Was kann man denn bei dem Spiel falsch machen?
Sehr berechtigte Frage.

Ne, es liegt daran, dass ich doof bin. Ich hatte das Spiel vor langer Zeit schon einmal gespielt und die Regeln falsch im Kopf (oder sie vielleicht falsch erklärt bekommen, das ist mein mentaler Rettungsanker), habe aber natürlich nicht noch einmal nachgelesen. Wir haben keinen anwachsenden "Kartentauschpool" zwischen den Spielern gebildet, sondern einen Ablage- und Nachzugsstapel. Was mega dumm ist.

Aber no hate pls, meine Frau hat mich schon ausreichend ausgelacht dafür.
Ich habe derweil
Brass Birmingham gespielt.
Ich ahnte schon, es ist nix für mich, aber in jedem Ranking ist es immer in olympischen Höhen, also musste ich dem Spiel eine Chance geben. Kurzfazit: Ich verstehe schon, dass es ein "vernünftiges und solides" Spiel ist, in das man sich reinknien kann. Es ist herausfordernd und hat originelle, bzw. intelligente Spielmechanismen. Es ist auch schon recht alt, da mag man noch etwas großzügiger auf alle Macken blicken, wenn man möchte.
Für mich hat sich aber bewahrheitet:
- Brass Birmingham ist komplett humorbefreit. Du spielst drei Stunden lang, und
unter Garantie lacht oder lächelt währenddessen niemand. Jeder spielt verbissen grübelnd vor sich hin.
- Es ist punishing, dass alles zu spät ist. ("Ach, du willst in Ipswitch etwas bauen? Ja, aber da fehlt dir leider die Ipswitch-Karte auf der Hand, sorry. Dann willst du stattdessen lieber in Farhampton etwas bauen? Oh je, oh je, kein Anschluss zum Kohlemarkt. Okay, dann bau halt einfach erst einmal eine Eisenmine? Tz tz tz, aber du hast ja bereits schon ein Gebäude in Fiddely-Dingdong-Town, dann geht das natürlich nicht." Usw. usf. ... meine Fresse!)
- Das Artwork ist sau hässlich, und da lasse ich mir auch nix erzählen.
- Eigentlich ist es ein flottes Spiel, da will ich nicht meckern. Die Züge spielt man im Prinzip schnell runter. Aber man ist halt gnadenlos in der Hand der EINEN Trantüte am Tisch, bzw. des EINEN Superstrategen, der alle 1000 Möglichkeiten durchdenken will, und dann kann man auch parallel mit den anderen Kniffel spielen, bis man wieder dran ist. Da das Spiel Grübeleien forciert, muss ich ihm dieses erhebliche Manko auch leider ankreiden.
Am gravierendsten wiegen für mich die folgenden Punkte:
- Undurchsichtige Siegpunkte-Suppe: warum gibt die erste Töpferei 10 Siegpunkte und die zweite nur einen Siegpunkt und die dritte wieder 10 (oder so)? Am Ende gewinnt irgendwer mit 171 zu 152 zu 146 Punkten. Warum auch immer. Danke, nein. Das ist mir zu dumm. Leb wohl, liebes Spiel!
- Das Spiel wirkt erst einmal wie voll der coole Engine-Builder. Es ist aber ein Spiel, bei dem es im Kern nur um Timing geht und wo man eigentlich, wenn man ehrlich ist, praktisch gar nicht sonderlich viel "aufbaut". Ich will aber bei einem Spiel um Frühindustrialisierung und Kapitalismus definitiv etwas aufbauen. Wir haben hier eine Art Andor-Effekt: Andor wirkt auf geradezu überwältigende Weise wie ein fetziger Abenteuer-Kracher. Andor ist aber ein zäher Grundrechenarten-Bullshit-Uhrwerk-Timing-Grind. Ich fühle mich durch solche Diskrepanzen, die sich aus der erweckten Erwartungshaltung und dem tatsächlichen Spielerlebnis ergeben, nicht abgeholt. Tut mir leid.
Ansonsten gilt alles, was der Tom Vasel von Dice Tower sagt, das deckt sich stark mit meiner Einschätzung.