Bei den Beispielen stimme ich dir völlig zu: Das sind ausdrückliche Utopien.
Gleichzeitig ist es insbesondere in der SciFi-Literatur sehr oft so, dass hinter den Kulissen der utopischen Gesellschaft nur eine dünne Decke von einer Dystopie trennt und sich das oft auch schon zeigt.
Utopie/Dystopie ist ja keine Dichotomie, das ist ein Kontinuum.
Um es mit Hannah Arendt zu sagen: Jede Ideologie kann sich in eine Tyrannei verwandeln (lassen).
Was für die Einen Utopie ist, ist für die Anderen Dystopie. (Um es an einem besonders plakativen Beispiel der Geschichte festzumachen: Die Nazis hielten ihr Gesellschaftsmodell für eine Utopie.)
Ein gelöstes Problem bedeutet nicht zwangsläufig, dass alle Probleme gelöst sind.
Ja - des einen Utopie ist des anderen Dystopie. So finde ich beispielsweise Thomas Morus'
Utopia nicht sonderlich attraktiv. Ich will nicht sagen, Dystopie, aber die dort geschilderte Gesellschaft kommt mir kalt und starr vor. Ein wenig wie der "real existierende Sozialismus", der ein besseres Beispiel als das Naziregime ist dafür, wie eine gut gemeinte Utopie in eine finstere Dystopie umschlagen kann. In der Science Fiction sind auch Geschichten beliebt, wo die geschilderte Gesellschaft auf dem ersten Blick utopisch zu sein scheint, sich aber hinter der schicken Fassade tiefe Abgründe verbergen, es sich also in Wahrheit um eine Dystopie handelt.
Auch in einem Solarpunk-Setting, in dem grundsätzlich eine positive(re) Stimmung herrscht, die (heute) drängenden Probleme der nächsten Zukunft gelöst sind, bestehen sehr sicher die üblichen Konflikte (des menschlichen Zusammenlebens auf unterschiedlichsten Ebenen) weiter, ohne dass es dadurch zu einem dystopischen System werden muss.
In der Folge ist es dann aber u.U. auch schwieriger, die typischen Abenteuer durch zu deklinieren, weil in einer Welt, die in Graustufen beschrieben wird, der klassisch plakative Gut/Böse-Konflikt (à la LotR, Star Wars etc.) entfällt.
In jeder differenzierten Gesellschaft gibt es konfligierende Interessen. Einfaches Beispiel: Frag einen Milchbauern und eine arbeitslose alleinerziehende Mutter nach dem fairen Preis für einen Liter Milch, und Du wirst zwei deutlich voneinander verschiedene Antworten bekommen. Eine gute Gesellschaft unterscheidet sich von einer schlechten darin, dass solche Konflikte partnerschaftlich ausgehandelt werden (im Beispiel des Milchpreises etwa über den Marktmechanismus). Und Technologien, die
null Impakt auf die Natur haben, wird es nie geben. Zwar belasten erneuerbare Energien die Umwelt weit weniger als fossile Brennstoffe oder Kernenergie, aber ihre Umweltbelastungen sind nicht gleich Null. Wo ein Windrad steht, kann kein Baum stehen, und wo ein Haus mit Photovoltaik auf dem Dach steht, auch nicht.
Wobei das ja eine Hoffnung wäre, die mit dem optimistischen Ansatz von Solarpunk ganz gut einhergehen könnte: in der Zukunft werden ausdrückliche Psychopathen und Leute mit ähnlichen ernsten Problemen öfter rechtzeitig erkannt und, soweit nicht sinnvoll therapierbar, von den Hebeln der Macht eben zumindest bewußt möglichst ferngehalten (ähnlich, wie man einen ernsthaft Alkoholabhängigen hoffentlich auch nicht einfach so mit in die nächste Bar nimmt). Anderen Probleme bereiten könnten sie dann allemal immer noch, aber eben nicht mehr so leicht im ganz großen Maßstab.
Ja. Es wird immer Leute geben, die Probleme machen, es ist nur die Frage, wie die Gesellschaft damit
umgeht. In einer guten Gesellschaft wird eben ein Hitler oder ein Trump (ich will die beiden aber
nicht gleichsetzen) einer geeigneten Therapie unterzogen, bevor er zum Regierungschef gewählt werden kann, und ein Alkoholsüchtiger kommt nicht so leicht an eine Flasche Schnaps. Wenn ich mir die Geschichte der Menschheit ansehe, bin ich da durchaus zuversichtlich, wir haben im Grunde genommen immer bessere Möglichkeiten gefunden, mit solchen Problemen umzugehen, auch wenn es immer wieder Rückschläge gab.