Wie findet ihr es, wenn Charaktere im Rollenspiel per Werkseinstellung "vom Schicksal erwählt" sind?
Ich habe schon folgende Argumente dafür gehört:
Allerlei Arten von Gummipunkten erfahren dadurch eine diegetische Erklärung (Beispiel Splittermond und die Mondsplitter)
Der Umstand, dass es immer wieder die Charaktere sind, die in Großes verwickelt werden, erklärt sich dadurch.
Es ist halt cool, was Besonderes zu sein!
Ich persönlich mag den Chosen-Trope gar nicht. Er vermittelt mir das Gefühl, dass die Charaktere (auf diegetischer Ebene) "cheaten", um Großes zu erreichen, dass sie mit einem goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen sind (und wahrscheinlich dann gleichzeitig über die Bürde von so viel Verantwortung jammern). Aber he, ich kann auch Harry Potter nicht leiden! Ich will nicht abstreiten, dass sich aus dem Topos mehr machen lässt, aber für mich ist er erstmal ein harter Abturner.
Meine Haltung zu den Pro-Argumenten ist:
Ich will sowieso keine diegetischen Gummipunkte! Das durchbricht für mich die vierte Wand. Gummipunkte sind ein Regelwerkzeug, in der Fiktion haben sie nix verloren.
Es bedarf für mich auch keine Erklärung dafür, dass die Charaktere immer wieder in Großes verwickelt werden. Andersrum wird ein Schuh draus: Wir spielen eben die Leute, die entgegen aller Wahrscheinlichkeit immer wieder der Ruf zum Abenteuer ereilt und die so drauf sind, dass sie ihm auch folgen. Das ist unwahrscheinlich, aber unwahrscheinliche Dinge passieren selbst in unserer Welt alle Nase lang. Dafür braucht es keine Schicksalsmächte, die irgendjemanden erküren. Ich frage mich genausowenig, warum wir gerade diese Leute spielen, wie ich mich in der Wirklichkeit frage, warum ich gerade ich bin, obwohl es so viele andere Menschen gibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich ich bin, liegt bei 100%. Die Wahrscheinlichkeit, dass den Charakteren in der Rollenspielrunde genau das passiert, was ihnen passiert, liegt bei 100% - ganz einfach.
Und: Es ist überhaupt nicht cool, von höheren Mächten zu was Besonderem erklärt zu werden (Nimm das, Harry!). Viel cooler ist es, einfach trotzdem zu rocken, oder auch nicht zu rocken, aber jedenfalls sein Ding zu machen. (Rock on, Sam Gamgee!)
Wer mag gegenreden? Wer mag zustimmen? Wer findet, dass die "Argumente" für mein Geschmacksurteil an der Sache vorbeigehen?
Okay- ich hole mal weit aus, in der Hoffnung dass ich irgendwie wieder zurück zum Punkt finde.
Mein Lieblingsmärchen ist König Drosselbart.
Es kommt ohne jede Magie, ohne klassischen Auserwählten und ohne Bösewicht aus.
D.h.über den Bösewicht kann man streiten: Warum muss ihr Vater die Prinzessin eigentlich überhaupt verheiraten, wenn sie das gar nicht will?
Und warum muss der Prinz sie dann auch noch verarschen und zwangsheiraten, wenn er sie doch eigentlich "liebt "?
Also nicht ihren Charakter, der ist ihm ja zu "aufmüpfig", sondern vorallem ihr Äußeres.
Ja, das muss echte, tiefe Liebe sein...:-)
Ok, zurück zum Thema:
Ja, das Thema mit dem Auserwählten ist abgedroschen. Und ja, es gibt wenige Märchen, wo es nicht so ist.
Schreib gleich mehr dazu
Edit folgt.
Ich glaube- der Sinn in diesem ganzen Auserwählten Thema ist letztlich, dass jeder Normalo (rein theoretisch) was besonders ist, oder sein kann. (Damit die Geschichte funktioniert)
Das kann auch per Zufall bzw. Laborunfall passieren.
Plötzlich hat jmd Superkräfte wider Willen.
(Spiderman)
Oder man hat Personal, das einen mit technischem Schnickschnack Super macht (Batman, James Bond)
Selbst Harry Potter wäre ohne Voldemorts Fluch nur ein ganz "normaler" Zauberer.
Aber jetzt kann er nicht anders.
Aragorn hätte auch lieber einen ruhigen Feierabend im Wald verbracht, dooferweise ist er mit den falschen Leuten verwandt.
Will sagen: Die wenigsten Auserwählten sind begeistert über ihre Bestimmung.
Sie kommen häufig aus der Nummer einfach nicht mehr raus.
Ein normales Leben ist ihnen schlicht nicht gegönnt.
Ihre Besonderheit ist gleichzeitig Ihre Bürde.
Im Prinzip geht es auch häufig um die Frage: Warum ausgerechnet ich?
Antwort: Weil es sonst keiner macht oder machen kann.
Gäbe es diesen Zwang nicht, könnte eine Figur jederzeit sagen: Ich steig aus, nicht mit mir.
Sollen die anderen machen.
Und damit das plausibel nicht geschieht, braucht es einen entsprechenden Leidensdruck.
Der kann natürlich auch rein innerlich sein.
Bei "Rache" oder "Rettungsaktionen" geht das häufig auch ohne Magie.
Die Figuren brauchen nur einen ausreichend guten Grund nicht aus der Story zu entkommen.
Im Märchen "König Drosselbart " gibt es auch eine Form von Zwang, nämlich den, der "Zwangsheirat".
Hier kann der Geschichte also auch nicht so leicht entkommen werden. Und Auserwählte gibt es ebenfalls, da die Prinzessin von einem ihr eigentlich unsympathischen Typ erwählt wurde.
Beziehungsweise ihr Vater sie zu diesem Schicksal " bestimmt " hat.
Edit 2.
Diesen, für die Geschichte notwendigen, Zwang kriegt man mit : "Weil besonders geboren"- eben relativ leicht hin.
Ist halt der Grund warum man lebt oder weil man so ist, wie man ist- gibt es keine Wahl.
Im Rollenspiel bräuchte man diese Zwänge per Geburt und Göttlicher Bestimmung, Fluch whatever nicht zwingend.
Was man aber immer braucht, ist ein guter Grund, warum die Figuren das Abenteuer mitspielen.
Und eben nicht einfach sagen: Keine Lust mehr, ich gehe dann.
Im Zweifel sind sie dann halt Normalos, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind.
Oder zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Es sollte nur (emotional)nachvollziehbar sein, warum sie, trotz aller Widrigkeiten und Gefahr für Leib und Leben bei der Stange bleiben.