Sodala, nun für diejenigen, die es interessiert: Warum wird Gary Gygax mMn überschätzt?
Was wahrscheinlich alle längst schon wissen: Gary Gygax war natürlich nicht derjenige, der das "Rollenspiel" erfunden hat. Diejenigen Elemente, die aus unserer Sicht heute Rollenspiel ausmachen, wurden Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre von einer Gruppe von Gamern um die drei Daves (Dave Wesley, Dave Arneson und Dave Megarry) etabliert. Das, was wir heute als Rollenspiel-Session bezeichnen würden, hatte seinen Anfang in den "Braunsteins" von Dave Wesley, die dann, als er zeitweise wegen eines Militäreinsatzes ausfiel, von Dave Arneson fortgefürt wurden. Das alles müdete dann schließlich in die "Medieval Braunsteins" von Arneson, aus denen die "First Fantasy Campaign", also Blackmoor entstand. Wir befinden uns hier im Spätjahr 1971, also noch fast drei Jahre, bevor D&D veröffentlicht wurde. Als Regeln nutzte Arneson ein Konvolut von Wargaming Regeln (ausgehend von einer neuen Art des Refereeing basierend auf Strategos) und CHAINMAIL, Brettspielen wie Fight in the Skies und Outdoor Survival und eigenen Entwicklungen, die dann die Basis für D&D bildeten. Arneson hatte dabei wahrscheinlich niemals die Absicht, ein Regelwerk zu veröffentlichen. So weit, so bekannt.
Angemerkt sei hier der Vollständigkeit halber noch, dass es parallel dazu auch zeitgleich verlaufende Entwicklungen anderorts gab. In Deutschland und Österreich war das z.B. eine kleine Gemeinde von Fantasy-Enthusiasten (in einer ansonsten extrem fantasy-feindlichen Sci-Fi-Community), die sich sogar noch vor den Twin City-Gamers Mitte / Ende der 60er Jahre spielerisch mit Fantasy beschäftigten (in einer Art, die wir heute evtl. als LARP-Schaukämpfe bezeichnen würden sowie natürlich mit dem berühmten ARMAGEDDON - dem ewigen Spiel).
Nun aber zu Gary Gygax und D&D:
Gary Gygax war derjenige, der nach einem Kontakt mit Arneson und seiner Gruppe sofort erkannt hat, dass man mit diesem neuem Spiel Geld verdienen kann. Gygax war zuvor bei seiner Versicherungsfirma rausgeflogen (angeblich, weil er in der Arbeitszeit Spiele designed hat - wers glaubt, wird selig...). Er war jemand, der sich in einer schlechten finanziellen Lage befand. Er brauchte unbedingt Kohle und wollte zudem sein Hobby zum Beruf machen. Erfahrung als Spieleentwickler und Herausgeber hatte er schon. Aber seine Erfahrungen beschränkten sich auf Wargames und Brettspiele. Die Greyhawk Kampagne begann er erst, nachdem er durch Arneson auf diese neue Spielweise aufmerksam gemacht wurde. Und die Regeln dazu kamen fast alle nicht von ihm, wie ich gleich weiter unten schildern werde.
Was wir also hier schonmal festhalten können: Gygax war die treibende Kraft hinter der Publikation, aber er hatte weder die Idee dazu, noch hat er es primär gemacht, um eigene Ideen zu veröffentlichen. Es ging vor allem um Kohle (was ja an sich nicht schlimm sein muss). Das wird alles in den hagiographisch anmutenden Abhandlungen zu seinem Leben etwas verschleiert. Klar, da wird schon dargestellt, dass er seine drölfzig Kinder und seine Frau vernachlässigt hat. Aber da wird halt dann gern suggeriert: er war halt zocksüchtig, kann man doch verstehen und so.
Was dagegen oft als unumstritten dargestellt wird: Gygax hat die wirren Gedanken von Arneson zu einem vollwertigen Regelset zusammengefasst. Und das stelle ich in Frage. Dafür müssen wir uns einige Regelelemente von D&D anschauen.
1) Am wichtigsten ist hier CHAINMAIL. Wahrscheinlich gleich in der ersten, spätestens in der zweiten Session der Blackmoor-Kampagne hat Arneson die CHAINMAIL-Regeln verwendet. Und da können natürlich alle sagen: schau her! Die sind ja von Gygax. Und da muss man gleich widersprechen: CHAINMAIL wurde nicht von Gygax designed, sondern nachweislich von Jeff Perren (dessen Name viel seltener genannt wird, als Gygax', vergleichbar mit OD&D, wo Gygax viel häufiger genannt wird, als Arneson). Wir könnten hier stundenlang über CHAINMAIL labern, aber grundlegend gibt es dort drei Kampfsysteme: das Troop-Type-System, das Man-to-Man-System und den Fantasy-Combat-Table. Das Troop Type System (das zentrale Kampfsystem von CHAINMAIL) kommt nachweislich von Perren, der es schon 1970 in seiner Gruppe verwendet hat. Er hat das aber nicht komplett erfunden, sondern ein System aus den 60ern von Phil Barker adaptiert. Im Internet dominiert die Meinung, Gygax habe dieses System dann erweitert. Das stimmt aber nicht. Die Man-To-Man Regeln sind ein Beitrag aus dem Domesday-Book-Fanzine (was Gygax herausgegeben hat) und die Fantasy-Regeln gehen zurück Regeln, die Leonard Pratt 1970 für ein Mittelerde-Wargame entwickelt hat. Gygax hat danach behauptet, er habe die Regeln aus vielen verschiedenen Quellen entnommen und könne daher niemanden direkt als Urheber nennen.
Wir fassen zusammen: Gygax hat CHAINMAIL nicht designed. Wenn überhaupt, hat er es in eine spielbare Form gebracht, aber wir wissen nicht, wie viel Text von Perren kam. Hier ist auch wichtig zu wissen, dass Gygax öfters erzählt hat, dass sie bei Greyhawk nie Miniaturen verwendet haben. Wahrscheinlich hat er überhaupt nicht gecheckt, wie CHAINMAIL funktioniert. Dafür sprechen die Fehler, die er bei der Übetragung von CHAINMAIL auf OD&D gemacht hat.
2) Das AC-System: Gygax gilt gemeinhin als Erfinder von d20 und Armor-Class. Aber auch das ist nicht sicher. Hier gibt es widersprüchliche Aussagen von allen Parteien, aber es kann sehr gut sein, dass die Idee für Armor-Classes von Arneson kam, der einmal das Man-To-Man-System in ein AC-Sytem umgewandelt hat (das sieht man auf den Blackmoor-Charakter-Matrizen) und er behauptete auch, dass er ein eigenes Table-Top hatte (Ironclad), wo das herkam. Das ist unklar. Aber was schon für Arneson spricht ist, dass er erklärt hat, er habe die absteigende AC-Skala aus einem Naval wargame (dont sink that ship), wo eben die guten Schiffe first class sind usw. Anders ergäbe das ja auch null Sinn, finde ich.
Was sehr wohl von Gygax kam ist der größte Designfehler in der Geschichte von D&D, nämlich das elegante CHAINMAIL-System (das er selber nicht designed und erfasst hat) in brutaler Weise zu einer schlechten d20-Tabelle umzuwandeln. Auch die Idee mit den d20s kam sehr wahrscheinlich von Gygax. Zwar hatte Arneson mal nen d20 in der Hand, aber die Blackmoor-Leute haben mit d6 gespielt (gab ja nix anderes). Am Ende ging es anscheinend eher in Richtung Prozentwürfe, die mit d6 simuliert wurden. Der d20 ist ja auch nix anderes als ein grobkörniger d100. Und die alten d20s hatten ja gar nicht 1-20, sondern 2x 1-10.
Wir halten fest, Gygax hatte die Idee zum schlechteren d20-System und zum ikonischen d20. Viele Probleme (langweilige Kämpfe, schlechte Critical-Regeln, die Skills und Eigenschaften bedeutungslos machen wegen gleichbleibender Crit-Chance unabhängig von Level und Können) wären uns erspart geblieben, hätte er das nicht erfunden.
3) Die Klassen: Keine der drei ikonischen Klassen (Fighting-Man, Magic User, Cleric) wurde von Gygax erfunden. Alle stammen aus der Blackmoor-Campaign.
4) Das Level-System: stammt ebenfalls aus der Blackmoor-Campaign. In der zweiten Session spielten alle Spieler Veteranen der Burgwache (daher ist Level 1 bei OD&D Veteran, die einem Man+1 in CHAINMAIL entsprechen). Die gingen dann in den Dungeon, wo einer ein magisches Schwert fand und dann von Arneson zum Level 4 Hero befördert wurde (kämpft mit der Kraft von 4 Männern und darf auf der Fantasy-Combat-Tabelle kämpfen).
5) XP: kommen auch von Arneson. In der Blackmoor-Campaign konnten die Spieler Punkte sammeln durch das Besiegen von Monstern und Gegnern (als Grundlage dienten die CHIANMAIL-Punktkosten der Gegner). Außerdem konnte man Gold in special interests investieren, was die Grundlage für Gold als XP war.
6) Domain Game: das, was heute als Domain Game gilt, wurde ebenfalls in Blackmoor ausgiebig genutzt. Im Gegensatz zu Greyhawk, wo das keine Rolle spiele (weil Gygax nicht gecheckt hat, wie CHAINMAIL funktioniert).
7) Hexcrawl: Arneson benutzte nach ein oder zwei Jahren das Avalon Hill Brettspiel Outdoor Survival, das sich auch in OD&D wieder findet. Kam also auch von ihm.

Naval Rules / Flight Combat: nur in Kürze:Arneson hat dafür auch Regeln entwickelt, die Gygax zum Teil nicht übernommen hat. Aber er hat auch keine eigenen Regeln entwickelt, sondern diese aus Fight in the Skies übernommen bzw. adaptiert.
9) Magie-Regeln: das kommt tatsächlich teilweise von Gygax, und zwar der schlechte Teil: weil er verhinderter Schriftsteller war (wie Ulrich Kiesow: hint, hint!!!!), hat er das Magiesystem von Vance reingepresst und dadurch das bessere System von CHAINMAIL verwässert. Die Sprüche kamen aber teilweise aus CHAINMAIL, also auch hier hat er keine großen Erfindungen gemacht.
10) Die Monster: die kamen aus CHAINMAIL und Arneson hatte schon begonnen, Alternativwerte zum Fantasy-Table zu entwickeln. D.h., auch hier hat Gygax nicht fundamental etwas erfunden. Er hat aber hier auch wieder was nicht gecheckt: nämlich hat er Hit Dice falsch verstanden. Diese kommen ja eigentlich von der Kampfkraft (also ein Hero hat 4 Würfel, die er im Kampf wirft). Gygax hat daraus Trefferpunkte als Lebenspunkte gemacht. Wieder eine Verschlechterung und wiedermal langweilige Kämpfe bis heute.
11) Alignment: Kommt aus CHAINMAIL, wobei gerade das Konzept der Neutralität wahrscheinlich von Arneson kam, weil es da eine neutrale Stadt gabt in der Kampagne, die so etwas wie die Schweiz war.
12) Saving Throws: hat Arneson erfunden. Es ist dokumentiert, dass Saving Throws in Blackmoor zum Einsatz kamen. Auf den Charaktermatrizen ist dafür eine Nummer vorgesehen. Wie genau es funktionierte, weiß man nicht sicher.
13) Eigenschaften: die kommen natürlich alle aus Blackmoor. Sie wurden halt im Prozess umbenannt. Die Idee, Figuren Eigenschaftswerte zuzuteilen, kam auch von Arneson (hat er schon Ende der 60er gemacht)
Man sieht also vielleicht ganz gut: Gygax hat geholfen, eine Erfindung, die nicht von ihm kam, zu der er substanziell nichts beigetragen hat, in eine Form zu bringen, mit der man Geld verdienen konnte und mit der man diese kapitalistisch ausschlachten konnte. Er ist also kein Erfinder, sondern ein „Content Manager“ wie Elon Musk, der danach seine ganze Energie darauf konzentriert hat, die Mitbegründer rauszuekeln bzw. diese aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden zu lassen.
Klar: er hat Sachen designed, z.B. AD&D (aber nur, um Arneson auszubooten) oder legendäre Abenteuer wie „Village of Hommlet“. Aber er war ein schlechter Mensch, der allen Ruhm für sich haben wollte. Nachdem TSR die Rechte an Empires of the Petal Throne inne hatte, hat er behauptet, er hätte das erfunden, und nicht MAR Barker. Außerdem ist er anscheinend als Lizenzinhaber von Tolkien und Cthulhu aufgetreten (was er nicht war) und hat damit mMn entscheiden zu der heute verbreiteten restriktiven Lizenzierung von derartigen Sachen beigetragen. Alle RPGs, die er komplett selbst designed hat, waren unfassbar scheiße (Lejendary Adventures sei hier genannt).
Ich will damit nicht sagen, dass Arneson nun anstatt von Gygax hochgejubelt werden sollte. Arneson hat mMN unfassbar wichtige Sachen erfunden. Und es ist eine Schande, dass man die Judges Guild Publikation „First Fantasy Campaign“ nicht legal neu kaufen kann, weil es neben OD&D die wichtigste RPG-Publikation ist IMHO. Aber Arneson war unzuverlässig, hat vor Gericht gelogen und er war auch eher ein One-hit-Wonder als Game Designer (sein Adventures in Fantasy von 1979 ist krass schlecht).
Also: ohne Gygax kein D&D. Ohne Elon Musk würden auch nicht viele Leute E-Auto fahren in Deutschland. Aber vielleicht sollte man in Zukunft skeptisch sein, wenn mal wieder dies oder das in Bezug auf Gygax diskutiert wird und was er sich angeblich gedacht hat und wie sich sein Weingeschmack auf die Weinpreise in OD&D ausgewirkt hat.