. Es sah so aus, als ob eine Gestalt auf dem Thron sitzen würde, doch sie konnten weder Einzelheiten sehen, noch konnten sie erkennen ob die Gestalt auf dem Thron sich bewegte. Bargh war in den Bereich der Schatten hineingeschritten und hatte sich niedergekniet. Gundaruk, Halbohr und Neire blieben in einigem Abstand zu den Schatten stehen und beobachten Bargh. Er schien wie aus einem Traum zu erwachen. „Neire, wo bin ich? Was ist passiert?“ Einen kurzen Moment herrschte Stille, dann antwortete Neire. „Bargh, ihr seid hier hinabgegangen, wie benommen. Wir sind euch gefolgt. Kommt zu uns, tretet heraus aus den Schatten.“ In diesem Moment hörten sie alle die weibliche Stimme, die aus dem Gewölbe hallte. Sie sprach in der Sprache der Unterreiche, die nur Neire verstehen konnte. „Tretet herein in die Schatten oder ihr werdet gejagt.“ Neires Herz begann zu rasen, als er in die Schatten blickte. Er versuchte das Zittern seiner Hände so gut wie es ging zu verbergen, als er mit lispelnder Stimme antwortete: „Wer seid ihr, die ihr uns in die Schatten hineinbittet?“ Einen kurzen Moment herrschte Stille. Dann antwortete Bargh erneut: „Ich bin Bargh und ich bin mit Neire gekommen.“ Neire, flüsterte derweil leise Worte zu seinen Kameraden. „Sie will, dass wir in die Schatten schreiten.“ Dann hörten sie alle erneut die Stimme. Diesmal zitterte sie vor Zorn. „Tretet ein in die Schatten oder ihr werdet in Furcht davonlaufen.“

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Sitzung 16 - In die Schatten
« Antwort #16 am: 31.05.2022 | 22:19 »
Neire stand in dem breiten Gang aus obsidanernem Stein. Sie waren Bargh hierhin gefolgt. Der gefallene Paladin saß jetzt etwa zehn Schritt von ihnen entfernt in den Schatten. Er hatte sich niedergekniet und ließ seinen von Brandwunden bedeckten Kopf hängen. Sein Plattenpanzer schimmerte silbern in der Düsternis. Gerade war die zornige weibliche Stimme verhallt, die sie aufforderte in wabernde Wand aus Schatten zu treten. Für ihre übernatürlichen Augen, die auch die totale Dunkelheit dieser Höhlenwelt durchblicken konnten, war es so, als ob der Bereich vor ihnen in ein Zwielicht getaucht wäre. „Bargh, hört ihr mich. Sollen wir in die Schatten treten?“ Neire flüsterte die Worte in die Dunkelheit, doch er vernahm keine Reaktion von Bargh. Es war Halbohr, der dem jungen Priester Jiarliraes zunickte und den ersten Schritt in die Dunkelheit machte. Neire sah, dass im Blick des Elfen mit dem grobschlächtigen Gesicht Ratlosigkeit und Verwirrung zu lesen war. Doch auch eine innere Entschlossenheit. Das letzte was Neire von Halbohr sehen konnte, war sein zerrissener Filzmantel. Dann wurde auch dieser von der Dunkelheit verschluckt. Plötzlich war es unheimlich still im Tunnel. Neire blickte sich um. Er war jetzt allein und kam sich klein, verlassen und schwach vor. Ich will nicht gejagt werden, nicht gejagt werden wie ein verfluchter Chin’Shaar. Doch ich kann auch nicht fliehen; ich darf Bargh nicht zurücklassen. Die Gedanken warfen ihn in eine innere Unruhe und seine Hände begannen leicht an zu zittern. Doch auch die Neugier regte sich in ihm. Was wohl für Geheimnisse in den Schatten zu finden waren. Er musste handeln. Schließlich machte er den Schritt und glitt hinein in die Dunkelheit.

Einen kurzen Moment taumelte Halbohr, denn der Boden war aus purer Schwärze und schien aus anderer Konsistenz als der Stein des Tunnels zu sein. Er kam ihm vor, als würde er über einen glatten Spiegel schreiten. Als Halbohr Kontrolle über seine Schritte erlangt hatte, ging sein Blick nach vorne. Jetzt konnte er den Thron besser erkennen. Er sah, dass sich dort eine Gestalt in völliger Nacktheit räkelte. Die Frau die dort breitbeinig saß, hatte eine steingraue, unversehrte Haut und war schlank. Er konnte ihr Alter nicht abschätzen. Schneeweißes langes Haar fiel von ihrem Kopf und blaue Augen funkelten in der Dunkelheit. An den Thron gelehnt sah er einen kostbaren Bogen dunkelelfischer Machart, der mit einer Spinne am Griff verziert war. Halbohr blickte sich nach Neire um, den er durch den Schleier der Schatten sah. Der Jüngling wirkte verängstigt; sein liebliches Gesicht, eingerahmt von den langen, gold-blonden Locken, war in ein Grübeln verfallen. Halbohr konnte erkennen, dass Neire vor Anspannung zitterte. Doch jetzt machte er tatsächlich die Schritte nach vorne um schloss auf zu ihm. Als sie beide die Höhe von Bargh erreicht hatte hörten sie die Stimme der Frau, die lieblich und nicht aus einer bestimmten Richtung herkommend klang. Vielmehr hörte es sich an, als wäre die Stimme überall im Raum und um sie herum. „Ihr seid in mein Reich eingedrungen. Habt ihr mir Geschenke mitgebracht oder ist er euer Geschenk an mich?“ Halbohr sah wie sie auf Bargh zeigte, der noch immer wie benommen dort kniete. Er war sich nicht sicher wie er reagieren sollte und blickte zu Neire, der eine weite Verbeugung machte und antwortete.

Neire erinnerte sich zurück an die Zeit in der Bibliothek von Nebelheim. Er hatte Bücher über die dunkelelfische Kultur gelesen. Von Zeiten, in denen die Dunkelelfen Handel mit Nebelheim getrieben hatten, hatte er gehört. Er betrachtete die Gestalt vor sich und er war sich sicher schon einmal von ihr gehört zu haben. Vielmehr hatte er ein Portrait von ihr gesehen. Es musste sich hierbei um die Dunkelelfin Aria Prias handeln. Sie war einst eine grausame Herrscherin des Dunkelelfenreiches und als Gründerin mehrerer dunkelelfischer Häuser bekannt gewesen. Bereits vor etwa 800 Jahren trat ihr Name in Erscheinung. Neire erinnerte sich zudem an drei ihrer Titel: Erste Kaiserin, Geißel des Reiches und Gründerin der Häuser. In der jüngeren Zeit des Reiches sollte sie von der politischen Bühne ver¬schwunden sein und die Fäden aus dem Verborgenen gezogen haben. Auch war sie als Anhängerin der Göttin Lolth bekannt gewesen. Ihr Bogen war eine legendäre Waffe, die magische Pfeile aus verschiedenen Energieformen generieren konnte. Neire führte eine tiefe Verbeugung aus und lächelte, als er mit wohl überlegten Worten antwortete: „Große Herrscherin, wir sind unserem Kameraden hier hinabgefolgt. Uns erschien es so, als ob er von einer fremden Macht hierhin gerufen worden wäre.“ Als er seinen Kopf erhob, bemerkte Neire, dass auch sie ihn anlächelte und ihre Stimme erhob. „Ich sehe ihr wisset wie ihr mir begegnen sollt und auch macht ihr mich neugierig. Doch beantwortet meine Frage: Habt ihr mir Geschenke mitgebracht?“ Für einen kurzen Moment herrschte Schweigen. Gerade suchte Neire nach einer Antwort, als Halbohr ihm zuvorkam: „Wir haben einige Dinge die euch interessieren könnten und wir könnten nützlich für euch sein, doch welche Geschenke begehrt ihr?“ Neire hörte ein Zischen als Antwort und sah wie die Kaiserin sich aufstellte und nach dem Bogen griff. „Ihr beginnt mich zu langweilen, Männchen; ihr stellt die falschen Fragen. Stärke ist die einzige zu respektierende Fähigkeit bei euch, einem Männchen. Und ich bin geneigt herauszufinden über welche Stärke ihr verfügt, wenn ich euch jage.“ Neire sah, dass sie Halbohr abfällig musterte, der ihrem Blick trotzig standhielt. Wut kam in Neire auf. Er kennt sich mit höfischen Sitten nicht aus und weiß anscheinend nicht, dass solche Fragen Herrscher in Verlegenheit bringen. Er sollte lieber schweigen. Dachte Neire und warf Halbohr ebenfalls einen verachtenden Blick zu. Jetzt musste er die Wogen glätten. Neire verbeugte sich abermals tief und sprach in seiner lispelnden, zischelnden Weise die Sprache der Unterreiche. „Große Herrscherin, ich komme von weit her. Aus Nebelheim. Vielleicht interessieren euch die jüngeren Entwicklungen des Hauses von Duorg und deren Zöglingen Rowa und Raxira. Und da war noch ein Amulett; eine Insignie des Hauses.“ Die Miene der Kaiserin helle sich wieder etwas auf und sie ließ den Bogen sinken. „Nebelheim, so… Rowa, Raxira und Raxor. Armselige Kreaturen, die einen lächerlichen Anspruch auf den Vorsitz ihres schwachen Hauses erheben. Was wisst ihr über sie, was wisst ihr über das Spinnenamulett?“ Neire bemerkte, dass Aria Prias ihn anlächelte. Er hatte anscheinend ihre Neugier geweckt. Abermals antworte er in der Sprache der Unterreiche. „Wir sind einige Zeit mit Rowa gereist. Jetzt ist sie tot. Sie wurde ermordet von ihrer Schwester Raxira. Wir haben gesehen wie sie von durchsichtigen Spinnen zerstückelt wurde. Das Amulett hat Raxira an sich genommen und sie verschwand, wie sie gekommen war – plötzlich.“ Neire sah, dass Aria seinen Worten lauschte. Bevor sie etwas erwidern konnte, setzte er ein weiteres Mal an. „Große Herrscherin, ihr spracht von der Jagd. Wir würden es vorziehen nicht gejagt zu werden. Lieber würden wir selber jagen.“ Neire hörte ein Lachen der Dunkelelfin auf seine Ansprache hin. „So… ihr würdet lieber selber jagen… Nun, dann soll es so sein. Ihr werdet für mich jagen oder ich werde euch jagen. Bringt mir das Amulett der Mutter der Spinnen. Findet Raxira und tötet sie. Bringt mir zudem den Schädel aus purem Gold, ein Relikt aus einer alten Zeit und ihr werdet eine Belohnung von mir erhalten.“ Neire hörte die Worte, die mit einer befehlenden Bestimmtheit gesprochen wurde. Er wusste, dass sie keine Widerworte dulden würde. „Große Herrscherin, wo sollen wir suchen? Wie sollen wir Raxira finden? Sie verschwand mit ihren durchsichtigen Spinnen auf geisterhafte Weise.“ Abermals lachte Aria, bevor sie antwortete. „Ja, Raxira und ihre kleinen Haustiere. Versucht es in der alten Festung Faust. Ich kann es mir vorstellen, dass sie sich dort aufhält. Die Feste liegt in nordöstlicher Richtung von hier. Etwa 50 Meilen sind es bis dort. In den oberen Gemäuern sollen sich niedere Kreaturen eingenistet haben; doch Faust verfügt über ein Netz von unterirdischen Verliesen, Tunneln und Gängen. Dringt dort ein und beginnt eure Suche dort.“ Neire nickte und blickte in Richtung Halbohr. Anscheinend konnte auch der elfische Söldner ihre Worte verstehen. Doch irgendetwas irritierte Neire an Halbohrs Blick. Die grünen elfischen Augen musterten starrend einen bestimmten Bereich hinter dem Thron. Als Neire antworten wollte, sprach die Kaiserin abermals zu ihnen. Diesmal hatte ihre Stimme einen herausfordernden Ton. „Ihr seid an Geheimnissen interessiert. So sehet was sich unter den Schatten verbirgt.“ Neire bemerkte augenblicklich, wie der Schatten des Bodens begann zu verschwinden. Als würden sie durch Kristallglas blicken, sahen sie unter sich eine gewaltige Höhle aufragen, in denen die Ruinen einer untergegangen Dunkelelfenstadt lagen. Feenhafte magische Lichter, sogenannte Dunkelfeuer, brannten wie immerwährende Elmsflammen von den Überresten. Ein markantes Gebäude schien immer noch intakt zu sein. War dies der Tempel der Spinnengöttin? War das Ched Vurbal? Neire konnte seinen Augen nicht trauen und erhob seine Stimme. „Beeindruckend, große Herrscherin, sind das die Ruinen von Ched Vurbal?“ Die Antwort von Aria Prias kam sofort und sie verneinte seine Frage nicht. „Woher kennt ihr diesen Namen? Ihr überrascht mich erneut. Aber genug des Ganzen, geht jetzt bevor ich meine Meinung ändere. Verlasst den Tunnel zur rechten Seite durch die Höhle und nehmt den ersten Gang der hinausführt. Irgendwann gelangt ihr in eine Höhle mit einer Spalte. Versucht nicht das Gas einzuatmen, das dort aufsteigt. Verlasst diese Höhle durch den einzigen Ausgang und gelangt durch einen Tunnel in ein Gewölbe mit einer Steele. Dort gibt es zwei Möglichkeiten. Durch einen offensichtlichen Gang gelangt ihr an die Oberfläche durch ein altes Grab. Ein verborgener Gang führt zu einer kleinen verlassenen Feste. Geht!“ Neire verbeugte sich ein weiteres Mal und sprach: „Wir werden euch nicht enttäuschen und wir werden zurückkehren. Große Herrscherin, ihr seid bestimmt unsterblich; ich würde also annehmen, dass Zeit keine Rolle für euch spielt?“ Arias Stimme klang kraftvoll, nicht zornig, als sie antwortete. „Lasst euch nicht zu viel Zeit. Die Jäger seid jetzt ihr.“ Neire nickte, verbeugte sich ein weiteres Mal und trat durch die Schatten zurück. Er sah auch, dass Bargh und Halbohr ihm folgten. Seine Gedanken galten jedoch Aria Prias und ihrem Dasein über den Ruinen von Ched Vurbal. Anscheinend beobachtete sie ihre Stadt und den Tempel von oben. Würde sie Eindringlinge jagen, die die Ruinen oder den Tempel von Ched Vurbal betreten? Kaum hörte er ihre höhnischen Worte nachhallen: „Die Frauen taten was sie konnten; die Männchen litten was sie mussten.“

Halbohr lauschte den Gebeten von Neire und Bargh. Sie hatten die Behausung von Aria Prias verlassen und waren dem Gang aus der großen Höhle gefolgt. An einer Quelle im Stein hatten sie eine kleine Rast eingelegt und Neire hatte einige Zeit meditiert. Neire hatte die Schulter von Bargh eingerenkt und die Schreie des Kriegers von Jiarlirae waren im Tunnel erschallt. Auch hatte Neire sich den schweren Wunden angenommen, die das seltsame Wesen Bargh im Kampf zugefügt hatte. Jetzt konnte Halbohr hören wie sie ihre Gebete beendeten und Bargh seine Stimme erhob. „Neire, was ist passiert? Ich kann mich an nichts erinnern. Nur an eine Leere. Und da war eine Frau mit schwarzer Haut und weißem Haar, die meinen Geist quälte. Eine verfluchte dunkelelfische Hexe.“ Neire sah Bargh mit großen Augen an. „Ja, ihr Name ist Aria Prias. Sie hat uns erniedrigt und jetzt sollen wir für sie arbeiten. Sie wird dafür mit ihrem Leben bezahlen; sie wird brennen und wir werden ihr Gehirn essen.“ Halbohr sah wie Bargh Neire verwundert anblickte. „Ihr Gehirn essen? Wird es uns irgendwelche Kräfte geben?“ „Ich weiß es nicht Bargh. In Nebelheim waren Gehirne eine Delikatesse. Chin’Shaar Gehirn gab es auf den höchsten Festen.“ Halbohr sah, wie Neire bei den Worten wehleidig in die Ferne blickte. „Erzählt mir mehr Neire, wer waren diese Chin’Shaar?“ Bargh war anscheinend fasziniert von den Worten Neires. „Es sind Verfluchte, eine Rasse, halb Spinne, halb Mensch. Vierarmig, hinterlistig und von den Herrschern von Nebelheim verbannt auf ewig in den Eishöhlen zu leben. Dort werden sie von den Kupfernen Kriegern der Stadt gejagt.“ Halbohr bemerkte die Gier nach Wissen in den Augen Barghs. „Erzählt mir mehr Neire. Wer sind diese Kupfernen Krieger?“ Halbohr sah, wie Neire seinen Kopf in seine Richtung drehte während er sprach. „Alles zu seiner Zeit Bargh. Zuerst müssen wir unseren Weg hier hinausfinden. Halbohr wird uns führen.“ Halbohr nickte und erwiderte. „Lasst mich ein Stück vorschleichen und folgt mir.“ So glitt er in die Dunkelheit. Hinter sich hörte er immer wieder die Stimmen von Bargh und von Neire.

Eine Zeit lang waren sie dem Tunnel gefolgt, der sich tatsächlich in eine Höhle öffnete, in der sie eine dünne Felsspalte aufragen sahen. Gas stieg dort auf und die Luft roch nach Schwefel. Nach kurzer Beratung durchquerten sie die Höhle und hielten dabei die Luft an. Jedoch entging den wachsamen Augen Halbohrs nicht die Türe, die an der rechten Wand der Höhle im Stein verborgen war. „Neire, Bargh, ich habe dort eine Türe im Felsen gesehen. Sollen wir sie untersuchen?“ Die Miene Neires hellte sich auf und Halbohr konnte die Neugier sehen, als er antwortete. „Ihr habt wachsame Augen Halbohr. Ja, lasst uns schauen, was sich hinter dieser Türe verbirgt. Und… Halbohr, haben eure wachsamen Augen etwas Besonderes im Gemach von Aria Prias entdeckt?“ Halbohr nickte tatsächlich. „Ja, dort war etwas in den Schatten. Ein reptilienartiges Auge und Schuppen habe ich gesehen. Von gewaltiger Größe, wie die eines Drachen.“ Bei diesen Worten horchte Neire auf. Ein Drachen und eine dunkelelfische Kaiserin. Wo hatte sie das Schicksal hingeführt? Neire dachte nach. Er hatte von verschieden Drachen gehört, die im großen Krieg auf der Seite der Dunkelelfen gekämpft hatten. Von farbigen Drachen und von Tiefen- sowie Schattendrachen hatte er gehört. Doch von einem Drachen und Aria Prias hatte er nichts gehört. So entschlossen sie sich die Höhle zu durchqueren und die Türe zu öffnen. Abermals hielten sie die Luft an und Halbohr führte sie an der Spalte vorbei. Tatsächlich konnten sie die Türe entriegeln und sahen dahinter einen engen, staubigen Gang liegen. Fünf Stufen führten hinab. Sie folgten dem Gang dahinter, der in das Felsgestein geschliffen worden war. Nach etwa fünf Dutzend Schritt endete dieser an einer weiteren Türe aus Stein. In der Mitte war ein Schlüsselloch zu erkennen, von dem freskenhafte Strahlen in einem Kreis hinfort führten. Neire hatte eine solche Symbolik schon einmal gesehen und brachte sie mit einem Gefängnis in Verbindung. „Tretet zurück, ich werde die Türe untersuchen“, hallten die Worte Halbohrs, als er begann seiner Dietriche hervorzuholen. Neire und Bargh traten zurück und Halbohr kniete sich an die Türe. Er bemerkte die Falle, die sich dort befand. Jetzt durfte er keine Fehler machen. Mit ruhigen Händen platzierte er die feinen Werkzeuge und begann den Mechanismus zu drehen. Augenblicklich hörte er das Schnappen von Bolzen im Stein und das schmatzende Saugen von Luft, die in das Innere eindrang.

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Sitzung 17 - Das Gefängnis im Unterreich
« Antwort #17 am: 6.06.2022 | 22:05 »
Halbohr hielt noch für einen kurzen Moment die Luft an. Das Schnappen der Bolzen im Stein der Türe war längst verklungen, da atmete er auf. Er konnte einen modrigen Geruch vernehmen, der von der anderen Seite der Türe in den schlanken, trockenen Gang gedrungen war. Weit hinter sich hörte er die Stimmen von Bargh, Gundaruk und Neire. Er war hier auf sich allein gestellt und ein weiteres Mal hatten ihn seine Fähigkeiten vor Schlimmerem bewahrt. Halbohr begann die Türe aufzudrücken. Es gab ein Knirschen, als die schwere Steinplatte sich langsam zu bewegen begann. Katzenhafte grünliche Augen lugten neugierig hervor und der bullige Söldner mit dem fettigen, schulterlangen Haaren begann seine beiden Dolche zu ziehen.

Die Gruppe um Bargh, Gundaruk und Neire hatte sich langsam durch den schmalen Tunnel bewegt. Besonders der hünenhafte Gundaruk hatte Probleme mit der Enge. Jetzt waren sie zur Türe gelangt und sahen, dass Halbohr bereits einige Schritte hindurch gegangen war. Sie blickten in eine sechseckige Halle, die in den Felsen geschliffen worden war. Der Staub und die abgestandene Luft ließen erahnen, dass hier längere Zeit keine Seele mehr weilte. Zur Linken konnten sie Erhöhungen aus Stein erkennen, auf denen Decken lagen; zur gegenüberliegenden Seite Regale und ein Sitztisch aus Stein. Doch vielmehr wurde ihr Blick auf eine kleine steinerne Säule gezogen, die aus vier unterschiedlich langen Segmenten bestand und in einer Halbkugel endete. Schriftzeichen waren auf dem unteren, längsten Segment zu sehen. Nach oben hin verjüngten sich die Segmente. Die Halle hatte keine Ausgänge und so traten sie ein und begannen mit der Durchsuchung.

„Die Türe habt ihr aufbekommen ohne gleich in Ohnmacht zu fallen. Aber die Schriftzeichen? Kennt ihr sie?“ War es eine innere Wut die Neire spürte, als er begann Halbohr zu sticheln? Vielleicht war es auch Neid auf dessen Fähigkeiten mit dem Dietrich. Ich habe ihm bereits zugeschaut, wie er Schlösser mit spielender Leichtigkeit knackt. Ich muss ihn weiter beobachten um mir seine Fähigkeiten anzueignen. Neire dachte an Nebelheim; was er mit solchen Fähigkeiten dort für Unfug hätte treiben können. Zugang zu den verschlossenen Bereichen der großen Bibliothek hätte er sich verschafft. Was hätte dort für Wissen gewartet… Neire bemerkte, dass Halbohr ihn zwar abfällig musterte, aber ihm nicht antwortete. „Ich werde euch auf die Sprünge helfen, auch wenn das eine klare Verletzung eures Vertrages ist. Denn eigentlich werdet ihr für solche Dienste nach Vertrag bezahlt.“ Neire hob in arrogante Miene sein Kinn und betrachtete Halbohr mit einem neckischen Lächeln. „Ah, Neire“, stöhnte Halbohr. „Ein Vertrag, den ihr verbrannt habt und dessen Wirksamkeit ihr angezweifelt habt. Wir können ihn gerne auflösen.“ Jetzt war es Halbohr, der ihn grimmig angrinste. Die Wut wuchs augenblicklich in Neire. Er stampfte mit einem Fuß auf den Boden, so dass er Staub aufwirbelte. Doch dann dachte er nach. Halbohr musste sich an den Vertrag halten, obwohl er durch das ewige Feuer von Jiarlirae bereits aufgelöst wurde. „Nein, Halbohr! Wir können den Vertrag nicht auflösen, weil er bereits durch die Flammen Jiarliraes aufgelöst wurde und nicht mehr existiert. Also haltet euch an euren Vertrag und dient mir so, wie es sich gehört!“ Neire sah, dass jetzt Halbohr vor Wut kochte und er lachte kindlich auf. Doch plötzlich war da der besänftigende Geruch von Wald und von Harz. Die Gestalt von Gundaruk drängte sich zwischen Neire und Halbohr. Gundaruk klopfte mehrfach mit dem Speer auf dem Boden, als er Worte der Beruhigung murmelte und beide auseinander drückte.

Nachdem sie den Raum abgesucht hatten, hatte Halbohr gehandelt. Einer musste es ja tun und er würde sich an den Vertrag halten. Umso größer sollte sein Anteil an den Schätzen sein. Er redet zu viel und handelt nicht; und wenn er handelt, dann sind es meist unsinnige, jugendliche oder grausame Taten, dachte Halbohr. Neire hatte eine Zeit lang von den dunkelelfischen Zahlen Null, Eins, Zwei und Drei gesprochen, die auf dem unteren Segment der Säule eingraviert waren. Zudem hatte sich der junge Priester ausgelassen über die ach so abscheulichen Rätsel dieser Kreaturen und dass Nebelheim über dem Ganzen stand. So hatte er, Halbohr, gehandelt und das zweite Segment von unten gedreht. Tatsächlich war es beweglich gewesen. Es hatte eine Erschütterung eines Mechanismus im Stein gegeben und ein Teil des Bodens war, zugunsten einer hinabführenden Treppe, in die Tiefe geglitten. Jetzt schritt Halbohr mit Gundaruk die Stufen hinab, während Neire und Bargh den oberen Bereich sicherten. Die Gedanken ließen ihn nicht los. Was wenn er wieder einen seiner kindlichen Streiche im Kopf hat? Was wenn er an einem weiteren Segment dreht? Halbohr kehrte sich um und flüsterte in die Dunkelheit hinauf: „Neire, wartet mit dem Drehen von anderen Segmenten. Wartet, bis wir euch ein Signal geben.“ Täuschte es ihn oder hörte er diesmal das schäbige Lachen von Bargh? Halbohr, der voraus ging, war jetzt am Fuße der Treppe angelangt und sah einen kleinen Gangabschnitt, zu dessen Rechten er eine Türe bemerkte. Auch dieses Portal war aus Stein und trug die Freske der Strahlen, in Form von radialen Linien. Kein Schlüsselloch war auf dieser Türe zu sehen, jedoch entging Halbohr nicht die gegenüberliegende Wand, gezeichnet von Kratzspuren; es sah so aus, als ob diese beweglich im Stein wäre. Gerade wollte er seine Stimme erheben, da hörte er erneut das Knirschen von Stein und sah, wie sich die schwere Türe vor ihm wie von Geisterhand öffnete. Die Wut stieg in weiteres Mal in Halbohr auf. Kann der Junge nicht einmal auf mich hören? Oder ist es Bargh gewesen? Ich habe sein verrücktes Lachen gehört. Es machte keinen Unterschied. Die beiden schienen unzertrennbar, nachdem Neire ihn zuerst ermordet und dann von den Toten zurückgeholt hatte. Das verbrannte Gesicht des Kriegers und der glühende rote Rubin im Auge von Bargh bereite Halbohr schon seit längerem Unbehagen. Doch Bargh konnte sich wohl aufgrund seiner damaligen Trunkenheit nicht an seine Ermordung erinnern.

Sie waren danach vorsichtig weitergeschritten und hatten hinter der geöffneten Türe eine karge Zelle entdeckt. Die Wände waren von Kratzspuren überzogen gewesen und in einer Ecke lag der skelettierte Leib einer großen Schlange mit einem menschlichen Schädel. Es hatte so ausgesehen, als ob die Kreatur schon seit Jahrhunderten hier unberührt liegen würde. Gundaruk hatte die Knochen durchsucht und ein Futteral mit einer Schriftrolle fremder arkaner Symbole, drei Tränke in unterschiedlichen Farben und eine kleine Kiste mit einer Kristallkugel gefunden. Gundaruk und Halbohr hatten sich dann kurz mit Bargh und Neire ausgetauscht, um zu erfahren, dass das dritte Segment auf die Eins bewegt worden war. Schließlich waren sie wieder hinabgestiegen und hatten Bargh und Neire gesagt, sie sollten das zweite Segment auf die zweite Position bewegen. Nach der Betätigung durch Bargh und Neire hatten Gundaruk und Halbohr abermals gesehen, dass sich die Wand vor ihnen in den Boden hinabbewegte. Sie waren einer weiteren Treppe in die Tiefe gefolgt. Jetzt standen sie in einem unteren ebenerdigen Gang und einer Türe zur Rechten. Die Freske der Strahlen, in Form von radialen Linien war auch dort zu sehen – kein Schlüsselloch. Gundaruk, der hier gebückt ging, erhob seine tiefe laute Stimme eines alten Akzentes: „Neire, Bargh… dreht das dritte Segment auf die zweite Position.“ Er lauschte auf eine Antwort, doch an deren Stelle hörte er das Knirschen von Stein und sah, dass auch diese Türe nach innen aufschwang. Dann ging alles ganz schnell. Sie bemerkten gerade noch die karge Zelle und die Kreatur die sich dort bewegte. Kaum hatten sie ihre Waffen erhoben, schon stürmte ein Krieger auf sie zu, der zwar von kleiner, schlanker Statur, doch umso mehr furchteinflößend war. Die Gestalt vor ihnen war berüstet mit Ketten und Panzer, mit Säbel und Picke. Unmöglich konnte sie noch leben. Die linke Schädelhälfte war eingeschlagen und Augen glühten wie aus weißlichem Eis in der Dunkelheit. Halbohr stand an der Türe, als die Gestalt bereits mit dem Säbel auf ihn einstach. Blut sprudelte aus seiner rechten Schulter auf, doch er versuchte ihr den Weg zu blockieren und schrie: „Neire, schließt die Türe. Dreht das Segment zurück.“ Tatsächlich ging einen kurzen Moment später ein Rucken durch die Türe. Der Angriff mit der Picke krachte funkensprühend gegen die Steinwand und die Gestalt verlor das Gleichgewicht. Sie wurde bereits im Angriff von der Türe erfasst und im Fallen über den Boden nach vorne gedrückt. Halbohr und Gundaruk nutzten den Vorteil aus und stachen mehrfach mit ihren Waffen auf die Kreatur ein. Gerade unter Gundaruks mächtigen Angriffen splitterten mehrere Knochenstücke ab. Die Gestalt schien einen Augenblick wie gelähmt, unfähig sich unter dem Regen der Angriffe zu erheben. Doch dann erhob sie sich, stärker als zuvor. Sie sahen, dass das weißliche Glühen der Augen jetzt beißend für ihren Blick war. Gundaruk und Halbohr bereiteten sich auf das Schlimmste vor, doch plötzlich explodierte die Luft vor ihnen. Sie wurden geblendet von zwei Magma-artigen Geschossen schattenhafter Flammen, die in die Kreatur gefahren waren. Das Skelett der Gestalt begann von innen her zu brennen. Für einen kurzen Moment war die Hitze unerträglich. Dann hörten sie das Knacken und Knistern der flammenden Knochen als der skelettene Krieger vor ihnen zusammenbrach. Nur noch den Jubel von Bargh konnten sie vernehmen, der vor Neire niedergekniet war und bereits dessen Tat lobpreiste. Da war es wieder, das rötliche Funkeln in den Augen des Jünglings, dem Kind der ewigen Flamme. Sie hörten die lispelnde Stimme von Neire und den fremden Akzent: „Bargh, bringt mir seinen Leichnam.“ Es dauerte nicht lange, da hatte der große Krieger in dem silbernen Plattenpanzer den Befehl befolgt und Neire starrte auf die noch qualmenden Überreste. Er blickte zuerst Bargh, dann Gundaruk, dann Halbohr an: „Wie schwach sie doch sind“, sagte Neire, der durch die Strapazen der Reise abgenommen hatte und hagerer wirkte als zuvor. „Er trägt die Wappen des Hauses von Duorg und ein Herrschersymbol. Es ist Raxor, der Bruder von Rowa und Raxira. Jetzt habe ich zwei der Geschwister ermordet und Raxira wird die Nächste sein.“ Neire wandte sich Bargh zu und seine überhebliche Miene wandelte sich in ein freundliches Lächeln. „Nebelheim hat den Krieg gegen das Dunkelelfenreich gewonnen. Es war schon immer stärker und wärt ewiglich, doch es ist in Gefahr. Wir müssen weitersuchen, suchen nach den Schlüsseln in die brennende Düsternis.“

Halbohr stand vor der segmentierten Säule. Ja, er hatte die Macht des Feuers gespürt, als Neire die untote Kreatur vernichtet hatte. Das Kind der Flamme, wie er sich selbst nannte, war auf unheimliche Art und Weise stärker geworden. Als ob er Feuer- und Schattenmagie seiner Göttin nach Belieben kanalisieren könne. Doch bei aller Macht des Jungen. Das war zu viel, das konnte Halbohr sich nicht bieten lassen. Sie hatten nach dem Kampf das zweite Segment ein weiteres Mal gedreht – auf die dritte Position. Tatsächlich hatte sich eine neue, untere Treppe in die Tiefe geöffnet. Gundaruk und Halbohr waren hinabgeschritten und hatten eine Dritte dieser schlüssellochlosen Türen gefunden. Bevor sie unten ankamen, hatte Gundaruk bemerkt, dass er glaube, die Gefahr stiege an mit zunehmender Tiefe. Sie hatten dann unten gewartet, hatten geschrien und gerufen. Neire möge das dritte Segment weiterdrehen. Doch nichts war passiert. So war er, Halbohr, hinaufgeschlichen. Hier hatte er Bargh und Neire angetroffen. Beide saßen um ein kleines Feuer aus angezündeten Decken, sprachen ihre Gebete und waren selbst nicht ansprechbar. Ein weiteres Mal musste er handeln. Seine Hand berührte das dritte Segment, dass noch auf der zweiten Position stand. Dann sah er das vierte und letzte Segment, die Halbkugel, die immer noch auf Position Null ruhte. Was ist eigentlich seine Funktion? Ich sollte es ausprobieren. Was kann Gundaruk da unten schon passieren? Und wenn schon, dieser merkwürde Krieger kam aus einem Grab und scheut sich eine Seite zu ergreifen. Außerdem wollte er meinen Vertrag nicht unterschreiben. Halbohrs Hand glitt zum letzten, oberen Segment. Er begann augenblicklich die Halbkugel zu drehen: Eins… Zwei… Drei. Auf der dritten Position hörte ein entferntes Vibrieren im Stein und sah, zu seiner Bestürzung, dass sich das dritte Segment auf Position Drei mitdrehte. Zudem flimmerte neben ihm ein Bereich von Wand zu Wand für einen kurzen Moment in magisch, bläulichem Schimmer auf. Was hatte er getan?

Gundaruk stand vor der Türe in völliger Dunkelheit. Er stützte seinen großen Körper auf den Speer und dachte nach. Das Band der goldenen Runen gab ihm Zuversicht; Zuversicht trotz seiner aussichtslosen Lage. Werde ich mein Volk, werde ich meine Freunde, meine alten Kameraden wiedersehen? Wie viele hundert Jahre habe ich in diesem Grab gelegen? Immer wenn er sich umblickte, spürte er Angst und Erregung Adrenalin durch seinen Körper schießen lassen. Er blickte wieder auf das Runenband. Neire hatte etwas erzählt über die Kristallkugel. Der Junge, so seltsam er ihm auch vorkam, schien über große Weisheit und Schriftwissen zu verfügen. Er hatte gesagt, die Kristallkugel sei ein Objekt legendärer Macht. Ein Gegenstand, der von Königen und Kaisern besessen wurde. Ein Gegenstand, der sie in die Besessenheit getrieben hatte. Ein Gegenstand, mit dem man Raum und vielleicht sogar Zeit durchblicken könne. Die Gedanken ließen Gundaruk nicht mehr los. Vielleicht konnte er durch die Kugel in sein Land blicken, sein Volk sehen. Fels und See, Wald und Moor. Die Hallen und Haine meiner Ahnen. So sehr war er in Gedanken versunken, dass er aufschreckte. Er hörte das Knirschen von Stein und sah wie die Türe sich nach innen öffnete. Vor ihm gierte die Dunkelheit des Portals und seine Gedanken drehten sich um drei Sätze im Kreis: Wo ist Halbohr? Hat er mich hier zurückgelassen? Hat der elfische Söldner mich verraten?

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Sitzung 18 - Bargh, der Drachentöter
« Antwort #18 am: 12.06.2022 | 22:59 »
Das klackende Geräusch und das Vibrieren des Steines riss Neire aus seinem fast Trance-ähnlichem Zustand. Er richtete sich langsam auf und blickte sich um. Neben ihm kniete Bargh, der weiter die Verse ihres Gebetes an die große Göttin aufsagte. Der Krieger Jiarliraes war gekleidet in seinen silbern schimmernden Plattenpanzer, auf dem einige Scharten schwerer Schwerthiebe zu sehen waren. Neires Blick glitt unweigerlich an der Silhouette seines Gefährten und Dieners vorbei, als er sich umdrehte. Der Kopf des ehemaligen Paladins trug die jetzt verheilten, rötlich schimmernden Brandwunden Jiarliraes Feuer, die hier und dort sein ehemals volles Haar ausgedünnt hatten. Bargh hatte die Augen geschlossen und so war der rote Rubin, der sein rechtes Auge ersetzte, nicht zu sehen. Als Neire sich in Richtung der segmentierten Säule umgedreht hatte, sah er, dass Halbohr zu ihnen aufgestoßen war und gerade von der Säule abließ. Die Wut fuhr augenblicklich durch Neire, als er den elfischen Söldner betrachtete. Er widersetzt sich meinen Anweisungen und stört unser Gebet. Für viel weniger wurden Frevler in Nebelheim hingerichtet. Die Decken, die sie zuvor angezündet hatten, waren heruntergebrannt und warfen einen Schimmer von rötlicher Glut durch den von Rauch erfüllten sechseckigen Raum. Obwohl Neire von der Glut des Feuers hinfort blickte, spiegelte sich doch der rötliche Glanz in seinen Augen. Er zog seinen Degen mit der gewellten Klinge und dem schlangenverzierten Griff. Halbohr hatte ihm immer noch den Rücken zugedreht. Neire legte seinen Kopf quer und ein verrücktes, mordlustiges Lächeln war in seinem schönen Gesicht zu sehen. Er setzte den Degen zu einem Stich an und machte einen leisen Schritt in Richtung von Halbohr. In diesen Moment hörte er jedoch das Ächzen von Bargh und bemerkte, dass der Krieger sich begann aufzurichten. Neire ließ augenblicklich den Degen sinken, als sich Halbohr umdrehte: „Halbohr! Ihr seid zurückgekehrt von unten. Was habt ihr getan?“ Er sah, dass der Söldner einen Blick von Freude im Gesicht hatte. Vielleicht hat er die Funktion der Säule verstanden, doch das ändert nichts an seinem Frevel. „Wir hatten gerufen, ihr möget die Säule drehen Neire. Doch nichts ist passiert.“ Kurz nachdem Halbohr geantwortet hatte, war Bargh an seine Seite getreten. Neire blickte hinüber zu ihm und murmelte abfällig und in zischelnden Singsang. „Er ist ein Ungläubiger und er weiß nicht was Pietät ist.“ Kurz darauf drehte er sich wieder Halbohr zu. „Und Gundaruk? Wo ist er?“ Es dauerte nicht lange, bis Halbohr antwortete. „Er ist unten geblieben und bewacht die Türe.“ „Also traut ihr ihm, Halbohr?“ Neire sah, dass sich Halbohrs Miene veränderte und langsam wieder diesen indifferenten, militärisch-nichtssagenden Blick annahm. „Ich traue ihm genauso wenig, wie ich euch traue Neire.“ Neire spürte, dass ihn diese Worte zutiefst trafen. Habe ich ihm nicht bereits zweimal das Leben gerettet? Er sollte mir unterwürfig dienen, mir zujubeln. Er sollte beten zu Jiarlirae, beten für seine arme, schwache, für die ewige Verdammnis bestimmte Seele. Neire blickte Halbohr an und sprach jetzt langsam und eindringlich. „Habe ich euch nicht bereits zweimal das Leben gerettet? Alleine das verpflichtet euch schon mir zu trauen und zu dienen. Und Gundaruk, was hat er schon für euch getan?“ Er sah, dass seine Worte Halbohr erreichten, doch da war plötzlich die hünenhafte Gestalt von Gundaruk, die am Einstieg der hinabführenden Treppe auftauchte. Neire sah seine grünlich pulsierenden Augen in der Dunkelheit und hörte die Stimme in dem fremden, veralteten Akzent: „Kommt, schnell. Die untere Türe hat sich geöffnet.“

Sie hatten daraufhin alle ihre Waffen gezogen und waren in die Tiefe zurückgekehrt. Den oberen Raum hatten sie unbewacht gelassen. Stufe um Stufe waren sie vorsichtig hinabgeschritten. An jeder Ecke hatten sie gelauscht. Auf der Hut vor dem, was auch immer sie dort vielleicht freigelassen hatten. Doch es war ihnen nichts begegnet und als sie an der untersten Türe ankamen, sahen sie, dass diese weit geöffnet war. Dahinter führte eine steile Treppe hinab. In der Tiefe erahnten sie eine größere Halle, die sie von ihrer Position nicht einsehen hatten können. Halbohr hatte aus der Tiefe ein schweres rhythmisches Atmen gehört. Nach kurzer Beratung war Halbohr als erstes die Stufen hinabgeschlichen. Bargh und Neire sowie Gundaruk waren ihm schließlich gefolgt.

Halbohr stand am Fuße der Treppe und blickte in den grünlichen Nebel vor ihm. Der wabernde Dunst bedeckte den steinernen Boden des dunkelelfischen Gewölbes, das sich vor ihm auftat. Die Halle, vor langer Zeit in das Felsgestein geschliffen, hatte riesige Ausmaße. Sie war so groß, dass er sie nicht vollständig durchblicken konnte. In der Mitte sah er eine viereckige Konstruktion aus Metall- oder Steinplatten aufragen. Ähnlich einer Pyramide verjüngte sich das Ungetüm nach oben hin und endete in einer Plattform kurz unter der Decke der Halle. Dort sah Halbohr dunkle breite Metallrohre vom Gewölbe in das Konstrukt hineinführen. Außerdem waren den detailversessenen Augen des elfischen Söldners nicht die beiden Türen entgangen, von denen eine auf der Rechten und eine andere auf der Linken zu sehen war. Halbohr hatte den Boden vor sich abgetastet und war sich sicher, dass dort keine Falle auf ihn wartete. So befestigte er das Stück Filz seines Mantels als Atemmaske über seinem Mund und machte den ersten Schritt in die Halle hinein. Er bewegte sich auf das Konstrukt zu, in dessen Mitte er eine vieleckige Vertiefung sah, die er als Mechanismus für einen komplizierten Schlüssel vermutete. Angst bereitete ihm das tiefe Atmen, das er noch immer hörte. Es schien aus dem Inneren des Konstruktes zu kommen, wie auch das grünliche Gas, dass er durch einen faustbreiten Riss auf der rechten Seite der Konstruktion austreten sah. Halbohr begann vorsichtig die Vertiefung zu untersuchen, die sich tatsächlich als ein Schloss herausstellte. Die Komplexität des Mechanismus war beeindruckend. Eine Falle konnte er hier allerdings nicht finden. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Gundaruk sich zu seiner Rechten und Neire und Bargh zu seiner Linken um das Konstrukt und an den Türen vorbeibewegten. Halbohr ließ von dem Schloss ab und folgte leise Gundaruk um die rechte Seite herum. Hinter dem Konstrukt war eine Rückwand der Halle zu erkennen. Gundaruk war bereits vorgeschritten und hatte sich mit Bargh und Neire vor einem mehrere Schritte hohen und breiten Portal getroffen, das in der Mitte der Wand zu sehen war. Trotz der fast unmenschlichen, abnormalen Größe von Gundaruk überragte das Portal den Speerkrieger etwa um das Doppelte. Halbohr schlich sich näher heran und sah, dass Neire mit dem vernarbten linken Arm auf das riesige Symbol deutete, dass über den beiden Türflügeln zu sehen war – eine silberne Spinne mit glühend blauen Augen. „Sehet, es ist das Hauswappen der Familie von Duorg. Es muss sich um ihren Kerker, um ihr Gefängnis handeln.“ Halbohr konnte erkennen wie die Hand von Neire in die verschiedenen Ecken des silbernen Musters zeigte. Erst jetzt sah er den Schimmer eines bläulichen, magischen Vorgangs, als ob er im Netz dieses Symbols verankert wäre. Er hörte Neire fortfahren: „Wahrscheinlich ist es eine magische Schutzbarriere, wie wir sie zuvor in dem oberen Raum gesehen haben. Die Duorgs, falls noch welche von ihnen übriggeblieben sind, möchten nicht, dass wir hier eintreten.“ Halbohr war mittlerweile zur Gruppe aufgeschlossen und sah, dass Bargh seine Stimme erhob. Es fiel ihm sofort auf als dieser begann zu sprechen. Ein leises Lispeln war auch von Bargh zu hören. Zudem bemerkten die feinen Augen von Halbohr, dass Blut aus den Mundwinkeln von Bargh lief. „Die Türen scheinen alle verschlossen, doch wir könnten versuchen das Wesen, das dort atmet zu töten. Wir könnten es durch den Riss angreifen.“ Halbohr konnte sehen, dass auch die Zunge von Bargh gespalten war. Anscheinend hatte er sich selbst verstümmelt und die Spitze zerbissen oder aufgeschnitten. Die Wunde schien noch frisch zu sein. „Bargh, wart ihr schon einmal fischen?“ Die seltsame Frage Gundaruks ließ Bargh und Neire aufhorchen. Halbohr fühlte, dass plötzlich irgendeine Art Anspannung um seine Gefährten war. „Was meint ihr Gundaruk? Fischen? Ja, als Kind war ich einmal fischen.“ Das konnte ja dann noch nicht so lange her gewesen sein, dachte Halbohr, als er den Krieger Jiarliraes betrachtete. Wie alt mochte Bargh wohl sein, 18, 19 Jahre vielleicht. Durch die Brandwunden im Gesicht sah er jetzt etwas älter aus. „Nun, dann solltet ihr ja wissen, dass man Fische nicht fängt, in dem man einfach blind ins Wasser sticht.“ Halbohr hörte die Antwort von Gundaruk und sah, dass Bargh und Gundaruk sich jetzt bedrohlich gegenüberstanden. „Ich habe einen Mechanismus gefunden, der es öffnen könnte.“ Halbohr wies mit seinem linken Dolch in Richtung des Konstruktes als er sprach. Er sah wie Neire zwischen den beiden hervorkam und ihn anlächelte. „Gut gemacht, Halbohr. Wir sollten jedoch bedacht vorgehen. Ich befürchte, dass dies mehr von diesem grünlichen Nebel freisetzen wird. Untersucht einmal meine Hand Gundaruk. Ich habe sie eben in den Nebel gehalten.“ Halbohr schaute jetzt zu wie Neire seine vernarbte linke Hand zu Gundaruk hinaufstreckte, der sie behutsam untersuchte. Es dauerte einige Zeit bis der Speerträger antwortete. „Neire, das sind die ersten Anzeichen einer leichten Verätzung. Das Gewebe beginnt abzusterben und es bilden sich weiße Stellen. Ähnlich wie bei einer Säure.“ Halbohr betrachtete weiter Neire, der anscheinend nachdachte. „Ich kann meine Göttin anrufen um euch vor Säure zu schützen. Doch es wird eine Zeit dauern. Lasst mich meine Vorbereitungen treffen, dann werde ich euch schützen und Halbohr kann den Mechanismus betätigen.“ Neire blickte jetzt auch in seine Richtung und Halbohr nickte. Auch wenn er nicht glaubte, dass der Segen der Göttin ihm helfen würde, so würde es ihm ja auch nicht schaden. Halbohr blieb in den Schatten zurück als der Rest der Gruppe sich in den Gang über der Treppe zurückzog. Er würde die Zeit nutzen um nach Fallen und geheimen Verstecken zu suchen. Er ahnte noch nicht, dass ihm der Segen von Jiarlirae das Leben retten sollte.

Neire hatte die Schutzzauber auf Halbohr, Gundaruk und Bargh gewirkt. Jetzt wiederholte er ein weiteres Mal die Worte und legte sich die linke Hand auf die Brust. Er spürte für einen kurzen Moment das Brennen von Feuer, das in seinen Körper eindrang. Wie der Schmerz bis in die Finger und Zehenspitzen lief. Dem Glühen, das von seiner Hand ausging, folgten Schatten, die sich über seinen Körper ausbreiteten. Er lugte in Richtung von Halbohr und sah, dass der elfische Söldner sich bereits an dem Mechanismus zu schaffen gemacht hatte. Jetzt musste er das Gebet sprechen, sollte es zu einem Kampf kommen oder nicht. Verloren wäre der Segen keinesfalls, den er hier entfesseln würde. Das Gebet würde diesen Ort reinigen. Die Macht Jiarliraes würde hier eindringen. Neire stimmte die Verse des liturgischen Gesanges an, so wie es ihn die Platinernen Priester gelehrt hatten. Er dachte dabei zurück an die Lehrstunden bei Mordin. An seine Aura der Weisheit, an seine schlangenhaften wachen und fordernden Augen. Wie er mit ihnen gesungen hatte – den Anwärtern, die alle Kinder der Flamme werden wollten. Für einen kurzen Moment fühlte er eine innere Wehmut, als er an diese Stunden zurückdachte. Er hatte Mordin immer als höheres Wesen bewundert und der Platinerne Priester hatte etwas Majestätisches gehabt: Die geschickte Anmut seiner Bewegungen; der drahtige menschliche Torso mit der schimmernden Rüstung, getragen von dem breiten Unterleib einer Schlange… Neire beendete den Zauber und die disharmonischen Klänge erfüllten die von Chlorgas geschwängerte Luft. Halbohr war noch an dem Mechanismus zu Gange, doch es war ein vielfarbiges Licht zu sehen, das aus der Öffnung des Schlüssellochs kam. Da war auch ein Rasseln von Metall, das lauter und lauter wurde. Tatsächlich begann sich das Konstrukt zu bewegen. Zuerst fing es langsam an, doch dann begannen einzelne Metallteile wie eine Lawine nach unten zu rutschen. Wie als ob geführt, verschwanden sie im Boden und machten den Blick frei – den Blick frei auf etwas Grauenvolles. Nein, er konnte seine Augen nicht davon lösen. Wie erstarrt stand Neire dort an seiner Wand und betrachtete die Kreatur, die sich hinter den Platten verborgen hatte. Augenblicklich wurde er an Nebelheim zurückerinnert. An das große Fest, an die Menschenschlange des wahren Blutes, die das neue Zeitalter einst einläuten sollte. Doch dies war keine Menschenschlange die er dort sah. Die Kreatur war falsch. Besiegt, gefoltert, verstümmelt und in Ketten gelegt. Sie konnte keine Menschenschlange sein, denn sie diente den Duorgs. Tränen liefen über seine Wangen hinab, als Neire das Wesen betrachtete. Der Drache schimmerte grünlich in der Dunkelheit. Elegant waren seine Schuppen anzusehen, doch er war abgemagert. Viel schlimmer noch. Schwanz und Flügel waren abgehackt und gewaltige schwarze Ketten mit Widerhaken besetzen Nägeln in seinen Körper getrieben worden. Die einst stolzen Zähne seines Mauls waren zur Hälfte zertrümmert und die Kreatur schien in ein dickes Rohr verbissen zu sein, das zur Decke hinaufführte. Doch nur auf den ersten Blick. Ketten hatten den Kopf der Kreatur so fixiert, dass sie ihn nicht von dem Rohr wegbewegen konnte. Augenblicklich wandelte sich die tiefe Bestürzung, die in der Erinnerung an die Menschenschlange begründet war, in Wut und Hass. Eine Schlange die sich unterjochen hat lassen. Ein unterlegenes, abscheuliches Gewürm. Ich werde dich töten, töten für den Ruhm der wahren Menschenschlange. Neire erhob seine zischelnde Stimme, die sich jetzt vor Wut fast überschlug: „Sehet, die falsche Schlange. Unterjocht und gebrochen. Sie dient nicht Nebelheim. Tötet sie, mordet im Namen Jiarliraes. Für den Ruhm von Ziansassith.“ Der Gesang des Gebets beflügelte seine Worte und er sah, dass sie angriffen. Bargh, Halbohr und Gundaruk. Doch die Kreatur, deren Augen milchig schimmerten und bereits vor langer Zeit ausgestochen waren, begann sich zu wehren. Tief bäumte sie ihren Körper auf und die Ketten klirrten. Dann stieß sie ihren totbringenden Atem aus. Eine Gaswolke, die den Raum wie eine Welle durchfloss und sich an den Wänden brach. Halbohr und Gundaruk waren mitten im Gas. Der göttliche Segen stand ihnen bei, doch Halbohr sank ohnmächtig zusammen in den grünlichen Schwaden. Gundaruk war noch auf den Beinen und kämpfte tapfer weiter. Dann beschwor Neire die Magie des Feuers, die Mächtigste, die er hatte - vergeblich. Die Luft explodierte um die Kreatur und vertrieb das Gas, aber der Drache schien immun zu sein gegen sein Feuer. Doch war da Bargh. Er schoss mit seiner Armbrust und der Bolzen bohrte sich durch das Auge tief in das Gehirn der Kreatur. Ohne großen Kampf und wildes Gezucke ging sie hernieder und hauchte ihr Leben aus. Als ob sie den Tod herbeigesehnt hätte. Neire jauchzte und frohlockte. Er lief augenblicklich zu Bargh, legte ihm eine Hand auf die Schulter und lächelte ihn an. Dann sprach er eines der heiligsten Gebete, welches er in Nebelheim erlernt hatte. Denn sie hatten heute etwas Großes vollbracht. Sie hatten die falsche Menschenschlange getötet:

Ziansassith war die Menschenschlange des wahren reinen Blutes. Er stieg hinab zur schwarzen Natter, Abbild unserer Göttin. Er war der treueste Anhänger Jiarliraes und gab sein Leben, damit Feuer und Schatten weiter existieren können. Feuer ist sein Reich, Schatten seine Seele. Vollendet seine Herrlichkeit, in seiner Form als Yeer’Yuen’Ti.

Neire sah, dass Bargh gerührt war von seiner Lobpreisung und er fuhr fort. „Bargh, heute ist ein großer Tag. Wir haben die falsche Menschenschlange getötet. Ihr habt sie getötet. Bargh. Ab heute seid ihr ein Drachentöter. Bargh, der Drachentöter.“

Bargh und Neire hatten eine Weile frohlockt in den sich auflösenden Schwaden des ätzenden Atems. Sie hatte auch gesehen, dass Gundaruk den immer noch bewusstlosen Halbohr nach oben trug, um ihn in dem sechseckigen Raum auf eines der steinernen Betten zu legen. Sie beide hatten ihm geholfen, den Körper des bulligen Elfen die steile Treppe hinaufzuziehen. Gundaruk wollte sich um Neires bezahlten Beschützer kümmern und er hatte ihnen aufgetragen, ihm eine Drachenschuppe mitzubringen. Jetzt war Gundaruk verschwunden und sie waren alleine mit dem Leichnam der Kreatur in der großen Halle. Nachdem sie den leblosen Körper abgesucht hatten, kletterte Neire auf den Kopf und seine Stimme hallte durch den unterirdischen Saal: „Bargh, schaut. Ich habe etwas gefunden.“ Er wartete bis Bargh an den massiven Kopf herangetreten war und zeigte auf das Auge. „Seht, ihr habt durch euren tödlichen Schuss in das Auge einen Zugang geöffnet.“ Ein Gefühl von Ekel überkam Neire, als er begann seine linke Hand in das Auge einzuführen. Das Innere war noch warm und roch nach Eiter. Er spürte Sehnen und Muskeln. Als er den Arm fast bis zum Ellenbogen in das Auge hineingesteckt hatte ertastete er das Gehirn der Kreatur. Doch die Substanz war nicht weich, wie er es kannte. Er griff zu und riss ein fast faustgroßes Stück hervor. Das Gewebe war auch nicht blutig, sondern grau und hatte den Gestank von Fäulnis inne. Der Geruch und der Anblick erzeugte einen leichten Würgereiz, doch Neire biss in die Substanz, kaute und würgte es hinunter. Dann reichte er den Rest lächelnd zu Bargh, hinab, der ihn beobachtet hatte. „Bargh, kostet von dem Gehirn der Kreatur. Wir haben sie besiegt und werden uns ihre Kräfte aneignen.“ Bargh nickte und fing an den Rest zu verzehren. Derweil hatte der Jüngling auf dem Kopf platzgenommen und blickte wohlwollend auf seinen Kameraden hinab. Natürlich glaubte Neire nicht, dass sie sich durch das Essen des Gehirns irgendwelche Kräfte dieser Kreatur aneignen würden. Doch es würde Bargh vorbereiten auf Nebelheim. Und es würde ihn entfremden – entfremden von seinem alten Leben. Die Vergangenheit musste für ihn ein für alle Mal unerreichbar sein. Jetzt war er ein Drachentöter, ein Krieger Jiarliraes, geküsst von der brennenden Düsternis.

Gundaruk zog den massiven Körper Halbohrs die Stufen hinauf. Er dachte nach. Wie Halbohr ihn in der Dunkelheit hatte warten lassen. Dann war ein Mechanismus betätigt worden, der die Tür geöffnet hatte. Hatte Halbohr in Kauf genommen, dass er dort unten alleine war. Hätte er ihn im Stich gelassen? Die Gedanken von Gundaruk kreisten nicht lange um das Erfahrene. Mit seinen Kameraden war er im Krieg gewesen. Doch verraten worden war er nie. Die Bilder des Krieges waren jetzt zurückgekehrt in seinem Kopf. Grauenvolle Wunden und Blut. Wie er Überlebende mit der Kraft der Natur geheilt hatte. Er hatte ihnen geholfen, doch einige hatten für immer Verstümmelungen behalten. Auch wenn Halbohr ihm seine Hilfe bis jetzt nicht gedankt hatte, wusste Gundaruk, dass er ihm jetzt helfen musste. Er kannte die Gedanken von Leistung und Gegenleistung nicht. Unter seinen Leuten hatte jeder ohne zu fragen für den anderen gehandelt. Gundaruk war mittlerweile in dem sechseckigen Eingangsraum angekommen und legte Halbohr behutsam auf eines der Steinbetten. Er bemerkte Verätzungen an Halbohrs exponierter Haut und den Atemwegen. Gundaruk holte einige getrocknete Blüten hervor, die er mit einer Handvoll Wasser einweichte. Dann rief er, zu den Göttern der Haine und der Quellen, der Eichen und der Buchen, dem ewigen Kreislauf der Natur. Er sah, dass die Blätter verwelkten als er Halbohr den Trank einflößte. Seine Magie wirkte und es kehrte Leben zurück in seinen Begleiter.

Eine Zeitlang hatte Gundaruk bei Halbohr gesessen und nachgedacht. Immer wieder war seine Hand in seine Tasche geglitten und hatte den glatten, kalten Kristall berührt. Doch er erinnerte sich an die Worte von Neire, der vor Verrücktheit und Besessenheit gewarnt hatte. Dann waren Bargh und Neire zurückgekehrt und hatten ihm die Schuppe gegeben, nach der er sie gefragt hatte. Lange hatte er das Stück des Leibes betrachtet und immer wieder in den Händen gedreht. Die Schuppe war so leicht, und doch härter als jeder Stahl… Halbohr war noch immer bewusstlos und so hatte er sich kurz mit Neire beraten. Sie hatten entschlossen eine Zeit in diesem Raum zu rasten. Bis es Halbohr besser ging. Gundaruk hatte die erste Wache übernommen. So lauschte er den Stimmen von Bargh und Neire, die zwischen drei Fackeln saßen und seltsame Verse beteten. Das Licht warf lange tanzende Schatten in den Raum und erhellte Neires nackten Oberkörper. Gundaruk starrte fasziniert auf den Jüngling und betrachtete den verbrannten linken Arm. Die Narbe Neires zog sich bis zum Oberarm. Dort funkelten drei rote Juwelen, als ob sie mit der Haut des Armes verwachsen wären. Gegenüber sah er den Feuerrubin in Barghs rechtem Auge schimmern. Gundaruk blickte abwechselnd zu seinen neuen Mitstreitern und dachte zurück an seine alten Kameraden. Er sehnte sie sich so herbei, die alte Zeit – seine Zeit.
« Letzte Änderung: 18.06.2022 | 22:24 von FaustianRites »

Offline Jenseher

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Sitzung 19 - Die Reise durch das Unterreich
« Antwort #19 am: 18.06.2022 | 22:27 »
Halbohr ließ den Kopf hängen und zog röchelnd die Luft ein. Seine Lunge schmerzte. Es gab zudem ein rasselndes Geräusch, das er aus dem Inneren hören konnte. Der ätzende Atem der Kreatur hatte ihm zugesetzt. Doch in seinem Fiebertraum, der ihm während seiner Ohnmacht widerfahren war, hatte er auch das Gefühl von Hoffnung verspürt. Als ob er den Geruch von Laub und Harz vernommen hätte. An mehr konnte er sich nicht erinnern. Er betrachtete das verätzte Fleisch seiner Hände und Arme. Die Haut war an einigen Stellen weiß geworden und begann bereits sich zu pellen. Er saß jetzt teilnahmslos dort und ein Gefühl der Verzweiflung machte sich in ihm breit. Wieder war es ein Kampf gewesen, der ihn fast das Leben gekostet hatte. Bevor er in Ohnmacht gefallen war, hatte er den Segen der seltsamen Chaosgöttin gespürt, ohne deren Beistand er vielleicht nicht mehr am Leben wäre. Konnte er wirklich den vertraglich zugesicherten Schutz leisten? Der Jüngling hatte ihm bereits mehrere Male das Leben gerettet. Als ob Neire seine Gedanken erlesen könne, hörte er plötzlich dessen Stimme: „Halbohr, ihr seht so traurig aus. Grübelt nicht über den Tod. Ihr hattet kein Glück heute. An einem anderen Tag wird es wieder anders aussehen.“ Er blickte auf und sah, dass Neire ihn freundschaftlich anlächelte. Doch irgendwie traute er den Worten nicht und vermutete einen bösen Spott. Als er jedoch keine weitere Reaktion des jungen Priesters sah, nickte er ihm freundlich zu. Neire erhob erneut die Stimme: „Ihr solltet vielleicht einen Witz erzählen Halbohr. Das wird euer Gemüt sicherlich aufheitern.“ Halbohr schwieg. Er kannte einige soldatische Scherze aus der vergangenen Zeit, doch diesen waren unangebracht hier und spiegelten nicht seine Laune wider. „Es gab eine Zeit, da habe ich ihnen die Kehlen aufgeschlitzt. Denen, die Witze machten.“ Erwiderte er barsch. Er hörte das helle Lachen von Neire. „Kehlen aufschlitzen, das ist der Witz, eure Freude. Das ist doch ein Anfang Halbohr!“ Er sah, dass auch Bargh sich jetzt ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Nach einer kurzen Zeit des Schweigens hörte er wieder die zischelnde Stimme fremder Intonation: „Wie wäre es hiermit? Ihr werdet Halbohr genannt, ja? Euch fehlt ein Ohr, ja? Wieso sollten andere mehr Ohren haben als ihr? Das ist doch ungerecht. Schneidet sie einfach ab Halbohr. Jedem, den ihr seht. Vielleicht eins, vielleicht zwei. Das ist doch viel besser als Kehlen aufzuschlitzen.“ Neire lachte jetzt mit seiner knabenhaften Stimme und Bargh stimmte ein. Auch Halbohr konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Der Junge hatte keine schlechten Ideen. Doch was sollte er dann mit den ganzen Ohren machen?

Sie hatten noch mehrere Tage gerastet in dem sechseckigen Raum. Die blaue Barriere hatte sie geschützt, doch gesehen hatten sie keine Kreatur. Wenn sie nicht geschlafen, gebetet oder meditiert hatten, hatten sie die wässrigen Pilze gegessen, von denen Bargh immer die doppelte Portion verschlang. Auch hatten sie sich unterhalten. Über dies und das und ihre Reise nach Grimmertal. Bargh hatte von einem Handelsposten berichtet, dessen Betreiber Rannos und Grimag waren. Als Bargh eine plötzliche Fieberkrankheit entwickelte, hatte ihn Neire mit der Kraft seiner Göttin geheilt. Dann waren sie aufgebrochen und hatten das dunkelelfische Gefängnis hinter sich gelassen. Ihr Weg führte sie nach der Beschreibung der Herrscherin durch die Tunnel der ewigen Dunkelheit. Nach stundenlangem Fußmarsch waren sie schließlich durch eine zerbrochene Türe in eine große unterirdische Halle geschlüpft, in deren Mitte sie die steinerne Steele sahen. Neben der zweiten doppelflügeligen Türe hatte Halbohr die Geheimtüre entdeckt, die nach der Aussage der Herrscherin zu einer kleineren Feste, mit Anschluss an die Oberwelt, führen sollte. Schließlich hatten sie sich für diesen Weg entschieden und die Geheimtüre und eine weitere Türe dahinter geöffnet. Jetzt standen sie am Eingang eines Raumes, aus dem ein sanftes mattes rötliches Licht hervordrang.

Neire betrachtete Halbohr, wie er geschickt in den Raum glitt, der sich vor ihm auftat. Schon zuvor hatte er die Bewegungen des Elfen studiert, als er mit seinen Dietrichen das Schloss der steinernen Türe geöffnet hatte. Der Raum war sechseckig in den Stein geschliffen und besaß einen gegenüberliegenden Ausgang. Einrichtung, wie Betten, Hocker, Tisch und Truhen, waren allesamt aus Stein. Sogar eine steinerne Wanne stand dort, in der Neire Wasser aufschimmern sah. Aber Neires Blick fokussierte sich auf den Bereich des rötlichen Glühens. Er sah dort eine kleine Feuerschale, in der drei brennende Kohlestücke lagen. Als er sich der Schale näherte, spürte er die wohlige Hitze, die von dort ausging. Seine Kameraden Bargh und Halbohr durchsuchten derweil den Raum. Neires Gedanken schweiften in die Vergangenheit. Er erinnerte sich an Bereiche des Palastes von Nebelheim, die mit immerbrennendem Feuer versehen waren. War das eine ähnliche Magie? War sie göttlich? Er wurde erst aus den Gedanken gerissen, als Halbohr sich an der zweiten Türe zu schaffen machte. Noch immer dachte er daran Halbohr aufzumuntern. Vielleicht durch ein kleines Spiel. „Halbohr, lasst uns ein kleines Spiel spielen, eine Wette.“ Er sah, dass der elfische Söldner an der Tür kniete und sich jetzt zu ihm umdrehte. Neire holte eine Platinmünze hervor und schnippte sie in die Luft. „Um ein Platinstück… Wer die brennenden Kohlen länger in der Hand halten kann hat gewonnen.“ Neire bemerkte, dass Halbohr grinste. Mit überheblicher Stimme antwortete er. „Ich habe gesehen, dass das Feuer in euch ist. Wie sollte ich gegen euch gewinnen können?“ „Er hat Angst, Bargh. Angst ein kleines Spiel zu spielen.“ Neire dreht sich zu Bargh und lachte höhnisch. Dann nahm er ein Stück Kohle in seine linke, vernarbte Hand. Augenblicklich durchfuhr ihn ein Schmerz und er vernahm den Geruch von verbranntem Fleisch. Doch auch genoss er den Schmerz, denn es war ihm, als ob er diesen kontrollieren könnte. Dann warf er das Stück zu Halbohr. „Schnappt!“ Doch Halbohr machte keine Bewegung und die Kohle fiel auf den Boden. Der Söldner schien jedoch in Wallung zu kommen. Verärgert zog er einen seiner Dolche und warf diesen auf Neire. Kurz vor ihm prallte der Dolch auf den steinernen Boden und er versuchte ihn dort mit dem Fuß zu fixieren. Das gelang ihm nicht ganz. Die Klinge brach am Griff ab schlitterte durch den Raum. Den Griff hatte er unter seinem Stiefel fixiert. Neire bückte sich und zog den Griff hinauf. Er warf ihn Halbohr zu und sprach. „Hier Halbohr. Mein Teil der Wette ist erfüllt. Ihr schuldet mir ein Platinstück.“

Sie waren danach dem Tunnel gefolgt, der sie hinter der Tür aus dem Raum führte. Es war langsam bergan gegangen. Nach einiger Zeit waren sie dann an das Ende des Tunnels gekommen, an dem acht kleinere Löcher in schlankere Gänge mündeten. Der Geruch von Moder und Fäkalien war hier allgegenwärtig gewesen. Glücklicherweise hatten sie Spuren gefunden, die in einen der Gänge führten. Neire hatte nach Pflanzen und Pilzen gesucht und in einer Nische Grabmoos entdeckt. Eine Flechte, die das Verrotten von Leichen beschleunigte. Auch konnte aus Grabmoos ein Gift hergestellt werden, das die Blutung von Wunden förderte. Sie hatten das Grabmoos verstaut und waren den Gängen gefolgt, die nun steiler nach oben führten. An vielen Abzweigungen vorbei waren sie, den Spuren nach, an eine Engstelle gekommen, die sie nur mühevoll passieren konnten. Dann hatten sie die Spuren verloren. Doch der Tunnel vor ihnen wurde wieder breiter und war ebenerdig. Nichts war zu hören. Moos wuchs hier und dort und Unrat bedeckte den Boden. Der Gestank von Fäulnis und Fäkalien war überwältigend. Sie bissen die Zähne zusammen und traten ein in den noch unerforschten Bereich.

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Sitzung 20 - Die Verlassene Feste
« Antwort #20 am: 24.06.2022 | 22:57 »
Um sie herum war der Geruch von Fäulnis, Moder und Verfall. Die Luft schien zu stehen in dem Tunnel. Außer Halbohr mussten sich alle bücken, um nicht mit dem Kopf an die Decke zu stoßen. Der Gang war zwar breiter geworden, doch neben Pestilenz und Fäkalien war es, als würde sie das Gewölbe selbst zerdrücken. Bargh war voran gekrochen. Auf einen Bereich zu, an dem sich der Tunnel gabelte. Der Krieger, mit dem von Brandwunden bedeckten Kopf, musste sich immer wieder niederknieen. Jetzt stützte er sich gerade auf sein Langschwert und drehte sich um, um nach seinem Gefährten Neire zu sehen, der dicht hinter ihm folgte. Für einen kurzen Moment blitzte der rote Rubin auf, der das rechte Auge von Bargh ersetzt hatte und mittlerweile mit dem umliegenden Fleisch verwachsen war. Hinter Neire folgten Halbohr und zu guter Letzt Gundaruk, der mit einiger Mühe die engen Tunnel überwunden hatte. Halbohr bemerkte sofort, dass irgendetwas nicht stimmte. Selbst Neire, der zuvor immer wieder versucht hatte Dreck und Fäkalien von seinem roten Umhängemantel zu entfernen, zuckte zusammen und starrte in die Dunkelheit. Sie hatten von vorne ein Geräusch gehört. Wie ein Knacken von Knochen. Für einen kurzen Moment kehrte wieder Stille ein. Dann sahen sie Bewegungen, die sich zu den Geräuschen gesellten. Kreaturen, die sich aus dem Unrat des Bodens schälten. Sie geiferten nach Leben und begannen augenblicklich durch den Tunnel auf sie zuzustürmen. Von der Größe waren sie gewachsen wie kleine Menschen, doch ihre Haut war gräulich-blass, ihre Kleidung hing in Fetzen hinab und lange Zähne blitzten in der Dunkelheit auf. Die Gesichter waren eingefallen und entstellt und überlange Zungen lechzten nach Blut. Die Kreaturen rannten unkontrolliert auf sie zu. Dabei behinderten sie sich gegenseitig, warfen andere zu Boden oder stießen sie gegen die Wände. Bargh hob zum Schutz sein Schwert, doch die erste Kreatur hatte ihn bereits erreicht. Schläge und Bisse prasselten auf Krieger Jiarliraes hernieder, der durch die Brutalität der Angriffe wie gelähmt schien. Für einen kurzen Moment war das siegessichere Geheul der Ghule zu hören, von deren Zähnen und Klauen Barghs Blut floss. Doch nur für einen kurzen Moment. Eine Woge rötlichen Feuers hüllte plötzlich den Tunnel in Flammen, entzündete die ersten Gestalten und trieb sie ein Stück zurück. Schon eilte Halbohr nach vorne und führte mehrere tödliche Angriffe aus. Sie wussten, dass die Kreaturen nicht nachgeben würden, dass sie weder Zweifel noch Furcht kannten. Sie mussten den Kampf annehmen, denn eine Flucht durch die engen Tunnel war ihnen verwehrt. So intensiv war die Schlacht, dass sie nicht bemerkten, dass Gundaruk sich in einen großen Luchs verwandelt hatte.

„Halbohr… Gundaruk! Stellt euch vor Bargh und schützt ihn; er ist wie versteinert und kann sich nicht wehren.“ Sie hatten die erste Welle der Kreaturen niedergestreckt und hörten in dem sich gabelnden Tunnel bereits weitere Geräusche. Neire zitterte am ganzen Körper als er sprach. In seinen Augen war noch immer der rötliche Glanz und er hatte für eine kurzen Moment den Gestank des Tunnels vergessen. Er starrte zuerst Halbohr an, dann das große, elegante Tier, in das sich Gundaruk verwandelt hatte. Doch keiner befolgte seinen Befehl. Halbohr regte sich nicht und stand hinter ihm. Gundaruk war ein paar Schritt nach vorne gegangen und lugte in den rechten Tunnel hinein. Neire wiederholte den Befehl ein zweites Mal, doch seine Mitstreiter beachteten ihn nicht. Jetzt wuchs der Zorn in ihm. Ungläubige. Beide sind nur durch mich am Leben und mir zu Gehorsam verpflichtet. Sie sollten im Gegenzug Bargh mit ihrem Leben verteidigen. Neire trat ein paar Schritte auf den linken Tunnel zu. Er blickte in die Dunkelheit, hörte die Geräusche. Nur durch den Zorn konnte er seine Angst überwinden. Seine Gedanken waren bei Bargh, der sich noch immer nicht bewegen konnte und gegen eine der rauen Wände gesunken war. Haben sie so auch in den Eishöhlen gekämpft? Bestimmt haben sie dort keine Kameraden zurückgelassen, den Chin’Shaar zum Fraß vorgeworfen. Sie sind dort zu Kupfernen Kriegern geworden. Bargh ist auf seinem Weg zum Krieger Jiarliraes. Bargh darf nicht versagen. Ich muss ihn beschützen. Neire war ein paar Schritte auf den linken Tunnel zugegangen. Er spürte, dass Halbohr ihm gefolgt war. Jetzt konnte er die Geräusche hören. Ein Geifern und ein Schnappen. Leiber, die sich gegenseitig beim Fortkommen hinderten und doch auf sie zu hasteten. So stand der Junge alleine im Tunnel, den gewellten Degen mit dem Schlangengriff zitternd in Hand. Schon kamen die ersten Kreaturen um die Ecke gestürmt. Wie Hunde krochen sie allen Vieren voran. Doch die Gesichter waren nur im Entferntesten menschlich. Blutleer eingefallen und monströs entstellt. Neire versuche sie mit seinem Degen zurückzuhalten. Die langen Zungen schnappten ihm entgegen. Er spürte kaum den Schmerz, als eines der Wesen ihm in den Arm biss. Augenblicklich begann sich eine paralysierende Kälte auszubreiten, die seine Muskeln lähmte. Doch dann war da das Feuer. Es breitete sich von den drei Herzsteinen aus, die er in der linken Schulter trug. Es schmerzte. Die Pein war elektrisierend. Sein linker Arm begann in der Dunkelheit zu glühen, als ob von einer fluoreszierenden Schicht bedeckt. Neire wusste, dass er einen weiteren Segen von seiner Göttin erhalten hatte. Er beschwor die Flamme aus Schatten und Feuer in seiner linken Hand und murmelte die Beschwörungsformeln. Als das Feuer aus Magma aus dem Boden schossen und die Ghule, seine Mitstreiter und ihn einhüllten schrie er trotzig die Worte, die sich in den arkanen Singsang mischten: „Gehorcht… meinem… Befehl!“

Noch als die Verwandlung vollzogen war leckte sich Gundaruk seine Wunden. Das Verhalten des Tieres, der Verwandlung, war noch in ihm und er handelte instinktiv. Er erinnerte sich an den Kampf in Luchsform wie an einen Traum. Er hatte leise die Kämpfenden umschlichen und von hinten angegriffen. Zwei Ghule hatte er mit seinen Klauen und Bissen niedergerissen. Noch immer schmeckte er das faulige Blut in seinem Mund. Gundaruk spie aus und blickte sich um. Er befand sich in einer Höhle aus mehreren Findlingen, voll von Unrat, Fäkalien und Knochen. Wie ein unheiliger natürlicher Dom, eine Kapelle der Ghule, war das Innere anzusehen. Hier und dort konnte er Nester der Kreaturen sehen, doch keine Regung. Neires Feuer hatte die letzten Ghule in Flammen aufgehen lassen. Auch er war, wie Halbohr, von den Flammen des Jiarlirae Priesters erfasst worden. Gundaruk blickte sich um und sah an einem Felsen den elfischen Söldner sitzen. Halbohr schlug sich gerade die letzten Flammen aus, die von seinem verdreckten Mantel brannten. Gundaruk beugte sich nieder zu Halbohr und begann seine Wunden zu untersuchen. Er rezitierte den Runengesang seiner Vorfahren. Den Gestank konnte er nicht vertreiben, doch er sah zu seiner Erleichterung, dass die alte Heilkunst auch an diesem Ort wirkte. Die Wunden Halbohrs begannen sich langsam zu schließen. Jetzt, als er bei Halbohr kniete, begann Gundaruk zu sprechen. „Was hat sich Neire, was hat sich dieser Bengel eigentlich dabei gedacht?“ Er legte dabei eine Hand auf Halbohrs Schulter. Der Dolchkämpfer wich jedoch seinem Blick aus und murmelte unverständliche Worte. Für einen kurzen Moment herrschte Stille und Gundaruk kümmerte sich um seine eigenen Wunden. „Dieser Bengel hat euch aus dem Grab befreit und euer Leben gerettet. Vergesst das nicht Gundaruk! Ihr solltet ein wenig Dankbarkeit zeigen und meinen Befehlen folgen.“ Gundaruk drehte sich augenblicklich um, als er die Stimme hörte. Neire war zwischen zwei Findlingen aufgetaucht und grinste ihn an. Noch immer war ein rötlicher Schimmer in den Augen des Jungen. Die goldenen Locken schienen nicht vom Schmutz berührt worden zu sein. Wenn er so lächelte sah sein Gesicht so lieblich, so unschuldig aus. „Das Grab in dem Felsen, ja. Woher wollt ihr das wissen, Neire? Woher wollt ihr wissen, dass ihr mich gerettet habt?“ Gundaruk sah, dass der Junge jetzt wütend wurde. Neire stampfte mit einem Fuß auf dem Boden. „Wissen Gundaruk? Durch mich spricht Jiarlirae, die Größte unter den Göttern. Ich habe den Schlüssel zu Feuer und Schatten. Ich kenne die Namen der Erzdämonen der Hölle. Fragt mich nicht nach meinem Wissen.“ Gundaruk sah, dass jetzt auch Bargh in der Öffnung erschien. Der gefallene Paladin wurde anscheinend angestachelt durch die Rede Neires. Bargh fing an zu schreien. „Ist es soweit Neire? Ist jetzt die Zeit zu handeln?“ Gundaruk sah, dass sich die Miene von Neire änderte. Plötzlich hob er beschwichtigend seine linke vernarbte Hand. „Lasst ab, Bargh. Es sind Ungläubige. Dennoch müssen sie wissen, dass sie das Leben eines heiligen Krieger Jiarliraes zu schützen haben.“ Bargh war noch immer sichtlich erregt und schlug mit seinem Panzerhandschuh in das Felsgestein der Wand. In seinem verbliebenden Auge konnte Gundaruk einen fanatischen Blick erkennen. „Lasst es zu… lasst die Flammen euch verbrennen. Erst tut es weh, doch dann werdet ihr die Macht spüren.“ Als Bargh sprach, überschlug sich fast seine Stimme und das Lispeln der erst kürzlich gespaltenen Zunge war nicht zu überhören. Ohne die Miene zu verziehen, drehte sich Gundaruk um und verließ die Höhle von Unrat. Er kannte den Blick von Fanatikern und wusste, dass die Auseinandersetzung mit ihnen keinen Sinn machte.

Halbohr war noch immer an den Felsen gelehnt und hatte die Szene beobachtet. Gerade als er sich erheben wollte, trat Neire an ihn heran. „Halbohr, die Sache mit dem Feuer tut mir leid, aber ich hatte keine andere Wahl. Wenn ihr das gesehen hättet, was ich gesehen habe, hättet ihr nicht anders gehandelt.“ Halbohr runzelte die Stirn und dachte nach. Irgendwie glaubte er Neire nicht ganz. „Was habt ihr gesehen Neire? Wieso sollte ich euch glauben?“ Neire legte ihm sanft einen Arm auf die Schulter. „Halbohr, ich bin ein Kind der Flamme. Ich habe die Runen im Magma des inneren Auges betrachtet. Mein Leben lang. Die Runen aus Feuer und Schatten, sich ewig verändernd. Sie bergen die Geheimnisse des Chaos, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft; die Magie von Jiarlirae.“ Halbohr stieß verächtlich die Luft aus. „Wenn ihr die Zukunft lesen könnt Neire, dann erzählt mir doch, was uns erwartet in dieser verlassenen Feste.“ Neire nickte und nahm den Arm von seiner Schulter. „Ich wusste, dass sie nicht verlassen war. Vielleicht hat uns die Herrscherin angelogen, vielleicht hat sie auch die Kontrolle über ihr Reich verloren. Es macht keinen Unterschied.“ Halbohr nickte und dachte zurück an die Begegnung mit der seltsamen Dunkelelfin, die sie auf die Jagd nach dem goldenen Schädel geschickt hatte. Dann bemerkte er, dass Neire nur über die Vergangenheit gesprochen hatte. „Und was ist mit der Zukunft, was erwartet uns in den nächsten Tunneln?“ Halbohr spürte, dass Neire die Antwort nicht leichtfiel. „So funktioniert es nicht Halbohr. Man kann diese Fähigkeit nicht herausfordern. Die Dinge entfalten sich von selbst, wie eine Flamme, die ewig tanzend mit der Dunkelheit ringt. Die Geheimnisse liegen im Schatten und im Feuer.“ Neire machte eine kurze Pause. „Ich sollte diese Macht nicht verschwenderisch einsetzen. Alles hat seinen Preis.“ Jetzt war es Halbohr, der anfing zu grinsen. Er hatte so etwas schon oft gehört. Alte Kameraden hatten Weissager aufgesucht und dort ihre Münzen gelassen. Gebracht hatte es ihnen nichts; sie hatten alle ins Gras gebissen. Als ob Neire seine Gedanken ahnen konnte, erhob er erneut das Wort. „Selbst wenn ich es wollte Halbohr, ich weiß nicht, ob ich euch helfen könnte. Es ist wie mit der Heilung, ihr müsst glauben, beten zu Jiarlirae… Eine große Zukunft könnte auf euch warten. Ihr könntet mit mir nach Nebelheim zurückkehren. Wir würden dort herrschen und ihr werdet alles haben, Halbohr. Gold, Juwelen, Frauen, Sklaven, was auch immer euch gelüstet.“ Halbohr konnte nicht leugnen, dass die Gedanken an die ferne, unterirdische Stadt seine Fantasie schweifen ließen. Der seltsame Jüngling, der an diesem Ort auf ihn einredete, war dort aufgewachsen. Halbohr glaubte sogar, dass Neire in Bezug auf Nebelheim die Wahrheit sprach. Der Reichtum und die Macht mussten unermesslich sein. Doch sie hatten andere Dinge zu tun. Gerade waren sie aus den Katakomben aufgestiegen und Neire schien nicht zu wissen, was hier noch auf sie wartete. So erhob sich Halbohr und schritt auf den Gang zu. Er drehte sich noch einmal um zu Neire und flüsterte. „Nebelheim ist weit weg, Neire. Wir haben hier andere Dinge vor uns und ihr könnt nicht sagen was uns erwartet. Also achtet auf eure Flammen.“

Sie waren danach weiter vorgedungen durch die Tunnel und hatten eine große unterirdische Gruft erreicht. Dort hatten sie sich in die Schatten geduckt, da sie ferne Stimmen und ein Rasseln von Ketten gehört hatten. Als die Stimmen sich entfernt hatten, waren sie in das Gewölbe vorgedrungen und hatten es durchsucht. Doch sie hatten nur leere Särge und ein verschlossenes Gitter gefunden. Dahinter war ein Gang zu sehen gewesen, in dem Fackeln brannten. Nachdem Halbohr das Schloss geknackt hatte, waren sie weiter durch den Tunnel geschlichen und standen jetzt an einer Gabelung. Im rechten Tunnel waren Stufen zu erkennen gewesen, die in die Tiefe führten. Kurz berieten sie sich über das weitere Vorgehen. Sollten sie dem rechten Tunnel folgen und einen Hinterhalt möglicher Bewohner aus der Tiefe riskieren oder den linken Tunnel nehmen, von dem sie nicht wussten ob er sie an die Oberwelt führen würde.

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Sitzung 21 - Die Verlassene Feste II
« Antwort #21 am: 2.07.2022 | 00:48 »
Von dem Feuer aus Knochen stieg der Geruch von gebratenem Krebsfleisch auf. Das monströse Ungetüm, das sie in den Tiefen erlegt hatten, war vor dem dunklen See zusammengesunken. Hier, in der unteren Halle, hatte Gundaruk große Stücke von Fleisch aus der Kreatur geschnitten. Neire hatte ein Feuer aus den Knochen der Opfer errichtet, die das Wesen irgendwann einmal verspeist hatte. Sie hatten sich zuvor in den dunklen Fluten des kleinen unterirdischen Sees gewaschen und ihre Kleidung gereinigt. Jetzt brutzelten die großen Stücke, die sie in die Flammen gelegt hatten und verbreiteten einen angenehmen Geruch. Für einen Moment vergaßen die Helden die Strapazen, die sie seit der Flucht durch Regen und Unterreich erlitten hatten. Sie genossen schweigend das köstliche Fleisch, das einen schweren, salzigen Geschmack hatte. Bargh verschlang wie gewohnt die doppelte Menge. Doch sie wussten, sie konnten hier nicht länger bleiben. Sie erinnerten sich an die Stimmen, die sie zuvor gehört hatten. Da waren die brennenden Fackeln im Gang gewesen, die erst kürzlich erneuert worden waren. Als sie schließlich aufbrachen, blickte Gundaruk ein letztes Mal zurück auf die Knochen und den Moder: „Es kommt mir vor, als wären wir am Ort des Abfalls gelandet.“ Sprach er und blickte die Treppe hinauf. Neire lächelte ihn in diesem Moment an und flüsterte. „Auch wenn wir uns an einem Ort des Abfalls befinden… so werden wir einst aufsteigen, wie glühende Juwelen am Nachthimmel; wir werden die Welt überkommen.“

Neire blickte an Bargh vorbei in den von Fackeln erhellten breiten steinernen Gang. Halbohr war schon vor einiger Zeit vorgeschlichen. Jetzt war er entweder in der Dunkelheit oder hinter einer Ecke des unterirdischen Weges verschwunden. Neire nickte Bargh zu und sah, dass der Krieger Jiarliraes sich vor ihm in Bewegung setzte. Leise klirrten die Kettenglieder, die die schweren Platten seiner Rüstung zusammenhielten. Neire schlich hinter seinem Mitstreiter und konnte dessen verbrannten Schädel im Fackellicht sehen. Der Kopf von Bargh war völlig haarlos und die Haut immer noch gerötet. Schließlich erreichten die beiden das geöffnete Portal, an dem der Gang einen Knick machte. Dahinter sah Neire eine weitere Türe zur Linken und schemenhaft die gekniete Gestalt von Halbohr. Der elfische Söldner blickte zu ihnen auf und hatte den Zeigefinger auf den Mund gelegt. Mit einer Kopfdrehung deutete er auf die geschlossene Türe. Neire trat vorsichtig dort hin und legte ein Ohr an das Holz. Er hörte gedämpfte menschliche Stimmen, Schritte und Gelächter. Augenblicklich stieg die Aufregung in ihm. Wieso sollten hier Menschen hausen, so nah bei den Monstern und untoten Geschöpfen? Vielleicht waren es Räuber, Geflüchtete oder eine Art Kult? Vielleicht waren es aber auch Suchende, so wie er selbst. Er war sich sicher, dass sie ihn mit offenen Armen empfangen würden. Sie mussten sich nach einer Abwechslung sehnen. Sie würden seiner Schönheit zugetan sein, seinem Witz und seinen weisen Worten lauschen. Neire schaute zu Halbohr und deutete eine Klopfbewegung an. Er sah, dass Halbohr ihn zuerst fragend anschaute, aber dann mit den Schultern zuckte. Jetzt drang das Geräusch des dumpfen Holzes durch den Tunnel: Drei kurze feste Schläge. Für einen Moment herrschte Stille. Dann konnte Neire Schritte hören, die sich näherten. Es gab das Geräusch eines zurückgezogenen Riegels, dann glitt die Türe knirschend auf. Neire bemerkte, dass Halbohr sich bereits in die Schatten zurückgezogen hatte, als das Licht aus dem Inneren hervordrang. So stand der junge Priester alleine im Gang und musterte seinen Gegenüber. Ein noch recht junger Krieger war ihm entgegengetreten. Er trug ein Schwert und einen Schuppenpanzer, über dem ein Waffenschurz zu sehen war. Dort war ein großes blaues Auge, umgeben von gelben Flammen dargestellt. Ein okkultes Symbol, das Neire nicht kannte. Vielleicht war es neueren Ursprungs. Für einen kurzen Moment herrschte eine gespannte Stille. Blaue Augen funkelten Neire misstrauisch an. Dann nahm der Jüngling tief Luft und hob sein Kinn. Er versuchte sein Zittern zu kontrollieren und sprach mit zischelnder Stimme eines fremden Akzentes. „Mein Name ist Neire. Wir sind von weit her gekommen um uns euch anzuschließen. Doch wir verlangen eine Bezahlung.“ Neire hielt in der rechten Hand den gewellten Degen mit dem Schlangengriff; doch nicht in einer feindseligen Pose. Er strich sich mit seinem verbrannten Arm die gold-blonden Locken zurück, die ihm ins Gesicht gefallen waren. Doch das Gesicht des Kriegers vor ihm verzerrte sich und er begann zu schreien. „Alarm, Alarm… Eindringlinge.“ Neire sah bereits, dass in dem langen, Fackel-erhellten Tunnel dahinter Bogenschützen ihre Positionen eingenommen hatten. Wut stieg in ihm auf. Hatte er nicht freundlich mit dem Krieger gesprochen. Sich sogar höflich vorgestellt. Ich muss es wie die Platinernen Priester tun. Ich muss sprechen mit der Stimme der schwarzen Natter. Tragen das betörende Feuer der Schatten. „Ich bin als Suchender gekommen und wollte euch meine Fähigkeiten anbieten. Sehet, was das Kind der Flamme im Stande ist zu tun.“ Neire hatte bereits seine linke Hand nach vorne gestreckt. Mit dem Ballen nach oben, wie man einen Apfel halten würde. Schon begann die Flamme aus Magma und Schatten zu züngeln, als ob sie aus seiner Haut selbst brenne. Er sah, dass die Krieger gebannt in das tanzende Licht blickten. Neire murmelte jetzt die zischelnden Worte uralter Gebete aus Nebelheim. Es waren die Verse des Abgrundes, die Reime aus der Düsternis. Schon blickten die Krieger gebannt in die Flammen und konnten ihre Augen nicht mehr lösen. Neire begann mit seinem einflüsternden Singsang: „Ihr dienet mir. Geleitet mich zu eurem Anführer. Tuet, was ich sage.“ Die zwölf Worte hallten vor Macht und die Augen Neires brannten wie glühende Kohlen. Doch zwei der Krieger widersetzten sich seinem Befehl. Neire konnte nichts tun, als sie sich zum Angriff bereit machten. Er bemerkte jetzt, dass Bargh zu ihm aufgeschlossen war und begann Schritt für Schritt in den Tunnel zu vorzudringen. Tatsächlich eskortierten ihn die Krieger. Dann hörten sie weitere Stimmen und Schreie. Sie kamen aus einer Windung, die sie nicht einsehen konnten. Neire begann abermals den alten Hohegesang zu rezitieren. Nun waren es die Gebete der Menschenschlange des wahren Blutes. Er entfesselte damit die Wut der Anhänger des Chaos - der Getreuen Jiarliraes. Schon sah Neire Geifer aus dem Mund von Bargh laufen. Der große Krieger stürzte sich auf den ersten Widersacher, der seinem bezirzendem Schlangenfeuer standgehalten hatte. Mordlüstern durchbohrte er dessen Brustkorb. Der Kristall, der das rechte Auge von Bargh ersetzte, schimmerte jetzt rötlich, als ob eine dunkle Flamme in ihm brennen würde. Sie rückten gemeinsam vorwärts und der zweite Widersacher flüchtete sich tiefer hinein, in die Behausung der Anhänger des brennenden blauen Auges. Auch Halbohr war plötzlich zu sehen und eilte voraus bis zur Ecke. Dort begann er mehrere Dolche in den Raum zu werfen, der sich hinter der Biegung auftat. Als sie die Ecke erreicht hatten erblickte Neire die Halle und die feindlichen Krieger. Ein halbes Dutzend Gestalten konnte er sehen. Jetzt rief er zu Bargh und denen, die in des Feuers Bann waren: „Greift an. Tötet sie, denn sie haben euch verraten.“ Sie stürzten nach vorne und ein grausames Gemetzel begann. Bargh war wie in einem Kampfrausch. Neire lächelte und hielt die Chaosflamme der alten Göttin in die Höhe. Er trieb sie an und betrachtete das Blutbad. Den Abriss zu Leichen, zertrümmert und zerbrochen, den Haufen der Eingeweide – feucht und dampfend; durchtrennte Sehnen, verstümmelte Gesichter und abgerissene Haut. Heftiges Scheiden, ernsthaftes Hacken – Todesgeräusche erfüllten die Luft.

Halbohr hatte den Kampf wie einen Traum erlebt. Alles war so langsam passiert und doch so schnell vorrübergegangen. Als Söldner kannte er dieses Gefühl aus vergangenen Schlachten, doch einen Kampf, der in dieser Brutalität geführt wurde, hatte er noch nicht erlebt. Begonnen hatte es durch den okkulten Gesang von Neire. Der liturgische Choral hatte ihm Kraft gegeben und er hatte die Macht des Chaos gespürt. Seine militärische Disziplin hatte er verloren, doch jeder seiner Angriffe war anders gewesen. Sie hatten alle ein Überraschungsmoment gehabt, waren geglückt und hatten ihn vor größerem Schaden bewahrt. Darüber hinaus waren sie tödlich gewesen und hatten ihn weiter angestachelt. Als ob er durch die Mordlust von Bargh mitgerissen worden wäre. Dann war der Krieger aus einer hinteren Türe erschienen und Halbohr hatte ihn direkt als Anführer erkannt. Ein Mann von hoher, aber nicht übergroßer Statur, mit blondem Haar und feinen Gesichtszügen. Kaum war er erschienen, wurde er von Neire angegriffen. Eine Kugel aus dunklen Magmaschatten verbrannte ihn; nekrotisierte seine Haut. Danach flüchtete der Mann, durch die Türe, durch die er gekommen war. Jetzt, nachdem Bargh und er alle feindlichen Krieger getötet hatten, standen sie vor eben dieser Türe, die metallverstärkt und versehen mit einem Schlüsselloch war. „Reißt sie nieder, brecht sie auf!“ Halbohr hörte die Worte von Neire und spürte für einen Moment die Freude selbst dem Befehl Folge zu leisten. Doch er hielt sich zurück. Er sah das Feuer in den Augen des Jünglings. Neire hatte offensichtlich ein weiteres Mal seinen Verstand verloren und war von purer Mordlust angetrieben. Halbohr hörte das gewaltige Krachen, als Bargh seinen gepanzerten Körper gegen die Türe warf. In diesem Moment gab es ein Leuchten, das von der Türe ausging. Das Portal hielt stand, doch eine betäubende Magie, getragen durch das silberne Licht, strömte auf ihn. Er spürte wie sich sein elfisches Blut sträubte, hörte die Stimmen aus der Ferne. Jetzt überschlugen sich die Dinge. Bargh torkelte zurück und schrie wie verrückt. Ich muss sie zur Vernunft bringen. Wir müssen zusammen kämpfen und zusammen werden wir die Eingeweide der Erde verlassen. Wie in einem plötzlichen Wachheitszustand richtete Halbohr die Stimme an Neire und Bargh. „Neire, Bargh! Wo ist Gundaruk? Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Wir müssen ihn suchen. Vielleicht befindet er sich in Gefahr.“ Halbohr starrte Neire eindringlich an, doch das Kind der Flamme schien nicht zu reagieren. Als sich Halbohr umdrehte, hörte er erneut den zischelnden Singsang von Neire. Diesmal war das Feuer in den Augen des Kindes der Flamme intensiver. Halbohr eilte den Tunnel zurück. Weiter und weiter. Das letzte was er sah, war das Brennen, das aus den Augen Neires hervorbrach und alles in seinem Weg zerstörte.

Vielleicht war es ein Instinkt, der Kontrolle über das Handeln von Gundaruk nahm. Erfahrung kam durch Wissen und durch Anwendung. Stärke war keinem in die Wiege gelegt. Sie kam durch den Kampf, das Fallen und das Wiederaufstehen. Instinkt war die Summe aus allem, aus Erfahrung und Weisheit und - vor allem - aus dem Lernen vergangener Fehler. Vielleicht war es dieser Instinkt, der Gundaruk dazu bewog einen anderen Weg zu nehmen und an der noch unerforschten weiteren Türe zu lauschen. Er sah seine Kameraden in den fackelerhellten Gang verschwinden und ihn erfüllte ein Gefühl von Wehmut. Dieses Gefühl war jedoch nicht in dem Verhalten seiner neuen Freunde begründet. Es war vielmehr eine Erinnerung die ihn plagte. Eine Entscheidung, die er damals in einer Schlacht getroffen hatte und die zu viel Leid geführt hatte. Vielleicht war es dieser Instinkt, der nun sein Unterbewusstsein bewog diese Entscheidung erneut zu treffen – in der Hoffnung das Schicksal möge sich diesmal zu einem Besseren wenden. Seit dem Verlassen des Grabes war Gundaruk wieder völlig allein. Er umklammerte den elfischen Speer und betrachtete das Runenband aus Gold, das den ewigen Ruhm und den Glauben seiner Vorfahren trug. Diese Betrachtung führte zu einer tiefen Zuversicht, die ihm Halt gab. Dann war da plötzlich der Schrei. Er hörte den Alarm Ruf aus den Tunneln und machte sich kampfbereit. Hinter der Türe waren jetzt lautere Geräusche zu vernehmen. Gundaruk hatte sich bereits angriffsbereit gemacht, als der Kampf begann. Die Türe wurde aufgerissen und er sah dahinter riesenhafte Kreaturen, in der Form von aufrecht gehenden Hyänen. Nahkämpfer stürmten heran – in der unterirdischen Halle bemerkte er Bogenschützen. Ein Gemetzel begann, als er den Speer wie eine Nähnadel des Schicksals bewegte. Nur waren es die Fäden des Lebens die er durchtrennte. Wie in einem Rausch kämpfte Gundaruk. Bis zur totalen Erschöpfung. Angriff um Angriff führte er, Leib um Leib fällte er. Er spürte nicht die vielen kleinen und tieferen Wunden. Hier verletzte ihn ein Morgenstern, dort eine Axt. Er sah die Bilder einer Schlacht aus seiner Jugend. Schneebedeckte Berge, ein Tal und einen See. Die Burg auf der kleinen Insel war dem Untergang geweiht, sollte er sie nicht verteidigen. Er hatte die Übermacht an Gegnern bereits dezimiert und er schwelgte bereits in dem Sang seines Landes – die Steine, Eichen, Haine und Runen. Dann kam der Schlag. Kreaturen waren durch die hintere Türe durchgebrochen. Er hatte sie zu spät bemerkt. Die Wurfaxt senkte sich tödlich auf seinen Kopf. Er spürte, wie seine Glieder weich und warm wurden, als er zusammenbrach. Seine letzten Gedanken waren bei seinem stolzen Volk.


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Sitzung 22 - Die Verlassene Feste III
« Antwort #22 am: 9.07.2022 | 00:23 »
Leise und schnell bewegte sich der elfische Söldner durch den Fackel-erhellten Tunnel. Er wusste nicht wo Gundaruk sich befand, doch er ahnte, wo er sein musste. Halbohr folgte seinem Instinkt und seiner taktischen Ausbildung als Söldner. Als er um die Ecke blickte, sah er, dass die zuvor verschlossene Türe jetzt geöffnet war. Dahinter war ein weiterer Raum zu sehen, in dem sich ein Knäuel von grünlichen und hyänenähnlichen Kreaturen befand. Diese standen aufrecht und schlugen auf etwas ein; etwas, das auf dem Boden lag. Sein Instinkt hatte Halbohr nicht betrogen. In dem Knäuel sah er für einen kurzen Moment den blutverschmierten Kopf von Gundaruk. Halbohr wusste, dass er jetzt handeln musste. Falls Gundaruk noch lebte, würden die blutrünstigen Geschöpfe nicht lockerlassen; sie würden auf ihn einschlagen bis er sich nicht mehr regte. Dann würden sie ihn zerreißen und bei rohem Leibe verspeisen. Doch Halbohr wusste, dass auch sein Leben auf dem Spiel stand. Den Kampf mit fast einem Dutzend Gegner konnte er nicht aufnehmen. Er packte seine Dolche fester und trat aus den Schatten in das Fackellicht. Seine gerufenen Laute ahmten die gesprochenen Worte der Kreaturen in einem Spott nach und er sah wie sie sich umdrehten. Jetzt spürte er das Adrenalin; sein Herz begann zu pochen. Doch seiner militärischen Ausbildung nach, musste er sie an einem anderen Ort stellen. Einem Ort, den er zu seinem Vorteil nutzen konnte. Halbohr wartete einen Moment und zog sich dann mit hastigen Schritten in den Gang zurück. Er lockte die Gestalten die ihm folgten in die Dunkelheit, doch er sah nicht wie viele ihm folgen. Auch ließ er Gundaruk seinem Schicksal zurück. Doch so war nun mal der Krieg. Es mussten Entscheidungen getroffen werden und Entscheidungen bedeuteten nun mal Leben oder Tod.

Flammen schlugen aus dem versperrten Portal. Rauch und Asche strömten ihm entgegen. Das Kind der Flamme ließ den grausamen Strahl von rötlicher Magmafarbe abebben. Das Feuer loderte noch in seinen Augen. Vor ihm hatte Neire die Türe in fast zwei Stücke verbrannt. Die Flammen prasselten aus dem Holz und um das geschmolzene Metall. Sie drohten Neire zu verzehren. Doch den jungen Priester schien das nicht zu irritieren. Er hob seinen mit gold-blonden Locken umspielten Kopf und machte einen Schritt in Richtung der Türe. In diesem Moment konnte ihn nichts aufhalten und er fühlte sich unbesiegbar. Neire hob die schattenhafte Chaosflamme in seiner linken Hand und zeigte mit seinem gewellten Degen auf die Türe. „Voran Bargh, Drachentöter Jiarliraes, voran!“ Angetrieben von seinem schlangenhaften Singsang ließ Bargh seinen niederen Instinkten freien Lauf. Schweiß lief mittlerweile vom haarlosen und von Brandwunden gezeichneten Kopf des noch jungen Mannes. Der Krieger Jiarliraes warf das massive Gewicht seines silbern schimmernden und von Scharten gezierten Plattenpanzers gegen die brennende Türe, die augenblicklich zerfetzte. Im Glutregen sahen Neire und Bargh nun das dahinter liegende Gemach. Kein Ausgang war zu erkennen und ein Feuer loderte in einer kleinen Schale. Die Einrichtung war kostbar. Viele Teppiche und Wandbehänge schimmerten in seltenen Fliederfarben. In die nähere Betrachtung fiel ein großer Wandspiegel, vor dem eine kristallene Vase auf einem kleinen Tisch stand. In diesem Gefäß waberte eine rötliche Flüssigkeit wie Nebel. Im hinteren Teil des Raumes bemerkten sie zudem einem kleinen Altar mit einer silbernen, acht-beinigen Spinne. Eine schwarze Kerze war an jedem Bein entzündet. „Kommt hervor ihr Gewürm!“ Die bedrohliche Stimme Barghs überschlug sich fast vor Wut, als der etwa 19 Jahre alte Krieger wutentbrannt in den Raum eindrang. Neire sah wie Bargh auf das Bett zusteuerte, das eine verdächtige Wölbung angenommen hatte. Mehrere Stiche und Hiebe ließ er auf das Bett niedergehen, so dass weiße Federn aufgewirbelt wurden und sich mit dem dunklen Rauch vermischten. Neire trat währenddessen an die Vase heran und ließ den Feuerstrahl aus seinen Augen wieder auflodern. Unter dem Knistern und Knacken der Vase, auf die der Strahl gerichtet war rief er zu Bargh: „Durchsucht den Raum, unterm Bett, im Schrank und hinter dem Schankeck. Der feige Bastard darf uns nicht entkommen.“ Neire konzentrierte sich auf die Flammen, sein Feuer erhitzte das Gefäß, das bereits glühte. Nur aus dem Augenwinkel sah er, dass der von ihm bezauberte letzte verbliebene Krieger ihn nun angriff. Neire ließ das Feuer seiner Augen nicht von der Vase weichen und führte zwei schnelle Angriffe mit dem Degen. Beide trafen ihr Ziel, der zweite umso tödlicher. Mit aufgeschlitzter Kehle ging der Krieger im Schuppenpanzer nieder.

Jetzt lauerte Halbohr in den Schatten und bewegte sich nicht. Wie eine Vogelspinne konnte er so verharren – stundenlang. Er hatte gelernt plötzlich hervorzuzucken, das Momentum auf seiner Seite. Ein wahr gezielter und ein recht dosierter Angriff aus dem Hinterhalt konnte den mächtigsten Gegner fällen. Um Ehre hatte er nie gekämpft. Ehre war für starke Schwache. Sie fühlten sich stark, doch endeten schwach, wenn er sie ermeuchelt hatte. Aus dem Raum, in den sich der vermeintliche Anführer zurückgezogen hatte, bemerkte Halbohr Feuerschimmer und Rauch hervordringen. Zudem hörte er die Schreie von Neire von dort. Doch jetzt kamen sie. Er erlauschte Schritte aus dem Tunnel und sah bereits die ersten Kreaturen auftauchen. Die Grünlinge gingen voran. Halbohr betrachtete sie aus dem Verborgenen und studierte wunde Punkte. Sie waren groß und muskulös, von gedrungenen Gesichtern und mit spitzen Ohren. Nein, Orks waren es nicht. Dafür waren ihre Köpfe zu flach, ihre Nasen zu platt. Eher hatten sie Ähnlichkeiten mit Goblins, jedoch diesen in Größe und Stärke um ein Vielfaches überlegen. Hinter den vier Gestalten, folgten zwei der Hyänenkreaturen. Als die Feinde sich zum Kampf bereit machten, nutzte Halbohr seine Gelegenheit. Aus den Schatten schoss er nach vorne und rammte der ersten Hyänenkreatur den Dolch von hinten in den Hals. Das Wesen sank augenblicklich zu Boden, in einer leisen Bewegung, die von ihm geführt wurde. Die zweite Kreatur hatte ihn noch nicht bemerkt und wurde Opfer eines weiteren hinterhältigen Angriffes. Zwei Gestalten drehten sich jetzt zu ihm um, gierig nach Blut und Morgensterne in den Händen. Dann schoss plötzlich der brennende Strahl von Magma aus der Kammer des Anführers. Es musste Neire gewesen sein, dachte Halbohr. Der Kopf eines Wesens wurde in Flammen gehüllt und grausame Schreie erfüllten die unterirdische Wachstube. Nur einen Augenblick später sah Halbohr den dunklen Krieger mit dem rotschimmernden Rubinauge auftauchen. Wie in einem Blutrausch schlug Bargh der verbrannten Kreatur den Kopf ab und stach bereits die nächste nieder. Sie hatten die Feinde jetzt in einem Zangengriff; eine militärische Wendung, die nur den Sieg bedeuten konnte. Halbohr spürte noch immer die Mordlust des Gesanges der alten Chaosgöttin. Gemeinsam mit Bargh rang er die letzten Kreaturen nieder. Doch es waren nur sechs. In dem Knäuel bei Gundaruk hatten seine soldatisch geschulten Augen acht Gegner gezählt. Er durfte keine Zeit verlieren und drehte sich wortlos um, um den Tunnel hinabzustürmen. Was hatten die zwei verbliebenen Kreaturen mit Gundaruk angestellt?

Sie hatten das Gemach in ihrem Kampfrausch abgesucht, aber es glich eher einem Schlachtfeld. In blinder Wut hatten Neire und Bargh die glühende Vase zertrümmert. Erst hatte Neires feuriger Magmastrahl sie zum Glühen gebracht, dann hatte Bargh sie mit seinem Schwert zerschmettert. Der rötliche Nebel war aus dem Inneren gewichen und durch das Feuer aufgelöst worden, wie in einem Glitzern von Sternen. Doch vom Anführer der Wachleute gab es keine Spur. Verzweiflung überkam Neires Gemüt und er blickte sich langsam um. Um sie herum sah er die Spuren der Verwüstung. Das Feuer an der Eingangstüre war bereits ausgegangen. Ja, sie hatten eine Menge Schätze gefunden. Darunter eine mit Diamanten besetzte Goldkette und fast ein Dutzend wertvolle Feueropale. Doch Neire dachte an die Kupfernen Krieger und die Jagd in den Eishöhlen. Er erinnerte sich an die dunklen Geschichten. War damals eine der Kreaturen entkommen, konnte das einen Hinterhalt für die Kupfernen Krieger bedeuten. Ganze Expeditionsgruppen waren wegen eines solchen Grundes nicht zurückgekehrt. Er durfte nicht versagen. Er dachte an Lyriell. Was würde sie jetzt tun? Schon war die Aggression des Kampfes und die Mordlust vergessen. Er fühlte sich nicht mehr unbesiegbar, sondern klein und schwach. Kaum nahm Neire Notiz von Halbohr, der den schwer verwundeten Gundaruk in den Raum schleifte. Neben den vielen Schnittwunden trug Gundaruk auch Bissspuren. Drei der Wunden sahen entsetzlich aus, dort wo die Zähne der Kreaturen das Fleisch herausgerissen hatten. Die aufrecht gehenden Hyänen hatten anscheinend bereits begonnen Gundaruk zu verspeisen. Neire hatte sich dem Schreibtisch zugewendet. Er sah dort mehrere Briefe und eine markierte Karte. Die Briefe waren größtenteils Korrespondenzen. Ein Teil der Briefe belegte einen Schriftwechsel mit einem Heiligtum der vier Mächte. Ein sogenannter Lareth, vermutlich der verschwundene Anführer, forderte besseren Nachschub von diesem Heiligtum, das sich in der Nähe von Klingenheim befinden musste. Auch wurde über das jüngste Wetter gespottet. Ein anderer Teil der Briefe kam von der Dunkelelfin Raxira. Sie warf Lareth vor ein falsches Ziel im Namen der Spinnengöttin zu verfolgen. Er solle sich lieber um Ched Vurbal kümmern. Gemeinsam müssten sie den Kampf gegen Akatea Abyssa aufnehmen, die als geschuppte Pest verunglimpft wurde und den Zugang zum Nest der versteinerten Spinne versperrte. Den Namen Akatea Abyssa kannte Neire nicht, aber das Nest der versteinerten Spinne konnte er als Ched Vurbal interpretieren. In seiner Verzweiflung überstürzten sich die Gedanken in Neires Kopf: Die geschuppte Pest kann ein abwertender Ausdruck für einen Drachen sein. Halbohr hat doch von einem Drachen erzählt, oder vielmehr von Schuppen, die er im Gemach der Herrscherin gesehen hatte. Vielleicht ist die Herrscherin nicht diejenige, für die sie sich ausgibt. Vielleicht haben wir unter der Erde bereits Akatea Abyssa getroffen. Doch diese Gedanken brachten Neire keinen Mut. Er dachte an Raxira und ihre Beziehung zu Lareth. Anscheinend beteten sie beide zur schwachen Spinnengöttin. Vielleicht hatte Raxira Lareth etwas gegeben, durch das er sich hatte erretten können – teuflische dunkelelfische Magie. Vielleicht war er in Windeseile durch Raum und Zeit gereist, um sich in der Feste Faust und an der Seite von Raxira zu materialisieren. Sie mussten herausfinden, wer Akatea Abyssa war und was es mit diesem Heiligtum der vier Mächte auf sich hatte. Tatsächlich hatte Neire schon einmal von letzterem gehört. Ein Tempel der vier Elemente, der vor etwa 40 Jahren zerstört wurde und in der Nähe von Klingenheim lag. Neire blickte sich um. Halbohr kümmerte sich um Gundaruks Wunden und Bargh näherte sich dem kleinen Schankeck im Raum. Auch er sehnte sich nach den Festen von Nebelheim, den Getränken – dem Rausch. Doch er musste weiter untersuchen. Er murmelte die zischelnden Formeln und betrachtete den Spinnenaltar. Er bemerkte eine mittelstarke Magie der Veränderung, doch nichts weiter. Auch anderswo im Raum war keine Magie zu entdecken. An diesem Punkt gab er auf. Das Lachen und der angetrunkene Gesang von Bargh waren bereits laut zu hören. Neire gesellte sich zu ihm und trank. Die Getränke waren fein und hochprozentig. Sie tranken und lachten. Sie grinsten sich gegenseitig an, als sie ihre blutverschmierten Körper sahen. Doch es war das Blut der Feinde was an ihnen haftete. Das Gelage ging so eine Weile und es war Bargh, der in einem Übermut die erste Kristallkaraffe gegen eine Wand schleuderte. Das kostbare Gefäß zerbrach und der wertvollere Inhalt wurde über die Wand verteilt. Neire macht es Bargh nach und sie beide fielen in einen jugendlichen, unbedarften Freudentaumel von Zerstörungswut. Als das letzte Gefäß zerstört war, torkelte Neire bereits und sah verschwommen seine Umgebung. Er wusste, dass auch dieses Fest ein Ende haben würde. So wie damals in Nebelheim; beim Abstieg der Menschenschlange des wahren Blutes. Und da war er wieder; der Schmerz der Erinnerung. Er torkelte zum Spiegel und betrachtete sich. Dahin war seine Schönheit. Mit zischelnder trunkener Stimme sprach er zu sich selbst: „Kind der Flamme, paah. Ein Nichts bist du. Klein und schwach. Du hast versagt in Nebelheim und du wirst wieder versagen.“ Neire dachte an das letzte Bild von Lyriell und die Tränen liefen ihm über die Wangen. Er schlug mit geballter Faust in sein Ebenbild und sah sich selbst in Scherben zu Boden gehen.



Halbohr hatte Gundaruk gerade noch rechtzeitig aus dem Raum gezogen. Neire hatte sich plötzlich und ohne erkennbaren Grund in einen Wutrausch gesteigert. „Hinaus!“ hatte er trunken gebrüllt. Auch Bargh war davon getorkelt. Dann war das Gemach des Anführers in verstetigtem Magmafeuer explodiert. Gleißende magische Flammen und Dunkelheit. Kein Mensch konnte diese Hitze überleben. Doch nach einiger Zeit war Neire aus den Flammen erschienen. Mit feurigen Augen und gold-blondem schimmerndem Haar. Er hatte Lobpreisungen zu Jiarlirae gerufen und zum Kampf angespornt. Neire und Bargh hatten dann die Pferde gesattelt und mit Proviant ausgestattet. Als sie an Halbohr vorbeiritten, hatte Neire seinen fragenden Blick bemerkt und war seiner Frage zuvorgekommen. „Wir haben Dinge zu tun Halbohr, doch wir werden zurückkommen. Wir tragen die Chaosflamme der höchsten Göttin und erforschen die tiefsten Geheimnisse ihrer Schatten. Tut euren Teil Halbohr. Denkt an euren Vertrag.“ Mit diesen Worten warf ihm Neire die goldene Juwelenkette zu und verschwand mit seinem Kameraden Bargh durch den fackelerhellten Gang.
« Letzte Änderung: 5.08.2022 | 22:18 von FaustianRites »

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Sitzung 23 - Die Verlassene Feste IV
« Antwort #23 am: 18.07.2022 | 12:11 »
Es schwelte die Hitze der Flammen, die von Neire in den Baracken-Räumen der alten Feste entfacht wurden. Die Räume stanken erbärmlich nach dem Ruß verbrannten Holzes, Stoffes und Fleisches. Die riesige Gestalt Gundaruks lag in einer unruhigen Ohnmacht auf einer der Liegen. Sein Leib war gezeichnet durch Wunden, die die Speere der Hyänen Kreaturen ihm zugefügt hatten. Doch der Elf Halbohr wollte ihm keine Rast gönnen. Der grobschlächtige Söldner wog die Möglichkeiten ab, die sie hatten und vor allem die, die ihre Feinde hatten. Unsanft weckte er Gundaruk aus seinem Schlaf: „Gundaruk, wacht auf! Schlafen können wir später! Der Anführer der Wächter ist entkommen, wer weiß, wen er auf uns hetzt. Wir müssen ihn jagen, bevor er uns jagt!“ Halbohr war sich nicht sicher, ob er seinen Mitstreiter tatsächlich überzeugen konnte oder ob Gundaruk einfach zu geschwächt war, um anderer Meinung zu sein. Der kürzlich in einem Grabe erwachte große Mann aus einer fernen Vergangenheit beschwor die Kräfte der Natur. Die tiefsten Wunden begannen sich zu schließen. „Wo sind Neire und Bargh?“ fragte Gundaruk, nachdem er sich wunderte, dass die beiden Anhänger Jiarliraes nirgendwo zu sehen waren. Die einzige Antwort, die Halbohr darauf geben konnte, war: „Wer weiß schon, auf welche Irrwege die beiden sich begeben.“

Da alle Wächter der von ihnen erstürmten Gemächer als verwesende Leichen zu Boden lagen, entzündete niemand mehr die Fackeln in den Gängen. Dies wollte Halbohr nun ausnutzen und die Dunkelheit zu seinem Gefährten machen. Tatsächlich dauerte es auch nicht lange, und die Gänge lagen in tiefer Schwärze vor Halbohr und Gundaruk. Sie folgten dem Verließ zu der Halle in der Gundaruk gegen die Kreaturen gekämpft hatte. Blut bedeckte den ganzen Boden und ein Leichengestank lag über der Kammer. Als Halbohr eine der Türen in diesem Raum öffnete, stutzte er. Direkt dahinter war nichts weiter als blanker Stein. Kein Mechanismus oder versteckte Öffnungen waren zu sehen. Verwirrt verließen die beiden den Raum und folgten weiter den dunklen Gängen. Immer wieder hielt Halbohr inne und versuchte, Geräusche des Anführers der Wächter auszumachen, doch es herrschte nur Stille. Sie folgten den unterirdischen Tunneln und passierten eine Abzweigung, die mit einem schweren Eisengatter versperrt wurde. Hier kehrten sie um und erreichten einen weiteren Raum, der gefüllt war mit Zielscheiben und Puppen aus Stroh. In einigen kleinen Nebenräumen waren Zellen zu sehen, die wohl für Rekruten errichtet worden waren, die sich Verfehlungen bei ihrem Wachdienst eingehandelt haben. Im geistigen Auge Halbohrs blitzen bei dem Anblick Bilder seiner Vergangenheit auf. Er dachte zurück an Tage, als er noch nicht seinen Namen angenommen hat. Wie lange er in diesen Übungsräumen verbracht hatte und verdammt gewesen war, mit dem unfähigen Abschaum zu üben. Seine einstigen Kameraden, die ihr Glück oder - wie er selbst – vielleicht ihre Flucht im Soldatentum gesucht hatten. Eine der Türen in diesem Raum öffnete sich an eine blanke Felswand, doch diesmal sah Gundaruk einen leichten Schimmer. Es war ein feiner silberner Draht, der von der Ture in den Stein verschwand. Vermutlich ertönte irgendwo eine Alarm-Glocke, wenn ein Unwissender versuchte, diese Türen zu öffnen. Gundaruk und Halbohr gingen wieder zurück, als Halbohr in einem der Gänge feine Rillen entdeckte. Wieder fanden sie eine der verborgenen Türen die sie hier schon öfters entdeckt hatten. Hinter der Türe verbarg sich ein schmaler Gang, der an einer Konstruktion aus zwei großen hölzernen Rädern endete. Lag nicht auch das Gatter in der Nähe? Mit vereinten Kräften drehten sie ein Rad, was entfernt an das Steuerrad eines Schiffes erinnerte. Und tatsächlich hörten sie nicht weit das Schleifen von Metall auf Stein. Sie verließen den geheimen Raum und gingen zurück zu dem Gatter, dessen Gitterstäbe in Öffnungen in der Decke verschwunden waren. Treppenstufen zeigten den weiteren Weg nach oben. Gundaruk und Halbohr gelangten jetzt in einen Bereich der Feste, an dem die Wächter bisher kein Interesse gehabt hatten. Die Gänge und Räume hier schienen schon seit langer Zeit nicht mehr betreten worden zu sein. In einem Raum, dessen Wände mit alten staubigen Spinnweben bedeckt waren, hielt Gundaruk inne. Auch hier befanden sich feine Rillen in einer Wand und er entdeckte eine weitere verborgene Türe, die die beiden aufdrückten. Dort hinter führte eine Wendeltreppe nach oben. Entfernt konnten sie den schwachen Schein von Sonnenlicht ausmachen. Die Wendeltreppe endete an einer hölzernen Türe. Leise gingen die beiden Abenteurer auf diese zu, hatte Halbohr doch hinter der Türe Geräusche von Stimmen vernommen. Mit einem leisen Knirschen öffneten sie die Türe. Was sie dahinter erblickten überraschte nicht nur die beiden. Sie kamen in große Halle, deren Wände aus schwarzem Stein, mit Verzierungen aus Elfenbein bestand. Dieser Ort war jedoch in einem verwahrlosten Zustand. Eine Wand war völlig weggebrochen und offenbarte den Blick nach außen. Hinter Schlieren von Regen konnten sie den Zwielichtigen Saum des Waldes aufragen sehen. Doch was sie wirklich überraschte, waren die Gestalten, die um einen Topf auf einer Feuerstelle kauerten. Etliche Menschen, die noch nicht viele Winter erlebt hatten, waren hier versammelt. Jedoch schienen sie nicht zu der Wächterschar aus den unteren Stockwerken gehören. Jedenfalls trugen sie keinerlei Wappen. Gundaruk und Halbohr tauchten direkt hinter ihnen aus der Türe auf. Halbohr dachte einen Augenblick über eine Verhandlung mit den Gestalten nach, aber er wollte die Gelegenheit direkt nutzen und keine Risiken eingehen. Also stieß er seinen Dolch in die Kehle einer der Gestalten, die einen gold-glänzenden Streitkolben in der Hand hielt. Blutend und röchelnd fiel der Mann zu Boden. Auch Gundaruk zögerte nicht. Er stieß mit seinem Speer nach vorne und bohrte die Spitze in den Leib einer anderen Gestalt. Es dauerte nicht lange, bis die Gruppe von den beiden Abenteurern niedergemacht wurde. Sie konnten so gut wie keine Gegenwehr leisten. Sie atmeten die kalte Regenluft und begannen die Fremden zu untersuchen. Der Streitkolben aus Gold trug eine Inschrift: „Gold ist der Weg zum Reichtum; Macht ist Gier“. Alles in allem schienen Halbohr und Gundaruk in eine Gruppe von Grabräubern gelaufen zu sein, die dachten, die alte Feste wäre ein leichter Ort um an Reichtümer zu gelangen. Die eingestürzte Wand offenbarte auch, dass es vermutlich sehr einfach war über die Trümmer in diesen Turm zu klettern. Die beiden schritten weiter durch die obersten Stockwerke der alten Feste. Das Bild des Verfalls zog sich hier weiter fort. Sicherlich schien es mal ein prächtiger Ort gewesen zu sein, doch der Zahn der Zeit und die Zerstörung einiger Kriege hatte viele der Räume zusammenfallen lassen. Sie blickten in einen Innenhof, der übersäht war mit Schutt. Durch die eingestürzten Mauern konnten sie auf den überschwemmten Wald schauen, von dem die Feste umgeben war. Der Blick hatte etwas Trostloses und Einsames.

Plötzlich hörte Halbohr von einem der Türme ein Grollen, wie Stein auf Stein. Sie folgten dem Geräusch und kamen zu einem weiteren Turm. Auch hier war eine der Wände durch das Alter eingestürzt und lag offen. Plötzlich stieß durch die Öffnung der gewaltige Schädel einer abscheulichen Echsenkreatur. Schwarze Augen blickten wütend auf Gundaruk und Halbohr herab und gelbliche Reißzähne verbargen den tief-schwarzen Schlund der Kreatur. Mit ihren langen Krallen zog sie ihren Körper näher. Ihre grün-gelben Schuppen glänzten selbst in dem Zwielicht des vorherrschenden Regens. Das Maul der Kreatur öffnete sich und versuchte den Leib Gundaruks zu verschlingen. Der Gestank war betäubend, voll von Tod und Verwesung. Doch fast zeitgleich nutzen Halbohr und Gundaruk genau diesen Moment. Halbohr stieß mit seinem Doch in das Maul der Kreatur und die Klinge fand die weiche Stelle des Gehirns der Echse. Der Speer Gundaruks fand ebenfalls seinen Weg und schwarzes Blut sprudelte den beiden entgegen. Mit einem letzten Kreischen fiel die Kreatur in sich zusammen. Der leblose Leichnam rutschte an den Trümmern der gebrochenen Wand herunter. Das einstmals stolze Geschöpf, verschwand in die nasse, dunkle Tiefe des Burggrabens.

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Sitzung 24 - Das Tal hinter den Hügeln
« Antwort #24 am: 24.07.2022 | 00:36 »
Immer wieder peitschte der Regen auf sein durchnässtes Fell hinab. Doch der Jagdtrieb ließ kaum andere Gedanken und erst recht keine Pause zu. Er dachte nicht viel nach. Die menschlichen Erinnerungen kamen und gingen, wie der Geruch, der während der Verfolgung mal stärker und mal schwächer wurde. Der große Wolf trabte beharrlich durch das Unterholz; er verausgabte sich nicht, doch er durfte auch die Spur nicht verlieren. Hier und dort musste er Pfützen umkreisen oder einen reißenden Bach überspringen. Denn der anhaltende Regen hatte den Wald gezeichnet. Wasser waren angeschwollen, Pfützen zu Tümpeln geworden, Bäume umgestürzt und Fäulnis hatte sich ausgebreitet. An einigen Stellen drohte der Nebel, der die Hügel hinabsickerte, die Geruchsspur zu verwischen. Gundaruk wusste nicht, wie lange er Halbohr bereits gefolgt war. Der Regen hatte längst das dunkle Blut der Echsenkreatur abgewaschen, das ihn im letzten Kampf besudelt hatte. Er konnte sich verschwommen erinnern, dass Halbohr mit den Worten „Ich habe etwas gesehen. Folgt mir!“, plötzlich aus der Feste und in Richtung des umliegenden Waldes verschwunden war. Er war ihm gefolgt. Doch Halbohr war schneller gewesen. So hatte er sich in Tierform gewandelt und einen gewissen Abstand zum elfischen Söldner gewahrt. Die letzten Stunden war es dann fast kontinuierlich bergauf gegangen. Der Regen hatte langsam nachgelassen. Jetzt lichteten sich die Bäume und hier und dort ragten Felsen auf. Ein Wind war zu verspüren, der unangenehm an seinem nassen Fell zog. Gundaruk war sich zudem nicht mehr sicher, ob er den Geruch von Halbohr weiterhin erriechen konnte. Er begab sich in einen langsameren Trott, der plötzlich zu einem jähen Stillstand kam. Vor ihm ging es eine Felsklippe hinab. Doch darunter und dahinter konnte er weiter blicken. Unter dem Zwielicht des bleiernen Himmels sah er ein bewaldetes Tal vor ihm aufragen. Eingerahmt von Hügelketten führte es in die Ferne, in der er Felder und einen Fluss erahnen konnte. Gundaruk wusste, dass er in Wolfsform nicht über die Klippen klettern konnte. Er bereitete sich auf den erneuten Schmerz der Verwandlung vor und kauerte sich auf den Boden. Die Fähigkeit war schwer zu ertragen, doch er hatte keine andere Wahl. Nach nicht allzu langer Zeit waren graue Fellreste das Einzige, das der noble Wolf auf dem Felsen zurückließ. In die Lüfte empor flatterte eine übergroße Krähe, deren Schreie das unerforschte Tal erfüllten.

„Schau Bargh, ein Tal. Es ist riesig.“ Neire war in diesem Moment fasziniert von der immensen Größe der Oberwelt. Für eine Zeit konnte er seinen Blick der überwältigenden Weite nicht entziehen. Er kommandierte sein Pferd zu seinem Stillstand. „Ich weiß nicht wo wir sind Neire. Eine Gegend, in der ich nie war.“ Der Jüngling hörte die Worte Barghs gegen das Rauschen des Wasserfalls, der hinter ihnen aus der Klamm strömte und dann über die Felsen vor ihnen in die Tiefe stürzte. Sie waren der Eingebung von Neire gefolgt und hatten die Pferde vorsichtig durch die steile Klamm manövriert, die sich ihnen im Verlauf des Quellflusses offenbart hatte. Neire trug schon seit einiger Zeit seine Gesichtsmaske, die er noch aus Nebelheim hatte. Die Maske stellte eine Feuerschlange dar. Sie war sein erstes Werk als Kind der Flamme gewesen und mit kostbarem Gold und Edelsteinen verziert. Neire blickte durch die Augenschlitze zu Bargh und sah, dass der Krieger Jiarliraes immer wieder seine Maske betrachtete. Bargh hatte den roten Rubin, der sein rechtes Auge ersetzte, mit einer Binde verdeckt. Trotz seines jugendlichen Alters strahlte der von Brandnarben gezeichnete Anhänger der Chaosgöttin eine dunkle Zuversicht aus. Mit ihm bildete Bargh eine kleine verschworene Einheit, getrieben durch die Gier nach Geheimnissen und verankert im Glauben an die Schwertherrscherin. Neire nickte Bargh zu, bevor er zu ihm sprach. „Bargh, wir werden schon bald mit der Fertigung der Maske anfangen. Sie wird ein Kunstwerk werden; euren ruhmreichen Taten gerecht. Jiarlirae wird sie sicherlich gefallen. Ihre Gunst wird euch zu Teil werden.“ Neire sah wie Bargh lächelte und verträumt in die Landschaft blickte. Er nahm jetzt seine Maske ab und fügte hinzu. „Jedoch solltet ihr euch überlegen, welches Motiv ihr wählen wollt. Es ist eine wichtige Entscheidung und ihr sollt sie treffen.“ Erst jetzt sah Neire aus den Augenwinkeln die große, dunkle Krähe, die über ihnen ihre Kreise zog. Er nahm die Zügel in die Hand und steuerte sein Pferd vorsichtig vorwärts. „Kommt Bargh, wir werden sehen, wer der Herr dieses Landes ist.“

Bargh und Neire waren dem Fluss gefolgt. Langsam waren Fels und Wald einer Graslandschaft gewichen. Aus der Talsohle konnten sie Felder und Wiesen sehen. Kleine Punkte in der Ferne waren nun als Bauern zu erkennen, die anscheinend die Felder bewirtschafteten. Es war ein leichter Nieselregen zu spüren, doch das Tal war geschützt vor Wind. Es war zudem wärmer geworden. Sie waren schließlich auf eine Straße getroffen, die parallel zum Fluss lief. Das eintönige Geräusch der beschlagenen Hufe der Pferde verfolgte sie jetzt schon eine Zeit lang. Die Pflastersteine der Straße glänzten nass und abgewetzt. Als sie eine alte, steinerne Brücke erreichen, die den hier zu einem kleineren Strom angewachsenen Fluss überspannte, sah Neire ein weiteres Mal die dunkle Krähe, die in den letzten Stunden ihre Kreise über ihnen gezogen hatte. Das übernatürlich große Tier hatte sich auf einem vereinzelt aufragenden Steinpfeiler der Brücke niedergelassen und betrachtete sie mit funkelnd grünen Augen. Neire dachte nach. Die Krähe… sie begleitet uns schon einige Zeit. Als ob sie uns den Weg weisen wollte. Das muss ein Omen sein. Tatsächlich hatte er bereits gelesen über die Bedeutung des plötzlichen Erscheinens fremder Tiere. „Bargh, schaut. Die Krähe. Sie ist uns gefolgt. Ein Zeichen der Göttin. Das Glück ist auf unserer Seite.“ Neire sah, dass Bargh nickte und antwortete, während sie über die Brücke ritten. „Neire, ich habe nachgedacht. Die Maske soll einen Drachen darstellen, grün und voller Dunkelheit schimmernd.“ Neire strich sein nasses gold-blondes Haar zurück und lächelte. „So soll es sein Bargh. Wir haben die Schuppen und den Zahn der Kreatur, die von euch ermordet wurde. Doch wir benötigen Smaragde. Dann können wir das Werk beginnen.“ So setzten sie ihren Weg weiter fort. Als sie an eine Weggabelung kamen, blickte Neire auf. Tatsächlich sah er die Krähe auf der linken Seite kreisen und so wählten sie diesen Weg. Leise rezitierten sie die alten Gebete aus Nebelheim. Neire hatte begonnen Bargh die Sprache der Yeer’Yuen’Ti zu lehren. Bargh sprach bereits einige Sätze. Nur an der Intonation musste er noch feilen. Die Aussprache bereitete ihm Probleme – trotz seiner bereits gespaltenen Zunge.

Ganz langsam, aber stetig waren die beiden Gestalten nähergekommen. Sie kamen Neire und Bargh entgegen. Der ältere der beiden Männer war in ein rotes Gewand gehüllt und zog einen kleinen Karren. Sein einst volles schwarzes Haar zeigte hier und dort graue Stellen. Trotz des verhangenen Himmels strömte ihm der Schweiß in Strömen vom Kopf. Der jüngere Mann war von muskulöser Statur, in ein Wams aus gehärtetem Leder gekleidet und trug eine Kriegspicke. Sein Schädel war kahlrasiert - sein Blick gelangweilt, doch seine Augen funkelten wachsam. Als Bargh und Neire die beiden passierten, nickten die Fremden ihnen unterwürfig zu. Ihr Gesichtsausdruck ließ eine Mischung aus Neugier und Ehrfurcht erahnen. Neire kommandierte sein Pferd zu einem Stillstand, blickte nicht wirklich hinab und erhob die Stimme. „Mensch… was zieht ihr dieses Gefährt umher? Ist das ein Spiel?“ Für einen kurzen Moment herrschte eine gespenstige Stille. Dann antwortete der ältere Mann auf die gezischelten Worte fremder Intonation. „Mein junger Herr… wir spielen das Spiel der Münze, wenn ihr so wollt.“ Er lächelte freundlich während er sprach. Auch der Söldner mit der Kriegspicke fing an zu grinsen. „Es sind Händler Neire. Sie verkaufen Waren gegen Münzen.“ Neire sah, dass Bargh die beiden grimmig anblickte, während er ihm den Witz erläuterte. Neire musste grinsen, doch der ältere Mann erhob erneut die Stimme. „Ihr seid wohl nicht von hier, Jungherr, kommt ihr vielleicht aus den Küstenlanden?“ Neire wägte kurz seine Antwort ab. „Wir sind aus Fürstenbad. Sagt mir, wohin führt diese Straße?“ „Fürstenbad ist mir nicht bekannt. Diese Straße führt nach Kusnir, Jungherr. Die Ortschaft ist nicht mehr weit von hier.“ Neire dachte nach. Er hatte tatsächlich in alten Chroniken von Nebelheim bereits von Kusnir gehört. Die Ortschaft war Teil des einst wohlhabenden Herzogtums Berghof. Berghof, hinter einer Wetterscheide liegend, war als fruchtbares Tal beschrieben, das sich mehrere Tagesreisen weit erstreckte. Es war von Mittelgebirgen und Bergketten umgeben, die dem Talkessel eigene Wetterbedingungen bescherten. In längst vergangenen Zeiten hatte es einen Konflikt mit den im Süden gelegenen Küstenlanden gegeben. Ein Bergpass, in den Chroniken als Adlerweg benannt, war besonders umkämpft gewesen. Doch es hatte keinen Gewinner gegeben. Der Konflikt war schließlich zu einem kalten Krieg geworden und die Küstenlande waren verfallen. Berghof war zwar besser weggekommen, doch auch hier war das Herrschergeschlecht zugrunde gegangen. Zudem war das alte Herzogtum von Auswanderung betroffen. Neire wurde von einem Krähen jäh aus den Gedanken gerissen. Es sah, dass sich das dunkle, große Tier, das sie jetzt schon einige Zeit verfolgte, auf den Beuteln des Karrens niedergelassen hatte. Hektisch beäugten die fremden Männer das Tier. „Es ist ein Omen. Das Erscheinen einer schwarzen Krähe verspricht euch Glück“, sprach Neire zu den Fremden, doch er sah, dass der Söldner die Krähe mit seiner Kriegspicke versuchte hin fortzuscheuchen. Tatsächlich erhob sich das Tier mit einem weiteren Schrei in die Lüfte und ließ sich jetzt auf dem Hals von Neires grasenden Pferdes nieder. Augenblicklich bemerkte Neire sein Reittier in Panik verfallen. Mit einem Wiehern begann es zu steigen. Neire klammerte sich im Sattel fest. Wütend auf den Söldner versuchte er das Pferd in Richtung des Wagens zu lenken. Er sah, wie der Söldner auswich und sich ins Gras warf. Die Krähe war bereits in die Luft gestiegen, als Neire das Pferd unter Kontrolle brachte. „Achtet auf euer Tier, Jungherr!“ Die Stimme des jüngeren Mannes war eindringlich und er hielt die Kriegspicke vor sich. Neire blickte arrogant auf ihn hinab, während er mit einem Lächeln im Gesicht antwortete. „Ihr solltet die Omen der Götter achten, Mensch! Die Krähe kommt aus der Dunkelheit und fliegt über das Feuer hinfort. Sie ist ein Bote von Heria Maki, der Göttin des reinigenden Feuers.“ Neire sah, dass Bargh beim Namen von Heria Maki spöttisch zu grinsen begann. So betrachteten sie wortlos die beiden Knechte, die vorsichtig an ihnen vorbeizogen.

Die Krähe hatte sie bis nach Kusnir verfolgt. Dort waren sie die Hauptstraße entlanggeritten und hatten nicht mehr nach dem Vogel Ausschau gehalten. Bei ihrem Ritt durch Kusnir hatten Neire und Bargh dann wohl für genügend Gerüchte und Gespräche kommender Tage gesorgt. Spielende Kinder waren ihnen gefolgt und die bäuerliche, größtenteils übergewichtige Bevölkerung hatte sie voll Staunen und Ehrfurcht betrachtet. Schließlich hatten sie am Ende der Straße und in der Nähe des Sees, an dem Kusnir lag, das örtliche Gasthaus gefunden und ihre Pferde in einem offenen, überdachten Stall untergebracht. Für eine kurze Zeit hatte Neire versucht die seltsamen Runen zu entziffern, die mit rötlicher Farbe in das Gebälk des Stalls gepinselt waren. Doch sie waren arkaner Natur und er konnte sie nicht deuten. So waren sie schließlich in die Schankstube eingetreten; Bargh, schwer beladen mit den Satteltaschen, voran. Aus dem Inneren strömte ihnen ein angenehmer Geruch von gebratenem Fleisch und Bier entgegen. Der abgedunkelte Raum hatte die Größe einer kleinen Halle und war von Öllampen erhellt. Vier große hölzerne Pfeiler trugen die Decke des Raumes. Hinter den Tischen und Bänken, von denen die meisten leer waren, war der flackernde Schein eines Kaminfeuers zu erkennen. Dort stand ein dicker Mann mit einer Glatze, gekleidet in einen fettigen Lederschurz. Er schien nicht Notiz zu nehmen von Neire und Bargh, drehte er doch einen gewaltigen Spieß, der den Körper eines ganzen Rindes trug. Immer wieder griff der Mann in ein Gefäß und zerbröselte ein Gewürz über minutiös ausgesuchte Stellen des Rinds. An einem weiteren Tisch konnten Neire und Bargh eine Gruppe von drei Bauern verschiedenen Alters erkennen, deren angeregtes Gespräch nach ihrem Eintreten plötzlich verstummt war. In einer Ecke saß zudem eine einzelne Gestalt, die in Gedanken versunken einen Humpen Bier trank. Dieser Mann war älter, von muskulöser Statur und gekleidet in ein Lederwams. Eine Axt steckte in seinem breiten Ledergürtel. Neire, der sich zuerst hinter Bargh verborgen hatte, trat jetzt hervor und genoss die von Ehrfurcht und Neugier erfüllten Blicke der Gruppe von Bauern. Sie suchten sich einen Platz in der Nähe der Flammen des Kamins. Als der Mann am Spieß sie nicht beachtete blickte Neire in das Feuer und zischelte in dessen Richtung. „Mensch… bringt uns zwei Bier und eine Mahlzeit von dem Fleisch.“ Er sah, dass der Spießdreher aufschreckte und einen kurzen Moment in seine Augen blickte, in denen das rötliche Feuer schimmerte. „Oh, entschuldigt, meine Herren. Natürlich bringe ich euch das Bier und eine Mahlzeit. Äh… das mit den Kupferstücken regeln wir später.“ In diesem Moment krachte der gepanzerte Handschuh von Bargh auf den Tisch. „Und bringt mir die doppelte Portion, verdammt!“ Schon bald wurde ihnen das Bier gebracht und sie tranken in gierigen Zügen. Neire betrachtete interessiert den Raum und fragte sich, ob alle Menschen der Oberwelt ein solch erbärmliches Leben fristeten. Als der Wirt mit drei großen Tellern gebratenem Fleisch zu ihnen kam, zwei davon für Bargh, zeigte Neire auf den brutzelnden Körper des Rinds. „Mensch… was ist das für ein Tier?“ Doch noch bevor der Wirt antworten konnte, flog mit einem Krachen die Eingangstüre des Raumes auf. Unter der Türe duckte sich die riesenhafte Gestalt von Gundaruk hindurch. Hier und dort war er immer noch gezeichnet von tiefen Wunden des letzten Kampfes in der verlassenen Feste. Er steuerte auf den Tisch von Bargh und Neire zu und baute sich vor ihnen auf. „Gundaruk, es freut mich euch zu sehen. Setzt euch zu uns und trinkt so viel ihr könnt. Trinkt mit uns auf die glühende Nacht der ewigen Stadt, wo Feuer, Dunkelheit und Stein eins ist“, sprach Neire und lächelte ihm zu. Gundaruk zog seine Luchsfellmütze zurück, erwiderte das Lächeln und ließ sich niedersinken. „Neire… ich sehe ich seid so schön… äh, ich meine natürlich so eitel, wie je zuvor. Bargh… ihr solltet vielleicht an eurem Haarschnitt arbeiten!“


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Sitzung 25 - Von farbigen Pilzen und Mutproben
« Antwort #25 am: 29.07.2022 | 22:06 »
Der große Schankraum war eingehüllt in eine schummrige Atmosphäre. Durch die geschlossenen Fensterläden drangen hier und dort vereinzelte Lichtstrahlen. Erhellt wurde der Raum jedoch hauptsächlich von milchigen Öllampen. Bargh, Gundaruk und Neire saßen an einem der Tische, nahe des großen Kaminfeuers. Auch Gundaruk hatte mittlerweile sein Essen erhalten und so widmeten sie sich genüsslich dem knusprigen Fleisch. Bargh hatte bereits zwei große Humpen des faden Biers getrunken und einen seiner beiden Teller hastig geleert. Jetzt ließ er sich etwas zurücksinken, verlangsamte seine Ess- und Trinkgeschwindigkeit und ließ ein lautstarkes Rülpsen von sich. Während Bargh sich nicht besonders für die weiteren Gäste zu interessieren schien, blickte sich Neire immer wieder im Raum um und betrachtete die Gesellschaft der drei Bauern sowie den vereinzelt sitzenden älteren Mann. Neire fragte sich, ob alle Bewohner der Oberwelt ein solch tristes und trostloses Leben fristeten. Ob ihre einfältigen Geister nicht in der Lage waren von Größerem zu träumen. Als Gundaruk den fettleibigen Wirt ein weiteres Mal zu ihrem Tisch rief, erhob er zischelnd seine Stimme. „Mensch… seid ihr alle eines kargen Geistes Kinder? Seid ihr Sklaven in diesem Lande?“ Der Wirt, der die vier randvoll gefüllte Bierhumpen auf ihren Tisch gestellt hatte, wollte sich bereits wieder seinem Spieß widmen. Er zuckte auf bei Neires Frage und blickte unterwürfig zu Boden - als wollte er nach einer Antwort suchen. Eine Antwort auf zwei Fragen, von denen er mindestens eine nicht richtig verstand. „Junger Herr, Sklaven sagt ihr? … Nein Sklaven gibt es hier nicht… ähh… vielleicht in den Küstenlanden. Dort gibt es sicher Sklaven. In den Küstenlanden… Sklaven, ja.“ Neire war bereits gelangweilt während er sprach und musste grinsen über die armselige Kreatur, doch Bargh erhob seine tiefe Stimme. „Dann trinken wir auf die freien Menschen von Kusnir, freie Menschen wahrlich…“ Seine Stimme erfüllte den Raum und klang seinem Trinkspruch genehm, doch Neire ahnte den Spott, als er in das Gesicht von Bargh blickte. Weiter kam der Krieger Jiarliraes allerdings nicht. Ein Bauer mittleren Alters hatte sich bereits erhoben, forderte seine beiden Kameraden auf es ihm gleichzutun und erwiderte Barghs Trinkgruß: „Auf die freien Menschen von Kusnir, Freunde! Gesellt euch gerne zu uns, wir machen Platz und die nächste Runde geht auf uns.“

Neire betrachte die drei Bauern und den in sich gesunkenen älteren Mann. Sie hatten ihre Tische am Feuer des Kamins zusammengestellt und der Wirt hatte eine weitere Runde des faden Bieres gebracht. Neire hatte sich bis jetzt zurückgehalten und die vier Fremden mit einer Mischung aus Neugier und latenter Arroganz gemustert. Der mittelalte Bauer hatte sich erneut gehoben und leicht verbeugt, bevor er zu sprechen begann. „Gestattet mir uns euch vorzustellen, edle Herren. Mein Name ist Siguard Einhand, das ist mein jüngerer Bruder Lorkan und der ältere hier heißt Lorn… Ach ja, dann ist da noch der, der das miesepetrige Gesicht zieht. Er ist unser Dorfvorsteher, Kurst.“ Tatsächlich nickte der ältere, korpulente Mann mit dem speckigen Lederwams ihnen zu, als er seinen Namen, Kurst, hörte. Für einen kurzen Moment lang herrschte Schweigen, dann war die zischende Stimme von Neire zu hören. „Es wäre unhöflich, wenn wir uns nicht vorstellen würden… Mensch. Das ist Gundaruk. Er war tot, doch er ist aus dem Grab in das Reich der Lebenden zurückgekehrt. Hier sitzt Bargh, der Drachentöter. Mein Name ist Neire.“ Die Bauern hatten sie - bis auf Kurst - mit bewundernden Augen angestarrt. Sie schienen auf etwas zu warten, als Neire sich zuletzt vorstellte und so fuhr er fort. „Ich diene Heria Maki, sie ist Schatten und bringt das Feuer. Sie belohnt die Rechtschaffenen und bestraft die Frevler.“ Tatsächlich sah Neire, dass Kurst seinen bereits wieder hinabgesunkenen Kopf ein weiteres Mal erhob und irgendetwas in seinen Augen aufblitzte, als er den Namen Heria Maki und die Rechtschaffenen hörte. „Trinken wir auf Heria Maki!“ sprach Bargh, während er versuchte ein Grinsen zu verbergen. Siguard, bereits deutlich lallend, war der erste der reagierte. „Auf Herio Mako! Wir trinken auf sie.“ Jetzt musste auch Neire lachen. Vielleicht ahnen sie es und spüren die Schwäche von Heria Maki. Würden sie so den Namen der Schwertherrscherin in den Mund nehmen, würde ich sie auf diesem Spieß rösten. Neire malte bereits das Bild in seinen Gedanken, wie die Bauern dort bei lebendigem Leibe brennen würden. Doch er mochte sie auch irgendwie. Er mochte ihre trunkene Einfalt. Und sie hatten bereits über Heria Maki gespottet, indem sie ihren Namen fehlerhaft gelallt hatten. Während er noch nachdachte, sprach Siguard bereits weiter. „Ich habe auch große Taten vollbracht, müsset ihr wissen, edle Herren. Ich habe die blauen Teufel gejagt. Bis in ihren Bau. Gejagt und getötet habe ich sie.“ Neire hatte in alten Schriften von blauen Teufeln gehört. Niederträchtige Wesen mit bläulich schimmernder Haut, die in Hügeln und Mittelgebirgen lebten. Sie waren böse und hinterlistig und so glaubte er den Worten von Siguard nicht ganz. „Es ist schon eine Schande, dass jetzt der Bau wieder bewohnt ist.“ Beide Bauern nickten, während Siguard fortfuhr. „Ein übles Wesen hat sich dort eingenistet. Es hat bereits unser Dorf überfallen. Sogar eine ganze Familie wurde getötet. Sogar Frauen und Kinder. Könnt ihr das glauben? Sogar Kinder.“ „Es ist ein Skulk, der in unserem Land sein Unwesen treibt. Diesem Unwesen muss ein Ende bereitet werden. Doch die Söldner, die Krieger sind alle hinfort. Es ist ein Fluch.“ Kurst, der seine tiefe, klare Stimme erhoben hatte, ließ jetzt wieder den Kopf sinken und grübelte weiter. „Wie hoch sind eure Verluste, Kurst. Könnt ihr nicht die Natur um Hilfe bitten?“ Gundaruk, hatte sein Luchsfell von seinem Kopf zurückgezogen und seinen haarlosen großen Schädel offenbart. Er blickte auf Kurst hinab und seine Worte waren fast fordernd. „Wir haben viele Tote zu beklagen. Ich muss gestehen, ich habe sie nicht gezählt. Doch die Natur? Früher gab dort etwas, wie ein Schimmer über dem See, den Feldern und den Hainen… Ehlonna. Sie beschützte das Land und gab uns reiche Ernten. Doch sie ist fort. Nun müssen wir selber zurechtkommen. Es braucht Ritter oder rechtschaffene Krieger hier. Vielleicht könnt ihr uns helfen, ihr dient der rechtschaffenen Göttin des Feuers, ja?“ Neire sah die Verzweiflung im Blick des alten Mannes, doch das erregte kein Mitleid in ihm. Es waren eher die Geheimnisse des Skulks, die ihn reizten. Von dieser Kreatur hatte er nämlich noch nichts gehört. „Wir sind auf der Suche nach Geheimnissen, Mensch. Ich habe die roten, arkanen Runen gesehen, die in eurem Dorf im Holz zu sehen sind,“ antwortete Neire, dessen seltsamer Singsang und Akzentuierung trunkene Blicke auf sich zog. Auch konnte man immer wieder seine gespaltene Zunge sehen, wenn er sie zwischen den Worten über seine weiß glänzenden Zähne gleiten ließ. „Dann könnt ihr also die Zeichen lesen? Es war der Skulk, der sie mit dem Blut seiner Opfer dort hinterließ.“ Die Worte von Kurst, der seinen lethargischen Zustand längst verlassen hatte, klangen verzweifelt und eindringlich. Neire bemerkte, dass der Dorfvorsteher zudem begann zügiger an seinem Bier zu trinken. „Wir können euch helfen, Mensch. Doch Heria Maki benötigt ein Brandopfer. Ihr solltet uns nach getaner Aufgabe belohnen und wir werden dieses Brandopfer verrichten. Grüne Edelsteine, wie Smaragde oder Jade, nehmen wir gerne an.“ Kurst dachte einen Moment nach. „Grüne Edelsteine haben wir leider nicht. Doch wir haben Edelsteine. Ich kann euch aus dem Familienerbe bezahlen. Rubine und sogar ein paar Diamanten.“ Neire blickte zu Bargh und sah, dass sein Begleiter nickte. Auch Gundaruk schien nichts gegen das Vorhaben einzuwenden. „Dann soll es so sein, Mensch. Ihr werdet uns morgen den Weg weisen und wir werden uns der Sache annehmen. Doch lasst uns trinken jetzt! Wirt, bringt uns eine Fiedel oder eine Harfe. Wir wollten singen und feiern!“ Die Bauern begannen zu jubeln und auch Kurst leerte seinen Humpen in einem Zug. Als der Wirt mit neuen Bierhumpen zum Tisch kam und den Besitz einer Fiedel oder Harfe verneinte, hatte Neire bereits mehrere kleine Stücke eines gelblichen Pilzes auf den Tisch fallen lassen. „Und lasst uns das fade Gesöff mit diesem Gewürzpilz aufbessern. Diese Pilze verleihen einem Getränk das gewisse Etwas.“ Zu seiner Überraschung sah Neire, dass Lorkan, der jüngste der Bauern, bereits einen Pilz verschlungen hatte und den Humpen zu mehreren gierigen Schlücken ansetzte. Nur Siguard schien ablehnend gegenüber dem Vorschlag zu sein. „Kommt Siguard oder habt ihr etwa Angst. Selbst euer Dorfältester hier will mit uns anstoßen.“ Tatsächlich nahm auch Gundaruk jetzt einen Pilz, stand auf und blickte auf den zögerlichen Bauern hinab. „Nun gut, dann lasst uns trinken!“ Neire beobachtete belustigt, wie sie gierig das Bier tranken und bereits ein neues forderten. Er würde ihnen schon zeigen wie man richtige Feste feiert. Nach einiger Zeit des trunkenen Austausches – Lorkan konnte fast nicht mehr reden und schwankte im Sitzen – erhob Neire wieder seine Stimme. „Mensch, ihr sagtet ihr habet die blauen Teufel bekämpft. Ihr müsst wahrlich mutig sein. Aber so mutig, dass ihr euch traut ein Spiel mit mir zu spielen?“ Neire hatte auf Siguard gezeigt, bei dem der Alkohol bereits deutliche Wirkung zeigte. „Ein Spiel meint ihr, eh? Natürlich spiele ich ein Spiel mit euch.“ Neire fing an zu grinsen und strich sich seine gold-blonden Locken zurück. Er zog zwei Platinstücke nebelheimer Prägung hervor und legte sie auf den Tisch. Eine leichte Wehmut befiel ihn, als er das Wappen von Nebelheim auf den Münzen glitzern sah; den Chaosstern, der dort in die Andeutung der Menschenschlange des wahren Blutes eingeflochten war. „Es ist ein Spiel zu Ehren der Göttin, Heria Maki. Wenn ihr die Münze länger in der Hand halten könnt, seid ihr der Sieger und dürft die beiden Stücke behalten. Vielmehr noch bestätigt die Göttin eure Rechtschaffenheit mit der Reinheit des Feuers.“ Sie sahen alle, dass Siguard seine Faust auf den Tisch knallen ließ. „Ist das das Spiel? Natürlich werde ich gewinnen.“ Noch während er lachte stand Neire auf, nahm die Münzen und schritt zum Feuer. Er blickte dabei zu Bargh und sah, dass der Krieger ihm zunickte. Neire nahm eine Ascheschaufel und stieß die beiden Platinmünzen vorsichtig unter die Glut der dicken Holzscheite. Er trat zurück und blieb hinter den Tischen stehen. „Erhebet euch für das Spiel, Menschen. Wir werden in Kürze beginnen.“ Tatsächlich erhoben sich die Bauern. Bargh, der jetzt eine Hand auf sein Schwert gelegt hatte stellte sich an den Kamin. Die Flammen schimmerten auf seinem silbernen Plattenpanzer. Neire spürte, dass der Pilz jetzt seine volle Wirkung entfaltete. Wärme raste durch seine Arme und verstärkte die Wirkung des Rausches. Doch nicht in geistes-vernebelnder Form. Die Farben um ihn herum waren nicht mehr so trist. Das Feuer glänzte wie tanzende Schatten und transparente Arme aus Flammen. Die vier Säulen des Raumes hörte er ächzen, die hölzernen Wände flüstern. Auch die Bauern waren wie in einem tiefen Rausch. Kurst torkelte schwankend hin und her und rief abgehackte Worte. Lorkan war bereits an einem Tisch zusammengesunken und Lorn, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, sprach Worte des Abschiedes und verschwand. Neire spürte, dass sein Geist sich langsam öffnete. Er trat an das Feuer und beförderte die Platinstücke auf die Schaufel. Sie funkelten glühend wie kleine Sterne und zogen im Rausch lange feurige Fäden mit sich mit. Neire schwankte zu Siguard hinüber und reichte ihm die Schaufel. Nur aus den Augenwinkeln sah er, dass Kurst, in einem Anfall von blindem Wahnsinn, nach einer der brennenden Münzen greifen wolle. Doch er zog die Schaufel rechtzeitig zurück und der alte Mann torkelte ins Leere. Als Siguard zögerte sprach Neire. „Stimmen eure Geschichten, ist euer Heldenmut wahr? Oder seid ihr doch ein Feigling? Ein Feigling, der selbst weit unter eurem Dorfältesten steht.“ Neire deutete dabei in Richtung von Kurst, der in ein paar Stühle gefallen war und gerade versuchte sich aufzurichten. Die Blicke lagen jetzt auf Siguard. Gundaruk stand hinter ihm und Bargh rückte bedrohlich näher. Noch immer zögernd begann der Bauer nach der Münze zu greifen. Auch Neire zog jetzt seine linke, grausam verbrannte Hand hervor. Im letzten Moment realisierte Siguard die Brandwunden an Neires Arm. Doch es war zu spät. Er hatte das glühende Metall bereits ergriffen und es brannte sich zischend in seinen Handballen hinein. Einen Moment lang versuchte er die Münze zu halten, doch der Schmerz war zu groß. Er ließ sie fallen und brach auf die Knie. Neire hielt seine Münze hoch. Sie brannte in seinem Fleisch und er genoss den Schmerz. Er blickte in die Flammen und suchte nach Zeichen. Seine Augen funkelten wie brodelndes, dunkles Magma, als er vor dem Kamin zu tanzen begann. Er sang den Choral einer fremden zischelnden Sprache und Bargh stimmte ein. Der Schankraum um ihn herum versank in einem feurigen Traum aus Licht und Schatten. Zeichen im Feuer sah er nicht, doch er dachte an die Münze und das Wappen von Nebelheim, dass der Bauer nun für immer mit sich herumtragen würde. Eine innere Freude erfüllte ihn als er den Gedanken sponn. Er musste sein eigenes Symbol weben. Es musste die Runen des Chaos tragen und die Dualität weisen. Er dachte an Schatten und Feuer.

Als Gundaruk wach wurde hämmerte sein Kopf. Sie hatten zu dritt in einer kleinen Dachkammer übernachtet, die der Wirt mit improvisierten Strohlagern für sie hergerichtet hatte. Er erinnerte sich nur noch schemenhaft an den letzten Abend. Die Bauern waren einer nach dem anderen im Suff zusammengebrochen und hatten schließlich schlafend auf dem Boden des Schankraumes gelegen. Als Neire seinen Tanz beendet hatte, hatten sie nach dem Nachtlager verlangt und der Wirt hatte den Raum verlassen. Neire war zu den Bauern getreten und hatte Bargh aufgefordert ihm zu helfen sie zu entkleiden. Als die Bauern schließlich nackt dort lagen, hatte Neire sich ein Stück erkaltete Kohle geholt. Er hatte begonnen obszöne Zeichnungen auf die Körper zu malen, die andeuteten, dass die Bauern sich gegenseitig verspottet hätten. Bargh und er hatten immer wieder gelacht und weiter Bier getrunken. Auch Gundaruk hatte die Szene belustigt. Er erinnerte sich an vergangene Abende im Krieg. Als sie nach einer siegreichen Schlacht in den immer noch warmen Ruinen einer abgebrannten Burg gezecht hatten. Die Menschen waren immer zuerst umgefallen, während er der letzte gewesen war. Ja, der Krieg. Er war grausam gewesen, doch er hatte die Abende ausschweifender, die Freundschaften und Gefühle intensiver gemacht. Schließlich war der Wirt zurückgekehrt und hatte gefragt was passiert war. Neire hatte geantwortet. Er hatte erklärt, dass die Menschen die Fassung verloren hätten. Dass ihnen der Alkohol zu Kopf gestiegen sei. So hatte schließlich er, Gundaruk, die nackten Leiber vor die Türe des Gasthauses geschleift. Das ganze Dorf sollte schließlich sehen, was den Zechern widerfahren war. Tatsächlich hatte er irgendwann im Halbschlaf das Lachen und das Applaudieren einer Menge gehört, die sich anscheinend vor dem Gasthaus gesammelt hatte. Gundaruk richtete sich auf und kleidete sich an. Die Luft in der engen Kammer war schlecht und er erinnerte sich schwach an das Ritual der Fackeln, dass das Kind der Flamme am letzten Abend noch durchgeführt hatte. Er raffte seine Sachen zusammen und ging durch das Gasthaus ins Freie. Von den Bauern war keine Spur mehr zu sehen. Die Sonne war bereits aufgestiegen und brach hier und dort durch die Wolken hindurch. Er vernahm den Geruch des Sees und der Felder und zog tief die Luft ein. Er spürte noch immer den Alkohlrausch und die Wirkung des bunten Vierlings. Die Farben waren so intensiv, das Sonnenlicht so lieblich. Es war, als ob seine Sinne geschärft, als ob er immer noch in Tierform verwandelt wäre. Er konnte sogar den Duft von Gras und Kräutern riechen, die an den Rändern der Straße wuchsen. Gundaruk fasste den Gedanken und begann zu suchen. Hier und dort pflückte er Kräuter, als er durch das Dorf schritt. Nach einiger Zeit kam er zum Gasthaus zurück, mit einem Bündel von Pflanzen. Er bemerkte, dass dort Bargh und Neire zu sehen waren, die gerade ihre Pferde sattelten. „Ah, Gundaruk. Da seid ihr.“ Neire winkte ihn heran und er bückte sich unter das Dach des Stalls. Neire trat jetzt näher und begann zu flüstern. „Gundaruk, ich habe die Runen Kraft meiner Göttin untersucht. Eine schwache Magie, doch ich konnte die Bedeutung erahnen. Es ist wie eine Botschaft, wie ein Hilferuf.“ Gundaruk sah Falten auf Neires gerader Stirn. „Die Worte befreit mich und Träger konnte ich entziffern. Vielleicht ist von einem alten Gegenstand die Sprache. Vielleicht von einem alten Fluch, um dessen Träger es hier geht.“ Gundaruk nickte und dachte nach. Auch er hatte von alten Geschichten gehört. Legendäre Gegenstände die in vergangen Zeiten erschaffen wurden. Oftmals hatten sie ihre Träger ins Verderben gestürzt. Geschichten rankten sich nicht nur um ihre Erschaffung, sondern auch um ihre Vernichtung. „Lasst uns erst einmal zu Kurst gehen und ihn nach dem Weg fragen.“ Gundaruk deutete zudem auf die Gräser, die er in beiden Händen trug. „Ich habe außerdem etwas vorbereitet, um ihnen zu helfen. Vielleicht ist ja doch noch ein Teil von Ehlonna hier, der mir antworten wird.“ Er sah jedoch, dass ihn Neire angewidert anschaute, als er den Namen erwähnte. „Die Götter sind schwach Gundaruk… nur die Schwertherrscherin, nur Jiarlirae…“ Gundaruk zuckte mit den Schultern. Er musste es versuchen. Was in der Zeit passiert war, seit er in diesem Grab gelegen hatte? Er musste es selbst herausfinden. Nach kurzer Zeit kamen sie über den Lehmweg zum Steinhaus des Dorfvorstehers. Es war neben dem Gasthaus das zweite Haus aus Stein, dass es in Kusnir gab. Bargh trat hervor und schlug mit seinem gepanzerten Handschuh gegen die hölzerne Eingangstüre. Doch das dumpfe Donnern provozierte keine Reaktion. Ein weiteres Mal, jetzt noch lauter dröhnte der Schlag. „Kurst, alter Säufer! Kommt hervor.“ Nach kurzer Zeit waren tatsächlich Geräusche zu hören und ins Sonnenlicht trat der gezeichnete alte Mann. Noch immer waren die verwischten Symbole der Kohle an seinem von Schlamm besudelten Oberkörper zu sehen. Zudem konnte Kurst anscheinend kaum seinen Hals bewegen. „Was wollt ihr?“ ächzte er mit heiserer Stimme. „Kurst. Weißt uns den Weg zum Bau. Wir werden heute aufbrechen,“ sprach Neire. Sie lauschten den abgehackten Worten des Dorfvorstehers. Als er seine Beschreibung beendete, trat Gundaruk hervor. „Kurst, ich habe Kräuter und Pflanzen gesammelt und werde versuchen eure Göttin anzurufen. Vielleicht wird Ehlonna euch helfen und weitere reiche Ernten schenken.“ Kurst starrte ihn einige Zeit an. „Tut was ihr nicht lassen könnt, Gundaruk. Ich weiß, ihr meint es gut mit uns, doch Hoffnung habe ich nicht.“ Damit trat der Mann in die Schatten zurück uns ließ die Türe hinter sich zufallen. Gundaruk begann mit seinem Speer Kreise in das Gras des kleinen Platzes zu zeichnen. Er verstreute die Kräuter und murmelte die Gebete zu Ehlonna. Neire und Bargh beobachteten ihn wortlos vom Rücken ihrer Pferde. Gundaruk beendete das Ritual, doch er spürte keine Antwort, keine göttliche Resonanz. Er war sich auch nicht sicher ob der Zauber gewirkt hatte. So brachen sie auf und folgten der Beschreibung. Gundaruk ging neben den beiden Pferden her. Nach einiger Zeit gelangten sie an einen Fluss und dann in einen Wald, in dem das Wasser schneller dahinschoß. Das Gurgeln erfüllte die von Vogelstimmen erfüllte Umgebung. Die Sonne stand mittlerweile hoch am bewölkten Himmel und vertrieb langsam die Nässe des gefallenen Regens. Gundaruk sah, dass Neire immer wieder den Wald und die Sonne betrachtete. „Neire, der Wald. Er scheint euch zu gefallen.“ Bemerkte Gundaruk und deutete mit seinem Speer in das schattige Unterholz. „Die Oberwelt ist groß und der Wald ist voller Schatten. Er scheint die Sonne zu verschlucken.“ Gundaruk nickte und antwortete bedacht. „Die Sonne und der Wald. Die Sonne dringt nicht tief hinein, doch der Wald benötigt die Sonne. Fast wie euer Dualismus von Schatten und Feuer. Vielleicht kann ich Ehlonna zurückbringen, vielleicht hat sie dieses Land nur vergessen.“ Gundaruk sah, dass sich die Miene Neires augenblicklich verfinsterte. Die Neugier und Freude in seinem Gesicht waren hinfort. „Ah, dieser Name einer schwachen Kreatur. Vielleicht solltet ihr ein paar Menschen opfern, den Boden mit ihrem Blut tränken und sie dann essen. Vielleicht ist es das, was Ehlonna braucht.“ Gundaruk blickte ausdruckslos in das spottende Gesicht Neires. Es überkam ihn ein seltsames Gefühl, wie ein dunkler Bote. Ein Gefühl, dass er nicht deuten konnte, dass ihn abstieß, aber auch seine Neugier weckte.
« Letzte Änderung: 5.08.2022 | 22:44 von FaustianRites »

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Sitzung 26 - Der Bau
« Antwort #26 am: 5.08.2022 | 22:41 »
Durch die Baumwipfel drangen Sonnenstrahlen des von Quellwolken überzogenen Himmels. Die Luft war klar und es roch nach nassem Wald. Um sie herum war das Gluckern des Bachlaufs zu hören, der den dichten Wald wie eine Schneise durchzog. Sie hatten mit den Pferden am kleinen Fluss haltgemacht. Die Tiere grasten jetzt dort und tranken das klare Wasser, das aus den nahen bewaldeten Bergen stammen musste. Eine Zeitlang waren sie dem Fluss in die Richtung der Hügel gefolgt, deren rollende Höhen sie immer wieder dunkel über dem Wald hatten aufragen sehen können. Neire zog die Luft ein und betrachte vom Rücken seines Pferdes seine Mitstreiter. Er genoss jeden Moment in der ihm fremden Oberwelt, in der er sich von Tag zu Tag sicherer fühlte. Ab und an war ein Vogel im Unterholz zu hören, mal konnte er Eichhörnchen sehen, die von Baum zu Baum sprangen. Neire blickte einen kurzen Moment zu Bargh. Der Alkohol und die Pilze der gestrigen Nacht hatten das Gesicht des jungen Krieger Jiarliraes gezeichnet. Das linke Auge, das Bargh nicht mit der Binde überdeckt hatte, wirkte glasig. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn und auf seinem von Brandnarben bedeckten, haarlosen Schädel gesammelt. Als ob Bargh seine Gedanken erahnen konnte, drehte sich der einstige Paladin auf seinem Reittier sitzend um und griff in eine der Satteltaschen. Bargh förderte einen von den Weinschläuchen hervor, die sie aus der verlassenen Feste mitgenommen hatten. „Neire, nehmt einen Schluck. Der Wein wird unsere Laune steigen lassen.“ Neire beugte sich zu Bargh hinüber und nahm wortlos den Schlauch entgegen. Auch er spürte eine Leere in seinem Kopf, die immer wieder plagende Gedanken hervorrief. Er trank mehrere Schlücke des würzigen Tranks bevor er in Richtung Gundaruk nickte. „Gundaruk, was ist mit euch? Probiert den Wein aus der verlassenen Feste, er ist wirklich vorzüglich.“ Neire wollte zu Gundaruk hinabreichen, doch der große Krieger verneinte kopfschüttelnd. „Wir sollten uns auf unsere Aufgabe konzentrieren. Ich will klar denken können, um meine Umwelt richtig wahrzunehmen. Ich will auf alle möglichen Ereignisse vorbereitet sein.“ Neire reichte den Schlauch wieder Bargh hinüber, der gierig einige tiefe Züge nahm. „Ahhh… Gundaruk,“ sprach Bargh in abfälligen Worten und wischte sich den an seinem Kinn herunterlaufenden Wein mit seinem Panzerhandschuh hinfort. „Ein paar Schlücke Wein haben auch vor einem Kampf nie geschadet. In einer Kneipenschlägerei, wie auch in einem Gemetzel, kann eine leichte Trunkenheit von Vorteil sein.“ Um seine letzten Worte zu unterstreichen schlug sich Bargh mit dem Handschuh gegen die silberne Brustplatte seines leicht verbeulten Plattenpanzers. Neire spürte jetzt die Wirkung des Alkohols und seine Laune stieg. Er blickte zu Gundaruk, der sich mittlerweile in einen Kniesitz begeben und seine Luchsfellmütze von seinem kahlen Schädel gezogen hatte. „Gundaruk, wie lange wart ihr eigentlich in diesem Grab gefangen? Kann es sein, dass ihr dort das Leben und das Feiern vergessen habt?“ Mit einer Kopfbewegung deutete Neire lächelnd auf den Wein. „Ich weiß es nicht Neire. Sagt, welches Zeitalter, welches Jahr haben wir jetzt?“ Neire war erstaunt von der Ernsthaftigkeit in Gundaruks grünen Augen. Der immer noch ein wenig fremde, große Krieger schien anscheinend wirklich nicht zu wissen, wie lange er dort verbracht hatte. „Es ist das Zeitalter von Ziansassith. Ziansassith, Menschenschlange des wahren Blutes.“ Als Neire den Namen des vergangenen Herrschers von Nebelheim zischelnd aussprach, meinte er für einen Augenblick den Wind in den Wipfeln rascheln. Es war, als wollten ihm die Lichtstrahlen der Sonne einen Weg in die Schatten weisen.

Sie waren eine Weile dem Fluss gefolgt, der sie langsam bergauf führte. Gundaruk war voraus gegangen, während Bargh und Neire ihm auf ihren Pferden folgten. Neire hatte während der Reise erzählt und ihre Umgebung kommentiert. Er – Gundaruk - hatte unweigerlich zuhören müssen. Doch er hatte sich langsam an den Jüngling mit den gold-blonden Locken gewöhnt, der sich selbst Kind der Flamme nannte. Teilen des Gespräches zwischen den beiden hatte er allerdings nicht folgen können. Er hatte bemerkt, dass Bargh und Neire sich immer öfter in einer fremden Sprache unterhielten, die ihn an einen zischelnden Singsang erinnerte. Er hatte bereits vermutet, dass Neire Bargh in einer fremden Lautung unterrichtete. Bargh schien bereits einige Sätze zu beherrschen. Als die Sonne höher stieg, war der Weg am Fluss schließlich steiler geworden. Auch hatten sie mehrere kleinere Stromschnellen umrunden müssen. Schließlich waren sie auf eine große Lichtung gestoßen, die von bewaldeten Hügeln umrundet war. Hier hatten sie abgesattelt und Bargh hatte Spuren entdeckt, die von dem Hügel in ihre Richtung geführt hatten. Die Spuren waren von den Stiefeln von vier Gestalten zu identifizieren gewesen, von denen eine leichter war. Sie hatte weniger tiefe Abdrücke hinterlassen. Auch konnte Bargh feststellen, dass die Spuren wohl relativ frisch waren – weniger als einen Tag alt. Gundaruk dachte einen Moment nach und erinnerte sich an alte Geschichten aus dem Krieg. Vielleicht sind es Späher, die wie wir den Bau erkundschaften. Doch dann müssten doch auch Spuren in diese Richtung führen. Vielleicht haben sie sich aus einer anderen Richtung angeschlichen und sind dann hier am Fluss in Richtung Kusnir weitergereist. Wir sollten jedenfalls auf der Hut sein. In der Ferne, in die Bargh die Richtung der auf sie zukommenden Spuren deutete, hatte Gundaruk das Bollwerk einer Einzäunung gesehen. Ein Wall von angespitzten Baumstämmen ragte vom höheren Teil der Lichtung hervor. Von dort war keine Bewegung zu sehen gewesen. Seine Erfahrung hatte Gundaruk instinktiv handeln lassen. Er hatte Neire mit den Worten „Könnt ihr euch noch an die Krähe vor Kusnir erinnern, Neire?“ angegrinst. Doch mit dröhnendem Kopf und steifem Nacken war der Schmerz der Verwandlung noch unerträglicher gewesen. Zuerst hatte sich alles gedreht, als er sich in der Gestalt der großen schwarzen Krähe in die Lüfte erhob. Doch dann hatten mehr und mehr die Instinkte des Tieres Kontrolle übernommen. Jetzt hob er sich höher und höher. Die Winde und Luftströmungen trugen ihn hinauf. Seine scharfen Augen überblickten die Lichtung, die anscheinend gerodet war. Modernde Baumstämme und Geäst bedeckten den größten Teil des Schlags. Den Fluss sah er von hier oben wie ein glitzerndes Band. Dieser machte eine große Schleife um die Lichtung und verschwand dann im Wald der höheren Hügel. Vorsichtig näherte sich Gundaruk dem primitiven Wall. Er sah dort Speere aufragen, wie die von Wachen. Doch keine Bewegung. Auf der Hügelkuppe war zudem ein kleiner Turm zu erkennen, der als einstöckige Plattform aus Baumstämmen errichtet war. Auch von dort war keine Bewegung zu erkennen. Gundaruk zog langsam einen langen Kreis über den Turm und in Richtung des Flusstals. Dann sah er plötzlich das gähnende schwarze Loch im Hang des Hügels. Unweit des Lochs konnte er zudem eine Bresche im Wall erkennen. Doch auch dort war keine Bewegung zu sehen. So kehrte er wieder zurück. Seine Krähenlaute hallten durch das einsame Tal und kündeten von seiner Ankunft.

Bargh und Neire hatten die Pferde am Rande der Lichtung ein Stück in den Wald geführt. Sie hatten ihnen gut zugesprochen und sie dort zum Grasen zurückgelassen. Daraufhin waren sie zum Fluss zurückgekehrt und hatten auf die Rückkehr der Krähe gewartet. Neire hatte die Zeit genutzt und sich am Fluss gewaschen. Gerade schaute er in das klare, quirlige Wasser hinab, das sein Antlitz immer wieder verzerrte. Der Wein und der Rausch des bunten Vierlings ließen das Sonnenlicht tausendfach brechen. Als ob jede Blase im Wasser ein kleiner funkelnder Stern wäre. Neire war so bewegt von dem Schauspiel, dass er an Nebelheim zurückdachte. Er dachte an Lyriell. Ihr Gesicht vom kostbaren Goldstaub glitzernd erhellt. Die langen roten Haare schimmernd in den Flammen des Festes – gleich einer Corona über ihm aufragend. Er erinnerte sich, wie sie von ihm gegangen war. Wie sie in der Tiefe verschwand. Tränen rollen über Neires Wange und er murmelte ihren Namen. In diesem Moment spürte er den Panzerhandschuh auf seiner Schulter. Er hörte die Stimme Barghs. „Neire, ihr sagtet ich sei wie ein Bruder für euch. Eigentlich geht es mich nichts an. Doch als dieser Bruder frage ich euch. Was bedrückt euch? Wer ist Lyriell?“ Neire blickte zu Bargh auf und seine blauen Augen schimmerten glasig. „Sie war meine erste und einzige Liebe, Bargh. Doch nun ist sie fort. Sie ist in das Reich der Göttin eingekehrt und für immer vereint mit Feuer und Schatten.“ Als Neire sprach, blickte er den gezeichneten Krieger vor ihm an. Er wusste, er lebte im jetzt und Lyriell war weit weg; vielleicht für immer fort. „Bargh. Wir müssen Nebelheim retten. Lyriell war nur der Anfang. Sie öffnete mir die Augen. Der nächste Schritt ist eure Aufgabe und wir müssen zuerst eure Maske herstellen.“ Neire, bemerkte, wie Bargh nickte und ihn mit fanatischem Blick anschaute. „Was immer wir tun müssen Neire, ich bin bereit.“ Neire drehte sich um und ließ seinen Blick über das Tal schweifen. „Also, wo ist diese verdammte Krähe?“ Kaum hatte er die Worte beendet, hörten sie die Schreie des großen Tieres. Sie sahen, dass Gundaruk unweit von ihnen landete und sich qualvoll verwandelte. Als der große Krieger sich schließlich erhob und ihnen von seinem Flug über das Lager berichtete, war Neire hervorgetreten und hatte eine schwarze Feder von seiner Schulter gehoben. Gundaruk hatte dabei auf ihn hinabgeblickt und die Worte „Ihr dürft die Feder behalten Neire“, gesprochen. Neire hatte dabei genickt und an alte Prophezeiungen und Flüche gedacht. Wer sollte schon wissen, welchen Zweck diese Feder einst erfüllen würde. Doch schon hatte Bargh das Wort ergriffen, der voll Tatendrang in Richtung des Walls zeigte. „Lasst uns aufbrechen. Wir werden niedermachen, was sich uns in den Weg stellt. Wir werden sehen, ob dieser Skulk ein würdiges Opfer für Jiarlirae ist.“ Neire nickte, stimmte mit Bargh ein kurzes Gebet an und schloss sich dem einstigen Paladin an. Er freute sich um den Tatendrang von Bargh, der sich in einem urwüchsigen Fanatismus und wallendem Hass seine Bahn brach. Es erinnerte ihn an den Dualismus von Schatten und Feuer – so dachte er an Jiarlirae, seine Schwertherrscherin, Königin von Flammen und Dunkelheit, Dame des aufsteigendes Chaos des Abgrundes.

Bargh hatte sie mit sich gezogen. Er war furchtlos den Hang hinauf und hineinmarschiert in das Erdloch, das sich im Eingangsbereich wie ein gestützter Minengang vor ihnen auftat. Geruch von Nässe und Stein waren ihnen entgegengekommen, wie auch ein Schwall kühlerer Luft. Ein paar Schritte hinab war es dunkel geworden und sie hatten die gehauenen Steinwände aufschimmern sehen können. An einer Kreuzung hatte Neire schließlich ein Geräusch gehört. So hatten sie den Gang zur Rechten sowie den Gang geradeaus nicht weiter beachtet und waren nach links abgebogen. Wenige Schritte in dem Tunnel, hörten sie alle plötzlich ein Krachen. Bargh war in diesem Moment auf ein Brett getreten, das er im schmutzigen Boden nicht gesehen hatte. Die morschen Bohlen brachen und er drohte in die Tiefe zu stürzen. Doch Neire fasste nach ihm und so konnte er sich gerade noch zurückwerfen. Seine Stimme hallte - viel zu laut - durch den Tunnel „Wer auch immer… diese Bastarde… dafür werden sie bezahlen!“ Als sie ihren Weg über die Fallgrube fortsetzten hörte Neire plötzlich ein Geräusch. Sie konnten eine kleine Höhle sehen sowie einen Tunnel, der nach rechts abbog. Das Geräusch schien aus dem Tunnel zur Rechten zu kommen. Doch Bargh war bereits dort hineingeeilt und Gundaruk gefolgt, der jetzt als erster ging. Was nun kam waren Ereignisse, die sich in der Dunkelheit überschlugen. Eine riesenhafte graue Raubkatze sprang aus einem weiteren unterirdischen Raum hervor, der die Größe einer kleinen Halle hatte. Gundaruk torkelte überrascht zurück, doch Bargh und Neire drängten voran. Neire bemerkte sofort eine weitere Kreatur, die am linken Eingang des Gewölbes in den Schatten lauerte. So stieß er zu mit seinem Degen. Bargh wandte sich ebenfalls der in den Schatten lauernden Gestalt zu und ließ sein Langschwert hinabfahren. Der Kampf war kurz und blutig. Zuerst fiel das humanoide Wesen aus dem Schatten – es hatte grobe Gesichtszüge, eine grünlich-graue Haut und Reißzähne. Dann brachten die Angriffe das Riesenpuma zur Strecke. Die Helden keuchten auf und betrachteten das Gewölbe vor ihnen. Neben vielen kleineren Nischen war ein weiterer Ausgang zu sehen. Gegenstände und Einrichtung füllten in einer Unordnung die unterirdische Halle. Wortlos begannen sie ihre Suche. Immer wieder blickten sie in der Dunkelheit nach weiteren Gegnern. Schließlich fand Bargh eine kleine Schatulle, die er sofort öffnete. Hervor kam grünlicher Nebel, der ihn aufhusten ließ. Für einen Moment röchelte er und spuckte ein paar Tropfen Blut. Doch dann weckte das Schimmern von wertvollen Gegenständen seine Aufmerksamkeit. Außerdem war eine vergilbte Karte zu sehen, die sich in der kleinen Truhe befand. Ein näherer Blick auf die Karte offenbarte kleine gekritzelte Runen der normalen Sprache: Villa und Skulk.


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Sitzung 27 - Der Bau II
« Antwort #27 am: 12.08.2022 | 22:40 »
Die Kreatur in der Höhle brüllte in einem hohen Krächzen. Der Schrei ging Neire durch Mark und Bein. Er war mittlerweile zu Bargh und Gundaruk aufgeschlossenen und konnte durch den schmalen Spalt im Stein hindurchsehen. In der Kammer, in der das Wesen in seinen Exkrementen und auf den Knochen seiner Opfer saß, waren sonst keine Ausgänge zu erkennen. Die Kreatur richtete sich auf und drehte sich langsam um. Sie hatte den Unterkörper eines Bären. Der Kopf war von Federn bedeckt und durch einen langen, gefährlichen Schnabel geziert. Neire handelte instinktiv. Er fing an seltsam zischende Laute zu murmeln und zerrieb Schwefel und Fledermausdung in seiner Hand. Als die Kreatur auf sie zu schnellte, warf er die Kugel aus rötlichem Feuer. Eine gewaltige Explosion von Magma erfüllte die Höhle und ließ den Eulenbär für einen Moment aus Neires Blickfeld verschwinden. Er spürte, wie die Flammen in den Tunnel hinausschossen in dem sie standen. Dann hörte Neire einen dumpfen Aufschlag. Als das Feuer sich legte sah er, dass die riesenhafte Kreatur grässlich verbrannt am Boden lag. Sie hatte ihr Leben in den Flammen Jiarliraes ausgehaucht. Neire bückte sich und trat hervor in die noch brennenden Flammen der Felskammer. Einen Moment lang dachte er zurück an die vergangenen Stunden. Sie hatten Höhle um Höhle des Baus untersucht. Ein Wirrwarr von Gängen hatten sie vorgefunden, doch keine weiteren Kreaturen. Schließlich hatten aus einem Gang die Geräusche der in Ketten gelegten Kreatur gehört. Neire fragte sich, wer den Eulenbär wohl versklavt hatte. Er bewegte mit einem seiner Stiefel die schweren Gliedmaßen. Doch er sah keine Symbole an den Ketten. Auch eine Untersuchung des Raumes ergab keine weiteren Ergebnisse. So drehte er sich um und kehrte zu seinen Kameraden zurück. Bargh nickte ihm respektvoll zu und sprach ein Gebet zu Ehren der Göttin. Neire stimmte ein in den zischelnden disharmonischen Choral. Nur kurz hielten sie inne um zu beten. Dann brachen auf und erkundeten weitere Gänge, die unerforscht in der Dunkelheit lagen.

Gundaruk ließ seine Augen über den von Wolken überzogenen Himmel gleiten. Sie waren gerade aus den unterirdischen Sälen des Baus aufgestiegen. Weitere Gänge und Kammern hatten sie entdeckt, doch keine Kreaturen. Ein Tunnel hatte sie am Fluss ins Freie geführt, doch sie waren wieder zurückgekehrt in die Erde und hatten weitergesucht. Schließlich hatten Gundaruks geübte Augen eine geheime Türe entdeckt. Vielleicht war es der Teil seines elfischen Blutes, der ihm dies ermöglicht hatte. Sie hatten die kleine Kammer hinter der Türe durchsucht und einen wertvollen elfischen Tarnumhang gefunden. Neire hatte erzählt von einem solchen Gegenstand schon einmal in alten Legenden gehört zu haben. Als alle Gänge erkundet waren, hatten sie sich entschlossen aufzubrechen und der Karte zu folgen, die sie hier unten gefunden hatten. Gundaruk betrachtete die bewaldeten Hügel und die Felsen. Eine malerische Landschaft, die von der jetzt etwas tiefer stehenden Sonne in ein prachtvolles Licht gehüllt wurde. Das Rauschen des Windes war zu hören und aus der Ferne drang das sanfte Geräusch der Stromschnellen des Flusses. Er nickte Bargh und Neire zu, die hinter ihm aus der Tiefe in die Sonne hervorkamen. Besonders Neire schien das helle Licht nicht zu vertragen und kniff die Augen zu. Bargh hatte bereits die Augenbinde umgelegt und den roten Rubin seines rechten Auges verdeckt. „Also reisen wir der Karte nach, Neire? Zu dem Punkt, wo Villa und Skulk steht?“ Neire blinzelte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Noch immer waren Reste des getrockneten Blutes in seinen gold-blonden Locken zu sehen. Seine Kleidung war hier und da von Schlamm und Spinnweben bedeckt. „Gundaruk, ihr habt euch tapfer geschlagen dort unten. Und eure verborgenen Fähigkeiten das Verdeckte zu erkennen haben sich euch ausgezeichnet.“ Gundaruk wusste nicht genau worauf Neire hinaus wollte und so zögerte er einen Moment. Doch schon fuhr der junge Priester fort. „Wir wissen nicht ob wir den Skulk bereits getötet haben, Gundaruk. Lasst uns zu unseren Pferden zurückkehren und nach der Villa suchen.“ Auch Bargh nickte und zeigte mit seinem rechten Panzerhandschuh in die Richtung des Waldsaumes der unteren Lichtung. So setzten sie sich alle in Bewegung. Gundaruk bemerkte, dass Bargh immer wieder nach Spuren Ausschau hielt und sich für einen Moment niederkniete. Nach kurzer Zeit kamen sie am Waldrand an und fanden dort die Pferde – friedlich grasend. Als Neire ihm ein weiteres Mal den Weinschlauch anbot um auf seine Taten anzustoßen, verneinte er nicht. Der Wein aus der verlassenen Festung hatte tatsächlich einen vorzüglichen Geschmack. Auch verdrängte er die langsam aufkommende Müdigkeit. Sie setzten ihre Wanderung am Fluss fort. Dann wurde langsam das Licht der Sonne weniger und die Schatten länger. Plötzlich hörte Gundaruk ein Knacken im Wald. Wie ein Zweig, der durch Bewegung zerbrochen wurde. Nach seinem warnendem Hinweis sattelten Neire und Bargh augenblicklich ab und ließen die Pferde zurück. Sie drangen in Richtung des Geräusches vor, weg vom Fluss. Zuerst sahen sie nichts, doch im dichteren dunkleren Wald konnten sie die Silhouette einer Gestalt erkennen, die einen Bogen trug. Knöcherne Gesichtszüge, eine gedrungene Stirn und platte Nase sowie spitze Eckzähne ließen eine Ähnlichkeit zu dem Bewohner des Baus erkennen, den sie dort erschlagen hatten. Gundaruk zögerte nicht lange. Er beschwor die Natur zur Bewegung. Jetzt überschlugen sich die Ereignisse. Neire und Bargh bewegten sich auf den Bogenschützen zu. Doch hervor stürmten zwei Krieger, mit Langschwert und Dolch bewaffnet - dem Aussehen nach dem Bogenschützen ähnlich. Doch ihr Fortkommen kam jäh zum Erliegen. Ranken und Wurzeln begannen zu greifen wie dunkle Schatten. Der Wald knackte und raunte. Die Krieger ächzten und schrien. Gundaruk sah, wie eine vierte Gestalt hervortrat. Die ältere Frau war zwar nicht größer als die Krieger, aber fettleibig und häßlich. Warzen bedeckten ihr unförmiges Gesicht und sie hinkte beim Gehen. Ein intensiver Kampf entbrannte. Die Frau beschwor faule Magie und für einen Moment wirkte es, als wolle Bargh der Flucht ergreifen. Doch der heilige Krieger riss sich zusammen. Dann ließ Neire die Macht seiner Göttin Chaos und Verderben über die Kreaturen bringen. Schattenhafte Blitze und Feuerkugeln aus Magma ließen die Körper ihrer Gegner zerplatzen. Gundaruk sah, dass der Junge die Flamme von Chaos und Schatten in seiner Hand hielt. Seine Augen glühten wie Kohlen in der Dunkelheit.

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Sitzung 28 - Verstümmelte Leichen
« Antwort #28 am: 20.08.2022 | 09:17 »
Neire ließ sich verzweifelt niedersinken. Die Flamme in seiner linken Hand brannte unkontrollierbar hernieder. Er spürte einen ziehenden Schmerz von seinen Herzsteinen im linken Arm ausgehen. Das Gefühl von Ohnmacht breitete sich in ihm aus. Er wagte es nicht sich umzublicken. Barghs verbliebenes lebendes Auge betrachtete ihn forschend. Er spürte, dass sich etwas verändert hatte. Er spürte den Verlust des Feuers. Kälte, die vom Boden aus an ihm hochkroch. Doch er konnte sich nicht erheben; verharrte er doch wie gelähmt. Tränen rannen über seine Wangen. Er versuchte die alten Gebete zu rezitieren, doch sie klangen farblos und falsch. Da war auch etwas, etwas anderes. Die tiefer stehende Sonne drang nicht mehr weit durch den dichten Wald. Nur vereinzelte Strahlen durchbrachen das Dickicht. Alles mischte sich in einem idyllischen Licht aus knorrigen Bäumen und Schatten. Auch das entfernte Rauschen des Flusses verwusch dieses Bild. Neire war sich sicher. Zwischen in Bäumen sah er Thaakaz, die Rune von Nebel und Dunkelheit. Die Rune schmiegte sich gegenüber von Neire und Bargh in ein Tor von Bäumen. Auch Bargh war an diesem Abbild beteiligt. Er stand in der Sonne und brach einen Teil der Strahlen. Einen Moment lang sammelte Neire seine Gedanken. Soll es heißen…? muss ich den Weg des Feuers verlassen? Soll ich den Weg des Schattens wandeln? Es musste so sein. Das Schwinden seiner Fähigkeiten hatte er bis jetzt nicht erlebt. Und ein Zeichen dieser Intensität hatte er nur ein einziges Mal zuvor gesehen. Neire erhob sich langsam. Er spürte den gepanzerten Handschuh von Bargh sanft auf seiner Schulter. Er hörte, dass der gefallene Paladin mit ihm betete. Doch weiter liefen die Tränen an seinen Wangen hinab. Er fühlte sich wieder wie das, was er eigentlich war. Ein fünfzehn Jahre alter, schwacher und unerfahrener Junge. Kaum nahm er Notiz vom siegreichen Ende des Kampfes; er betrachtete nicht die zerkochten und aufgeplatzten Körper seiner Widersacher. Er hatte seine geliebte Flamme verloren und würde nun in den Schatten wandeln.

Gundaruk richtete sich ruckhaft auf. Ein Traum des vergangenen Krieges hatte ihn geplagt. Er hatte auf die Angreifer mit seinem Speer eingestochen, doch sie waren immer näher gerückt. So war der Traum weitergegangen und hatte ihn gequält. Er hatte diese Angewohnheit. Aus den vergangenen Tagen des Krieges. Beim Aufwachen schnell an der Waffe zu sein. Meist nach viel zu kurzem Schlaf. Doch er hatte sich an dieses Leben gewöhnt und es hatte ihm das ein oder andere Mal zu einem taktischen Vorteil verholfen. Doch jetzt spürte er, dass irgendetwas ihn behinderte. Irgendein Ding um ihn herum. In der Nacht brauchten seine grünen Augen eine gewisse Zeit, um die Dunkelheit auch ohne Licht zu durchblickten. Dann sah er das Zelt, das er bei seinem wüsten Aufstehen mit sich gerissen hatte und er erinnerte sich an den letzten Abend. Sie hatten nach dem Kampf die Gegenstände der Kreaturen geplündert und ein kostbares Langschwert sowie einen seltenen Dolch gefunden. Sie waren dann aufgebrochen und hatten nach der Karte navigiert. Die Stimmung von Neire war nach dem Kampf in ewiges Trübsal abgesunken. Der Junge kam ihm auch ängstlicher vor, als zuvor. Und Gundaruk kannte Neire jetzt schon einige Zeit. Als die Sonne hinter den Hügeln verschwand hatte Bargh eine kleine Lichtung erspäht und sie hatten dort ihr Lager aufgeschlagen. Bargh und Neire hatten Wein getrunken. Tatsächlich war Neires Stimmung etwas besser geworden. Doch noch immer hatte er eine tiefe Melancholie ausgestrahlt. Schließlich war Gundaruk in sein Zelt gekrochen und Neire hatte die erste Wache übernommen. Gundaruk riss das Zelt von seinem riesenhaften Leib und blickte sich um. Er war instinktiv mit seinem Speer aufgestanden, den er immer an seiner Seite hatte. An einen Baum gelehnt schlief Bargh, in seinem silbrigen Plattenpanzer. Doch von Neire war keine Spur zu sehen. Hatte der Jüngling sie unbewacht zurückgelassen? Gundaruk kam nicht weiter mit den Gedanken. Von hinten spürte er ein Stechen in seiner Milzgegend und keuchte auf. Doch es war keine Waffe die ihn traf. Eher, als ob ein Kind ihn kitzeln wollte. Als er sich umdrehte sah er tatsächlich schemenhaft Neire in den Schatten stehen. Der Junge hatte sich den elfischen Tarnumhang umgelegt und war kaum von der Umgebung zu unterscheiden. Nur als er seine Kapuze zurückzog und seine gold-blonden Locken offenbarte, erblickte Gundaruk Neires Gesicht. „Ihr solltet nicht so leichtfertig und unachtsam sein, Gundaruk. Die Schatten bergen oft nicht nur Geheimnisse, sondern auch unangenehme Überraschungen!“ „Ah, Neire“, erwiderte Gundaruk. Er hatte sich erschrocken und sogar kampffertig gemacht, doch irgendwie erfreute ihn der kindliche Humor von Neire. Er blickte auf den Lockenschopf hinab und brummte: „Ja, wir werden sehen was euch überraschen wird, Kleiner.“

Sie waren am nächsten Morgen aufgebrochen. Die Nacht war ohne weitere Ereignisse verstrichen. Auch an diesem Tag hatten sie Sonne und Wolken begleitet. Der Weg am Fluß war schließlich steiniger geworden und hatte sie dann zu einem Steilufer geführt. Sie hatten sich für den kleinen Kieselstrand entschieden, der dann immer breiter geworden war. Nach einer Zeit, es war immer noch in den Morgenstunden gewesen, hatten sie in der Ferne einen Leichnam entdeckt. Eine nähere Untersuchung offenbare einen grausam ermordeten Mönch des Gelehrten Gottes Oghma. Die linke Gesichtshälfte war von Krallenspuren zerfetzt und einer seiner Arme endete in einem rot verkrusteten Stumpf. Sie hatten sich dazu entschieden den blutigen Fußspuren zu folgen und waren schließlich an eine Öffnung in der Steilwand gelangt. Zwei Statuen von steinernen Greifen waren zu sehen gewesen. Eine hoch oben in der Wand und eine andere vor einem hölzernen Vorbau. Als sie sich weiter näherten, hatten sich die Statuen in lebende Wesen mit rotglühenden Augen verwandelt. Der Kampf war kurz und intensiv gewesen. Ein Wesen hatte sie im Nahkampf angegriffen, während das andere sie im Sturzflug attackiert hatte. Doch mit vereinten Kräften hatten sie beide Wesen niedergestreckt. Ihr Weg hatte sie dann in die große Öffnung unter dem hölzernen Vorbau geführt. Dahinter offenbarte sich ihnen eine Höhle. Die einstige Wohnhöhle des Mönchs war gänzlich verwüstet. Zudem war der grauenvolle Anblick einer umgekehrt aufgehängten Gestalt zu sehen, deren Haut abgezogen war und deren Gliedmaßen abgetrennt wurden. Noch war kein Fäulnisgeruch vernehmbar. Die Blutspuren sahen frisch aus. Eine Untersuchung des Gemachs offenbarte einen weiteren Ausgang, ein umgestürztes Pult und Schriftzeichen: „Auf der Heide Schwerter machen ihren garstigen Tanz und Sensen auf dem üppigen Feld - Feuer webt einen tödlichen Kranz, doch die Feder allein ist, was im Bann mich hält.“ Sie blickten sich immer wieder hastig um, während sie die Schriftzeichen entzifferten.

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Sitzung 29 - Ruine des Herrenhauses
« Antwort #29 am: 25.08.2022 | 21:38 »
Gundaruk hatte sich am kleinen Feuer niedergekniet, das der junge Priester entzündet hatte. Er hatte eine Zeitlang meditiert. Nun löste sich sein Blick aus der Erstarrung. Er betrachtete den Raum der kleinen Höhle. Sie befanden sich in der Kammer im Stein der Felswand. Das Licht der morgendlichen Sonne drang durch die Öffnung unter dem Vorbau und brach sich im Rauch des Feuers. Der Rauch hatte den penetranten Geruch von Blut verdrängt, der das Gemach zuvor erfüllt hatte. Wie eine Warnung hing dort der Körper der gehäuteten Leiche. Der verstümmelte Mann konnte noch nicht lange tot sein, denn sein Blut tropfte auf den verwüsteten Boden. Doch Gundaruk ließ sich von diesem Anblick nicht ablenken. Er begann einen Singsang alter Worte anzustimmen. Während er die Tropfen von Wasser und den getrockneten Dung den Flammen übergab, leuchteten die Runen des Waffenbandes golden auf. Schließlich stützte er sich auf den Speer und erhob sich. Die Flammen des Feuers kamen ihm plötzlich fern und fremd vor. Der Rauch offenbarte das Gras der Pflanze, die jenseits der Höhle im fortführenden Tunnel wuchs. Neire hatte das Grasgewächs als Dörrkraut identifiziert: Eine Pflanze, die eine niedere Intelligenz besaß und ein instinktives Verhalten aufweisen konnte. Die Grashalme des Dörrkrauts besaßen kleine Nadeln, deren Gift Muskelkrämpfe verursachen konnte. Zudem hatte er von einer Kultivierung des Dörrkrauts in alten Zivilisationen berichtet. Aus den Halmen wurde gar wertvoller Papyrus für Bücher und Schriftrollen hergestellt. Gundaruk wendete sich dem Kraut zu und sprach langsam und bedächtig. „Hört mich an, Dörrkraut. Berichtet mir. Von dem, was sich hier zugetragen hat.“ Für einen kurzen Moment herrschte Stille. Doch dann spürte er die Visionen von Bildern auf ihn einwirken. Wie das Echo eines Chores vieler einzelner Stimmen vermischten sich die Bilder und erzeugten so Unschärfe. Gundaruk erblickte die Höhle in aufgeräumtem Zustand. Dort war ein Mann mittleren Alters zu erkennen, gebeugt über das Pult; Schreibfeder in der Hand. Dann sah er die steinernen Greifen in die Höhle hineinstürmen. Rote Augen leuchteten im Fackellicht und das Gemetzel begann. Die Visionen endeten mit dem Bild der gehäuteten Gestalt, deren Gedärme auf den Boden hinabhingen – der jetzige Zustand. Gundaruk drehte sich um zu Neire. „Die Greifen kamen in die Höhle und haben ihn so zugerichtet.“ Neire nickte und antwortete. „Fragt es nach dem Rätsel, nach Schwertern und Sensen, nach Feuer und der Feder.“ Gundaruk manövrierte seinen Geist ein weiteres Mal in Richtung der Pflanze. „Dörrkraut, was hat die Feder für eine Bedeutung?“ Tatsächlich antwortete die Kreatur mit weiteren Visionen. Er sah die Bilder des Mannes, der die Schreibfeder vor sich hielt und so durch den Tunnel schritt. Das Dörrkraut zog sich zurück, als würde es eine Art Ehrfurcht vor der Feder verspüren. Nachdem Gundaruk Neire und Bargh von der Antwort berichtet hatte, dachten sie über das Rätsel nach. Das Feuer webt einen tödlichen Kranz musste eine Warnung vor dem Entzünden des Dörrkrauts sein. Die Feder schien das Wesen zu bannen und einen Gang durch den Tunnel zu ermöglichen.

„Das Buch ist eine Art Ahnengeschichte. Es berichtet vom Geschlecht der Arthogs, einer Sippe von schwachen Bastarden und Sklaven.“ Neire sprach den Namen mit herablassender Abscheu und hatte den Zusatz selbst hinzugefügt. Sie hatten sich um das Feuer versammelt, nachdem sie mit einer erhobenen Schreibfeder den Tunnel erforscht hatten. Tatsächlich war das Dörrkraut zurückgewichen. Hinter dem Tunnel hatten sie eine kleine Bibliothek entdeckt und eines der Bücher mitgenommen. Jetzt saßen sie um das Feuer und Neire begann die Geschichte des Herrschergeschlechts vorzulesen. Es wurde berichtet von einem Herrschaftssitz. Das Herrenhaus der Arthogs sollte sich am See von Splendow befinden, unweit von Kusnir. Tatsächlich stimmte dieser Hinweis mit der Markierung der Karte zusammen, die sie im Bau gefunden hatten. Das Buch beschrieb auch das Wappen der Familie von Arthog. Es stellte einen Handschuh dar, an dessen Ringfinger sich ein Ring befand. Neire hatte schon einmal von diesem Wappen gehört. Der Handschuh stellte ein magisches Artefakt dar, dass die Familie selbst erschaffen und dann zu ihrem Wappen gemacht hatte. Der Handschuh diente wohl dem Schutze des Fürstentums und war als Wächter benannt. Neire dachte zurück. Er erinnerte sich an die Runen im Blut. Es war von einem Träger die Rede gewesen. Vielleicht hatte dies etwas mit diesem Handschuh zu tun. Das Buch endete schließlich mit der Erwähnung des letzten Herrschers. Er hatte beim Volk kein großes Ansehen genossen und den Familienbesitz in den Küstenlanden verprasst. Mit ihm war das Geschlecht der von Arthogs schließlich untergegangen. Nachdem Neire die letzten Worte gelesen hatte, verließen sie den Ort. Sie brachen in Richtung des Herrenhauses auf, bewegten sich zurück über den Strand und dann schließlich in den Wald hinein. Hier fand Bargh die Spuren der vier Kreaturen, die sie auf dem Weg vom Bau ermordet hatten. Sie entschieden sich den Spuren zu folgen und erreichten schließlich eine Lichtung. Inmitten dieser Lichtung und auf einer Landzunge zum See, sahen sie die Ruinen des Herrenhauses. Es stellte eine Mischung zwischen einer gotischen Kathedrale und einer Wehrburg dar und verfügte über Vorgebäude, die einen kleinen Hof umschlossen. Die Spuren der vier Kreaturen endeten am Ufer und in einiger Entfernung des Herrenhauses. Anscheinend hatten sie sich nicht getraut den inneren Hof aufzusuchen. Vielleicht hatten sie aber auch von hier das Gebäude eine Zeitlang observiert. Langsam und vorsichtig näherten sie sich dem Eingang. Eine steinerne Treppe führte hinauf in den Hof. Neire, in seinem Tarnumhang fast nicht zu erkennen, schlich vor und warf einen Blick in das Innere. Er sah zur rechten Seite zwei monströse Gestalten, die über dem blutigen Leichnam eines menschlichen Opfers verweilten. Beide gingen aufrecht auf Hinterbeinen, doch sie besaßen ein bläuliches Federkleid. Ihre Köpfe jedoch erinnerten an Hirsche und waren von schwarzen Federn bedeckt. Spitze Reißzähne kamen aus ihren blutverschmierten Mäulern und an ihren Köpfen waren verdrehte Hörner zu erkennen. Sie hatten bereits die gesamte Brust ihres Opfers aufgerissen und pickten gerade das Herz heraus. Aus den Schatten heraus hörte Neire die schweren Schritte von Gundaruk und Bargh nahen. Als die Wesen sich umdrehten hatten sie ihn anscheinend nicht erkannt. Der Kampf brach los und die Wesen gingen in einen Sturmangriff über. Neire nutze seine Chance und bewegte sich in den Rücken einer der Kreaturen. Hinterlistig stieß er den Schlangendegen in die Stelle, wo er glaubte das Wesen sei am verwundbarsten. Die gewundene Klinge blitzte auf in der Sonne und drang tief in den Körper ein. Auch Gundaruk stach in diesem Moment mit dem Speer zu und die erste der Kreaturen ging zu Boden. Die zweite Kreatur rangen sie mit vereinten Kräften nieder. So blickten sie sich hastig um, ob der Kampfeslärm weitere Angreifer geweckt hatte. Neire nutze abermals seinen Tarnmantel und verschwand in den Schatten.

Es war nicht besonders warm, doch die Strahlen der Mittagssonne brannten auf ihren Gesichtern. Sie hatten sich der Türe genähert, die den Eingang in den Herrschaftssitz versperrte. Drei große Riegel waren dort zu sehen. Zwei davon trugen noch ein Schloss. Das Schloss des dritten Riegels war entfernt worden – mit einem unguten Ausgang für die diebische Kreatur, die dort noch immer lag. Allerdings musste dies schon vor einer Weile passiert sein, denn von der Gestalt war nur noch ein Skelett übrig. Sie hatten die Räume der Gebäude durchsucht. In einem Haus hatten sie drei Nestlinge der zuvor bekämpften Kreaturen gefunden, die an drei Leichen fraßen. Sie hatten die Nestlinge getötet und kleinere Wertgegenstände bei den Leichen gefunden. Die anderen Häuser waren leer gewesen oder die Einrichtung war vor langer Zeit zerstört worden. Doch Gundaruks elfisches Blut hatte erneut ein geheimes Fach erspäht, was sich in einem Holzbalken im Gebälk befand. Hier hatten sie eine kleine Truhe entdeckt. Nach kurzer Untersuchung hatte Neire auf die Falle hingewiesen, die die Truhe sicherte. Neire hatte die Falle schließlich entschärft und sie hatten einige wertvolle Edelsteine gefunden. Doch jetzt mussten sie in das Innere der Ruine vordringen. Neire blickte ein letztes Mal in die Sonne und zog seinen Tarnmantel enger. Er brachte seine Dietriche hervor und begab sich in den Schatten der Türe. Seine Hände zitterten als er sich den Schlössern näherte.

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Sitzung 30 - Ruine des Herrenhauses II
« Antwort #30 am: 1.09.2022 | 22:22 »
Er fühlte wieder. Da waren Sonnenstrahlen auf seinem Schädel. Schweißperlen hatten sich auf dem vernarbten Gewebe gebildet und rannen hinab. Da war ein quälendes Jucken. Taubes Gewebe begann sich erneut mit Leben zu füllen. Es fühlte sich heiß und pulsierend an. Er wollte sich kratzen, wollte seine Haut zerreißen. Doch dafür war keine Zeit. Er beherrschte sich, wie er sich auch in seinem alten Leben beherrscht hatte. Disziplin war über allem gewesen, Disziplin war das eiserne Gesetz – wie das Sonnenlicht auf den Stahl fiel, wie der Tod im Leben die einzige Konstante war. Bargh betrachtete Neire. Sein neuer Begleiter und einziger Freund war an die Türe herangetreten. Der Tarnumhang ließ den jungen Priester mit den Schatten verschmelzen. Es war, als ob das Sonnenlicht ihn meiden würde. Bargh betrachtete Neire genau. Der Jüngling hatte bereits eines der zwei verbliebenen Schlösser geknackt und widmete sich dem letzteren. Doch Bargh hörte den zischelnden Fluch, in der Sprache von Nebelheim. Er sah, dass Neire sich umdrehte und in seine Richtung blickte. Das von gold-blonden Locken umrahmte Gesicht des Kindes der Flamme war verzerrt von Hass und Enttäuschung. Bargh wusste, dass er jetzt reagieren musste. Er trat hervor und rammte den Knauf seines Schwertes auf das schwere Schloss. Es gab ein Knacken als die schwere metallene Konstruktion brach. Die doppelflügelige Türe vor ihnen war jetzt frei. Bargh schob einen Türflügel zurück und erhob sein Schwert. Sie erblickten im näheren Bereich der Türe keine direkte Gefahr. Hinter dem Portal eröffnete sich ein Gang, der nach wenigen Schritten in eine Art Herrschaftssaal mündete. Im Zwielicht sahen sie eine Doppelreihe von Statuen und einen Thron, der von goldenen Adlern umringt war. Doch da war auch Bewegung. Bargh sah zwei Kreaturen, gebeugt über einen Leichnam. Mit ihren Zähnen rissen sie große Stücke Fleisch aus dem leblosen Opfer. Fast instinktiv ließ Bargh sein Langschwert in der Scheide verschwinden und zog die Armbrust hervor. Er legte einen Bolzen ein und begann zu zielen. Nur kurz nach dem schnappenden Geräusch schlug der Bolzen in das faulige Fleisch der dort fressenden Gestalt. Doch kein Schmerzensschrei war zu hören. Langsam richteten die Gestalten sich auf und kamen wankend auf sie zu. Aus den Schatten der Halle kamen zwei weitere, so dass es insgesamt vier Angreifer waren. Noch einen Bolzen schoss Bargh auf die Kreatur, bevor diese den Eingang erreichte. Dann ließ er die Armbrust fallen und zog sein Schwert. Der Gestank von Leichenfäulnis war plötzlich allgegenwärtig. Die Kreaturen mussten einst Menschen gewesen sein. Jetzt war ihre Haut verfault. Hier und dort konnten sie freigelegte Sehnen und Knochen sehen. Doch die Gestalten drangen nicht in den Nahkampf vor. Sie blieben am Eingang des Türflügels stehen und begannen zu würgen. Hervor brachen sie einen Schwall von grünlich ätzenden Leichensäften und versuchten Bargh damit zu treffen. Dort wo die grünliche Flüssigkeit ihn berührte, spürte er ein Brennen und Jucken auf seiner Haut. Ein wilder Kampf brach los, als sich Bargh und Neire den Kreaturen entgegenstellten. So intensiv war der Gemenge, dass sie nicht erkannten welch Ungeheuer dort aus der Ferne herangeschwebt kam. Aus der Ruine näherte sich lautlos ein Laken, das von Staub und Spinnenweben bedeckt war. Unter dem Laken glühte ein Paar von grünen Augen. Als sie das Wesen sahen, war kaum Zeit zu reagieren. Bargh versuchte noch einen Ausfallschritt zu machen, ohne die untoten Geschöpfe vor ihm aus den Augen zu verlieren. Doch das Wesen begann sich über ihn zu stülpen. Seine Arme wurden unweigerlich an den Körper gedrückt. Die Rüstung knackte hier und dort und er schnappte ein letztes Mal nach Luft. Dann war plötzlich alles wie in Trance für ihn. Seine Umgebung nahm er nebelhaft verschleiert wahr. Er hörte die Schreie von Neire und erinnerte sich an seinen Abstieg in die Unterwelt. Er sah das Bild von Feuer und Schatten, vernahm das Strömen und das Zischen. Er blickte hinein in die Glut im Inneren Auge. „Bargh, folgt mir. Wir müssen zurückweichen.“ Nur verschwommen drang die Stimme an ihn heran. Es war Neire, der an ihm zog und zerrte. Seine Vision löste sich langsam und er schnappte nach Luft. Doch wie er sich auch anstrengte, versperrte das Wesen ihm den Atem. Ein weiteres Mal versuchte er sich gegen die Kreatur zu stemmen. Er sah neben sich Neire auftauchen. Der Junge zog an dem Laken. Mit all seiner verbleibenden Kraft stemmte er sich Bargh gegen die Kreatur. Tatsächlich gab es ein Knacken und einen Ruck. Die Kreatur glitt von ihm hinab. Als er tief Luft holte, sah Bargh, dass sie bereits über den ganzen Hof zurückgewichen waren. Die Ghule kamen ihnen langsam nach. Das Wesen schwebte noch immer über ihm. Bargh zog sein Schwert und hieb auf das Wesen ein. Die Wut und der Hass gaben ihm Kraft. Einer seiner Hiebe schlitzte das Laken der Länge nach auf. Er sah, dass die Kreatur leblos zu Boden glitt. Der Hass trieb Bargh weiter an, als er sich den Ghulen stellte. Neire kämpfte an seiner Seite doch drang jetzt in den Rücken der Kreaturen vor. Gemeinsam töteten sie ein Wesen nach dem anderen. Doch seine Gedanken waren noch immer bei Feuer und Schatten. Das Bild der Vision hatte sich wieder in seinen Geist gebrannt. Und da war die Stimme Neires. Schon einmal hatte ihn der junge Priester zurückgeholt. Zurückgeholt hatte er ihn von den Toten.

Neire blickte ein letztes Mal aus der verborgenen Türe, bevor er sie hinter sich zuzog. Sie hatten ihre Spuren verwischt und wollten sich in dem kleinen Gemach ausruhen. Die Türe schloss sich mit einem leisen Klicken. Neire atmete auf und dachte zurück. Sie hatten das obere Geschoss des Herrenhauses durchsucht und dabei einige Bücher und diesen geheimen Raum gefunden. In dem getarnten Gemach hatte sie eine metallene Schlange angegriffen. Nachdem sie das Wesen getötet hatten, waren ihnen die Bücher aufgefallen, die auf Schreibpulten aufbewahrt wurden. Sie hatten ein Buch als ein Zauberbuch und ein anderes Buch als eine Anleitung identifiziert. Die Anleitung schien an Magier gerichtet, einen Gefährten zu finden. Danach waren sie in den Keller des Hauses vorgedrungen. Neire war vorangeschlichen. Weiter unten hatten sie eine geisterhafte Erscheinung von mehreren grünen Glühwürmchen entdeckt, die sie angegriffen hatten. Bargh hatte gegen die Kreaturen gekämpft. Doch jedes Mal, wenn er eines der Wesen getötet hatte, war ein weiteres nachgekommen. Schließlich hatten sie die Flucht nach oben ergriffen. Neire war danach wieder hinabgeschlichen. Hinter den Wesen hatte er ein Kellergewölbe entdeckt, aus dem zwei weitere Gänge hinfort führten. Dort hatte er eine Sphäre totaler Dunkelheit gesehen, die einen Durchmesser von zwei Schritten hatte. Neire begab sich zur Ruhe, doch dachte er an die Dunkelheit dort unten.

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Sitzung 31 - Hinein in ein selbst geschaufeltes Grab
« Antwort #31 am: 8.09.2022 | 21:46 »
Um sie herum war das steinerne Gewölbe. Neire und Bargh wussten nicht genau, wie lange sie sich bereits hier niedergelassen hatten. Es drang kein Licht in die geheime Kammer, deren Eingang sie behutsam geschlossen hatten. Neire hatte sich immer wieder um die Wunden von Bargh gekümmert. Unter den Verbänden, die jetzt seinen Oberkörper bedeckten, war die Haut des Kriegers von den grünlichen Glühwürmern aufgerissen worden. Doch der Blutstrom war bereits verronnen und eine Kruste hatte sich gebildet. Neire ließ ab von Bargh und wendete sich seinen Fackeln zu. Der große Krieger hinter ihm war in einen leichten Schlaf gefallen und so widmete Neire seine gesamte Aufmerksamkeit dem Ritual. Es hatte etwas Magisches, wenn er die Fackeln aufstelle. Der Geruch von Teer, die Freude auf den kommenden Schein des Feuers, die Erwartung des Tanzes der Schatten. Als die ersten Funken seines Feuersteines den Schaft berührten war die entstehende Flamme zerbrechlich und klein. Doch schon bald loderte das Feuer auf. Neire entzündete die beiden anderen Fackeln und positionierte sich in der Mitte des Dreiecks. Seine Gedanken waren im Inneren Auge von Nebelheim. Er konnte förmlich die Glut spüren, die Hitze, die von unten aufstieg. Doch das Feuer, in das er blickte war weit weg. Die Schatten waren vorgedrungen und tanzten in wabernden Formen. Für einen kurzen Moment dachte er Geräusche zu hören – wie ein fernes polyphones Schreien von vielen Kinderstimmen. Die dunkle Kugel tauchte vor seinem geistigen Auge auf. War es ein Wesen, das er dort unten gesehen hatte? Er betete nun schneller die Verse zu Ehren der alten Göttin. Sollte die Kugel ein Wesen sein, so musste sie sich unterwerfen. Ihr, der Schwertherrscherin, Königin von Feuer und Dunkelheit.

Bargh hob sein Schwert und blickte in den dunklen Tunnel. Sie hatten eine längere Zeit in dem Gemach verbracht. Er hatte die meiste Zeit geschlafen und Neire hatte sich um seine Wunden gekümmert. Als er wach gewesen war, hatte ihm Neire aus dem Buch vorgelesen, das sie in einem verlassenen Gemach des Herrenhauses gefunden hatten. Es stellte eine Abhandlung über den Fischfang dar. Von den verschiedensten Angeltechniken über den Fang mit Netzen bis zur Reusenherstellung, deckte das Buch das Gebiet umfassend ab. Er erinnerte sich auch an die feinen Zeichnungen, die Neire ihm immer wieder gezeigt hatte. Dann waren sie wieder aufgebrochen. Sie hatten den Leichengeruch im Herrschersaal nicht weiter beachtet und waren hinabgestiegen. Bargh war auf sich allein gestellt. Neire hatte die andere Treppe genommen und war in den Schatten verschwunden. Jetzt sah er die grünen Würmer aus Licht auf ihn zurasen. Sie waren hinter einer Öffnung im Tunnel erschienen. Von dort, wo Neire ihm von der Kugel der Dunkelheit berichtet hatte. Bargh stieß seine glänzende Klinge nach vorne. Es war als ob er kurz einen Widerstand spürte. Das erste von zwei Wesen brach in sich zusammen. Doch hinter der anderen Kreatur sah er bereits zwei neue Lichterscheinungen um die Ecke eilen. Kaum spürte er den Schmerz, als die grünlichen Flammen an seinem Fleisch rissen. Immer wieder stieß er zu, ließ den magischen Stahl tanzen. Irgendwann hörte er die Stimme von Neire. „Bargh, die Dunkelheit. Ein Wesen… Die grünen Lichter gehen von ihm aus.“ Er sah wie nach seinem Hieb die letzte Kreatur vor ihm sich aufzulösen begann und bewegte sich in Richtung der Öffnung. Tatsächlich erkannte er dort hinter das Kellergewölbe. In einer Nische konnte er die Kugel aus Dunkelheit sehen, wie von Neire beschrieben. Drei grüne Flammenwürmer zuckten um die Sphäre, als wollten sie diese schützen. Bargh hob sein Schwert und drang in die Kammer hinein. Er hörte die Worte von Neire durch das Gewölbe hallen. „Düsternis, werft euch hernieder vor Jiarlirae, denn sie ist Feuer und Schatten - wie sie über Flammen und Dunkelheit steht. Sie ist mehr als die Menge der Teile.“ Bargh bemerkte, wie die Kugel zu verschwimmen begann; die Lichter fingen an zu zucken. Als ob die Kreatur Angst vor ihm verspüren würde. Wut und Hass brach sich Bahn und seine Klinge schnellte nach vorne.

Hier unten war der modrige Geruch stärker gewesen. Der morbide Charme der unterirdischen Halle hatte sie einen Moment in regungsloser Betrachtung gefesselt. Dann hatten sie sich durch das vorgetastet, was wie ein alter unterirdischer Hafen aussah. Der Ausgang schien durch einen Geröllsturz versperrt und das Wasser stand niedrig am Höhlenkai. Die Wände glitzerten nass in der Dunkelheit. Moose und Pilze bedeckten den alten gehauenen Fels. In der Mitte des steinernen Saales und oberhalb des modrigen Wassers hing ein Boot. Es wurde gehalten von rostigen Ketten, die über einen Riegel zu einer gewaltigen Winde geleitet wurden. Neire legte seinen Rucksack ab und zog ein Seidenseil hervor. Er begann sich an den Ketten hinauf in das Boot zu ziehen. Oben angekommen fädelte er ein Ende durch das Scharnier, warf es hinab und begann das andere Ende um seine Brust zu knoten. Als er den sichernden Zug von Bargh spürte, ließ er sich in das Boot hinab. Die alten morschen Bohlen knarzten, als er sich durch den Rumpf bewegte. Auf den ersten Blick konnte er nichts finden. Bei genauerer Betrachtung bemerkte er die verborgene Schatulle, die unter einer Planke eingelassen war. Sie war lang und schmal. Als er sie öffnete sah er das Blitzen von kostbarem Stahl. Er zog einen Degen hervor, der die Runen und Insignien der Familie von Arthog trug. Eine unversehrte Klinge, so scharf wie ein frisch geschliffenes Jagdmesser. Freudestrahlend griff Neire unter die gewölbte Parierstange und führte Waffe. Kaum merkte er das Gewicht des kostbaren Fundes. Nachdem sich Neire wieder hinabgelassen hatte, verließen sie den unterirdischen Hafen und folgten dem letzten Gang, den sie noch nicht erkundet hatten. Er stellte sich als Rundgang heraus, doch in der Biegung des Tunnels war eine aufgebrochene Stelle zu erkennen. Steine lagen dort und ein Geruch von modriger, abgestandener Luft drang in den Tunnel. Sie untersuchten die Stelle und entschieden sich den Tunnel zu erkunden. Der erste Abschnitt war eng. Dann verbeiterte sich der Tunnel im Felsen. Neire hörte aus der Entfernung ein Klopfen, wie von Meißeln und gedämpfte Stimmen. Sie passierten einen abzweigenden Gang, dann konnte Neire, der leise vorschlich, die beiden Kreaturen sehen, die am Ende der Sackgasse hockten. Sie arbeiteten mit ihren Meißeln an einem Loch, das in die Tiefe führte. Die Kreaturen waren klein wie Kinder, hatten eine bläuliche Haut, verkrüppelte Beine und einen fassähnlichen Oberkörper. Ihre deformierten Köpfe offenbarten abgestumpfte, grausame Gesichtszüge. Neires Herz klopfte rasend, als er sich in den Schatten näherte. Er hielt seinen neuen Degen unter dem Tarnmantel versteckt und versuchte keine Geräusche zu machen. Die Kreaturen schienen sich zu streiten und brüllten sich gegenseitig an. Die fremde Sprache konnte er nicht verstehen. Als er in den Rücken der ihm näherstehenden Kreatur kam, zielte er auf das Herz und ließ die Waffe hervorschnellen. Der Degen drang tief in das Fleisch ein und die Kreatur hustete Blut. Eine Welle von Adrenalin und Mordlust elektrisierte Neire. Für einen kurzen Moment dachte er an Lyriell, an ihre Jagdgeschichten aus den Eishöhlen. Doch zu seinem Erstaunen lebte die verletzte Kreatur vor ihm noch. Beide Gegner griffen ihre Steinpicken und machten sich kampfbereit. Alles kam Neire wie in einem Traum vor. Hinter ihm hörte er die schweren Schritte von Bargh. Der erste Streich des Drachentöters zerteilte die bereits verletzte Gestalt fast. Gemeinsam streckten sie den zweiten Angreifer nieder. Jedoch bemerkte Neire, dass das Wesen noch atmete. Er schritt um das Loch, zog seine Kapuze zurück und stellte abfällig seinen Stiefel auf den wulstigen Kopf. „Seht sie an Bargh. Unwertes Leben. Abschaum im ewigen Antlitz unserer Göttin. Sie haben Feuer und Schatten nicht verdient. Selbst der Abglanz ihrer Herrlichkeit ist für sie eine Vergeudung. Sterben sollen sie.“ Neire strich sich die gold-blonden Locken zurück und fixierte die Halsschlagader der Kreatur. Langsam stieß er den Degen nach vorne. Blut quoll hervor und Bargh begann zu grinsen. Dann ließ er den kleinen Leichnam in die Grube rutschen. Es gab ein dumpfes Geräusch und ein Knacken von Knochen, als der Körper den Boden traf. Hinein in ein Grab, dass sie sich selbst geschaufelt hatten.

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Sitzung 32 - Die verlorenen Kinder von Raxivort
« Antwort #32 am: 15.09.2022 | 21:57 »
Leise drang ein zischelndes Flüstern durch den grob gehauenen Tunnel. Neire hatte hinter dem Ledervorhang auf Bargh gewartet. Jetzt tauschten sich beide kurz aus, um ihr weiteres Eindringen in die sich verzweigenden Gänge zu planen. „Bargh, ich habe Stimmen gehört. Wie von einer Ansammlung dieser Kreaturen.“ Kurz war das von gold-blonden Locken umrahmte Antlitz von Neire zu sehen, als er zu Bargh flüsterte. Der große Krieger mit dem roten Rubin im rechten Augensockel nickte schweigsam. Sein Blick galt dem weiteren Tunnel. Neire deutete in den Gang, aus dem er keine Geräusche gehört hatte. „Lasst mich vorschleichen und folgt mir. Sobald Kampfesgeräusche aus meiner Richtung zu hören sind, greift an!“ Ohne weitere Worte hüllte sich Neire wieder in seinen Umhang und verschwand in die Dunkelheit. Auf seinem Weg bückte er sich hier und dort, um nach möglichen Fallen zu schauen. Doch die Gänge waren noch nicht sehr alt. Anscheinend hatten die Kreaturen noch keine Zeit gehabt, hier Fallen anzulegen. Nach ein paar Biegungen endete der Tunnel an einem weiteren Vorhang aus Leder. Dort hinter war eine große Felsenkammer zu sehen – mehr als ein Dutzend Schritte im Durchmesser. Die Kammer war gefüllt mit Fässern und Bottichen. Bündel und Säcke waren hier und dort zu sehen. Ein leichter Verwesungsgeruch ging von der Höhle aus, auf deren gegenüberliegender Seite Neire einen zweiten Ledervorhang bemerkte. Leise schlich er durch die Kammer und lugte hinter den Vorgang hervor. Es tat sich ein weiteres, kleineres steinernes Gemach auf. In chaotischer Unordnung war hier wertloser Plunder aufgeschichtet. Auch in dieser kleineren Höhle versperrte ein Ledervorhang den Ausgang. Als Neire keine Bewegung feststellen konnte, schlich er sich auf die andere Seite. Hinter dem Vorhang sah er einen Gang um eine Ecke hinfort führen. Er entschied sich auf Bargh zu warten. Als der Krieger Jiarliraes schließlich den Raum betrat flüsterte Neire ein weiteres Mal. „Bargh, wartet. Ich werde beide Räume nach verborgenen Ausgängen absuchen.“ Die Schatten, die Neire umhüllten und mit ihm spielten, begannen sich erneut zu bewegen. Er suchte hinter dem Krimskrams, der teils hoch aufgestapelt war. Nichts konnte er finden. Nur einen Moment war er unachtsam. Es gab ein Knacken von Porzellan, als die verstaubte Vase am Boden zerbrach. Augenblicklich spürte er sein Herz höherschlagen. Er erstarrte für einen Moment zu Eis und begann zu horchen. Die gedämpften Stimmen hörte er noch immer aus der Ferne. Doch es war, als ob einige der Stimmen lauter wurde. Dann hörte er Schritte, die sich vorsichtig näherten. Aus dem Tunnel, den sie noch nicht erkundet hatten. „Rasch Bargh! Bewegt euch hinter den Vorhang zurück und wartet auf mein Signal. Ich höre Stimmen.“ Neire schlich auf die Öffnung mit dem Ledervorhang zu. Er kauerte sich dort hin und versuchte lautlos zu verweilen. Lauter und lauter wurden die Schritte. Zuletzt hielt er seinen Atem an und sah zwei weitere dieser hässlichen Kreaturen in den Raum vordringen. Die erste der beiden streifte den Vorhang vorsichtig zur Seite. Die zweite folgte. Beide trugen Knüppel. Gelbliche Augen schimmerten in einer Mischung aus Angst und Niedertracht in der Dunkelheit. Neire wartete noch einen Moment. Als die letzte der nun drei Kreaturen an ihm vorbeischritt, zuckte er hervor und rammte ihr den Degen in den Rücken. Für einen Moment war ein Ächzen zu hören - die Kreatur schnappte nach Luft. Dann sank der fassähnliche Oberkörper leblos zu Boden. Nur einen Augenblick später war Bargh zur Stelle. Er schnellte nach vorn und ließ sein Schwert tanzen. Bevor die Kreaturen Alarm schlagen konnten, hatten Bargh und Neire ihr tödliches Werk vollbracht. Sie blickten abfällig und angeekelt auf die kleinen Leiber, die dort lagen.

Im Rausch des Kampfes wirkte alles so unwirklich. Das Zittern seiner Muskeln war jedoch real und der Tremor wurde immer stärker. Wo verdammt nochmal ist nur Neire, was hat er vor? Bargh versuchte auf die Kreatur zuzugehen, die hier hinter einem weiteren Vorhang erschienen war. Die Gestalt war wie die anderen klein, hatte jedoch ihr Gesicht mit einer rötlichen Farbe kriegerisch verziert. Sie war in einen Waffenrock gekleidet und hatte einen Stab getragen, den sie jetzt fallengelassen hatte. Die Worte, die auf Bargh eindrangen, waren machtvoll und überwältigend. Der Zauberwirkende zeigte auf ihn; starrte hasserfüllt in seine Richtung. Muskeln verkrampften und spannten sich an. Die Kraft wich aus seinen Beinen. Seine Rüstung drohte ihn niederzuwerfen. Je mehr er sich versuchte dagegen zu wehren, desto schlimmer wurde es. Er flüsterte mit schwacher Stimme ein Gebet zu Jiarlirae, als seine Bewegung zum Erliegen kam. Er blickte sich um. Neire… Sie waren in den unterirdischen Tempel der Kreaturen vorgedrungen. Dort hatten sie einen Priester, mehrere weibliche Geschöpfe, Kinder und drei Wachen angetroffen. Er war vorangestürmt und hatte sich den Kriegern gestellt, während er Neire aus den Augen verloren hatte. Dann hatte er bemerkt, dass der Priester, der eine Krone aus Schilf und ein Amulett trug, auf dem eine bläulich-brennende Hand abgebildet war, plötzlich Blut hustete. Die Frauen, die den ansonsten nackten Priester bewundert und hier und dort betastet hatten, wichen in panikerfülltem Entsetzen zurück. Zum Vorschein kam der Degen von Neire, der die Brust des höchsten Tempeldieners von hinten durchdrungen hatte. Für einen Moment waren die Schatten um die große Statue aus Schilf länger geworden. Als ob die schwache Gottheit dieses Schicksal nicht akzeptieren würde. Dann war der Leib leblos zu Boden gesunken. Neire war wieder in den Schatten verschwunden. Zuletzt hatte Bargh gesehen, dass eines der flüchtenden Kinder aus der wabernden Dunkelheit von einem Degen aufgeschlitzt wurde. Die Worte vor ihm wurden jetzt lauter. Er drohte auf die Knie zu sinken, konnte die Last nicht mehr halten. Doch dann stockten die rhythmischen Verse. Die Geräusche wurden zu einem Gurgeln und verstummten in dem Maße, wie er an Kraft zurückgewann. Wieder sah er Neire, der die Kreatur von hinten mit seinem Degen niedergestreckt hatte. Für einen kurzen Moment konnte er den von blonden Locken eingerahmten Kopf sehen, der zwischen den Schatten auftauchte. War es für ihn jetzt ein Spiel? Wo war die Angst, die Verzweiflung des Kindes der Flamme hin?

„Bargh, steh auf. Wir müssen weiter. Ich habe das Symbol des Priesters entschlüsselt. Es ist eine alte, aber schwache Gottheit, die sie anbeten. Raxivort. Der Diener eines Dämonenfürsten. Er wachte einst über die Schätze der Hölle. Dann raubte er, was er mitnehmen konnte und floh. Um der Wut des Herrschers der Hölle zu entgehen, schuf er diese Rasse nach seinem Abbild als seine Kinder. Die Xvart. Er tarnte sich fortan als einer der ihren, in einer schier endlosen Menge.“ Neire zischelte die Worte eindringlich. Er blickte auf seinen Begleiter. Bargh kniete zwischen einem knappen Dutzend toter, kleiner Leiber. Es waren die Krieger dieses unterirdischen Volkes, die sich Welle um Welle gegen sie gestellt hatten. „Ich… ich kann nicht. Es sind die verhexenden Worte dieser bemalten Kreatur gewesen, die mir meine Kraft geraubt haben.“ Neire legte jetzt seine verbrannte Hand auf die Schulter des Kriegers. „Wir müssen weiter, ihr solltet mir vertrauen wie einem Freund, gehorchen wie einem Bruder, der für euer besseres Werden strebt. Denkt an die Geheimnisse von Feuer und Schatten.“ Der Ton in Neires Stimme war gefährlich. Immer wieder wich er auf Worte der fremden Sprache von Nebelheim aus. Er sah wie Bargh langsam seinen verbrannten Kopf in seine Richtung drehte. Er spürte die Freundschaft, die unerbittliche Kameradschaft, doch auch irgendeine Art Furcht vor ihm. „Neire, ihr sprecht von einem Bruder. Wo ist die Maske, die mir dieser Bruder versprochen hat?“ Bargh erhob sich bei diesen Worten ächzend. „Die Maske ist nicht vergessen. Wir werden sie gemeinsam erschaffen. Doch es muss von euch kommen Bargh. Was sollen die weiteren Bestandteile sein?“ In diesem Moment sah Neire für einen Moment den Wahnsinn in Barghs gesundem Auge; er gierte nach der Weisheit der Göttin. „Das schwarze Juwel aus der Sphäre der Dunkelheit. Es soll das rechte Auge der Maske werden.“ Für einen kurzen Moment vergaßen sie beide die Umgebung um sich. Neire nickte in einer fast feierlichen Art. Die Idee von Bargh war so einfach, wie sie grandios war. Das schwarze Juwel sollte das Auge der Maske werden. Die lebendige Dunkelheit sollte den fleischverwachsenen Feuerkristall berühren.

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Sitzung 33 - Die verlorenen Kinder von Raxivort II
« Antwort #33 am: 22.09.2022 | 21:34 »
Bargh blickte durch die mit Unrat beschmutzte Wohnhöhle der Kreaturen. Sie hatten die mit Blut bedeckte Kammer hinter sich gelassen und dem Haufen von Leichen keine weitere Beachtung geschenkt. Neire hatte ihm gesagt, er habe Geräusche gehört. So war er dem Jüngling gefolgt, in der Annahme, dass zu jeder Zeit ein weiterer Angriff über sie kommen könnte. Doch nichts dergleichen war passiert und sie hatten schließlich die Frauen und Kinder gefunden, die sich in eine Ecke des Gewölbes kauerten. Die Frauen schienen wie gelähmt von einer Panik und drückten ihre Kinder an die Steinwand hinter sich. Bargh war sich auch hier nicht sicher, ob mit einem Hinterhalt zu rechnen war. Er blickte sich abermals um. Die Höhle hatte mehrere Ausgänge. Von der Mitte war ein Glühen eines Kohlefeuers zu sehen, über dem ein großer gusseiserner Kessel stand. Seitlich davon konnte er zwei Gruppen von verrotteten Sitzgelegenheiten ausmachen – aber keine Bewegung. Plötzlich bemerkte er eine Regung vor sich. Er griff bereits nach seinem Schwert als er sah, dass die gold-blonden Locken von Neire zum Vorschein kamen. Wie aus dem Nichts war der junge Priester aus den Schatten aufgetaucht. Gelbliche Augenpaare blickten nun nicht mehr in seine Richtung, sondern zu Neire, der seinen Tarnmantel ablegte. Ein Weinen und Zischeln war zu hören, wie auch ein Krächzen goblinoider Wortfetzen, die Bargh nicht verstehen konnte. Die Frauen und Kinder waren jetzt dicht aneinandergedrängt – ein Haufen winselnder, in Lumpen gekleideter Gestalten, deren nackte Haut in blau-rötlichen Tönen in der Dunkelheit schimmerte. Ihre deformierten Schädel, ihre fassähnlichen Oberkörper, waren bereits den Kindern anzusehen, die ihren Müttern in der Hässlichkeit um nichts nachstanden. „Ergebt euch! Kniet euch nieder und euch wird nichts geschehen.“ Die Stimme von Neire frohlockte in einem seltsamen zischelnden Singsang der gemeinen Sprache der Oberwelt. Wimmern und Weinen schienen lauter zu werden, die Panik nahm zu. Doch Bargh spürte nur aufkommenden Zorn und eine tiefe Wut. Was gibt er sich mit diesen Kreaturen ab? Wir sollten sie alle töten und keine Zeit verschwenden. Sie sind es nicht wert. Er sollte an meine Maske denken. Ein Pulsieren kam von seinem rechten Auge; dort wo der Rubin mit dem Fleisch des leeren Sockels verwachsen war. „Bitte… bitte… Gnade, am Leben lassen, Herr… Gnade… leben lassen.“ Bargh konnte in dem Winseln tatsächlich Sprachfetzen hören. Einige der Frauen hatten sich auf die Knie begeben und reckten ihre Hände flehend empor. Jetzt sah er wie sich Neire zu ihm umdrehte und ihn angrinste. „Bargh, nehmt das Seil und fesselt sie. Hände auf den Rücken.“ Seine Wut nahm etwas ab. Er ahnte, dass das Neire irgendetwas mit den Gestalten vorhatte. So schritt er zu dem Knäul und begann die kleinen Leiber zu fesseln. Der Gestank, der von diesen ausging, war kaum auszuhalten. Nur aus den Augenwinkeln sah er, dass Neire sich am Kessel zu schaffen machte und kleine Holzschalen mit dampfendem Brei füllte. Doch da war etwas, das der junge Priester in die Schalen streute. Er konnte es nicht genauer sehen. Als er die Kreaturen an einer Wand aufgestellt hatte, brachte Neire den Brei. „Esst… leben lassen. Gnade. Esst! Raxivort will es so.“ Neires Stimme war freundlich doch bestimmend. Bargh sah, dass er auf die Schalen zeigte. Zögerlich fingen die Frauen an zu essen. Doch ohne ihre Hände war es vielmehr ein tierisches Fressen, wie aus Näpfen. Gierig stürzten sie sich über den Brei. Ihren hungrigen Kindern schenkten sie keine Aufmerksamkeit mehr, drängten sie gar zur Seite. Erst als die letzte Schale ausgeleckt war, hoben sie ihre Köpfe und ließen sich auf einen Kniesitz sinken. In diesem Moment sah Bargh seinen jungen Kameraden zufrieden nicken.

„Nun warten wir Bargh. Wir warten und wir werden sehen, welch Schicksal die Schatten der Göttin weben.“ Neire keuchte. Das Schleppen von verschiedensten Holzstücken war anstrengend. Der Haufen in der Tempelhöhle hatte mittlerweile eine beachtliche Größe erreicht. Sie hatten das Holz aus allen Teilen des Komplexes herangeschafft, nachdem sie den Rest der unterirdischen Tunnel und Hallen durchsucht hatten. Tatsächlich hatten sie keine weitere Kreatur mehr angetroffen. Dann hatten sie die Frauen und Kinder in die große Höhle mit den rötlichen Steinwänden gebracht und mit ihrer Arbeit begonnen. Neire wischte sich den Schweiß von der Stirn und drehte sich zu den Frauen und Kindern um. Die Frauen lagen und saßen vor der Felswand. Teilnahmslos starrten ihre Blicke in die Ferne. Aus ihren breiten, mit scharfen Zähnen besetzten Mäulern drang weißlicher Geifer hervor – zog lange Sabberfäden. Selbst auf die immer wieder klagenden und flehenden Versuche der Kinder, mit ihren Müttern zu kommunizieren, zeigten sie keine Reaktionen. Es war, als ob ihr Geist in eine Traumwelt abtaucht war. Neire konnte nur erraten was sie dort sahen. Der bunte Vierling hatte jedenfalls seine volle Wirkung entfaltet. Neire hatte heimlich einen halben Pilz der grünen Sorte kleingeschnitten und ihn für jede der Frauen in den Brei gemischt. Schon nach kurzer Zeit hatte sich der Drogenrausch angekündigt. Dann waren die Frauen nicht mehr ansprechbar gewesen. Er drehte sich um zu Bargh, dem der Schweiß in Strömen vom vernarbten Haupt rann. „Bargh, lasst uns die drei Leichen hierhinziehen. Dann ist die Statue dran.“ Neire zeigte auf das gesteckte Konstrukt aus Schilf, das rudimentär ein übergroßes Abbild der Kreaturen darstellte. Sie zogen die leblosen Körper des Anführers, des Zauberkundigen und des Priesters heran und setzten sie aufrecht an die drei von der Statue abweisenden Seiten des Holzhaufens. Dann widmeten sie sich der Statue. Es gab ein Knistern und Knacken von Schilf, als die Statue nach vorne fiel. Sie kam auf dem großen Haufen zu liegen. Jetzt mussten sie mit dem Ritual beginnen. Neire trat an Bargh heran und reichte ihm einen Weinschlauch. „Trinkt, Bargh. Wir müssen eins werden mit Flammen und Schatten. Unser Geist soll scharf sein. Hell und aufopferungsvoll erweitert.“ Er sah wie Bargh gierig trank und öffnete das geheime Fach am Ende seines alten Degens. Dort glänzte der Grausud, den er aus Nebelheim mitgebracht hatte. Er reichte Bargh eine kleine Fingerkuppe davon. „Nehmt etwas von dieser alten Substanz. Es wird euch helfen. Und ihr werdet Dinge sehen - der Göttin näherkommen.“ Auch er trank von dem Wein und nahm eine Fingerspitze Grausud zu sich. Augenblicklich war der Kampf und die Umgebung um ihn herum vergessen. Für einen Moment schossen farbige Blitze durch sein Blickfeld und vermischten sich mit einem warmen, durchströmenden Gefühl, das bis in seine Extremitäten drang. Er sah die Farben lange glühende Fäden ziehen, als ob die Welt um ihn herum wunderbar verlangsamt wäre. Fast in Trance entblößte Neire seinen Oberkörper. Er wies Bargh an dasselbe zu tun. Dann stülpten sie sich die Masken über. Seine war die aus Nebelheim. Eine Feuerschlange, mit Gold und Juwelen verziert. Die Maske von Bargh war die Haut des skalpierten Pumas, die sie noch nicht weiter bearbeitet hatten. Als Neire nach der Farbe griff, die sie in den Höhlen gefunden hatten, glaubte er eine Präsenz zu spüren. Es war wie ein Sprechen von Schatten oder vielleicht die ätherische Stimme von Bargh. Er sah die Muster im Stein, die Farben. Doch sie bewegten sich nicht. Etwas fehlte. Sie verwendeten die weiße Farbe, um die Runen von Jiarlirae auf ihre eigenen Oberkörper zu zeichnen. Dabei sangen sie die alten Gebete Nebelheims. Dann führten sie die gefesselten Gestalten vor den Holzhaufen. Die Frauen gingen teilnahmslos mit, doch die Kinder schienen in eine wilde Panik zu verfallen. Bargh hatte zuvor jedes Kind an jeweils eine Frau gefesselt. Insgesamt waren es sieben Frauen mit einem Kind und eine Frau mit zwei Kindern. Vor dem Haufen rissen sie den Gestalten die Lumpen vom Leib. Neire nahm die rote Farbe und begann alte Runen auf die Oberkörper der Kreaturen zu zeichnen. Dabei sang er die Verse des Chorals an die Schwertherrscherin:

„Preiset die schwarze Natter, als ein Abbild unserer Göttin, deren Name Jiarlirae ist. Weinet nicht um die verglimmenden Feuer, weinet nicht um die erlischende Glut, die Glut von Nebelheim. Denn die Dunkelheit birgt ihre Ankunft, Schatten ist das Licht unserer Göttin und Flammen der Morgen ihrer Heiligkeit.“

Als das Werk vollbracht war führte Bargh die einzelnen Paare der Kreaturen auf das Schilf hinauf. Teils sträubten sich die Kinder, doch sie waren tollpatschig und fast beraubt ihrer Kraft. Sie schrien noch immer aus vollen Kehlen. Doch die Schreie hörte Neire kaum. Seine Sinne waren betäubt von tanzenden Farben und einem dunklen, chaotischen Rauschen. Er wähnte sich wieder in Nebelheim, im Inneren Auge. Er spürte die Hitze, die aufsteigende Glut, das brodelnde Chaos. Die sich ewig verändernden Formen und Muster in der Tiefe. Er hörte die Stimmen aus weiter Ferne, das Flüstern in Schatten und flüssigem Stein. Als er die Fackel anzündete begann er singen:

„Die weiß-rot-schwarze Flamme steht über dem schwachen Gott, deren Kinder sich gierig dem Opfer hingeben. Sie huldigen Euch Danuar'Agoth, sie huldigen Euch… Ihr tut was Ihr möchtet, sie reihen sich ein, sie sollen Euch grün-rot-goldenes Opfer sein. Oh Hemia-Galdur, oh Hemia-Galdur… Bewegen sich Schatten in Feuers Bann, auf dass sich die Heldin erheben kann, Oh Asmar’fana, oh Asmar‘fana. Der Henker der Ödnis, so kommet hervor, sein Frohlocken sich nicht mehr im Winde verlor, im heulenden Winde, oh Vocorax'ut'Lavia.“

Nach jedem Vers zündete Neire eine der Ecken des Scheiterhaufens an. Schon rasch züngelten die Flammen empor und ein wohliger Schein begann mit den Schatten zu spielen. Doch da waren wieder die Schreie. Auch einige der Frauen setzten in den Chorus der Todesangst ein, als die ersten Flammen an ihnen leckten. Neire wurde wie aus einem Traum gerissen. Er spürte Wut. Können sie nicht ihr Schicksal genießen? Sie werden eins mit Feuer und Schatten. Was kann es denn Schöneres für sie geben? Für einen Moment vergaß Neire sein Ritual und äffte die Stimmen in kindlicher Manier nach. Dann bemerkte er, dass Bargh wie gebannt in die Flammen schaute. Licht und Schatten neckten sich teuflisch auf seiner weiß getünchten Tiermaske. Das Bild eines Ritters einer alten Hochkultur, der nun Teil eines archaischen Opferkultes geworden war. Jetzt fing Neire an zu tanzen. Er spürte die Flammen und die Dunkelheit. Das was zuvor gefehlt hatte, waren die Flammen gewesen. Sie waren jetzt bei ihm. Er spürte die Geheimnisse, die auf ihn warteten. Und er spürte Sie, seine Schwertherrscherin, Jiarlirae. Sie war hier.

Das Pochen war dumpf. Neire schlug dreimal mit dem Knauf seines Degens an die Türe. Der Regen prasselte auf ihn hinab. Um ihn herum und durch die Schlieren des Schauers konnte er die hölzernen Häuser von Kusnir sehen. Hinter ihm wartete Bargh im Sattel seines Pferdes. Neire wollte sich bereits umdrehen, da hörte er die dumpfen Schritte jenseits der Türe. Es gab das Knirschen eines Schlüssels und die Pforte wurde aufgezogen. Im Licht einer getragenen Lampe sah Neire den Dorfvorsteher, der so griesgrämig wie eh und je dreinschaute. „Kurst. Wir sind zurückgekehrt. Und wir haben euren Skulk erschlagen. Jetzt wollen wir unsere versprochene Beute.“ Kurst hatte ihn anscheinend wiedererkannt und in Erinnerung an die vergangene Nacht sein Gesicht verzogen. Doch nun hellte sich seine Miene auf. „Ihr habt das Wesen getötet? Das Wesen, das unser Dorf heimgesucht hat? Sagt wie sah es aus? Was habt ihr gesehen?“ Neire erinnerte sich zurück. Er war um den Scheiterhaufen getanzt, bis dieser heruntergebrannt war. Dann hatten sie ihre Sachen zusammengesucht und waren aufgebrochen. Sie hatten einen versteckten Ausgang gefunden, doch Neire hatte ein Wimmern gehört. In einer weiteren, bis dahin unentdeckten Höhle, hatten sie ein Wesen gesehen. Die Kreatur war sichtlich im Zustand der geistigen Verrücktheit gefangen und schien harmlos. Ihr haarloser Körper war ausgemergelt, doch drahtig gewesen. Ihre Haut hatte hier und dort die Töne von Stein angenommen, ähnlich dem Tarnumhang, den Neire trug. An ihrer Hand hatte die Gestalt einen weißen Handschuh getragen, über dessen Ringfinger ein goldener Ring steckte. Neire hatte die Kreatur aus den Schatten heraus getötet. Er hatte für einen kurzen Moment das Gefühl gehabt, dass etwas in seinen Kopf eindringen würde. Er hatte den Handschuh auf alte Flüche hin untersucht und festgestellt, dass diesem eine Art Intelligenz innewohnte. Eine Intelligenz die ihnen nicht wohlgesonnen war. So hatte er den Arm der Gestalt mit einigen Hieben vom Körper getrennt und ihn Bargh gegeben, der ihn in seinem Rucksack verstaut hatte. Als Neire Kurst vom Aussehen der Kreatur erzählte, änderte sich die misstrauische Miene des Alten nicht. „Vertraut ihr mir nicht, Kurst? Wir haben sogar seine Hand abgeschlagen. Die Hand des Skulks mitsamt…“ In dem Moment hörte er das Räuspern von Bargh. „Wir haben sie hier Kurst. Ich kann sie euch zeigen.“ Bargh sprach mit lauter Stimme durch den Regen und lenkte sein Pferd einige Schritte näher. Doch Neire sah bereits wie Kurst ängstlich lächelte und einen Schritt hinter die Schwelle zurückwich. „Nein… ähm… ich glaube euch. Die Hand abgehackt… wie fürchterlich. Wartet hier. Ich hole euch eure versprochenen Schätze.“ Es dauerte einige Zeit bis Kurst mit einer kleinen Schatulle von Juwelen zurückkam. Als er sie Neire übergab, begann er erneut zu sprechen. „Ihr müsst wissen, dass wir fähige Krieger wie euch hier gebrauchen können. Ihr seid in Kusnir immer willkommen. Gerade jetzt in diesen Zeiten. Seit einigen Tagen gab es keine Händler mehr, die den Pass überquerten. Und gerade das war doch eine sichere Route. Die Adlerburg schützt dort den Weg.“ Neire hörte interessiert zu, bei den Nachrichten des Alten. Doch innerlich blickte er auf Kurst hinab. „Kurst, eures Glückes Schmied müsset ihr selber sein. Die Schwachen verblassen in den Geschichten. Auf andere solltet ihr euch nicht verlassen.“ Er sah, dass Kurst für einen Moment nachdachte, bevor er antwortete. „So wie wir uns auf euch verlassen haben, Neire? Ihr habt uns vor dem Skulk gerettet.“ Neire knirschte mit den Zähnen. In diesem Moment hätte er Kurst am liebsten hier und jetzt ermordet. Doch wer war er schon? Ein Kind der Flamme. Fremd in der Oberwelt und fremd in ihren menschlichen Bräuchen. Er drehte sich wortlos um. Dieses Mal hatte der alte Mann gewonnen. Doch er würde wiederkommen. Er würde wiederkommen und die Welt würde brennen.

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Sitzung 34 - Aufbruch zur Adlerburg
« Antwort #34 am: 29.09.2022 | 21:59 »
„Mensch, bringt mir Fleisch vom Spieß und Bier!“ Bargh hörte die zischelnde Stimme der Intonation eines fremden Dialektes. Die Worte von Neire trugen eine tiefe Forderung, die ihr Ziel in Form eines aggressiven Gebärdenspiels heimsuchte. Für Bargh wirkte die Szenerie belustigend. Er spürte noch immer ein bedrückendes Gefühl durch den Exzess des letzten Abends. Sie waren nach ihrer Rückkehr in das Gasthaus von Kursnir eingekehrt. Sie hatten größtenteils schweigend Bier um Bier getrunken. Mehr von dem faden Getränk, als es dem Anlass entsprochen hatte. Doch auch jetzt spürte Bargh die Auswirkungen des Grausuds – der seltsamen Substanz von der ihm Neire am gestrigen Tag eine Kostprobe geben hatte. Mit jedem Schluck Wein den er trank wurde die Wirkung wieder stärker. Als ob die Substanz eine Art Gedächtnis hätte, das nur aktiviert werden musste. Die Farben waren nun schon blendend und betäubend. Die Bewegungen zogen strahlende Fäden. Bargh nahm den Schankraum vernebelt war. Morgendliches Licht drang durch die Fensterläden und brachte Profanes zum Glitzern. Selbst Staubkörner blitzen wie kleine Sterne. Er schmunzelte. Da war die fettleibige Gestalt von Walfor, mit der Neire sprach. Die Szene hatte für ihn eine ihn eine Art Distanz, die der Rauschzustand erschuf – ähnlich einer Theatervorführung. „Junger Herr, wir haben kein Fleisch, keinen Spieß. Alles leer, alles aufgegessen. Nur Brot und Schmalz, junger Herr.“ Bargh beobachtete, wie sich Walfor vor Neire verbeugte, als ob er das fehlende Fleisch des Spießes entschuldigen wollte. In dem von Öllampen erhellten Raum, der von vier Holzpfeilern getragen wurde, war die fettleibige, glatzköpfige Gestalt mit der ledernen Schürze eine beindruckende Erscheinung. Der Wirt des Gasthauses strahlte eine Art natürliche Unsicherheit aus, die nur durch seine Gewohnheit und durch die Wiederholung seiner Aufgaben überspielt wurde. Bargh sah, wie sein jugendlicher Begleiter sein Haupt schüttelte. Neire hatte sich am Morgen gewaschen und seine gold-blonden Locken schimmerten noch nass im Zwielicht. „Nein Mensch, ich will Fleisch. Schlachtet mir ein Tier und bringt mir den Spieß. Verliert keine Zeit.“ Bargh sah, dass Walfor anfing zu zittern, als Neire gesprochen hatte. Das Doppelkinn des überwichtigen Wirtes bildete lange, schwabbelnde Falten, als er sich in Gedanken zurückzog. „Nur Brot und Schmalz, junger Herr. Nur Brot und Schmalz. Wir haben nichts anderes. Esst, es ist gut, esst.“ Bargh sah, dass Neire nickte. Sein jüngerer Begleiter gab dem Wirt weitere Anweisungen, die dieser stupide wiederholte. Zudem war da der Hass in den Augen des jugendlichen Priesters, als Walfor den Wunsch seines Begleiters verneinte. Nachdem er mit Neire wieder allein am Tisch war, erhob er das Wort. „Neire, glaubt ihr, dass Walfor uns die Speisen vorenthält?“ Bargh gluckste. Er sah, wie Neire sich bei seiner Frage umdrehte und Walfor beobachtete. Er winkte ihn tatsächlich heran. Sie aßen mittlerweile vom Schmalz und tranken das fade Bier. „Walfor, das ist gut. Habt ihr das selber gemacht? Was ist Schmalz?“ Bargh bemerkte, wie das Gesicht von Walfor bei der Frage zu zucken anfing. Seine Gesichtsmuskeln drückten anscheinend seine fehlende geistige Kapazität aus. Wellen dieser Zuckungen breiteten sich über sein gewaltiges Doppelkinn aus. „Was meint ihr Junger Herr? Das ist Schmalz. Gemacht von Walfor. Walfor machen Schmalz. Wie immer.“ Bargh lachte laut auf. Er mochte den Wirt. Er hatte eine lange Zeit nicht einen solch nützlichen Idioten gesehen. Damals in Fürstenbad ja, aber das war eine andere Geschichte. Wieder erhob Neire das Wort. „Ja, Walfor, ich habe verstanden. Ihr spielt ein Spiel mit uns. Wir wollen aber ein Spiel mit euch spielen. Ihr sollet tanzen für uns. Ihr sollet euch im Kreise drehen und uns von eurem Schmalz erzählen.“ Bargh spürte den Hass, den Neire mit seinen Worten flüsterte. Doch Walfor, gesegnet mit einer überraschenden Einfältigkeit, blickte Neire mit großen Augen an. „Ist das ein Spiel junger Herr? Tanzen kann ich, ja sehr gut. Walfor kann tanzen. Ja…“ Bargh sah, das Walfor seinen massiven Körper an ihren Tisch drückte. „Ja, ein Spiel. Mensch. Ein Spiel in dem ihr reich werden könnt.“ Bargh lehnte sich zurück. Er beobachtete die Szene und bemerkte, dass Neire einige Silbermünzen hervorzog. Neire ließ diese auf den Tisch fallen. Für einen kurzen Moment füllte ein klingendes Geräusch die karge Halle. „Wie viele Münzen sind diese, Walfor. Nennt mir die Zahl, doch wagt nicht zu zählen.“ Bargh blickte auf die schimmernden Geldstücke, die auf den Tisch fielen. Sie hatte eine seltsame Prägung. Runen und ein Schlangenmuster. Bargh begann automatisch die Münzen zu zählen. Es herrschte für einen kurzen Moment eine Stille, bevor Neire erneut sprach. „Mensch, ihr schummelt. Ihr sollt nicht zählen. Ihr sollt mir nur eine Zahl nennen.“ Tatsächlich hatte Bargh bereits die Zahl der Münzen auf Acht bestimmt. Walfor hatte derweil seinen gewaltigen Bauch an den Tisch gedrückt und versuchte anscheinend die Münzen zu zählen. „Nennt uns eine Zahl. Und schummelt nicht. Ihr sollt nicht zählen.“ Der dicke Mann sah seine Chance, doch er zählte noch weiter. Mit seinem Mund machte er lautlose Bewegungen. Erst dann nannte er eine Zahl. „Drei Münzen. Drei sind es“. Bargh sah Neire lachen und stimmte ein. Mittlerweile hatte er sein Bier getrunken und genoss die Vorstellung in seinem Zustand der Trunkenheit. „Das ist falsch und ich habe gesehen, dass ihr geschummelt habt.“ Für einen Moment war das Lachen hinfort. Bargh blickte wieder zu Neire, der Walfor musterte. „Wir spielen ein anderes Spiel. Dreht euch für jede Münze einmal im Kreis. Acht Mal!“ Diesmal reagierte Walfor mit einem zurückgebliebenen Grinsen. „Ich mag eure Spiele junger Herr und ich kann sehr gut tanzen. Sehr gut tanzen kann ich.“ Walfor begann sich tatsächlich im Kreis zu drehen. Seine Bewegungen waren flapsig und träge. Sein Fett schwabbelte asynchron im Schritt seiner Bewegungen. Bargh war von dem Schauspiel wenig angetan und fragte sich, wie lange der fettleibige Schwachsinnige ihnen noch etwas vorgaukeln solle. Als Walfor eine weitere Drehung machte, war es ihm zu viel. Er gab Walfor einen kräftigen Tritt in den Hintern. Der ungeschickte, übergewichtige Wirt stolperte und fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden. In diesem Moment sah Bargh Neire hervorspringen, der seinen Degen zog und sich über Walfor beugte. „Ihr habt doch geschummelt, Mensch. Ihr seid Abschaum. Ein Spielverderber. Ich könnte es jetzt beenden, euer armseliges Leben.“ Bargh spürte die Gewalt die Neire ausübte. Er hätte den Wirt gerne selber getötet, doch er sah, dass Walfor anfing zu weinen. Die fettleibige Gestalt rollte sich auf dem Boden zusammen, unfähig andere Dinge wahrzunehmen. Als Bargh sich langsam erhob und das Gasthaus verlassen wollte sah er, dass Neire die Münzen vom Tisch hob. Er ließ sie langsam auf Walfors zitternden Körper hinabfallen.

„Schaut dort. Verbrannte Gebäude. Ist das Gannwegen?“ Neire zeigte auf Ruinen in der Ferne. Von einigen Häusern stieg noch dunkler Rauch auf. Ihre beiden Begleiter konnten die Gebäude anscheinend noch nicht sehen. Sie waren ohne Pferde und nur die erhöhte Sitzposition machte Neire den Blick möglich. Die beiden Söldner hatten sie ein Stück hinter Kusnir getroffen. Beide hatten gerade mit Kurst gesprochen. Die beiden hatten vom Dorfvorsteher ein Säckchen mit Münzen erhalten und waren mit den Worten verabschiedet worden, in Gannwegen und der Passstraße Adlerweg nach dem Rechten zu schauen. Da Barghs und Neires Weg auch in diese Richtung führte hatten sie sich den Söldnern angeschlossen. Auf Neires Frage hin, wem sie dienen würden, hatte der ältere der beiden mit, wir dienen dem Herrn der Münze geantwortet. Neire hatte sie seitdem Sklaven der Münze genannt. Jetzt schienen beide beunruhigt und zogen ihre Kurzschwerter. Der Ältere von beiden hatte kurzes braunes Haar und nannte sich Rognar. Er trug wie sein jüngerer Begleiter Wulfgar ein Lederrüstung. Wulfgar machte den aufgeweckteren Eindruck. Der Söldner hatte lange blonde Haare, die bis zu den Schultern hinabfielen. Er drehte sich zu Neire um. „Das kann nur Gannwegen sein. Ein kleines Dorf von Holzfällern.“ Neire blickte nochmals in die Richtung. Der bewölkte Himmel hatte sich über den Vormittag etwas gelichtet. Jetzt sah er das Tal vor sich aufragen, das sich in eine Landschaft von schroffen Bergen hin verjüngte. „Dann lasst uns nach Gannwegen reiten und dort nach dem Rechten schauen.“ Sprach Bargh und setzte sein Pferd in Bewegung. Neire folgte ihm. Auch die beiden Söldner bewegten sich vorwärts. Eine unruhige Anspannung lag auf ihren Gesichtern. Als sie nach einiger Zeit an den ersten Gebäuden vorbeikamen, sahen sie die verkohlten Leichen. Einigen waren Gliedmaßen abgehackt worden. Andere trugen Spuren eines Kampfes. Es war keine Bewegung zwischen den Häusern zu sehen, die noch nicht lange abgebrannt waren. In der Mitte des Dorfes fanden sie einen Leichnam der anders beschaffen war. Die Kreatur war nicht menschlich, doch von humanoider Gestalt. Sie hatte ein Fell und den Kopf eines Hyänenwesens. Bargh erinnerte sich an den Kampf in der verlassenen Feste, der Gundaruk fast das Leben gekostet hätte. Die Kreaturen, denen sie dort begegnet waren sahen dieser hier sehr ähnlich. Während Neire noch nachdachte, lenkte Bargh sein Pferd an das seinige heran. „Neire, ich habe am Rande des Dorfes Spuren entdeckt. Spuren von diesen Kreaturen. Sie führen in diese Richtung.“ Bargh zeigte auf die Berge in der Ferne. „Das kann nicht sein. Dort befindet sich die Adlerburg, die das Tal und den Pass bewacht. Eine ganze Schar berüsteter Wachen befindet sich in der Burg.“ Neire blickte sich um. Die zweifelnde Stimme kam von Wulfgar, der ihrem Gespräch anscheinend gelauscht hatte. „Zweifelt ihr meine Worte an?“ Bargh hob seine Armbrust ein Stück höher, als er zu Wulfgar sprach. „Äh… nein, Herr Drachentöter. Ich meine nur… die Adlerburg und diese Kreaturen. Das passt nicht zusammen. Wir müssen Kurst Bericht erstatten.“ Neire gefiel das nicht. Sie wollten sich anscheinend davonstehlen und Hilfe holen. Er flüsterte Bargh zu. „Sie sollen mit uns kommen oder sie sollen sterben.“ Bargh nickte und baute sich auf seinem Pferd auf. Seine Stimme war jetzt laut und bestimmend. „Nein, ihr werdet mit uns kommen. Wir werden der Sache nachgehen. Ihr untersteht jetzt meinem Kommando. Schließt euch uns an. Befehlsverweigerung wird mit dem Tode bestraft.“ Für einen kurzen Moment herrschte eine beklemmende Stille. Alle hatten ihre Waffen gezogen. Dann nickte Rognar. „Gut dann werden wir mit euch kommen. Wir werden uns eurem Befehl nicht verweigern, Herr Drachentöter.“ Neire konnte das Missfallen in den Augen der Söldner sehen, als Rognar sprach. Bargh nickte und zeigte in Richtung der dunklen Berge. „Wir brechen sofort auf. Unser Weg führt uns zur Adlerburg.“ So ließen sie die verbrannten Ruinen von Gannwegen zurück und folgten weiter dem Adlerweg, in Richtung der Höhen.
« Letzte Änderung: 6.10.2022 | 13:54 von FaustianRites »

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Sitzung 35 - Ein Fest ohne böses Erwachen
« Antwort #35 am: 6.10.2022 | 13:59 »
„Dort seht. Die Burg… Das muss die Adlerburg sein.“ Neire ließ für einen Moment die Zügel fallen und zeigte mit seinem rechten Arm auf das imposante Bauwerk, welches das kurvige Tal überragte. Die Wolken waren schon seit den Vormittagsstunden aufgebrochen und jetzt schimmerte die Mittagssonne über einem klaren blauen Himmel. Die faszinierende Bergwelt offenbarte die alte Trutzburg, die sich an den Stein der Felswand klammerte, gar mit ihm verwachsen zu sein schien. Über einem gewaltigen Fundament waren mehrere Ebenen zu sehen. Eine Wehrmauer und Türme. Neire ließ seinen Blick für einen Moment auf dem Bauwerk ruhen, dann musterte er die Söldner Rognar und Wulfgar, die vor ihnen gingen. Die beiden schienen den Fußmarsch am gestrigen Tage gut verkraftet zu haben. Die Unterkühlung, die ihnen in den Morgenstunden anzusehen war, hatten sie durch ihre Bergwanderung hierher überwunden. Nachdem sie Gannwegen am letzten Tag verlassen hatten, waren sie dem Adlerweg gefolgt, der sie entlang des Tales immer höher in die Berge geführt hatte. Schließlich war der Abend hereingebrochen und sie hatten an einer Felswand ihr Lager aufgeschlagen. Am Abend hatte Bargh dann einen Weinschlauch herumgehen lassen. Sie hatten zuerst schweigend getrunken. Doch dann hatten Wulfgar und Rognar einige alte Geschichten erzählt. Besonders Rognar war dem Wein zugeneigt gewesen und war am nächsten Morgen nur schwer wach geworden. Neire hatte in den frühen Stunden mit Bargh zu seiner Göttin gebetet, die er nach außen hin als Heria Maki anpries. Natürlich hatten sie die Verse an die Schwertherrscherin gerichtet. Doch Wulfgar und Rognar schienen sich nicht mit den alten Göttern auszukennen, noch hatten sie daran gedacht mit ihnen zu beten. Nach einigen weiteren Stunden des Fußmarsches hatte sich ihnen dann der Blick auf die Adlerburg eröffnet. „Ja, das ist die Adlerburg. Was sagt ihr dazu, Herr Drachentöter? Ein Bollwerk gegen die Küstenlande.“ Rognar streckte beim Sprechen seine Brust hervor. Sein Stolz um das alte Herzogtum Berghof war so offensichtlich, wie die Falten seines Gesichtes sein fortschreitendes Alter verrieten. Neire blickte zu Bargh, doch der grummelte nur etwas vor sich hin. „Wir sollten vorsichtig sein. Vielleicht befinden sich die Kreaturen, die Gannwegen verwüstet haben in der Burg.“ Sprach Neire und blickte von seinem Pferd zu Rognar hinab. Dieser fing augenblicklich an zu lachen. „Mein Junger Herr… ihr müsst wissen… Die Adlerburg, sie ist uneinnehmbar!“ Wieder war da der Stolz in seinem Gesicht und eine tiefe Zuversicht. Neire nickte und sprach. „Dennoch sollten wir vorsichtig sein. Lasst mich die Burg auskundschaften und wartet hier, was sagt ihr Bargh?“ Als Bargh nickte, sattelte Neire ab und begann den ausgetretenen und abgewetzten Adlerweg entlangzuhuschen. Hinter einer Felsnadel warf er sich den Tarnumhang über und verschmolz mit den Schatten. Obwohl die Sonne hoch stand, waren die Felsen steil. So konnte er immer wieder den notwendigen Schatten finden, in dem er sich sicherer fortbewegte. An einer Gabelung des Weges nahm er die linke Abzweigung, die über Stufen im Felsen zur Burg hinaufführte. Der Weg wandelte sich schnell in einen Stieg und dann in einen Hohlweg, der durch hohe Felsen führte. Schließlich endete der Weg an einem großen Portal aus eisenverstärktem Holz – einem verschlossenen Fallgatter. Vorsichtig schlich Neire näher und konnte in der Wand Schießscharten erkennen. Schon bald vernahm er den hundeartigen Geruch von fauligem, nassen Fell. Hinter den Schießscharten war ein düsterer Burgraum zu sehen, in dem mehrere der Hyänenkreaturen saßen und Wache hielten. Neire ahnte, dass sie hier nicht weiter vordringen konnten. So schlich er den Weg zurück und nahm diesmal die rechte Gabelung. Dieser Weg stellte sich als Fortführung des Adlerwegs heraus, der um den unteren Teil der Burg herumführte. Als er die Steinwände des Fundamentes erreichte, die neben ihm meterhoch aufragen, wurde er wieder vorsichtig. Nicht viel weiter, kam er an eine gewaltige Türe aus massivem Stein. Meterhoch ragten die beiden Türhälften auf. Über der Türe war das Wappen der Arthogs zu sehen: Der Handschuh samt Ring über dem Ringfinger. Neire verweilte nicht lange und schlich weiter. Hinter einer Ecke sah er eine Öffnung. Hier musste sich eine ähnliche Steintüre wie die zuvor gesehene befunden haben, doch die Flügel waren jetzt geöffnet. Langsam näherte er sich. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass die Türe eingebrochen war. Spuren von Gewalt waren zu erkennen. Dahinter sah er im Zwielicht eine unterirdische Halle, in deren Ecken Rüstungen schimmerten. Für einen kurzen Moment dachte er an eine Sinnestäuschung, doch er erkannte tatsächlich von den Rüstungen gehaltene Waffen, die wie von Geisterhand in der Luft schweben. Für einen kurzen Moment wurden die Windgeräusche um ihn herum geringer. Er lauschte und konnte aus weiter Ferne Rufe und Schreie durch das Gebäude hallen hören. Wie von einem großen Gelage. Neire hüllte sich tiefer in seinen Tarnmantel. Er hatte genug gesehen und gehört. Er drehte sich um und begab sich auf den Rückweg zu seinen Kameraden.

Wieso hatten sie sich nur auf diesen Auftrag eingelassen. Ja, Kurst hatte sie reichlich in Münzen bezahlt, doch darauf hätte er jetzt gut verzichten können. Er wollte kein Held sein, dafür war er bereits viel zu alt. Sollten doch andere die Drecksarbeit machen. In Gannwegen war es eine Situation auf Leben oder Tod gewesen. Der Drachentöter, wie er von dem seltsamen Jungen genannt wurde, hatte ihnen mit dem Tode gedroht, sollten sie sich ihm nicht anschließen. Und so hatten er und Wulfgar zähneknirschend eingewilligt. Obwohl sie der Jüngling fortlaufend als Sklaven der Münze beleidigte hatte. Nun hatte sich jedoch alles geändert. Nachdem sie eine Zeit auf Neire gewartet hatten, hatte sie der junge Priester zur Burg geführt. Sie waren alle so gut es ging geschlichen und hatten sich hier und dort im Schutze der Felsen getarnt. Als er den zerstörten Eingang gesehen hatte, war eine uralte Sicherheit gebrochen, ein tiefer Stolz gewichen. Die Adlerburg kannte er noch aus Kindermärchen. Ihre Uneinnehmbarkeit war für ihn ein Zeichen der Überlegenheit des Herzogtums von Berghof gewesen. Rognar spürte, dass er am ganzen Körper zitterte. Doch an eine Flucht war nicht zu denken. Er blickte zurück in den Saal mit den animierten Rüstungen. Sie hatten sich bis jetzt nicht bewegt. Vor ihm hörte die verhasste, zischelnde Stimme aus der Dunkelheit. Diesen fremden Akzent hatte er noch nie gehört. „Folgt mir durch den Gang. Entzündet eine Fackel. Ich habe eine geheime Treppe nach oben entdeckt.“

Neire ließ seine Mitstreiter in der Dunkelheit der Wendeltreppe zurück. Er hatte ihnen zugeflüstert ihre Fackel auszulöschen, da er Geräusche gehört hatte. Er näherte sich vorsichtig dem kehligen Schnarchen, das er von oben vernahm. Auch die Schreie und Rufe des Gelages wurden jetzt lauter. Irgendwann erreichte er eine Türe. Die Wendeltreppe ging weiter nach oben. Hinter der Türe hörte er die Geräusche. Leise öffnete er das kleinere hölzerne Portal. Dahinter war ein unregelmäßig geformter Burgraum zu erkennen. Licht drang durch Schießscharten und erhellte das Gewölbe kaum. Der Gestank, der ihm entgegenkam, war kaum auszuhalten. Neben Schweiß und verrottetem Fell, roch er Alkohol. Zudem konnte er erkennen woher das Schnarchen kam. Auf hölzernen Pritschen lag ein halbes Dutzend der Hyänenkreaturen. Fellige Humanoide mit einem furchterregenden tierischen Kopf. Sie alle schienen hier ihren Rausch auszuschlafen. Hinter einer weiteren Türe hörte er das Gelage. Neires Herz begann augenblicklich zu pochen, als er mit gezogenem Degen Schritt für Schritt durch den Raum machte. Zuerst verriegelte er leise die zweite Türe. Dann postierte er sich vor dem ersten der Wesen. Einen kurzen Moment dachte er an Lyriell und ihre Geschichten aus den Eishöhlen. Dann verwarf er die Gedanken. Er beruhigte seine zitternde Hand. Er musste handeln, jetzt war die Gelegenheit. Für euch sollte es ein Fest gewesen sein, ein Fest ohne böses Erwachen. Er visierte das Herz des ersten Wesens an. In dem Moment als er zustach legte er die Hand auf das Maul der Kreatur. Wie in einem Traum, wie in einer Zeitlupe nahm er seine Umgebung wahr. Tief hatte sich der Degen hineingebohrt. Warmes Blut sprudelte in Strömen hervor. Er musste das Herz getroffen haben. Die Gestalt zuckte noch und versuchte nach Luft zu schnappen. Doch schon wurden ihre Bewegungen geringer. Neire dachte an seine Göttin. Die Angst und das Adrenalin hatten sich zu einem Kampfesrausch gewandelt. Seine Bewegungen wurden mechanisch. Er schlich sich zum nächsten Wesen. Erneut setzte er den Degen an. Rigoros und unmissverständlich war der Imperativ des Mordens. Blut sprudelte auf, als er den Hals des Wesens durchschnitt. Wieder und wieder setzte er zum tödlichen Stich an. Bis die letzte der Kreaturen ihr Leben aushauchte. Er jetzt bemerkte er das Blut durch das er watete. Es bedeckte bereits einen großen Teil des Bodens. Neire betrachtete sein Werk und das Zwielicht durch das er wandelte. Seine Göttin musste ihn jetzt sehen, denn er war eins mit den Schatten.

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Sitzung 36 - Der Kampf um die Adlerburg
« Antwort #36 am: 16.10.2022 | 21:42 »
Er stand im zwielichtigen Raum und lächelte sie an. Bargh spürte, dass ihre Mitstreiter Rognar und Wulfgar mit ihren Ängsten und Ekeln zu kämpfen hatten. Er befürchtete, dass sie von dem sich offenbarenden Bild überwältigt wurden. Vor ihnen stand der lächelnde Neire in einer Lache von Blut, die den gesamten Boden des irregulär geformten Burggemachs bedeckte. Er hatte anscheinend die betrunkenen Hyänenkreaturen im Schlaf ermordet. Als Rognar und Wulfgar die Stirn runzelten, zuckte Neire mit den Schultern und schüttelte sein blutbespritztes, gold-blondes Haar. Es hatte den Anschein, als ob er niemals einer anderen Kreatur ein Haar krümmen konnte. Doch Bargh wusste um Neires Fähigkeiten der Schatten und er war stolz auf das, was sie erreicht hatten. Bargh sah, dass Neire den Finger auf den Mund legte und flüsterte. „Folgt mir und haltet eure Schwerter bereit. Hinter der Türe halten sie sich auf.“ Erst jetzt bemerkt Bargh den Geruch von Schweiß und nassem, verrottetem Fell, der in diesem Gemach lag. Dieser Geruch wurde nur von dem schweren Hauch von Alkohol und Blut überdeckt, der sich kürzlich über dem Raum ausgebreitet hatte. Als Neire zur ungeöffneten Ausgangstüre trat, hob Bargh sein Schwert. Auch er hörte jetzt die gedämpften Geräusche des Gelages durch die Pforte dringen. Neire trat zu Türe und begann diese vorsichtig zu öffnen. Bargh betrachtete Rognar und Wulfgar in diesem Moment genau. Er würde jeden Moment von Feigheit mit dem Tode bestrafen. Zwar hatte er in der Vergangenheit keine Hinrichtungen vollführt, doch nach den jüngsten Ereignissen fühlte er eine Art inneren, schwelenden Hass, der ihn dazu befähigen würde. Neire öffnete die Türe vollständig lautlos. Dahinter offenbarte sich ihm der Blick auf ein Gelage. Der Gestank von Schweiß, nassem Tierfell und Alkohol strömte ihm entgegen. Mehr als ein Dutzend der großen muskulösen Humanoiden mit dem Hyänenkopf saßen in einem weiten Saal der Burg. Die Bänke und Tische waren um einen großen Kessel angeordnet, dessen röhrenförmiger Auslass über einem Eisengitter im Boden endete. Der Lärm, den die Kreaturen machten, war ohrenbetäubend. Neben einem Brüllen war hier und dort tiefes oder höheres Bellen zu hören. Nachdem Bargh die Worte zum Angriff erhoben hatte, stürmten Rognar und Wulfgar voran. Er folgte und spürte das Adrenalin, das in ihm das Feuer des Kampfrausches entfachte. Neire hatte er für den Moment aus den Augen verloren. Bargh ließ sein Schwert auf die Gestalt hinuntersausen, die sich ihm entgegenstelle. Er sah Blut aufspritzen, doch das Hyänenwesen drang weiter auf ihn ein. Einige der Kreaturen schienen überrascht zu sein von ihrem plötzlichen Angriff. Andere griffen bereits nach ihren Äxten und sprangen heran. Er wurde jetzt von mehreren der Bestien bedrängt. Aus den Augenwinkeln sah er die Klinge, die sich plötzlich durch die Brust des Anführers bohrte, der am anderen Ende der Tische saß. Das musste Neires Werk sein, dachte er sich. Doch er hatte keine Zeit weitere Gedanken zu fassen. Kaum spürte er den Schmerz der Axt, die ihn durch seine Rüstung in die Seite schnitt. Der Kampf wurde jetzt zu einem Getümmel, in dem er in alle Richtungen um sich schlug. Hier brachte er eine weitere der Kreaturen zu Fall. Immer wieder krachten die Äxte der Hyänenwesen gegen seine Rüstung. Er war in einem wilden Kampfrausch verfallen, der ihn den Gestank und die kleinen Verletzungen vergessen ließ. Um ihn herum lagen bereits die Leichname mehrerer Kreaturen, als plötzlich die Türe aufging und weitere Wesen in den Raum stürmten. Sie umringten ihn, schlugen mit ihren Äxten zu. Dann sah er den blutigen Stahl von Neires Degen den Rücken einer der Kreaturen durchdringen. Gemeinsam kämpften sie gegen die Übermacht und um ihr Leben.

Neire schlich sich weiter durch die Gänge der Adlerburg. Bargh und er hatten nach dem Kampf gegen die Hyänenwesen ihre Wunden verbunden und danach die Burghalle abgesucht. Neire selbst war unverletzt geblieben. In den Schatten seines elfischen Mantels hatten ihn die Wesen zumeist nicht sehen können. Doch Bargh, Rognar und auch Wulfgar hatten einige tiefe Schnitte der Äxte zu beklagen gehabt. Sie hatten bei den Kreaturen einige Goldstücke gefunden, die Bargh mit lobenden Worten des Heldenmutes an Rognar und Wulfgar übergeben hatte. Besonders Wulfgar schien an den Worten Gefallen gefunden zu haben. Danach hatte sie Neire zurückgelassen und hatte zunächst die Treppe nach unten erkundschaftet, die aus einem weiteren Erker dieser Halle hinabführte. Weiter unten hatte er einen Verteidigungsraum gefunden, in dem wohl die Flüssigkeit aus dem Kessel abgeleitet werden konnte sowie einen Ausgang auf die Verteidigungsanlagen. Danach war er zurückgekehrt und hatte sich der Türe gewidmet, aus der sie von den weiteren Kreaturen angegriffen wurden. Dort hatte er einen Wachraum, das geschlossene Eingangsgatter und einen unterirdischen Pferdestall gefunden, in dem sich noch drei abgemagerte Tiere befanden. Jetzt schlich er gerade die enge Wendeltreppe hinauf; der einzige noch verbleibende unerforschte Teil des Schlosses. Er hatte Bargh, Rognar und Wulfgar angewiesen ihm nach kurzer Zeit zu folgen. Von weiter oben hatte er zwar leise, aber klar die Geräusche von gutturalen Stimmen gehört. Schließlich kam er an eine Türe, die in die Wand der rechten Seite eingelassen war. Die Wendeltreppe führte weiter hinauf. Neire hielt kurz die Luft an und lauschte an der Türe. Klar konnte er die Atemgeräusche und ein Geifern von hinter der Türe hören. Einen kurzen Moment dachte er nach. Sein Herz pochte und er verspürte eine Furcht. Doch er wusste auch um seine neuen Fähigkeiten und die Schatten, die seine Göttin von ihm forderte. So stieß er langsam und möglichst leise die Türe auf. Für einen Moment hörte er Schritte und Rufe eines Angriffs. Doch dann war die höhere bellende, fast kreischende Stimme, die die Kreaturen anwies. Er drückte sich in die Schatten und wartete auf seine Mitstreiter.

Wulfgar hatte die Worte des Drachentöters nicht vergessen, als er die Treppe hochging. Er, ein Held von Berghof? Der Gedanke füllte ihn mit Stolz. Er spürte die Unsicherheit bei seinem alten Mentor Rognar, doch er ließ sich davon nicht abringen. Er musste sich jetzt als Held seines Volkes beweisen. Es ging nur Vorwärts, niemals mehr Rückwärts. Als er in den Raum blickte, dessen Türe geöffnet war, sah er die Hyänenkreaturen. Es war als ob sie auf sie warteten. Hinter den Kreaturen konnte er eine weibliche Gestalt sehen, die in einer Hand einen Stecken und in der anderen Hand eine brennende Pfeife trug. Er wusste, dass es jetzt um Leben und Tod ging und so stürzte er sich in den Kampf. Die Kreaturen kamen auf ihn zu und er fühlte die Wunden der Äxte. Neben ihm kämpften Rognar und Bargh. Das letzte was er sah war der Degen, der sich von hinten durch das Herz der Hexe bohrte.

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Sitzung 37 - Der Kampf um die Adlerburg II - Teil I
« Antwort #37 am: 21.10.2022 | 22:10 »
Bargh keuchte schwer. Er fühlte sich so an, als würde sein Brustkorb jeden Moment zerbersten. Zudem konnte er kaum atmen, da die Luft von dem beißenden Gestank des Pfeifenrauches der Hexe erfüllt war. Nur langsam hob er den Kopf und blickte sich um. Teils strömte noch pulsierend das Blut aus den Wunden der getöteten Hyänenwesen. Die Unordnung, die in dem ansonsten einladenden Speisegemach der Burg geherrscht hatte, wurde nach ihrem Kampf durch die Leichen verstärkt. Neire und er hatten die Wunden von Wulfgar bereits hastig verbunden, um ein Ausbluten des jungen Kriegers zu verhindern. Wulfgars Kopf lag in einer Lache von Blut, die auch seine langen blonden Haare durchnässt hatte. „Er wird nicht aufwachen, nicht in der nächsten Zeit.“ Die zischenden Worte Neires hörte Bargh hinter sich. Als er sich langsam umdrehte, sah er, dass der jugendliche Priester zu Rognar getreten war und auf ihn einredete. Neire hatte seinen Tarnmantel zurückgelegt und zeigte ein sorgsames Gesicht. Rognar schien jedoch kaum zu reagieren. Er hielt immer noch sein Schwert hoch und suchte nach weiteren Angreifern. In Anbetracht der Lage, stand er anscheinend unter einer Art Schock. Er sah, dass Neire mit den Schultern zuckte und sich ihm näherte. „Ich werde mich weiter umschauen Bargh, ich befürchte, dass uns noch weitere dieser Kreaturen angreifen werden. Bleibt ihr hier und werft einen Blick auf Rognar.“ Bargh nickte langsam und raffte sich mühevoll auf. Die kurze Anstrengung und die Wärme des Raumes, die von dem Kochfeuer im Kamin ausging, hatten ihm den Schweiß in die Augen getrieben. Auch spürte er die Panzerplatten seiner Rüstung gegen die Wunden drücken, wobei in letztere der Schweiß hineinlief. Schließlich näherte er sich Rognar, der jetzt in Richtung Kamin gegangen war. Der Gestank des Pfeifenrauches verzog sich langsam und der Geruch der köchelnden Suppe war zu vernehmen. „Rognar, reißt euch zusammen. Es werden nicht die letzten Kreaturen gewesen sein und das ist ein Befehl! So ist das im Krieg. Entweder sie oder wir. Menschen sterben…“ Bargh sah, dass der Söldner kurz aufzuckte. Dann glitt sein wirrer Blick wieder in die Schatten des Gemaches. Bargh packte Rognar und rammte ihn unsanft gegen die Wand. Er spürte den älteren Mann am ganzen Körper zittern. „Verdammt nochmal reißt euch zusammen und kümmert euch um euren Kameraden. Kümmert euch um Wulfgar.“ Erst als Bargh ihn bedrohlich schüttelte reagierte der verletzte Krieger. „Wulfgar, was… wo?“ Bargh ließ von ihm ab. Als Rognar seinen Kameraden sah, schritt er zu ihm und kniete sich auf den Hyänenleichen nieder. „Ach Wulfgar, ihr… ihr wolltet ja nicht hören. Das passiert nämlich, wenn man den Helden spielen will.“ Bargh lachte auf und er erinnerte sich an alte Gedanken und Lehren, die in seinem Gedächtnis auftauchten. „Hah, solches Geweine nenne ich Feigheit. Ihr könnt hier glorreich sterben und eure Namen werden auf ewig in Berghof einen gewissen Klang haben. Am Ende zählt nur der Tatenruhm.“ Bargh trat mit gezogenem Schwert hinter den Söldner. Rognar beachtete ihn allerdings nicht und schluchzte weiter. „Was bringt es mir hier tot zu liegen, was ist schon mein Name wert. Ich will leben…“ Angewidert von den Worten hob Bargh sein Schwert. Er hat der Göttin gefrevelt. Auch wenn es die falsche war. Er hat keine Ehre, keinen Drang nach Großem. Ein Opfer für Jiarlirae sollte er sein. Bargh hatte bereits sein Schwert zum köpfenden Schlag erhoben, da hörte er abermals die Stimme von Neire. „Bargh hierher; ich habe etwas entdeckt. Eine Kammer mit Leichen.“ Er ließ sein Schwert sinken und schritt um die Leichen der getöteten Kreaturen herum. Als er Neire erreichte, flüsterte der Jüngling in sein Ohr. „Bargh, einer von ihnen ist noch am Leben. Es ist ein heiliger Krieger, Diener von Torm. Sein Name ist Akran.“ Augenblicklich waren da die Erinnerungen an sein altes Leben. An einen seiner früheren Lehrmeister: Akran. Oh wie er ihn schon damals gehasst hatte. Ja, da war die Sache mit dem Übungskampf gewesen. Einem Mitschüler hatte er damals den Kiefer gebrochen und mehrere Zähne ausgeschlagen. Daraufhin hatten ihn die anderen Schüler versucht zurechtzuweisen. Doch er hatte auch sie angegriffen. Er gegen drei. Es hatte keine Toten gegeben, doch er hatte sie schwer verletzt. Akran hatte ihn danach gezüchtigt und mehrere Tage in das Hungerverlies gesteckt. Konnte es sein, Akran hier? Bargh stürzte an Neire vorbei auf die kleine Zelle zu, die sich in dem Gang auftat, der aus diesem Saal hinfort führte. Es kam ihm der Gestank von Fäkalien, Erbrochenem und Eiter entgegen. In der Zelle saßen, wie zusammengepfercht, mehrere nackte und schwer verletzte – wenn nicht gar bereits tote – Gestalten. Sie waren mit Ketten an die Wände gefesselt. Die Gestalt die noch atmete erkannte er sofort als Akran. Doch jetzt war sein alter Lehrmeister von kleinen eiternden Wunden übersäht, sein Gesicht zur Unkenntlichkeit angeschwollen. An der rechten Hand waren nur noch drei Finger und an der linken Hand nur noch ein Finger zu sehen. Die fehlenden Finger waren abgehackt oder ausgerissen worden. Zudem hatte er eine Nadel durch die Backe getrieben, von der ein langer Faden hinabhing. Bargh kochte innerlich. Auf diesen Moment hatte er eine lange Zeit gewartet. Doch er spürte auch eine Art weit entferntes Mitleid für seinen alten Lehrermeister. Er suchte eine einigermaßen trockene Stelle auf dem von Fäkalien bedeckten Boden und kniete sich nieder.

Neire hatte bereits das von Blut besudelte Stück Pergament gelesen, das mit dem Garn an das Fleisch von Akrans Gesicht genäht gewesen war. Er hatte dies vorsichtig und leise entfernt, so dass der heilige Krieger nichts davon mitbekommen hatte. Dann hatte er das Siegel aus Wachs studiert und die Runen entziffert. Es hatte sich wie ein Befehl gelesen:

„Hiermit entsende ich den ehrenwerten Krieger Akran, der angewiesen worden ist Rechtschaffenheit, Kampfeswillen und Ehre in die Adlerfeste zu tragen und diese vor Unholden zu schützen. Ihm wird auferlegt sich der Gerichtbarkeit der Besatzung der Burg zu unterwerfen, solange es der Auftrag erfordert. Ferner wird ihm zugetragen, mit dem Schwert der Reinheit über Fäulnis und Verderbtheit zu richten. Er möge die Macht und den Mut unseres hohen Herrn Torm in die alten Hallen zurückbringen. Es spricht, Luzius der Ungebrochene, Oberster Herr des Tempels der Ehre.

Neire war bereits angewidert gewesen, als er den Text gelesen hatte. Er hatte keinerlei Mitleid gespürt mit der geschundenen Gestalt, die, einem schwachen Gott dienend, sich selbst in dieses Schicksal manövriert hatte. Doch dann hatte er sich entschieden Bargh von dem heiligen Krieger zu berichten. Gemeinsam wollte er eine Entscheidung über ihr weiteres Vorgehen treffen. Doch dazu war es nicht gekommen. Bargh war an ihm vorbeigestürzt und Neire war ihm gefolgt. Jetzt blickte Neire in die kleine Kammer voller nackter, verstümmelter Leichen. Bargh hatte sich mittlerweile über Akran gebeugt und begann zu sprechen. Neire bemerkte, dass sein Begleiter die Spitze seines Schwertes am unteren Rippenbogen von Akran platziert hatte. Neire verfiel in Gedanken als er dem Gespräch lauschte.

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Sitzung 37 - Der Kampf um die Adlerburg II - Teil II
« Antwort #38 am: 23.10.2022 | 11:02 »
Es war das erste Jahr nach meiner Flucht aus Nebelheim, als ich durch die seltsamen Lande der Oberwelt ritt. Die einst schwache Seele ward wiedergeboren. Er war mir wie ein Bruder geworden. Stark im Glanz Jiarliraes, glorreich im Ruhm seiner Taten. Doch er blickte zurück in die Schatten seiner Vergangenheit, die bis jetzt ein für ihn undurchdringbares Geheimnis bedeuteten. In ihm loderte ein Feuer, das er als Fackel des Hasses vor sich hertrug. Ich lauschte den Worten, die sie sprachen, als er den verlorenen Ritter traf:

Bargh: „Akran, wacht auf. Was zum Teufel hat euch in diese Lage gebracht?“
Akran: „Ahhhh… mein einstiger Schüler, kann es sein? Oder ist das eine weitere Illusion von euch Bastarden?“
Bargh: „Wagt es nicht meinen alten Namen zu sprechen. Ihr habt euren Pfad gewählt und er führt euch in Leid und Verderben. Ich bin jetzt Bargh, der Drachentöter und ich diene der größten unter allen Göttern. Jiarlirae ist mehr als Feuer und Schatten, mehr als die Summe aller Teile!“
Akran: „Haha, der kleine Säufer mit dem schwachen Geist. Ich wusste, dass ihr euch abwenden werdet. Dass ihr dem wahren Torm nicht würdig seid, war abzusehen. Ich hätte euch weiter züchtigen sollen.“
Bargh: „Einen Teufel hättet ihr sollen. Ich bin in die Hölle hinabgestiegen und ich bin wiedergeboren worden. Ich habe die wahre Macht gesehen, für die ich bestimmt bin, zu dienen… Doch eine Gelegenheit will ich euch geben Akran. Wendet euch ihr zu, Jiarlirae. Wendet euch ihr zu und erkennet ihre wahre Macht. Verpfändet eure Seele an Feuer und Schatten.“
Akran (lacht… versucht dann zu spucken): „Ein kleiner feiger Säufer wart ihr und der werdet ihr auch bleiben.“
Bargh (dreht Gesicht von Akran mit Panzerhandschuh zur Seite): „Dann sollt ihr ihn nicht mehr erleben, unseren glorreichen Ritt. Wir werden reiten und der Krieg wird toben – wir werden reiten und du wirst sterben. Wir werden reiten durch die verglimmende Asche dieser Welt.“ (Bargh stößt die Klinge unter dem Rippenbogen Richtung Herz. Ein Aufseufzen ist von Akran zu hören).


Wulfgar zitterte am ganzen Körper als er nach vorne stürmte. Seine tiefe Wunde an der Seite drohte wieder aufzubrechen. Sie hatten mehrere Tage in einem verlassenen Wachturm der Burg verbracht. Eine Zeit in der sie sich von den Vorräten ernährt hatten, die sie hier gefunden hatten. Bargh und Neire hatten sich immer wieder um seine Wunden gekümmert, hatten seine Verbände erneuert. An die ersten zwei Tage konnte sich Wulfgar kaum erinnern. Am ersten Tag hatte er wohl in einem Koma gelegen. Am zweiten Tag hatte er hauptsächlich geschlafen. Doch die Wunden hatten sich nicht entzündet und so waren sie wieder aufgebrochen, die oberen Gemächer der Burg zu erforschen. Zuerst schienen die Gemächer wie verlassen gewesen zu sein. Doch dann waren sie auf den Saal des einstigen Anführers der Burg gestoßen. Dort hatten sie eine menschengroße Gestalt an einem Schreibtisch gesehen, die schwärzliche Augen, Reißzähne und einen wulstigen Schädel hatte. Dunkles schütteres Haar fiel ihr bis über die Schultern. Die muskulöse Kreatur hatte einen Handschuh an einer ihrer Hände getragen, der von Metallplatten besetzt war. Doch anstatt sich dem Kampf zu stellen hatte die Kreatur einen schwarzen Edelstein zertrümmert und „Fahre zur Eins!“ gemurmelt. Dann hatte sie sich mit dem Juwelenstaub in Nichts aufgelöst. In diesem Moment hatten sie das gutturale Schreien und mächtige Schritte aus dem Raum gehört. Eine fast drei Schritt große Kreatur kam ihnen entgegen. Fettleibig und muskelbepackt. Unter einem übergeworfenen gelblichen Fell war dunkle Körperbehaarung zu sehen. Aus einem runden Schädel funkelten zwei schwarze Augen voller Hass – aus dem Hauer-besetzten Maul geiferte die Kreatur lange Fäden von Sabber. Als der Kampfschrei des Drachentöters den Raum durchdrang reagierte er mechanisch. Doch Bargh stürmte bereits auf die Gestalt zu, bevor er reagieren konnte. In diesem Moment sah er einen Degen von hinten durch den Wanst des Monsters dringen. Blut sprudelte auf. Fast im gleichen Moment trafen zwei Hiebe von Bargh die Kreatur. Der erste durchschnitt die Haut der Seite, doch der zweite traf eine Halsschlagader. Unter einem Aufsprudeln von Blut brach das, was Wulfgar aus alten Legenden als Oger kannte, zuckend zusammen.

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Sitzung 38 - Der Kampf um die Adlerburg III
« Antwort #39 am: 27.10.2022 | 21:54 »
Es war Ruhe eingekehrt in den oberen Gemächern der Burg. Neire, dem das Blut noch immer in den Ohren pulsierte, hielt zitternd seinen rot verschmierten Degen und blickte sich um. So gut es ging lauschte er nach weiteren Zeichen von Angreifern. Doch aus dem nobel eingerichteten Saal des einstigen Obersten der Adlerburg hörte er nur das Rauschen des stärker gewordenen Windes, der sich an den Schießscharten brach. Er stieg hinweg über den riesenhaften Leichnam des Unholdes und begann das Gemach zu betrachten. Wunderschöne gestickte Wandteppiche, die stilisierte Jagdszenen darstellten, bedeckten die Wände. Im schwachen Licht war ein verzierter Schreibtisch zu sehen, der sich in einer Ecke des Raumes befand. Neire bewegte sich auf das edle Möbelstück zu und begann dieses zu untersuchen. Als er keine Fallen finden konnte, öffnete er die unverschlossenen Schubladen. Neben einigen Schätzen fand er zwei leichte Schreibfedern und ein altes Buch, dem er augenblicklich seine Aufmerksamkeit widmete. Wie aus der Ferne vernahm er jetzt die Stimmen von Bargh, Wulfgar und Rognar, die sich über die Rüstungen berieten, die sie hier entdeckt hatten. Er vertiefte sich in das Pergament. So konnte er schon bald feststellen, dass es sich um eine Anleitung für ein magisches Gefängnissystem der Burg handelte. Die Zellen waren in imaginären Orten untergebracht, die wohl weder von dieser Welt waren, noch eine stetige Abbildung von Raum und Zeit besaßen. Eine lebende Seele konnte mithilfe eines speziellen schwarzen Kristalls in eine Zelle gebannt werden, indem zum Beispiel die Worte fahre zu Eins gerufen wurden. Neire wurde sofort klar, dass sich die Kreatur anscheinend in eine dieser Zellen gebannt hatte, um ihnen zu entgehen. Doch auch die Hervorrufung von einst gefangen gesetzten Seelen war vorgesehen. So sollte es weiße Kristalle geben, die in der Mitte einer doppelten Spirale platziert, einen Gefangenen befreien konnten. Diese Spirale sollte sich in einem bemalten Raum befinden. Zur Befreiung musste zum Beispiel komme hervor aus der Eins gerufen werden, um den Mechanismus in Gang zu setzen. Neire stöberte im Buch und las noch einige weitere Seiten, die lange Listen von Inhaftierten und Freigelassenen beinhalteten. Dann entschied er sich dazu seine Kameraden von dem Fund zu unterrichten und auf die Suche nach dem bemalten Raum zu gehen.

Fackellicht durchdrang den achteckigen Raum. Der Geruch von brennendem Teer hatte sich bereits ausgebreitet. Neire näherte sich vorsichtig der Säule, auf die sein Kamerad gezeigt hatte. Bargh hatte diese mit seinem schweren Panzerhandschuh abgeklopft und dabei war der alte Putz nach innen weggebrochen. Dann hatte er Neire den Vortritt gelassen. Eine vorsichtige Suche nach Fallen offenbarte keine Gefahr. Er begann das bröckelige Gestein weiter zu entfernen. Dahinter war ein kleiner Hohlraum zu sehen, in dem eine von goldenen Verzierungen bedeckte Holzschatulle ruhte. Vorsichtig griff Neire hinein und zog das seltsam leichte Objekt hervor. Er öffnete das Kästchen, doch er sah keinen Boden. Es war, als ob das Licht der Fackel dort verschluckt werden würde. Langsam griff er durch die Öffnung hindurch und tatsächlich verschwand sein Arm fast bis zur Schulter im Inneren. Er hatte von solchen Zaubern schon einmal gehört. Dimensionsmagie, die den Ort verzerrte – kleine Türen ins Jenseits an Gegenstände band. Tief im Inneren des Objektes ertastete er einen kleinen Beutel, dessen genauere Untersuchung vier milchig schimmernde Kristalle hervorbrachte. Das musste also der Ort mit dem geheimen Vorrat der Wiederhervorrufungssteine sein. Also könnte auch vielleicht der Raum mit der Spirale nicht weit sein. Er betrachte die Wände, die mit einer Art Rundumblick des Herrenhauses der Familie Arthog bedeckt waren. Sie zeigten den Familiensitz der einstigen Herrscher von Berghof in der Vergangenheit. Der Zahn der Zeit hatte noch nicht an den Gemäuern genagt. „Ich habe die Kristalle. Es muss hier irgendwo sein. Lasst uns weitersuchen.“ Sprach Neire und deutete auf die Wände des Raumes. Jetzt bewegten sie sich alle an die verbliebenen Bilder und begannen sie abzutasten. Es herrschte eine bedrückende Stille. Diesmal war es Neire, der fündig wurde. Einer der Rahmen ließ sich bewegen, als würde er von Scharnieren gehalten. Vorsichtig zog Neire das geheime Portal auf. Dort hinter konnte er einen kreisrunden Raum erspähen. Im Fackellicht glitzert ein Muster auf dem Boden. Zwei in sich verschachtelte Spiralen mit jeweils vier Armen sowie schwarzer und weißer Färbung. In der Mitte war eine kleine Mulde zu sehen. Er betrat mit Bargh den Raum und blickte sich nach Rognar und Wulfgar um. „Wir werden diese Kreatur aus der Zelle befreien. Bewacht ihr den Eingang. Keiner soll entkommen.“ Er sah, wie die beiden ihre Schwerter zogen. Auch Bargh machte sich angriffsbereit. Neire zog zitternd vor Aufregung einen der weißlichen Kristalle hervor und legte ihn in die Mitte. Dann begann er zischelnd die Worte zu murmeln: „Komme hervor aus der Eins.“ Nachdem er das letzte Wort gemurmelt hatte, ließ er sich unter seinem Tarnmantel in die Schatten sinken. Zuerst passierte nichts, doch dann begann der Stein zu schmelzen wie ein Stück Butter in einer Pfanne. Weißer Nebel stieg auf. Dann wurden Konturen sichtbar. Vor ihnen erschien, ohne Zweifel, die Gestalt aus dem Gemach des Obersten der Burg. Sie hatte beide Hände zu Fäusten geballt. Vom schwarzen Handschuh fehlte jede Spur. Ihre schwärzlichen Augen waren zusammengekniffen und glänzten, wie von einer Tollwut erfasst, hasserfüllt. Ihr grobschlächtiges Gesicht schaute sich ruckartig um. Bargh reagierte und stach mit seinem Schwert zu. Blut strömte auf und die Gestalt begann zu schreien. Dann rammte ihr Neire den Degen von hinten in den Rücken. Er hatte Glück und durchbohrte das Herz des Wesens. Blutspuckend brach der einstige Handschuhträger vor ihnen zusammen. Nach einer kurzen Beratung entschieden sie sich weitere Kreaturen aus den Zellen hervorzurufen. Neire legte einen der verbliebenen Kristalle in die Mulde und begann erneut zu murmeln: „Komme hervor aus der Vier.“ Wieder begann der Edelstein zu schmelzen. Aus dem Nebel stieg jedoch diesmal eine größere Kreatur hervor. Sie besaß zwei Köpfe, Krallen und eine bräunliche Hautfarbe. Das Monster war in einen Pelz gekleidet, den es wie eine Schürze trug. Tatsächlich konnte Neire sehen, dass sich die Gestalt den Handschuh übergestreift hatte. Das Wesen fing an zu brüllen als Bargh sein Schwert nach vorne schnellen ließ. Zwei mächtige, doch gezielte Hiebe schnitten tiefe Wunden; brachten dunkles Blut hervor. Dann stach Neire in den Rücken des Wesens. Auch diesmal hatte er Glück und sein Degen drang tief hinein. Unter einem weiteren Stich ging die Kreatur zu Boden, doch sie konnten sehen, dass das Monster noch atmete. Neire beugte sich hinab und durchbohrte abermals den Brustkorb mit einem Stich. Erst jetzt sah er, dass sich einige Wunden bereits wie von Geisterhand geschlossen hatten. „Rognar, reicht mir die Fackel zischelte er.“ Nur langsam und von Furcht fast gänzlich übermannt, näherte sich der ältere Söldner. Neire nahm die Fackel und begann den Pelz des Wesens zu entzünden. Es setzte ein Zucken ein, als die Flammen die Haut berührten. Bereits geschlossene Wunden brachen wieder auf und weiteres Blut strömte hinaus. Der geheime unterirdische Raum wurde von einem penetranten Gestank von verbranntem Fleisch erfüllt. Jetzt hörte Neire plötzlich eine Stimme in seinem Kopf, wie ein wehleidiges Klagen. Doch er konnte kein Geschlecht, kein Alter ausmachen. Hört mich an. Helft mir und nehmt mich auf. Ihr könnt mein Träger sein und ich kann euch Macht geben, große Macht. Alles wonach euch gelüstet kann euer sein. Neire blickte sich überrascht um, doch die Stimme schien aus Richtung des schwarzen Handschuhs zu kommen. Er brauchte einige Zeit um sich an die alten Geschichten und Legenden zu erinnern. Der schwarze Handschuh war ursprünglich als Waffe in den Küstenlanden erschaffen worden – erschaffen, um die Adlerburg zu vernichten. Doch für diese Aufgabe benötigte er einen mächtigen Träger. Auch würde er versuchen seinen Träger zu einer willenlosen Marionette zu machen. Diese Marionette sollte den Erschaffern des Handschuhs dann dienen. Neire dachte einen weiteren Moment nach, dann fing er an zu sprechen. „Wem dient ihr, Stimme? Wer ist euer Herr?“ Ich diene meinem Träger und nur meinem Träger. Meine Erschaffer, die mächtigen Magier der Küstenlande, sind längst tot. Neire war nicht zufrieden mit dieser Antwort. Für einen kurzen Moment hatte er darüber nachgedacht den Handschuh aufzunehmen. Doch jetzt waren seine Gedanken bei seiner Göttin und seinem alten, geliebten Nebelheim. „Ich diene meiner Göttin, der Schwertherrscherin. Sie gibt mir die Macht, die ich brauche. Sie hält die Schlüssel zum Jenseits.“ Neire ging zu Bargh und flüsterte ihm zu, ihm den weißen Handschuh aus dem Rucksack zu geben. Als Bargh diesen hervorholte, kam Neire Fäulnisgeruch entgegen. Noch immer steckte der abgehackte Arm des Skulks im weißen unbefleckten Leder. Auch von diesem Handschuh spürte Neire Regungen ausgehen. Doch es waren keine Worte die er vernahm. Vielmehr das Gefühl von Eile, vergleichbar mit einer Art Atemnot. Als ob eine große Katastrophe lauerte und weiteres Warten in den Zustand der Lähmung und damit in den sicheren Tod führen würde. So nahm er den weißen Handschuh am verfaulten Arm und schritt auf die noch schwelende Kreatur zu. „Ihr dient nicht Ihr. Ihr werdet Ihr nicht dienen. Jiarlirae ist Feuer und Schatten und sie ist mehr als das.“ Neire hörte jetzt eine flehende Stimme vom schwarzen Handschuh ausgehen. Doch… ich kann. Ich kann ihr dienen. Jiarlirae. Ich kann ihr dienen. Doch die Worte kamen zu spät. Neire hatte bereits den weißen Handschuh in den schwarzen geführt. Als ob sich beide die Hände gäben. Augenblicklich fuhr ein Lichtblitz durch den Raum. Die Zeit schien stillzustehen. Der Raum wurde in Nebel gehüllt. Und dann war da die Adlerburg, wie aus der Ferne betrachtet – ein Trugbild, eine Illusion? Zwei riesenhafte Nebelgestalten entwuchsen den milchigen Schwaden um die Burg. Eine weiß, die andere schwarz. Sie hoben ihre Fäuste und begannen zu kämpfen. Doch es konnte keinen Sieger geben und beide gingen in einem gleißenden Licht auf. Als Neire wieder die Augen öffnete, sah er, dass beide Handschuhe langsam zu Asche zerfielen. Nur die vier Juwelen aus dem Handballen des schwarzen Handschuhs blieben übrig. Er drehte schweigend zu Bargh um, der die Illusion anscheinend nicht gesehen hatte und nickte ihm zu. War das Geheimnis um die magischen Erschaffer aus den Küstenlanden gelüftet?

Es war etwas wärmer geworden und die Sonne brach hier und dort durch die Wolken. Bargh war mit Neire in Richtung der Küstenlande geritten. Sie hatten Rognar und Wulfgar in der Burg verabschiedet und er hatte sie aus seinem Kommando entlassen. Beide wollten in das Herzogtum Berghof zurückkehren. Sie würden dort wohl als große Helden gefeiert werden und die Legende von Bargh, dem Drachentöter verbreiten. Er hatte sich im Spiralraum über die Großzügigkeit von Neire gewundert, hatte doch sein junger Begleiter den beiden Söldnern einen der verbliebenen Edelsteine überlassen. Erst nachher hatte Neire ihm die Wahrheit erzählt. Er hatte bei diesem Edelstein einen unsichtbaren Fluch entdeckt. Sein Träger sollte den Stein nicht mehr loswerden können und im Kampf würden sich alle Gegner dem Träger zuwenden. Neire hatte Rognar und Wulfgar die Wahl gelassen und Rognar hatte gierig zugegriffen. Abschließend hatte der Söldner von dem Wert gesprochen und was er sich davon alles kaufen würde. Jetzt musste auch Bargh über diese Wendung lachen. Sie hatten sich danach mit weiterer Verpflegung der Burg ausgerüstet und waren dem Adlerweg in für sie unerforschte Gebiete gefolgt. Neire waren auf dem Weg weitere Details über den Tempel der Ehre eingefallen. Der Tempel solle sich nicht auf dem Festland, sondern auf einer Insel im Meer befinden. Zudem waren die im Tempel ausgebildeten Priester und Soldaten wohl eine Ordnungsmacht, die in den Küstenlanden ihre Verbreitung gefunden hatte. Bargh hatte darüber eine Zeit gegrübelt. Allerdings hatte es Jiarlirae gut gemeint mit ihm. Nach ihrem Sieg auf der Adlerburg hatte ihm Neire einen der grünlichen Juwelen gegeben, den er jetzt bei sich trug. Schon nach kurzer Weil hatten sich seine Wunden geschlossen und er fühlte sich stärker als je zuvor. Nach einer weiteren Nacht am Fluss hatten sie das Gebirge langsam verlassen. Irgendwann hatten sie in der Ferne ein Dorf gesehen, dem sie sich jetzt näherten. Ein rudimentärer Erdwall und eine Palisadenmauer aus angespitzten Holzstämmen stellten die Wehranlage des Dorfes dar. Vor dem geschlossenen Eingangstor waren drei Krieger zu sehen, die eine starre Haltung angenommen hatten. Alle drei trugen einen leuchtend gelben Waffenschurz. Als sie sich bis auf etwa zwanzig Schritte genähert hatten, hob der mittlere Mann seine Hand. „Halt im Namen des Magistraten von Dreistadt, halt! Es gibt keinen Zutritt zu diesem Dorf, keinen Zutritt nach Mühlbach!“ Einen kurzen Moment frage sich Bargh, was hier wohl passiert war, dann bemerkte er den feinen dunklen Rauch, der hinter dem Wall aufstieg. Sie beteuerten, kein Interesse am Zutritt zu haben und weiterreisen zu wollen. Damit senkte sich die Anspannung der Soldaten deutlich. Bargh und Neire konnten in Erfahrung bringen, dass die Männer Diener des Tempels der Ehre waren – Diener des Gottes Torm. In dem Dorf hatte die Pest gewütet und alle verbliebenen Bürger dahingerafft. Aus diesem Grund war jeder lebenden Seele der Zutritt zum Dorf verwehrt. Bargh hob zum Abschied die Hand, doch innerlich dachte er an seinen alten schwachen Lehrmeister, an den Tod von Akran. Er malte sich aus, wie diese Männer durch seine Hand sterben würden.

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Sitzung 39 - Auf zu neuen Ufern
« Antwort #40 am: 3.11.2022 | 14:17 »
Neire und Bargh hatten ihre Pferde um den Palisadenwall gelenkt, um das Dorf Mühlbach zu umgehen. Die Wachen hatten ihnen noch einen Moment nachgeblickt, sich aber dann wieder ihrer Aufgabe gewidmet. Noch immer war der leichte Verwesungsgeruch zu vernehmen, der zusammen mit dem dünnen Rauch von dem Dorf ausging Die Sonne stand schon hoch und es musste später Vormittag sein. Die Strahlen hatten jedoch langsam an Kraft verloren, als ob sich der Herbst langsam anbahnen würde. Umgeben war Mühlbach von einer kargen Landschaft, die zu einem Teil aus kleinen verkrüppelten Kiefern und zum anderen Teil aus kargem Sand sowie einem Bruchland bestand. Mittlerweile waren im Palisadenwall einige handgroße Spalte zu sehen, die einen Blick in das Innere von Mühlbach erlaubten. Als sie die Wachen aus den Augen verloren hatten, drehte sich Neire zu Bargh um. „Wartet einen Moment, Bargh. Ich werde einen Blick durch die Stämme wagen.“ Sprach Neire und sattelte elegant von seinem Pferd ab. Er sah seinen Begleiter wortlos nicken und näherte sich dem Wall. Sein Blick offenbarte ihm ein kleines Dorf, das aus schilfbedeckten Holzhütten bestand. Nur ein prominentes Gebäude stand in der Nähe des Flusses und war als Mühle mit einem Anbau zu erkennen. Neire konnte auch feststellen woher der Verwesungsgeruch kam. Hier und dort sah er Leichen zwischen den Häusern liegen. Die Leiber hatten aufgedunsene Oberkörper und waren teils grausam von Beulen und Eiter gezeichnet. Zwischen den Häusern konnte er zudem leichten Rauch von niedergebrannten Feuern aufsteigen sehen. Sonst bemerkte er keine Bewegung. Augenblicklich fing sein Herz an zu pochen als sich in seinem Kopf der Gedanke formte. Was sollte er sich auch diesen oberweltlichen Regeln unterwerfen... „Bargh, ich werde mich einmal umschauen. Falls ich nach einer kleinen Weile nicht zurück bin, lasst die Pferde zurück und folgt mir“, raunte er jetzt in den leichten Wind und zog sich den Tarnmantel über. Geschickt kletterte Neire über den Zaun und ließ sich auf der anderen Seite hinabsinken. Er versuchte sich, soweit es ging, in den Schatten der Gebäude zu bewegen. Schon bald kam er an dem ersten Leichnam an, konnte jedoch neben den Zeichen der Krankheit keine Besonderheiten feststellen. Vielmehr betrachtete er immer wieder die Einfachheit der Hütten und fragte sich, ob alle Orte der Oberwelt in dieser primitiven Weise errichtet worden waren. Als Neire so für einen Moment verweilte, hörte er ein Geräusch in dem Rauschen des Baches, das sehr leise, aber markant war. Wie ein Reißen von Fleisch und ein schmatzendes Schlingen. Er entschied sich diesem weiter nachzugehen und schlich auf die Mühle zu, von wo er glaubte das Geräusch zu hören. Am Anbau angekommen, bemerkte er eine geschlossene Türe, aber geöffnete Fenster. Das Schmatzen war jetzt deutlich aus dem Inneren zu hören und der Gestank von Verwesung war hier penetranter. Neire zog sich lautlos durch das Fenster in den verlassenen Wohnraum. Er hörte das Geräusch von einer Treppe, die in den Keller hinabführte. Vorwärts schlich er und je weiter er vorankam, desto penetranter wurde der Leichengestank. Die Kellertreppe, die dort hinabführte, war aus einfachem Lehm. Das Schmatzen kam von unten. Er tastete sich vorsichtig voran und versuchte den Würgereiz zu unterdrücken. Schließlich konnte er die Dunkelheit durchblicken. Als er um den Treppenabsatz herumschaute, sah er einen einfachen, in den Lehm geschlagenen, Kellerraum. Das Kopfende des Raumes war mit einem Berg von Leichen bedeckt. Eiter und Wundsekret rann von den menschlichen Körpern hinab und hatte bereits eine kleine Pfütze gebildet. Der Gestank war nicht zu ertragen. Doch in dem Raum sah er Bewegungen. Drei entstellte Leichname krochen auf dem Haufen herum und schlugen lange Hauer in das tote Fleisch. Die Kreaturen erinnerten nur noch im Entferntesten an Menschen. Sie trugen Reste von Kleidung, waren von Beulen und aufgedunsenen Körpern gezeichnet und hier und dort kam der blanke Knochen hervor. Es schien sich um eine Familie des Grauens zu handeln. Neben einem Mann, waren eine wohl noch schwangere Frau und ein Säugling zu sehen, wobei letzterer noch seine Nabelschnur hinter sich herzog. Die Untoten glitten hinweg über die Toten in einer vergänglichen Anmut, während sie das schwache Fleisch zerrissen. Der Gestank und die Szenerie erzeugten in Neire eine Art Lähmung, die zum einen in dem Terror des Anblicks und zum anderen in der morbiden Faszination des Todes beruhte. Er beneidete die Kreaturen nicht, die die Hingabe zu Jiarlirae nicht kannten. Kreaturen, die den Dualismus von Feuer und Schatten nicht zu ergründen versuchten. Als er einen Schritt in den Raum machte, spürte er, dass er sich übergeben musste. Er nahm alle Kraft zusammen und versuchte das Erbrochene hinunterzuwürgen – keinen Laut zu erzeugen. Er zitterte am ganzen Körper. Tatsächlich gelang es ihm langsam Kontrolle zu gewinnen und Abstand von dem Schauspiel zu nehmen. Der Geist der Sehnenden Jiarliraes stand über allem. Der Wille triumphierte, auch über dem Tanz der Toten.

Bargh hatte einige Zeit lang auf Neire gewartet. Er hatte gegrübelt über seinen alten Lehrmeister. Er hatte sich gefragt, ober er ihn nicht auch eher hätte töten können. Doch damals war er ein geistiger Sklave gewesen. Ein Sklave des Gottes, dem die Diener des Tempels der Ehre sich hier ergaben. Niemals… nein, niemals hätte er eine andere Entscheidung getroffen, als seinen ehemaligen Meister in der Adlerfeste zu ermorden. Er hatte es genossen, jeden einzelnen Moment. Einzig die Beleidigungen nagten noch immer an seinem Selbstbewusstsein. Als er das Zischen hörte, drehte er sich ruckhaft um, doch instinktiv wusste er, dass es sich um die Stimme Neires handelte. „Bargh, es gibt dort Kreaturen – nicht lebendig und auch nicht tot. Im Gebäude der alten Mühle. Sie hätten mich fast erkannt und dann…“ Bargh sah, dass Neire am ganzen Körper zitterte und sich geschickt auf sein Pferd zog. Neire lenkte sein Pferd hinfort, weiter an dem Wall entlang und blickte sich nach ihm um. „Neire, was dann…? Was wäre gewesen?“ „Vielleicht… vielleicht wäre ich jetzt einer der ihren, ein alter Fluch… doch ich glaube nicht, dass der Geist der Anhänger Jiarliraes derart unterlegen ist… Bargh… lasst uns beten zu unserer Göttin… und lasst uns dabei Wein trinken!“ Bargh sah, dass Neire bereits einen Schlauch aus der Satteltasche seines Pferdes hervorgezogen hatte und einen tiefen Schluck nahm. Sein junger Begleiter, dem die Angst noch immer anzusehen war, reichte ihm lächelnd den Schlauch und er nahm ihn gerne an. Mehre tiefe Züge des kostbaren Getränks aus der verlassenen Feste schlang er in sich hinein. Währenddessen ritten sie weiter an dem Wall von Mühlbach entlang. Als sie auf der gegenüberliegenden Seite des zuvor passierten Eingangs in das Dorf ankamen, sahen sie zwei Krieger, die hier Wache standen. Es war ein ungleiches Paar: Der Anführer älter und in einen gelben Schurz mit Kettenhemd gekleidet. Der zweite Wächter war jünger, vielleicht gerade volljährig und trug eine Lederrüstung. Als sie sich näherten, hob der ältere Krieger die Hand und rief ihnen bestimmende Worte zu: „Haltet ein! Das Dorf ist für einen…“ „Ja, wir wissen es schon. Mühlbach ist gesperrt für Reisende. Wir haben bereits mit Weismar am anderen Eingang gesprochen. Ihr könnt euch eure Worte sparen.“ Bargh spürte den aggressiven Unterton in Neires zischelnder Stimme, als sein Begleiter den älteren Wächter unterbrach. „Wem dient ihr hier, der euch das befiehlt? Wem dient ihr Menschen?“ Bargh bemerkte, dass beide Wachen irritiert waren vom Singsang und von der zischelnden Stimme Neires. Doch nach einem kurzen Moment der Stille erhob der Ältere das Wort. „Wir dienen Clavius, dem Herrscher von Dreistadt. Lang möge er leben.“ Sie waren mittlerweile bis auf einige Schritte an die beiden herangeritten und Bargh bemerkte die Spannung. „Ihr Menschen seid Sklaven, ihr dient, doch ihr dient einem falschen Herrn. Nennt mir seinen Namen!“ Bargh fühlte, dass Neire jetzt, angetrieben durch den Alkohol und die fanatische Zuneigung zu Jiarlirae, den Angriff suchte. Er sah, dass der jüngere der beiden Anstalten machte sein Schwert zu ziehen um anzugreifen, doch von dem älteren Krieger zurechtgewiesen wurde. Diesmal sprach der ältere Krieger wieder. „Wir sind Krieger des Tempels der Ehre. Wir dienen dem Magistraten von Dreistadt, doch unser oberster Herr ist Torm. Er ist unser Herr der Ehre, des Gesetzes und der Rechtschaffenheit. Nichts für Vagabunden wie ihr es seid…!“ Bargh spürte wie Neire begann wie von einer Mordlust zu kochen. Aber auch er wollte die armseligen Kreaturen vor ihnen zerquetschen, sein Schwert durch ihre schlaffen Leiber stoßen. Bevor er antworten konnte, erhob Neire wieder das Wort. „Nicht Torm sondern Clavius ist euer wahrer Herr, menschliche Sklaven. Torm ist nicht mehr als ein Bastard… Wein ist nichts für euch! Wein ist ein Getränk der Götter, nichts für schwache Geister wie Torm und erst recht nichts für seine Sklaven!“ Bargh sah wie Neire vor den beiden vorbeiritt und den edlen Wein aus dem Weinschlauch in den Dreck ergoss. Bargh war zum Kampf bereit. Er scheute weder das Gemetzel, noch den Tod. Doch er spürte tief in ihm, dass Neire nur aufstachelte. Sein junger Begleiter wollte die Krieger von Torm zu einem Angriff provozieren. Fast gelang ihm diese Provokation, doch der jüngere Krieger wurde erneut zurecht gewiesen von seinem Meister, alsbald er seine Waffe erhob. Bargh spürte den abgrundtiefen Hass stärker werden. Er zog sein Schwert und hob es bedrohlich über seinen Kopf. Doch die beiden Krieger bewegten sich kein Stück weit auf sie zu. Sie bewahrten beide ihre Haltung - Schwerter in den Händen und zum Kampf bereit. So zogen er und Bargh weiter. Weiter Richtung Dreistadt. Sie durchritten die karge Landschaft der Küstenlande und blickten sich nicht mehr um.

„Könnt ihr ein Geheimnis bewahren? Könnt ihr?“ Neires bereits angetrunkene Stimme lispelte stärker und sein angeschwollener Singsang machte die Worte, die er in der gemeinen Sprache murmelte, fast unverständlich. Finnger, ein Bürger von Dreistadt mit dem Neire jetzt sprach, nickte eifrig und rückte mit seinem Ohr näher an Neires Gesicht. Sie füllten gerade die Humpen für die kleine Gesellschaft von Bürgern auf, die sich zu ihnen an den Tisch gesellt hatte. Ariold, der Wirt des Gasthauses hatte sie zuerst unfreundlich und dann immer langsamer bedient. Zuletzt hatte er sich taub gestellt, bis ihn sein Begleiter Bargh dann mit den Worten „Was ist mit euch passiert? Seid ihr als Kind auf den Kopf gefallen oder nur gegen eine Steinwand gerannt?“ zurechtgestutzt hatte. Danach hatte ihnen Ariold zwar Essen gebracht, hatte sich dann jedoch zurückgezogen. Jetzt füllten sie gerade die Humpen und das plätschernde Geräusch des Bieres ließ Neire zurückdenken an den weiteren Teil ihrer heutigen Reise am Fluss Richtung Dreistadt. Sie waren eine Zeitlang durch die karge Landschaft geritten, die von Sträuchern, Sand und Marschland gekennzeichnet war. Von einer Moräne aus hatten sie schließlich die Küste gesehen, an der die Stadt lag. Dreistadt war von imposanten Wehranlagen geschützt und nur die drei Türme ragten aus dem Inneren der Stadt über die Mauern hinweg. Die Portale waren geöffnet gewesen und so waren Neire und Bargh in die Stadt geritten. Im Inneren hatten sie größtenteils arme und verwahrloste Bürger gesehen. Viele Häuser waren verrammelt gewesen oder hatten einen verlassenen Eindruck gemacht. Dreck und Unrat lag auf den Straßen herum. Zuerst hatten sie eine Frau nach den Örtlichkeiten gefragt. Dann waren sie zum kleinen Markt gelangt, auf dem eine größere Ansammlung von Menschen zu sehen gewesen war. Hier waren sie von einem Obdachlosen auf ein paar Groschen angesprochen worden. Er hatte ihnen nur in einer Seitengasse und in paranoidem Gehabe von dem Joch des Tempels der Ehre erzählt. Dass die Priester und Krieger sich ihren Schutz teuer bezahlen ließen. Dass sie in der Stadt nicht besonders beliebt waren. Der stark nach Alkohol und schweiß riechende Mann mit dem nackten Oberkörper, der sich ihnen als Dagwin vorgestellt hatte, hatte ihnen schließlich den Weg in das Gasthaus gewiesen und ihnen von dem Wirt Ariold erzählt. Er hatte ihnen auch berichtet, dass Ariold wohl eine große Menge an Schutzgeld an den Tempel der Ehre bezahle und nicht besonders gut auf dessen Gefolgsleute zu sprechen war. So waren sie schließlich im Gasthaus eingekehrt. Sie hatten gegessen und Bier getrunken, bis sie schließlich mit der lokalen Gesellschaft ins Gespräch gekommen waren. Das Gespräch hatte sich um dies und das gedreht, bis Neire einen möglichen Krieg gegen das Herzogtum Berghof angesprochen hatte. Damit war eine rege, trunkene Diskussion angefacht worden. Neire hatte bereits eine Runde an Bier ausgegeben und holte jetzt mit Finnger die nächste. Er begann nun wieder zu flüstern und musste für einen Moment sein Schwanken kontrollieren. „Vergesst Heria Maki. Sie ist nur eine schwache Göttin des Feuers. Ich diene Jiarlirae, der Göttin von Feuer und Schatten. Sie ist der Schlüssel zu Geheimnissen und Macht. Sie hält die Schlüssel zum Jenseits.“ Neire blickte in das trunkene Gesicht seines Gegenübers, der, soweit es ihm möglich war neugierig schaute. „Wir suchen nach den Geheimnissen der Magier der Küstenlande“. Finnger lachte. „Die alten Sagen, die Magier… Sie sind längst zu Staub zerfallen.“ Neire grinste. „Dann lasst uns auf diesen Staub trinken!“


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Das einfache Gemach war völlig abgedunkelt. Es musste später Nachmittag sein, denn Neire hatte bereits die ersten Geräusche aus dem weiter unten liegenden Schankraum gehört. Kaum nahm er Notiz von Bargh, der auf einem der einfachen Holzbetten saß, seine Augenbinde abgenommen hatte und ihn betrachtete. Es war jetzt schon einige Zeit her, dass sie aufgestanden waren. Doch er spürte noch immer den Alkohol des gestrigen Abends in seinem Atem. Sie hatten noch länger in der Schenke verbracht. Die beiden Freunde von Finnger hatten schließlich den mit Tischen zugestellten Schankraum mit schwerer Schlagseite verlassen. Finnger war noch länger geblieben, aber schon bald in einen Zustand geraten, in dem er mit halb geöffneten Augen seltsame Dinge gebrabbelt hatte und sich kaum noch am Tisch halten konnte. Auch Neire erinnerte sich an den Rest des Abends nur noch verschwommen. Sie hatten versucht den Wirt Ariold auf die Schutzgelderpressung des Tempels der Ehre anzusprechen. Doch der Wirt hatte stoisch seine neutrale Position eingehalten. Auch auf Finngers betrunkene Rufe - Ariold, diese Bastarde beklauen euch. Ist es nicht so? Ist es nicht so, Ariold? - hatte die in entferntester Weise an einen Aasvogel erinnernde Gestalt des Wirtes nicht geantwortet. Sie waren dann irgendwann in Richtung ihres Gemaches getorkelt, das sie über eine Außentreppe erreichen konnten. Neire hatte die erste Nachtwache übernommen. Am nächsten Morgen hatten sie einige Besorgungen in Dreistadt gemacht und waren schließlich in ihr Gemach zurückgekehrt. Jetzt blickte Neire auf seine zitternden Hände, mit denen er den violett schimmernden Pilz in der kleinen Pfanne umrührte. Ein bitterer, leicht beißender Gestank hatte bereits den gesamten Raum erfüllt. Die Flamme des Lampenöls brannte heiß unter dem Topf. Immer wieder musste er ein plötzliches Aufkochen verhindern. Er durfte sich hier keine Fehler erlauben. In alten Schriften hatte er schon über die violette Version des bunten Vierlings gelesen. Als älteste Variante des Vierlings war dieser für sein starkes Gift berüchtigt. Schon die bloße Berührung der unzubereiteten Pilze konnte tödlich sein. Einigen Sammlern war dieses Schicksal bereits zuteilgeworden. Neire ließ den Sud immer wieder aufkochen, der schon dickflüssiger geworden war. Nur noch wenige Augenblickte, dann war die richtige Konsistenz erreicht. Er dachte zurück an seine Zeit in Nebelheim. Wie er in den alten Wälzern der Bibliothek des inneren Auges gestöbert hatte. Farne, Kräuter und Pilze hatten ihn schon immer interessiert. Doch er hatte nur in Büchern über sie gelesen; hatte sie nie zu Gesicht bekommen. Jetzt kochte der Sud wieder auf. Er hob rasch den Topf von der Flamme und rührte um. Das musste die richtige Zähflüssigkeit sein. Behutsam hob er eine seine vorbereiteten Violen auf und begann den schwarzen Extrakt abzufüllen. Wie flüssiger Teer zog die Substanz lange Fäden. Die Arbeit musste behutsam erfolgen. Kein Tropfen durfte daneben gehen. Diese und noch eine weitere Viole konnte er füllen. Er nickte lächelnd über sein vollbrachtes Werk und dachte bereits an seinen Degen, den er damit bestreichen würde. Vielleicht bis zu zwanzig Menschen würde er mit dem gewonnenen Extrakt töten können.

Bargh nickte Neire zu, der jetzt wieder den Raum betrat. Die Hände Neires zitterten nicht mehr so stark und ein Teil der Anspannung war abgefallen. Bargh sah, dass er die gesäuberten Töpfe des Sturmkochers trug, den sie zuvor beim Schmied von Dreistadt gekauft hatten. Er hatte dann Neire ruhig und interessiert bei seiner Arbeit zugeschaut. Doch innerlich war er aufgewühlt gewesen. Fast als ob Neire Gedanken lesen konnte, kam er auf ihn zu und legte ihm seine Hand auf die Schulter. Immer wieder hatte er sich gefragt, wieso Neire nicht an seine Maske dachte. Hatte er es ihm nicht versprochen? Er blickte in das schlanke, von gold-blonden Locken umrahmte Gesicht seines Mitstreiters und konnte blaue Augen auffunkeln sehen. Neire stelle die Töpfe ineinander und begann feierlich zu sprechen. „Bargh, es ist die Zeit gekommen uns eurer Maske zuzuwenden. Lasst uns damit anfangen.“ Bargh jubelte innerlich auf. Es wich seine verkaterte Depression im Antlitz des neuen Erstrebens. Er sah, dass Neire bereits die skalpierte Haut des riesigen Bergpumas hervorgeholt hatte. Hastig wühlte er in seinem Rucksack nach den grünlichen Schuppen des von ihm getöteten Drachen. Er sah auch das Neire einige der Drachenschuppen auf den kleinen Nachttisch gelegt hatte. Zudem zog sein junger Begleiter den wertvollen schwarzen Opal hervor, den sie im Herrenhaus der Arthogs dem Herz des Wesens aus Dunkelheit entrissen hatten. Während Bargh sich noch um die Anordnung von Schuppen und Opal kümmerte, bearbeitete Neire die Pilze und das Harz zu einem Sud. Er nutze dazu die gesäuberte Pfanne, die er im metallenen Rahmen des Sturmkochers über die Ölflamme gebracht hatte. Nur durch die Hitze verschmolz das Harz mit dem zerkleinerten Pilz. „Schaut, Bargh. Wenn die alten Schriften Recht haben, wird dieser Sud, einst abgekühlt und ausgetrocknet, die Flächen aneinanderhalten, als wären sie verschmolzen.“ Bargh blickte Neire bewundernd an. Er mochte den Geruch von Harz und Pilz. Schon bald begann Neire die ersten Schuppen zu verkleben. Bargh stimmte dabei einen Gesang an die Schwertherrscherin an, in den Neire einfiel. So verbrachten sie Schuppe um Schuppe auf der Maske und zuletzt den großen schwarzen Opal, über der Position des rechten Auges.

„Bleibt ihr hier Bargh. Ich werde mir den Turm einmal genauer ansehen. Falls ich beim ersten Sonnenlicht nicht zurück bin, brecht die Türe auf.“ Neire flüsterte zischelnd in das Ohr Barghs und deutete auf den runden Turm, der unweit von ihnen knappe zehn Schritt hoch aufragte. Aus dem Turm sahen sie das Licht des Leuchfeuers ausgehen, das ab und an seine Richtung und Farbe änderte. Neire hatte kein Muster in diesen Änderungen gesehen, die sie bereits am ersten Abend ihrer Ankunft bemerkt hatten. Jetzt ließ er Bargh zurück und schlich im Schatten seines Tarnmantels über die kleine Gasse, die zu Wehrmauer und Turm führte. Von jenseits des Turmes konnte er die Wellen der Brandung rauschen hören. Eine Brise von Salz erfüllte die Luft und vermengte sich mit dem Geruch des unweiten Fischmarktes. Die Nacht war noch nicht weit vorrangeschritten, aber der bewölkte Himmel war bereits stockduster. Als er an der alten, aus dicken Steinquadern errichteten Mauer ankam, leitete er seinen Blick nach oben. Zum Meer hin hatte der Turm in seiner Spitze große Öffnungen. Wie Säulen, die das silberne Licht über die nächtlichen Fluten wiesen. Da war es wieder. Als er nach oben schaute pulsierte das Licht, sprang von Silber zu giftigem Grün und anschließend zu Violett. Er wollte dem nachgehen. Vorsichtig suchte er Halt in den engen Ritzen der Quader. Die Wand ragte senkrecht über ihm auf. Langsam zog sich Neire nach oben und begann sicherer zu werden, je höher er kam. Der Boden der Gasse war schon weit unter ihm, als seine Hand das Gesims der Leuchtkammer berührte. Über ihm war gleißendes Licht. Er kniff die Augen zusammen und zog sich über den Rand. Als er vorsichtig zu blinzeln begann, konnte er das Innere des oberen Gemachs erblicken. Vor ihm eröffnete sich ein Turmraum, dessen Rückseite von einem Halbkreis glänzender, menschengroßer Spiegel gesäumt war. Vor den Spiegeln war die Lichtquelle auszumachen. Von zwei goldenen Ketten getragen hing ein glühender Oktaeder-förmiger Kristall über einem Becken. Das Becken war mit rötlich-porösem Bimsgestein gefüllt, brannte jedoch nicht. Das Licht kam aus dem Edelstein selbst. Dort… da war es wieder. Während Neire langsam auf die Spiegel zu schlich, wechselte der Kristall abermals seine Farbe und Strahlrichtung. Neire suchte das Gemach ab. Neben einer Falltür nach unten, konnte er hinter den Spiegeln Ölkannen finden. Eine nähere Untersuchung des Kristalls offenbarte eine schwarze Schrift, die sich in geschwungenen Lettern über den Ring zog. Unsere silberne Herrin, sie leitet euch, sie weißt, den Weg. Irgendetwas kam ihm merkwürdig vor in der Zusammensetzung der Worte, in der Kommasetzung. Für einen kurzen Moment blickte er in die Flammen und da war etwas. Als ob eine Präsenz ihn betrachten würde. Als ob das Licht, von einer niederträchtigen Intelligenz beseelt, blicken würde. Er hatte genug gesehen und machte sich wieder an den Abstieg. Er ließ sich die Brüstung hinab, doch diesmal konnte er keinen geeigneten Halt finden. Wieder und wieder probierte er andere Stellen, doch zwecklos. So schlich er sich hinter die Spiegel und wartete dort. Vielleicht würde eine Wache nach dem Feuer schauen. Lange wartete er und als schließlich der Morgen graute, musste er handeln. Nochmals versuchte er sein Glück. Diesmal hatte er eine Stelle weiter außen gefunden. Er fand ausreichend Halt im Stein und kletterte hinab. Zu Bargh angekommen berichtete er ihm von seinen Erlebnissen. Gemeinsam schlichen sie, so unauffällig wie möglich, zurück zu ihrem Gasthaus. Während der Rückkehr spürte Neire bereits ein Dröhnen in seinem Kopf. Ein rhythmisches Pochen, das immer stärker wurde. Zudem brannte sich der magische Schutzring an seiner linken Hand in sein Fleisch. Es quälte und bohrte ihn bereits jetzt der Gedanke und er wusste, dass er sich vergangen hatte an Nebelheim. Das Ritual der Fackeln hatte er vergessen. Er, Neire, Kind der Flamme.

Das Licht war gleißend und blendete ihn. Doch er musste kämpfen und stürzte nach vorne. Hinter ihm hörte er noch die Falltür mit einem Krachen zustürzen. Bargh schwang sein Langschwert gegen die Kreatur aus grünlich-hellem Licht, die sich vor ihm aus dem Kristall gelöst hatte und sich ihm summend näherte. Er spürte eine elektrisierende Aura auf seiner Haut. Die Feuerkugel war etwa einen Schritt im Durchmesser und bestand aus waberndem, kaltem Licht. Sie schwebte in rasanter Geschwindigkeit auf ihn zu. Er reagierte schneller und ließ sein Schwert in einem tödlichen Schnitt durch die Kreatur fahren. Hatte das Licht ihn geblendet, gar getäuscht? Keinen Widerstand spürte er und musste den Schwung des Schlages abfangen. Jetzt sah er Neire von hinten auf die Kreatur einstechen, doch auch der Degen seines Begleiters fuhr ins Leere. Was war das für ein Zauber, der sie im obersten Raum des Leuchtturmes erwartete? Eigentlich hatten sie ihren Einbruch sorgfältig geplant. Neire hatte den gesamten Tag wie in einem Fieber im Bett verbracht. Er hatte schweißgebadet Gebete zu seiner Göttin gemurmelt und wie in einem Wahn von Nebelheim gesprochen. Von dem alten Fluch, der über der Stadt lag und den es zu ergründen galt. Dass er die immerbrennenden Fackeln des Inneren Auges entzünden musste – Nacht für Nacht. Neire hatte von sich als Auserwähltem gesprochen, diese Aufgabe zu übernehmen, um Nebelheim von seinem Schicksal zu retten. Nach Einbruch der Nacht hatte sein junger Begleiter dann das Ritual der Fackeln durchgeführt. Danach hatte sich sein Zustand verbessert. Sie hatten gegessen und dabei eine Zeitlang geplant. Dann waren sie zum Leuchtturm aufgebrochen. Kurz hatten sie Wachen auf der Stadtmauer gesehen, die wie sie das Lichtschauspiel des Leuchtfeuers verwundert betrachtet hatten. Als diese über den Wehrgang in die Dunkelheit verschwunden waren, hatte Neire die Türe aufgebrochen. Er hatte Bargh den Weg ins Innere gewiesen, wo eine lange runde Treppe aus Stein weit nach oben führte. Bargh hatte die Treppe genommen und Neire war wieder über die Außenmauer nach oben geklettert. Als Bargh die Falltür nach oben gestoßen hatte, hatte sich das Licht aus dem Kristall gelöst und war in eine Lebensform übergegangen, die ihm nun gegenüberstand. Immer wieder hackte und stach er mit seinem Schwert in Richtung des Lichts. Er verfehlte stets. Dann ging die glühende Kugel in den Gegenangriff über. Er spürte einen Schlag, das Verkrampfen seiner Muskeln und für eine kurze Zeit die Luft aus seinen Lungen weichen. Bargh torkelte benommen zurück. Doch Neire nutzte den Moment und stach in das Herz des Wesens. Für einen Augenblick war ein höheres Surren zu hören. Jetzt dränge auch er wieder heran und attackierte. Eine Zeitlang kämpften sie so. Als das Wesen sich vor einem der Spiegel platzierte, zerstörte Neire diesen mit einem Hieb des Degens. Danach wendete sich die lichtene Kugel Neire zu. Jetzt war sein Moment. Bargh drang nach vorn und ließ das Schwert niederfahren. Er zielte so, als ob er die Kreatur verfehlen würde – mit genügend Vorhalt. Und tatsächlich spürte er den Widerstand, als das Schwert sich in das faulige Herz der Erscheinung bohrte. Das Herz, das unsichtbar hinter gleißendem Licht verborgen war. Elmsflammen zuckten in einem letzten Todesschrei auf. Augenblicklich verdimmte der Schein und ein schwarzer Klumpen fiel mit einem Flatschen auf dem Boden. Dort wo die nach elektrisch verbrannter und verfaulter Haut stinkende Masse sich verteilte, sah Bargh jetzt Gegenstände liegen. Er ächzte und blickte sich um. Hinter ihnen lag die große, entvölkerte Stadt, die auf einst ruhmreiche Zeiten zurückblickte. Es war dunkel geworden um sie herum. Er hörte das Rauschen der nächtlichen Brandung unterhalb der Klippen des Turmes. Bargh trat zwischen die Säulen und blickte in Richtung Süden. Dort musste der Tempel der Ehre liegen. Der rote Kristall in der rechten Augenhöhle seines verbrannten, haarlosen Schädels schimmerte matt in der Düsternis.


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Sitzung 41 - Der Turm des Magistraten
« Antwort #42 am: 18.11.2022 | 22:07 »
Durch die gotischen Säulen des jetzt dunklen Leuchtturmes pfiff der Wind des Meeres. Der Geruch von Algen und Salz war in der Luft. Bargh hatte sich mittlerweile niedergekniet und versorgte seine Wunden. Immer wieder blickte er in Richtung des Tempels der Ehre. Die Wut und der Hass auf seinen alten Orden wollten nicht weichen. Unter dem wolkenverhangenen Nachthimmel sah er nur Dunkelheit. Neire war zu ihm getreten und half ihm beim Anlegen der Verbände. Doch Bargh konnte nur das von den gold-blonden Locken eingerahmte Gesicht des Jünglings erkennen. Der Rest von Neires Körper war durch den elfischen Umhang in Schatten gehüllt. „Was tun wir jetzt Neire? Wir sollten diesen Ort verlassen.“ Neire nickte, während er antwortete. „Ja, ich habe bereits eine Idee.“ Bargh atmete noch immer tief von der Anstrengung des Kampfes und richtete sich jetzt auf. Er folgte Neire zu dem stinkenden Haufen von Haut und Fleisch, der von der Kreatur übriggeblieben war. Er beugte sich hinab und begann die Gegenstände in seinem Rucksack zu verstauen. „Bargh! Ich habe ein Geräusch von unten gehört. Stimmen. Vielleicht Wachen, die sich nähern.“ Bargh spürte die Aufregung in der jetzt zischelnden Stimme von Neire. Er verstaute hastig den letzten Beutel mit Münzen, dann richtete er sich auf. Neire hatte die noch geöffnete Falltür bereits geschlossen und sich in die Schatten gekauert. Bargh hörte nur noch die Stimme in der Dunkelheit. „Versteckt ihr euch hinter einem der Spiegel. Ich werde an Falltür lauern.“ Bargh packte sein Schwert, erhob sich und begab sich hinter einen Spiegel.

„Ich habe es dir doch gesagt. Es war keine gute Idee. Die Sache war von vornherein zum Scheitern verurteilt.“ Der junge Wächter des Tempels der Ehre bewegte sich vorsichtig die Stufen des Turms hinauf. Er hatte sein Kurzschwert gezogen und zitterte am ganzen Körper. „Ja… aber das hilft uns jetzt auch nicht weiter. Seid still und geht. Vorwärts.“ Der ältere Soldat des Tempels stieß seinen jüngeren Gefolgsmann unsanft nach vorne. Die Dunkelheit war dicht und fast undurchdringbar. Sie trugen trotzdem keine Fackel bei sich. Es gab ein Knarzen als der Jüngere das schwere Holz der Luke nach oben drücke. Hervor kam ein pausbackiges Gesicht eines Mannes, der vielleicht etwas mehr als 20 Winter gesehen hatte. Furcht stand in seinen Augen, als er das Zwielicht abtastete. Dann zog er sich über die Stufen nach oben. Ihm folgte der Ältere, der von muskulöser Gestalt war und dessen haarloser Schädel einige Narben trug. Der Jüngere war bereits zum Becken mit dem Kristall vorgedrungen, als sich die Masse von Schatten hinter dem Älteren zu bewegen begann. Keiner von beiden sah das Funkeln des Stahles, als der Degen sich von hinten durch den oberen Torso bohrte. Der Stich war präzise und tödlich. Der Ältere spucke gurgelnd Blut, als er, nach Luft schnappend, wie ein nasser Sack zu Boden sank. Der Jüngere blickte sich panisch um, doch er sah keinen Gegner. Auch die blutige Klinge verschwand geisterhaft in den Schatten. Was ist das nur für eine schwarze Magie, dachte er sich und drehte hastig den Kopf. Da war sie plötzlich, die Erscheinung. Ein Ritter stand vor einem Spiegel, seine Silhouette von den anderen Spiegeln wiedergegeben. Ein roter Kristall schimmerte glühend in seinem rechten Auge. Er hatte ein Schwert erhoben und kam auf ihn zu. Der verbrannte Schädel des Ritters brannte vor Hass, seine narbige Haut schrie nackte Gewalt. Was war das nur für ein Alptraum? Dafür war er nicht ausgebildet worden. Er wollte um Gnade betteln, doch er konnte nicht. Er wollte laufen, doch er konnte nicht. Der Ritter hatte ihn längst erreicht und die Klinge seines Hasses senkte sich unaufhaltsam hinab. Er spürte noch den warmen Strom an seinem Bein hinab gehen, als er sich einnässte. Dann kam der Stahl. Kalt und unbarmherzig griff er nach seinem Leben.

Sie hatten die beiden Wachen auf die Brennsteine und unter dem großen Kristall platziert. Bargh hatte die Schwerter so in ihre Körper gesteckt, als ob es aussah als ob sie sich gegenseitig getötet hatten. Dann hatte Neire gesagt er sollte sich auf den Weg zum Gasthaus machen. Neire wollte sich um alles andere kümmern. Jetzt stand Neire alleine in dem dunklen Gewölbe des alten Turms. Er hatte eine Karaffe von dem zähflüssigen Öl in Hand. Für einen kurzen Moment dachte er nach. Dann begann er das Öl langsam über Boden und Spiegel zu verteilen. Karaffe um Karaffe verteilte er so. Bis der gesamte Boden und alle Spiegel bedeckt waren. Er stellte sich vor einen Spiegel und begann das Öl zu entzünden. Zuerst wollte die träge Substanz nicht richtig Feuer fangen. Doch dann flackerten bläuliche Flammen auf. Neire folgte dem Schauspiel fasziniert. Die kindliche Freude, die er in diesem Moment verspürte, erfüllte ihn mit Glück. Er blickte in den Spiegel und zog seine Kapuze zurück. Er dachte zurück an Nebelheim. An seine Zeit als Anwärter. Als er noch den obsidianernen Boden putzen musste. Er dachte wehmütig zurück und erinnerte sich an ihre Stimme. Er wusste auch jetzt noch genau was Lyriell, die Kupferne Kriegerin, damals zu ihm gesagt hatte, als er sein Spiegelbild im Obsidian betrachtet hatte. Er flüsterte die Worte in die Flammen, so als ob er mit seinem Spiegelbild sprechen würde. „So klein und schon so selbstverliebt. Dabei hast du noch nicht die große Prüfung hinter dir, Anwärter.“ Er wusste auch noch, was er geantwortet hatte. „Ich habe keine Angst vor der Prüfung. Ich habe bereits mein Schicksal im inneren Auge gelesen.“ Auch jetzt betrachtete er sich in dem langsam größer werdenden Feuer. Das blau der Flammen war schon in ein gelb übergegangen. Sein Gesicht war nicht mehr so eingefallen wie zuvor, wie in den langen Regennächten am Wolfsfelsen. Wie lange das wohl schon her war? Er hatte die Tage nicht gezählt, die nach seiner Flucht aus Nebelheim vergangen waren. Jetzt hatten sie eine Aufgabe. Für Bargh. Doch dann? Was würde danach passieren. Er durfte Nebelheim nicht vergessen. Er sah eine einzige Träne über seine Wange rollen. Doch war es der Gedanke an Lyriell und Nebelheim, der seine Emotionen entfachte oder weinte er um seine Schönheit – das Kind der Flamme, das sich in Feuer und Schatten ewiglich jugendhaft geborgen wähnt. Er wusste es nicht. Er drehte sich rasch um. Der Spiegel begann sich bereits zu verbiegen. Er entzündete noch die Steine im Becken und schlich sich in Richtung Falltür. Als er den Geruch von verbranntem Fleisch vernahm, zog er sich die Kapuze über und ließ sich über die Stufen in die Dunkelheit hinab. Hinter ihm prasselten die Flammen des Ölfeuers und er hörte das Brechen des ersten Spiegels. Doch seine Gedanken waren in Nebelheim und bei seiner Lyriell. Sie war jetzt im Reich der schwarzen Natter. Dort wo der Stein flüssig brannte. Dort wo die Dunkelheit Runen in das brodelnde Magma zeichnete.

Bargh stand auf dem Pier und blickte auf die drei Männer im Ruderboot hinab. Er hielt sich im Hintergrund während Neire mit den beiden sprach. Sie waren am letzten Abend unerkannt in das Gasthaus zurückgekehrt. Aus der Ferne hatten sie das Feuer brennen sehen können, das auch am heutigen Tag noch im Turm wütete. Doch Wachen des Tempels der Ehre schienen keine Versuche zu machen das Feuer zu löschen. Er wollte gerade wieder seinen Blick dem Turm zuwenden, als einer der Jungen im Boot Neire abermals ansprach. „Seid ihr eigentlich auch auf dem Weg zum Tempel der Ehre? Wollt ihr euch dem Orden anschließen, wie wir es tun wollen?“ Die Sonne brach gerade wieder durch die Wolken und ließ das Wasser des Hafens grünlich schimmern. „Nein, wir suchen, wie bereits gesagt, ein Boot, das nach Fürstenbad fährt. Aber das scheint es ja hier nicht zu geben. Auch wissen wir ja nicht ob sie uns im Tempel überhaupt nehmen würden.“ Der etwas verwahrlost aussehende Junge deutete jetzt auf ihn und lachte, während sein Freund anfing leise zu murmeln. „Müsst ihr eigentlich immer jeden ansprechen?“ Doch der Junge mit den verfilzten Haaren und fauligen Zähnen ließ sich nicht beirren und erhob erneut das Wort. „Der da sieht aus wie ein stattlicher Krieger. Natürlich würden sie einen Krieger nicht abweisen.“ Bargh musste jetzt auch lachen, obwohl er die neue Gesprächigkeit von Neire nicht mochte. Er klopfte sich mit seinem Panzerhandschuh auf die Augenbinde, die den Rubin überdeckte und sprach. „Nun, ich sehe ja mit einem Auge nur noch halb so viel. Ich bin mir nicht sicher ob sie dort so etwas gebrauchen können.“ Der Junge dachte kurz nach, dann antwortete er erneut. „Naja, wenn ihr halb so viel sehen könnt, aber dafür doppelt so feste zuschlagt, solltet ihr keine Probleme haben.“ Jetzt sah er auch Neire lachen, der den Jungen zynisch anschaute. „Weise Worte.“ Der Junge grinste und deutete auf seinen Kopf, indem er Barghs vorherige Geste imitierte. „Jaha, hier oben ist ganz schön viel los, ja… ganz schön viel los hier oben.“ Jetzt fiel der ältere Mann mit der Glatze dem Jungen ins Wort. Er hatte die Taue schon gelöst und schaute Neire und ihn an. „Also wollt ihr jetzt mit? Ich habe noch zwei Plätze frei.“ „Nein, wir wollten nach Fürstenbad. Wie schon gesagt.“ Antwortete Neire. Das Boot legte daraufhin ab, während sich Neire und er in Richtung Fischmarkt begaben. Vielleicht werden wir uns wiedersehen, dachte Bargh. Dann wollte er sehen, was in dem Kopf des Bastards los war. Er würde dort schon nachschauen. Sein Schwert würde ihm dabei helfen.

Neire ächzte, als er den leblosen Körper auf den Boden fallen ließ. Sie waren nach ihrem Besuch auf dem Fischmarkt wieder in das Gasthaus zurückgekehrt, wo sie den Rest des Tages verbracht hatten. Auf dem Fischmarkt hatten sie einen Fischer, der sich Bregor nannte, überzeugt, mit ihnen auf Fischfang zu gehen. Sie wollten sich am nächsten Abend, oder am darauffolgenden Abend mit ihm treffen. Im Gasthaus hatten sie dann in ihrem Raum gewartet bis es Nacht wurde. Die Zeit bis dahin hatten sie mit Gebeten an ihre geliebte Göttin verbracht. Nachdem Neire dann sein Fackelritual durchgeführt hatte, waren sie aufgebrochen. Im Schutz der Dunkelheit waren sie bis zu einem Turm der Stadtmauer gelangt, in dem sich eine Türe befand. Sie hatten die Türe aufgebrochen und hatten geplant so lange zu warten, bis die Wachen den Wehrgang über ihnen passiert hatten. Neire hatte sich auf der Wehrmauer in die Schatten gekauert. Doch der Plan hatte nicht funktioniert. Die Wachen waren nicht an ihnen vorbeigegangen, sondern waren in den Wachraum hinabgestiegen. In diesem Moment hatte Neire zugeschlagen. Die erste Wache hatte er von hinten mit seinem Degen ermordet und so leise wie möglich fallen lassen. Dann hatte er auch die zweite Wache gemeuchelt. Jetzt lagen beide Wachen in einer Lache von Blut unter der hölzernen Wendeltreppe. Neire blickte Bargh an und flüsterte keuchend. „Es ist Zeit für unsere Masken. Der Weg über die Mauer ist frei. Lasst uns herausfinden welche Geheimnisse die Magier der Küstenlande hinterlassen haben.“ Bargh nickte freudig und zog seine Maske mit dem grünen Drachenschuppen und dem schwarzen Opal hervor. Die Maske machte ihn unheimlich. Auch Neire zog sich die Maske der Feuerschlange über, die er noch aus Nebelheim hatte. Gemeinsam schlichen sie sich über die Mauer, bis sie die drei alten Türme genauer sehen konnten. Die drei Türme waren alle zylinderförmig. In den beiden kleineren Türmen konnte Neire Licht sehen. Der große Turm schien verlassen zu sein. Sie ließen sich an der Mauer hinabgleiten. Neire kletterte, während Bargh Kraft seines Ringes wie von Zauberhänden getragen in die Tiefe sank. Dann schlich sich Neire auf den großen Turm zu. Er sah zwei Eingangsportale. Große Türen waren mit blumenförmigen Mustern verziert. Beide besaßen ein Schloss, das von einem Muster umgeben war. Eine Untersuchung nach Fallen offenbarte kleine Löcher und einen gespannten Faden im Schloss. Neire begann vorsichtig das Schloss zu knacken, indem er den Faden mied. Und tatsächlich hörte er ein Knirschen, als sich das Schloss bewegte. Er kehrte zurück zu Bargh. Gemeinsam drangen sie in das Innere vor, das sich als verlassen herausstelle. Staub bedeckte den Boden, als ob jahrelang kein Besucher mehr die Halle betreten hätte. Die stattliche Halle war mit kunstvollen Bildern ein und desselben Mannes ausgestattet. Selbst die Decke war von einem Bild von ihm bedeckt. Der Mann trug feuerrotes gelocktes langes Haar und hatte leuchtend blaue Augen. Nachdem sie die Türe hinter sich zugezogen hatten flüsterte Neire verächtlich. „Was für ein menschlicher Abschaum. Wir sind Diener Jiarliraes. Wer ist mehr?“ Sie berieten sich daraufhin kurz. Bargh wollte unten warten, während Neire die Treppen untersuchen wollte. Er schlich sich vorsichtig die Stufen hinauf in ein darüberliegendes Herrschaftsgemach. Die Decke war bemalt mit einem strahlenden Himmel von Sonnenschein. Kostbare Einrichtungsgegenstände und gotische Möbel füllten die Halle. Auch hier war ein wertvoller Teppichboden zu sehen. Sogar ein verzierter Badezuber war neben dem prunkvollen Himmelbett zu sehen. Doch Neire erstarrte wie zu einer Eissäule, als er in Richtung eines Schminktisches blickte. Dort saß eine Gestalt vor einem zerbrochenen Spiegel. Zuerst konnte er nicht genau erkennen, ob es sich um eine Leiche handelte. Die greisenhafte Gestalt hatte schwarze Stellen von verfaulter Haut auf ihrem Kopf, auf dem Neire noch hier und dort Stellen des roten lockigen Haares sah. Doch da war es. Er hatte bemerkt, dass sich der Brustkorb der Gestalt gehoben hatte. Als ob diese atmen würde. Es folgten keine weiteren Atemzüge. Neires Herz begann höher zu schlagen. Er zog langsam den Degen unter seinem Umhang hervor. Langsam schlich er auf die Gestalt zu. Für einen Moment war er unachtsam und streifte beim Losgehen die Kante einer Kommode. Doch das kleine Geräusch war genug um die Gestalt hochschrecken zu lassen. Zuckend begann sich diese zu bewegen. Ruckhaft blickte der Kopf in seine Richtung. Er konnte eine große Kette erkennen, die um ihren Hals gelegt war. Dort war das Wappen der Stadt zu sehen. Neire hörte einen hellen Schrei, der von der Kreatur ausging. Er blickte in matte graue Augen. Das Grinsen des Wesens offenbarte faulige Zähne. Nachdem Neire kurz eingefroren war schlich er trotzdem weiter. Von unten hörte er schon die Schritte von Bargh nahen. Auch die Gestalt schien das abzulenken. Schließlich kam er im Rücken des Greises an. Die Kreatur hatte gerade begonnen seltsame Formeln zu murmeln, als er zustach. Tief drang der Degen und die arkanen Formeln verhallten ins Leere. Auch Bargh warf sich der Gestalt jetzt entgegen. Der Streich von Bargh drang tief in den Hals hin und der Mann vor dem zerbrochenen Spiegel hauchte mit einem letzten schrillen Schrei sein Leben aus.

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Sitzung 42 - Feuer und Dunkelheit in Dreistadt
« Antwort #43 am: 24.11.2022 | 21:58 »
Die Ruhe nach dem Todesschrei des fauligen Greises war gespenstig. Die Gestalt war jetzt in sich zusammengesackt und ein Fäulnisgeruch ging von ihr aus. Neire und Bargh schauten sich in dem Gemach um, das von dem durch die gotischen Fenster eindringenden Mondlicht erhellt wurde. Neben dem schweren Atmen von Bargh waren keine weiteren Geräusche zu hören. Aufgewirbelte Partikel reflektierten hier und dort das silberne Licht und erzeugten eine nebelhafte Distanz zu dem vergangenen Prunk. Von der Heftigkeit des Kampfes immer noch überrascht, nickte Neire Bargh zu und beugte sich langsam über den Leichnam hinab. Der Jüngling, von dem momentan nur Schatten zu sehen waren, begann die leblose Gestalt zu durchsuchen. Bis auf einen verzierten Ring und die große goldene Kette mit dem Wappen der Stadt, fand er aber nichts. Plötzlich horchte Neire auf. Durch die Fenster hatte er aufgeregte Stimmen von draußen gehört. Wachen hatten sich dem Turm genähert. „Vergesst es. Bis hierhin und nicht weiter. Zutritt verboten.“ Hörte Neire die erste Stimme sagen. Er zog seine Kapuze etwas zurück und strich die Haare von seinem Ohr. Seine gold-blonden Locken schimmerten im Mondlicht - die Maske der Feuerschlange trug glänzende Juwelen. „Ja, aber… habt ihr es nicht gehört? Der Schrei?“, antwortete eine andere Stimme. „Jeder hat es gehört. Doch für uns geht es hier nicht weiter. Befehl ist Befehl.“ Eine Zeitlang lauschte Neire den Stimmen, bis er zwei neue Stimmen hörte. „Ihr da, was macht ihr hier?“ Fragte ein älterer Mann in barschem Ton. „Irgendetwas stimmt hier nicht. Habt ihr nicht den Schrei gehört?“ Antwortete die Stimme von vorher. „Ja, haben wir. Aber für euch ist jetzt Schluss hier. Geht zurück auf euren Streifgang.“ Die beiden Wachen schienen sich zu fügen und langsame Schritte begannen sich zu entfernen. Jetzt war es an der Zeit das Gemach zu durchsuchen. Bargh und Neire machten sich vorsichtig an die Vielzahl von Schubladen und Kästen, die der Hallen-artige Raum zu verbergen hatte.

Vorsichtig ließ sich Neire an der Außenfassade des Turmes hinab. Er durfte jetzt keinen Fehler machen. Über ihm brach ab und an der Mond durch die Wolken. Es war bereits etwas kälter geworden. Als er sich in das weiche, nasse Gras hinabsinken ließ, konnte er bereits die Schatten der beiden Wachen erkennen, die sich vor dem Eingangsportal des Magistratenturms postiert hatten. Dunkel ragten die beiden anderen Türme auf, aus dessen Schießscharten ein Lichtschimmer zu erkennen war. Neire schlich sich vorsichtig auf die Gestalten zu, die nun in sein Sichtfeld kamen. Nur einen kurzen Moment dachte er an die Schätze, die sie bei der Durchsuchung des Gemachs gefunden hatten. Es waren einige Juwelen und Schmuck gewesen sowie ein magischer Ring und magisches Amulett. Ein Gegenstand hatte jedoch in besonderer Weise seine Aufmerksamkeit erregt. Es war eine Dose mit gefülltem Gelee gewesen, auf deren Rückseite er das eingravierte Bild einer wunderschönen Frau gesehen hatte. Diese Frau hatte er als die Göttin Sune identifiziert. Doch als er für einen kurzen Moment seine Augen abgewendet hatte, war das Bild einer inneren Wandlung unterzogen gewesen. Als ob das Gesicht sich verzerren würde, zu einem boshaften und niederträchtigen Grinsen. Er hatte das Gelee untersucht und tatsächlich nur normale Kräuter für Haut und Gesichtspflege festgestellt. Doch sein Gespür für Flüche hatte ihn gewarnt. Irgendetwas stimmte mit der Substanz nicht. War die Substanz vielleicht für den Wandel des Magistraten verantwortlich? Er verwarf den hastigen Gedanken und schlich sich weiter durch Schatten. Als er im Rücken der ersten Wache ankam, zog er den Mantel enger und bereitete den Degen zum tödlichen Stoß vor. Er war jetzt bis aufs Äußerste gespannt. Dann ließ er den Degen nach vorne schnellen. Er spürte den Widerstand des Kettenhemdes, doch die Glieder sprangen entzwei durch die Wucht des Stoßes. Sein Degen traf das Herz und die Wache im gelben Umhang ging zuckend zu Boden. Die andere Wache blickte sich erschreckt um und setzte zu einem Schrei an. Doch auch diesmal war Neire schneller. Er bewegte sich einen Schritt hinter die Gestalt und griff abermals an. Der Degen drang vom oberen Teil des Rückens durch den Hals. Ein feiner Strahl von Blut sprühte hervor und die Gestalt begann zu röcheln. Doch schwer verletzt konnte die Wache sich auf den Beinen halten. Der noch junge Mann fing an zu schreien. „Hilfe, kommt herbei, eine Abscheulichkeit, schwarze Kunst…“ Neire sah bereits aus den Augenwinkeln die zwei weiteren Wachen zu Hilfe eilen. Auch sie trugen Kettenhemden und farbige Mäntel. Einer der beiden hatte einen grünen Mantel, der andere einen grauen. Sie konnten ihn anscheinend nicht ausmachen und stürzten sich in den Nahkampf. In diesem Moment schwang die Tür des Turmes auf. Bargh trat heraus. Die Maske der grünen Drachenschuppen und des schwarzen Opals bedeckte sein Gesicht. Mondlicht glitzerte auf seinem Plattenpanzer. Er hob sein Schwert und tötete die verletzte Gestalt mit einem tiefen Schnitt. Ein heftiger Kampf entbrannte jetzt mit den beiden neu eingetroffenen Wachen. Sie wehrten sich mit all ihrer Kraft, wurden dann aber von Bargh und Neire niedergestreckt.

Bargh drehte sich um. Er sah nicht viel von Neire, doch er wusste ungefähr, wo sich der Jüngling mit dem Schattenmantel befand. Neire machte sich gerade an dem Türschloss des zweiten Turmes zu schaffen. Sie hatten den ersten der beiden erleuchteten Türme bereits erkundet. Die Eingangstüre war auch mit einem Schloss versehen gewesen, das Neire geknackt hatte. Im Inneren hatten sie eine hohe, runde Halle vorgefunden, an deren Wänden sich gefüllte Bücherregale befanden. Sie hatten dort zwei Leitern und einen Kronleuchter gesehen, in dem ein kleines Feuer brannte. Die Bücher und Schriftrollen waren daraufhin von ihnen untersucht worden. Neire hatte zudem immer wieder gehorcht, ob Gefahr im Anmarsch sei. Doch er hatte eine längere Zeit nichts gehört. Die Bücher waren teils einfache Geschichten und Romane gewesen. Doch sie hatten auch schriftliche Aufzeichnungen des Handels des Magistraten gefunden. Auch der Gelee-artige Gesichtsaufstrich war als Schachtel von Sune vermerkt gewesen, nur ohne die Angabe eines Verkäufers. Es waren aber einige interessante Dinge vermerkt. So war zum Beispiel von einer Münze von Tymora die Rede, die als Fälschung gekennzeichnet war und vor kurzer Zeit an den Müller von Mühlbach verkauft wurde. Bargh hatte sich dabei an die Geschichte von Neire erinnert. Was er in dem Keller von Mühlbach gesehen hatte. Ein Stern von Selune wurde gekauft und auch die Schachtel von Sune war vermerkt gewesen. Zu guter Letzt hatten sie eine alte Karte der Tempelinsel gefunden, auf der einige Ruinen eingezeichnet waren. Sie hatten daraufhin den Raum verlassen und sich dem letzten der drei Türme zugewandt. Jedoch mochte Bargh die anhaltende Ruhe nicht. Irgendetwas musste hier faul sein oder wollte er nur weiter töten? Er blickte am Turm vorbei in Richtung Stadt. Die Wolken waren mittlerweile vollständig aufgerissen und so konnte er dunkle Umrisse der Stadtmauer im silbernen Mondlicht sehen. Er hörte ein Flüstern aus Richtung der Türe. „Bargh, der Weg ist frei. Lasst uns sehen was sich in diesem Turm befindet.“ Bargh machte einen Schritt zur bereits halb geöffneten Tür und schaute in den Turm. Sein von Blut verschmiertes Schwert schimmerte dunkel unter dem Vollmond. Es kam ihm der Geruch von Lebensmitteln und Rauch entgegen. Das Gemach wurde erhellt von einer Feuerschale, die durch Ketten getragen von der Decke hinabhing. Hier und dort sah er Säcke mit Getreide, Körbe mit Nüssen und Wurzeln, Trockenfleisch und Würsten. Auch einige Fässer waren zu sehen. Eine kleine Treppe führte in ein oberes Stockwerk. Er spürte, dass Neire an ihm vorbeischlich und folgte ihm in das obere Gemach. Er kam in einen weiteren kreisrunden Raum, über dem er das Dachgebälk sehen konnte. Offene Schießscharten waren in jede Himmelsrichtung in den Stein gelassen. In einem Halbkreis standen ein Dutzend schwere Truhen. Jede einzelne war kniehoch und etwa einen Schritt lang. Die Truhen waren mit schweren Eisenstreben verstärkt. Überall waren große Vorhängeschlosser zu sehen. Augenblicklich hörte er die Stimme von Neire. „Bargh, ich werde nach den Schlössern sehen. Achtet ihr auf die Treppe nach unten.“ Er nickte und postierte sich an den Eingang des Raumes. Von unten sah er das Licht der brennenden Schale schimmern. Sie sollten nur kommen, dachte er sich. Er würde schon mit ihnen fertig werden. Junge Burschen, die den Dienst an der Waffe noch nicht lange begonnen hatten. Nicht wie er, ja… Hinter sich hörte er die ersten Schlösser knacken. Neire hatte bereits zwei Truhen geöffnet, die aber beide leer waren. Bei der dritten und der vierten Truhe hatten sie mehr Glück. Gold und Edelsteine zog Neire hervor und ließ sie in seiner magischen Schatulle verschwinden. Als Neire sich bereits der fünften Schatulle gewidmet hatte, hörte Bargh in Fluchen. Das Kratzen des Dietrichs auf Metall war zu hören. Dann ging alles ganz schnell. Zuerst war da ein kleines Summen, wie das eines Gongs. Tief und hoch zugleich. Es pulsierte und wurde lauter und lauter. Das Geräusch schwoll in rasanter Geschwindigkeit an - bis es ohrenbetäubend wurde. Aus dem Schloss sprang zudem etwas hervor. Eine kleine schwarze Kugel, die sich in einem Bogen dem Boden näherte. Als die Kugel den Boden berührte breitete sich in kürzester Zeit eine schwarze Schicht einer viskosen Substanz über die Steine des Gemachs aus. Bargh sprang zurück und sah auch, dass Neire sich bereits auf eine Truhe gerettet hatte. Das Geräusch war jetzt so laut, dass sein Trommelfell zu bersten drohte. In was für eine List war Neire da hineingetappt? Bargh hielt sich die Panzerhandschuhe auf die Ohren, doch es half nichts. Dann verstummte das Geräusch. Plötzlicher als es gekommen war. Bargh hörte nur noch ein hohes Fiepen in den Ohren. Dann war da Neires Stimme, entfernt und schwach: „Bargh, wir müssen handeln. Geht und entzündet die beiden anderen Türme. Flieht danach durch die Dunkelheit. Wir sehen uns im Gasthaus wieder.“ Bargh lächelte Neire an, doch seine Maske überdeckte seine Gesichtszüge. Die Türme sollten brennen und mit ihnen die Leichen. Endlich konnte er handeln. Wortlos nickte er Neire zu und verschwand über die Treppe ins untere Geschoss.

Neire schlich geduckt durch den Raum. Es stieg bereits Rauch von den Getreidesäcken auf. Hier und dort züngelten die ersten Flammen auf. Er spürte in diesem Moment die Dualität von Feuer und Schatten in ihm. Er war so aufgeregt, doch auch von einem tiefen inneren Glück erfüllt. Gerade hatte er die Eingangstüre zum Turm verschlossen, um ein Eindringen der Wachen zu verhindern. Nachdem Bargh ihn verlassen hatte, war er vorher mit den anderen Truhen beschäftigt gewesen. Er hatte eine nach der anderen geöffnet. Irgendwann hatte er Schreie gehört und einen Trupp von Wachen durch die Stadt eilen sehen. Sie mussten aus der Hafengegend gekommen sein und bewegten sich in Richtung der drei Türme, von denen zwei bereits in Flammen standen. Das Feuer, das Bargh gelegt hatte, hatte sich rasch ausgebreitet. So hatte Neire sich beeilt und die letzte Truhe geöffnet. Diese war leer gewesen. Aus den anderen Truhen hatte er jedoch einige Schätze bergen können, die er in seiner magischen Schatulle verstaut hatte. Er schlich sich in das Dunkel des oberen Gemachs und lugte durch die Schießscharten. Die Wachen waren mittlerweile durch das Gatter der kleineren Mauer gebrochen, die den Teil des Magistratenturms abschirmte. Die Gestalten irrten zwischen den beiden brennenden Gebäuden hin und her und riefen sich neue Befehle zu. „Holt Wasser!“, „Die Türme brennen. Rettet den Magistraten.“ „Das Feuer ist zu groß, wir können nicht hinein.“ „Dann holt Wasser, ihr dort.“ Neire entschloss sich die Gunst der Verwirrung zu nutzen und an dem Turm hinabzuklettern. Als er sich an der Mauer hinunterließ hörte er plötzlich einen schaurigen Schrei. „Leichen, unsere Kameraden, sie sind alle tot. Wo sind die Mörder? Welche Abscheulichkeit.“ Dieser Ausruf stachelte ihn irgendwie an. Er hatte geplant diesen Ort im Schutze der Schatten zu verlassen. Doch jetzt reifte ein neuer Plan. Auf der Rückseite des Turmes kauerte er sich nieder und begann den dunklen Giftextrakt des bunten Vierlings auf seinen Degen zu streichen. Dann schlich er sich um den Turm und beobachtete die Szenerie. Beide Gemäuer standen bereits vollkommen in Flammen. Das Feuer schlug aus Schießscharten hervor und tobte pfeifend durch die Vollmondnacht. Wie in einem Albtraum rannten die Wachen auf und ab. Wie kleine Ameisen bewegten sie sich wirr. Neire kauerte in den Schatten und wartete auf seinen Moment. Er schaute in das Feuer und versuchte Formen in den Flammen zu entdecken - die Runen seiner Göttin. Doch er sah nur die alles vernichtenden Flammen. Da wusste er, dass er töten musste. Als sich zwei der Wachen auf den dritten Turm zubewegten, um nach Wasserfässern zu suchen, kam seine Gelegenheit. Der ersten Gestalt rammte er hinterhältig seinen Degen in den Rücken. Tödlich verwundet sank diese zu Boden. Im prasselnden Feuer hatte der Kamerad der Wache noch nichts bemerkt. Und so wurde auch er ein Opfer eines weiteren Angriffs. Neire zog sich wieder zurück und wartete ab. Es dauerte nicht lange und die toten Wachen wurden entdeckt. „Wir werden angegriffen.“ Schallten die Stimmen über den Platz. „Schwärmt aus und sucht sie!“ Neire wartete bis er zwei weitere Wachen sah, die jetzt von den brennenden Türmen in die Dunkelheit schritten. In ihren jugendlichen Gesichtern war Angst zu sehen. Er hatte das Gift auf seinem Degen erneuert und meuchelte die erste der Gestalten. Doch bei der zweiten traf er nicht richtig das Herz. Schwer verletzt, doch um sich schlagend, wimmerte die Wache, als sie um ihr Leben kämpfte. Und wieder zog sich Neire zurück. Er trug abermals Gift auf seinen Degen, ließ die Wache weiter ins Leere schlagen und schlich den letzten beiden Wachen nach. Der erste Angriff tötete eine der beiden Wachen mit der Wirkung des Giftes. Der zweiten stach er, nun in einem Mordrausch, dreimal in den Rücken, bis der leblose Leib zu Boden fiel wie ein nasser Sack. Nun schlich er sich zur bereits verletzten Wache, die er von hinten meuchelte. Er atmete keuchend auf. Noch immer war das hohe Fiepen in seinen Ohren. Sein Degen schimmerte nass im Licht des Feuers und seine Maske war von Blut bedeckt. Auch der dritte Turm hatte mittlerweile angefangen zu brennen und lodernde Flammen schossen aus den Schießscharten hervor. Jetzt musste er seine Spuren verwischen. Neire begann die Leichen, eine nach der anderen, in Richtung des Bibliothekturms zu ziehen. Dort wickelte er sich in einen Umhang und warf sie ins Feuer. Nur einen Leichnam verschonte er. Diesen Leichnam brachte er zu den Klippen. Er begann mit einem weiteren Kurzschwert in die drei Wunden des Rückens zu stechen. In der dritten Wunde ließ er das Schwert stecken. Die Taschen der Gestalt füllte er mit Münzen, die er auch in der rechten Hand platzierte. Dann blickte er sich nochmals um und betrachtete sein Werk. Die drei Türme brannten mittlerweile lichterloh. Er wendete sich ab und floh durch die Schatten hinfort. Die Flammen waren nach Dreistadt gekommen und mit ihnen die Schatten. Er hoffte, dass die Königin von Feuer und Dunkelheit stolz auf ihn sein würde. Die Welt sollte brennen und er würde IHR Prophet sein. Die Runen werde er lesen in der feurigen Düsternis.
« Letzte Änderung: 26.11.2022 | 10:46 von FaustianRites »

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Sitzung 43 - Die Insel des Tempels
« Antwort #44 am: 5.12.2022 | 11:53 »
Neire huschte durch die leeren Straßen. Es war noch kühler geworden. Der Vollmond ließ die Häuser und die Stadtmauern wie schattenhafte Konturen aufragen. Neire war noch immer voll von Adrenalin. Ein Gefühl von tiefem Glück suchte ihn heim, immer dann, wenn er sich umschaute. Hinter ihm brachen gewaltige Flammen von der kleinen Anhöhe des abgesperrten Bereichs des Magistraten. Die drei Türme innerhalb der inneren Mauer der Stadt standen jetzt völlig in Flammen. Die dichten Rußwolken waren als dunkle Säule im Mondlicht zu sehen. Der Brand war wohl noch weit über Dreistadt hinweg zu erblicken. Vielleicht bis zum Tempel der Ehre. Frohlockend jauchzte Neire innerlich auf. Das war sein… das war ihr Werk gewesen und es würde Aufmerksamkeit erzeugen. Er hoffte, dass der nächtliche Mord an einem Dutzend Wachen und die Brandstiftung eine Reaktion provozieren würde. Er hoffte, dass der Tempel der Ehre reagieren würde und seine besten Wachen nach Dreistadt schicken würde. Dann sollte der Weg frei sein für sie. Frei für die Rache von Bargh und die Gunst von Jiarlirae. In diesen Gedanken schwelgte er, als er langsam die Außentreppe des Gasthauses hinaufschlich. Dort stand Bargh, sein Begleiter, der ihn noch nicht erkannt hatte. Im verbrannten Gesicht, in dem verbliebenen Auge des einstigen Ritters, spiegelte sich die ferne Feuersbrunst. Neire sah, dass Bargh lächelte, als er in diese Richtung blickte. Mit seiner gespaltenen Zunge formte er Worte. Worte in der heiligen Sprache von Nebelheim, die ihrer Göttin, der Königin von Feuer und Dunkelheit, huldigten.

Bargh sah Neire ächzen. Der Jüngling fasste sich noch immer an seinen Oberschenkel. An die Stelle, wo er im gestrigen Kampf verletzt wurde. Bargh erinnerte sich an den letzten Abend. Nachdem Neire zurückgekommen war, hatten sie seine Wunden versorgt und ein wenig Wein getrunken. Dann war Neire in einen tiefen Schlaf gesunken und er hatte die erste Nachtwache übernommen. Er hatte bemerkt, dass Neire immer wieder im Schlaf gemurmelt hatte. Schließlich hatte er sich kaum noch wachhalten können und Neire hatte ihn abgelöst. Jetzt, als er langsam aufwachte, vernahm er den beißenden Geruch des bunten Vierlings. Neire hatte das alchemistische Besteck in ihrem Gemach aufgebaut und der dunkle Sud köchelte in den bauchigen Glasviolen. Er begann langsam die Stahlplatten seiner Rüstung anzulegen und schaute Neire zu. Sein Begleiter hatte den Schattenmantel abgelegt und schien in tiefe Konzentration verfallen zu sein. Immer wieder strich sich Neire die gold-blonden Locken zurück, wenn er sich zu seinen Gefäßen hinabbeugte. Bargh stand ruckhaft auf. Er wusste um die Gefährlichkeit des bunten Vierlings violetter Farbe. Er durfte Neire nicht stören. So bewegte sich durch die Tür und den kleinen Flur auf das hölzerne Podest, auf dem die äußere Treppe endete. Es offenbarte sich ihm der mittägliche Blick über Dreistadt. Ein kühlerer Wind war aufgekommen und jagte tiefliegende Wolken aus Richtung des Meeres heran. Für einen Moment stand er da und zog die nach Salz riechende Luft ein. Dann ließ er seinen Blick über Häuser und Stadtmauern schweifen. Die Straßen von Dreistadt waren heute leerer als zuvor. Und dennoch konnte er Bewegung und einige Stände auf dem Markt sehen. Im Bereich der drei Türme des Magistraten bemerkte er dunklen Rauch aufsteigen, der trotz des starken Windes nur schwer auseinandergetrieben wurde. Die grüne Graskuppe um die verkohlten Gebäude war an einigen Stellen schwärzlich verbrannt. Auch konnte er kleine Gestalten erkennen, die zwischen den Gebäuden umherschritten. Als er die Szenerie eine längere Zeit betrachtete, sah er, dass sich eine Gruppe von drei Personen in Bewegung setzte und den ummauerten Hügel in Richtung des stadteinwärts liegenden Tores verlassen würde. Bargh stand noch eine Zeitlang auf der Außentreppe und beobachtete die Gruppe. Tatsächlich bewegten sich die drei Wachen, die Bargh aus der geringeren Entfernung als solche identifizieren konnte, in Richtung des Marktplatzes. Er drehte sich um und begab sich in den Raum zurück. Er wusste, dass er Neire darüber informieren sollte.

„Bargh, geht ihr hinab ins Gasthaus. Ihr wisst was ihr zu tun habt. Ich werde mich um unsere Sachen kümmern.“ Bargh sah, dass Neire auf ihre Rucksäcke deutete, die sie an ihre Betten gelehnt hatten. Er legte kurz die Hand auf sein Schwert und ging dann los. Zu Neire murmelte er nur die Gebetsformel: „Und preiset das schwarze Licht unserer Göttin, auf das die Dinge sich aufs Neue entzünden.“ Dann verließ er die Türe in Richtung der Außentreppe. Er bemerkte, dass er keinen Moment zu lange gezögert hatte. Die Wachen waren bereits vom Markt aufgebrochen und näherten sich dem Gasthaus. Bargh dachte zurück. Er hatte Neire im Gemach vorgefunden, sein Alchemistenbesteck zusammenpackend. Als er ihm von den Wachen erzählt hatte, die sich dem Marktplatz näherten, hatte Neire nervös reagiert. Sein junger Begleiter hatte hastig seine Sachen zusammengerafft und war anschließend auf die Außentreppe geschlichen. Eine Zeit hatte er dort verbracht und gelauscht. Dann hatte er sich umgeschaut und zu ihm geflüstert, dass die Wachen nach Fremden suchen würden. Die Bürger waren befragt worden, ob sie irgendetwas auffälliges gesehen hätten. Bargh und Neire hatten sich daraufhin kurz beraten. Neire wollte sofort fliehen, doch Bargh hatte seinen Begleiter überzeugt zu bleiben und zu handeln. Er war sich sicher, dass sie mit den drei Wachen fertig werden würden. Und er wollte jeden der Tempeldiener ermorden. Neire hatte schließlich eingewilligt und so hatten sie hastig ihr Vorgehen abgestimmt. Als Bargh jetzt die Stufen der äußeren Treppe hinabging, sah er, dass die Wachen ihn bereits bemerkt hatten. Jetzt durfte er keine Fehler machen. Innerlich pulsierte sein Herz, doch er versuchte so ruhig wie möglich zu wirken. Er ging um das Gasthaus herum und öffnete den Haupteingang in die Schankstube. Im Inneren sah er hinter der Unordnung einer Anhäufung von Stühlen und Tischen den Wirt Ariold. Die hagere Gestalt blickte kurz auf und machte den gewohnt desinteressierten Eindruck. Doch Bargh konnte sofort die innere Anspannung ihres Gastgebers erkennen - der Rest war von Ariold gespielt. Er bewegte sich langsam auf den Wirt zu, der dort in gekrümmter Haltung verweilte. Hinter der Theke konnte er ein ledernes Bündel erkennen. Als ob Ariold eine plötzliche Abreise planen würde. Bargh nickte dem Meister der Schankstube zu, als er an die Theke trat und nach einem Humpen griff. Er begann den Hebel des Fasses zu öffnen, das dort stand, während er sprach. „Ariold, schön euch zu sehen. Habt ihr schon gehört was in der Stadt passiert ist? Ein Brand der drei Türme, wie grauenvoll.“ Er musste selbst bei seinen Worten grinsen und konzentrierte sich wieder auf das Bier, das schäumend in seinen Humpen lief. „Natürlich habe ich schon davon gehört,“ sagte Ariold, der jetzt etwas von der Theke und in Richtung seines Bündels zurückwich. Bargh nahm gerade einen großen Schluck, setzte den Humpen ab, deutete auf das Bündel und sprach jetzt lauter. „Auf der Flucht Ariold? Bleibt ruhig verdammt nochmal.“ Bargh spürte die Furcht, als der Wirt zusammenzuckte. Trotzdem antwortete Ariold direkt. „Wie lange seid ihr jetzt hier? Und was ist passiert seitdem? Brannte nicht zuerst der Leuchtturm und dann die drei Türme?“ Bargh musste wieder lachen und wollte gerade antworten, als er das Geräusch der Türe hörte, die unsanft aufgeworfen wurde. Er zwinkerte Ariold mit seinem gesunden Auge zu, bevor er sich umdrehte. Das schäumende Bier in der Hand, fing er augenblicklich an zu schwanken. Die Binde bedeckte den Rubin seines rechten Auges und sein kahler, von Brandnarben gezeichneter Schädel, schimmerte vom Schweiß im Halbdunkel. Dann drehte er sich wieder zur Theke, beachtete die Wachen nicht mehr und schenkte nach. „Wie ist euer Name und was ist euer Anliegen in Dreistadt?“ Die Stimme schallte durch Gasthaus, als die drei Wachen eintraten. Zwei von ihnen waren älter und trugen grüne Umhänge und Kettenhemden. Die jüngere Wache war muskulös. Unter dem gelben Umhang trug der Wächter des Tempels der Ehre einen Lederpanzer. Bargh drehte sich gespielt torkelnd um. Er krachte dabei mit seiner Rüstung gegen die Theke. „Ah, Freunde. Kommt zu mir und trinkt einen mit. Heute wollen wir feiern…“ Seine lallenden Worte schienen nicht auf fruchtbaren Boden zu fallen. Abermals brüllte die Wache im grünen Umhang ihren Befehl. Jetzt noch lauter und intensiver. Bargh bewegte sich langsam auf die drei Gestalten zu und rempelte dabei ein paar Stühle um. „Trinken will ich und ich geb‘ euch einen aus. Heute bin ich in Feierlaune. Was ist mit euch, häh?“ Als er näher kam hob der älteste der drei abwehrend die Hand und bellte wieder: „Halt, keinen Schritt weiter Fremder. Wie ist euer Name und was ist euer Anliegen in Dreistadt?“ Bargh lachte gespielt betrunken auf. Aus den Augenwinkeln vernahm er, dass die beiden hinteren Wachen anscheinend ein Geräusch gehört hatten und sich umdrehten. Er sprach jetzt umso lauter. „Das habe ich euch doch schon alles gesagt. Mein Name ist Bargh und ich möchte saufen hier, versteht ihr? Bier trinken, das will ich. Das ist mein Anliegen in dieser Stadt.“ Der ältere Mann mit dem grauen, kurzen Haar schien mit seiner Antwort nicht zufrieden zu sein. Immer noch hielt er die Hand hoch, blickte zu Ariold und schrie: „Ihr da, Wirt! Kommt zu uns herüber und berichtet… und zwar schnell.“ Bargh wusste, dass er jetzt handeln musste. Die beiden hinteren Wachen hatten sich wieder umgedreht und er ahnte, dass Neire sich bereits im Raum befinden musste. „Lasst doch den alten Mann aus dem Spiel, er soll mir nur sein Bier verkaufen. Der Wirt hat mir bis jetzt gute Dienste geleistet.“ Bargh lallte jetzt lauter und setzte nach, bevor der Anführer antworten konnte. „Kennt ihr eigentlich Akram? Das solltet ihr vielleicht oder?“ Für einen Moment schien der Anführer seine Fassung verloren zu haben. Er dachte nach. „Ja, Akram. Woher kennt ihr ihn,“ antwortete er etwas leiser. In diesem Moment sah Bargh, dass sich die Schatten hinter dem Mann in Bewegung setzten. Eine stählerne Klinge eines Degens blitzte in der Dunkelheit auf. Er begann sein Schwert zu ziehen, als er nüchtern sprach. „Akram ist tot und ihr werdet sterben wie er.“ In diesem Moment warf Bargh den Krug mit dem Bier in Richtung des Gesichts der Wache. In dem Regen von schäumendem Bier war eine Klinge zu sehen, die sich durch den Rücken des Wächters bohrte. Neires Degen hatte das Herz zwar verfehlt, doch der Extrakt des violetten Vierlings breitete sich in Windeseile in seinem Körper aus. Schwarz wurden die Adern des Anführers und er brach zitternd zusammen. Augenblicklich entbrannte ein Kampf, der von Bargh mit blindem Fanatismus und der Absicht zu töten geführt wurde. Bargh war im Angriff schneller als sein Gegner und hackte den anstürmten jüngeren Krieger mit zwei Angriffen in der Hüfte fast entzwei. Über den zu Boden sinkenden Leichnam schritt er auf die letzte Wache zu, die von Neire von hinten angegriffen wurde. Gemeinsam nahmen Neire und er den Krieger des Tempels in die Zange und zeigten keine Gnade.

Ariold kauerte nach Luft schnappend auf dem Boden und wurde von Neire bedrängt. Der Geruch von Tod und Blut war um sie herum. Der Priester Jiarliraes hatte die Kapuze des Schattenmantels zurückgezogen und den Degen an den Hals des Wirtes gelegt. Sein schönes jugendliches Gesicht war von Wut und Hass verzerrt und seine gespaltene Zunge fuhr über seine blassen Lippen. „Mensch… wir wollen nur ein Spiel spielen. Wie steht es mit euch? Wollt ihr nicht mit uns spielen?“ Ariold zitterte, als er in das von gold-blonden Locken gezierte Gesicht mit der geraden Stirn und den hohen Wangenknochen blickte. Die großen nachtblauen Augen Neires betrachteten ihn forschend. Langsam erhob er die Stimme. „Ja… natürlich, Herr…“ „Wir sollten uns natürlich respektvoll verhalten, wie Brüder und Schwestern eben zueinander sind… ja?“ Ariold wusste wohl nicht ganz wie ihm geschah und antwortete zustimmend. Wieder erhob Neire die Stimme. „Nun, ihr sagtet, ihr wollt nach Norden fliehen, doch wir kommen dorther. Das Dorf Mühlbach wurde von der Pest verwüstet. Ein dummer Bauer hat eine Münze von Tymora gekauft und damit ihr unseliges Schicksal besiegelt.“ Ein Funken Hoffnung wich sichtlich aus dem Gesicht von Ariold. Neire drang weiter auf ihn ein. „Doch der Pass nach Berghof ist frei. Wir sind im geheimen Auftrag des Herzogtums hier. Ihr könntet dorthin reisen und ein neues Leben beginnen. Wir könnten euch freies Geleit über den Pass gewährleisten. In Kusnir befindet sich sogar ein Gasthaus, das auf euch wartet. Ein minderwertiger Sklavenbastard namens Walfor könnte ein würdiger Diener für euch werden. Was sagt ihr dazu?“ Ariold versuchte nach Worten zu suchen, doch es war nur ein Stammeln und Brabbeln zu hören. „Ich sage euch etwas Mensch. Ich gebe euch diesen Ring, als Zeichen unserer Anerkennung. Und ihr reitet mit unseren Pferden in das nächste Dorf an der Küste. Dort werdet ihr sie für uns hüten. Wenn wir sie uns wiedergeholt haben, werden wir euch den Weg nach Berghof zeigen.“ Neire lächelte Ariold an, zog seinen Degen etwas zurück und Ariold antwortete. „Ja, ich kenne ein Dorf. Stadwilla liegt unweit von hier an einem gestauten Fluss. Fischer und Bauern leben dort. Ich werde dort auf euch warten.“ Neire lächelte jetzt freundlich und schob den Ring aus kostbarem Silber über den Finger von Ariold. Als er wieder sprach, drückte er nochmals den Degen enger und zischelte: „Und wir mögen keine Spielverderber, Mensch… Wisst ihr was mit ihnen passiert? Sie werden aussortiert und müssen auf ewig in den Eishöhlen hausen.“

Das Boot schaukelte im Wind. Es war bereits dunkel geworden. Dicke tiefliegende Wolken waren über ihnen und ließen das silberne Licht des Vollmondes nur erahnen. Trotzdem sah er die Klippen des Eilands aus dem Meer ragen. Die Insel des alten, erloschenen Vulkans war verboten für ihn. Der Tempel der Ehre herrschte dort und seiner Priester bedurfte es stets an neuen Rekruten, nicht aber an neugierigen Besuchern. Bregor fragte sich, worauf er sich eigentlich eingelassen hatte, als er das Werk des jungen Fremden betrachte. Die Seile waren verknotet und verheddert. Es war, wie er vermutet hatte. Nett reden konnten die Fremden, doch vom praktischen Handwerk verstanden sie anscheinend nichts. Nur Buchwissen… ansonsten warme Luft, dachte er sich. Das Boot drehte sich gerade in eine Welle und er musste schnell sein. Die beiden Fremden, die sich ihm als Bargh und Neire vorgestellt hatten, hatten ihn zudem dazu gedrängt in neue Gewässer zu fahren. Nahe der alten Vulkaninsel. Darauf hatte er sich eingelassen. Es würde sich jetzt zeigen, ob sie recht gehabt hatten. Doch er dachte auch an seine Familie. An die hungrigen Mäuler, die er zu stopfen hatte. Und er dachte an seine Frau. Vielleicht hatte sie heute wieder unnötige Sachen vom Markt gekauft. Im ersten Moment und in der Kälte des Windes spürte Bregor, dass ihn irgendetwas am Rücken kitzelte. Er wollte sich kratzen, doch wie gelähmt war er und ein Gefühl von Kälte breitete sich über seine gesamte Brust aus. Als er das Blut in seinem Mund schmeckte, merkte er, wie er langsam kopfüber ins Wasser fiel. Aus den Augenwinkeln konnte er die rote Maske einer Feuerschlange sehen, dann umschlang in das kühle Nass. Die letzten Gedanken waren bei seinen geliebten Fischen, die er Tag für Tag, Jahr für Jahr aus den Tiefen gezogen hatte. Doch wer würde seinen Körper hinaufziehen? In welchem Netz würde er landen? Als die Dunkelheit auf ihn zu kam, trat er ihr mit offenen Armen entgegen. War dort der Schimmer eines glühenden Funkens zu sehen oder war es das große Nichts, dass sich für ihn eröffnete? Langsam erstickten seine Bewegungen und sein Sinn, als er in die Tiefe sank. Alles um ihn herum war wie roter, dunkler Samt. So weich und warm.

Bargh hatte die Ruder übernommen und stemmte sich gegen die Wellen. Der Wind war gleichbleibend stark geblieben und die Wogen trugen Schaumkronen. Neire reinigte den Stahl seines Degens vom dunklen Blut des Fischers. Sie beide blickten immer wieder in die Dunkelheit. Dort lag sie, die verhasste Insel. Schwarze Felswände ragten hinauf in den Nachthimmel und verschwanden in den unruhigen Wolken. An den Ufern konnten sie hier und dort einen dichten Wald erkennen. Auch waren Strände sichtbar, deren hellerer Sand matt in der Düsternis glänzte. Als das Boot mit einem Knirschen auf den Untergrund lief, sprang Neire als erster in das Wasser hinab. Bargh folgte ihm auf das Eiland. Sie wussten, dass es jetzt kein Zurück mehr geben würde. Sie hatten sich lange vorbereitet. Und doch mussten sie das Boot verstecken, beten und für eine paar Stunden Schlaf finden. Im Dunkel des Morgens wollten sie angreifen. Tief in ihrem Inneren wussten sie, dass Jiarlirae mit ihnen war.


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Sitzung 44 - Der Tempel der Ehre
« Antwort #45 am: 11.12.2022 | 15:17 »
Das leiste Rauschen der Brandung war zu hören. Die Geräusche kamen von dort, wo der silberne Mond sich in den dunklen Wellen brach. Bargh und Neire waren bereits einige Zeit unterwegs. Sie hatten die Insel im Schatten des Waldes durchquert. Keine Geräusche von Tieren waren dort zu hören gewesen – nur das Zirpen von einigen Grillen und das Summen von Insekten. Während ihrer Wanderung hatten sie immer wieder nach Spuren oder Besonderheiten Ausschau gehalten, die die dunklen Felswände ihnen offenbaren könnten. Doch sie hatten nichts finden können. So war die Nacht, nach ihrer kurzen Ruhe und dem darauffolgenden Fußmarsch, fortgeschritten. Eine kühlere Luft strömte von den schroff aufragenden Felshängen aus dunklem Gestein und mischte sich mit dem Algen- und Salzgeruch des Meeres. Sie waren an eine Stelle gelangt, an der Waldboden und Bäume dem spröden Felsgestein wichen. Vorsichtig erklommen sie den kleinen Grad, der zur Rechten hinab ins Meer und zur Linken hinauf in die Dunkelheit der Wand führte. Es eröffnete sich ihnen der Blick in ein steiles Tal, das die Felswand durchschnitt. Im Mondlicht konnten sie das Innere des Vulkankraters aufragen sehen, in das das Tal sich zog. Am Meeresufer war ein Steg zu erkennen an dem einige kleine Boote lagen. In die Aushöhlung des Berges führte eine Art Pfad. Wie über Jahrzehnte oder Jahrhunderte ausgetrampelt und glattgeschliffen, sah der Weg aus. Er führte in den inneren Bereich des Kraters. In einen Bereich, in den die Felswände ihnen den Blick versperrten.

Neire zog sich langsam an der Außenmauer des dunklen Turmes hoch. Er war in das Innere des Kraters vorgedrungen. Auf dem Weg hatte er eine Reihe von alten schwarzen Steinstatuen passiert. Krieger, die sich auf jeder Seite des Weges gegenüberstanden und ihre Schwerter kreuzten. Der innere Bereich des erloschenen Kessels war von einer Anordnung von Ruinen übersäht, die um das Gebäude des Tempels aufragten. Bei diesen Ruinen hatte es sich um grobe Bauten gehandelt. Steinplatten, die über Aushöhlungen im Boden aufgeschichtet wurden. Das Tempelgebäude hatte einen anderen Baustil gehabt. Eine breite Wehrmauer war um einen inneren Turm errichtet. Treppen führten auf diese Mauer hinauf und von dem oberen Ring als kleine Brücken zum inneren Turm. Als Neire vorsichtig die Treppe zur Mauer erklommen hatte, konnte er von der inneren Wand der Wehrmauer Licht aus Schießscharten hervordringen sehen. Es schien sich also um eine Wohnmauer zu handeln. Dann hatte er sich entschieden den Turm zu erklimmen, der über ihm aufragte. Er mied das große Eingangportal und blickte sich nochmals um. Doch von den beiden Wachen, die er auf einer Patrouille gesehen hatte, fehlte jeder Spur. Das Erklimmen der Steine war nicht leicht. Der Stein war kalt geworden, in der fortgeschrittenen Nacht. Er musste in den kleinen Ritzen der Blöcke Halt finden. Doch gekonnt zog er sich höher und höher. Schließlich schlang er den Arm über die Kante und zog sich hinauf. Nur der blanke Stein war hier oben zu sehen. Er dachte an Bargh, der am Ufer zurückgeblieben war und kauerte sich nieder. Immer wieder ließ er seinen Blick über den Kessel und in Richtung Dreistadt schweifen. Aus der Richtung der Stadt konnte er das Licht des verbliebenen Leuchtturmes erkennen. Ein Gedanke reifte in ihm heran. Vielleicht sollte er hier oben bleiben. Es gab keinen Aufgang und auch bei Tag würde ihn keiner hier sehen. Nur Bargh müsste am Strand warten. Neire ging für einen Moment in sich und versank in völliger Starre. Da hörte er die gedämpften Stimmen vom Stein unter ihm. Die erste klang unruhig und besorgt. „Ich mache mir Gedanken. Wir sind nicht gut geschützt. Die Mauern sind nicht bewacht.“ Die zweite Stimme antwortete unmittelbar. Zwar etwas entfernter und gedämpfter, doch Neire konnte die Worte gut verstehen. „Fürchtet euch nicht. Unser Fürst wird heute über uns wachen. Und morgen werden sie aus Dreistadt zurückgekehrt sein.“ In diesem Moment begann Neires Herz höher zu schlagen. Er wusste, dass dies ein Zeichen von Jiarlirae war. Die Gunst seiner Göttin war mit ihnen. Er begann sich über die Mauer zu beugen und starrte in den schwarzen Abgrund. Langsam suchte er nach Halt und ließ sich in die Tiefe hinab.

„Wir müssen handeln Bargh. Noch diese Nacht und im Schutze der Dunkelheit.“ Bargh blickte in das junge Gesicht, das von gold-blonden Locken umrahmt war. Sonst war nichts von Neire zu erkennen. Augenblicklich griff er nach seiner Maske und spürte das Adrenalin sich in seinem Körper ausbreiten. „Nein, wartet Bargh. Wir müssen zuerst die Substanz zu uns nehmen. Reicht mir den Weinschlauch.“ Bargh zog den Rucksack von seinen Schultern und brachte das lederne Reservoir zum Vorschein, in das sie den Wein gefüllt hatten. Neire nahm ihn entgegen. Sein Mitstreiter hatte die kleine Viole mit der dunklen Substanz bereits geöffnet und nahm einen Schluck von dem zähen Pilzextrakt. Dann spülte er diesen mit einem Schluck Wein hinunter. Bargh tat es Neire danach gleich. Nachdem sie ihre Masken angelegt hatten, brachen sie auf. Neire hatte ihm zuvor berichtet, dass er die Wachen belauscht hatte, die im Außenbereich auf Patrouille waren. Es stand wohl ein Wachwechsel bevor und die Zeit war jetzt günstig. Je näher sie dem Inneren des Kraters kamen, desto stärker spürten sie die Wirkung des Suds. Das Mondlicht schien intensiver zu werden. Fast wohltuend und betäubend blendend. Das Schwarz der Dunkelheit nahm hier und dort Töne von dunklem Violett an. Es war, als könnte er diese Farben hören. Bargh hatte sein Schwert gezogen und schaute immer wieder auf das silberne Licht, das sich in der Klinge spiegelte. Sie umrundeten vorsichtig die Wehrmauer und erklommen eine Treppe. Aus dem Innenhof des Tempels waren jetzt Befehle zu hören. Ab und an durchdrang das Surren eines Pfeils die Nacht. Anscheinend trainieren sie in diesen frühen Morgenstunden, dachte sich Bargh und blieb weiter hinter Neire, der die Wehrmauer auskundschaftete. Neire öffnete leise eine Falltür, unter der eine Wendeltreppe in das Innere der Mauer hinabführte. So verschwanden sie aus dem Mondschein in das Fackellicht, das sie von unten sehen konnten. Der Raum, der sich vor Bargh auftat, war groß und hatte die Krümmung der Wehrmauer. Fackeln brannten an den Wänden und hölzerne Übungspuppen für den Schwertkampf waren hier zu sehen. Bargh sah Neire nicht mehr, doch hörte dann ein Flüstern. „Bargh ich werde in diese Richtung gehen. Folgt mir und lasst euch etwas Zeit.“ Bargh nickte und betrachtete die bogenförmige Öffnung, die in den nächsten Raum führte. Nach einer kurzen Weile folgte er Neire. Im nächsten Raum sah Bargh bereits Neires Werk. Eine Gestalt in einem grünen Umhang lag vor einer Werkbank in einer großen Lache von Blut. Sie umklammerte immer noch das Schwert und den Hammer, mit dem sie wohl gearbeitet hatte. Bargh beachtete die ältere Wache nicht weiter und schritt langsam vorwärts. Der darauffolgende Raum war eine Art Waffenkammer. Hier waren keine Spuren des Kampfes zu sehen. Als Bargh den Raum fast durchquert hatte, hörte er ein Aufächzen aus dem nächsten Raum hinter dem Durchgang. Es folgten hastige Schritte. Er wusste, dass er handeln musste. Er begann in Richtung des Raumes zu stürmen. Keinen Moment zu spät. Hinter einer Ansammlung von Tischen sah er einen Leichnam einer Wache liegen. Doch eine weitere Wache zog gerade ihr Schwert. Noch bevor Bargh mit dem Krieger des Tempels der Ehre zusammenstieß, fing die Wache an zu schreien. „Alarm, Alarm. Eindringlinge.“ Einen Augenblick später krachte er mit dem Krieger zusammen. Ein brutaler Kampf entbrach, auf Leben und Tod. Weitere drei Angreifer des Tempels der Ehre drangen nur wenig später aus dem Außenbereich in das Gemach herein. Sie mischten sich in das Getümmel. Irgendwo musste Neire hier doch sein, dachte Bargh, als er sich unter den ersten Schwerthieben hinwegduckte. Dann sah er den tanzenden Degen aus den Schatten zustechen. Der Fackelschein war so intensiv, das Blut so rot. Er spürte kaum den Schnitt des Kurzschwertes, das in seine Hüfte biss. Bargh hackte und stach. Seine Angriffe drangen durch die Rüstungen seiner Feinde. Ein Widersacher nach dem anderen fiel. Bis da nur noch die Farben und deren Eigentöne waren. Eine Kammer gefüllt mit Fackelschein, Leichen und rotem Blut – eine Epitome der aufsteigenden Dunkelheit.

Neire schlich über die Brücke auf den schwarzen Turm zu. Er hatte zuvor sichergestellt, dass auch alle Diener des Tempels der Ehre tot waren. Bei einem der Gegner, gegen die sie im Gemach in der Wehrmauer gekämpft hatten, war das nicht der Fall gewesen. So hatte er sich hinabgebeugt und ihm langsam seinen Degen durch die Brust gestoßen. Er wusste nicht wieso, doch er hatte bei dem jugendlichen Gesicht mit den blonden Haaren an Halbohr denken müssen. Ihr einstiger Mitstreiter, sein persönlicher Beschützer, war jetzt schon länger nicht mehr aufgetaucht. Neire hatte auch einen kurzen Moment darüber nachgedacht, Halbohr eines der Ohren des Wächters mitzubringen. Doch schließlich hatte er den Gedanken verworfen. Nun graute langsam der Morgen über der Insel und der fast wolkenlose Himmel schimmerte in einem grünlich-blauen Licht. Der Mond war bereits untergegangen und hier und dort schimmerten noch ein paar hellere Sterne. Neire betrachtete das doppelflügelige Portal des schwarzen Turmes. Beide Türhälften teilten das Symbol von Torm. Zitternd begann Neire die Türe leise zu öffnen. Er wusste, dass Bargh handeln würde, sollte ihm etwas zustoßen. Die Türe begann sich zu bewegen, doch sie schwang nur langsam auf. Im Inneren des Turmes konnte er eine hohe Halle erkennen, die wohl den gesamten Turm auf Breite und Höhe erfüllte. Der Geruch von Weihrauch und Myrrhe strömten ihm entgegen. In der Mitte befand sich ein Zylinder aus schwarzem Stahl, der vielleicht über etwas mehr als die Hälfte der Höhe aufragte. In einem Kreis um die Wände des Saales waren Statuen von dunklen Steinkriegern zu sehen, die in Richtung des schwarzen Zylinders blickten. Vier Treppen aus Metall führten spiralförmig in die Höhe, um auf der oberen Plattform des schwarzen Zylinders zu enden. Alle Treppen waren von Ketten getragen, die in der Höhe, des von Fackelschein erhellten Raumes, verschwanden. Doch auch Bewegung konnte Neire ausmachen. Zwei Gestalten verharrten dort in regloser, fast meditierend-andächtiger Pose. Einer der beiden Ritter hatte sich auf Bodenhöhe vor dem schwarzen Zylinder postiert. Er trug ein großes Schwert, dass er ähnlich der Haltung der Statuen, beidhändig vor sich hielt. Der Ritter war in eine strahlende Rüstung gekleidet und hatte einen Umhang von heller violetter Farbe. Sein kahler Schädel offenbarte ein grobschlächtiges Gesicht mit langen Narben an beiden Wangen. Die zweite Gestalt war nur schemenhaft zu erkennen. Ein weiterer Ritter eines vielleicht religiöseren Ranges? Er befand sich auf dem Zylinder zwischen einer Reihe von Stehpulten. Auch er trug einen Harnisch aus Stahlplatten, doch die Farbe seines Umhangs schimmerte in einem Violett. Neire konnte zudem erkennen, dass dieser Wächter des Tempels der Ehre buschige Augenbrauen und einen Bart hatte. Er trug einen Kriegshammer, den er auch in der Pose der Steinstatuen vor sich hielt. Schon dachte Neire nicht erkannt worden zu sein, da erhob die weiter obenstehende Gestalt ihre Stimme:
Ich sehe euch nicht Eindringlinge. Aber ich weiß, dass ihr hier seid. Ihr seid es, die uns viele Sorgen bereitet habt in Dreistadt. Ich kann euch sagen, dass ihr vom Himmelreich unseres Herrn weit entfernt seid. Es wird euch nicht die Erlösung zuteilwerden, die den getreuen Dienern unseres ewigen Fürsten zuteilwurde. Diese ehrenvollen Diener, die ihr in Dreistadt feige niedergeschlachtet habt. Zeigt euch und wir werden euch ein ehrenvolles Ende bereiten.
Neire betrachtete in diesem Moment die Fackeln, die im Luftzug zu Flackern begannen. Da konnte er es sehen. In Schatten und Feuer waren die Runen zu erkennen. Er spürte den Atem seiner Göttin und wusste, dass das Feuer zurückgekehrt war. Er lauschte den Tönen der Runen, der Musik von Flamme und Düsternis. Für einen Moment führte ihn die Erinnerung zurück ins Innere Auge von Nebelheim. Zu den prachtvollsten Festen und dem großen Maskenball. Plötzlich war da das Murmeln von Stimmen und Musik in seinem Kopf, das anschwoll zu einer Kakophonie, zu einem Rauschen und Zischen, das dann eins wurde mit dem Wasser des Eises, das aus der Dunkelheit durch die große Öffnung in die Flammen des Auges tropfte. Langsam verdrängte er die Gedanken. Die Reminiszenz an die Atmosphäre damaliger Tage, geschwängert von Neugier und Lust, von berauschtem Glück und einer vernebelten Traurigkeit, von schattenhafter Niedertracht und lodernder Gier. Vorsichtig schlich er Schritt für Schritt zurück zu seinem Kameraden Bargh, der dort in der Dunkelheit des grauenden Morgens lauerte.

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Sitzung 45 - Die Eroberung des Tempels der Ehre
« Antwort #46 am: 17.12.2022 | 17:51 »
Im Licht des grauenden Morgens hatten Bargh und Neire ihre Blicke auf den Turm gerichtet. Vor dem grün-bläulich schimmernden Horizont ragte das schwarze, zylindrische Konstrukt monströs auf. Hinter der gewölbten Steinbrücke konnten sie die geöffnete Türe sehen. Fackellicht drang aus dem Inneren hervor. Auch aus dieser Entfernung konnten sie im sanften Wind des kühlen Morgens den Geruch von Weihrauch vernehmen, der aus dem Inneren des Turmes entwich. Das Zirpen der Grillen war hier völlig verstummt und eine unheimliche Stille lag über allem. Die Gebete, die Neire begann zu singen, klangen zuerst schwach und fragil. Doch mit jedem Wort, mit jeder Silbe, schwoll die Macht der fremden Formeln an. Der Gesang war von einer schlangenhaften Sprache, zischend und mit unmenschlicher Intonation. Als Neire die Hervorrufung beendet hatte, nickte er Bargh zu. Es war an der Zeit zu handeln und sich den Führern des Ordens im Kampf zu stellen. Neire sprach leise zu Bargh, bevor er losging. „Bargh, bleibt zurück und lauert hinter dem geschlossenen Türflügel. Sobald einer von ihnen die Flucht ergreift, schlagt zu.“ Bargh nickte. Er ahnte, dass Neire bereits einen Plan hatte.

Neire schlich Schritt für Schritt auf die geöffnete Türe hinzu. Er musste sich zusammenreißen und verwendete all die ihm zu Verfügung stehende Kraft, um seine Angst zu überwinden. Sein Herz raste. Das Flackern der Fackeln, die er im Inneren sah, kam ihm so intensiv vor. Als wären sie von einem Leben erfüllt, als würde seine Schwertherrscherin ihm zuflüstern. Als er durch die geöffnete Hälfe des Portals blickte, sah er die Gestalten dort verharren. Sie hatten beide die Augen geschlossen und hielten ihre Waffen vor sich, als ob sie in das Gebet eines Kriegers vertieft wären. Die Gestalt vor der Säule trug einen Panzer aus poliertem Stahl. Sie war muskulös, von haarlosem Kopf und grobschlächtigem Gesicht. Zwei Narben waren auf ihrer Wange zu sehen. Die zweite Gestalt konnte Neire nun besser erkennen. Der Priester stand hoch oben auf der Säule hinter einem Pult, auf dem ein großer aufgeschlagener Wälzer zu erkennen war. Auch er war geschützt durch einen glänzenden Panzer. Der Mann war älter, von dunklem Bart und buschigen Augenbrauen. Als Neire bereits einige Schritte in den Raum geschlichen war, erhob der glatzköpfige Krieger mit dem beidhändig getragenen Schwert erneut die Stimme. „Zeigt euch, Eindringliche. Wir können euch nicht sehen, doch wir wissen, dass ihr hier seid. Zeigt euch und findet euer ehrenvolles Ende im Kampf.“ Neire spürte die Wut und die Anspannung. Er sah jetzt die Runen im Feuer der Fackeln. Runen der Dunkelheit. Er musste handeln, es waren die Zeichen von Jiarlirae. Er begann augenblicklich seine linke Hand hervorzuziehen und konzentrierte sich auf das Feuer und die Schatten. Zuerst war die Flamme klein. Doch schnell wuchs das magmafarbene Licht, das auf seiner Handfläche, tanzend mit der Dunkelheit, brannte. Neire bemerkte zu seinem Erschrecken, dass der Krieger jetzt seine blauen Augen öffnete und in seine Richtung blickte. Er hob das Schwert und kam auf ihn zu. Neire versuchte seine Kräfte zu sammeln. Er wollte die schwarze Kunst seiner Göttin beschwören. Doch der Krieger war schneller. Von der oberen Plattform hörte Neire gerade den anschwellenden Gesang von Gebeten, als der Diener des Torm ihn angriff. Einem ersten Hieb konnte er noch ausweichen, dann schlug das Schwert ihm in die Seite. Das dunkelelfische Kettenhemd hielt zwar ein tieferes Eindringen ab, doch die Glieder wurden weit in sein Fleisch getrieben. Die Luft blieb ihm weg und er wollte wegrennen. Und doch musste er kämpfen; er musste sich konzentrieren. Die Macht, die Neire durch die kleine, gebrechliche Flamme beschwor, war gewaltig. Magisches Feuer schoss plötzlich aus dem gesamten Boden des Turmes hervor und hüllte den Krieger und ihn ein. Alles um ihn herum, auch die steinernen Statuen der schwerthaltenden Krieger, verschwanden im rötlichen Glühen. Der Angreifer vor Neire schrie, als sein Fleisch begann zu kochen, seine Rüstung begann zu glühen. Doch Neires Widersacher dachte nicht an eine Flucht. Er biss die Zähne zusammen und kämpfte ehrenvoll weiter. Auch als seine Rüstung sich bereits begann aufzulösen. Nieten platzten ab durch die Hitze und der Panzer brach hier und dort auseinander. Neire konzentrierte sich, um dem nächsten Angriff auszuweichen. Er spürte die Hitze um ihn herum. Doch als Kind der Flamme, als wahrer Diener seiner Göttin, konnte ihm das Höllenfeuer nichts anhaben. Er wollte gerade eine weitere Macht hervorrufen, als der Krieger vor ihm von den Flammen verzehrt wurde. Mit einem erstickenden Todesschrei fiel der, von grauenvollen Brandwunden geschändete, Leib zu Boden. Aufgrund der Hitze begannen sich augenblicklich seine Muskeln zu versteifen. Jetzt richtete Neire seinen Blick nach oben. Er sah den Priester dort zurücktreten. Doch die Flammen der Feuerwand reichten nicht so weit hinauf. Neire beschwor drei Bälle aus glühendem Magma, die er in Richtung des Priesters warf. Sie zogen funkensprühende Spuren, als sie aus dem Feuer der Flammenwand heraustraten. Alle drei Geschosse fanden ihr Ziel. Neire hörte von oben den Todesschrei, als der zweite Widersacher in seinem Feuer starb. Ein Gefühl von Glück durchfuhr Neire. Er ließ die Flammen der magischen Hitzewand langsam erlöschen. Der Nachhall des Feuers blendete ihn einen Moment. Die Farben hatten sich in seinem Rauschzustand tief in seinen Geist gebrannt; er hörte ihre fremden, schrillen Töne. Fast wie aus einem Traum erweckt schreckte er auf, als er Bargh neben sich sah. Sein Gefährte hob das Schwert und begann den Kopf des verbrannten Kriegers abzuhacken. Bargh sprach dabei spottend die Worte. „Ha… ja! Damit habt ihr nicht gerechnet. Zeigt euch, Eindringlinge, hahaha… zeigt euch, damit wir euch ein Ende bereiten können. Hahaha… hier habt ihr euer Ende.“ Dann trat Bargh mit seinen Stiefeln gegen den Kopf, so dass dieser durch die, jetzt mit Ruß bedeckte, Halle des Turmes rollte. Neire zog die Kapuze zurück und lächelt Bargh zu. Er deutete auf eine der metallenen Treppen, die von Ketten getragen, auf die Plattform der mittigen Säule führte. „Bargh, durchsucht den Leichnam. Ich werde nach dem zweiten Priester schauen.“

Er wusste nicht, wie tief er hier hinabgestiegen war. Vielleicht befand sich der Tunnel unter dem Meeresspiegel. In weiten Abständen erhellten Feuerschalen die Gänge, die aus einem älteren Gestein als der obere Turm erbaut waren. Zuvor waren sie beide auf das Podest gelangt. Bargh hatte dort den zweiten Leichnam spottend geschändet, in dem er mit seinen schweren Stiefeln den Kopf zertreten hatte. Sie hatten dann auf dem Podest einen geheimen Mechanismus entdeckt, der eine Falltür offenbart hatte. In der Säule hatte sie ein Schacht in die Tiefe geführt – über steinerne Sprossen, die aus den Wänden herausragten. Am unteren Ende des Schachtes war eine steinerne Halle zu sehen gewesen, in die eine Strickleiter hinabführte. Neire hatte gehorcht und irgendwo aus einem Tunnel Schritte und aus einem weiteren Tunnel ein schwaches Wimmern gehört. Er hatte sich entschieden, in Richtung der Schritte zu schleichen. So hatte er sich im Schutze seines Mantels den Geräuschen genähert. Jetzt sah er zwei Wachen, die sich dem Ende des Tunnels näherten, um dort eine Tür zu überprüfen. Als sich eine der beiden Gestalten über das Schloss beugte, war Neire in den Rücken der anderen vorgedrungen und sah seine Chance. Er trat hervor und rammte der Wache den Degen in den Rücken. Augenblicklich begann der Giftextrakt des bunten Vierlings zu wirken. Die Adern des Wächters verfärbten sich dunkel und dieser brach zusammen. Einen kurzen Moment später war Neire bei der anderen Gestalt und stach mehrfach zu. Durch die Morde der letzten Tage hatte Neire an Sicherheit und Erfahrenheit im Kampf gewonnen. Auch jetzt fand sein Degen das Ziel und er tötete die zweite Gestalt mit mehreren Stichen. Unter den Ordensmänteln beider Leichname breitete sich eine Lache von Blut aus.

Bargh kniete sich nieder. Tief waren die Schnitte der Schwerter, die seinen Körper verwundet hatten. Wie von einer geisterhaften Kraft geführt, hatten die animierten Rüstungen angegriffen. Ihre Schläge waren präzise geplant, von einer tödlichen Wucht, gewesen. Beide Gestalten hatten ihn angegriffen. Neire war zu diesem Zeitpunkt nicht zu sehen gewesen – verborgen durch seinen Schattenmantel. Doch Bargh hatte seine Anwesenheit, seine Macht gespürt. Gemeinsam hatten sie schließlich die bewegten Rüstungen besiegt. Noch bevor sie in den Raum eingedrungen waren, hatte Neire die Schutzmagie, die er in diesem tiefen Kerkerraum entdeckt hatte, gebannt. Die Kraft Jiarliraes war stark gewesen und so konnten sie unbehelligt in das Gewölbe vordringen. Jetzt kniete Bargh nieder. Neire hatte ihm geholfen, Verbände über seine Wunden zu legen. So hatten sie die größten Blutungen gestoppt. Neire murmelte Worte eines Chorals, in der Sprache von Nebelheim. Er legte Bargh seine schwärzlich verbrannte Hand auf die Wunde. Das Gefühl eines wohltuenden Brennens verbreitete sich in seinem Körper. Bargh spürte, dass die heilende Magie der Göttin seine Wunden schloss. Bevor er sich aufrichtete, dachte er einen Moment zurück. Sie hatten eine nicht geringe Zahl von Räumen und Gängen abgesucht, bevor sie diese unterirdische Halle gefunden hatten. Sie hatten unter anderem einen Raum mit Schatztruhen und ein Gemach mit Aufzeichnungen gefunden. Gegenstände waren wie eine Art Handelsregister aufgelistet gewesen. Neben der Münze von Tymora, hatten sie weitere Einträge gefunden. Über einen Kristall, das Feuer von Sune, waren Notizen vermerkt. In einem weiteren Verließ, dass von Eisengittern versperrt war, hatten sie Fässer entdeckt. Nachdem Neire das Schloss geöffnet hatte, waren die Fässer von ihnen untersucht worden. Der beißende Geruch hatte Neire an eine alte Geschichte erinnert. Eine alte Schlachtenbeschreibung war ihm eingefallen, in der ein Bollwerk mit Hilfe einer solchen Substanz gesprengt wurde. Nur noch eine weitere Wache hatten sie hier unten angetroffen, die von Neire hinterrücks erstochen wurde. Jetzt, nachdem er sich langsam aufgerichtet hatte, ging sein Blick zu dem kleinen Tunnel, der den einzigen Ausgang aus diesem Raum darstellte. Bargh hörte die flüsternde Stimme von Neire und konnte für einen kurzen Moment einen Schatten feststellen, der in Richtung des Tunnels huschte. „Folgt mir… lasst uns schauen, was dieser Raum bewachen und verbergen sollte.“ Bargh nahm sein Schwert auf, rückte seine Gesichtsmaske zurecht und folgte Neire. Der Gang führte ihn zuerst in die Dunkelheit. Doch nach einiger Zeit waren vereinsamte Lichtpunkte von Feuerschalen zu sehen. Im Gegensatz zu dem seltsamen, kalten Ölfeuer, auf das sie schon im Leuchtturm gestoßen waren, ging von den Flammen dieser Schalen eine intensive Hitze aus. Dann öffnete sich der Gang in eine halbkreisförmige Höhle. Die gegenüberliegende Wand war von schroffem Felsgestein. Gleißende Lichter aus Feuerschalen hüllten die steinerne Halle in punktuelle Lichtkegel. An Stellen, wo sich keine Schalen befanden, waberten dicke Schatten. Irgendetwas hörte Bargh aus der Höhle. Wie ein zischelnder Chor von Stimmen, die nach ihm riefen. Dann sah er es dort liegen. Eine feine Klinge, ein schwarzes Schwert. Die Stimmen hörte er von dort Raunen. Bargh ging langsam auf das Schwert zu. Die Klinge besaß eine Blutrinne, in Form einer dicken Ader. Durch den schwarzen Stahl konnte er kleine Verästelungen sehen, als ob sich diese Ader auffächerte. Dieses Geflecht endete an der Schneide. Bei genauerer Betrachtung sah es so aus, als ob dort irgendeine Flüssigkeit zum Vorschein kommen würde, die sich dann augenblicklich in Rauch auflösen würde. Als er nach dem Schwert hinabbeugte, bemerkte er die glatte Parierstange und das gerade, schwarze Griffstück. Beide wie aus einem Guss geformt. Am Ende des Griffstücks war ein schwarzer Edelstein zu sehen, in dem er die Konturen eins dunklen Herzens vernahm. Bargh ergriff das Schwert und augenblicklich fuhr eine Welle von dunkler Macht durch seinen Körper. Es war, als ob das Schwert hier auf ihn gewartet hätte, als ob die Waffe als natürliche Erweiterung seines Armes zu ihm passen würde. Licht und Schatten flackerten um ihn herum. Jetzt hörte er das Raunen der Stimmen und den seltsamen Singsang zu Ehren seiner Göttin. Er kniete sich nieder und riss die Klinge über seinen Kopf. Der gerade Griff hatte sich tatsächlich den Konturen seiner Hand angepasst, als ob das Schwert sich durch ihn formen lassen könnte. Er wusste jetzt, dass seine Stunde als Krieger Jiarliraes gekommen war. Dann nahm er die Klinge hinab und betrachtete das Spiegelbild seiner Maske im Stahl. Leise zischelte er die Worte GLIMRINGSHERT. So würde er das Schwert nennen. Es trug den Atem von Jiarlirae und die Saat von Flamme und Düsternis – es war Glimringshert, das glühende Herz aus Schatten.

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Sitzung 46 - Feuer und Dunkelheit im Tempel der Ehre
« Antwort #47 am: 23.12.2022 | 22:45 »
Bargh hielt Glimringshert einhändig vor sich. Noch immer hörte er das Raunen und einen Singsang von der Klinge ausgehen. Nachdem sie das schwarze Schwert aus dem geheimen Bereich des Tempels geborgen hatten, waren Neire und er in den letzten Bereich des Verlieses vorgedrungen, den sie noch nicht erkundet hatten. Auf dem Weg durch die, in das graue Felsgestein gehauenen, Tunnel, hatte ihn Neire auf das leise Wimmern aufmerksam gemacht, das er aus dem noch unerforschten Bereich vernahm. Sie kamen gerade um die Ecke, als Bargh den Schein von Feuer erblickte. Fackeln erhellten einen sich nach links und rechts eröffnenden Raum, der nicht viel weiter in die Tiefe ging, als ein breiter Gang. Ein leichter Geruch von Fäkalien und Verwesung strömte Bargh entgegen. An der gegenüberliegenden Wand waren Zellen zu sehen, die von rostigen Gitterstäben versperrt waren. An der Wand der rechten Seite waren zudem ein verlassener Hocker und ein Tisch zu erkennen. Bargh sah, wie Neire sich den Mantel zurückzog; so kamen die gold-blonden, gelockten Haare seines jungen Begleiters zum Vorschein. Neire deutete mit ernster Miene zur linken Seite. Auch Bargh zog sich nun die Maske vom Schädel und schritt in Richtung des Wimmerns. Als seine schweren Schritte im Verließ widerhallten, verstummte das Wimmern abrupt. Sie kamen zu einer Zelle, in der eine kleine Gestalt in der Dunkelheit hockte. Bargh sah die junge Frau, fast noch ein Mädchen, die nun zu ihnen aufblickte. Sie trug ein verdrecktes Kleid, dünne Beinkleider und war barfuß. Der Geruch von Fäkalien und Verwesung war hier stärker. Als die junge Frau aufblickte, sah Bargh die Angst in ihren grünlich schimmernden Augen. Lange, feuerrote, leicht gelockte Haare fielen schwer auf ihre Schultern. Haare und Gesicht waren von einer Schicht von Dreck bedeckt, doch darunter konnte Bargh Schönheit erahnen. Neben einer urtümlichen Wildheit, stellte Bargh eine Angst in ihrem Blick fest. Für einen Moment ließ er seine Gedanken schweifen und das fremde Mädchen erschien verändert vor seinem inneren Auge. Sie trug eine goldene Krone, Edelsteine und Goldschmuck. Über der Krone brannte ein Feuer, um das Dunkelheit und Schatten tanzten. Geisterhaft umströmte nachtblaue Magie ihren schlanken Körper. Das Bild verschwand allerdings augenblicklich. Neire war an das Gitter herangetreten und begann zu sprechen. „Was macht ihr hier in dieser Zelle? Ist das ein Spiel, das ich nicht kenne? Habt ihr mit ihnen gespielt?“ Zuerst konnte Bargh eine Verwirrung in ihren Augen sehen. Doch dann lächelte sie ihn und Neire an. „Wer seid ihr? Ihr gehört nicht zu ihnen, oder? Ich meine die Wächter der Insel.“ Bargh lachte kurz auf und auch Neire stimmte ein. Das Mädchen wich wieder etwas vom Gitter zurück. „Nein, wir gehören nicht zu ihnen… auch wenn das nicht immer so war“, antwortete Bargh. Er bemerkte, dass die Gefangene ihm fasziniert lauschte. „Wir spielen ein anderes Spiel. Ein Spiel von Feuer von Schatten. Sagt, wollt ihr dieses Spiel mit uns spielen?“ Als Neire die Frage stellte, bemerkte Bargh eine Art Wildheit in ihren trotzigen Augen. Doch sie antwortete überhastet, freudig und in einem jugendlichen Übermut. „Ja, natürlich… ich werde mit euch spielen. Das Spiel von Feuer und Dunkelheit sagt ihr? Hmmm… ich habe bereits ein anderes Spiel gespielt. In Dreistadt. Es war das Spiel des Nehmens von anderen. Man durfte sich nur nicht erwischen lassen.“ Noch während sie sprach, begann Neire jetzt seinen Dietrich hervorzuziehen und das Schloss am Gitter zu öffnen. Als sein junger Begleiter das Gitter aufzog, sah Bargh das Mädchen hinaushasten. Der Geruch von Schweiß und Fäkalien kam ihm entgegen. Als die jetzt Freigelassene in Richtung des Tunnels lief, blickte sie sich um und sagte. „Kommt und folgt mir. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Bevor sie vielleicht zurückkommen.“ Bargh hörte Neire mit erzürnter, lauterer Stimme antworten. „Halt! Wir geben hier die Befehle. Und wir spielen das Spiel nach unseren Regeln. Kommt erst einmal zurück. Ihr seht aus, als könntet ihr einen Schluck Wein vertragen.“ Bargh sah, dass Neire ihm zunickte und er begann den Weinschlauch aus dem Rucksack hervorzukramen. Als er bemerkte, dass das Mädchen ihn dabei genau beobachtete, zwinkerte er ihr zu und fragte. „Wir haben euch noch nicht gefragt. Wie ist eigentlich euer Name?“ Er sah, dass sie ihn anlächelte und sprach. „Mein Name ist Zussa. Und ja, ich würde gerne einen Schluck Wein trinken.“ Neire trat an ihn heran und nahm ihm den Weinschlauch ab, während Zussa sich mit ihrer Zunge über die Lippen fuhr. „Nun Zussa.“ Sprach Neire und bewegte sich auf sie zu. „Mein Name ist Neire. Neire von Nebelheim. Ich bin ein Kind der Flamme und ein Diener der Schwertherrscherin, der Königin von Feuer und Dunkelheit, Jiarlirae, geheiligt möge ihr Name sein. Mein Begleiter hier ist mir wie ein Bruder. Er ist ein heiliger Krieger unserer Göttin, der Drachentöter und wandelte einst im Reich des Jenseits, nach seinem Tode ins Fegefeuer hinab. Er wurde von meiner Göttin errettet, ein Wunder… und nun schreitet Bargh, so sein Name, wieder unter den Lebenden.“ Bargh sah, dass Zussa an Neires Lippen hing, mit großen geöffneten Augen. Er hatte auch bemerkt, dass Neire etwas von dem Grausud aus dem Geheimfach seines Schlangendegens geholt hatte – kaum mehr ein kleiner Tropfen der Substanz, der auf der Kuppe seines Zeigefingers zu sehen war. Neire hielt Zussa den Finger hin, während er sprach. „Diese Substanz wird eure Stimmung heben und euren Geist für das Spiel öffnen. Nehmt sie zu euch und spült das Ganze mit ein paar Schlücken Wein herunter.“ Zussa wirkte zuerst etwas unruhig. Sie roch an Neires Finger, öffnete dann ihre Lippen und leckte mit ihrer Zunge über Neires Finger. Für Bargh machte diese Szene einen seltsamen Eindruck, hier, im Antlitz von Tod und Verwesung. Doch er ahnte schon, worauf Neire Zussa vorbereiten wollte. Er schwieg, während Zussa nach ein paar kräfigen Schlücken Wein an zu erzählen fing. Sie blickte ihn dabei an. „Bargh, auch ich habe Erfahrungen mit dem Feuer gemacht. Der Herr der Nachbarsfamilie hat sich einst über mich lustig gemacht. Über meine roten Haare. Ich war so wütend, dass ich ein Feuer hervorbeschworen habe. Seine Scheune ist abgebrannt. Mit einem seiner Schafe. Ich habe mich dabei auch selbst verletzt. Danach musste ich das Dorf verlassen, fliehen.“ Als ob Zussa ihre Worte unterstreichen wollte, hob sie ihre mit Brandnarben bedeckten Fingerkuppen. Immer noch starrte sie fasziniert auf seinen haarlosen Schädel – die Spuren des Feuers. „Seid ihr so hierhin gekommen? Weil ihr aus eurem Dorf fliehen musstet?“ Die Wut verschwand jetzt aus dem Gesicht von Zussa und eine Art Schwermut stellte sich ein. „Ja, so war es. Keiner konnte mir helfen. Nicht mal meine Eltern. Ich wurde als Hexe bezeichnet und so floh ich nach Dreistadt. Dort hatte ich nichts und musste auf den Straßen leben. Schließlich nahm ich mir einfach was ich brauchte. Ja, das war mein Spiel. Man durfte sich nur nicht erwischen lassen. Doch eines Tages haben sie mich erwischt und hierhin gebracht. Sie haben mich hinabgeworfen und in diese Zelle gesteckt.“ Jetzt war die Schwermut in ihren Augen wieder Wut und Trotz gewichen. Bargh bemerkte zudem, dass Neire, der den größten Teil des letzten Gesprächs ruhig beobachtet hatte, das Wort ergriff. „Zussa sagt, seid ihr eine große Kriegerin? Dort wo ich herkomme, gibt es die Kupfernen Krieger, eine Kaste von Rittern.“ Zussa schüttelte vehement den Kopf. „Kriegerin, nein. In meinem Dorf waren wir einfache Schafhirten. Ich habe nichts anderes gelernt. Doch das Feuer konnte ich beschwören. Fragt micht nicht, wie ich das damals geschafft habe, aber heute kann ich es sogar kontrollieren.“ Bargh sah, dass Neire das Interesse an Zussa verlor, während sie sprach. Er erinnerte sich, dass Neire einfache Menschen als niedere, wertlose Sklaven betrachtete. Lediglich mit dem letzten Satz zur Feuerbeschwörung konnte Zussa Neires Aufmerksamkeit wieder gewinnen. „Nun, wir sollten mit unserem Spiel beginnen. Hier habt ihr einige Pilze zur Stärkung. Folgt uns durch die Gänge.“ Neire reichte Zussa einen Beutel mit Pilzen, den sie hastig entgegen nahm. Noch während sie aufbrachen sah Bargh, dass Zussa die ersten Pilze bereits in ihren Mund befördert hatte und sie gierig verschlang.

Neire reichte Bargh den Weinschlauch. Er hatte bereits einen Tropfen Grausud zu sich genommen und von dem Wein getrunken. Jetzt sah er, dass Bargh es ihm gleich tun würde. Es dauerte nicht lange, dann setzte der Rausch ein. Alles schien verlangsamt und glitzernd, als ob jede Bewegung schimmernde Fäden ziehen würde. Wellen von wohlfühlendem Prickeln liefen duch Arme und Beine und wenn er seine Gliedmaßen verdrehte, verstärkte der Effekt sich für eine kurze Zeit. Auch Zussa hatte nach einer weiteren Kostprobe verlangt, doch Neire wusste, dass sie das Mädchen mit den Feuerkräften noch brauchen würden. Er wusste auch, dass eine zu hohe Dosis von Grausud eine narkotisierende Wirkung haben konnte. So hatten sie ihr die Substanz verweigert und sie hatte sich, ohne zu nörgeln, gefügt. Mehrere Schlücke hatte sie noch aus ihrem Weinschlauch genommen. Im Halbdunkel des Lochs von Felsplatten vor dem Tempel blickte Neire in die Richtung seiner beiden Mitstreiter. Auch Bargh legte die einsetzende Müdigkeit ab. Grausud konnte Wunder bewirken, wenn es um lange Phasen von Wachheit ging. Dennoch sahen beide, Bargh und Zussa, mitgenommen aus. Sie hatten eine lange anstrengende Arbeit hinter sich. Zuerst hatten sie die Fässer mit dem beißend riechendem Inhalt von der Kammer zum Schacht getragen. Dann hatten sie zwei Seile aneinander geknotet. An ein Seilende hatten sie jeweils mehrere Fässer befestigt, die Bargh dann hinaufgetragen hatte. Neire hatte sie dann auf der oberen Plattform entgegengenommen und hinabgetragen. Schließlich hatten sie die Fässer aufeinandergestapelt, eines davon geöffnet und mit Stoff bedeckt. Aus den Vorratsräumen der Außenmauer hatten sie zudem Lampenöl herangetragen, mit dem sie den Stoff getränkt hatten. Dann hatte Zussa den Einfall gehabt eine Bahn von Stoff hinauszulegen, die sie dann auch mit Lampenöl getränkt hatten. Ihre letzte Vereinbarung war wie folgt getroffen worden. Sollten die verbleibenden Wachen aus Dreistadt eintreffen, würden sie warten bis diese in den Turm hineinschritten. Dann sollte Zussa handeln und mit ihrem Feuer die Fässer entzünden. Neire verfiel wieder in Gedanken und trank am Weinschlauch. Er spürte, dass ihn das Feuer und die Schatten verlassen hatten. Er hatte Bargh das nicht wissen lassen und er ließ es sich auch nicht anmerken. Er wusste, dass er jetzt der schwarzen Kunst nachgehen musste. Es waren die letzten Geheimnisse, die er so erlernen konnte und die ihn hoffentlich zum größeren Verborgenen führen würden. Immer wieder blickte in Richtung von Bargh und Zussa, die sich leise unterhielten. Es störte ihn, dass die beiden wohl Gefallen aneinander gefunden hatten; dass nicht er im Mittelpunkt stand. Sie ist nicht Lyriell. Sie ist keine Kupferne Kriegerin. Sie ist eine niedere Sklavin und sie stammt von Schafszüchtern ab. Es wird sich schon noch zeigen, ob sie es wert ist. Ob Jialiraes Gunst ihr zurteil werden kann. Mit diesen Gedanken verbrachte Neire einige weitere Zeit, bis er die Schritte hörte. Es musste wohl noch Vormittag sein, denn die Sonne stand noch nicht in ihrem Zenit. Er konnte drei Stiefelpaare hören, die sich beharrlich näherten. Auch Bargh und Zussa waren jetzt aufmerksam und hatten sich vorsichtig erhoben. Sie hielten sich hinter den natürlichen Felswänden, so dass sie hier nicht entdeckt werden konnten. Jetzt sahen sie die drei Wachen in ihren Sichtbereich schreiten. Sie steuerten auf eine der Steintreppen zu, die sie auf den äußeren Ring führten. Zwei junge Burschen. Der eine muskulös, der andere kräftig gebaut. Sie hatten grüne Mäntel. Der Anführer war älter und trug einen blauen Mantel. Vorsichtig schlichen sie sich die Treppe hinauf. Als sie aus ihrem Sichtbereich verschwanden, flüsterte Neire. „Jetzt Zussa, folgt mir, vorsichtig.“ Zussa zögerte einen Moment, Furcht war in ihren Augen. Doch dann gab sie sich einen Ruck. Sie folgte Neire leise und behende in Richtung der Treppe, die sie beide erklommen. Vom Ende der Treppe konnten sie über die gewölbte Brücke in den Turm sehen. Alle doppelflügeligen Portale standen jetzt sperrangelweit offen. Die Wachen waren gerade dabei in das Innere des Turmes vorzudringen. Einen kurzen Moment zögerten sie, als der Anführer auf das Lampenöl getränkte Band zeigte. „Was ist das? Was ist hier passiert? Verteilt euch und bringt mir eure Lageberichte.“ Neire sah wie die beiden jüngeren sich verteilten. Er musste innerlich lachen. Auch in dieser Situation hielten sie sich stur und stupide an ihre Befehle. Für weitere Gedanken reichte es bei diesen niederen Sklaven anscheind nicht. Als der Anführer vor den Fässern stand, murmelte Neire zu Zussa: „Jetzt Zussa, beschwört euer Feuer. Nehmt Rache an diesen Bastarden, deren schwache Seelen wir Jiarlirae weihen.“ Zussa, am ganzen Körper zitternd, sprang auf, ging wenige Schritte nach vorne und beschwor das Feuer. Für einen kurzen Moment wurden ihre Augen schwarz. Dann konnte Neire von dort ein Glühen erkennen. Sie schleuderte mehrere Feuerkugeln, die sich über dem Inneren des Turmes herabsenkten. Augenblicklich entzündete sich das Lämpenöl und einen Sekundenbruchteil später das Faß. Dann spürten sie die Druckwelle, die sie von den Stufen schleuderte. In ihren Ohren war ein Fiepen und eine Stichflamme von Feuer raste über sie hinweg. Als sich Neire langsam aufrichtete kam ihm die infernalische Hitzewelle entgegen. Er sah den Turm dort, als weißlich glühende Feuersäule. Als ob die schwarzen Steine selbst Feuer gefangen hätten. In das Fiepen in seinem Ohr drangen auch andere Geräusche. Das dunkle Krachen von brechendem Stein. Tatsächlich begannen die rot glühenden Steine langsam in sich zusammenzustürzen. Neben ihm waren jetzt auch Bargh und Zussa aufgetaucht. Zussa starrte in ihrem Rausch gebannt in die brennenden Flammen. So standen sie dort einige Zeit und beobachteten schweigend. Dann fing Neire an zu singen und zu tanzen. „Lasst und feiern, lasst uns tanzen, in der ewigen Nacht ohne Morgen. Preiset die schwarze Natter als Abbild unserer Göttin, deren Name Jiarlirae ist. Weinet nicht um die verglimmenden Feuer, weinet nicht um die erlischende Glut, die Glut von Nebelheim. Denn Dunkelheit birgt ihre Ankunft, Schatten ist das Licht unserer Göttin und Flammen der Morgen ihrer Heiligkeit.“ Er nahm zuerst Zussa und tanze mit ihr, doch sie wollte nicht richtig. Dann wendete er sich Bargh zu. So tanzten sie im Antlitz des Feuers. Sie tranken den Wein und feierten in der Nacht ohne Morgen; unter der brennenden Fackel der Ruine von Torm. Neire sprach den Reim der Königin von Feuer und Düsternis. Neire sang vom aufsteigenden Chaos des Abgrundes; das brodelnde Magma flüssigen Gesteins schimmerte in ihren dunklen Augen.

Das Boot nahm langsam Fahrt auf. Zussa war bereits in einen Schlaf verfallen. Sie alle hatten sich kaum noch auf den Beinen halten können. Sie konnten die ferne Küste sehen. Hinter ihnen stieg Rauch aus dem Vulkan. Neire sah Bargh eindringlich an, bevor er sprach. „Wir fahren nach Stadwilla. Dann müsst ihr nach Norden reiten. Nehmt Zussa mit euch. Jialirae hat eine andere Aufgabe für mich geplant; ich habe es in meinen Träumen gesehen. Hört genau zu, denn ich habe euer Schicksal gesehen…“ Bargh nickte trunken und der Jüngling mit den gold-blonden Locken fuhr lächend fort.

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Sitzung 47 - Der Weg nach Wiesenbrück
« Antwort #48 am: 29.12.2022 | 17:31 »
Es sind inzwischen schon vier Tage vergangen, seit meiner denkwürdigen Rettung aus den Verliesen der Tempel-Festung. Die Aufregung, die ich gespürt hatte, als wir durch die Gänge hasteten und als ich die Feuer beschwor, die den gewaltigen Turm in Rauch und Feuer aufgehen ließen, verblasste schnell. In diesen vier Tagen reisten wir nach Norden, passierten die Adlerburg und durchquerten Berghof. Der große Krieger Bargh und der Jüngling Neire hatten anscheinend einem Mann namens Ariold aufgetragen, ihre Pferde in das Dorf Stadwilla zu bringen, um dort auf sie beide zu warten. Nun ja, die Pferde waren tatsächlich dort, von Ariold fehlte jedoch jede Spur. Ich vermute es wird nicht gut für ihn enden, wenn die beiden ihn wiedersehen sollten.

Wir machten Rast in dem Ort Kusnir. Dort wartete ein alter Bekannter von Bargh und Neire, ein grimmiger und langweiliger Elf, der sich wohl Halbohr nennt. Seinem Ohr nach zu urteilen, dem irgendwann mal die Spitze abgeschnitten wurde, ist der Name auch ziemlich offensichtlich. Hier in Kusnir erreichte uns auch die Einladung, welcher Halbohr und Bargh folgen und mich damit zu einem tagelangen Marsch durch Kälte und Nässe der nördlichen Berge zwingen sollten. Das Ziel war offenbar eine Beerdigung. Irgendeine Mutter hatte ihren Sohn verloren; als ob das nicht ständig passieren würde. Siguard Einhand war der Name des Toten. Ein Name, der Neire und Bargh bekannt war. Kein Wort stand dort, woran der Sohn gestorben war, nur dass Bargs und Neires Anwesenheit explizit erwünscht sei und dass wir uns eilen mussten, um rechtzeitig anzukommen. Also machten wir uns auf den Weg. Neire hatte allerdings andere Pläne. Er sprach mit Bargh unter vier Augen und ritt auf seinem Pferde anderen Zielen entgegen.

So waren es also ich selbst, Bargh und Halbohr, die in die nördlichen Gebirge aufbrachen. Unser Ziel war ein kleines Bergdorf in den Schneebergen. Schon allein der Name verhieß keine Freude und ich sollte mich auch nicht irren. Der Weg in die Berge war lang und beschwerlich. Meine Füße taten weh vom Laufen und auch als Bargh mir sein Pferd gegeben hatte, wurde es nicht besser. Jetzt waren es nicht die Füße, sondern Rücken und Hintern, die schmerzten. Der Wind war kalt und nass, die Welt auf einem Rücken eines Pferdes war trist und langweilig und die Anspielungen von Bargh, wie er bei unseren Nachtlagern immer näher rückte und erzählte von den Geheimnissen seiner Herrin, halfen meiner Laune nicht sich zu bessern. Sicherlich, er ist ein starker Krieger und man kann mit ihm bestimmt viele Abenteuer erleben und überleben, aber er macht mir ehrlich gesagt auch etwas Angst.

Am vierten Tage kamen wir schließlich über eine Hügelkuppe, auf deren Spitze wir hinab in ein kleines Tal blicken konnten. Dort hatte sich bereits eine kleine Gruppe von Menschen versammelt, allesamt gekleidet in dunkle Gewänder. Einige führten Laternen mit sich, die dieses Plateau in ein schwaches Licht hüllten. Uns offenbarte sich eine Art Bergfriedhof; wir konnten Grabsteine sehen. Mir schauderte kurz, zum einem wegen den einsetzenden Sturmböen und dem Schneeregen, die wieder Kälte in meine Knochen trieben. Zum anderen auch vor dem Gedanken, eine Ewigkeit trauernden Menschen zuhören zu müssen, die über irgendein Leben berichteten, was mich nicht im Geringsten interessierte. Dies schien auch ein Schwarm von Krähen zu denken, der merkwürdig ruckhaft davonflog. Die seltsamen Tiere suchten wohl ihr Heil in der Flucht und flogen schneebedeckten Gipfeln entgegen, die jetzt von dunklen Wolken umhüllt waren.

Wir kamen näher zu der Begräbnisstätte und sahen, dass die Leute sich um ein bereits ausgehobenes Grab versammelt hatten. Eine ältere Frau wimmerte leiste - die ganze Zeit. Ein anderer Mann, auch etwas älter und seine grauen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, erhob seine Stimme und begrüßte die Einwohner von Wiesenbrück, so der Name des Dorfes, aus dem dieser Siguard stammte. Er ist wohl in Kusnir umgekommen, wo ich selbst noch vor wenigen Tagen etwas Ablenkung in dem Gasthaus und dem einfältigen Wirt dort genießen durfte. Siguard hatte sogar einen Abschiedsbrief verfasst, den der Mann mit dem Pferdeschwanz gerade vorlas. So wurde ich über den Ort seines Todes eines Besseren belehrt:

„Es ist nun eine Weile her, dass ich nach Wiesenbrück zurückgekehrt bin. Es ändert nichts, ich liebe meine Familie, hier und in Kusnir. Doch mein Leben hat sich geändert, seit ich den jungen Priester getroffen habe. Die Runen im Fleisch, die Träume und die Sehnsucht. Die Suche nach der versunkenen Stadt, nach Feuer und Schatten, treiben mich durch den Nebel. Doch das Licht am Ende des Tunnels ist ein anderes. Es birgt einen alten Verrat und doch eine Erlösung. Die Sünden der alten grauen Rasse werden für euch der Untergang sein. Die Pest der blauen Teufel, die sie in die Welt entließen. Für mich zeigt sich das Licht der Göttin, über dem alten Irrling. Und so muss ich durch die Dunkelheit gehen, bis das Licht wieder scheint. Es wartet SIE auf mich, die Königin von Feuer und Düsternis, die Dame des Abgrundes.“

Die Worte erinnerten mich direkt an die Geschichten von Bargh und Neire, von ihren Erzählungen über ihre eigene Herrin, Jiarlirae, und über Nebelheim, wo Neire aufgewachsen ist. Der ältere Mann erzählte weiter, dass dunkle Zeiten sich anbahnten und sie sogar das berühmte Fest von Wiesenbrück absagen mussten. Die Leute fingen an, Erde auf die Holzkiste zu werfen, als ob der Tote dann darin besser schlafen würde. Bargh und Halbohr gingen zu der älteren Frau hin und heuchelten etwas Mitgefühl.

Plötzlich hörte man ein Brüllen, als sich auf einem Felsvorsprung die riesige Gestalt eines Bären aufbäumte. Rosiger Schaum hatte sich um das Maul gebildet. Der Bär sprang mit einem Krachen von dem Vorsprung hinab und stürzte sich auf die Menge. Panik brach in der Trauergesellschaft aus und der ältere Mann rief in die Richtung von Bargh und Halbohr, ängstlich um Hilfe flehend. Die beiden reagierten auch sehr schnell, Halbohr zog einige seiner Dolche und Bargh seine merkwürdige Klinge, die aussah als ob sie Schatten bluten würde. Die Kreatur brüllte abermals laut auf. Ich selbst habe mich hinter einen Grabstein geduckt und dachte mir, Bargh und Halbohr würden dies bestimmt auch so überleben. Die beiden bekamen auch unerwartete Hilfe, als einer der Jäger, die auch als Trauergäste geladen waren, hervortrat. Eine dürre Gestalt war es, in einem dicken Ledermantel und Fuchsfellen gekleidet und eine Kapuze tief in das Gesicht gezogen. Er zog einen geölten Säbel und bewegte sich hinter die Kreatur.

Zusammen konnten sie das Wesen zu Fall bringen, doch man hörte bereits ein weiteres Brüllen und aus dem Unterholz stürmten zwei dieser, vor Wut wahnsinnigen, Tiere auf sie zu. Ich blieb weiter in Deckung, doch das unheimliche Flüstern in meinem Kopf war wieder zu hören. Ich habe es immer noch nicht geschafft, irgendetwas von dem Flüstern zu verstehen, noch weiß ich, wem diese Stimme gehört. Einzig klar ist, dass dieses Flüstern auch mich zu hören scheint und mir Macht gibt. So auch jetzt, als die beiden tollwütigen Bären sich vor Bargh, Halbohr und dem Jäger aufbauten und ein Tier seine messerscharfen Krallen in den Leib Halbohrs bohrte. Ich habe inzwischen gelernt, was ich der Stimme zuraunen muss, damit sie mir hilft. Dieses Mal sorgte sie dafür, dass sich in meinen Händen eine blendende und heiße Lanze aus purem Feuer bildete. Blitzschnell blickte ich über den Grabstein und schleuderte die Lanze auf einen der Bären, der sogleich mit einem beängstigenden Heulen in Flammen aufging und zuckend zu Boden sackte. Die andere Kreatur fiel den Klingen der drei Kämpfer zum Opfer und auch diese verfiel seltsamen Zuckungen in ihrem Tode.

Wir blickten uns um und waren inzwischen alleine auf dem Friedhof - die anderen Trauergäste waren schon beim ersten Brüllen geflüchtet. Der fremde Jäger zog seine Kapuze zurück und stellte sich als Atahr vor. Ich sah seine merkwürdige schwarze Haut, spitze Ohren, fliederblaue Augen und langes weiß-glattes Haar. Atahr war kleiner als ich, doch kein Kind mehr. Sein schlankes, nobles Gesicht strahlte Lebenserfahrung aus. So eine Kreatur hatte ich bisher noch nie gesehen. Ich dachte erst, die Schwärze wäre vielleicht eine Art Kriegsbemalung, die er auf seine Haut gebracht hätte, doch es fühlte sich tatsächlich nach normaler Haut an. Vielleicht stammt er von einem seltenen Bergvolk ab, dass sich nur in Gegenden aufhält, die ich vorher noch nicht betreten hatte. Für die anderen schien sein Anblick nichts Besonderes zu sein.

Halbohr nutzte die Gelegenheit und blickte sich um. Doch wir waren allein und so öffnete er den Sarg, der schon mit etwas Erde bedeckt war. Dort lag sie, die Leiche des Siguard Einhand. Jetzt erkannte Bargh die Gestalt wieder und erzählte uns von einem Trinkspiel, zu dem sie ihn in Kusnir überredet hatten. Von diesem Trinkspiel zeugte noch eine Narbe auf seiner Handfläche, die grob die Umrisse einer Münze, das Bildnis einer Menschenschlange und einen Chaosstern zeigte. Und an beiden Handgelenken hatte er tiefe Schnitte entlang seiner Adern. Es sah so aus, als ob er seines Lebens überdrüssig geworden war und diesem selbst ein Ende bereitet hatte.

Wir beschlossen, ebenfalls in das Dorf Wiesenbrück aufzubrechen. Als ich hörte, dass es auch ein großes Fest zu Ehren des Toten geben würde, gefiel mir dieser Vorschlag auch sehr gut. Das Dorf selbst befand sich in einem größeren Tal und eine Straße führte über eine kunstvolle steinerne Brücke direkt auf die Mitte des Dorfes zu. Dort stand ein großes Gebäude mit einem riesigen alten Baum in der Mitte. Es sah fast so aus, als wäre der Baum in diesem Haus gewachsen und irgendwann durch das Dach des Hauses gebrochen. Wir hörten aus diesem Haus laute Stimmen und rochen schon den angenehmen Geruch von gebratenem und gewürztem Fleisch. Auch spürte ich die Wärme, die aus dem Inneren kam. Nach Tagen in kalter Nässe, war diese Wärme noch viel schöner als der Geruch des Essens und ich freute mich schon, wieder etwas Spaß haben zu können. Der Galgen seitlich des Weges hielt drei im Wind baumelnde, verrottende Körper. Dieser Anblick war zwar nicht sehr einladend, aber was kümmert es mich, welche Regeln hier offenbar gelten.

So traten wir in das Gebäude ein und der Geruch, die Wärme und die Geräusche überzogen uns. Als die Bewohner uns erblickten, wurden wir gebührend empfangen. Sie jubelten uns zu und klatschten laut in die Hände. Ich wunderte mich - einzig wegen der paar wilden Tiere, die wir für sie erlegt hatten? Sehr wehrhaft schienen sie hier nicht zu sein. Ich blickte in die müden Gesichter und sah Dankbarkeit. Der Wirt, ein Mann namens Raimir Gruber, führte uns zu einem Tisch, vorbei an dem großen Baum, der hier in der Mitte der großen Halle stand und dessen Rinde mit vielen verschiedenen Schnitzereien versehen war. Am Tisch neben uns saß die Mutter des Toten und der ältere Mann, der den Abschiedsbrief dieses Siguard vorgelesen hatte. Leider hatten sie hier keinen Wein, aber der Wirt pries sein Bier an, gebraut aus dem kalten Gletscherwasser des Flusses Fireldra, der vor den Toren des Dorfes fließt. Bargh zögerte nicht lange und hatte schon bald einen großen Humpen vor sich stehen, den er mit kräftigen Zügen in sich hineinschüttete. Ich wollte dem nicht nachstehen, sonst denkt er am Ende noch ich wäre ein kleines Kind. Dennoch wäre mir Wein lieber gewesen.

Halbohr und Atahr sind langweilige Gefährten. Sie unterhielten sich nicht mit mir. Atahr machte sich schon bald auf und sprach in der Menge mit einigen Leuten, die ihm Geschichten erzählten über Tiere, die plötzlich wild und unberechenbar wurden. Atahr erkannte dies als eine Art Krankheit, die die Tiere in eine wilde Raserei versetzte. Aber auch Menschen schienen davon nicht ausgenommen zu sein, da es wohl auch Geschichten gab über Dorfbewohner, die plötzlich und ohne Vorwarnung andere erschlugen. Das war dann wohl die Erklärung für die baumelnden Kadaver am Strick des Galgens.

Halbohr setzte sich, unhöflich wie er ist, einfach an den Tisch zu der trauernden Mutter und dem älteren Mann, der sich als der Dorfvorsteher Eirold Mittelberg vorstellte. Diese berichteten ihm, dass Siguard nach seiner Rückkehr aus Kusnir anfing sich merkwürdig zu verhalten. Er führte obskure Rituale durch und erzählte über die Legende des alten Irrlings, über die er auch in seinem Abschiedsbrief geschrieben hatte. Offenbar eine Geschichte über ein altes Portal der Grauelfen welches sich in der Irrlingsspitze, einem markanten Berg, den wir auch auf dem Weg hierher sahen, erbaut wurde. Wohin dieses Portal führt weiß keiner, aber dass es wohl verschlossen wurde und auch nicht mehr geöffnet werden kann. Eine andere Geschichte erzählte von einem Licht am Himmel, dass man hier auch Linnerzährn nennt. Als ich das hörte, musste ich direkt ein einen bestimmten Kometen denken, der alle 23 Jahre am Himmel zu sehen ist und danach wieder verschwindet. Dieses große Fest des Dorfes, was abgesagt wurde, wurde wohl erstmalig genau dann abgehalten, als dieser Komet zu sehen war. Aber sollen sie ruhig weiter an ihre alten Legenden und Geschichten glauben.

Bargh schien an all den Gesprächen in keiner Weise interessiert zu sein. Humpen über Humpen trank er sein Bier und war bester Laune. Ich fand es anfangs auch sehr lustig, doch langsam rückte er immer näher und legte seine Hand um mich und versuchte mich zu küssen. Sicher ist er ein statthafter Mann und starker Krieger, aber etwas an ihm macht mir noch Angst. Vielleicht ist es sein verbrannter Schädel, vielleicht dieser merkwürdige Edelstein an Stelle seines Auges, jetzt natürlich verdeckt durch seine Augenbinde. Ich kann es gar nicht sagen, was mir an ihm Angst macht. Vor allem, da er auch etwas über diese Stimmen und dieses Flüstern, was ich in meinem Kopf höre, zu wissen scheint. Ich stand auf und mischte mich ebenfalls in die Menge, ließ ihn alleine zurück. Alleine schien es ihm aber auch langweilig zu werden. So suchte er einige Dirnen mit denen er sich vergnügen konnte. Soll er doch, diese Weiber wird er am nächsten Morgen wieder vergessen haben und ich werde es sein, mit dem er sein Wissen teilen wird.

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Sitzung 48 - Vorboten
« Antwort #49 am: 6.01.2023 | 22:09 »
Finstere Träume ließen mich in der Nacht aufschrecken. Ich träumte, dass ich mit Halbohr und Bargh in den Wäldern auf Reisen war und wir unser Nachtlager aufgeschlagen hatten. Das Feuer prasselte und ich musste wohl im Traum selbst eingeschlafen sein. Mein Kopf fiel nach vorne in die Flammen und meine Haare fingen direkt Feuer. Ich erinnerte mich, dass ich im Traum schrie und mich wälzte, obwohl ich seltsamerweise keine Schmerzen spürte. Mit einer Mischung aus Entsetzen und ekelhafter Faszination betrachtete ich mich selbst, wie das Feuer von meinen Haaren auf mein Gesicht übergriff. Ich konnte fühlen, wie die Haut und das Fleisch von mir abfielen, wie eines meiner Augen durch das Feuer aus meinem Schädel hervorplatzte. Immer noch waren da keine Schmerzen. Was mich aufwachen ließ, war das Gefühl, dass irgendetwas aus meinem Bauch seinen Weg zu meinem Mund fand und dort herauskroch.

Mit diesem Schrecken fuhr ich aus meinem Bett. Ich erinnerte mich im Gasthaus zum alten Nussbaum zu sein. Das Erste was ich tat, war in meinen Mund zu greifen. Ich ertastete, ob sich irgendetwas darin befand. Erst danach fühlte ich mein Gesicht und meine Haare. Aber da war nichts. Ich war hellwach, obwohl der Morgen gerade erst graute. An weiteren Schlaf war aber nicht mehr zu denken. Ich öffnete die Fensterläden und sah, dass es über Nacht geschneit hatte. Schneebedeckte, schroffe Berge glitzerten im märchenhaften Schimmer der Spätherbstsonne. Ich atmete die klare und frostige Luft und hoffte, dass wenigstens das Frühstück etwas Gutes an diesem Morgen brächte. Das sollte sich leider als falsch herausstellen.

Nachdem ich mich gewaschen hatte, begab ich mich in die Schankstube mit dem alten Stamm. Das Mädchen des Wirtes reichte mir gebratenen Speck und Eier. Allein der Geruch des Essens brachte meinen Magen zur Rebellion. Die Magd stellte sich mir als Tochter von Raimir, als Edda Gruber vor. Und das Mädchen wollte nicht aufhören zu plappern; jedes Wort dröhnte wie ein kleiner Hammerschlag in meinem Kopf. Vielleicht waren es die Träume oder der fehlende Schlaf, aber ich befürchtete, dass ich, wenn sie weiterredete, ihren Kopf auf die Tischplatte schlagen müsse. Ja, sie sah vielleicht eine Freundin in mir. Aber was sollte sie mit ihren vielleicht 13 Wintern schon gesehen haben? Jedenfalls nicht das, was ich bereits erlebt hatte. Als Halbohr etwas später die Stufen herunterkam, war es schon fast eine Erlösung; hoffte ich doch zumindest das kleine Etwas loszuwerden. Seinen Augenringen zu urteilen schien er keine bessere Nacht als ich gehabt zu haben. Ich fragte mich, ob ihn auch Träume gequält hatten. Vielleicht, wie er selbst in dem Grab läge, was er am Tag vorher noch untersuchte. Vielleicht sah er, wie er dort lebendig begraben wird?

Halbohr hatte selbst morgens nicht besseres zu tun, als fasziniert die Schnitzereien längst vergangener Zeiten in dem riesigen alten Nußbaum zu betrachten. Dabei fragte er die Frau des Wirtes, Ilga Gruber, aus. Offenbar hatten sich über die Zeit viele Bürger von Wiesenbrück in diesem Baum verewigt und ihren Angebeteten Herzchen und schlüpfrige Sprüche hinterlassen. Einzig tief am Stamm des Baumes, wo die ältesten Schnitzereien waren, fand Halbohr etwas Interessantes. Dort waren Runen, die ihn an die elfische Schrift erinnerten. Ein Stück darüber fand er fünf Namen im Holz: Niroth, Adanrik, Kara, Faere und Waergo; umringt von einigen religiösen Symbolen, die mich an den Schutzpatron Torm erinnerten. Bei diesem Gedanken hatte ich bildhafte Erinnerungen. Von dem Turm auf der Insel und den weißen Flammen, die diesen verschlangen.

Der Wirt, Raimir Gruber, kannte sogar einige Geschichten über die fünf Namen im Stamm. Er selbst war wohl noch ein Kind, als das Dorf das große Fest feierte. Er erzählte von einer schönen Frau mit roten Haaren und feiner, schneeweißer Haut, die Lieder sang und zwei Männern vom stämmigen Volke. Offenbar war dies eine Gruppe von Abenteurern, die mit dem Erscheinen des Linnerzährn eintrafen. Sie wollten zur Irrlingsspitze aufbrechen, doch nach ihrem Auszug aus Wiesenbrück verschwanden sie spurlos.

Gerade wollte Raimir noch mehr erzählen, als plötzlich die Türe des Gasthauses aufgestoßen wurde. Die erbärmlich aussehende Gestalt des Kriegers Bargh trat herein, wobei stolpern die bessere Wortwahl gewesen wäre. Offenbar war er immer noch betrunken. Seine Augenbinde, hinter der er den roten Edelstein versteckte, trug einen dunklen Blutfleck. Doch das bereits mit dem Fleisch verwachsene Juwel war jetzt nicht zu sehen. Lallend erzählte er, dass die beiden Dirnen, mit denen er sich in der Nacht vergnügen musste, versucht hatten, ihm den Rubin aus der Augenhöhle zu schneiden. Es dauerte nicht lange und die beiden Weibsstücke, Reldra und Fära, kamen herein. Sie waren ihm anscheinend gefolgt. Auch sie waren noch betrunken und sie wollten wohl den Fang des gestrigen Abends wiederholen. Reldra griff sich in den Schritt und führte obszöne Gestiken durch. Fära hob einhändig eine ihrer Brüste und streckte ihre Zunge heraus, um ein lüsternes Lecken anzudeuten. Beide lachten in einem hässlichen, trunkenen Ton. Ich musste mich fast übergeben, doch Halbohr schien, völlig unberührt von dem widerlichen Anblick, die entstehende Szene zu seinen Gunsten auszulegen. Gespielt verärgert trat er den beiden entgegen und drohte ihnen hinsichtlich ihrer Tat mit dem Strick. Auch Raimir, der das Schauspiel mit einem gewissen Erstaunen betrachtete, stimmte dem zu. Davon ließen sich die beiden beeindrucken und zogen es vor wieder zu verschwinden. Halbohr wollte sich jedoch nicht damit zufriedengeben und Gerechtigkeit walten lassen. Das sagte er zumindest Raimir. Ich selbst glaubte aber, dass es ihm Freude bereiten würde, wenn er die beiden Weibsstücke am oberen Ende eines Galgens baumeln sehen würde. Also ging Halbohr schnurstracks zu Eirold, dem Dorfvorsteher.

Ich vermute, dass er versuchte Eirold von seinen Plänen zu überzeugen. Was die beiden alles besprochen haben kann ich nicht sagen, aber es dauerte länger. Während Halbohr also noch unterwegs war, betraten zwei von Schneeflocken bedeckte Männer das Gasthaus. Es hatte wohl wieder begonnen zu schneien. Beide Männer waren offenbar Jäger; der eine mit einem Bogen bewaffnet und der andere mit einem Schwert. Der Mann mit dem Schwert baute sich vor Bargh auf. Dieser Jäger schien wohl nicht ganz bei Sinnen zu sein, denn er forderte Bargh zum Zweikampf heraus. Als Grund nannte er den Beischlaf mit seiner Frau. Ich musste kurz in mich hinein kichern, als diese mickrige Gestalt im Vergleich zum großen Bargh dort stand. Als sich herausstellte, dass die beiden Weibstücke die Frauen dieser beiden waren, wurde es immer lustiger. Jetzt kehrte auch Halbohr wieder zurück. Jedoch verstand er entweder die Komik dieser Situation nicht oder er hatte einfach keinen Sinn dafür. Er stellte sich hinter den Bogenschützen, zog seine Dolche und beobachtete schweigend.

Bargh kämpfte immer noch mit seinem Kater. Es schien mir, als hätte er gar nicht das Verlangen, von seinem Tisch aufzustehen. Gierig schlang er das Frühstück hinein, das ich ihm überlassen hatte. Doch der Jäger ließ nicht locker, beleidigte seine Ehre und forderte ihn erneut heraus. Dann erhob sich Bargh. Ich hätte gerne gewusst, was im Kopf des Fremden vorging, als der Krieger Jiarliraes ihm entgegenstand und er nun den Kopf heben musste. Auch als Bargh seine merkwürdige Klinge zog, die aus dem Stahl Schatten zu bluten schien, arbeitete es in seinem Gesicht. Allerdings hatte er keine Zeit mehr seinen Fehler zu erkennen. Bargh schwang sein Schwert, dessen Schatten sich mit dem Schlag in züngelnde Flammen aus heißem Feuer verwandelten. Mit einem kräftigen Hieb stieß er das Schwert in den Leib und mit einem schnellen zweiten Schlag hieb er dem armen Wicht das Bein unterhalb der Hüfte ab. Der Tölpel konnte nicht einmal mehr schreien als der Tod ihn mitnahm. Der andere Jäger schien mehr Verstand zu haben. Als er sah, wie sein Freund in feurigen Wunden zu Boden ging, suchte er sein Heil in der Flucht. Halbohr hielt ihn zwar noch einen Moment fest, doch er wand sich wie ein Wurm und verschwand aus dem Gasthaus. Wie sich später herausstellte auch aus dem Dorf, mitsamt den beiden Frauen.

Nach diesem ereignisreichen Morgen verlief der Tag ziemlich langweilig für mich. Halbohr stellte einige Besorgungen an, Bargh schlief seinen Rausch aus und ich selbst versuchte meinen Magen zur Ruhe zu bringen. Als wir abends wieder im Gasthaus saßen, hörten wir von draußen plötzlich ein Gewirr von Stimmen. Auf dem kleinen Platz vor dem Wirtshaus hatten sich etliche Menschen versammelt und starrten in den Himmel. Es war wärmer geworden und der Schnee hatte begonnen zu tauen. Zudem war es aufgeklart, so dass wir ein malerisches Bild erblickten. Dort, zwischen den Sternen und hell leuchtend wie ein zweiter Mond, sahen wir ein Licht am Himmelszelt: Direkt über dem größten schneebedeckten Berg, über der pyramidenförmig aufragenden, gefährlich steilen Irrlingsspitze, thronte der Linnzerzährn, eine leuchtende Kugel in einem unnatürlichen gelblichen Licht. Die Menschen schienen von dem Anblick in einen Bann gezogen zu sein. Auch Bargh, der in der Erscheinung ein Zeichen seiner Göttin sah. Ich muss gestehen, dass dieser Anblick faszinierend war; und wer weiß, vielleicht hat Bargh sogar Recht, dass seine Herrin der Feuer und Schatten dort, auf der Spitze des Berges, auf unsere Welt hinab schreiten will. Und vielleicht, nur wirklich vielleicht, kann sie mir Fragen beantworten. Fragen, die ich mich selbst nicht traute laut zu stellen.

Wir erfuhren von den Leuten weitere Legenden über den Linnerzährn und die Irrlingsspitze. Es heißt, dass sich ein Portal in den Berg nur dann öffnet, wenn der Linnerzährn sein Licht über ihn ergießt. Ich überlegte kurz und erschrak: Offenbar bleibt er nur wenige Wochen am Himmel und verschwindet dann wieder für die nächsten 23 Jahre. Eile war also geboten, wenn ich meine Antworten erhalten wollte.

Wir hielten uns nicht lange auf. Schnell packten wir unsere Rucksäcke mit Verpflegung. Bargh übergab sein Pferd in die Obhut von Raimir Gruber und so machten uns auf den Weg. Wieder durch die Dunkelheit, wieder durch Kälte, wobei es wesentlich wärmer geworden war, seitdem der Komet am Himmel stand.

Wir verließen das Tal des Dorfes und folgten dem Fluss. Die Nacht sah gespenstisch aus in dem gelben Licht. Der Schimmer überstrahlte inzwischen sogar den Mond und die Felsen, denen wir uns näherten. Alles verwandelte sich in eine unwirkliche Kulisse – so als ob die Farben einem Spiel aus Licht und Dunkelheit gewichen wären. Als wir uns weiter der Felswand näherten, die einen Engpass zwischen Weg und dem Fluss Fireldra darstellte, wurde unser Pfad von einigen großen Felsbrocken unterbrochen. Halbohr sagte, er würde von dort ein merkwürdiges Schmatzen hören. Also schlich er sich über die Felsbrocken weiter nach vorne. Aber schon nach kurzer Zeit kehrte er wieder zurück. Eine riesige Kreatur befand sich wohl auf dem Weg, hinter den Felsbrocken. Mir schauderte zwar etwas, aber Bargh würde wohl auch mit so einer Kreatur schnell fertig werden. Vorsichtig schlichen wir uns alle an die Kreatur an. Als Halbohr von einer großen Kreatur sprach, erwartete ich etwas, das vielleicht einen Kopf größer als Bargh war. Was ich aber dort sah ließ mein Blut gefrieren. Die Kreatur, bei genauerem Hinblicken offenbar weiblich, war nicht nur groß, sondern wirklich gewaltig. Bestimmt vier bis fünf Schritt hoch, fett, und von einer abscheulichen Hässlichkeit, die einem den Magen nochmals umzudrehen vermochte. Sie kniete vor einem Haufen von Leichenteilen und biss gerade genüsslich in ein Bein irgendeiner Kreatur. Sabber und Schleim tropfte herab. Uns hatte sie den Rücken zugewandt. Plötzlich ging alles schnell. Halbohr stieß seinen Dolch der Gestalt in die Rückseite; Bargh stürmte heran und ließ sein Schwert sausen. Ich selbst beschwor die mir unbekannte Macht, auf dass sie mir flammende Speere schenke.

Die Kreatur torkelte auf den Abgrund neben dem Felspfad zu, als Stahl und Feuer tiefe Wunden in sie rissen. Sie stürzte in die Tiefe und in Richtung der reißenden Wasser der Fireldra. Doch noch im Todeskampf blickte sie flehend auf den Vorsprung, der bergwärts von dem in den Felsen geschlagenen Weg emporragte. Ich selbst verstand es nicht, doch Bargh und Halbohr zogen mich in den Schutz der Felswand. Als ich dem Blick der Kreatur folgte, sah ich es: Dort, am Rand der Felswand und etwa vierzig Schritt über uns, standen drei weitere dieser Kreaturen. Doch diese waren noch größer. Und tatsächlich, die Gestalt, die wir erschlagen hatten, hatte etwas Kindliches an sich gehabt. Dort oben befanden sich die Eltern und vielleicht ein Bruder, die mit wütendem Brüllen den Tod ihrer Tochter beobachtet hatten. Die Mutter schien ihren Verstand verloren zu haben, blutiger Schaum und Geifer bildete sich um ihr riesiges Maul, fast wie die Tollwut der Bären auf dem Friedhof. Ohne Vernunft ließ sie sich einfach auf uns fallen, um uns mit ihren Massen zu zermalmen. Zum Glück verfehlte sie uns um Haaresbreite. Wir hörten das Knacken von Knochen, das Reißen von Sehnen, als sie auf das Geröll schlug. Halbohr nutzte den Moment und schnitt ihr die Kehle durch, während sie versuchte sich aufzurappeln. Im halbdunklen Zwielicht des Kometen sah ich ihren gewölbten, fleischigen Körper zu Boden sinken, wie ein nasser Sack. Ein dunkler Blutregen sprühte aus ihrer zerschnittenen Kehle und blutige, geborstene Knochenstümpfe ragten aus ihren Fettmassen hervor. Wir saßen in der Falle und die einzige Flucht ging weiter den Felsenweg entlang. Also stürmten wir vorwärts über die Felsbrocken und liefen in ein Waldstück. Bargh gab kurze Befehle. Er wies mich an einen Felsen zu erklimmen, während Halbohr sich verstecken sollte und die Gestalten hinterrücks erlegen sollte.

Es sollte auch nicht lange dauern, bis das Donnern der trampelnden Schritte der Riesen zwischen den Bäumen hallte. Einige der alten Fichten begannen sich zu biegen, als der erste der beiden zwei verbleibenden Monster - ich kann nicht sagen ob es ein Bruder oder der Vater war - näherkam. Der Riese trampelte auf Bargh zu, der sich wiederum am Fuße des Felsens postiert hatte. Ich konnte dort hinabschauen und glaubte, in meinem Grauen unseren Untergang zu sehen. Doch Bargh kanalisierte die Macht seiner Herrin direkt in den Stahl seiner Klinge und auch ich bat wieder meinen unheimlichen Verbündeten um Unterstützung. Mit unseren Feuern konnten wir auch dieses Geschöpf erledigen. Plötzlich erstrahlte ein feuriger Schein vom Gipfel der Irrlingsspitze. Der obere Teil des schneebedeckten Berges schien mit einem Mal in Flammen zu stehen und eine gewaltige feurige Säule schoss dem Kometen Linnerzährn entgegen. Einen Moment später krachte der gewaltige Donner des Schauspiels auf uns herab und brachte unsere Ohren zum Klingeln. Wir konnten die Hitze der Flammen spüren. Selbst hier, wo wir doch noch so weit weg waren.

Die dritte Kreatur schien davon nicht beeindruckt zu sein. Sie stürmte auf uns zu, blind vor Wut und Haß. Diese Wut und diese Raserei, wir konnten sie alle spüren. Ich konnte deutlich sehen, wie sich auch vor den Lippen Barghs Schaum bildete. Halbohrs Gesicht verzerrte sich, doch er konnte sich noch kontrollieren. Auch ich spürte die Wut - entfernt wie ein leiser Schrei, schwach aber dennoch furchtbar anzuhören. Bargh hieb mit seinem Schwert auf die letzte Gestalt. Immer und immer wieder, selbst als diese schon zu Boden gegangen war. Mit den letzten Hieben hackte er ihr den Kopf vom Hals, als ob er einen Baum fällen würde.

Unser Blut gerät mehr und mehr in Wallung. Jeden Schritt, den wir auf die unheilvolle Spitze der Schneeberge zutun, ein wenig mehr. Ich gestehe: Ich fürchte mich. Nicht vor Monstern oder Wegelagerern. Das sind Ängste, die schnell wieder vorbeigehen. Nein, ich fürchte mich vor dem, was mich dort erwarten könnte. Ich fürchte mich vor den Antworten, die ich erhalten könnte. Ich weiß nämlich selbst noch nicht, ob mir diese auch gefallen werden.

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Sitzung 49 - In die Dunkelheit
« Antwort #50 am: 14.01.2023 | 10:00 »
Das geisterhafte Licht des Linnerzährn schien durch die Fichten auf uns herab und warf seine langen und unheilvollen Schatten über die stinkenden Leiber der Riesen. Ich konnte auf meiner Haut die Macht spüren, die von dem Schimmer ausging. Überall prickelte es und es war nicht der Kampf und auch nicht die Nähe meines geheimnisvollen Verbündeten. Kein einziger Tierlaut war zu hören, nur das Rauschen des Flusses, der durch die Schneeschmelze immer mehr anschwoll. Zudem das ständige Grollen der Flammen, die fortlaufend aus den Gipfeln der Irrlingsspitze schossen und förmlich von dem Kometen aufgesogen wurden.

Wir folgten dem Weg weiter bergauf, während der Fluss neben uns langsam zu einem reißenden Strom angeschwollen war. Je weiter wir ihm folgten, desto tiefer wurden die Fluten. Selbst einige Bäume konnten dem Wasser nicht mehr standhalten und wurden, mitsamt ihren Wurzeln, einfach mitgerissen. Wahrscheinlich wäre es Selbstmord, wenn wir versuchen würden hinüber zu schwimmen. Wir mussten aber auf die andere Seite, wenn wir weiter in die Richtung der Irrlingsspitze gehen wollten.

Während wir nach einigen Stunden der Wanderung am Fluss eine Pause eingelegt hatten, schlich von hinten eine schwarz gekleidete Gestalt auf uns zu. Halbohr bekam es direkt mit der Angst zu tun und versteckte sich hinter einem Baum. Doch es war nur die Gestalt Atahrs. Offenbar hatte er es vorgezogen, uns alleine mit den Riesen fertig werden zu lassen. Hier, in dem Licht des Linnerzährns, sah seine schwarze Haut aus wie dunkler Stein. Für mich wirkte es, als wolle Atahr einen Spaziergang machen. Seine federnden Schritte und sein Wanderstock ließen ihn schon fast fröhlich wirken. Doch wenn man genau hinschaute, sah man auch in seinem Gesicht die Anspannung, die Wut und ich denke auch das Kribbeln, das wir alle spürten.
Nachdem das Gefühl des Kampfes abgeklungen war, wurde es wieder ersetzt durch das eintönige Wandern. Immer weiter ging bergauf. Doch es fühlte sich an, als ob wir der Irrlingsspitze keinen Schritt näherkommen würden. Die Nacht wurde immer tiefer, obwohl ich das gar nicht so genau sagen konnte, da das Licht der Linnerzährns alles in sein gelbes feuriges Licht tauchte. Bargh und Halbohr fingen schon an sich eine Lagerstätte zu suchen. Dabei hatte ich ihnen schon so oft gesagt, dass wir uns beeilen müssten. Vor allem wollte ich das Laufen endlich hinter mir haben; auch wenn meine Füße langsam zu schmerzen begannen. Aber anscheinend meinten sie es ernst und suchten sich einen Unterschlupf unter einem großen Felsen und einigen Wurzeln. Und alleine weitergehen wollte ich auch nicht.

Zum Glück hatte Bargh noch etwas von seinem Weinvorrat. Der Wein tat gut, wesentlich besser als das Bier in dem Gasthaus. Der Wein wärmte meinen Bauch und meinen Kopf. Trotz des in Flammen gehüllten Berggipfels war es immer noch bitterkalt. Bargh erzählte Atahr von einer alten Geschichte, die er erlebt hatte. Offenbar hatte er schon früher mit dem elfischen Volk mit der dunklen Haut zu tun. Aber seine Geschichte hörte sich so an, als wenn es keine schöne Begegnung gewesen wäre. Er nannte sie Dunkelelfen und anscheinend beten sie Spinnen an, wie widerlich! Auch Bargh war dies wohl zuwider, denn er begann ein Gebet zu seiner Göttin anzustimmen. Als er sein Schwert zog, aus dessen Klinge immer noch die Schatten zu bluten schienen, war es, als ob selbst das unwirkliche Licht des Linnerzährns etwas dunkler würde. Es war, als ob alles um ihn herum in leichte Schatten getaucht würde. Ich ertappte mich dabei wie ich ihn fasziniert anstarrte. Diesen Krieger mit all seinen Muskeln und seinen Narben. So stimmte ich ein in sein Gebet, obwohl ich die Worte nicht kannte und damals auch noch nicht verstand. Aber was mich wirklich wunderte war, dass mein Verbündeter, den ich sonst nur spürte, wenn ich ihn um Hilfe anflehte, irgendwie viel näher war als sonst.

Mit grübelnden Gedanken legte ich mich in meine Ecke dieses Loches und schlief direkt ein. Doch wieder störten unruhige Träume meinen Schlaf. Ich träumte, dass ich irgendwo im Dreck lag und tausende kleine Kreaturen über meinen Körper liefen. Ich war starr vor Angst und konnte mich nicht mehr bewegen. Die kleinen Kreaturen krabbeln über meine Arme und über meine Brust. Als ich spürte, wie die ersten über meine Augen liefen, schreckte ich hoch. Doch schien es diesmal kein Traum gewesen zu sein. Eine Schar von Ratten stürmte über unser Lager hinweg. Vielleicht wurden sie von dem reißenden Fluss, der in der Nacht noch weiter angeschwollen war, aufgeschreckt und retteten sich vor den Fluten. Wir lagen wohl im Weg. Ich ekelte mich vor den kleinen stinkenden Leibern und ihrem hohen und schrillen Quietschen. Wie ein unaufhaltsamer felliger Strom schwemmten sie über uns und verschwanden im ansteigenden Bergwald. Die Sonne war schon aufgegangen, also war es sinnlos sich nochmal hinzulegen. Eine weitere Nacht, die viel zu früh zu Ende gegangen war. Das kalte und karge Frühstück machte die Sache nicht besser. Also blieb uns nichts anderes übrig als weiter zu ziehen.

Der Fluss schien in der Nacht etwas von seinem Wasser in das Tal hinab getragen zu haben. Jedenfalls stand die Fireldra nicht mehr so hoch wie noch am Abend vorher. Vermutlich hatten wir den Höchststand verschlafen. Die Leute in Wiesenbrück werden sich wundern, wenn ihre Deiche brechen. Wenn die Wassermassen und die mitgerissenen Bäume diese bersten lassen. Für uns war es gut, denn immerhin konnten wir jetzt leichter über den Fluss auf die andere Seite wechseln. Der Fluss hatte sich eine felsige Schlucht gegraben und hier und dort lagen einige, vor langer Zeit umgestürzte, Bäume über den Felsen. Atahr war offenbar ziemlich geschickt. Er nutzte einen Baum um auf die andere Seite zu klettern und band ein Seil dort fest. Über das Seil sollten wir wohl leichter auf die andere Seite gelangen. Halbohr dagegen fehlte einiges an Geschick. Er rutsche auf einer nassen Stelle auf dem Moos aus und hing kopfüber an einem Ast. Obwohl er nur einige Schritt über den schäumenden Fluten baumelte, musste ich kichern. Der bullige elfische Söldner machte nämlich einen unvorteilhaften Eindruck, als er um sein Leben kämpfte. Auch Atahr tuschelte etwas zu Bargh und ich hörte ihr Lachen. Doch die rauschenden Fluten der engen Felsenschlucht schluckten jedes Wort. Schließlich schaffte es Halbohr aber auch auf die andere Seite und wir konnten endlich unsere Wanderung fortsetzen.

Unser Weg wurde langsam immer steiler. Je höher wir kamen, desto kälter wurde es. Der Schnee, der weiter unten schon geschmolzen war, lag hier noch dicht über dem Wege. Selbst das Feuer des Kometen schaffte es nicht diesen zu schmelzen. Langsam aber sicher kamen wir den Felsen der Irrlingsspitze immer näher; wir stapften mittlerweile durch tiefen Schnee. Die Bäume lichteten sich zudem. Als die Sonne am höchsten stand und ihr Licht sich mit dem Licht Linnerzährns mischte, konnten wir sehen, dass unser Weg an einer Felswand endete. Dort eröffnete sich ein großes Portal mit Flügeln, Bolzen und Scharnieren wie aus dunklem Glas. Das immerwährende tiefe Grollen der Flammen war hier lauter und inzwischen konnten wir die Feuer riechen. Welche Urgewalten mochten wohl oben an der Spitze herrschen?

Vorsichtig näherten wir uns dem gähnenden Loch in die Dunkelheit. Halbohr, sich wohl seiner Fertigkeiten der Schurkenzunft besinnend, zog sich seine Schneeschuhe an und schlich leise einige Schritte voraus. Er sah tief im Schnee eingegraben eine Hand irgendeines armen Teufels hervorstehen, der wohl im letzten Todeskrampf versucht hatte sich frei zu graben. Er legte die Hand frei und fand unter der Schneedecke die Leiber von zwei, vielleicht drei Menschen deren Fleisch schon längst zu Eis erstarrt war. Atahr und Halbohr schlichen jetzt beide weiter zur Öffnung des Portals. Links und rechts davon türmten sich Geröll und Steine, doch der Weg direkt vor der Öffnung war frei. Die Schneefläche lag glatt davor. Das Grollen des Feuers schien jetzt nicht mehr nur von oben zu kommen, sondern auch aus dem Innern, irgendwo tief in der Schwärze, die sich hinter dem Portal eröffnete. Oder war das nur ein Echo? Atahr fasste seinen Mut zusammen und ging einige Schritte in den Tunnel hinein. Halbohr wartete auf Bargh und mich, bis wir bei ihm waren. Als ich zum ersten Mal in den dunklen Tunnel hineinblickte, bekam ich es wieder mit der Angst zu tun. Ich ließ mir natürlich nichts anmerken. Ich wollte nicht das kleine Kind sein, um das sich alle kümmern müssen und dem niemand etwas zutraut. Also nahm ich meinen Mut zusammen und schritt hinter Halbohr und Bargh ebenfalls hinein. Wenn sich uns jemand in den Weg stellt wird er schon die Klinge von Bargh zu schmecken bekommen.

Ich konnte Atahr schon gar nicht mehr sehen, denn das Licht drang nur wenige Schritte vom Eingang herein. Bei diesem Gang hatten sich die Erbauer wohl richtig Mühe gegeben. Der Stein sah so aus, als ob er in feinster Arbeit aus dem Fels gehauen wurde. Ich sah Halbohr noch in dem schwachen Licht, wie er über den Boden kroch und die feinen Steinritzen mit seinen Fingern abtastete. Wieder musste ich leicht in mich hinein kichern. Verstand ich doch noch nicht, was Halbohr wieder vorhatte. Doch da hörte ich von weiter vorne, vermutlich war es Atahr, einen unterdrückten, kurzen Schmerzenslaut. Und nur einen Moment später erhob sich Halbohr und hielt seine Hände hoch. Ich selbst konnte zwar nichts sehen, in dem schwachen Licht, doch er flüsterte uns zu: Dass hier überall auf den Boden unsichtbare Stachel liegen würden. Vermutlich war Atahr genau in einen dieser Stachel hineingetreten.

Vorsichtig gingen wir weiter ins Ungewisse. Ich ließ mich von Bargh durch die Dunkelheit führen, während Halbohr den Boden für uns freiräumte. Nach einigen Schritten, ich kann mich gar nicht mehr erinnern wie viele, stockten wir. Unser Weg wurde vor uns versperrt. Von einer Mauer aus dunklen Steinen, die bis zur halben Höhe des Ganges gebaut wurde. Auf der Mauer, die bestimmt drei Schritt hoch war, ragten eiserne Speerspitzen nach oben, um die nochmal ein stacheliger Draht gewickelt war. Wenn wir weiterwollen, müssten wir hier hinüber.

Alles roch nach einer Falle, doch Atahr schien wieder seinen Mut beweisen zu wollen. Er kletterte als erster die Mauerstücke nach oben und zwischen den Speeren vorbei. Dahinter sah er, dass sich der Gang in eine breite und große Halle eröffnete und in der Mitte der Halle eine weitere dieser befestigten Mauern stand. Doch Atahr konnte nur für einen Sekundenbruchteil einen Blick erhaschen. Plötzlich tauchten hasserfüllte Augen aus dem Nichts der Dunkelheit auf. Vier gewaltige Kreaturen waren plötzlich vor Atahr. Auf der anderen Seite der Mauer. Die Gestalten waren so riesig, dass sie selbst diese große Mauer spielerisch überragten. Mit eingefallenen Gesichtern und spärlichen grauen Haaren bedeckt, blickten sie auf Atahr und uns hinab und erhoben lange Lanzen. Atahr war starr vor Schreck als die grau-blauen Augenpaare der Kreaturen auf ihn starrten. In einer hässlichen Sprache, die ich nicht verstand, schrien sie irgendetwas. Sie rammten ihre Lanzen auf Atahr und durchbohrten ihn. Immer noch von Dunkelheit umgeben konnte ich zwar nichts sehen, aber ich hörte die Schreie Atahrs. Ich konnte mir vorstellen, wie die gespaltenen Klingen der Lanzen durch sein Fleisch drangen.

Bargh schrie mich an, ich solle meinen Verbündeten anflehen und diese Kreaturen verbrennen. Doch wie? Ich stolperte im Dunkeln und musste mich an ihm festhalten um nicht gegen die Wände zu laufen. Er schrie mich weiter an und ich schrie zurück. Ich war wütend und wusste nicht warum. Es waren nicht die Kreaturen; es war nicht, weil Bargh mich anschrie. Es lag einfach an diesem Ort und ich war wütend auf alles und jeden. Doch dann schrie Bargh, ich solle eine Fackel aus seinem Rucksack entzünden. Diesmal wusste ich, dass ich wütend auf mich selbst war. Dass jemand wie Bargh mich an so etwas erinnern musste.

Ich nahm also die Fackel und entzündete sie. Meine Augen waren für einen Moment geblendet, doch dann sah ich sie auch, diese riesenhaften, ekelerregenden Kreaturen, uns alle überragend. Atahr lag inzwischen regungslos vor der Mauer. Zwar konnte ich jetzt sehen, aber hell wurde es in dem Tunnel immer noch nicht. Die Wände selbst schienen das Licht in sich zu schlucken, so dass von der Flamme der Fackel nur ein schwacher Schimmer übrigblieb.

Mein Zorn brannte in mir und so sollten auch die Kreaturen verbrennen. Ich rief zu meinem Verbündeten und er schenkte mir flammende Speere die ich auf die Kreaturen schleuderte. Bargh feuerte mit seiner Armbrust tödliche Bolzen. Seine Geschosse und meine Feuer fuhren in die Verteidiger hinein, zerfetzten ihre Kehlen und verbrannten ihr Fleisch. Als sie tot umfielen, passierte jedoch etwas Merkwürdiges. Die toten Kreaturen schienen zu schrumpfen. Was übrig blieb, war nur ein Bruchteil von dem, was eben noch uns töten wollte. Sie erinnerten mich eher an die Geschichten des stämmigen Volkes der Unterberge.

Die letzte der Kreaturen fiel in sich zusammen, als ein weiter Bolzen von Bargh sich durch ihr Auge bohrte. Halbohr schloss zu Atahr auf, der zwar tiefe Wunden trug, aber noch am Leben war. Wir kletterten über den Wall und es gab jetzt keinen Weg zurück. Es konnte keinen Weg zurückgeben. Halbohr ging wieder voraus und näherte sich dem zweiten Wall. Uns war allen klar, dass dies eine Falle war und tatsächlich, als Halbohr gerade auf den zweiten Wall hochklettern wollte, erschienen ein weiteres Mal, wie aus dem Nichts, mehr dieser riesenhaften Kreaturen. Diesmal waren wir jedoch vorbereitet. Zwar hieben sie ihre Lanzen tief in den Körper Halbohrs, der sich nicht rechtzeitig weg ducken konnte, doch Bargh und ich gewährten ihnen keine Gnade.

Ihre stinkenden Leiber schrumpften zusammen, wir ihre Kameraden zuvor. Dort lagen sie nun in ihrem Blut. Ihre bleiche Haut, durchsetzt von blauen Venen, ihre ausdruckslosen Augen und ihre grauen und weißen Haare. Ihr Aussehen machte auf mich den Eindruck, als hätten sie das unterirdische Reich nie verlassen. Ihre fauligen Zähne und der modrige Gestank nach Erde und Stein, ließen mich an die Wurzeln alter kranker Bäume denken. Doch keine Zeit für weitere Gedanken. Der Weg unter die Irrlingspitze, in die Innereien des Berges, schien frei zu sein. Dann aber hörte Halbohr mit seinem guten Ohr leises Flüstern und Atmen. Gezischelte Töne der Sprache dieser Kreaturen. Wer konnte schon wissen, wie viele dort noch auf uns lauerten und welches Schicksal uns hier erwartete.

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Sitzung 50 - In die Tiefe
« Antwort #51 am: 21.01.2023 | 19:03 »
Gebannt starrten wir auf die flackernden Lichter, die meine Fackel über die Barrikaden warf. Das Spiel der Schatten, was die Speere und das Drahtgeflecht erzeugten, war gespenstisch anzusehen. Ich konnte dabei zuschauen, wie die dunklen Mauern dieser Halle das Licht in sich aufzusaugen schienen. Der Anblick ließ mich erschaudern. Trotz der Kälte trat mir der Schweiß auf die Stirn. Die vielen Male, bei denen ich die Hilfe meines Verbündeten erbeten hatte, kamen mit einem Preis. Meine Kräfte waren am Ende.

Um uns herum lagen die zusammengeschrumpften Leiber der getöteten Angreifer und verströmten einen Geruch des Moders verfaulter Höhlen. Die Leiber, die noch vor wenigen Momenten riesengroß erschienen und uns mit ihren Speeren aufspießen wollten, waren jetzt klein. Sie reichten selbst Halbohr nur noch bis zur Brust. Bargh und Halbohr begannen die blass-häutigen Kreaturen zu durchsuchen. Sie fanden ein kleines Amulett, das einen daumennagelgroßen Kristall in der Mitte hielt, der aussah wie eine Kriegspicke. Anscheinend kannte Bargh dieses Symbol und erzählte uns, dass es das Symbol von Laduguer war. Offenbar eine Gottheit dieser Kreaturen. Laduguer, so berichtete Bargh, stand für die absolute Gehorsamkeit eines Kriegers, als auch für den Hass gegen alle anderen Rassen. Nun, für uns wohl umso besser. Sollen sie sich doch in ihrem blinden Gehorsam allesamt in das Schwert von Bargh stoßen, dann könnten wir endlich weiterkommen. Ich dachte wieder kurz an die Worte von Halbohr, dass er Stimmen und Atmen gehört hatte. Wie lange wollten die beiden denn noch die stinkenden Kadaver durchsuchen? Wir müssen weiter, verstehen sie das denn nicht?

Doch auch ich erkannte, dass Halbohr noch schwer verwundet war von dem Stoß der Stangenwaffe und vermutlich einen weiteren Kampf nicht lange überleben würde. Auch Bargh bemerkte dies und bot an die Wunden mit Hilfe seiner Herrin schließen zu lassen. Im Gesicht Halbohrs arbeitete es, da er wohl nicht sonderlich darauf erpicht war, irgendwann einmal den Preis entrichten zu müssen, den diese Hilfe mit sich bringt. Ich hatte noch immer nicht verstanden, warum Halbohr sich darum so zierte. Wenn es ihm hilft und es ihm Vorteile bringt, warum sollte er nicht die Hilfe der Schwertherrscherin annehmen? Ich hatte sowohl bei Bargh und Neire gesehen, welche Macht sie einem offenbar gewährt. Aber Halbohr dachte pragmatisch: Wenn er die Hilfe nicht annähme, würde er sterben. Also willigte er ein und sprach zusammen mit Bargh ein Gebet auf Jiarlirae und pries ihre Dunkelheit und ihre Flammen. Halbohr musste seine Hand auf die Klinge Barghs legen und die Schatten, die aus dem Stahl bluteten, sahen so aus als würden sie direkt in das Fleisch Halbohrs eindringen. Ich glaubte kurz ein Zischen zu hören und Halbohr zuckte dabei auf. Doch seine Wunden begannen sich tatsächlich zu schließen. Als ein Blutstropfen von ihm auf den Boden fiel, sah es so aus, als würde dieser zu einer kleinen Schattenwolke verdampfen, als er den kalten Stein berührte. „Alles hat seinen Preis, auch eine elfische Seele“ waren Barghs Worte.

Ich betrachtete nachdenklich das Amulett der Kreaturen. Als ich damals von Zuhause geflohen bin, hätte ich nie gedacht, was für merkwürdige Geschöpfe ich kennenlernen sollte. Leise in Gedanken flüsterte ich den Namen: Laduguer…

Als ob meine Worte selbst das Unheil heraufbeschwören würden, hörte ich keuchende Geräusche von der zweiten Palisade. Riesige Rüstungen bewegten sich auf uns zu und ein ganzer Trupp der Kreaturen rückte in militärischer Manier näher. Einige schwangen ihre gigantischen Lanzenwaffen, andere abscheuliche Kriegspicken. In zwei Reihen versuchten sie Halbohr und Bargh in die Zange zu nehmen. Ich reckte den Kopf empor und blickte in die fahl-blassen Gesichter, die von bläulichen Venen durchzogen wurden. Panik überkam mich. Während Bargh und Halbohr sich den Gegnern stellten, versuchte ich aus dieser Halle zu fliehen. Ich sah die kalten, mordlustigen Augen mir folgen. Dann widmeten sich die Kreaturen wieder Bargh und Halbohr. Doch entweder durch die Kälte oder durch meine Erschöpfung konnten meine Finger keinen Halt an der Mauer finden. So blieb mir nur noch übrig mich in einer dunklen Ecke zu verstecken und auf das Beste zu hoffen.

Halbohr und Bargh kämpften tapfer. Die Klinge von Bargh spie nicht nur Schatten sondern auch Feuer in die geschlagenen Wunden. Den Kreaturen schien alleine der Anblick auf das Schwert Schmerzen zu bereiten. Und auch Halbohr schaffte es mit seinen Dolchen eine Schneise in die Pickenträger zu schlagen. Kreatur um Kreatur fiel zu Boden und auch diese schrumpften auf eine mitleidige Größe zusammen, als sie ihren letzten Hauch taten.

Schwer keuchend und aus tiefen Wunden blutend gelang es den beiden schließlich, auch die letzte dieser Abscheulichkeiten niederzustrecken. Halbohr wurde dabei besonders mitgenommen. Auch wenn es mir eigentlich egal war, glaubte ich nicht, dass er lange überleben würde. Doch sah ich auch in seinem Gesicht die Raserei auftauchen, die ich sonst eher bei Bargh bemerkt hatte.

Wir schleppten uns weiter durch die Hallen, wobei schleppen für mich zutraf. Jeder Schritt schien eine Meile lang zu sein und schmerzte bis in meinen Kopf hinein. Nach mehreren Gängen verließen wir schließlich diese gemauerten Hallen und gelangten in eine große, natürlich gewachsene Höhle. Das Licht meiner Fackel konnte nicht einmal die Decke erhellen. Einzig das Tropfen von Wasser aus der Entfernung ließ uns einen Eindruck erhaschen, wie weit diese Höhlen sich durch die Dunkelheit zogen. Vielleicht war dies eine Art Mine, denn ich erkannte Adern von verschiedenen Metallen und Kristallen im Stein. Unsere Füße bewegten sich auf nassem, moosigem Untergrund vorsichtig in die Höhle hinein. Einige Schritte voraus fanden wir eine steinerne Türe, die inmitten der Felswand eingelassen war. Vorsichtig und mit zitternden Händen untersuchte Halbohr die Türe und öffnete sie. Dahinter fand er einen kleinen gemauerten Raum, aus dem eine weitere Türe herauszuführen schien. Doch Halbohr traute dem Schein wohl nicht und das war auch gut so. Ein perfider Mechanismus war in die hintere Türe eingebaut, hinter der nur blanker Stein war. Offenbar wollten die Erbauer, dass man die zweite Türe öffnete. Dann hätte sich wohl der ganze Raum mit großen Steinblöcken verschlossen und wäre mit irgendetwas geflutet worden - auf dass man hier jämmerlich ertrank. Halbohr deaktivierte den Mechanismus und es schien so, als wenn wir hier etwas Ruhe finden konnten.

Ich ließ mich direkt an eine Wand dieses Raumes sinken. In meinem Kopf drehte sich alles und selbst die Augen taten mir weh. Halbohr und Bargh wollten noch einen großen Felsblock untersuchen. Sollten sie doch. Ich konnte und wollte keinen Schritt mehr machen. Es dauerte auch nicht lange und die beiden kamen wieder zurück. Offenbar hatten unter dem Felsblock noch die knöchernen Überreste einer Hand herausgeschaut. Sie hatten den Felsen zur Seite gerollt und fanden darunter das zerschmetterte Skelett einer humanoiden Gestalt eines Kriegers. Dieser hatte wohl erkannt, dass sein Tod nahte und seine letzten Gedanken auf Pergament geschrieben, welches unter den Knochen lag:

„Der JENSEHER hat den Quell seines Sehnens unter der Irrlingsspitze gefunden. Wenn sich einst das Tor in die Anderswelt öffnet, mag Niroth unreine Mächte beherrschen. Mächte, weit jenseits von schwarzer Kunst. Mächte, die den sterblichen Geist in die ewige Nacht treiben. Das Tor ist die Quelle seiner Macht; es reicht in ein fernes Reich hinter den Sternen – unverständlich für unseren Geist und wider jeden gesunden Verstand. Es gibt nur einen Weg: Niroth muss sterben und das Anderstor muss wieder seinem ursprünglichen Fokus zugeführt werden. Die Schlüssel sind die drei Kristallstücke, die wir einst aus den entlegensten Winkeln der Welt zusammenführten. Doch wir haben uns in IHM geirrt. Gnade unserer Seelen…"

Sie fanden auch einen Ring, auf dem der Name Adanrik in alten Runen eingraviert war. Ich erinnerte mich an die Geschichte, die Halbohr in den Ritzereien des alten Nußbaums in der Taverne gelesen hatte. Offenbar hatte sich die Gruppe, die 23 Jahren vor uns hier eindrang, zerstritten. Vielleicht hatte Niroth etwas gefunden was es wert war, sich seiner Kameraden zu entledigen.

Als die beiden wiederkamen und die Türe hinter sich verschlossen, war ich schon in einem halben Dämmerschlaf verfallen und auch Halbohr und Bargh konnte man ansehen, dass sie sich nach einer Rast sehnten. Ich hoffte diesmal endlich eine erholsame Ruhe zu finden, was mir wohl auch im ersten Moment beschert wurde. Doch als ich aufwachte und einige Stücke von den widerlichen eingetrockneten Pilzen aß, die Halbohr mir gab, fing plötzlich meine Hand an zu zittern. Mein Magen drehte sich und mit einem brennenden Würgen gab ich die paar Bissen wieder von mir. Auch Bargh verhielt sich komisch, sein Kopf zuckte immer zur Seite, doch schien er es nicht zu bemerken. Es war fast schon rührend, wie er sich um mich sorgte. Er glaubte, es würde mir helfen, wenn ich mit ihm zusammen zu seiner Herrin bete. Vielleicht mochte er dabei Recht haben, für den Moment dachte ich mir einfach nur, dass mich die Worte auf andere Gedanken bringen und meinen Magen etwas beruhigen können. So rammte er sein Schwert der Schatten und des Feuers in den Boden und zusammen sprachen wir seine heiligen Worte, die ich immer besser mit ihm sprechen konnte.

Halbohr hätte ruhig mit uns beten können, vielleicht hätte das auch seinen rastlosen Geist etwas beruhigt. Stattdessen brach er auf und erkundete die dunklen Höhlen, obwohl er immer noch viele offene Wunden an seinen Körper trug. Aber gut, soll er doch, wenn er hinterrücks überfallen wird, wissen wir wenigstens was auf uns wartet.

Halbohr verschwand in dem Netz von Tunneln, während Bargh und ich am Eingang unseres Unterschlupfes warteten. Es dauerte fast eine Ewigkeit, die ich damit verbrachte dem Atmen von Bargh zu lauschen und mir die Beine in den Bauch zu stehen. Dann tauchte Halbohr wieder aus der Dunkelheit auf. In seinem gegerbten Gesicht warf meine Fackel tiefe Schatten. Er erzählte uns kurz, dass sich vor uns ein weites Höhlensystem ausbreitete. In einer Kammer hatte er drei riesige Skelett-Kreaturen gesehen, in deren hohlem Brustkorb eine gleißende Flamme brannte. Er war klug genug sich von diesen fern zu halten. Auch fand er Verstecke der Vertreter des stämmigen Volkes, von wo aus sie uns erwartet hatten und uns überfallen konnten.

Und schon verschwand er wieder in der Dunkelheit und ließ uns erneut zurück. Diesmal wollten wir jedoch nicht mehr tatenlos herumstehen. Bargh zog mich an meinem Arm und zusammen folgten wir in die Richtung, in die Halbohr gegangen war. Was sich für Halbohr als glücklicher Zufall herausstellte. In der Ferne hörten wir plötzlich Kampfeslärm. Bargh stürmte voraus und fand Halbohr, wie er vor einer skeletthaften Gestalt zurückwich. Der Angreifer war gekleidet in alte, verstaubte Roben. Ein rötliches Glühen brannte in den leeren Augenhöhlen und die knöchernen Finger streckten sich nach Halbohr aus. Bargh trat der Gestalt entgegen und rammte sein Schwert in die Knochen. Mit nur zwei Hieben zerbarsten die alten Gebeine und fielen in den Staub der Höhle.

Doch auch jetzt wollte Halbohr nicht auf uns warten, sondern schlich erneut in die Dunkelheit hinein. Wieder dauerte es lange und wieder mussten wir wartend zurückbleiben. Bis dann, nach einer halben Ewigkeit, Bargh meinte etwas zu hören. Irgendwelche Geräusche, aber weiter weg, weshalb er nicht sicher war, was er dort hörte. Ich selbst konnte zwar nichts vernehmen, doch bei dem Gedanken was Halbohr in der Dunkelheit aufgeschreckt haben könnte, wurde es mir wieder mulmig im Magen. Bargh zog mich mit und schritt in die Richtung der Geräusche. Wir passierten einen kleinen Seitenarm. Kamen die Geräusche hierher? Ich war mir nicht sicher, aber Bargh erkundete den Tunnel. Die Luft hier schien plötzlich viel kälter zu werden und ich bekam eine Gänsehaut. Vor uns lag eine geöffnete Türe, aus der geisterhafte Nebel von kalter Luft herausströmten. War Halbohr schon hier und hatte die Türe geöffnet oder hatte etwas anderes sie geöffnet? Wir sahen dahinter einen kleinen Raum, in welchem an Wand und Decke Fresken eingearbeitet wurden. Diese Fresken zeigten ein Inferno von Knochengestalten, die offenbar in ihrem eigenen Fegefeuer verbrannten. In dem Raum standen vier Sarkophage, die jedoch allesamt zerschmettert waren. In gesamten Raum waberten dicke Schatten über den Boden.

Bargh wollte gerade auf diese Türe zu gehen, als wir hinter uns Halbohrs Befehl „Halt!“ hörten. Der Söldner trug einige neue Wunden. Offenbar hatte er wieder Bekanntschaft mit einigen Kreaturen gemacht. Doch sein Ruf kam im richtigen Moment. Gerade als Bargh seinen Fuß wieder zurückzog, öffnete sich der Boden unter ihm und offenbarte ein gähnendes Loch. Dort erwarteten ihn aufblitzende Spitzen von Stacheln oder Speeren. Doch es war bereits zu spät. Die Düsternis des Bodens verdichtete sich und heraus wuchsen vier Gestalten. Wabernde Schatten umwoben die Kreaturen wie Umhänge, doch glaubte ich dahinter Gestalten mit einer Ähnlichkeit zu Atahr zu erkennen. Auch diese merkwürdig schwarze Haut, aber völlig verfault und mit glühenden Augen in dem Schädel. Sie glitten über das Loch im Boden und griffen uns mit ihrem verfaulten Klauen an. Die Kälte, die von ihnen ausging, war fürchterlich, doch ließen Bargh und Halbohr sich davon nicht beeindrucken. Sie stürmten nach vorne und hackten durch ihre verfaulte Haut. Als die erste der Kreaturen zu Boden fiel, lösten sich die Schatten um sie herum auf. Was übrig blieb war ein stinkender Haufen von Knochen. Eine weite fiel und ich fand neuen Mut. Ich flehte meinen Verbündeten an und er schenkte mir flammende Pfeile die ich auf die Wesen schleuderte. Eine weitere und schließlich die letzte Kreatur verwandelte sich in Knochen. Langsam verschwand auch die Kälte.

Ab jetzt gingen wir zusammen, auch wenn es Halbohr vielleicht nicht gefallen würde. Aber wir konnten es uns nicht leisten. Wer weiß schon, was uns in den weiteren dunklen Tunneln noch alles erwarten würde.

Offline Jenseher

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Sitzung 51 - Die Minenstadt
« Antwort #52 am: 28.01.2023 | 13:15 »
Immer noch fühlte ich die Kälte dieses Mausoleums, wie sie mir die Haare zu Berge stehen ließ. Vielleicht waren es aber auch die Bilder an den Wänden der kleinen Kammer. Die Bilder des Infernos, das dort durchaus sehr detailliert dargestellt wurde. Halbohr suchte gerade seine Dolche aus den Knochenhaufen zusammen. Als er sich bückte verzog sich sein Gesicht zu einer schmerzhaften Fratze. Einige der alten Wunden, aber euch neue, von denen wir immer noch nicht wussten woher sie stammten, platzen wieder auf.

Ich blickte auf das kleiner werdende Licht meiner Fackel. Jetzt weiter durch die dunklen Höhlen zu streifen, wäre vermutlich unser Tod. Zumindest der von Halbohr. Also beschlossen wir uns, noch für eine Nacht (war es überhaupt Nacht?) in den kleinen Raum zurückzuziehen, den wir schon einmal für unsere Rast genutzt hatten. Dort angekommen, betete Bargh zu seiner Herrin und bot Halbohr an, in sein Gebet einzustimmen. Es war schon interessant anzusehen. Erst sah es so aus, als ob Halbohr den Glauben von Bargh einfach nur ablehnen würde. Aber entweder sah er es ein, dass es Vorteile mit sich bringen würde oder er begann seine Meinung zu ändern. Tatsächlich betete er mit Bargh und zuckte kurz zusammen, als der Krieger mit dem verbrannten Gesicht ihm seine Hand über das verstümmelte Ohr legte. „Freien Geistes bin ich bereit in Feuer und Schatten zu schreiten und einen Teil von mir zu geben. Jiarlirae, oh Schwertherrscherin. Ich huldige ihren Namen“. Erst die tiefe Stimme von Bargh. Dann die kratzige Stimme Halbohrs. So priesen sie ihren Namen und an der Stelle, an der Bargh das Ohr Halbohrs anfasste, fing es leicht an zu zischen. Kleine Rauchschwaden stiegen dort auf. Doch Halbohr verspürte anscheinend keine Schmerzen. Im Gegenteil: Einige seiner Wunden begannen sich zu schließen, als ob sie mit einem heißen Eisen kauterisiert würden.

Während der Rast suchten mich wieder unheilvolle Träume heim. Diesmal waren es keine Ratten oder anderes Getier. Diesmal träumte ich, dass ich in der Höhle lag. Begraben von Splittern eines dunklen Glases. Überall auf meinem Körper kroch grüner Schleim meine Haut empor. Ich spürte das leichte Kribbeln und in meinem Unterbewusstsein wurde mir klar, dass dieser Schleim mich langsam aber sicher verdaute. Was noch schlimmer war: Ich fühlte weder Schmerz noch Angst, sondern eine Art von Glücksgefühl mit jeder Zelle, die sich auflöste und Teil des Schleimes wurde.

Der Schrei von Bargh ließ mich aus dem Traum hochschrecken. Er selbst schlief noch und es sah so aus als, ob er im Traum ertrinken würde. Als er aufwachte, war er völlig verwirrt und stammelte davon, dass er in einem See von Schlamm versunken wäre. Ich wusste nicht, was mich mehr beunruhigte: Bei lebendigem Leibe von irgendeinem Schleim verdaut zu werden oder dass es mir nichts auszumachen schien. Ich hoffte nur, dass wir möglichst schnell wieder aus den Höhlen herauskommen und ich die Antworten finde, die ich schon so lange suchte. Ich wusste noch nicht, wie sehr ich mich irren sollte.

Wir verließen ein weiteres Mal unser Versteck in der kleinen Kammer. Dies bedeutete ein weiterer Tag weniger Zeit für uns, bis der Schein des Linnerzährns wieder verblassen würde. Halbohr schlich sich auf seinen Elfenfüßen aus unserem Versteck. Bargh und ich waren wieder dazu verdammt, in der Dunkelheit auf Zeichen von ihm zu warten. So stapften wir weiter durch Höhlen und Tunnel, bis Halbohr irgendwann wieder zu uns zurückkehrte. Er sagte, er habe eine Höhle gefunden, die zur Hälfte völlig mit Schlamm bedeckt wäre. Offenbar verbirgt sich in unseren Träumen ein Funken Wahrheit. Und so musste ich direkt an den Traum Barghs denken. Aber die Neugierde von Bargh war anscheinend viel größer als das mulmige Gefühl, was der Traum ihm gab. Obwohl ich eher glaubte, dass er einfach zu stolz war auch nur das leichteste Anzeichen von Angst zu zeigen. Halbohr und Bargh vergaßen auch jetzt wieder, dass wir keine Zeit zu verlieren hatten. Sie begannen die Höhle zu untersuchen.

Tatsächlich war der hintere Teil der großen Kaverne ein einziger See mit Schlamm. Gebannt starrten wir auf die Oberfläche. Doch nichts rührte sich, nicht mal die geringste Bewegung. Halbohr nahm einen Trank, von dem er der Meinung war, dass er ihm das Atmen unnötig machen würde. Ich hielt es immer noch für unsinnig und unnötig, aber wenn er meint sich in den Schlamm stürzen zu müssen, soll er doch. Er band sich ein Seil um seinen Körper und mit einem widerlichen Platschen ließ er sich in den stinkenden braunen Schlamm herab. Es dauerte eine Zeit, bis er sich wieder aus dem Schlamm-See erhob - ein Klumpen aus Dreck und Matsch. Nur in entferntester Weise war Halbohr zu erkennen. Allerdings kam er nicht mit leeren Händen. Offenbar war irgendwo auf dem Grund des Schlamms ein Paar Armschienen aus einem merkwürdigen Glas verborgen gewesen. Dieses dunkle, rauchige Glas kam mir bekannt vor. Leicht durchsichtig, aber hart, war es schwer wie Stahl.

Halbohr machte sich notdürftig etwas sauber, wobei er jetzt fürchterlich nach modrigem Matsch und Nässe stank. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie wir alle mittlerweile rochen. Hatten wir doch bereits seit einigen Tagen kein richtiges Bad mehr genommen. Halbohr verschwand wieder in die Dunkelheit, doch diesmal dauerte es nicht so lange bis er wiederkehrte. Offenbar hatte er einen Gang gefunden, der an einer Steintüre endete. Von dort hatte er Gestalten hören können. Durch eine Art Guckloch hatte Halbohr diese als unheimliche Vertreter des stämmigen Volkes identifiziert. Wir schmiedeten einen Plan, so dass wir uns vorsichtig an diese Türe anschleichen wollten und versuchen würden sie zu überraschen. Soweit so gut. Tatsächlich kamen wir unbehelligt in die Nähe der Türe. Trotz eines Leuchtkristalls, der den Gang in ein schwaches kühles Licht hüllte. Halbohr machte sich daran das Schloss dieser Türe zu öffnen. Ich hielt meinen Atem an und versuchte mich zu konzentrieren als langsam die Türe aufgezogen wurde.

Doch dann überschlugen sich die Ereignisse: Nur einen Wimpernschlag später standen wie aus dem Nichts vier weitere dieser hässlichen Kreaturen in der Türe und zielten mit großen Armbrüsten auf uns. Halbohr konnte gerade noch von der Türe aufschauen, als das Surren der Bolzen durch den Tunnel hallte. Einige davon trafen Halbohr und Bargh, doch ich glaubte, dass Bargh nur darauf gewartet hatte. Das heimliche und vorsichtige Vorgehen ward wider seine Natur. Mit einem Brüllen stürmte er nach vorne. Seine Klinge aus Schatten und Feuer hoch erhoben. Der merkwürdige Stahl traf auf das fahle, von bläulichen Venen durchzogene Fleisch der Gestalten und die Schatten entzündeten sich. Schreiend fielen die ersten unserer Gegner, während ich selbst mit der Hilfe meines Verbündeten dafür sorgte, dass sich ihre Kehlen zusammenschnürten. Röchelnd standen sie dort, als Halbohr seinen Dolch mit den nordischen Runen in ihre Kehle rammte.

Bisher lief es gut für uns, keiner dieser niederen Kreaturen konnte uns das Wasser reichen. Doch dann machten sich die anderen in dem Raum angriffsbereit und wie schon so oft nutzten sie ihre Kraft, um sich auf enorme Ausmaße zu vergrößern. Mit ihren gigantischen Stangenwaffen stürmten sie auf uns zu. Ich wich Schritt für Schritt zurück und sah aus dem Augenwinkel eine kleine Gestalt hinter mir. Erst dachte ich diese feigen Kreaturen wollten uns umzingeln. Aber dann fiel mir auf, dass die Gestalt anders aussah. Er war klein, hatte aber nicht diese von bläulichen Venen durchzogene blasse Haut. Nicht nur sein Gesicht war rundlicher, sondern auch ein Bauch war zu erkennen. Die Gestalt murmelte irgendetwas. Ich wollte die anderen warnen, als plötzlich vor uns der gesamte Raum in einer gewaltigen Feuersbrunst unterging. Wir spürten die Hitze auf dem Gang und wir hörten die Schreie der Kreaturen, als sie bei lebendigem Leibe verbrannten. Einige versuchten an Bargh und Halbohr vorbeizukommen, doch die beiden stießen sie wieder zurück in die Flammen, wo sie das Schicksal ihrer Kameraden teilen konnten. Bei dem Anblick stimmte Bargh ein verrücktes Lachen an und stellte sich den brennenden Kreaturen entgegen. Vermutlich um sicherzugehen, dass keiner hier lebend herauskam. Seine massige Gestalt warf vor den Feuern einen langen Schatten in den Gang und die lodernden Flammen schienen ihn nicht zu berühren. Es war, als bog das Feuer um ihn herum, während mir selbst, obwohl ich noch weiter weg stand, die Haut von der Hitze brannte.

Doch so schnell die Flammen gekommen waren, so schnell ebbten sie wieder ab. Übrig blieben die rauchenden, stinkenden Kadaver dieser Höhlenbewohner. Auch die Gestalt, die ich wegen des Feuers aus den Augen verlor, erschien wieder vor mir. Tatsächlich konnte dies kein Angehöriger der gleichen Rasse sein. Er war dicklich und älter und machte auf mich einen eher verwirrten Eindruck. Seine schon ergrauten Haare standen wirr von seinem Kopf ab und die dicke Nase ragte inmitten eines faltigen Gesichtes hervor. Er fing an etwas zu brabbeln. In einem merkwürdigen Kauderwelsch. Dabei zuckten sein Mund und sein Kiefer mit jeder Silbe, als wenn er ihn nicht unter Kontrolle hätte. Nachdem wir ihn alle fragend anstarrten, dämmerte es ihm offenbar, dass wir ihn nicht verstehen konnten. Er fing an in der gemeinen Zunge zu sprechen. Auch das war schwer für uns zu verstehen, da seine Worte und seine Aussprache eine eigenartige Färbung hatten.

Der Fremde stellte sich als Ortnor Wallenwirk vor. Nun, das waren auch erstmal die einzigen sinnvollen Worte, die aus seinem Mund kamen. Danach hatte er nichts Besseres zu tun, als mich zu beschimpfen - diese kleine hässliche Missgeburt. Nannte mich Mädchen, dumm und dilettantisch. Ich hatte nicht wenig Lust diesem kleinen Wicht zu zeigen, wie dilettantisch ich bin, wenn ich ihn kochen ließe. Oder noch besser, soll er mal richtige Bekanntschaft mit Bargh machen. Bargh schien meine Gedanken zu erraten. Er trat vor den Wicht in all seiner Größe und Stärke und nahm ihn wie ein Spielzeug in seinen großen und starken Händen. Die Schatten, die sein Schwert blutete, lechzen wohl wieder nach einem Opfer und begannen bedrohlich die Gestalt von Ortnor einzuhüllen. Auf einmal wurde er ganz freundlich und wir waren keine Dilettanten, Nichtskönner, Idioten oder Dummköpfe mehr. Ich halte für mich fest: Ortnor ist ein Wicht und ein Feigling zugleich. Ich hoffte, dass Bargh in zerquetschen würde, doch leider beruhigte sich der heilige Krieger Jiarliraes wieder und ließ ihn herab.

Ortnor erzählte uns, dass wir wohl gerade vor einem Außenposten dieser Kreaturen standen, die er als Duergar bezeichnete. Er selbst stamme von einem Volk, das er die Svirfneblin nannte. Offenbar hatten die beiden Völker schon seit langer Zeit eine Blutfehde, denn er ließ während seiner Erzählungen keine Gelegenheit aus, die Duergar als Abschaum zu beschimpfen. Er erklärte uns, dass sich hinter diesem Vorposten eine noch recht junge Minenstadt erstrecke, die tief in den Berg der Irrlingsspitze hineinführe – von ihm Unterirrling genannt. Dort bauten die Duergar ein Erz ab, dass er als Ne‘ilurum bezeichnete. Es war jenes merkwürdige Glas, aus dem auch die beiden Armschienen gefertigt wurden, die sich inzwischen an meine Unterarme schmiegten. Und, so fuhr er fort, stehe diese Minenstadt auch nur in den Diensten eines wohl noch größeren Reiches, dass er Urrungfaust nannte. Er hatte auch den Namen Waergo gehört, ein Krieger aus der Gruppe der Abenteurer, die sich vor 23 Jahren vor uns aufgemacht hatten, die Geheimnisse des Berges zu enträtseln. Jedoch war wohl dieser Waergo von seinem eigentlichen Plan abgekommen und hatte sich stattdessen zum Anführer der Minenstadt hochgearbeitet. Das besondere hierbei war, dass er nicht zum Volk der Duergar, sondern zum stämmigen Volk der Schneeberge gehörte. Diesem Volk begegneten die Duergar wohl seit jeher mit Hass und Verachtung. Von den Geschichten über den Linnerzährn und das Portal wusste er auch nichts Genaueres. Nur die Legenden über das graue Volk waren ihm bekannt, das sich in längst vergessener Vergangenheit ein Domizil im Irrling baute. Und die Legende des Eingangsportals nach Unterirrling, das sich nur öffnen sollte, wenn der Linnerzährn sein Feuer auf den Berg spie.

Er bot uns an uns zu begleiten, doch als er seinen Plan erklärte, kochte ich vor Wut. Er meinte, ich solle mich als minderbemittelte Sklavin ausgeben und dass er mich zum Verkauf anbieten würde! Was dachte dieser kleine Wicht sich nur! Ich würde mich von ihm bestimmt nicht rumschubsen lassen oder gar anfassen lassen. Was diese Kreaturen auch immer mit Sklavinnen machen würden. Ich dachte mir schon, dass Halbohr diese Idee vermutlich wunderbar finden würde, doch Bargh würde bestimmt auf meiner Seite sein. Mit Halbohr hatte ich tatsächlich Recht. Natürlich fand er es toll. Vielleicht sehnte er sich insgeheim danach, selbst der Sklavenherr zu sein. Doch ich täuschte mich in Bargh. Er ließ sich von Halbohr und diesem Ortnor überreden. Auf mich wollte ja keiner hören. Vermutlich hätte Bargh mit mir zusammen auch alleine all diese Kreaturen abschlachten können. Na gut, wenn sie es so haben wollten, sollten sie alleine klarkommen. Ich würde ihnen nicht mehr helfen, sondern die Sklavin spielen. Ortnor holte ein Tuch aus seinem Rucksack und schleuderte es in die Luft, wo es wie durch Zauberhand hingen blieb. Er schlüpfte dahinter, wie durch einen Vorhang. Man hörte hinter dem Vorhang ein Poltern und rumpeln, und nach einiger Zeit kam Ortnor wieder zum Vorschein, mit einigen alten Lumpen. Wer weiß woher er die hatte. Sie zogen mir die nach Öl stinkenden Lappen über und nahmen die Sachen, die ich bei mir trug. Lächerlich! Ich sollte eine Prinzessin aus der Oberwelt spielen und Ortnor würde mich auf einem Sklavenmarkt verkaufen wollen. Bargh und Halbohr sollten zwei Söldner darstellen, die Ortnor beschützten.

Ortnor führte uns durch den Vorposten hindurch in das Gangsystem. Schon bald stießen wir auf die ersten Ausläufer der Minenstadt. Vorbei an Schienen für Lorenwagen, sahen wir die ersten Arbeiter der Duergar. Sie schlugen mit ihren Meißeln das dunkle, glasartige Erz aus dem Felsen, das sich hier wie in Adern durch den Stein zog. Die Arbeiter selbst schienen sich nicht wirklich für uns zu interessieren, doch trafen wir schon wenig später auf Soldaten, die die Arbeiterschaft bewachten. Diese waren schon wesentlich interessierter. Jedoch trat Ortnor zu ihnen und sprach mit ihnen in der merkwürdigen Sprache, die anscheinend hier unter den Bergen gesprochen wurde. Was auch immer er ihnen sagte, es reichte offenbar. Die Soldaten ließen uns unbehelligt weiterziehen. Er führte uns näher in Richtung der Minenstadt und wir traten an einer Höhle vorbei, wo drei riesige achtbeinige Kreaturen an den Felsen gekettet waren. Vor ihnen lagen die Überreste von anderen kleinen Kreaturen, die diese schwarzhaarigen Spinnen genüsslich mit ihren Kieferzangen verschlangen.

Die Luft schien wärmer zu werden, als wir weiter durch die gehauenen Gänge schritten. In verrauchten Felsenkammern sahen wir die ersten Hochöfen, Hier verarbeiteten die Duergar ihr kostbares Erz. Es konnte kein Feuer sein, womit sie die Öfen betrieben, sondern irgendetwas anderes. Von den Essen ging ein gleißendes Licht aus, dass mir nach der langen Zeit in der Dunkelheit in den Augen brannte. Sie machten aus dem Erz Ne‘ilurum Stangen, die sie in großen Körben weiter lieferten. Dort war auch ein Apparat, den Ortnor als Aufzug bezeichnete. Damit konnte man offenbar nach oben oder nach unten fahren. Halbohr und Ortnor diskutierten, wie sie weitergehen sollten. Anscheinend wusste Ortnor auch nicht, welcher Weg zum Sklavenmarkt führte. Jemanden nach dem Weg fragen, wäre eine denkbar schlechte Idee gewesen. Sie entschieden sich einfach darauf zu warten, bis jemand den Aufzug in Gang brachte. Was auch bald geschah. Nachdem weitere Körbe dort eingeladen wurden, begann einer der Duergar wieder zu wachsen. Diese Fähigkeit scheint ihnen zu eigen zu sein, wie anderen das Laufen. Sie setzen es nicht nur für den Kampf ein. Der Duergar wuchs auf beachtliche Größe an und griff ein Seil über der Kabine des Aufzugs. Ein Seil, das wir nicht erreichen konnten. Dann setzte sich der Apparat rumpelnd in Bewegung. Keiner von uns konnte sagen wohin er uns führen würde und ob wir jemals wieder das Tageslicht erblicken würden.

Offline Jenseher

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Sitzung 52 - Waergo von Naarbein
« Antwort #53 am: Heute um 21:00 »
Wir lauschten dem Rumpeln und Knarzen der Apparatur, die sich in die Tiefe bewegte. Ab und an gab es ein kleines Krachen, als die hölzerne Plattform ins Wanken kam. Die riesenhaften Gestalten der Duergar rissen wechselseitig an dem Seil, so dass der Aufzug an den steinernen Schacht schlug. Ich selbst war noch gekleidet in die dreckigen und stinkenden Lumpen, die mir der kleine Wicht Ortnor übergestülpt hatte. Ich war mir sicher: Er, aber auch Halbohr hatten ihre Freude, wenn sie mich so erniedrigen konnten. Natürlich wusste ich, was sie damit bezweckten. Ich bin nicht dumm und verstand den Plan sehr wohl. Aber hätte nicht auch jemand anderes den Sklaven spielen können? Halbohr zum Beispiel? Einmal war ich mir sicher, dass ich dem runden Gesicht von Ortnor ein hässliches Grinsen entnehmen konnte. Ich blinzelte ihm böse zurück, gerade lang genug um ihm klar zu machen, dass er keine Spiele mit mir treiben konnte. Nur einen Vorteil sah ich in den stinkenden Lumpen. Mein eigener Geruch überdeckte jetzt den Schweißgestank der Tiefenzwerge.

Mit einem lauten Poltern und einem letzten Ruck kam der Aufzug zum Stehen. Wir hörten Geräusche von Hämmern und Schmiedearbeiten aus dieser Ebene. Durch die sich öffnenden Türen sahen wir hinter den dunklen Tunneln das Schimmern weiteren Hochöfen. Ortnor ging wieder voran, Bargh und Halbohr nahmen mich in ihre Mitte. Der Tunnel führte uns vorbei an mehreren kleinen Essen und Lagerstätten, wo sie ihr kostbares Ne‘ilurum in Stangen lagerten. Die meiste Zeit starrte ich meine Stiefel an, wie sie über den verrußten Boden stapften. Ortnor konnte ich nicht anblicken, sonst wäre ich vermutlich vor Wut geplatzt. Wir kamen schließlich zu einer weiteren Steintüre und hörten alle dahinter ein Gewirr von hunderten verschiedenen Stimmen sowie das Klimpern von vielen Münzen, die anscheinend den Besitzer wechselten. Ortnor hatte wohl etwas mit seiner Angst zu kämpfen. Er fing wieder damit an, uns als unfähig zu beleidigen. Ich sah deutlich das Aufblitzen von Wut in Halbohrs normalerweise eher gelangweilt dreinblickenden Augen. Wer weiß, welche Bilder er sich in seiner Vorstellung gerade auftaten - für Ortnor waren sie bestimmt nicht schön. Ich grinste heimlich in mich hinein, als Bargh aber auch schon mit seinen kräftigen Armen die steinerne Türe öffnete.

Als die Türe aufschwang wurden wir überwältigt vom Geruch und Geräusch einer wahren Masse von Duergar, Menschen und anderen Kreaturen. Grünliches, künstliches Licht, getragen von großen Steinsäulen, warf die Szenerie in einen fremden Anblick. Vor uns eröffnete sich eine riesige Halle, übersäht mit Zelten, Regalen und kleinen Emporen. Überall waren die seltsamsten Kreaturen, die die Tiefen der Eingeweide der Erde ausspucken konnten. Eine Geruchswolke von Kräutern, Tieren und Getränken waberte auf uns zu. Die Häute der Zelte und der Stände sahen aus wie schwarze Spinnfäden die zu dunklen, fast durchsichtigen Planen zusammengewebt wurden.

Ortnor schritt wieder voran, Bargh und Halbohr nahmen mich in die Mitte. So wir traten in die Halle ein. Es war fast so, als würden wir eine andere Welt betreten. Der größte Teil der Gestalten schien dem Volk der Duergar anzugehören. Ich fühlte ihre Blicke auf mir. Wie sie mich und auch die anderen mit ihrem überheblichen Hass anstarrten. Es gab hier auch einige wenige Menschen und auch einige Verwandte von Atahr. Elfen mit ihrer fast schwarzen Haut, violetten Augen und weißen Haaren. Als wir an einer Kreatur vorbeikamen, ist mir vor Furcht aber fast das Herz stehen geblieben. Diese Kreatur war anders als alles, was ich bisher gesehen hatte: Das humanoide Geschöpf hatte keinen Mund, sondern nur abscheuliche Tentakel, die dort emporzuckten, wo man normalerweise einen Mund vermutete. Rote, hasserfüllte Augen starrten mich an. Sie starrten nicht nur in meine Augen, sondern sie schienen direkt in meinen Verstand hineinzustarren. Und die Gestalt schien nicht nur zu starren, sondern es war mir, als wenn sie einfach nur zum Vergnügen mit meinem Verstand spielen würde. Zum Glück wurde dieses Wesen von einem anderen Besucher dieses Marktes abgelenkt und sein Blick ließ von mir ab. Zügig schritten wir weiter.

Wir bewegten uns zwischen den Ständen hindurch. Alles was das Herz begehrt und auch nicht begehrt wurde hier feilgeboten. Es gab verschiedenste Stände mit Kräutern, Nahrungsmitteln, Waffen und Rüstungen. Auch einfache Gegenstände wie Schüsseln und Töpfe, Teppiche oder nur kleine Pilze, die kunstvoll beschnitten wurden. An einem Stand gab es merkwürdige kleine Gerätschaften, von denen ich mir nicht vorstellen konnte, was man damit anfangen könnte. Als Bargh diese sah meinte ich in seinen Augen diese Lüsternheit zu sehen, die ich von ihm eigentlich nur kannte, wenn er betrunken war. Viele der Gegenstände, auch einfache Würfel oder andere Spielgeräte, waren aus dem Erz gefertigt, das sie hier unter dem Irrling abbauten. Und wir sahen auch Stände, an denen sie tatsächlich arme Wichte als Sklaven anboten. Einschließlich verschiedener Gerätschaften, um diese im Zaum zu halten. Über uns konnten wir erkennen, dass diese Halle eingerahmt war von einer Empore. Dort gab es keine Stände mehr, aber stattdessen sahen wir, dass dort weitere dieser gewaltigen achtbeinigen Biester entlang schritten. Auf Sätteln trugen die Spinnen Duergar, die mit wachsamen Augen den Markt beobachteten.

Ortnor erblickte auf dem Markt weitere Gestalten seiner Art. Diese, Svirfneblin nannte er sie, glaube ich, wirkten in diesem Getümmel etwas fehl am Platz, fehlte ihnen doch dieser immerwährende Hass auf alles andere. Die drei boten uns einen Unterschlupf in ihrem Zelt an, während Bargh und Halbohr sich weiter auf dem Markt umsahen. Also ließen sie mich allein zurück, in den Händen dieser kleinen Wichte. Na schön, wenn sie meinen. Allerdings wusste ich schon, dass ich für nichts garantieren könnte, wenn Ortnor wieder mit seinen Tiraden über meine Fähigkeiten anfängt. Zumindest von Bargh hätte ich besseres erwartet, aber auch er wurde vom Rausch des Handels gepackt.

Eine gefühlte Ewigkeit verging die ich damit verbringen musste, diesen kleinen dicklichen Kreaturen zuzuhören, wie sie in ihrer merkwürdigen Sprache schwatzten. Ich verstand zwar kein Wort, war mir aber sicher, dass sie sich insgeheim über mich lustig machten, wie ich dort in ihrem Zelt saß, in meinen stinkenden Lumpen. Natürlich würden sie es sich nicht trauen, offen über mich zu lachen. Aber jedes Mal, als sie zu mir blickten und sich wieder umdrehten, war ich mir fast sicher ein Lachen zu hören und ein Grinsen zu sehen. Plötzlich vernahm ich von außerhalb des Zeltes das laute Schlagen einer Türe. Ich hörte eine tiefe und dröhnende Stimme, wie sie schimpfte und offenbar Duergar-Wachen anbrüllte. Merkwürdigerweise aber in der gemeinen Zunge. Die Stimme lallte dabei und ich stellte mir vor, wie ein völlig betrunkener Duergar dort polterte und tobte. Halbohr, der zusammen mit Bargh zurückkehrte, erzählte später, dass ich gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt war. Allerdings war es kein Duergar, sondern ein Vertreter des stämmigen Volkes der Oberwelt. Doch erzählte Halbohr, dass seine Haut aussah, als wenn er kurz vor dem Tode wäre. Über und über war sein Gesicht mit eiterndem Schorf bedeckt. Die roten Haare wuchsen nur noch an einigen Stellen und unter seiner linken Schädelhälfte sah es so aus, als ob dort Maden oder anderes Getier krochen. Aber trotz seines Aussehens oder seiner Herkunft hatten die anderen Duergar Angst vor ihm und gehorchten jedem Wort. Dies musste dann wohl Waergo von Naarbein sein, einer der Abenteurer, die vor 23 Jahren wie wir aufbrachen um die Geheimnisse der Irrlingsspitze zu erkunden. Waergo hatte sich dann aber zum Anführer der Minenstadt von Unterirrling gemausert. Wenn auch der Rest der Geschichten stimmte, vor allem der Brief, den wir bei der zerschmetterten Leiche in der Höhle gefunden haben, dann hat Waergo einen der Schlüssel, um das Portal zu öffnen? Oder zu justieren? Mir wurde wieder klar, wie wenig wir eigentlich wussten, was es mit diesem Portal auf sich hat. Aber sei es wie es ist, unser Weg kreuzt den von Waergo. Ich war mir sicher, dass er uns nicht einfach so passieren ließe.

Halbohr sagte, er habe gesehen wie Waergo torkelnd auf die Empore stieg und dann hinter einer Türe verschwand; vielleicht sein Gemach. Ortnor hatte daraufhin eine Idee: Offenbar besaß er die Fähigkeit, sich durch Zeit und Raum zu bewegen und von einer Stelle direkt zu einer anderen Stelle zu gelangen. Allerdings müsse er sein Ziel einmal gesehen haben. Halbohr wurde auserkoren, dies zu ermöglichen. Er solle sich an den riesenhaften Spinnenreitern und den anderen Wachen vorbei schleichen und entlang der Empore bis zu der Türe gelangen. Diese solle er einmal kurz öffnen. Ortnor würde an der Wendeltreppe, die zu der Empore führte, warten. Dort habe er eine gute Übersicht, auch auf die Empore. Sobald Halbohr die Türe öffnete, würde er seine Fähigkeiten einsetzen und sich selbst, Bargh und mich dorthin bringen. Ich sah es in Halbohr Gesicht arbeiteten. Grübelnd kratzte er sich an den vernarbten Überresten seines Ohres und ich konnte sein Zögern tatsächlich verstehen. Alleine vorbei an den Wachen und wer weiß was sonst noch. Dass Ortnor erwähnte, eher nebenbei, dass es Geschichten gab, in deren einige Wachen sogar unsichtbar waren, machte die Sache nicht einfacher. Allerdings wurde es Halbohr schnell klar, dass wir keine andere Möglichkeit hatten. Also stimmte er zu und machte sich bereit.

Er mischte sich unter die Besucher des Marktes und verschwand aus unseren Blicken. Ab und zu sahen wir ihn zwischen den Schatten der Säulen auftauchen, wie er auf die Empore kletterte. Ich versuchte seinen Bewegungen zu folgen. Wirklich schaffte er es, sich geschickt von Nische zu Nische und von Schatten zu Schatten zu drücken. Einmal sah ihn ganz kurz auftauchen, wie er mit einem eingefrorenen Blick in die Leere starrte. Ich folgte seinen Augen, konnte aber nicht wirklich etwas erkennen, was ihn erschreckt hatte. Vielleicht war da ein kleines Flimmern in der Luft, mehr aber nicht. Hatte er einen unsichtbaren Spinnenreiter gehört? Ein weiteres Mal tauchte er auf. Direkt neben der Türe, die zu dem Gemach von Waergo führte. Ortnor hielt sich bereit und auch Bargh und ich selbst hielten die Luft an. Wie in Zeitlupe sahen wir, wie sich die Türe langsam öffnete. Wir hörten, wie Ortnor neben uns arkane Formeln murmelte. Es war genau abgepasst: Wir konnten gerade noch von dem Markt einen kurzen Blick auf den Raum werfen, als wir von der Magie Ortnors durch die Dimensionen geschleudert wurden. Es fühlte sich merkwürdig an, als ob irgendetwas einen packen würde, durch einen dichten Nebel schleudern und unsanft auf den Boden werfen würde. Ich brauchte einen Moment um wieder klar denken zu können, doch dann sah ich mich tatsächlich in dem Raum stehen und Bargh und Ortnor neben mir.

Das Zimmer, in dem wir auftauchten, war von einer Art Vorhang getrennt der aus dunklen Schuppen irgendeines Tieres der Unterreiche gemacht wurde. Doch war es nicht Waergo, der uns in dem Raum erwartete, sondern einer seiner Untergebenen. Der Duergar saß an einem Tisch und studierte irgendwelche Papiere. Wir sahen schon, wie Halbohr sich in den Rücken der Gestalt schlich, als diese mit unserem Erscheinen aufsprang. Plötzlich ging alles sehr schnell. Der Duergar konnte zwar noch nach Waergo rufen, doch das Schwert von Bargh hieb auf die Gestalt ein. Sein Blut spritze auf, als der Hieb tief in seinen Leib drang. In einem letzten Akt des Todes schaffte er es, seinen Speer, der neben ihm lag, Bargh ebenfalls tief in die Brust zu rammen. Bargh schrie vor Schmerzen, doch entfachte der Schmerz auch seine Wut. Mit einem Gebrüll holte er aus und richtete seinen Widersacher mit seinem Schwert. Die Schatten der Klinge begannen sich zu entzünden und hüllten den schwarzen Stahl in einen Schein von Feuer. Der Hieb traf den Duergar am Hals und fuhr ohne zu stoppen durch ihn hindurch. Das Klatschen, als der abgetrennte Kopf auf den Boden aufschlug, hatte fast schon etwas Belustigendes. Bargh keuchte schwer von dem Stich des Speeres, doch Halbohr verlor keine Zeit und schob den Vorhang etwas zur Seite. Dahinter offenbarte sich ein weiterer Raum, mit einem Tisch, auf dem wir etwas ähnliches wie eine Karte sahen, mitsamt mehreren platzierten Figuren. Auch hier war alles aus Ne‘ilurum gefertigt. An einigen Stellen waren zudem mit weißer Farbe Augen und Tentakel auf den Tisch gemalt. Doch konnten wir uns von der zur Schau gestellten Dekadenz nicht ablenken lassen. Wir hörten das Poltern hinter einer weiteren Türe. Diese war zwar auch aus Stein, jedoch war sie mit schwarzer Farbe angemalt, so dass sie sich deutlich von dem restlichen Gemach unterschied. Die Türe flog auf und heraus kam die Gestalt Waergos. Jetzt sah auch ich das, was bisher nur Halbohr erzählte. Früher mag es wohl mal ein stattlicher Vertreter seiner Rasse gewesen sein. Jetzt konnte man es nur noch erahnen. Sein rotes Haar wuchs nur noch an einigen wenigen Stellen. Der Rest sah aus, als wenn er bei lebendigem Leibe verwesen würde. Schorf und Eiter bedeckte die kahlen Stellen und unter der Haut pulsierte es so, als ob wirklich irgendetwas unter der Haut leben würde. Das waren wohl die sogenannten „Hauttiere“, die von Waergos Gesicht speisten und vor denen uns Ortnors neue Freunde gewarnt hatten.

Mit grimmigem Gesicht erhob Waergo seine Axt und sein Schild. Das Ne’ilurum, aus dem beides geschmiedet war, glitzerte beängstigend in dem schwachen Kerzenlicht des Raumes. Auch seine Rüstung bestand aus den Platten dieses seltsamen Unterreicherz. Er stellte sich Bargh, doch haftete sein Blick auf Ortnor und seine Augen lechzten nach dem Blut des Svirfneblin. Bargh versuchte den Moment auszunutzen und erhob sein geweihtes Schwert. Die Schatten begannen sich wieder zu entzünden und feuriger Odem tropfte wie Magma hinab. Barghs Muskeln spannten sich, als er die Klinge auf Waergo hieb, doch dieser brachte seinen Schild hervor. Waergos Lachen ging in dem Geräusch von Stahl unter, als das Schwert an dem Erz abprallte. Aber Bargh stand ihm nicht alleine gegenüber. Halbohr schaffte es sich hinter Waergo zu bewegen und stach zielsicher seine Dolche zwischen die Lücken seiner Rüstung, während ich selbst meine feurigen Pfeile auf ihn schleuderte. Waergo wendete sein Gesicht zu Halbohr und spie ihm ins Gesicht. Ich dachte erst, er wolle ihn nur verhöhnen, doch dann sah ich, dass sich in seiner Spucke eine weiße dicke Made befand, die jetzt versuchte durch die Glieder des Kettenhemdes von Halbohr zu gelangen. Dieser streifte sie, zum Glück für ihn, schnell genug ab und zertrat sie auf dem Boden.

Es entbrannte ein erbitterter Kampf. Waergo erwies sich als mächtiger Krieger. Geschickt wehrte die Hiebe von Bargh und auch die glitzernden Kugeln, die Ortnor auf ihn schleuderte, ab. Letztere zerplatzen mit einem Knall auf seinem Schild und liefen wie schwarzer Schleim herunter. Wieder und wieder hieb Waergo mit seiner Axt nach Bargh und viel zu oft schnitt die schwarze Klinge aus Ne‘ilurum in das Fleisch des Kriegers hinein. Ein besonders kräftiger Streich traf ihn in den Arm. Bargh schwankte und für einen Moment sah es so aus, als könnte er nicht einmal sein Schwert halten. Doch der schwarze Griff des Schwertes schmiegte sich wie von selbst um seine Hand. Aber auch Waergo wurde unseren Hieben und meinem Feuer verletzt. Es war Halbohr der ihm den hinterhältigen Todesstoß versetzte. Sein Dolch fand seinen Weg zwischen den Panzerplatten seiner Rüstung direkt in sein Herz. Er röchelte und fiel mit dumpfem Aufschlag auf den Boden - in die Lache seines eigenen Blutes.

Zeit zum Verschnaufen blieb uns jedoch keine. Schon kurz nachdem das letzte Zucken von Waergos totem Körper aufhörte, hörten wir von außen schon die Rufe der Wachen. Wir erstarrten alle, sahen wir uns doch schon mit der gesamten Minenstadt konfrontiert. Aber obwohl Ortnor ein widerlicher kleiner Wicht war, handelte er blitzschnell. Er schaffte es seine Stimme so zu verstellen, dass sie wirklich der von einem der Duergar ähnelte. Irgendetwas rief er in ihrer Sprache. Was es war konnte keiner von uns verstehen, aber offenbar gaben sich die Wachen damit zufrieden und kamen nicht in den Raum hinein. Dennoch durften wir keine Zeit verlieren. Schnell schafften wir die beiden toten Körper zusammen und versuchten zumindest die gröbsten Spuren des Kampfes zu beseitigen. Halbohr und Bargh zogen die beiden in das Gemach von Waergo hinein. Dieses Gemach schien das Zimmer eines Wahnsinnigen zu sein: Wände, die Decke, der Schrank, der hier stand und Stuhl und Bett waren mit schwarzer Farbe bemalt. Nur ein Tierfell auf dem Boden war aus reinstem Weiß, so dass es einen fast blendete. Eine weitere Türe führte aus dem Raum heraus. Doch wäre es Selbstmord gewesen, jetzt einfach ins Ungewisse zu stürmen. Bargh blutete aus einer Vielzahl von Wunden und konnte sich kaum auf den Beinen halten.

Mehr durch Zufall bemerkten wir lockere Bretter auf der Rückseite des Schrankes. Dahinter eröffnete sich eine geheime Kammer. Diese war zwar recht klein, aber nicht leer: Einige Säckchen lagen auf dem Boden und da war eine kleine abgeschlossene Schatulle, die kunstvoll mit Marmor verziert war. Halbohr vergaß wohl für den Moment die Gefahr, in der wir schwebten und widmete sich den Gegenständen. Dem Schloss der Schatulle schaffte er es zwar nicht habhaft zu werden, jedoch fand er in den Säckchen neben einer gewaltigen Menge von Münzen und Edelsteinen und einen kleinen Stab, der in Gänze aus einem roten Saphir bestand. Augenblicklich begannen Ortnors Augen zu blitzen: Dies war wohl eine der drei Kristallkomponenten, die auch in dem Brief von Adanrik erwähnt waren. Zumindest waren die Strapazen also nicht umsonst. Wir verschanzten uns zusammen mit den Leichen in der kleinen Kammer, verwischten unsere Spuren und brachten die Bretter wieder an. Mein Herz blieb fast stehen als, wir nach einiger Zeit wieder Stimmen hörten. Wachen der Duergar, die sich mit der Erklärung von Ortnor wohl nicht mehr zufriedengaben und nachschauten, was geschehen war. Doch fanden sie nichts oder ließen sich nichts anmerken. Wir hielten alle den Atem an und lauschten den Schritten und leisen Stimmen, bis sie nicht mehr zu hören waren. Ich kann nicht von mir sagen, dass ich besonders erleichtert war. Wusste ich doch nicht, was sie vielleicht gefunden haben und welche Schlüsse sie daraus zögen. Unsere Nerven waren alle bis zum Zerreißen gespannt. Ortnor begann sogar mit sich selbst zu sprechen. Besser gesagt, mit sich selbst zu streiten. Ob er die Karte in dem Tisch des Vorraums verstehen würde und dass er leise sein sollte. Wenn sein Verstand verliert, sollten wir uns von ihm trennen. Bevor er uns mit seinem Wahnsinn mitreißt. Aber später, erst mussten wir hier herauskommen. Ob es besser oder noch schlimmer werden würde, würde sich schon bald zeigen.