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Autor Thema: Daidalos - freies Rollenspiel  (Gelesen 3144 mal)

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Gast

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Daidalos - freies Rollenspiel
« am: 15.09.2002 | 15:40 »
Ich gehörte immer zu den Leuten, die nicht viel von Universalsystemen hielten, es gibt immer Systeme und Spielwelten, die sich der Erfassung durch ein Universalsystem entziehen, an GURPS scheiden sich die Geister, D20 tut dem ScienceFantasy-Flair von StarWars ganz grausige Dinge an und das Storytellersystem der weißen Wölfe ist dem Powerlevel von Exalted einfach nicht gewachsen. Ein Universalsystem, also ein System für alles, konnte für mich nicht funktionieren. Nun, ich habe mich geirrt…

"Daidalos" gelang das in meinen Augen Unmögliche.
Der Untertitel "freies Rollenspiel" ist durchaus doppeldeutig zu verstehen, "Daidalos" ist ein freies Rollenspiel, wird also von einem unabhängigen Autor, Jochen Eid mit Namen, zum kostenlosen Internetdownload angeboten, darüber hinaus ist es allerdings auch absolut frei von jeglichen Regeln: Es gibt keine Tabellen, keine Würfel, nicht einmal Charakterblätter. Einzig die Spieler setzten sich ihre Grenzen.

Für mich als Rezensenten stellt sich jetzt natürlich ein interessantes Problem:
Da "Daidalos" ein Universalsystem ist, also über keine eigene Spielwelt verfügt und es ferner keine Regeln gibt… über was soll ich dann hier schreiben?
Nun, viele werden jetzt vielleicht laut aufschreien: "Was? Ohne Regeln? Wie soll ich meinen Spielern da Grenzen setzten? Die tanzen mir doch auf der Nase rum!" Wer dieses Szenario tatsächlich befürchtet, der hat offensichtlich die falsche Gruppe erwischt, um "Daidalos" spielen zu können, denn dieses geht davon aus, dass Spieler und SL zusammen eine Geschichte erzählen wollen, in welcher die Charaktere der Spieler die Protagonisten sind, der Spaß erwächst hierbei aus dem Erleben einer spannenden Geschichte und dem überzeugenden Darstellen eines Charakters, bei entsprechenden Spielern wird es also niemals zu Ausschreitungen kommen, sie werden aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus nur innerhalb der Möglichkeiten ihres glaubwürdigen Charakters handeln und das Flair der gewählten Spielwelt sozusagen aus freien Stücken nicht verletzen. Wer also glaubt über eine entsprechend disziplinierte Gruppe zu verfügen, der kann im Prinzip schon loslegen.

Ich will jetzt einmal anfangen die Spielmechanismen nach denen "Daidalos" funktioniert näher zu erläutern.

Fangen wir mit der Charaktererschaffung an: Ich denke mir einen Charakter aus, mache mir ein Bild davon wer er ist, wie er aussieht und was er kann. Das war's. Keine konkreten Attribute, keine konkreten Fertigkeiten. Natürlich öffnet dies Munchkins scheinbar Tür und Tor, aber wer jetzt begierig beginnt sich seinen Supercharakter zu züchten, der hat die Idee hinter "Daidalos" schlicht nicht verstanden, es geht darum einen in sich stimmigen und glaubhaften Charakter zu spielen und nicht einen Alleskönner, der jedes Problem im Handumdrehen lösen kann.
Bereits bei der Charaktererschaffung wird deutlich, was "Daidalos" auszeichnet: Es wird auf einzig Beschreibungen gesetzt, so heißt es eben nicht "Beorn hat Schwertkampf auf 3 und Aussehen auf 2", sondern "Beorn ist mittlerweile durch die in vielen Abenteuern gewonne Erfahrung zu einem ganz passablen Schwertkämpfer geworden, der die meisten seiner Gegner nicht zu fürchten braucht, es aber beileibe noch nicht mit der Elite aufnehmen kann, leider haben die vergangenen Erlebnisse ihre Spuren hinterlassen und so manch hässliche Narbe verunstaltet seinen recht stattlichen Körper und ein Bad hat er wohl auch seit längerem nicht mehr genommen".
Mir gefällt diese absolute Freiheit bei der Erstellung meines Charakters ausgesprochen gut, die teils recht kruden Ergebnisse beim Auswürfeln eines Charakters, welches meiner Meinung nach ohnehin antiquiert ist, gehören der Vergangenheit an und ich muss mich auch nicht mehr auf irgendwelche Kuhhandel einlassen, um meinen Charakter so zu gestalten, wie ich es möchte, etwas wozu mich so manches Kaufsystem in der Vergangenheit gezwungen hat.

Der Ablauf des eigentlichen Spiels beruht auf der Annahme, dass Dramatik funktioniert, es geht also darum eine gute Geschichte mit spannenden Szenen zu erzählen. Unter dieser Prämisse werden dann auch "Fertigkeitsproben" absolviert: Der Spielleiter wägt ab ob es glaubhaft ist, dass der Charakter des Spielers eine bestimmte Aktion durchführen kann und inwiefern es mit der Geschichte korrespondiert, so wird ein Zeitungsfotograf eben nicht die Fassade eines Hochhauses hochklettern, ganz egal wie sehr der Spieler beteuert, sein Charakter sei in der Vergangenheit von einer Spinne gebissen worden, es sei denn natürlich man spielt in der Welt einer gewissen Comicreihe, deren Verfilmung gerade äußerst erfolgreich durch die Kinosäle dieser Welt flimmert…
Wenn der SL die Aktion eines Spielers allerdings aus Gründen der Dramaturgie untersagt, sollte er dem Spieler auch einen glaubhaften Grund dafür nennen, den Versuch eines professionellen Diebes ein Schloss zu knacken mit einem simplen "geht nicht" abzuschmettern ist einfach unglaubwürdig und atmosphäretötend.

Gast

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Re:Daidalos - freies Rollenspiel
« Antwort #1 am: 15.09.2002 | 15:41 »
Auch Kämpfe werden nach diesem Schema ausgetragen, sie sollen schließlich spannend sein und nicht zu einer Würfelorgie verkommen, die zwar hochrealistisch ist, aber nur unter höchstem logistischem Aufwand zu realisieren und an der lediglich eingefleischte Mathematiker wirklich Spaß haben.
Spieler und Spielleiter spielen sich während eines Kampfes gegenseitig die Bälle zu, jeder erzählt möglichst detailliert und atmosphärisch, wie sein Kampfbeteiligter handelt. Der Ausgang eines solchen Kampfes ist hierbei allerdings in der Regel kein Zufall und es gewinnt auch nicht derjenige, der seinen Gegenüber ob seiner Rhetorik und Fantasie an die Wand redet, stattdessen vergleicht der Spielleiter die kämpfenden Charaktere und meistens heißt es: The better one wins. Wer also mit einem zerlumpten Bauern, der ein Schwert gerade mal richtig halten kann, gegen einen gestandenen Krieger antritt wird diesem wohl kaum den Schneid abkaufen können, selbst wenn der Spieler zu tollen Beschreibungen greift wie "ich dränge ihn mit schnellen, gezielt ausgeführten Angriffen in die Defensive und warte dabei ab, bis sich mir eine Lücke in seiner Verteidigung offenbart" wird er wohl keinen Erfolg haben, denn was für den Bauern schnelle, gezielte Attacken sind, dürfte für den Krieger wie ein unkoordiniertes Herumgefuchtel anmuten für das er schon seit dem zweiten Akademiejahr nur noch ein müdes Lächeln übrig hat. Dem erzählerisch Rechnung zu tragen ist natürlich die Aufgabe des Spielleiters…
Natürlich kommt es in einem Kampf nicht nur auf die Fähigkeit der Charaktere an, es ist durchaus möglich, dass ein unterlegener Gegner einen überlegenen schlagen kann, dies wird ihm aber nicht gelingen, wenn er einfach zu Standardmanövern greift, ganz egal wie ausnehmend der Spieler diese beschreibt, er muss sich da schon etwas Besseres einfallen lassen um als Sieger aus dem Gefecht hervorzugehen, so würde eine handvoll Erde, die der Bauer dem Krieger im obigen Beispiel in die Augen wirft, die Situation ganz sicher zu Gunsten des Bauern verschieben.

Magie ist allen Rollenspielen stets etwas Mystisches und Geheimnisvolles ob es nun Magie im herkömmlichen Sinne ist oder Psi, wie es in vielen Sciencefiction-Spielen genannt wird, und dem versucht "Daidalos" Rechnung zu tragen.
Es gibt keine spieltechnische Erfassung von Magie, keine Regeln darüber wie sie funktioniert, die Grenzen eines Magiers sollten sich aus der gewählten Spielwelt ergeben, vielmehr geht es darum erzählerisch, das Flair der Magie herüberzubringen, Magiern etwas mystisches zu geben, sie mit Geheimnissen zu umgeben. Natürlich sollte dem Spieler eines Magiers klar sein, wie er Magie wirkt, aber eben nicht in der Form, dass er weiß, auf was er würfeln muss, sondern auf Charakterebene ein Bild davon hat, wie das funktioniert, was er gerade vorhat. Für nichtmagische Charaktere wirken die Taten eines Magiers jedoch wie Wunder, die sie sich nur teilweise oder auch gar nicht erklären können.

Diese vollkommen freie Auslegung von Rollenspiel ist natürlich das reinste Paradies für die von Robin D. Laws als "Storyteller" eingestuften Rollenspieler, aber auch die "Method Actors", also diejenigen, denen es den meisten Spaß macht ihren Charakter auszuspielen, sollten vollends auf ihre kosten kommen. Der völlig Verzicht auf Regeln ist natürlich auch der Grund, warum "Daidalos" für mich auch als Universalsystem funktioniert, es sollte wohl in jedem System möglich sein alle Würfelwürfe zu kippen und stattdessen den gesunden Menschenverstand regieren zu lassen, mal ehrlich: In der Praxis handhaben es die meisten Gruppen doch ohnehin so.

"Daidalos" liegen natürlich auch die obligatorischen Tipps bei, wie ich als Spielleiter eine ordentliche Geschichte auf die Beine stelle, doch sind diese Abschnitte hier wesentlich besser gelungen als bei einem Großteil anderer Produkte, wo ich im Prinzip mit Standardbinsenweisheiten abgespeist werde. Mit den hier gebotenen Informationen über das entwerfen und einbauen von Antagonisten oder Intrigen kann man teilweise wirklich noch etwas anfangen und viele der Tipps sind wirklich sinnvoll.

Das abschließende Fazit kann also nur positiv ausfallen:
"Daidalos" hat mich durch und durch überzeugt, es ist das wohl einzige Universalsystem, das wirklich universal funktioniert, darüber hinaus gefällt mir auch die Art wie hier ans Rollenspiel herangegangen wird gefällt mir außerordentlich gut und kommt der von mir präferierten Spielweise sehr nahe.
"Daidalos" hätte es in meinen Augen durchaus verdient in gedruckter und gebundener Form im Laden zu stehen.

Offline Grungi

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Re:Daidalos - freies Rollenspiel
« Antwort #2 am: 15.09.2002 | 17:08 »
Mir gefällt Daidalos auch sehr gut. Dennoch hat natürlich der Würfelwurf auch seinen reiz. Würde es gerne mal ausprobieren, aber versuche es bei meiner gruppe bald erst mal mit dem relativ freien Feng Shui(wobei man sagen muss dass die FS Charaktererschaffung eher das gegenteil von Daidalos darstellt).
« Letzte Änderung: 27.10.2002 | 01:19 von Grungi »
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Offline 8t88

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Re:Daidalos - freies Rollenspiel
« Antwort #3 am: 25.10.2002 | 23:01 »
Hmmm...
1. Warum im Laden, wenndu den Link hier Posten könntest   ;)

2. Ja, es ist interessant! Ich hab schon (vorher) auf der HP gelesen.

3. (Leider ?) Nicht ganz mein Fall. Als "Nootlösung" wenn man mal nichts dabei hat ganz ok, aber mir fehlt einfach der Zufall dabei.
Eine Ganze Runde könnt ich damit nicht leiten, habe aber in Diadalos mehrere "One on One's" hinter mir.

Bis dann!  8t88   :)
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Offline Der Narr

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Re:Daidalos - freies Rollenspiel
« Antwort #4 am: 27.11.2002 | 17:57 »
http://www.daidalos-rpg.de

Das beste der freien Rollenspiele!

Mir ist bisher nur ein kommerzielles Rollenspiel begegnet, das ähnliche Freiheiten lässt: Chronosaurus. Super System, kommt ebenfalls ohne Werte & Würfel aus, sondern gibt stattdessen nur Ratschläge zum Rollenspiel ohne eben besagte Hilfsmittel.
Buntes Rollenspiel. Gedanken, Anfänge und Abschiede rund um mein liebstes Hobby.

Spiele die ich mag: Arcane Codex — Basic Roleplaying — Beyond the Wall and Other Adventures — Lamentations of the Flame Princess — Marvel Heroic Roleplaying — Savage Worlds — Talislanta — Traveller
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Offline Samael

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Re:Daidalos - freies Rollenspiel
« Antwort #5 am: 30.11.2002 | 15:25 »
Keine Würfel? Keine Werte?

Nichts für mich.....
RPG-Interessen: WH40k RPG, Dungeons & Dragons, OSR games

Gast

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Re:Daidalos - freies Rollenspiel
« Antwort #6 am: 30.11.2002 | 20:01 »
Also mir gefällt es auch nicht, auch nach mehrmaligen Anschauen nicht und auf die kleinen bunten Würfel mag bei mir in der Gruppe auch niemand verzichten, schließlich wollen die Würfelfirmen auch Geld verdienen.

Offline Le Rat

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Re:Daidalos - freies Rollenspiel
« Antwort #7 am: 30.11.2002 | 22:03 »
Kann da nur Fudge empfehlen, da hast ein unglaublich flex. Ding und Würfel.

Offline 8t88

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Re:Daidalos - freies Rollenspiel
« Antwort #8 am: 3.12.2002 | 12:56 »
oder Gurps oder liquid oder Fuzion oder das uni system oder........ oder das.....

  ;)
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Gast

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Re:Daidalos - freies Rollenspiel
« Antwort #9 am: 5.12.2002 | 17:04 »
Auch wenn man Daidalos nicht als "System" verstehen will, so enthält es viele allgemeine Vorschläge, wie man sein Rollenspiel verbessern kann.

Mein Urteil: Absolut lesenswert für jeden Rollenspieler.